Fuldaer Heilung
Donnerstag, 27. MLrz 1924.
Die wirtschaftliche Lage Oesterreichs
leht. Kurs 35 3.
Berliner Kursbericht
Deutsche Skaatspapiere. |
35. 3.
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— Edersberg. Der hiesige DarlehnSkassen-Herein hafte am Sonntag, den 28. d. M. seine Mitglieder zu einer außerordentlichen Generalversammlung einberufen. Auf der Tagesordnung stand u. a. der Punkt „Neubegründung des Vereins". Der Vereinsvorsteher, Herr Pfeffermann, legte im Anschluß an die Eröffnungsansprache die Gründe dar, welche die Vereinsleitung dazu veranlaßten, die Neubegründung deS Vereins vorzunehmen. Nach kurzer Debatte und nach Ausführungen des Herrn Schier vom Kornhaus Fulda gab die Versammlung einstimmig ihre Zustimmung zur Neubegründung des Vereins. Jedes Mitglied hat in 2 Raten und ?war am 1. Mai und 15. Oktober, daS Geschäftsanteil in Höhe von 10 Goldmark erneut zur Einzahlung zu bringen. Anschließend hielt Herr Land- Wirtschaftslehrer Zöberle in-Fulda einen sehr interessanten Vortrag: „Was hat der Landwirt zu tun, um
* Ein eigenartiger BeleidlgunMprazeh. Em etwas migewöhnlicher Pressebeleidigungsprozeß wird demnächst vor der Strafkammer des Landgerichts Bamberg stattfinden. Diese hat von aMtswegen das Hauptverfahren eröffnet gegen den verantwortlichen Schriftleiter des „Haßfurter Tagblattes", Raß), weil in seinem Blatt in einem S prechsaalartikel, der sich mit dem Haßfurter Stadtrat befaßt«, gesagt wurde: „In einem weiteren Passus des 3. Stadtratsberichtes befindet sich auch eine Erklärung des Herrn Bürgermeffters, wonach der Stadtrat keine Mahnung zur Erfüllung seiner Pflichten bedürfe. Mit Verlaub, Herr Bürgermeister, der Stadtrat ist ccewiß auch nicht allmäch- tig und allwissend und i er das Pulver erfunden
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* An Kuchen lolgegessen. Durch zu reichlichen Genuß von frischem Kuchen ist in Fallersleben bei Weißwasser (O.-L.) eine dreiundzwanzigjährige Frau ums Leben gekom'men. Ihr Darm hatte sich verhärtet, so daß sie operiert werden mußte. Unter furchtbaren Qualen ist sie gestorben.
* 2000 Eisenbahnschwellen verbrannt. Auf einem Lagerplatz an der Industriebahn in der Nähe des Güterbahnhofes Tegel waren vermutlich durch Funkenflug Eisenbahnschwellen in Brand geraten. Das Feuer griff rasch trm sich, in kurzer Zeit standen 24 etwa 1% Meter hohe Stapel in hellen Flammen. Es sind schätzungsweise etwa 2000 2% Meter lange Holzschwellen vernichtet worden, die für den zweigleisigen Ausbau der Strecke Tegel- Velten bestimmt waren.
* Liebestragödie. Nach einer Meldung erschoß auf dem Marktplatz in Reichenberg in Schlesien der 53 Jahre alte verheiratete Kassierer
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Von Dr. Heinrich M a t a j a - Wien, man konnte von einer Sanierungskrise sprechen. Später entwickelten sich die Auswirkungen der Ruhrbesetzung derartig, daß die deutsche Produktion geradezu gelähmt wurde. Andererseits sind in der letzten Zeit wiederholt inländische Waren im Inland von französischer und belgischer Seite unterboten worden, weil der Frankensturz den Preis dieser Ware ebenso unnatürlich gesenkt hat, wie seinerzeit der Kronensturz den der österreichischen. Die plötzliche Erhöhung eines Zollmultiplikators oder die Verschärfung einer Devisenvorschrift kann natürlich die Konkurrenzfähigkeit Oesterreichs aut dem betreffenden Markt lahmlegen. So entsteht ein ewiges Auf und Ab und das Element der Unsicherheit ist, wenn auch natürlich in viel germ- gerem Grad, durch eine andere Tür wieder herein gekommen. Aber jedenfalls haben wir das eine erreicht, daß wir n i ch t m e h r passiv produzieren, und das ist natürlich auch nur eine Auswirkung der finanziellen Sanierung.
Mögen aber die Rückwirkungen dieser Zwischenfälle auf die österreichische Produktion noch so empfindlich sein, so dürfen wir uns darüber nicht täuschen, daß wir der schärfsten Probe erst entgegengehen. Es ist unverkennbar, daß die Völker den Kriegszustand satt halben. Nahezu überall gewinnt die Tendenz, a u ß e n p o l i t i s che Differenzen beizulegcn, innere finanzpolitische und wirtschaftliche Schwierigkeiten zu überwinden, von Tag zu Tag Boden. Noch legt man sich über die Fehler der jüngsten Vergangenheit nicht Rechnung, aber man trennt sich von dem falschen Weg, und das gilt nicht etwa nur von einem Staat, sondern von sehr vielen. Je mehr aber durch diese psychologische Entwicklung Europa ruhigen und normalen Verhältnissen entgegen- schreitet, desto mehr droht uns jener ungehemmte internationale Konkurrenzkampf, der sich aus den weltwirtschaftlichen Zusammenhängen ergibt. Diesen Kampf entscheidet in erster Linie Scharfsinn, Tüchtigkeit und Genügsamkeit der Einzelnen. Legislative und administrative Maßnahmen sind sicherlich von nicht zu unterschätzender Bedeutung, stehen aber nichtanersterStelle.
Vor altem werden die Unternehmer ihre ganze Energie aufbieten müssen. Die marxistische Theorie bekämpft den Unternehmergewinn als Ausbeutung. Demgegenüber halten wir die durch den Unternehmergewinn geweckte persönliche Initiative für den wichtig st en Faktor der Volkswirtschaft. Aber solche Behauptungen lassen sich nicht aus cheoretischer Grundlage beweisen oder mit)erlegen. In schweren Zeiten müssen eben die Unternehmer selbst die Ueverlegenheii der privaten Initiative durch ihre Tät'gkeii zeigen. Die große Umstellung des technischen Apparates in Oesterreich von der Kriegs- aus die Friedenswirtschaft und die un Gange befindliche Ausgestaltung der Betriebe ist ein Ehrenzeichen für die österreichische Unternehmerschaft. Sicht es ebenso gut mst den kaufmännischen Einrichtungen in den mittleren und kleineren Betrieben? Haben wir uns über die Einkaufs- und Absatzbedingungen des Weltmarktes genügend im laufenden erhalten? Die Unternehmer wissen, daß sie unter sehr schweren Bedingungen zu arbeiten haben werden, und die Volkswirtschaft ist aus ihre Tätigkeit in erster Linie angewiesen.
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2. Blatt.
Druck der Fuldaer Acrtrndrnckerei in FuN>»
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für die Zukunft bestehen 8U können-. Er erntete für Hot, muß er erst noch bewufen. „Mele sind berufen, - - - -- I Wenige aber auserwählt."
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Ein Rest aus der schlimmsten Zeit Oesterre-chs sind unsere Heutigen K r ed 11v e rH a it - nisse. Zur Zeit des Kronensturzes waren hohe Darlehnszinsen unvermeidlich, insofern der Glaubt - qer das Risiko der Entwertung trug. Aber was rechtfertigt heute den hier zu band« herrschenden Zinsfuß? Initiative, schöpferische Tätigkeit große Investitionen zur Aktivierung neuer Produkttons- möglichkeiten, erhebliche Risiken, das ist d,e natürliche und berechtigte Quelle hoher Ertragniffe des Kapitals. Aber das laufende Kreditgeschäft kann unmöglich so lukrativ gestaltet werden, oder es beeinträchtigt im stärksten Ausmaß die Konkurrenzfähigkeit der heimischen Produktton. Das B a n k - k a p i t a l muß sich darüber klar sein, daß es einen heutigen Zinsfuß nicht aufrecht -rhat-en kann. Unsere Produktion kann tm Vergleich zur westlichen Konkurrenz nicht das Drei- oder Vierfache an Darlehnszinsen bezahlen. Und auch das Bankkapstal ist ein Bestandteil, und Zwar cm sehr wichttger Bestandteil der österreichischen Volkswirtschaft, und auch die österreichischen Banken haben über die Konkurrenzfähigkeit der österreichischen Industrie und des österreichischen Gewerbes zu wachen.
Von außerordentlicher Bedeutung sind die Fragen der Sozialpolitik. Es ist ganz^ falsch, m der Sozialpolitik nichts zu sehen als die finanzielle Belastung des Unternehmers. Die Sozialpolitik ist die Grundlage der Produktionsfreudigkeit des Arbeiters und des Angestellten genau so, wie der Unternehmergewinn die Triebfeder des Unternehmers «st. Das Unternehmen muß eben in seiner Gesamtheit vier Dinge hervorbrmgen: Steuern, Unternehmergewinn, Kapitalzinsen und Sozialpolitik und trotzdem konkurrenzfähig bleiben. Würde einer dieser vier beteiligten Faktoren auf seinen Anteil verzichten, so wäre das natürlich für die drei anderen weitaus bequemer. Es wäre ja auch schön, in einem Staat oder in einer Gemeinde zu leben, die keine Steuern erhebt. Sv wäre es auch bequem, mit einer Arbeiterschaft zu tun zu haben, die keinen Achfftundentag und keine Lohnerhöhung verlangt. Aber eine solche Forderung ist erstens unbered)tigt und zweitens widerspricht sie den tatsächlichen Verhältnissen. Der Achtstundentag ist sowohl für Schwerarbest rote für monotone Arbeit eine kulturelle Notwendigkeit. Inwieweit wir im Stande sind, ihn durchzuführen, hängt selbstverständlich von der Gestaltung der Weltverhältnisse ab. Aber man erweckt ja in dem Arbeiter die Vorstellung, daß man ihm den Achfftundentag nicht gönnt, daß man sich ärgert, wenn er nur acht Stunden arbeitet, und daß man innere Befriedigung empfindet, wenn die Weltverhältnisse den Achfftunden- tag unmöglich zu machen drohen. Uebechaupt wird dem Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, der Arbeitsgemeinschaft des Betriebes in Oesterreich viel zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Die Arbeitsgemeinschaft fft das natürliche Gegenstück des Klassenkampfes, und der Klassenkampf kann nur durch die Arbeitsgemeinschaft überwunden werden.
So steht das österreichische Wirtschaftsleben vor einer Reihe von Problemen. Es ist das wichtigste, daß mir uns klar machen, daß diese Probleme gelöst werden müssen, und daß wir es sind, die sie lösen müssen.
Milde die 25 Jahre alte Tochter des Wagenbauers Stäche, mit der er em Verhältnis unterhielt. Er tötete sich dann selbst durch einen Schuß inmitten der herbeigeeilten Straßenpalsanten.
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Die Produktion.
Der Krieg hat das Gebiet des heutigen Oester- in «nem gänzlich entgüterten Zustand zurück- ^ass^i. Der Güterbedarf war daher außer- ?chenSich groß und noch dadurch verschärft, daß den Zusammenbruch Industrie und Gewerbe ^mündig zum Stillstand gebracht wurden. Oefter- «kh war indessen gezwungen, eine Importpolittk betreiben, es gewährte einseitig Zollfreiheit und Ehlte Ueberpreise. Allmählich sänftigten sich die psychologischen Nachwirkungen des Krieges und Umsturzes, allmählich kamen aber auch die wirtschaftlichen Verbindungen wieder zur Geltung, die Rohmaterial und Kohle ms Land brachten. Gleichzeitig damit vollzog sich die Ent- M«tung der österreichischen Krone, und da die Pieffe der Geldentwertung Nacheilen. sie aber erst „ach einem längeren Stillstand eircichen, sank das österreichische Preisniveau unter ine Weltmarktpreise. Das bildet natürlich einen bedeutenden Produktionsanreiz. Wir waren im Inland und Ausland konkurrenzfähig, aber leider auf einer falschen Grundlage, denn die Produkfion war passiv, sie verbrauchte mefyr Güter als sie hervorbrachte, ähnlich wie die erste Nep-Penode in Ruh-
Wahrscheinlich wäre unsere Privatwirtschaft sich darüber viel früher klar geworden, wenn sich nicht aus der sinkeichen Währung so herrliche Rem- aeroinne hätten herausrechnen lassen. Schließlich stellte sich aber doch heraus, daß diese buchmäßigen Gewinne in der rauhen Wirklichkeit Verluste behüteten, daß wir von der Substanz lebten und daß entweder der Produzent selbst sich herunterwirt- sihastete, oder der letzte anonyme Gläubiger, der kleine Einleger, Sparer und Renmer durch die gänzliche Entwertung seiner Guthaben und Papiere die Rechnung bezahlt hat und wahrhaft als unbekannter Soldat auf de'm Schlacht- feld der Kronenentwertung geblieben ist.
Nun kam die Sanierung der österreichischen Staatsfinanzen. Die österreichische Krone er« hielt einen stabilen Wert, und damit war die Mög- lichkeit der falschen Kostenberechnung und der Ge- winne aus den Kronendarlehen beseitigt. Es war Schluß sowohl mit den Bilanzen der Selbsttäuschung, wie auch mit den Profiten auf Kosten der Kronengläubiger. Die Produktton wurde zur Rentabilität gezwungen. Da aber dn übrigen die Produktionsbedingungen in Oesterreich keineswegs günstiger sind als anderswo, so hörte die Unterbietung der Weltmarktpreise auf. Hiermit fiel nickst nur die Exportprämie weg, sondern auch die Importbehinderung, die ja ebenso darin liegt. Trotzdem konnten steh nicht ohne weiteres die günstigen und die ungünstigen Wirkungen eines freien Welt- wirtschaftsvorkehrs einftellen, einerfeüs weil dieser freie Verkehr auch noch heute nicht besteht, andererseits weil an anderen Produktionsstellen in der Welt fortgesetzt Störungen austreten oder wieder vergehen, die die betreffenden Pro- duktkonsstellen in Mitleidenschaft ziehen oder begünstigen. Vorläufig empfindet unsere Produktion stoßweise die Auswirkung baL dieser, bald jener Ereignisse und Maßnahmen an den verschiedensten Punkten der Welt.
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