Einzelnummer 10 Pfenniq.
Amklicher Anzeiger für den kreis und die Sfaöf Fulda.
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Dienstag, 5. Februar 1924
Nr. 30
Bei SBieberßelmtee* Sobett- Beüi®e5te*te Snmfhnt a- »■ El.
Rußland, England und Deutschland
«ach LeninS-Tod
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egierung ein«
guläffip« Zahl von Sinwandern auf 2 Prozent der im Jahre 1890 in Ameiika vertretenen verschiedenen Rationen beschränkt werden soll. Die Gesamt,ab! der jährlichen Sinwandirer würde damit von 357 000 auf 169000 beschränkt werden.
Aus Moskau wird gemeldet: In der ersten Sitzung der Allrussischen Sowjetexekutive wurde der Rat der Volkskommissare gewählt, der sich folgendermaßen zusammensetzt: Präsident Rylow, Landwirtschaft: Smirnow, Ernährung: Kal- manowitzsch, Finanzen: Wladimirow, Arbeit: Ba- chutow, Inneres: Delcborodow, Justiz: Kerski, Unterricht: Lunatscharski, Dolkshygiene: Eemaschlo, Wohlfahrt: Jakowenko, Inspektion: Echwernik. Zum Vorsitzenden des Dolkswirtschaftsrats wurde Bogdanow gewählt.
daß Deutschland keinerlei Leistungen übernehmen könne, wenn seine Einheit zerstört sei.
Dr. Stresemann ging sodann auf die politische Lage im Innern ein. Em Soli, das den Krieg verloren habe, müsse sich darüber klar sein, daß es doppelt arbeiten müsse, um für die kommende Generation wieder erträgliche Verhältnisse
=» Zunahme der Koniurfe. Im Januar warm 31 Konkurse za ocr cichnen, oaS ist mehr als der DttuiwS- durchschnitt des letzten Quartals mit insgesamt 83 Konkursen. '
Nach der englischen Anerkennung der Lowjet-Republik. — Russische Beschlüsse - Eine Rede Stre emannS. — Gescheiterte bolschewistische Hoffnungen auf Sachsen.
Beamlensragen.
— Sie «rt,Zuschläge. Die preußische Regierung war an daS Reich mit der Forderung herangetreten, toet'.en der Erhöhung der Mretszuschläge vom 1. Februar ab die OrtSzuschIäge für die Beam ten zu erhöhen. Dem ,53. 3V zufolge hat da» Reich die» abgerehnt und eine Erhöhung der Ortszuschläge frühesten» für den L April in Aussicht gestellt.
= Bei Benrntenutlenb. SB. T. 53., dar die erste Nachricht über die Kürzung des Beamtenurlaubs gebracht hatte, berichtet jetzt: Zu der am 31. Januar verbreiteten Nachricht, daß derErholung»urlaub der Beamten für 1924 gleichmäßig um sieben Tage gekürzt werden solle, ist zu bemeiten, daß das ReichSkabmett zunächst oen Reicheminister des Innern beauftragt hat, mit den Beamten-Spchcnor^anisntionen und den Vertretern der Lande»regierungen über Die Regelung des Urlaubs für 1924 auf dieser Grundlage m Verhandlungen ernzutieten. Erst nachdem Das Ergebnis bteier Ver- qanolungen dem ReichSkabrnett voiliegr, wird diese» über die Kürzung de» Urlaub» endgiltig entscheiden.
Husland.
• Herabsetzung der amerikanischen Einwanderer- zisfer Aus Wäshinglon wird gemeldet: Der Euiwanderungsausjchutz des Reprä'entantenhauies erstattete Bericht über den ®e etzmiwurf zur Be- ichräntung der Einwanderung, wonach die jährlich
Wochen sei, hielten wir den Moment für geko unter bestimmten Bedingungen in die Regi
Deutsches Reich.
* Justizminister a. D. Swönsiedt f. Ter frühere preußische Justizminister Dr. v. Schönstedt ist am 31. Januar in Charlottenbura im 92 Lebensjahr qestorben. Er batte von 1894—1905 an der Spitze des Justizministerium« gestanden, von 1895—1918 dem Herrenhaufe angehört.
* LandtagSauslösung in Bayern? Nach einer Münchener Meldung wird in parlamentarischen Kreisen damit gerechnet, daß die Auslösung des Landtags durch einen eigenen Beschluß tm Laufe der Woche erfolgt. Damit erledigt sich das Volksbegehren der bayerischen VolkSParl»! von selbst.
bei, Industrie und Landwirtschaft seien notwendig, um unsere Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Die Desatzungskosten könnten nicht länger mehr be« zahlt werden, sollten wir nicht zu einem neue« Währungsverfall kommen. Sie feien aber bis jetzt getragen worden, tim die Bevölkerung der besetzten Gebiete nicht noch größeren Drangfalterungen auszusetzen. Dr. Stresemann schloß, daß die Deutsche Volkspartei jedem die Hand reichen wolle, der bereit sei, am Wiederaufbaude« Reiches mitzuarbeiten.
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Nach dem Bericht de* „Scrmärtü" über die Einhüllungen Sinowjews, die Reichsminister Dr. Sirese- mann in seiner Stettiner Rebe erwähnt hat, hat Sinowjew auf der letzten Parteikonferenz der R. Ä. Ä. u. a. gesagt, durch die Ereignisse de» Sommers sei die kommunistische Partei m den Kamps einer m Deutschland noch nicht dagewasenen revolutionären Welle gezogen worden. In Sachsen sei eine Mehrheit der Sozialdemokraten und Kommunisten auf parlamenarischer Grundlage vorhanden gewesen.
,$a» Exekutivkomitee sei stets gegen die Bildung einer legalen Regierung auf parlamentarischer Grundlage gewesen. Al» wir aber die Ereignisse so Änschätzien, daß die Krise nur eine Frage von wenigen
scheinheiliger Betrüger, wie ihn mancher mit Recht über sein Versagen empörte Deutsche nennen mag, sondern ein s ch w a ch er M en s ch, der sich zu viel zugetraut hat. Zu seiner Entschuldigung schrieb General Smuts, der jetzige Premierminister von Südaftika, der auch einer der Männer von Versailles war: „Wäre Wilson auch einer der großen Halbgötter des Menschengeschlechts gewesen, so hätte er den Frieden nicht retten können.' Dte Widerstände waren zu groß. Wer war zur Entschuldigung des fehlenden Propheten vorgebracht werden darf, kann n i ch t zu seiner Rechtfertigung dienen. Mit Recht schreibt die „Franks. Ztg. : Wer vor der Menschheit eine Aufgabe übernimmt, wird die übernommene Mission zum Richter haben und wird gerichtet werden, wenn er sich ihrer nicht würdig erweist. Der Mensch und der amerikanische Staatsmann Wilson hätte aber niemals die hohe Mission, die Welt in ein besseres, glücklicheres Zeitalter hinüberzuführen, antreten dürfen. Wilson hatte seine vierzehn Punkte und das Aktenbundel seiner wohltönenden Reden, aber er besaß für die Friedensregelung keinerlei konkreten Plan. Ein kluger Javaner verglich ihn wenige Tage nach seiner Ankunft in der französischen Metropole mit einem Mann vom Lande, der zum ersten Mal in die Großstadt kommt.
In dem politischen Leben hat Wilson seit seinem körperlichen und seelischen Zusammenbruch nach der Rückkehr aus Europa keine Rolle mehr gespielt. Seine Person und sein Werk gehören der Geschichte an. Ein letztes Urteil über ihn wird aber wohl so bald noch nicht möglich sein. In Deutschland freilich wird man bei Wilsons Namen immer an den Versailler Schandvertraa denken und ihn damit als M i t s ch v l d i g e n ansehen für den Zustand, in den Europa geraten ist, für die Unraft, Verwirrung, das Elend und den Haß, die uns die Jahre feit 1919 gebracht haben statt des Friedens, nach dem sich der größte Teil der Menschheit am Ende des Weltkrieges gesehnt hatte.
zutreten, damit wir uns von Sachsen au» zum Kamps um bk Macht entfallen konnten. Da« war, als General Müller ernannt wurde. Wir nahmen an, baß die Zeig- nerregierung bereit war, wirklich gegen das Weiße Bayern zu kämpfen und sofort einen kmx^sneten Ausstand mit 60 000 deutschen Arbeitern durchzuführen.
Die Dinge vollzogen sich aber ganz anders, als wir vorgefthen hatten. Die Kommunisten in der sächsischen Regierung fühlten sich nur al» Mitglieder einer gewöhnlichen Koalition. Darauf schrieb da, Exekutivkomitee einen vertraulichen Brief an die K. P. D., in dem es hieß: wir in Moskau beurteilten, wie Euch aut bekannt ist, den Eintritt der ftotnmuniftm in die sächsische Regierung lediglich al» ein militärisch -strategisch es Manöver. Ihr habt diesen Eintritt m einen politischen Mock mit der Linken der Snziakdemokratie verwandelt, die Euch die Hand reichte. Wir stellten uns die Sache so vor, daß der Eintritt in die sächsische Regierung nur die Eroberung eine» Kampffelder bedeutete, um auf ihm die Entfaltung der Kraft unserer Armee zu ermöglichen. Ihr habt es vorgezogen, die Beteillgung an der sächsischen Regierung in eine banale parlamentarische Kombination zu verwandeln. Darau» ergab sich untere politische Niederlage. Schlimmer al, da, — er ergab sich daraus beinahe eine Komödie. Eine Niederlage im Kampfe hätten wir ertragen können: wenn aber eine revolutionäre Partei am Vorabend eines Aufstandes sich direkt lächerlich macht, dann ist da- schlimmer als eine Niederlage. So bereitet man eine Revolution vor."
Die sächsischen Kommunisten werden also hier hüllenlos al« Handlanger der russischen Machthaber an den Pranger gestellt. Daß sie auch noch al« schlechte Handlanger bezeichnet werden, • ist sür sie besonder« unangenehm. Das deutsche Volk | aber weiß jetzt wenigsten«, wer die Kommunisten sind.
Die deutschen Vertreter in Paris und Brüssel.
Der Reicksprästdenr bat den Geschäftsträger in Pari«, Dr. Leopold v. Hoesch, zum Botschafter in Paris und den bisherigen Gesandten tn Belgrad, Dr. v. Keller, zum Gesandten in Brüssel ernannt.
Der neuernannte Botschafter Dr. Leopold b. Hoesch ist am 10. Hunt 1881 in Sachsen geboren. Nach bestandener juristischer Prüfung am 8. November 1904 wurde er am 23. August 1907 al« Anwärter für den diplomatischen Dienst zugelasien «nd bei Gesandtschaft in Peking überwiesen. Am 24. Juli 1909 wurde er der Botichaft in Pari« zu- geteilt, 1910 war er kurze Zeit kommissarisch bei der Botschaft in Madrid tätig. Am 2. März 1912 wurde er zum LegalionSsekretär ernannt und kom- mlsiarisch bei der Botschaft in London beschäftigt, am 15. Oktober 1912 wurde er zum 3. Sekretär bei der Botschaft in London ernannt, 1915 toar er kommissarisch bei der Gesandtschaft tn Sofia, 1916 bei der Botschaft in Konstantrnopel, 1917 tm Auswärtigen Amt verwendet. Am 11. April 1918 wurde er zum LegationSrat ernannt und war dann der Gesandlichaft in Chrrstiania und der Botschaft tn Madrid,»geteilt. Vom 18. Januar 1921 an war er wieder der Botschaft in Paris zugereiit, wo er am 14. Juni 1921 zum Botschaftsrat ernannt wurde. Seit dem Einbruch der Franzosen m daS Ruhrgebiet und der Abberufung de« Botschafter« Dr. Mayer fungierte Herr v. Hoesch als Geschäftsträger in Pari«. , .
Herr v. Keller, steht ausgangs der vierztger Jahre, ist Bayer von Geburt und Sohn eines Generals. Er ist aus der Konsulatrlaufbahn hervor- gegangen und war Generalkonsul in Loinenco MarqueS (Portug. Afrika) und Kalkutta, ferner tn Kap »adt. Dann war er lange Jahre in der Rechl«- abtetlung des Auswärtigen Amtes tätig. Wahrend deS Krieges schrieb er em Werk über daS Staats« recht der alten Donau-Monarchie, m dem er u. c. «uch auf die südslawische Frage ausführlich einging.
zu schaffen. Er verteidigte bann die Haltung der Regierung gegenüber Sachsen. Daß der Einmarsch der Reichswehr in Sachsen richtig war, beweise auch die heutige Nummer des „Vorwärts", in der eine in Moskau gehaltene RedeSinowj cws wiedergegebon fei, in der dieser sagte, daß der Dvl- schewtsmus gehofft habe, von Sachsen aus in Deutschland ein marschieren zu können.
Zur Währungsfratze übergehend betonte der Außenminister, daß wir zu einer festen Währung nur durch Dalanzierung des Etats kommen könnten. International« Kredite für Han-
Autzenminister Dr. Strefemaim
Mett am Sonntag in Stettin eine Rede über die politische Lage. Einleitend führt« Dr. Stresemann im Hinblick auf den Tod Wilsons aus, daß die Mehrheit des deutschen Volkes die Waffen niedergelegt habe, weil es an die Versprechungen Wilsons geglaubt hab«. Mit dem Namen Wilson sei unser außenpolitische» Schicksal verknüpft. Wir können heute nur die Außenpolitik eine« waffenlosen Volkes treiben. Wir müssen uns mit allen Kräften dagegen wehren, daß 'man uns die moralische Schutt» am Dettkriege zu» schiebt. In der Gegenwart ntod)« sich doch schon eine gewisse Entspannung der früher allein gegen Deutschland eingestellten Meinung der Welt geltend. In dem Zusammentritt der Eachverstän- digen sehe er den Ausdruck der Sorge und der Un» ruhe der Welt, hervorgerufen durch die Entwicklung der Dinge seit dem Frieden von Versailles. Eine der stärksten Tatsachen, vor denen die Welt heute stehe, fei der Währungsverfall in Frank- retch. Man hab« immer behauptet, Deutschland hätte den Währungssturz selbst herbeigeführt, um sich seinen äußeren und inneren Verpflichtungen zu entziehen. Aber wie groß wäre dann die Schuld des Staates, der als Sieger aus dem Weltkrieg hervorgegangen sei. Aufgabe der Sachverständigen wäre es, ine Frage zu lösen, wie die Währungen der Länder zu regeln seien, sodaß sie wieder in «in feste« DerhÄtnis zueinander kommen. Unzweifelhaft werde sich «in Zusammenhang dieser Frage mit allen anderen Fragen ergeben, dis darauf beruhten,
Wilson f.
Die aus Rewyork gemeldet wird, ist dort am Sonntag vormittag der frühere Präsident der Vereinigten Staaten WoodrowWilsonder schweren Krankheit, die ihn erfaßt hatte, erlegen. Wie die Expreß-Korrespondenz meldet, gab der Kranke, trotzdem er in den letzten Stunden sehr schwach war, noch immer Zeichen von Humor. Als er in einem kurzen Augenblick die Besinnung wieder erlangte und neben seinem ständigen Arzt zwei weitere Spezialisten an seinem Krankenlager erblickte, sagte er lächelnd: Manchmal verderben allzuviele Köche den Brei!
Vielleicht hat der in wichtigster Zeit auf wich° ftgsten Staatsmann-Posten berufene Professor Wilson mit obigem Scherzwort auch an die Verhandlungen, die 1919 in Paris geführt wurden, gedacht. Dort ist ja auch der Plan, der den Frieden Europas und der Welt herbeiführen sollte, durch die vielen ,Löche" zum verhängnisvollen Quell unversöhnlichen Hasses und Streites geworden. Wil- tzm hat das sicher nicht gewollt. Er war kein
Der Sowjetkongreß hat einstimmig eine Ent- - schließung angenommen, in der er zunächst mit Befriedigung festgestellt wird, daß die de jure- Anerkennung der Sowjetregierung einer der ersten Schritte der erften englischen Arbeiter- regierung fei. Die Entschließung weist darauf hin, daß die aus der großen russischen Revolution hervorgegangene Arbeiter- und Bauernregierung der Sowjetunion sich von Anfang an als erftes Ziel den Kampf um den Frieden gestellt und unermüdlich die Wiederherstellung der Beziehungen zu allen Volkern angeftrebt hat. Die englische Arbeiterschaft fei allezeit den werktätigen Sowjetrepubliken bei dem Kamps um den Frieden treu verbündet gewesen. Als Ergebnis der Friedenspolitik der Sowjetregierung unter Lenins Führung und des testen Willens des englischen Volkes fei die Wiederherstellung normaler Beziehungen zustande gekommen. Angesichts der gespannten internationalen Beziehungen gewinne dieser Schritt der englischen Arbeiterregierung besondere Bedeutung. Der Kon- i greb erklärt, daß die Arbeitsgemeinschaft | mit den Völkern Großbritanniens stets eine der wichtigsten Sorgen der Unionregie- \ rung bleiben werde, die in Uebereinftimmung mit i der Friedenspolitik alle Bemühungen zur Löfung ■; der strittigen Fragen und zur Befestigung der wirt- i chaftlichen Verbindungen einfetzen werde. Der - Sowjetkongreß reiche dem englischen Volke bruder- lich die Hand und beauftrage die Union: eaienmg, alle aus der erfolgten Anerkennung der Sowjetregierung folgenden Schritte zu unternehmen.
Berautwortlrw .irr ine Sdmitleitung: $r. Jobanner 8 tarnet. Anzeigen: I. iS amtier. Fulda. Stotatienibrutf und Verlag der .: Fuldaer ActlendruSerei in Fulda. Fernlvrecher Skt. S. ::
BerugIvrei»: Monat Februar S.vv «oNnuark ftei Saut-
Nach der Revolution ging er in die Friedensabteilung de« Auswärtigen Amte» über. Im Jahre 1920 erhielt er einen Ruf als Ordinarius für Staate« recht an die Universität Rostock, lehnte aber die Annahme de« Stufe« ab, weil et inzwischen zum Ge- tcbäftSträger in Belgrad ernannt worden war. Er übernahm den Posten im August 1920 und wurde dort im Dezember 1921 zum Gesandten ernannt.
Vie Zukunft der Reichsbahn.
Man schreibt uns von unterrichteter Seite: Wenn die Reichsbahn nunmehr nach dem Beschluß des Kabinetts eine organisatorische Urnge- staüung tm Sinne der (Schaffung eines selbständigen wirtschaftlichen Unternehmens erfährt, |o ist damit im Grunde nur eine Vorbedingung erfüllt, die in der Reichsverfaffung schon zum Ausdruck gebracht wird- Allerdings hatte man sich damals das selbständige wirtschaftliche Unternehmen innerhalb des Reichshaushalts gedacht. Wie ungünstig die Verknüpfung eines Verkehrs-Unternehmens mit dem Reichshaushalt ist in Zeiten einer jede Kalkulationsmöglichkeit ausfchaltenden Inflation, haben wir ja zur Genüge erlebt. Wenn jetzt diese Frage nicht auf gesetzgeberischem Wege, sondern durch eine Notverordnung zu lösen versucht wird, dann liegt das nur an dem Druck der Verhältnisse, wie er gegenwärtig auf uns lastet. ,
Denn alles und jedes, was jetzt gefcyieht, mutz einzig und allein betrachtet werden unter dem Gesichtspunkt des Schutzes der Rentenmark. An diesem Schutz liegt der Reichsregierung alles und zu seiner Durchführung ist die Reichsregierung entschlossen, alles und jedes zu tun, auch die stärksten Maßnahmen zu ergreifen. Denn ein Absinken der Rentenmark in eine neue Inflation wäre einfach untragbar, ein grenzenloses Unglück, das nur mit einer furchtbaren Katastrophe enden würde, wäre die Folge. Und daher müssen die jetzt förmlich sich häufenden Notmaßnahmen und -Verordnungen Eingenommen werden, auch wenn sie unbequem sind und auch wenn wir wissen, daß sie sehr schwer wirken. Aber sie haben nur den einzigen Zweck, die Rentenmark zu sichern und dadurch wieder feste Kalkulationen und Dispositionen dem einzelnen wie der gesamten Wirtschaft zu ermöglichen. .
Unter diesem Gesichtspunkt allein find auch dte Maßnahmen zu betrachten, die die Reichsvsrkehrs- verwaltung nun ergreift. Seitens des Reiches Uno ihr alle Zuschüsse entzogen und daher muß sie versuchen, die Finanzen von sich aus in Ordnung zu bringen. Nichts wirkt seelisch auf die Eisenbahnbeamten schwerer ein als die Erkenntnis, daß es ♦roh allerschwersten Anstrengungen bisher noch nicht gelungen ist, die Eisenbahn wieder zu einem Ueberschußbetrieb zu machen. Um dieses Ziel herbeizuführen, werden nun alle Kräfte darangefetzt. Daß man das kann, ist auch nur eine Folge der Stabilität der Rentenmark. SJSl'“ Wffl Nv- vember 1923, an jenem Tage, da die Notenareffe versiegelt wurde, war eine Kalkulation überhaupt nicht möglich. Jetzt hat man einen festen Boden unter sich. Jetzt kann darum auch die finanzielle Sanierung der Eisenbahn mit Erfolg in Angriff genommen werden.
Und so hat die Notverordnung bezüglich der organisatorischen Umgestaltung der Reichsbahn bett Hauptzweck, der Reichsbahn die Aufnahme eigener Kredite zu ermöglichen. Solange die Reichsbahn nur ein Bestandteil des Reichshaushalts war, hastete sie für alle Schulden des Reiches und umgekehrt. Das erschwert die Kredit- gebmtg sehr. Aus der neuen Basis ist bereits über die Kreditgewährung verhandelt worden. Auf thr gründet sich der englische Kredit für b i e Kohlen, ferner ein Wechselkredit in Rentenmark, der in gewissen Zeiträumen abgetragen werden muß, und weiter Verträge mit industriellen Unternehmen, wonach Materialien gegen spätere Zahlungen geliefert werden sollen. Weiter hat der Reichsrat soeben sein« Zustimmung für einen Pfandbrief-Kredit von 1Q0 Millionen Rentenmark gegeben. — Im Gegensatz zu der organisatorischen Umgestaltung bei der Post, wo sokvrt eine endgültige Regelung eintritt, die durch eine offizielle Gesetzesvorlage verankert wird, ist die Regelung bei der Eisenbahn noch nicht endgültig. Es handelt sich zunächst um einen Heber» gangszustand, der dis Möglichkeit geben soll, die wirtschaftlichen Absichten durchzuführen. Die ge« setzgeberische endgültige Regelung für dte Verhältnisse bei der Eisenbahn wird erst spater erfolgen.
Die Stellung der Reichsbahn zum Reich bleibt zunächst darum auch noch etwas unvollkommen. Indessen ist mit Nachdruck hervorzuheben, daß die Notverordnung nicht dazu bestimmt ist, eine Privatisierung der Bahn vorzubereiten. Wie prompt unsere Eifenbahnverwaltung heute schon arbeitet, geht daraus hervor, daß am l._5ebr. beim Reichsverkehrsminister schon der vollständige finanzielle Abschluß sämtlicher Verwaltungsbezirk« für den Monat Januar refttos vvraelegen hat. Bester kann auch der beftorganifierte Privatbetrieb in der Tat nicht arbeiten. Die Eisenbahn rotrb auch weiterhin vom Reichskabinett, Reichstag und Reichsrat abhängig bleiben und damit der Kontrolle der parlamentarischen Körperschaften unterstehen. Nur bezieht sich diese Kontrolle nicht mehr auf Einzelheiten des Haushalts, dagegen muffen Bilanz, Gewinn- und verlustrechnung Jahresberichte ufw. vorgelegt bleiben. Auch an der Spitz« des umgestalteten Betriebes wird der Verkehrs- minister stehen und zwar als Mitglied des Kabt- netts, sodaß also auch das Kabinett jederzeit die Möglichkeit hat, auf die Geschäftsgebarung Einfluß zu üben. Die spätere Ausgestaltung durch Gesetz wird freilich keine leichte Aufgabe fein, -sie nnro auch eine Bereinigung des Verhältnisses der Reichsbahn zu den Ländern bedingen, namentlich zu denen, die eigenen Bahnbefitz haben, eoweit Staatsverträge in Betracht kommen, kann auch bt» Rotverorbnung nichts wesentliches änbern.
■ Die späteren Absichten her Retchsregteruns gehen dahin, die wirtschaftlichen Aufgaben der Reichsbahn stärker als bisher auszuprägem Man wird insbesondere den Weg der Dezentrale ; fierung beschreiten muffen. Wenn aber die Reichs- i bahn ein wirtschaftliches Unternehmen fein soll, 1 bann muß sie auch von allen überflüfftgen Aus«