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Dienstag, 25. Miirr 1924.

Nr. 72.

W GrWhlmen der RegiermgSpolitik.

Kardinal und General.

VeM-MWe gegen Samolilen.

Der Skandal in Elberfeld.

BeraMwortlicd ür die Sckriitletluns: Dr. Jobanned Kramer. Anreisen; I. P arreller. Julda. Rotationsdruck und Verlas der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernivrecher Nr- 9. s BeruaSdreis: Monat MSr, 1.8« Soldmark-

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uldaerZeitung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadl Fulda._________

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Schundliteratur

Es ist übrigens ein Skandal, wie sich aus Bayerns Hauptstadt jetzt eine Flut tfon deutschvölkischer Schundliteratur, namentlich in Broschürenform, in das Land er­gießt- Diese Schriften richten sich in erster Linie gegen die I e s u i t e n. Sie wärmen die alten Bettelfuppen wieder auf, mit denen schon ein Hoensbroech und sonstige berüchtigte Zeitgenossen gewisse Kreise, die nicht alle werden, versorgt hat. Bor uns liegt so eine Broschüre, die das Unglaub­lichste an Hetze gegen die katholischen Einrichtun­gen und Auffassungen leistet, sich dabei alsvöl­kisches Rüstzeug" anpreist und es fertig bringt zwecks Fangens einiger Gimpel sogar einlei-

Der Kardinal Faulhaber ist bis in die letzten Stunden des HiÄerprozesses hinein immer wieder der Zielpunkt heftiger Angriffe gewesen, und es ist besonders charakteristisch für die Zustände, die heute in dem katholischen München möglich smd, daß die deutschvölkische Presse die un­flätigen Beschimpfungen gegenüber dem Kardinal ungestraft fortsetzen kann. Die letzte Er­klärung Ludendorffs vor Schluß der Beweisauf­nahme versieht ein völkisches Blatt mit der zenti­meterhohen ganzseitigen Ueberschrsst:Df e U n - Wahrheiten Faulhabers". Also noch nicht einmal der Respekt vor dem hohen Amte, das der Kardinal bekleidet, wird gewahrt. Man stellt den Kardinal gleich mit einem gewöhnlichen Lüg­ner. General Ludendorff hatte übrigens seine letzten Erklärungen, was sich auch aus ausführlichen Prozeßberichten nicht ergibt, mit der Einleitung ver­sehen, daß der K ar d i n a l wiedermehrmals Unwahrheiten" behauptet habe. Damit ist naturgemäß sofort das Stichwort für die deutsch­völkische Presse gegeben.

Nun hat Kardinal Faulhaber dem Prälaten Dr. Müller, dem Generaldirektor desBayerischen Kurier" gegenüber in einer Unterredung über die letzten Erklärungen Ludendorffs sich ausgesprochen. Der Kardinal teill mit, daß er in seinen 78 Reden und Ansprachen, die er in Amerika gehalten habe, em einziges Mal die Versenkung derLusi- tania" und die Begleiterscheinungen des Einmar­sches in Belgien in einem einzigen Satze erwähnt habe. Er schildert die Stimmung in Amerika vor Eintritt des Krieges und stellt als Auffassung hoch­gebildeter Männer in Amerika fest, daß ohne die Versenkung derLusitania" das amerikanische Volk für den Krieg n i ch t zu haben gewesen wäre. Der Eintritt Amerikas aber in den Krieg habe das vier­jährige Ringen trotz aller heroischen Gegenwehr zu Ungunsten Deutschlands entschieden. In einer Rede vom 24. April habe der Kardinal eine Ehrenrettung des deutschen Namens vorgenommen. Es war die Zeit der Ruhrbefetzung. Der Kardinal erklärt, daß er dabei erwähnt habe, daß er kein blinder ' Stireimer des Volkes sei und rote früher unter dem> kaiserlichen Deutschland so auch jetzt unter dem repiZblikanrschen frei über die Fehler seines Volkes spreche. In diesem Zusammenhang erinnerte er an den Lusitania-Fall mit fernen verhängnisvollen Folgen und an die Begleiterschemungen des deut­schen Einmarsches in Belgien.Nirgends", so er­klärt der Kardinal,habe ich die Versenkung der Lusitania" als ein Verbrechen bezeichnet. Ich habe das Oktoberfest in München ein Ver­brechen am deutschen Volke genannt, weil es bei den amerikanischen Reisenden den Eindruck erweckte, als bestünde in Deutschland überhaupt keine Not und auf diesem Wege die große Hilfsaktion der Amerikaner ms Stocken brachte."

Der Kardinal stellt dann fest, daß ihm von ern­sten Männern versichert worden fei, daß jener Abend für die Aussöhnung der beiden Völker einen großen Schritt vorwärts bedeutet hätte. Der Kar­dinal sagt dann zum Schlüsse folgendes:

Die Rede war für Amerika gehalten und hat dort flirt gewirkt. Ich hatte keinen Anlaß und auch keine 3eit. sie für deutsche Leser drucken zu lassen, die die Verhältnisse aus eigener Beobachtung kannten. Am allerwenigsten hatte ich keine Ahnung, daß meine Ame­rikareise je mit dem Prozeß in der Infanterie­schule in Verbindung gebracht werden könnte, wie ich ebensowenig ahnen konnte, daß man Sunden der PäpsteinRom konstruieren würde, um den Marsch nach Berlin zu rechtfertigen. Nun können Sie sich vorstellen, wie schmerzlich es mich berühren mußte, daß GenerÄ Ludendorff in so allgemeiner Form meine wetten auf meiner Amerikareise, die ich zugunsten der Deutschlandhllfe unternommen, für die ich ein Stuck meiner Gesundheit geopfert habe, als deutsch-abträalich bezeichnet. Aus mehr als hundert Zeitungsausschnitten kann bewiesen werden, daß ich mit meiner Amerikareise dem deutschen Volke einen wirklichen Dienst erwiesen habe, nicht bloß m caritativer Hinsicht, und nun mag jeder vaterländisch Gesinnte mir nachfühlen, wie ich das empfinde, als Donk jetzt solche Angriffe und Anklagen gtt erleben/

tend zu bemerken, daß die Völkischen gegen die katholische Kirche,wie sie sie auffassen", gar nichts hätten. Sie sei sogar staatserhaltend. Angesichts solcher Machwerke muß das katholische Volk doch von der Regierung des überwiegend katholischen Dayernlandes nun mit allem Nachdruck verlangen, daß diese Münchener Brutstätten einer neuen Ka­tholikenverfolgung ausgehoben werden. Die Mün­chener politische Polizei hat, wie der Hitlerprozeß erwiesen hat, die Nationalsozialisten in jeder Weise unterstützt. Jetzt muß man erwarten, daß das amtliche Bayern Wege einschlägt, die den bisher angerichteten Schaden einigermaßen wieder gut macht. Die Führer der bayerischen Katholiken werden wohl heute über die Gefahren sich klar geworden sein, die mancher Schritt. in der Ver­gangenheit bedeutet hat. Wer kürzlich hier in Fulda einen Würzburger Führer reden hörte, hatte freilich noch nicht den Eindruck, daß die hohlen Phrasen und der Bierbankwitz in ihren traurigen Folgen innerhalb der blau-weißen Grenzpfähle all­gemein durchschaut sind. Aber es liegen auch er-

Der Reichskanzler und der Autzenminifter im Wahlkampf

Innern verbürgt am ersten eine Verständigung nach außen und damst Friede und Freiheit, wonacq Deutschland sich feit 10 Jahren sehnt

Den Ausführungen des Reichskanzlers folgte langandauernder stürmischer Beifall. Die Ver­sammlung, die ohne Störung verlief, stimmte tn das Hoch auf das deutsche Vaterland ein und sang begeistert das Deutschlandlied.

Kußenminifter vr. Strefentaim sprach wirkungsvoll und unter gewaltigem Beifall am Sonntag in Darm st a d t.

Den einzigen Sieg, den wir seit dem verlorenen Kriege erfochten hätten, sei, so sagte der Redner, der Sieg der Volkseinheit bei den großen Abstim­mungen gewesen, in denen das Deutschtum sich zu seinem Daterlande bekannt habe. Das erste Ziel jeder Politik im heutigen Deutschland müsse die Idee des Zusammen, schlusses 'der Parteien sein, um den Gedanken der Volks­gemeinschaft in der Zeit der großen Gefahr zu verwirk­lichen. Wenn einem Volke die Wahl der Waffen nicht zur Verfügung stände, müsse man den Mui haben, die Konsequenzen daraus zu ziehen, wenn dies auch zunächst Unpopularität sei. Der Vertrag von Vers ailles sei in vielen Beziehungen, z. B. in den Forderungen des letzten Ultimatums undurchführbar, aber er stehe davor, zu glauben, daß man eine Aenderung der Ver­hältnisse durch ein Zerreißen des Vertrages nicht er- ziele. Wenn er gegen die Rechtmahigkeu des Versailler Vertrages protestieren wolle, dann müsse er sich auf den Boden' des Vertrages stellen.

Dr. Stresemann roanbte sich dann gegen eine Rede des bayerischen Ministerpräsidenten v Knilling. Wenn die bayrische Regierung den Wunsch gehabt habe, sich über die Außenpolitik zu orientieren oder sie zu be- einstussen, insbesondere in der K r i e g s s ch u l d j r a g e, so wäre es ihre Pflicht gewesen, diese Dmge im aus- wärst gen Ausschuß des Reichsrates vorzubrmgen, wo sw besser hinpaßten, als in eine Volksversammlung. Z'-fdem sei es unrichtig, daß die deutsche Politik in der Knegs- schulbsraqe versagt habe. Wiederhlt habe er selbst die Lüae von der deutschen Kriegsschuld zuruckgewiesen und die ergänzende Arbeit der Regierung und anderer Or- ganismen sei nicht ohne Wirkung geblieben. Der Erso g der Arbeiten des Auswärtigen Amtes habe, sich m der seit 1919 veränderten Einstellung vieler Machte gezeigt. Wenn man die Dinge geschichtlich betrachte, so werde man 2U dem Ergebnis kommen, daß eine starke um- stellung der Welt eingetreten sei. Dies- Umstellung habe sich auch in den Verhandlungen der Sachverständigen ge­zeigt. Der Minister wandte sich dann gegen den Vor- wmf, daß er seine Politik auf eine alleinige Verstän­digung mit Frankreich eingestellt habe. Heiße es den Faden mit England abschnelden, wenn wir zum ersten Male eine Anleihe von der Bank von England befänden?

In der Frage der inneren Politik widerlegte der Minister den Vorwurf, die Regierung sei marxistych eingestellt. Der Streit in der Frage der Urheberschaft der Renienmark sei müßig, entscheidend sei es geroefen, bafe man den Etat in Ordnung gebracht habe, wobei man an dem Beamtenabbau nicht habe vorübergehen können, .i re Herabsetzung der Gehälter sei nur für den Uebergang de- stimmt. Die Quelle der Wertbeständigkeit, nicht mehr aus­zugeben als eingenommen werde, müsse unbedingt er­halten bleiben. .

Der Minister wandte sich dann gegen die Methoden mit denen man in Mllnchen Innen- und Außenpolitck getrieben habe. Keiner der dortigen Herren hatte sich den Kopf zerbrochen, wie sie es machen wollten, wenn sie in der Wilhelmftraße säßen.

Zum Schluß wandte sich der Minister gegen den Vorwurf, daß die Politik der Deutschen Volk spart ei rein opportunistisch sei und ver­wies dabei auf B i s m a r ck, der ferne Verbündeten da genommen habe, wo er sie finden konnte. Man müsse aus jeder Lage das Beste herausholen. Die Deutsche Volkspartei habe sich bewußt zur Politik der Verantwortung bekannt und sie sei stolz daraus, an der Wiederaufrichtung mitgewirkt zu haben, auch wenn sie dadurch Unpopularität zu ertragen habe. _________

Reichskanzler vr. Marx

hat gleich nach seiner Rückkehr aus Wien sich fur den Wahlkampf zur Verfügung gestellt. Vor 5000 Personen sprach er am Sonntag tn Elbe r s e I d. Die Versammlung bereitete dem Reichskanzler einen überaus herzlichen Em plan g. Dr. Marx ist in dem Wahlkreis Düsseldorf-Ost, zu dem Elberfeld gehört, als Spitzenkandidat des Zentrums aufgest-llt. In seiner Rede dankte der Kanäer, indem er seiner langjährigen Tätigkeit als Richter in den Rheinlanden und auch besonders in Elberfeld gedachte, für die äußerst warme Be­grüßung. Weiter gedachte er seines Besuches in Wien und erklärte, die Reise gern benutzen zu wollen, den österreichischen Brüdern herzlichen Gruß zu senden und ihnen öffentlich zu danken für den Überaus herzlichen und warmen Empfang, den der Reichsminister Dr. Stresemann und er sowohl in Regierungskreisen als auch bei der ge­samten Einwohnerschaft Wiens gefunden hatten.

Die Ausführungen des Kanzlers waren ganz m»l rotze staatspolitische Gedanken eingestellt,ckesthalten an der Währung, Etats-Bilanzierung, Wiederbelebung der Wirtschaft." Diese Werke haben m der letzten Reichs- tagsperiode zum ständigen Kampf veraniwortungs- bewußter Gruppen gegen die Agitation verantwor­tungsloser Oppositionen im einzelnen geführt, Opfer wurden verlegt. Alle Kreise hoben, sMbar dies- mal eigene Interessen, auch an sich berechtigte.

stellen müssen, um die Sicherung einer neuen festen wirtschaftlichen Grundlage möglich zu machen, <5s ferne Redensart, sondern tiefe Wahrheit, wenn der Kanz­ler dabei besonders die B e a m t e n, Ar bette r, Bau­ern und den gewerblichen Mittelstand erwähnte. Wer die Mark' stabilisieren wollte, mußte einen r.eori,-- neten Haushalt schassen. Wer einen geordneten Haus­halt schaffen wollte, mußte Sparsamke, tsmatz- n ah men befürworten und Steuern beschließen, bmmt her Staat wieder wirtschaften konnte.. In werten Krei­sen tftbas Verständnis für diese wirtschaftlichen Not­wendigkeiten gestiegen. Von dem ener-nsÄen W'llen des deutschen Volkes, gerade m dieser Alt unter Zuruck- stellunfl eigener Sonder-Interessen, die Solidarität der Wirtschaft zu betreiben, hängt auch außenpolitisch vul ab. Das zeigt der Hinweis des Kanzlers auf die Sach- nerftänbic!erarbeit. Eine ernste Mahnung m dieser Hinsicht ist die zwingende Logik des Satzes: .^Besser ist es, einige Zeit schwere Lasten und fühlbare Ent­behrungen zu tragen, als in den Wahnsinn der unheil­vollen Inflationszeit zurückzufallen.

Der Kanzler hat werter recht glücklich zur innen» und außennationalen Lage gesprochen. Bei allem Ver­ständnis für die übermenschliche Selbstdisziplin, die das Gewalt-Gebahren der Sieger-Staaten beim deut­schen Volk Tag für Tag voraussetzt, hat der Kanzler dem harten Weg der Pflichterfüllung als Mittel zur Erhaltung der Einheit des Reiches das Wort geredet Es war angesichts der Ereimusse der letzten Zert aM notwendig, daß der Kanzler Marx sich gegen d,e Ansicht wehrte, als fei die Weimarer Verfassung ohne Rechts­verbindlichkeit. Wenn national fein oder monarchistisch fein bedeuten müßte, daß man der Verfassung der deut­schen Rpublik den Rechtsboden abspräche, so h--tzt das nicht nur den Willensausdruck des Volkes m der dama­ligen Nationalversammlung seine staatsbildende Wir­kung absprechen, sondern auch jeden Aufstieg aus dein Ehaos einer Revolution unmöglich machen.

Daß das Zentrum nach wie vor entschlossen ist, die christlichen Grundlagen der deutschen Kultur zu wahren und in kommenden Gesetzen zu verdreuern, be­darf keiner Frage. Unzweifelhaft wird der rnue .Reichs­tag entscheidende Gelegenheit für alle Chrsstglaub-men und namentlich die Katholiken bieten. Die JBartet roirb auf Konsolidierung der Schirlverhältnisse und der Schul- aefetzgebung in christlichem Sinne bringen. Der An­sturm ber chnstentumsseinblichen Kräfte m Sa;n!e unb Staat, ber anhebende äußerst gehässige Kulturkampf von völkischer Seite läßt festes Zusammenstehen ber deutschen Katholiken mehr als je geboten erscheinen. Das Kanz- l-rwort, baß zu Versuchen keine Zeit sei, mag allen den <rec(r weisen. Die Parole bes Zentrums lautet: Ar­beitsfähiger Reichstaa ohne Abenteuerlust! An bas beutsche Volk kann nur bie Aufforderung ergehen, dafür zu sorgen, baß ber Radikalismus rechts und lmks nicht über Deutschlands Zukunft bestimme. Die Ruhe nn

freuliche Anzeichen vor. Jedenfalls muß man hof­fen, daß am 6. April in Bayern fo gewählt wird, daß weitsichtige, mutige, staatsmön- nische Köpfe zur Führung kommen und sich b e- haupten können.

Deutsches Reich.

* Politische Perfonemmchrichfen. Der Gesandte der Tschechoslowakai in Berlin, Dlastimil Tusar, ist am Herzschlag gestorben. Tufar war wohl herzleidend, jedoch nicht akut erkrankt; er hatte noch am Vorabend an einer offiziellen Veranstallung teilgenommen. Tufar roar Sozialdemokrat und hatte im Österreichischen Reichsrat als Abgeord­neter eins sehr angesehene Stellung. Im neuen tschechoslowakischen Staat wurde er 1919 Minister­präsident, im folgenden Jahre kam er als Gesandter nach Berlin. Er ist nur 47 Jahre alt geworden.

* Haftentlassung Dr. Ouiddes. Der kürzlich ver­haftete bekannte Pazifist Professor Dr. Quidde ist nach Beschluß des Volksgerichts wieder in Freiheit gefetzt worden, weil keine Fluchtgefahr vorliegt. Das Verfahren nimmt fernen Fortgang.

Kmkand.

* heiralsplan zwischen Italien und Belgien. Das PariserJournal" meldet aus San Remo, daß die offizielle Verlobung der Prinzessin Jafalda von Italien mit dem beIgischen Kronprin­zen unmittelbar bevorsteht.

* Eine russisch-rumänische Konferenz findet in Wien statt. Führer der russischen Delegation ist der Berliner russische Botschafter Krestinski.

* Die Wehrpflicht in Rußland. Das Zentral- exekutwkomitee der Sowjetunion hat, rote die Jsroestija" meldet, als Dienstzeit für die Marine und die Staatspolizeitruppe drei Jahre und für die übrigen Truppenteile, den Stab und die Militärbehörden zwei Jahre festgesetzt. Der Vizepräsident des revolutionären Kriegsrots be­gründete die Erhöhung der bisherigen 1'/-jährigen Dienstzeit auf zwei Jahre mit militärischen Rück­sichten und bestehender Kriegsgefahr.

wirtschaftliche Uampsbewegungen.

Der Reichsarbeitsminisker als Schlichter im Ham­burger Streik. In ber Tarifstreitsache zwischen bem Hafenbetriebsverein Hamburg auf ber einen Seite unb bem Deutschen Verkehrsbunb sowie bem Zentralverbanb ber Maschinisten unb Heizer auf ber a,.deren Seite, fanben am 22. März Verhandlungen vor bem Reichsarbeitsminister im Ham­burger Rathaus statt. Da trotz 13 stünbiger Be- ratung eine sachliche Einigung nicht zu erzielen war, unterwarfen sich bie Parteien ber Entscheidung eines Unparteiischen unb wählten als solchen ben Reichs- arbeüsminifter. Dieser fällte folgende Entfcheibung: Naihdeni bie Parteien, ber Hafenbetriebsverein Ham­burg sowie ber Deutsche Verkehrsbunb unb ber Zentral­verbanb ber Maschinisten unb Heizer in ihrem Tarffstrert mir als Unparteiischem bie endgültige für beide Teile verbindliche Entscheidung übertragen haben, bestätige ich den Schiedsspruch d?s Schlichters von Hamburg vom 18. März. Dabei stelle ich bas Einvernehmen ber Par­teien barüber fest, daß bie Kartenausgabe fortan in Berbinbtmg mit bem .Hafenbetriebsrat vorzunehmen ist. Die A r b e i t ist am 25. März roieber aufzunehm en.

Kieler Messe In einer offiziellen Feier im Kollegienfaal des Rathauses in Kiel erfolgte in An­wesenheit zahlreicher Ehrengäste die Eröffnung der bies- iahrigen nordischen Frühjahrsmesse.

Schwere Beteiligungen der katholischen Geistlichkeit, Opfer völkifcher Hetze.

Wir haben hier schon kurz über bezeichnende Vorgänge in Elberfeld berichtet, die in einer Ver- ammlung der dortigen Katholiken sich ereigneten, in der Dr. Karl Sonnenschein aus Bersin, her bekannte feinsinnig e Sozialpolitik er im P riester- kleide, sprechen sollte. Jetzt wird, auch in nicht katholischen Zeitungen, der Vorgang eingehend ge. childert. , _ H - m . e

In Elberfeld, so lesen wirm der Köln. Volks­zeitung, wollte eine Katholiken-Versammlung zu ben Angriffen SubenborffS Stellung nehmen. Ein greifet Prälat sollte bie Versammlung leiten. Der wurbige Mann hatte nicht mit bem Besuch von Spreng-Kom- manboS ber Deutsch-Völkischen gerechnet ES heißt in bem Bericht: Gerade in bem Augenblick, wo die Herren sich an ben Vorstanbstisch setzen wollen, wälzt'sich eine Wolke von Niespulver über bie Bühne. Alles niest, pustet, schneuzt sich. Die Augen tränen, unb es wird jedem klar, daß man mit, Zwischenfällen zu rechnen hat. Als Dechant Neu­mann ben Zweck ber Versammlung nennt, setzt geraden ohrenbetäubenber Lärm ein. Pfuirufe, Trillerpfiffe, Rufe wieGemeinheit" ufw. Man sieht, wie w mehreren Stellen des Saales sich jugendliche Person» mit blauen Mützen auf dem Kopfe auf Stuhle unb Tifche schwingen, bie Mützen abreifeen unb Heilrufe auf Hitler unb Ludenborff auSbringen. Alle Bemühungen ftnb nutzlos, ben siebenden Hexenkessel abzuküblen. Neue Inseln von Deutschvölkischen bilden sich. Neue Heilrufe. Dann stimmen sie ihr Bannerlieb an:Hakenkreuz am Stahlhelm, schwarz- weitzrotes Banb..." Die Katholiken sammeln sich nun auch ihrerseits zur stärkeren Abwehr. Auch sie stimmen ihr Trutzlied an:Wir sind un wahren Christentum ..An ben Saaltüren rechts blinken Tschakosterne von Schupobeamten auf. Man hat ba$ Ueberfallkommando alarmiert. ES gelingt ben Beamten, einige ber Hauptstörer zu fassen unb abzufuhren. Nun ebbt ber Lärm etwas ab. Man kann einige Satze bes Redners verstehen. Neue ernstere StorungS- versuche setzen ein. Wiederum surren Tor- pebopfeifen. Links unten entsteht eine Prügelei. Als der Redner zu Lubenborffs Aeufeerungen überging, waren bie Störer toi ober am Werke. Zwischenrufe lassen ben Rebner vom Faden abirren, schlagfertig pariert er sie. Dann wieder wendet er sich dem Thema zu So toogt ber Kampf hm unb her. Mitunter gelingt er für wenige Minuten bie Versammlung ruhig zu halten. Dann wieder beherrschen bie Deutschvölkischen das Feld. Einer vorne im Saal tut sich besonders hervor mit Beleidigungen der kath. Geistlichen. Er brüllt:Pa f» f en raus aus der P olitik!" Das gibt das Signal zu minutenlangem Lärmen. Auf beiden Seiten. Prä­lat Neumann steht wieder aufrecht, mit erhobenen Ar­men, unb verlangt von ber Schupo, baß sie vom Haus- recht Gebrauch mache. Umsonst. Die Beamten können cmschemenb nicht burchgreifen. Wenn sie einen gefafet ha­ben, tauchen sechs anbere auf . . . Plötzlich wirb durch Frauenzurufe von ber Galerie bie Aufmerksamkeit auf die Decke des Saales gelenkt. Oben in den runden Fenstern tauchen Köpfe auf. Deutfchvölkifche, die nun auch von oben mit Zwischenrufen die Aufmerksamkeit zerreißen. Schupobeamte holen sie herunter. Immer wie­der zerrtzißen neue Störungsversuche bie Stimmung. Dr. Sonnenschein sieht wohl bas Vergebliche seiner Bemuhun« gen ein, unb mit bem ironischen Dank für bie trefflichen Argumente, bie bie Deutschvölkischen gegen sich selbst geliefert hatten, klappt er sein Manu­skript zu. Unb nun roieber setzt im Saale, in ben In­seln ber Völkischen, ein ohrenbetäubenber Lärm em, ber den Beifall, ben bie Katholiken ihrem Redner zollen, zu übertönen sucht. Orgcltlänge durchbrachen wieder ben Saal unb mischen sich mit bem Hrtlerlieb, bem Deutschlandlied, bem Pfeifen, bem Heil-Ludenboff-Ruftn. 2er Saal leert sich langsam. Die Völkischen beherrschen das Feld.

Nicht nur dieses gelb, sondern auch das bes Re­staurants, in welches sich bie Katholiken später begaben: durch Niespulver wurden sie vertrieben. Die Iungtruppen dieser Kämpfer waren neben Mitgliedern derDeutsch- völkisckten Freiheitspartei", desStahlhelms" und des Jungdeutschen Ordens" Schüler sämtlicher El­berfelder Lehranstalten. Das w,rd em hei- terer Wahlkamps werben!"

Alle anständigen Kreise des deutschen Volkes, mögen sie einem Bekenntnis angehören, welchem sie wollen, sollten alsbald hn Interesse der deutschen Ehre Maßnahmen treffen, daß ber» artige Störungsunternehmungen unterbunden werden.

Sommunistenumzüge.

Aus Gera wird gemeldet: Troß des bestehen­den Verbots hatte die K. P. D. den Versuch unter­nommen, große S t r aße n d e m o n st r ati o- nen in die Wege zu leiten, gegen die die Kommu­nalpolizei, verstärkt durch Landespolizei, sofort ein» schritt. Mehrere Personen wurden festgenommen. Ein Beamter der Landespolizei wurde verletzt. Ver­suche der KomtNlmisten, auch in Greiz Demon­strationen zu veranstalten, blieben aus Mangel an Beteiligung erfolglos.

Tarifwesen.

- Die Buchdruckerlarise. Die Frühjahrstagung ber Provinzbuchbruckerei unb Zeitung s o e r - leger fanb im Preußischen Sanbtag auf Einladung bes vor kurzem gegrünbeten Bunbes ber Buchbruckerei- besitzer statt. Nach einem Referat bes ßanbtagsabg. Graef-Anklam über bie Sage ber Provinzpresse würbe eine Entschließung angenommen, bie ihr Be­fremden barüber ausspricht, baß es beim festen xartf« abschluß im Buckdruckgewerbe wiederum zum Abschluß eines zentralen Lohntarifs gekommen ist, trotzdem der Schiedsspruch zu Gunsten einer regionalen Ta- rifregelung entschieden habe. Die Prooinzverleger unb Buchbruckereibesitzer wünschten eine tarifliche Lohnfest­setzung auf Grunb ben in ben Provinzbetrieben ob» maltenben Probuktionsmöglichkeiten ber einzelnen Ta­rifkreise. Unhaltbar sei es, baß bas Buchdruck- unb Zeitungsgeroerbe weit über die Lohnhöhe der andern gewerttichen Betriebe liegende Löhne zahle.