Sonntag, 0. April 1924,
Fuldaer Zeitung
8. Blatt.
Druck der Feldaer «etteudruckeret le Fulda
ßragen der Volkswirtschaft und Weltwirtschaft.
WMeUzkklt, Wt md Mi*g.
Zerstörung der Weltwirtschaft, die der Krieg - gönnen und der Frieden fortgesetzt hat, zeigt sich 6in deutlichsten an dem Umfang der internationalen Arbeitslosigkeit. Mitteleuropa, Osteuropa, «nnal Nrhland, sm- als Konsumenten wie als Pro- Kenten vom Weltmarkt in erheblichem Ausmatz nvsgeschieden, denn die Verarmung der Völker die- jtr besiegten Staaten hat sie gezwungen, auf den Import nach Möglichkeit Verzicht zu leisten. Jns- tzesimdere ist die Verarmung Deutschlands für jene Exportländer fühlbar geworden, die — wie Eng- fcnö, Dänemark, Schweden, Norwegen und die Niederlande — feit Jahren und Jahrzehnten auf bas engste in den Austausch mit Deutschland verflochten stnd und in Deutschland ihre Hauptabnehmer gefunden hatten. Die Arbeitslosenzfffern die» ftr Länder deuten an, wie sehr ihre Industrie und ihr Handel unter der gesunkenen Kaufkraft der deutschen Bevölkerung gelitten hat. Sie deuten das Naß und den Grad des Verfalls ihrer Wirtfchafts» logc an, ein Verfall, der nur noch mit der Wirt» fäMskrise Europas nach den napoleonischen Kriegen verglichen werden kann.
Die Arbeitslosigkeit in England betrug im Durchschnitt des Jahves 1921 rund 14, im Durchschnitt des Jahres 1522 rund 13, und im Durchschnitt des Jahres 1923 vund 12 Prozent. In Schweden stellten die Derufsverbände der Arbeiter fest, daß im Jahre 1921 durchschnittlich 27, tm Jahre 1922 durchschnittlich 22, im Jahre 1923 durchschnittlich 11 Prozent ihrer Mitglieder arbeitslos waren. Aehnlich liegen die Verhältnisse In Norwegen und Dänemark, und auch in den !Rid>erkmben überschreiten die Arbeitslosenziffern irft durchschnittlich 11 v. S). für 1921, 12 v. S). für 1922 und 13 o. f). für 1923 das seit Jahrzehnten iibllche Durchschnittsmaß.
Die rückläufige Konjunktur in den genannten Staaten, die in diesen Ziffern zum Ausdruck kommt, war und ist f a st ausschließlich durch den Der» faltlcr Frieden und seine wirtschaftlichen Folgen für Deutschland bedingt. Wir haben rund 13 Prozent unserer Dodenfläche, 74,5 Prozent unserer Eisenerzlager, 63,5 Prozent unserer Zinkerz, lager, 29 Prozent unserer Steinkohlengebiete, 15,7 Prozent unserer Weizen- unb Roggenproduktion, 18 Prozent unserer Kartoffelproduktion, rund 10 Prozent unserer Bevölkerung verloren. Die Abnahme unserer Kaufkraft wird hieran klar, und es wird ohne weiteres verständlich, daß eine derartig »Schwächte Volkswirtschaft als Konsument auf dem Weltmarkt nicht mehr im früheren Ausmaße in Be- tvacht tom'men kann.
Deutschland selbst ist von der Arbeitslosigkeit bis in den Herbst 1923 hinein nahezu verschont ge- Wieben. Das hat manchen, der wußte, wie sehr die Volkswirtschaft Deutschlands durch den Versailler Frieden geschwächt worden war, wundergenom- inm. Doch liegen die Gründe hierfür nahe genug: Deutschlands Währungsverfall ist für das Ausland em fortwährender Anreiz gewesen, feine wirtschaftlichen Bedürfnisse mit hochvalutarischeni Geld in Deutschland billig einzudecken, billiger jedenfalls als dn eigenen Lande. So blieb namenrlich im deutschen Exportgowerbe die Konjunktur käs in die Herbstmvnvte des Jahres 1923 hinein gut, die Ar
beitslosigkeit geringer als selbst in den besten Jahren der Vorkriegszeit. Sie betrug, nachdem sie das Jahr 1923 sich auf durchschnittlich 4—5 Prozent be» lief, im August noch 6,3 Prozent, um dann erst im September auf 9,9 Prozent, >m Oktober auf 19,1 Prozent, km November im Cndstadium des Mark» verfa'ls auf 23,4 Prozent emporzuschnellen. Mit 28,2 Prozent hat sie dann im Höhepunkt der Sta- bilisterungskrise im Dezember 1923 das Höchstmaß crreicist.
Es ist klar, daß solche mMonenfache Arbeitslosigkeit die Kaufkraft der deutschen Bevölkerung für Auslandsware noch mehr vermindern müßte. Die Absatzmöglichkeit für englische, schwedische und norwegische Ware auf deutschen Märkten ist in den kgten Monaten deshalb noch geringfügiger geworden als zuvor. Dementsprechend sind die Arbeite- losenzisfern dieser Länder neuerdings emporge» schnsllt. Sie betrugen für England im Januar 1924 11,9 Prozent, verglichen mit dem Dezember 1923 demnach 1,2 Prozent mehr, sie betrugen für die Niederlande 22,2 Prozent gegenüber 19,9 Proz. im Dezember 1923 ttnb beliefen sich für Dänemark auf 21,0 Prozent, während im Dezember 1923 dort nur 16,0 Prozent betrugen.
Die Schlußfolgerungen ans dieser Tatsache sin- eindeutig genug: wer die Krise im internationalen Arbeitsmarkt beheben will, wer ernstlich den Millio- nen notleidender und hungernder Arbeitsloser wieder zu Arbeit und Brot verhelfen will, der muß die Kaufkraft der «irzeinen zahlungsfähigen Säufer in Deutschland wieder heben helfen, der muß dafür sorgen, daß ihre Wirtschaft wieder er« tragreicher und damit aufnahmefähig für die Einfuhrware wird. Hierfür Wege und Möglichkeiten zu zeigen, war die Aufgabe der internationalen Sachverständigon-Ausschüsse, die der Repavalionskommission in den nächsten Wochen ihre Gutachten erstatten rmd konkrete Vorschläge für die Sanierung der deutschen Wirtschaft machen werden. Ihnen ist von deutscher Seite als Unterlage für ihre Entschlüsse non der Reichsregievung eine Denkschrift „Deutschlands Wirtschaft, Währung undFinanzen" übergeben worden, die im Jen- tralverlag ®. m. b. H., Berlin W. 35, Potsdamerstraße 41, unlängst erschienen ist. Niemand, der sich ein Bild von den wirtscknrfüichen und politischen Ge- sundungsmö-glichkeiten Deutschlands machen will, — rmd welkl-er Deutsche wollte dies nicht —, sollte diese Denkschrift ungelesen lassen.
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Frankreichs ttohlensörderung und Kohlenförderung.
Don einem wirtschaftspolitischen Mitarbeiter.
In feiner Hagener Rede hat der Reichsminister des Innern Dr. I a r r e s mit aller Deutlichkeit und bestimmtestem Nachdruck erklärt, daß die am 15. d. Mts. ablaufenden Micumverträge nicht verlän- gert werden können, da sie der Ruhrindustrie, namentlich dem Kohlenbergbau Opfer «uferlegen, die an die Grenze der Sslbstvernichtung gehen. Trotzdem bemühen sich die Franzosen, jetzt eine Der- längenmg der Verträge durch einen gewiffen Druck auf die Ruhrindustrie durchzuführen. Wie sehr dazu vor allem bezüglich der Reparaüons- kohlenlieferungen jede rechtliche Begründung fehlt,
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ergibt sich aus der im Vergleich mit der Kohlen» Versorgung Deutschlands recht günstigen Lage des französischen Kohlcnmarktes. Ist doch erst kürzlich bekannt geworden, daß französische Firmen bestrebt sind, Reparationskohle im Auslands oder auf dem deutschen Markt zu Schleuderpreisen zu verkaufen.
Unter der Einwirkung des Nuhrunternehmens hat die Steinkohlenförderung Frank- reichs im vergangenen Jahre ganz bedeutende Fortschritte gemacht. Sie ist von 31,2 Millionen Tonnen im Jahve 1922 auf 37,8 Millionen Tonnen im Jahre 1923 angewachsen. Der Zuwachs gegenüber 1922 betrug 6,6 Millionen Tonnen, während sich die Steigerung von 1921 zu 1922 nur auf 2,9 Millionen Tonnen beziffert hatte. Frankreich hat demnach seine Vorkriegsfärderung von 1913 in Höhe von 40 Millionen Tonnen fast wieder erreicht; in der Förderung von 1923 ist diejenige Lothringens mit 4,2 Millionen Tonnen enthalten.
Zu der französischen Kohlenproduktion in Höhe ° von 37,8 Millionen Tonnen ist noch die im Jahre j 1923 durch Streit stark verringerte Förderung > her Saar in Höhe von 9,2 Millionen Tonnen ! hinzuzurechnen, sodaß sich das Produktionsergebnis ! auf 47 Millionen Tonnen erhöht. Unter normalen \ Verhältnissen hätte die Saar ihre Vorkriegsfärde- i nmg in Höhe von 13,2 Millionen Tonnen schon z wieder erreicht.
!Die französische Koksproduktion auf den Zechen betrug im Jahre 1913 rund 2,9 Millionen Tonnen, im Jahre 1922 1 030 755 Tonnen. Im Jahre 1923 stieg sie auf 1 955 735 Tonnen, erfuhr also einen Zuwachs von fast 100 Prozent.
Die Förderung der zerstörten nord- französischen Gruben machte im vergangenen Jahre ebenfalls bedeutende Fortschritte. 1913 betrug ihre monatliche Durchschnittsförderung 1555 000 Tonnen. Im Dezember 1922 förderten • sie 734 236 Tonnen, im Dezember 1923 1 066 321 i Tonnen, also 488 676 Tonnen weniger als 1913. \ Im November 1923 (Förderung 1 111 300 To.) hat > nach französischer Berechnung der Ausfall sogar ' nur 12 600 Tonnen arbeitstäglich betragen.
| Auf der Basis der Dezemberförderung von 1923 | bliebe im Jahre 1924 gegenüber einer jährlichen j Friedensproduknon der zerstörten Gruben von
wer ist national?
.Haftend ist in Deutschland derjenige, der ein» gute Politik im Interesse de, deut, sch en Volke» macht. Gute Politik kann nur machen, wer nicht vergißt, daß die Posttik die Kunst des Möglichen ist. Dem deutsche» Volke kann Ich nur immer wieder die Mahnung zurufen: wähle nicht durch Verstärkung der Extreme einen aktionrunfähigen Reichstag, der deine Hoffnungen entläufchen muh: laß dich nicht von der Modekrankheit anflecken, indem du dich von parteimäßig verstandenen deulschvöikischen Schlagworten einfangen läßt!"
(Reichskanzler Dr. Marx am S. April zu einem Vertreter des .Westfälischen Volksblaötes", Paderborn.)
18,7 Millionen To. an sich noch ein Ausfall von rd. 5,8 Millionen Tonnen. Don diesem Ausfall sind indessen etwa 12 bis 14 Prozent (2,2 Millionen To.), durch den Rückgang der Arbeitsleistung des französischen Bergarbeiters pro Kopf und Schicht verursacht, für dir Deutschland nicht ersatzpflichtig gemacht werden kann.
Der verbleibende Ausfall von 3,6 Millionen Tonnen wird aber um ein Mehrfaches wett gemacht durch die bereits erwähnte Saarförderung in Höhr von 9,2 Millionen Tonnen, die der Vertrag von Versailles ausdrücklich zur Deckung des Ausfalles in den zerstörten Gebieten vorsieht.
Mithin hätte Frankreich als Ersatzleistung für die zerstörten Gruben Reparationskohlenlieserungen von Deutschland nicht m e h r zu verlangen. _ Es wäre vielmehr nur recht und billig, wenn der über den Produktionsausfall der zerstörten Gruben hm- ausgshmde Teil der Produktion des Saargelnetes in Höhe von 5,6 Millionen auf die nach dem Vertrag von Versailles (Test 8 Anl. 5 § 2) bis 1930 außerdem zu liefernde Kohlenmenge von 7 Millionen Tonnen in Anrechnung gebracht würde. Darüber hinaus könnte dem Bedürfnis Frankreichs nach gesichertem Kohlen bezug tm übrige« auf dem Wege rein wirtschaftlicher langfristi. ger Privatverträge entsprochen werden
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