51. Zahrg
Zreitag, 8. Zebruor 1924
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Cm Vorstoß Lloyd Georges.
Der frühere englische Premierminister enthüllt. — Rach dem Tode wilsonr.
Der Vorsitzende des Ersten Sarfivetftänbigen» aussckusfes, Dawes, und das Mitolied des Zweiten Sachverkändiaenkomitees, Robinson, statteten in Begleitung anderer amerikanisck-r Mitglieder des Sackverständigenausschusses der Notstands- küche des Hausfrauenvereins Berlin» Strelitz -einen Besuch ab. Die Anremmg nur Errichtung der Küche war von dem Berliner Vertreter der „Ehicano Abendpost" ausoeaana-n, die den Betrieb der Küche bis zum Frühiastr ficherge- stellt bat. Die Mahlzeiten werden kostenfrei an die Gäste der Küche abgegeben.
Der bekannte rheinische Industrielle Fritz Thyssen hat sich einem Pariser Journalisten dahin geäußert, daß es im I n t e r e s s e Der Reparationen besser gewesen sei, wenn Deutschland in den letzten Jahren eine Rechtsregierung gehabt hätte. Es fei Unsinn, zu behaupten, daß sie an Krieg gedacht haben würde. Sie allein wäre aber imstande gewesen, die auf allen Seiten notwendigen Opfer durchzusetzen.
Aus Al'tzey wird gemeldet: Die Separatisten haben auch das hiesige Kreisamt wieder geräumt.
* Politische Personennachrichten. Dos „B. T." .meldet, daß der deurs cke Bo kick ast er in Ma srau, Graf B-ockdorff Rantzau, auf Urlaub in Berlin eingetroffen sei.
kein Katholik befindet, versteht sich eigentlich von selbst.
Es kann nicht eindringlich gemig auf die gen hingewiesen werden, die sich aus der
.Hand der Arbeiterpartei ruht.
Die Beisetzung wilsonr.
wtb Washington, 6. Febr. (Id.)
wirtschaftliche Rampsbewegungen.
— Vie flasfperrung der Königtberger kl de terichast, die der ostvreutzische Arbeit leberoerbanä _<tn lefunbtgt hat, wert die Perbandlungen über Die Bei län lerunr der Arbeitszeit ergebnislos verlausen waren, hat am Mittwoch in bollem Umfanae eingesetzt Alle großen privat» wirtschaftbchrn Betriebe Iie-en still. Bon der Aus- sperruna find etwa 10000 Arbeiter betroffen.
— vieKckeitrzeit imlkshlenberibau. «us Dresden wird pemelvet: Auch Die sä bsischen staatlichen Kohlen» der werke sind dazu überqeoangen, von den Bergarbeitern eine Beriängerun, der Arbeitszeit zu fordern. Da die arbeitet die Mehrarbeit oerroeiacrten, wurden sie auS- oefpettt Zum Schutz der staatlichen Bergwerke in Zaukerode sind von der Direktion Potizeitruppen ange» rt-rhert worden.
Kurland.
* Heues aus Mexiko. Rach einer Havasmel- dung aus Mexiko erklärte General Obregon, daß die Bundestruppen Cordova eingenommen haben. Er bestätigte gleichzeitig die Räumung von Beracruz durch die Aufständischen. Der Führer der Aufständischen, General Huerta, soll nach der gleichen Meldung geflüchtet sein.
Nachdem Wilson tot ist, hat anscheinend Lloyd Georg« den Augenblick für gekommen erachtet, aus der Geheimgeschichte des Versailler Vertrages der Welt Dinge mitzuteilen, die bisher völlig unbekannt waren. Es liegen darüber Meldungen aus Paris und London vor, die zwar noch nicht kn vollem Umfang die Bedeutung der Mitteilungen des früheren englischen Ministerpräsidenten erkennen lassen, aber immerhin Fingerzeige geben, in welcher Richtung die Mitteilungen laufen:
wtb London, 7. Aebr. (Tel.) Diel beamtet wird in den Heuligen Abendblättern dis Anker- redung Lloyd Georges mit einem Vertreter der „Rewyork World", in der der frühere brikische Ptt- mierminister ein Abkommen erwähnt, da
zwischen Wilson und Clemenceau
im Jahre 1919 wahrend Lloyd Georges Abwesenheit bezüglich der Rheinlande abgeschlossen worden sei. Dem diplomatischen Berichterstatter des „Evening Standard" zufolge ist die Aufmerksamkeit Macdonalds auf diese in der „Ttero- york World" veröffentlichte Mittestung Lloyd Georges Mlenkk worden. Macdonald wurde um einen ausführlichen Dericht über die ganzen Umstände ersucht, der seht vorbereitet werde.
wtb Paris, 7. Febr. (Tel.) Bezüglich der von Lloyd George der .Rewyork Wold" gemachten Erklärung veröffentlicht das Ministerium des Aeußeren folgende Roke:
Die französische Regierung behäst sich vor, auf die Behauptung Lloyd Georges zu ankworten, wenn sie im Besitze des genauen Wortlautes ist. Für den Augenblick beschränkt sie sich auf die Er- klönmg, daß sie nicht den Tod der Präsidenten Wilson abgewartet hak, um die Zustimmung der britischen Regierung zu der Veröffentlichung des Gelbbuches zu verlangen, welches die Schriftstücke über die Ausarbeitung der Bestimmungen des Friedensverkrags bezüglich der Sicherheit Frank-
SSetanironrtiitb tüt d.e ScbriMeiiurm: Dr. Jobanner Kramer. Anzeigen: I. P arretier, Fulda. NotationSdrnck und Verlag der Fuldaer Aktiendruckerei in Fulda. Fermvrecher Nr- 9. ::
Nerugsvretr: Monat Februar K.0« Goldmar! frei Saus-
Peter Pauls-Kalhedrale ist heute Wilson unter den höchsten Ehrenerweisungen beigesetzt worden. Prä- fident Loolrdge, das Kabinett und das diplomatische Korps nahmen an der Feier keil. Die Regierungs- büros sowie handel und Industrie hatten im ganzen Lande die Arbeit für kurze Zeit zum Fei- chen der Trauer eingestellt.
Kus dem besetzten Gebiet»
MSttermeldungen aus Sterfrabe zufolge wurde dort beim Versuch, drei deutsch» Steinkohlengrubenarbeiter, die mit einem belgischen Soldaten in Streit geraten waren, aus einem Kaffee zu entfernen, der Offizier der belgischer» Militärpolizei Beck von Deutschen durch Dolch st! ch e verwundet. Sein Zustand soll ernst fein. Mr.Angreifer wurden verhaften
französische Regierung kenne kein Geheimabkommen, auf das sich die Unterredung Lloyd Georgs beziehen konnte- Es sei kein Geheimabkommen zwischen Wilson und Clemenceau abgeschlossen worden. Wenn eine Unterredung während der Abwesenheit Lloyd Georgs statkge- funden habe, so sei er sicher bei der Rückkehr unterrichtet worden.
Da das französische auswärtige Amt mit solcher Eile zu den Aeußerungen Lloyd Georges Stellung nimmt, beweist, welchen empfindlichen Punkt der Führer der englischen Liberalen berührt hat, doppelt empfindlich für Frankreich in einem Augenblick, da die Regierungsgewalt in England in der
Der Nachfolger Lenins.
Rykow.
In Beantwortung einer Rundfrage der „Jswcstija" an ausländische Diplomaten über die Ernennung Rykows zum Vorsitzenden der Volkskommissare schreibt der deutsche Botschafter Graf Brockdorff- Rantzau:
Rykow ist ein würdiger Nachfolger des großen Menschen, der den Völkern der Sowjet-Union neue Wege gewiesen hat. Die Wahl Rykows, des bisherigen Leiters der gesamten Volkswirtschaft der Sowjet-Republiken, liefert einen neuen Beweis dafür, daß die Erkenntnis des Wirtfchaftsauf- baues als Voraussetzung der politischen Stärke in der Sowjetrepublik tiefe Wurzeln gefaßt hat. Ich zweifle nicht daran, daß die russisch-deutsche Freundschaft von Rykow dieselbe Unterstützung erfahren wird wie seitens seines genialen Vorgängers.
In einer Sitzung der Reichstagsfraktion der Deutschen Demokratischen Partei erklärte Reichs- wehrm'nister Dr. Gehler, daß in diesem Augenblick die Möglichkeit zur Aufhebung des A u s - nahmezuftandes wohl noch nicht cegeben sei, doch sei eine Entscheidung des Reichskabinetts noch nicht getroffen worden. Die Fraktion vertrat die Auffaflung, daß zu einer Aenderung ihres mehrfach bekanntgsgebenen Standpunktes gegenüber dem Ausnahmezustand kein Anlaß vorliege.
Kbdau und Parität.
Von geschätzter Seite wird uns geschrieben:
Wenn wir hören, daß einstens der Preußenkönig Friedrich, dem die Geschichte den Beinamen der Große verlieh, durch Kabinettsordre verfügte, daß katholische Beamte mit einem Gehalt von über 300 Talern nicht angestellt werden dürfen, so kommt uns das heute etwas absonderlich vor. Gewiß, wir leben nicht mehr im Zeitalter des Absolutismus, wir werden auch eine derartige Kabinettsordre, so Gott will, nicht mehr erleben. Man ist auch in Preußen schon sehr bald nach Friedrich dem Großen in der Form viel weniger brutal geworden und hat für das, was man wollte, „rein sachliche" Gründe gefunden, ohne dabei freilich an der Sache selbst etwas Wesentliches zu ändern. Die Kubische Bürokratie blieb dem Katholiken oer- ossen. Erst 1825 ist der erste katholische Assessor beim Kammergericht angestellt worden, 1832 der erste kcth. Geh. Justizrat und vortragende Rat im Justizministerium. Und wie es in Preußen war,
so im Reich, und so auch noch in manch anderen ehemaligen Bundesstaaten.
„Der moderne Staat macht den Dock zum Gärtner, wenn er die politische Leitung den Ultramontanen überläßt", sagte Bluntschi, der Staatsrechtslehrer, vor einem halben Jahrhundert: das war damals die Anschauung der „maßgebenden" Kreise, und sie blieb es bis in die jüngste Zeit hinein, beherrschte die großen und die kleinen Geister, auch jenen Staatssekretär, der noch kurz vor Ausbruch des Weltkrieges triumphierend verkündete, sein Amt sei wieder „stubenrein" geworden, d. h. frei von Katholiken. Fürst Bülow, ein unverdächtiger Kronzeuge, stellt sehr mit Recht in seiner während des Krieges erschienenen „Deutschen Politik" fest, „daß in protestantischen Kreisen vielfach nicht die wünschenswerte Duldsamkeit gegenüber den Katholiken herrscht" und daß „das Gefühl der Zurücksetzung, das vielfach noch in katholischen Kreisen herrscht, nur überwunden werden kann durch eine wahrhaft paritätische Politik". Dann gab in höchster Kriegsnot der damalige Kanzler des Deutschen Reiches die Losung aus: „Freie Bahn dem Tüchtigen!" Man glaubte, nachdem das erlösende Wort gesprochen sei, müsse nun auch bald die Tat folgen, allein als der Abgeordnete Peter Spahn im Februar 1917 im Namen des Zentrums darauf hinwies, daß die Zentrumspartei in den Reichsämtern nur ganz dürftig vertreten sei, hüllte sich die Regierung zunächst in Schweigen und erst auf eine nochmalige Erinnerung im März erklärte der damalige Staatssekretär Dr. ßelffe» r i ch, daß die Regierung dieser Frage ihre „volle Aufmerksamkeit zuwenden werde". Bei diesem „Zuwenden der vollen Aufmerksamkeit" ist es dann geblieben, bis die Revolution kam.
Es wäre ungerecht, wollte man leugnen, daß sich in den letzten fünf Jahren im Reiche wie in den Ländern eine Wandlung zum Bessern gezeigt hat. Allein es ist, inbefonbere soweit dasReich in Frage kommt, nur erst der Anfang einer Aenderung des Systems, das dem überzeugungstreuen Katholiken die politisch und kulturell wichtigen Stellen in der Derwasiung zu verschließen sucht, lieber den ersten Anfang sind wir nicht hinaysgekommen. Das Feld beherrscht nach wie vor jene alte Bürokratie, die im großen und ganzen auch heute noch auf dem
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halnmg der Abdauverordnung für die Vertretung des katholischen Bolksteils in der Hoheitsverwal- tung des Reiches ergeben können. Wir sind wieder auf dem besten Wege dazu, bei dem flatus guo ante anzugelanaen, in dem der Katholik als Beamter an wichtiger Stelle eine seltene Ausnahme bildete. Man lasse sich durch die offiziösen Kundgebungen der mit dem Abbau betrauten Stellen keinen Sand in die Augen streuen! Die wiederholten Bersiche- rungen, daß alles auf das korrekteste zugehe, sollen nicht angezweifelt werden, dazu sind die Leute aus der „alten Schule" auch viel zu klug, sie geben sich kleine Blößen wie der Neuling auf dem Ministerpräsidentenposten in Thüringen. Und doch wissen sie zu erreichen, was sie wollen. Eine sehr bekannte deutschnationale Exzellenz äußerte kürzlich zu einem in Berlin akkreditierten Diplomaten: „Sobald wir mit der Sozialdemokratie fertig sind — und dieser Zeitpunkt ist nicht mehr fern — kommen d ie Ultramo n tan en an d ie R e i h e." Dieses Wort, das uns aus bester Quelle verbürgt ist, offenbart biewahreGefinnung, die in gewissen Kreisen dem katholischen Volksteil gegenüber herrscht. Für diese Leute sind wir heute noch dieselben Parias wie ehedem.
Dis politische Vertretung des katholischen Volkes hat in den Kriegs- und Nachkriegsjahren bei den mannigfachsten Gelegenheiten soviel Verständnis für die „Staatsnotwenbiakeiten" an den Tag gelegt, wie kaum eine andere Partei. Das kann ihr vom ganzen deutschen Volke kaum hoch genug angerechnet werden. Es wird ober nachgerade Zeit, auch wieder an Interessen zu denken, die auf die Dauer ebenfalls nicht hintangesebt werden können ohne Schaden für das Ganze. Das gilt gerade jetzt bei der Reorganisation der Verwaltung. Wir dürfen uns nicht an die Wand drücken lassen!
Standpunkt steht, den Bluntschli vor einem halben Jahrhundert vertrat, und sie hat es meisterhaft verstanden, trotz Revolution und parlamentarischem System die „Personalien zu wahren". Wir haben eine Reihe von Ministern im Laufe der letzten Jahre gestellt, aber zum „ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht", zu dem die Materie jeweils beherrschenden und bearbeitenden Vortragenden Rat, dem Referenten sind wir noch nicht gelangt. Die alte Bürokratie wußte sich da ihrer flaut zu wehren, und es gibt heute noch grobe und bedeutende Ministerien in Berlin, in denen unter vielen Dutzenden Referenten sich kaum zwei oder drei Katholiken befinden. Das ist k e i n 3 u f a 11, sondern dem sehr klugen Vorgehen derjenigen Stellen zu verdanken, welche die Veamienpolitik fest in ihrer Hand haben. Sie haben geschickt mit den Waffen operiert, die sie sich vom R e i ch s t a g in die Hand drücken ließen, fei es nun ein „Sperrartikel" im Etatsgesetz oder eine „Abbauverordnung", wie sie seit einigen Monaten von einem mit geradezu diktatorischen Vollmachten ausgerüsteten Kollegium
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Starke Gegnerschaft bei Demokraten und Sozialisten.
Donnerstag nachmittag beginnt im Fünf- zehnerausschuß des Reichstages die Beratung der drillen Steuernotveroibnung. Wie die Blätter melden, begegnet die Verordnung sowohl bei den Sozialdemokraten als auch bei den Demo- kraien heftiger Gegnerichast. Die sozialdemokratische Reichstagsfraklion hatte sich am 17. Januar dafür ansgefprochen, daß die Fragen, die tn der dritten Steue'.notverordnung geregelt werden sollten, nicht aufgrund des Ermächligungsgesetzes, sondern auf dem Wege der ordentlichen Gesetzgebung ihre Erledigung finden. .
Dem „Vorwärts" zufolge hält die Sozialdemokratie weiter an diesem Beschluß fest.
Zwischen den Sieuersachverständigen der demo- kratuchen Reichstagsf aktion un» der soziakdemolrati- schen Frakiton fanden im Reichstag Be prechungen über die Verordnung statt. Tie Demokraten stellten sich ebenso wie die Sozialdemokraten auf den Standpunkt, daß die HYPolhekenausw errang nicht durch eine Verordnung, wndern nur dur h ein Gesetz geschehen kann. In einer Fraktionssitzung Der demokratischen Partei wurde beschlossen, einen Antrag im Fünfzehnerausschuß etnjubnngen, in welchem die Fraktion unter allen Umständen eine gesetzliche Regelung sowohl der Frage der Hypothe- lenauftvetlung als auch der Frage des Finanzausgleichs fordert.
Ter Reichsrat beschäftigte sich am Mittwoch in seinen Ausschüssen mit der dritten Sleuernoiverordnung und msbe- sondere mit bet Frage der Hypothekenauf- roertung. Dte Abänderungsantrüge einzelner Länder, die teilweise eine giunolegenbe Aenderung bietet Frage enthielten» wurden abgelehnt und der zehn Prozentigen Hypothekenaufwertung zugestimmt.
Zur politischen Lage.
Das Reichskabinett genehmigte den Entwurf einer Verordnung zur Aenderung der Verordnungen über die Erwerbslosenfürsorge uni) über die Aufbringung dec Mittel für die Erwerbslosenfürsorge, den Entwurf zur Aenderung der Verordnungen über das Arbeitsnachwe sgefetz und auch den Entwurf einer Verordnung über die Arbeitszeit in den KrankenpflegeanstaltLN.
365 We tzn LniklWMM.
Aus Berlin wird uns von einem besonderen Mitarbeiter geschrieben:
lieber das Schluhergebrris der Berliner Sachverständigen - Konferenzen läßt sich in diesem Augenblick noch nicht sonderlich viel jagen. Die Sachverstänüigne werden chren Bericht erst in Paris festsetzen. Dieser Bericht wird den alliierten Regierungen zugeleitet und deren Vertreter der Reparationstominission werben die Em- scheidung haben, ob sie diesen Bericht als Grundlage für ihre Entschließungen nehmen wollen oder nicht.
Man kann mm gewiß nicht verlangen, daß die ausländischen Sachverständigen, — und es handelt sich wirklich um hervorragende und durchaus, sachverständige Persönlichkeiten, — in allem und jedem den Anscycnmngen Deutschlands über die Möglich- keilen der Sanierung der Währung und der Wiederherstellung der Zahlungs- und Leistungsfähigkeit Deutschlands zustimmen. Es ist ein offenes Geheimnis, daß über mancherlei und zum Teil sehr «mchtige Fragen bestimmte Memungsoerichisden- HÄten herrschen. So weiß man, daß die Sachverständigen, so vollkommen einig sie im Pri nzip für das von dem Reichsbankpräsidenten Schacht öorgelegte Goldnotenbank-Projekt sind, doch in der Frage ihrer Gestaltung nicht unerheblich von der deutschen Auffassung abweichen. Während der Reichsdankpräsident diese Bank ausschließlich als eine deutsche Gownotenbank konstruieren will, zumal fie ja in engster Fühlungnahme, ja in Personal-Union und in technisch-organisatorischer Gemeinschaft mit der Reichs bank stehen soll, sind die Sachverständigen in der Hauptsache für eine Regelung dahin, daß eine internationale Goldbank geschaffen werde, möglichst mit dem Sitz im Ausland, lieber die V rbringtmg der Kapitalien der Goldnotenbank in das Ausland zur Sicherung der Geldgeber und über die Beteiligung der ausländischen Gläubiger in der Verwaltung und Kontrolle der Bank hat die Reichsregierung schon sehr weitgehende und unseres Erachtens völlig hinreichende Zusicherungen gegeben, jedoch ist über bat Grundproblem des Charakters der kommenden Goldnotenbank im gegenwärtigen Augenblick noch feine Ueberemftimmung erzielt.
Eme weitere Meinungsverschiedenheit liegt aus dem Gebiet des S t sue r w e se n». Dre ausländischen Sachverständigen sind der Aufsasiung, daß das gegenwärtige deutsche Steuersystem nicht allen an- gebotenen Ansprüchen genüge. Sie roeifen besonders auf die Bestimmung des Versailler Vertrages hm, wonach Deutschland mindestens ebenso hohe Steuern feinen Bürgern auferlegen müsse als es bei dem stärkst belasteten Cntentestaat der Fall ist. Man bemängelte auch die Steuer -Verteilung, und man legte weiterhin der Regierung nahe, die Einführung neuer Steuern zu erwägen. Hier werden sich Schwierigkeiten erheben, die m fehr sorgfältigen Beratungen, die nun auch innerhalb der Regierung selber gepflogen werden muffen, aufzu- klären sein werden.
Grundsätzlich hat sich die Prüfung der Sachverständigen auf die allerdings außerordentlich schwierige Frage konzentriert, die Einkommens - und Dermögensverhältnisse Deutschlands nach ihrem heutigen inneren Goldwert festzustellen, um auf Grund dieser Prüfung einen Uebevblick darüber zu gewinnen, welche Steuern einerseits die Regierung nötig hat, um die öffentlichen Aufgaben zu bewältigen und welcher Bestandteil dieser Einkommen und Vermögen andererseits zur Abtragung der Reparationslasten herangezogen werden kann.
Geht man diesen Fragen nach, bann kommt aus die allerschwierigsten und verwickelfften Probleme, bte noch mehr verwirrt werden durch die Zerrüttung unserer Finalen infolge der Entwertung des Geldes, die einen festen Maßstab überhaupt nicht mehr Mckäßt. Wenn man weiter daraus aufmerksam motht, daß bei der jetzigen sog. „Aufwertung" nur 10 Prozent des früheren Godwertes und auch nur für ganz bestimmte dingliche Schulden in Frage kommen, sodaß also im Effekt diese Goldmarkbeträge M 90 Prozent nrfammengelegt werden, bann verwirrt sich bas Problem noch um ein beträchtliches. Die 90ige Verarmung der deutschen Wirtschaft im gesamten wie der Staatsbürger, von wenigen Ausnahmen abgesehen, kann bei den Feststellungen unserer .Kablungs- mtb Leistungsfähigkeit nickt unberücksichtigt bleiben. Wir stehen einer ungeheuren Schwäche der inneren volkswirtsckaftlicken Kraft gegenüber und wir besitzen dabei doch keine Möglichkeiten, bte Kosten bes Produkimispnnesses zu verringern. Ganz im Gegentell: Die betrieblichen Zusammenlegungen infolge ber Kapitalrwt wie überhaupt bte gewaltige Zusammensckrump'stmg ber Kapitalkraft bedingen Arbeite- unb Stellungslosigkeit, bte ihrerseits bte öffentlichen Geldmittel wieder ganz außerordentlich in Anspruch nehmen.
Alle diese Dinae muffen bei einer objektiven und sackgemäßen Beurteilung der deutschen Lage sehr wohl bemcküchtigt werden. Das Eutnchten, das die Sachverständigen jetzt ab utg eben ha^en, wird zeigen, ob diesen Erfordernissen Genüge getan wurde.
FuldaerZertung
Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Skadk Fulda. _______________