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JE 82.

SamStag, 5, April 1924,

- Fuldaer Eieitung

2. Blatt.

'M» Druck der Fuldaer Aetienbrncker« in Fulda

Die auswärtige Politik im Wahlkampf.

Durch die Auflösung des Reichstages hat die Politik der Regierung in ihrem Widerstreit mit einzelnen Parteien über di« Politik, die unter dem Ermächtigungsgesetz getrieben wurde, an das Volk, cm die höchste Instanz, wie Reichstagspräsident Lobe m seinem Schlußwort sagte, appelliert. Tat­sächlich bedeutet in dem demokratisch regierten Staatswesen das Volk die höchste Instanz, da es in die Hand eines jeden Staatsbürgers gelegt ist, das politische Schicksal des Reiches mit zu bestimmen. Aber in einem demokratischen Staatswesen sollte es den Wählern auch zum Bewußtsein kommen, daß der tiefere Sinn des Wahlkampfes in dem Aus­tragen großer politischer Ideen liegt, daß es um Staats- und Weltanschauungen geht. Treten Grup­pen- und Sondrrinteressen allzusehr in den Vorder­grund, dann liegt die Gefahr vor, daß der Wahl­kampf auf Kosten des allein m Frage stehenden Ge­samtwohles geführt wird.

Das schließt selbstverständlich nicht aus, daß in Fragen der inneren Politik die Gegensätze hart aufeinander prallen, und daß jede Partei die von ihr befolgte Politik als die allein richtige hinzu- stellen versucht. Rur sollten alle Parteien ein In­teresse daran haben, Dinge, die zu ändern nicht in unserer Macht liegt, nicht als Nebensächlichkeit zu behandeln und die Lösung von Bindungen in Aus­sicht zu stellen, die uns mm einmal durch den un­günstigen Ausgang des Weltkrieges auferlegt sind. wjtd; die Oppositionsparteien sollten sich davor hüten, aus reinem A-gitationsbedürfnis heraus eine politische Fata morgana den Massen vorzuzaubern, die nachher, unter dem Druck der notwendigen Realpolitik, in ein wesenloses Nichts zerflattern mutz. Und es ist gerade kein Zeichen von großer politi­scher Ehrlichkeit, wenn man unsere außenpolitische Lage, die für jede Regierung, mag sie nun zusam­mengesetzt sein, wie immer sie mitt, zwangs- läufig in ihrer Entwicklung vorgezeichnet ist, zu'm Gegenstand billiger Agitationsmethoden macht. Es ist natürlich leicht, bei der Masse der Unzufriedenen demagogische Wahltriumpfe zu feiern, indem man die Politik der Regierung in Grund und Boden verurteilt und für alles Elend verantwortlich macht, dessen Urheber letzten Endes im Lager der Rechts- opposition zu sinden sind, und dann die Wege zu einer Besserung als ängstlich zu behütendes Ge­heimnis behandelt.

Die Gefchkhte der Nachkriegszeit ist ja nicht arm an solchen Beispielen, und wenn wir hier nur eins herausgreifen, so mag dies geschehen, um zu zeigen, daß beispielsweise die Deutschnationalen sich in diesem verantwortungslosen Agitationsbedürfnis durch all die Jahre treu geblieben sind. Am 14. Mai 1919 versandte die Hauptgeschäftsstelle der Deutsch- nationalen Volkspartei in Berlin an die Landes­verbände, Krsisoereln« und Ortsgruppen ein mit dem Vermerk: „Sehr eilig!" versehenes vertrau­liches Rundschreiben, in dem es hieß: „Die Bekannt­gabe der Friedensbedingtmgen hat niederschmetternd auf alle Deutscheit gewirkt! Diese Situation muß von uns unbedingt agitatorisch ausge- n u g t werden." Und dann vergleiche man mit dem damaligen Agitationsbedürfnis der Deutsch­nationalen die Kommentare, die die deutschnationale und deutschvölkische Presse an die beiden letzten Re­den des Reichskanzlers Marx und des Reichs-

auhenministers Dr. Strefemann knüpft. „Hün­dische Angst", „Spekulation aus Poincare", „Frei­brief für Poincare", sind so einige Stilblüten.

Dabei ist man sich auch in diesen Kreisen im Innern vollständig klar darüber, daß in der Praxis eine Aenderung der bisher befolgten Außenpolitik vorläufig vollständig unmöglich ist. Und trotzdem wir m einer schnellebigen Zeit leben, dürfte doch noch nicht vergessen fein, wie im Herbst vergange­nen Jahres die Deutschnationalen, als 'mit ihnen wegen Eintritts in die Regierung verhandelt wurde, vier wichtige Zugeständnisse machten^ von denen eins dahin ging, daß „selbstverständlich gar keine Rede davon sein könnte, daß der Friedens­vertrag von Versailles zerrissen werden soll. Auch solle hinsichtlich der allgemeinen Außenpolitik keine Aenderung eintreten, sondern die Linie der Stresemann'scheu Politik fortgesetzt werden.

Hier liegt das klare Eingeständnis dafür vor, daß Deutschland in seiner Außenpolitik in gewisser Hinsicht die Hände gebunden sind, und daß bie Möglichkeiten des Wirkens nach dieser Richtung sich in streng durch das Versailler Diktat und die machlpolttifchen Verhältnisse in Europa gezogenen Grenzen bewegen. Es ist deshalb eine politische Unehrlichkeit, wenn jetzt im Wahlkampf die bisher betriebene Außenpolitik als eine Politik der Ver­sklavung und Verelendung bedenkenloser und un­fähiger Minister hingestellt wird, obwohl gerade von einem der hervorragendsten Verteidiger der soge­nannten Erfüllungspolitik das bekannte Wort ge­prägt worden ist: „Erst Brot, dann Reparatio­nen!"

Und diejenigen Parteien, di« heute durch chre -demagogische Hetze in Wahlversammlung und Wahlartikeln die bisherige deutsche Außenpolitik zu diskreditieren suchen, versündigen sich am Gesamt­wohl des deutschen Volkes, da sie durch ihr Trei­ben unfern Gegnern neue Vorwände für ihre Machtpolitik und neuen Anlaß zu Mißtrauen geben. Die deutschen Wähler müßten selbst dafür sorgen, daß, mag der Wahlkampf in imrerpolittfchen Fra­gen auch noch so heftig geführt werden, die Frage der Außenpolitik nur nach rein sachlichen Ge­sichtspunkten und mit dem größten Verantwortungs­gefühl behandelt wird und nicht aus dem Bedürf­nis der Wahlagitation und skrupellosen Demagogie heraus.

Wir sollten uns dabei em Beispiel an En g- l a n d nehmen, wo Wahlkämpfe gewiß nicht weni­ger leidenschaftlich geführt werden als bei uns. Eng­land, das über gewaltige Machtmittel militärischer, finanzieller und wirtschaftlicher Art verfügt, das Bundesgenossen und Hilfskräfte in Hütte und Fülle besitzt, ist in seiner Außenpolitik völlig frei von jenen Bindungen und Hemmungen, die uns durch den unglücKichen Ausgang des Krieges auf­erlegt worden sind. Und trotzdem sieht man, daß jetzt die konservative englische Partei die sehr vor­sichtige, ängstlich aus die Verhütung irgendwelcher Konflikte bedachte Außenpolitik der Arbeiterregie­rung genau so unterstützt und fördert, wie vorher die englische AußenpolitS stets von der jeweiligen Oppositionspartei unterstützt worden ist. Sollte das, was m England als nützlich erkannt wird, bei uns nicht Nachahmung finden können, da es für uns eine fundamentale Notwendigkeit ist?

Märchen.

Don Adam Stegerwald.

Die sozialdemokratische Presie hat in den letzten Jahren über mein politisches Streben und Wollen sich zu den wahrheitswidrigsten Konstruktionen ver­stiegen. Ich habe darauf meist nicht geantwortet, weil ich meine Zeit für positivere Aufgaben be­nötigte, als mich mit der sozialistischen Agitation ständig auseinanderzusetzen, die an der inneren Hohlheit der Sozialdemokratie doch nichts wesent­liches zu ändern vermag. Bei dem bevorstehenden Wahlkampf habe ich indes keine Luft, alle sozial­demokratischen Unwahrheiten ruhig passieren zu lassen. Die Kölner Rheinische Zeitung Nr. 72 vom 25. März d. I. schreibt über meine Hagener Rede vom letzten Sonntag u. o.:

Merkwürdigerweise bat die Rheinische Volksmacht nicht entdeckt, daß in fragen ein ganz anderer Stegerwald gesprochen hat als der, der sich noch jüngst bei der Krise des Kabinetts Stegerwald als eifrigster Anwärter für die bürgerliche Sammlung mit den Deutsch- nationalen gegen die Sozialdemokratie empfohlen hielt. Wer erinnert sich nicht der vielen Aufsätze und Reden Stegerwaids gegen den Parlamentarismus, für eine Volksvertretung auf ständischer Grundlage, mit einem freundlichen Augenzwinkern für die Wiederherstellung der Monarchie? . . . Das noch größere Wunder aber ist: Stegerwald als Anhänger des parlamentarischen Regie­rungssystems, „das allerdings sehr verbesserungsbedürf­tig" sei. Derselbe Mann, der tm Herbst 1923 mit extre­men Deutschnationalen über die Regierungsbildung ver­handelte, kennzeichnet auf einmal vor den Arbeiterwäh­lern des Zentrums die Demagogie der deutschnationalen Außenpolitik und sagt scharfe Worte gegen die rechtsradi. taten Diktaturgelüste, deren warme Verteidiger die Deutschnationalen sind.

Diese Darstellung ist eine einzige große Unwahr­heit. Die Rheinische Zeitung möge einmal mit den vielen Aufsätzen und Reden gegen den Parlamen­tarismus, für eine Volksvertretung auf ständischer Grundlage, die ich angeblich versaßt haben soll, offen und klar und ohne Kunstgriffe herausrücken. Im ganzen erscheint es angebracht, folgende Tat­sachen aufzufrischen.

1. Als zur Verhinderung eines ruffisch-sächsisch- thüringisch-kommunistischen Komplotts die Reichs­wehr in Sachsen und Thüringen einmarschierte und der inzwischen berüchtigt gewordene sächsische Mi­nisterpräsident Zeigner von Stresemann abgesetzt wurde, sind die Sozialdemokraten aus der Reichs­regierung herausgelaufen. Später haben sie das Kabinett Stresemann gestürzt. Es bemühte sich der Reichspräsident um die Bildung einer neuen Regierung. Nach viertägiger ergebnisloser Arbeit traten sämtliche Parteien des Reichs­tages, mit Ausnahme der Sozialdemokraten und Kommunisten, und der Herr Reichspräsi­dent an den Schreiber dieses heran mit der Bitte, er möge die Bildung der Reichsregierung überneh­men. Ich habe zwar diesen Auftrag nicht ange­nommen, aber vom Mittwoch, den 28. Nov. vor­mittags 9 Uhr bis Donnerstag den 29. Nov. nachts 12 Uhr, also rund 39 Stunden, unausgesetzt durch­gearbeitet, um die großen sachlichen, politischen und personellen Schwierigkeiten für die neue Regie­rungsbildung auszuräumen, wofür mir sowohl der Herr Reichspräsident wie Herr Reichskanzler Marx wärmsten Dank ausgesprochen haben. Wenn die Sozialdemokraten wegen politischer Unreife davon kaufen und andere Leute sich um die Lebensnot­wendigkeiten des Reiches bemühen, dann nennt das c:e sozialdemokratische Agitation: „Bürgerliche Sammlung gegen die Sozialdemokratie!"

2. ^kemals habe ich mit Bestrebungen zur Her­beiführung einer illegalen Diktatur etwas zu tun gehabt. Wohl aber bin ich in: letzten Herbst nach­drücklich für eine legale Diktatur, bei der man nicht nur den Anfang, sondern auch das Ende iieht, eingetreten. Dafür hat sich auch die Sozial- Demokratie durch Annahme zweier Ermcichtigungs- zesetzs entschließen müssen. Der einzige Unterschied zwischen dem, was ich im Herbst 1923 forderte und was in der Zwischenzeit Wirklichkeit wurde, besteht darin, daß ich zur Ueberwindung der Schwierig­keiten des letzten Winters ein kleines homogenes Kabinett für erforderlich hielt, während Stresemann und Marx normale Kabinette bildeten, dafür aber einen kleinen Ausschuß innerhalb des Kabinetts zur Vorbereitung der großen Aufgaben einsetzten.

3. In Sachen der Diktatur bin ich nie einen Schritt weiter gegangen wie der Leiter der Reichs­wehr, Herr General v. Seeckt. Monatelang wurde Herr v. Seeckt, während des Ausnahmezu­standes, von der sozialdemokratischen Agitation an­gegriffen.

Als dieser erst jetzt seinen vom 4. Nov. 1923 da­tierenden Erlaß an die Reichswehr veröffentlichte.

ist der „Vorwärts" nachträglich voller Lobeshym­nen auf Herrn v. Seeckt.

4. Es gehörte keine große Staatsweisheit dazu, um vorauszusehen, daß im Hinblick auf die deutsche Geschichte und in Berücksichtigung der großen De­mütigungen, die das deutsche Volk seit Jahren auf sich nehmen mußte, eine nationale Rechtsentwick- lung in der Luft lag. Mein jahrelanges Bemühen war daher, diese Entwicklung, durch Heranziehung ihrer tragenden Kräfte an die staatliche Verantwor­tung in ein ruhiges Bett zu leiten, anstatt sie zum nationalen Raufchzustände auswachsen zu lassen. Dafür brachte die Sozial­demokratie kein Verständnis auf, und nun drohen die bevorstehenden Wahlen eine sehr unliebsame Quittung auszustellen. Dieser Gedankengang scheint mir nicht sehr schwer verständlich zu sein. M i t agitatorischem „Gegacke r", ohne das die Sozialdemokratie nicht glaubt auskommen zu kön­nen, ist die deutsche Innen- und Außenpolitik in den nächsten Jahren nicht zu meistern.

GotlesSienstor-nung.

Evangelischer Gottesdienst.

Sonntag, 6. April. Sulba. Vormittags fl1/» Pfarrer Weber, 11 Kindergottesdienst, nachmittags 2 Pfarrer Reich. — Bad Sal,schürf Vorm. 9'/, Sup. Ruhl (Konfirmation, dl Abendmahl). — Schloß Bieber­stein. Vormittags 9 Pfarrer Reich.

Dienstag,8. April. Fulda. Abends8Kirchenchor.

Mittwoch, 9. April. Fulda. Abends 8 PafsionS. gottesdienst (Sup. Ruhl).

CDangei. lande,stirchl. Gemeinschaft, Hulda, vulttarslr. 17.

Sonntag, 6. April. Abends 8 Evangelisation.— Dienstag abends 8 Bibelstunde (Pfarrer Weber). — Donnerstag abends 8 Jugendbundstunde. — Freitag abends 8 Bibel- und Gebetstunde.

Coangelischer Frauenbund

hält am Montag, den 7; April, abends 8 Uhr, im Schwesternhaus eine Jahresversammlung. Rege Teilnahme wird erwartet.

Israelitischer Gottesdienst.

SamStag, 5. April. Vorabends 6.35, morgen»S, nachmittags 430, Sabbatausgang 7.45 Uhr.— Wochen, gottesdienst: Morgen» 6.30, nachm. 6,15, abend! 7.50 Uhr.

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Berliner Kursbericht.

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