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Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Aulda.

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Dienstag, 15. April 1924

Ni. 90

Bei Wederbolungen Rabatt- VoMSeckkonto Srantfurt a. M 4051.

Die Reparationsfragc

Das griechische Volk für die Republik.

Wtb Paris, 14. April. (Irt.). Nach einer Havasmeldung aus Athen ist das Ergebnis der Volksabstimmung in der Hauptstadt und zahlreichen anderen Bezirken für die Republik ausge­fallen. Die Ruhe ist nirgends gestört worden.

Verantwortlich lür die Schrtttleitung: Dr. Johannes Strömet. Anreise»: I. P arreller, Julda. Rotationsdruck und Verlag bet ~ Fuldaer Aktiendnickerei in Fulda. Fernsvtecher Rt- 9. ::

Berugsvteis für Avril: Postbestellung 1.80. Stadtkerns l.SOMk.

- Die radikale Enlwicklung der Lommumften. Wie derVorwärts" über den Ende der Woche tn Berlin illegal abgehaltenen Parteitag der Kommu­nistischen Partei mitteilt, trug die Partei der Linken unter Führung von Ruth Fischer vollständigen Sieg über die Rechte und Parteizentrum davon. Alle Führer der Rechten wurden aus der Zentrale aus- geschieden. Bei der Wahl zur Zentrale unterlag

auch Kia ra Zettm.

Ausland.

* Rach den Wahlen in Dänemark. Infolge der Verluste, die das Ministerium Neergaard bei den Folkething-Wahleu erlitten hat, wird es wahrschein­lich in den nächsten Tagen zurücktreten. Der König dürfte den Sozialistenführer Stauning mit der Bildung des neuen Kabinetts beauftragen.

* Die chienesischen Piraten. Reuter meldet aus Hongkong: Seeräuber, die sich als Passagiere an Bord befanden, haben den chinesischen Dampfer Tailean"überrumpelt. Der Angriff wurde ab­geschlagen, drei Seeräuber getötet, mehrere Passagiere verwunde:.'

einzuschlagen.

Um Deffarabien.

Wie aus Kischmew berichtet wird, hat die ru­mänische Regierung über Bessarabien und andere Gebiete der nationalen Minderheiten den Ausnahmo^ustand verhängt. Die Ver­sammlungsfreiheit ist endgültig abgeschafft worden. Die Regierungspresse erklärt offen, daß die Ver­hängung des Ausnahmezustandes durch das Scheitern der Wiener Verhandlungen und insbesondere durch den Vorschlag der Sowjet­union, eine Volksabstimmung vorzunehmen, hervor­gerufen worden sei.

In diesem Zusammenhang gewinnen die Ge­rüchte, daß der König von Rumänien und sem Be­rater zurzeit in Paris über ein Bündnis mit Frankreich verhandeln, besondere Bedeutung. Der Abschluß des Bündnisses wird natürlich die Be­ziehungen Rußlands und Frankreichs weiterhin ungünstig beeinflussen.

Dem Zowjetterror entronnen.

Rückkehr eines katholischen üirchensürsten aus Rußland.

Aus Warschau wird gemeldet: Am Sonntag kam der von der Smvjetregierung aus dem Ge­fängnis freigelassene Erzbischof Cieplak in War­schau an. Auf dem Bahnhof wurde er von dem Krdinal Krakowski, dem Erzbischof Nopp und zahlreichen Vertretern öffentlicher Verbände und Organisationen begeistert begrüßt. Der Präsident des Gemeinderats Balinski hielt eine An­sprache. Erzbischof Cieplak begab sich in einem Wagen, deffen Pferde ausgespannt wurden und der von der Bevölkerung gezogen wurde, nach dem Palais des Kardinals.

Sinn -kl Mklsl-MM

Nickis ist wahrheiiswiüriger und felbstmörderl- cher als die von dem Nur-Radirabsmus ausge- treute Behauptung, die jüngsten Notverordnungen der Reichsregierung seien bloße W »l l k ü r Hand­lungen, nur zu dem Zwecke vorgenommen, um die breiten notleidenden Volksschichten zu knechten und auszubeuten. Um das em.zufehen, brauchen wir nur an folgende Selbstverständlichkeiten des Volksgemeinschaftslebens zu erinnern. .

Als 1914 alle wehrhaften Männer zum Berten digungskrieg aufgerufen wurden, als sie die Arbeit in Hof und Werkstatt nioderlegen, Frau und Kind verlassen, vier Jahre lang furchtbare Entbehrungen m Felde tragen mutzten, als Woche um Woche Tausende ihr Leben liehen, ihre, gesunden Glieder verloren, da hat kein Verständiger gedacht/ oder gesagt, daß unmenschliche Willkür hier Men- chen zur Schlachtbank führe, die Friedensarbert der Kriegslust opfere. Es war die reine Rot, das über den Menschen waltende Schicksal, die urm zu diesen Opfern um der Freiheit von Volk und Vaterland willen zwangen.

In der Reichsgewerbeordnung ist mit Zustim­mung der Sozialdemokratie die Bestimmung vor­gesehen, daß die wichtigen, schwer erkämpften Ar- beiterschutzbestimmungen betreffend Sonntagsruhe, Verbot der Rachtarbest, Beschränkung der Arbeits­zeit ausnahmsweise auf bestimmte Zeit unter Kon­trolle der Behörden außer Kraft treten, wo m N o t- fällen oder im öffentlichen Interesse Arbei­ten unverzüglich vorgenommen werden Müssen. Erstere liegen vor bei Brandunglück, Wassersnot, Einstürzen, Explosionen in der Betriebsstätte oder beim drohenden Mßlingen eines im Gange befind­lichen Produktionsvorganges. Als unaufschiebbare Arbeiten im öffentlichen Interesse erkennen Gesetz und Rechtsprechung an solche im Interesse des Staates, der Gemeinde, der Allgemeinheit zur Ab­wendung von Gefahren für Leben urck> Ge­sundheit, zur Befriedigung der alltäglichen Bedurf- nffse der Bürger im Verkehr, in der Aufrechterhal­tung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit. Hm- zu kommen noch Arbeiten, die notwendig sind zur Wiederaufnahme des vollen werktätigen eignen Be­triebs oder fremder Betriebe. Nur wer wie ein Anarchist denkt, kann verlangen, daß alle auf diese gemeinnötigen, unverzüglich zu befriedigenden Be­dürfnisse von den einzelnen keine Rücksicht genom­men werden dürfe.

Genau dieselben Gründe des Notfalles und, des öffentlichen Interesses liegen vor bei den Not-, Verordnungen über zeitweilige Regelung der Ar- beitszest, über Steuerzahlungen, über Geldverkehr u. f. w. Krieg und wirtschaftliche Revolution hat­ten, wie die völlige Geldentwertung, in deren Ge­folge die Teuerung und Erwerbslosigkeit eines Vier­tels der erwerbstätigen Arbeiterschaft bei leeren Staatskassen bewiesen, schlimmer auf die deutsche Wirtschaft und Ernährung gewirkt, als wenn wir alle abgebrannt wären Die Volkswirtschaft war blutleer geworden, ins Stocken geraten. Da mußte zeitweise, nicht für die Dauer, der Besitz in außer­gewöhnlichen Belastungen und die deutsche Arbeit in zeitweiser, behördlich überwachter Mehrarbeit, die aber nicht an die burchschmMtche Arbeitszeit vor dreißig und vierzig Jahren heranreicht, Opfer brin­gen, um uns aus dem völligen Versinken in russische Verhältnisse zu retten. Es war echte Rettungs­arbeit im Dienste des Volkes und jedes Einzel­nen. Daran wird auch dadurch nichts geändert, daß einzelne Reaktionäre dabei ihr Mütchen zu kühlen suchten. Diese Notopter bringt der Bürger für sein Volk, nicht für Wucherer und Ausbeuter.

Diese Rettungsarbeit int Dienste des Volkes hat auch schon ersichtlichen Eriolg gehabt. Vor allem ist durch die Rentenmark wenigstens vorläufig die Währung gefestigt; wir dürfen auf Beständigkeit dieser Festigung hoffen, wenn die Wirtschaft weiter an Produktivität steigt, was ohne Erhöhung der qualitativen Mehrleistung, Verbesserung der Be­triebe, Erhöhung des Betriebskapitals mit Hilfe ton Auslandskredit, dazu zeitweilige Mehrarbeit in lebenswichtigen Wirtfchaftsgruppen, Einschränkung der Staatsausgaben, Abbau des Deamtenkörpers, Abbau der zu mechanischen Preisbildung u. a. mit Hilfe der Notverordnung über das Kartellwesen, Herabsetzung der Bankzinsen nicht möglich ist. Fer­ner ist die Erwerbslosigkeit dauernd zurückgegangen. Wichtige BolksernährungÄnittel find gleichzeitig im Preise gesunken, teilweise in für die Landwirtschaft gefährlichem Umfange. Dor allem sieht uns das Ausland wieder als kreditsähig an, ist dem Vor­urteile desselben, das deutsche Volk wolle aus Will­kür feinen Verpflichtungen aus dem Friedensver­trage nicht erfüllen, ein Riegel vorgeschoben.

Wir haben also dank der durch die Notverord­nungen herbeigeführten Notmaßnahmen dem fünf­jährigen Abgleiten und Versinken endlich einmal einen Halt geboten. Wir haben zum ersten Male wieder festen, wenn auch noch weiter zu unter­bauenden .Boden unter den Füßen. Wir atmen auf, brauchen nicht mehr täglich zu fürchten, daß das Papiergeld über Nacht entwertet wird. Die Läden füllen sich wieder, der Käufer braucht nicht mehr bangend vor ihnen in Reihen zu stehen. Nichts kann Mehr als diese Tatsachen dem Einsichtigen be­weisen, daß die Notmaßnahmen Bolksnotwendig- keit waren. Je williger wir sie durchführen, um so eher können sie wieder abgebaiti werden.

sonst würde ein regelmäßiger Handel nicht möglich ein. Man müsse sich gemeinsam über die Produk­tionsmöglichkeiten und über die Verteilung der Roh- materiafien verständigen. Frankreich habe auf wirt- chastlichem Gebiete wie auch auf anderen Gebieten keine imperialistischen Ideen, noch wolle es eine Hegemonie auf richten. Es bemühe sich alle seine Anstrengungen darauf zu verwenden, daß das wirt- chaftliche Gleichgewicht der Welt wieder hergestellt werde.

Die Verhandlungen mit der fllicum.

Wtb Paris, 14. April. (Tel.), lieber die gestri­gen Verhandlungen der INicum mit den Ruhrindu- triellen berichtet Havas: Die Verhandlungen zwi- chen dem Sechferausschuh und der Micum haben von 12 Uhr bis 6 Uhr nachmittags ununterbrochen angedauert. Obwohl eine merkliche An­näherung erzieltwurde, ist noch keine Ver- tändigung zustandegekommen. 3n einem (Kom­munique wird mitgeteilt, daß sich die Besprechungen vor allem auf die Sachlieferungeu, auf die Fest­setzung des Prozentsatzes der Sohlensteuer und der Ausfuhrabgaben sowie auf die Gültigkeitsdauer des zur Verhandlung stehenden neuen Abkommens be­zogen habe. -

Ein Wink von London nach Paris.

Der diplomatische Berichterstatter des Londoner,Ob- server' schreibt, der Versuch, der leider in Paris gemacht wurde, Abänderungen an dem Plane der Repa­rationssachverständigen zu machen, verursache einige Befürchtungen. Damit keine Mißverständnisse auf der anderen Seite über diesen Punkt entständen, sei es gut, klar zu machen, daß weder auf der amerikanischen noch auf der britischen Seite die geringste Absicht bestände, irgendeine Abänderung in Betracht zu ziehen. Es werde in dem Bericht vollkommen deutlich gesagt, daß die Vorschläge als Ganzes stehen und fallen und kein Feilschen zulaffen.

Italien und Deutschland.

Wtb Paris, 14. April. (Tel.). Rach Plätter- Meldungen aus R o m hat gestern im Palazzo Ehigi eine Unterredung Mtffsolinis und dem deutschen Botschafter Reurath, dem italienischen Botschafter Arezzana und dem italienischen Delegierten in der Rqurratioaskommisfion Raggi ftottgefunden.

Zu den Ausreise-Gebühren.

Von geschätzter Seite wird unS geschrieben:

Gegen die Verordnung des Herrn Reichsprä­sidenten über Ausreisegebuhren vom 3. 4. 1924 ist in der Oeffentlichkeit ziemlich stark Sturm gelaufen worden. Alle die Gründe, welche gegen die Verord- nung angeführt wurden, sind nicht stichhaltig. Es ist unbedingt notwendig, daß sich ein Land mit un­sicheren Wahrungs- und Finanzverhältnissen, die sich erst im Anfangsstadium einer Besserung befinden, Beschränkung in punkto Auslandsreisen auf er legen muß, denn jede Mark, die in das Ausland gebracht wird, schädigt uns. Einen Vergleich mit den vielen Ausländern, die bei uns während der Inflations­zeit schmarotzt haben, ist nicht möglich, denn die kamen aus Ländern mit größtenteils gesunden Wäh- rungs- und Finanzverhältnissen. Wir können jetzt nicht Gleiches mit Gleichem vergelten.

Wenn der Verordnung die ihr noch anhaftenden Härten genommen werden, so kann ihre Auswirkung eine recht gute sein, vorausgese^ daß der Zeitpunkt ihres Erlasses nicht bereits zu spät war. Warum ist der Deutsche in letzter Zeit, abgesehen von den notwendigen Geschäftsreisen, soviel ins Ausland ge­fahren? Der Grund ist unzweffelhaft die in deut­schen Erholungsorten und deutschen Hotels noch immer bestehend« groß« Tonernng. Es ist in einer Großstctat heute noch unmöglich, ein an- ständiges Zimmer unter 10 Mark zu erhalten, wäh­renddem im Ausland Zimmer mit voller Pen­sion für diesen Preis in anständigster Weise zu er- halten sind.

Nun liegt eine Gefahr nahe, welche durch die Verordnung heraufbeschworen werden kann, nämlich die, daß infolge eines Steigens der Nachfrage die deutschen Gaststätten mit ihren Preisen noch mei­ter in die Höhe gehen. Hier muß Hand in Hand mit der Durchführung der Beiordnung eine genaue Ueberwachung stattfinden, denn sonst ist dec Mittel­standsreffende nicht nur im Ausland, sondern auch von den Erholungsstätten des Inlandes abgeschnitten.

IWtfln gegen IM.

Scharfe Töne aus Moskau.

Nach einer Meldung der Russischen Telegraphen- preist Tschitscherin namens der Sowjet­regierung m einem Antworttelegramm an Poin- care den Versuch der französischen Regierung, sich m den Kiewer Prozeß einzumischen, ent­rüstet zurück, einen Versuch, der den elemen­tarsten Gepflogenheiten und der Achtung vor der Souveränität eines anderen Staates widerspreche.

Auf der heutigen Stufe der inneren und äuße­ren Macht der Sowjetrepubliken werde die Sowjet­regierung eine Verletzung ihrer souveränen Rechte keinen Augenblick zulassen. Der verbrecherische Charakter der in Kiew Verurteilten sei der frcmzo- ischen Regierung schon dadurch bekannt, daß sie für den französischen Militärischen Geheim­dienst tätig gewesen seien. Die sranzostfche Re­gierung nehme ihre eigenen Spione unter der Maske der Humanität in Schutz. Diese feindliche Handlung fei nur ein Glied in der Kette der an­deren, wie sie die Sanktionierung der bessarabischen Annektion und die Ver­hinderung des Abkommens mit China darstellten. Die breiten Massen der Sowjetunion vergäßen nicht, welche Leiden und Berwüstungen die französische Intervention verursachte. Das Volk erkenne, daß die franzöfüche Regie­rung zum Unterschied von anderen Westmächten chre feindliche Politik gegenüber den Sowjetrepubliken noch heute fortsetze. Die Sowjetregierung beachte aufmerksam das feindliche Verhalten der französischen Regierung, die Sowjet­regierung fei jedoch überzeugt, daß die überwie­gende Mehrheit des französischen Volkes dis französische Regierung schließlich zwingen werde, einen Weg vernünftiger Verständigung mit den Sowjetrepubliken

Kus der wahlbewegung.

= o. SlSenburg-lanuschau. Nach einer Meldung der Vossischen Zeitung" ist der frührere Reichstagsabge­ordnete v. Oldenburg-Januschau aus der Deutsch­nationalen Bolkspartei ausgetreten.

-- Wahlberechtigung der Studenten. Das Nachrichten- amt der Deutschen Studentenschaft teilt mit: Die auf den 4. Mai festgesetzten Wahlen zum Deutschen Reichs­tag fallen noch für einzelne Hochschulen in die aka­demischen Ferien. Biele Studenten sind im Hoch­schulorte polizeilich gemeldet, also auch dort wahlbe­rechtigt, toäbrenb sie sich im Heimatorte oder an einem Orte» wo sie eine Werkstudententätigkeit aus üben, be­finden. Damit diese Studenten ihres Wahlrechtes nicht verlustig gehen, ist folgender Weg einzuschlagen: Von der Gemeindebehörde des Ortes, an dem man wahl­berechtigt ist, läßt man fich einen Stimmschein au?, stellen, der zur Abgabe der Stimme in jedem Wahlorte berechtigt. Ist ein Wahlberechtigter durch Wechsel des Hochschulortes oder andere Umstände zurzeit nirgends polizeilich gemeldet, so muß er alsbald sich an diesem Aufenthaltsort anmelden und dort in die Stimmliste eintragen laffeu.

Heißsporne im Wahlkampfe. In Erfurt kam eS gestern abend in einer von deutschvölkischer Seite einberufenen Wahlversammlung im Laufe der Diskussion zu erregten Zusammenstößen zwischen den Angehörigen der Kommunisten und Teutschvöltischen zu einer Schlägerei, an der sich hauptsächlich jugendliche Versammlungsbesucher beteiligten. Der Streit wurde mit Slöcken, Stühlen und Mestern ausgesochten. Der Werkmeister Kant, der auf der völkischen Kandidaten­liste steht, wurde durch vier Messerstiche so schwer ver­letzt, daß er ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen mutzte.

* Vom Thüringer Landtag. Auf der Tages­ordnung am 12. April stand die Neuwahl des Finanzministees. Sie wurde von der Tagesordnung abgesetzt, weil die Völkischen erklärt hatten, den neuen Mlnisterkandrdaten nicht mitzuwählen, wie sie ebensowenig auch einen anderen mitwählen wür­den. Da auch auf die Mitwahl der Sozialdemo­kraten nicht zu rechnen ist, so ist es augenblicklich nicht möglich, das Kabinett verfas­sungsmäßig zu gestalten. Der Landtag hat sich vertagt und tritt erst Dienstag wieder zu- strmmen.

Die vorläufige Entwicklung.

Don unserem politischen Mitarbester.

Der Verlauf, den die Beratungen über das Sach- psrftändigen-Gutachten nehmen, ist vorläufig das heißt vorläufig wenigstens befriedigend. 5nt Lause der letzten Jahre sind wir in Deutsch- l<md zu skeptffch geworden, als daß wir so ohne weiteres hoffen oder gar glauben, daß die jetzt ein­gesetzte Entwicklung in diesem günstigen Sinne an­hält. Allerdings ist die Welteinstellung km Laufe her Jahre doch anders geworden. Wirtschaftliche Zwangsläufigkeiten haben die Stimme der Ver­nunft gegenüber den Stimmen der Feindschaft und der Vergeltung und vor allem gegenüber den Stim­men der brutalen Machtanwendung übertönen las­sen. Selbst in Frankreich beginnen allmählich nita) bisher chauvinistisch eingestellte Kreise einzu- -sehen, daß nur ein Verständnis- und vertrauens­volles Zusammenwirken beider Länder erträgliche Verhältnisse und beiderseitiges Wohlergehen herbei- fiihren kann. Sogar derTemps", der sich bisher in der Bekämpfung Deutschlands am meisten her­vortat, und in allem, was von deutscher Seite ge­sagt und getan wurde, der Welt deutsche Heimtücke und Hinterlist vorhielt, meint neuerdings, es fei doch auch im Interesse Frankreichs, eine Verständi­gung zwischen den beiden Nachbarstaaten herbei- zuführen. Eine wahrhafte Verständigung ist aber mir dann möglich, wenn beide Teile sich verstehen lernen und verstehen wollen und nicht, wie bisher, ^Frankreich auf eineVerständigung" sogar mit Sanktionen bringt, wie es sie auffaßt.

Die Reparationskommission hat ihrerseits nun» mehr auch das Sachverftändigen-Gutachten, wenn 'auch nur bedingungsweise, angenommen, ja sie ist 'erfreulicherweise soweit gegangen,ihre Zustim­mung und ihre Initiative zurückzustellen" wie es m dem amtlichenKommunique" heißt,bis die deutsche Regierung bereit ist, ihre Mitarbeit an den Plänen der Sachverständigen sicherzustellen". Daß die deutsche Regierung zu einer solchen Mit­arbeit mehr wie bereit ist, das ist nicht nur bei dieser Gelegenheit, sondern seit Jahren immer wie­der zum Ausdruck gekommen und ist auch wieder in der Freitagsrede des Kanzlers gelegentlich einer l Zentrumstagung in Frankfurt a. M. erneut mit allem Nachdruck betont worben. Offen unb freie Aussprache über Deutschlands Leistungsfähigkeit unb nicht harte unerfüllbare Diktate, bas hatten wir immer gefordert und nun ist die deutsche Regierung sofort daran gegangen, mit aller Gewissenhaftigkeit und dem ganzen Verantwortungsgefühl, das sie trägt, die Vorschläge der Sachverständigen zu prü­fen, um, wenn auch bis zur äußersten Grenze der deutschen Leistungsfähigkeit doch nur das zuge­stehen, was vom deutschen Volke wirklich ge­tragen werden kann. Die Belastungen, wie sie in dem Sachverständigen-Gutachten für bi- deutsche Wirtschaft, den deutschen Steuerzahler vorgeschlagen werben, sinb außerordentlich groß. Jede: einzelne Punkt des Gutachtens muß in seiner ganzen Konse­quenz reiflich erwogen werden. Die Reparations- Kommiffion hat erfreulicherweise beschlossen, schon am 17. A prilbieDele gierten d erden t- schen Regierung anzuhören. Hoffentlich geht es nun nicht, wie früher immer, daß man uns bloß an hört, und dann die Annahme des Vorgelegten, ohne auf Deutschlands Gegengründe einzugehen, einfach diktiert. Frankreich würde sich ja den Unmut der ganzen We.t zuz'.ehen, wollte es jetzt im Anfangsstadiuin nicht Den besten Willen zeigen, auf den Boden des Sachverständigen-Gut- achtens zu treten.

Aber die Gefahr liegt nahe,- daß Poincare, der sich bisher immer bei bcr Verfolgung seines End­zieles unbeugsam gezeigt hat, Fragen in die Diskussion wirft, die Schw.erigkeiten über Schwierigkeiten bringen. Zielt nicht letzten Endes das diplomatische Spiel Poineares dahin, Frankreichs guten Willen vor aller Welt zu doku­mentieren unb burch Umnöglichkeitsforberungen den deutschen bösen Willen vor aller Welt vssen- legen zu wollen? Das sind die großen Zweifel, die wir noch gegen die günstige Endentwicklung der jetzt angebahnten Verhandlungen hegen.

Rückkehr Ausgewiefener.

Nach einer Meldung des^,Berliner Tageblatts' fanden zwischen einer aus Führern der christ­lichen Gewerkschaften im Ruhrrevier gebildeten Berhandlungskommission und den B es atz un gj be» Hörden direkte Verhandlungen über dre Rückkehr der vertriebenen Deutschen statt. Die Rheinland­kommission erteilte nunmehr die Genehmigung, daß sofort rund 4000 Vertriebene ins Ruhrrevier zurückkehren dürfen. Es handelt sich in erster Linie um solche Beamte oder At beiter, deren Ange­hörige im Ruhrrevier zurückbkieben oder die eigenes Anwesen besitzen.

Die kranken Wahrungen.

Besorgnisse Loucheurs.

Wie Havas aus Mailand berichtet, hat der ftanzöfiche Handelsminffter Loucheur aus Anlaß der Eröffnung der Mustermesse eine Rede ge­halten, in der er'u. a. sagte, man habe feit dem Frie­den den Irrtum begangen, die enge Solidari- t zwischen den Völkern, die Seite an Seile gekämpft haben, nicht aufrecht zu er­kalten. Außerdem habe man verabsäumt, die Zolltarife den neuen Verhältnissen anzupassen; daraus erkläre sich bas Eha os. Es fei notwendig, daß olle Nationen Mttel suchten, um die Wäh- rungsstabilität «vieder her zu stellen.

«H MM« IHM (MMstr.MM 15M.)'

FuldaerZeitung