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Sn der russischen revolutionären Bewegung sind «oft von Anfang an immer zwei grundsätzlich ver­miedene Richtungen einander gegenüber gestanden. Die eine Richtung war antidemokratisch: Alles für das Volk, aber nicht durch das Volk, son- Sern durch uns, feine revolutionäre Elite. Dieser Streit wurde nicht nur praktisch durch- aekührt, sondern auch theoretisch, wissenschaft­lich in Briefen, Zeitschriften, Büchern, in den Be­ratungen und Kongressen, in den Versammlungen und Organisationssttzungen der revolutionären Parteien auf russischem Boden und im Ausland, in den nächtelangen Diskussionen, von denen Tur- aeniew behauptete, daß sie nur im russischen Volk möglich sind. Diese unendlichen Auseinander­setzungen führten zu einem Doktrinarismus, der uns unerträglich scheint, aber sie haben nicht nur die Dialektik der Revolutionäre ungeheuer aus­gebildet, so daß sie jeder Debatte gewachsen waren, sie haben sie auch dahin geführt, die Anwendung ihrer Grundsätze auf alle möglichen Verhältnisse des praktischen Lebens zu diskutieren, so daß sich doch wenigstens eine Vorstellung von einem Leben unter der Herrschaft jener Prinzipien machen konnten, die tatsächlich nur in ihren Köpfen und Büchern existierten. Wenn dann später das Leben den Bolschewiken ganz andere Probleme aufzu­lösen gegeben hat, als sie an den Tischen der Emigranten in Genf und Brüssel aufgeworfen wurden, Probleme, die sie nicht zu lösen im- stände waren, so waren doch die Grundzüge einer sozialistischen Verwaltung für sie keine ganz ver­schwommenen Gebilde und sie konnten in dem Chaos des Umsturzes doch eine Art von Verwal- Mng einrichten. Dabei waren genug Leute unter ihnen, die „ins Volk" gegangen waren. Das war auch eine bestimmte revolutionäre Doktrin, die den revolutionären Intelligenzlern vorschrieb, als „flie- gende" Agitatoren über Land zu gehen oder sich unter Dauern oder Arbeitern anzusiedeln, mit ihnen zusammenzuleben, sie zu beeinflussen und zu ge­winnen. In dieser jahrzehntelangen Hebung lern­ten sie, daß der russische Bauer jede politische Propaganda ablebnt, und daß ihn ein einziger Wunsch beseelt: Mehr Land und vor allem das Land des Gutsherrn. Aus dieser Erkenntnis ent­wickelte Lenin seine Taktik gegenüber der russi­schen Bauernschaft. Die polttische Interesselosigkeit und der Landhunger der hundert Millionen russi­scher Dauern sind einer der Grundpfeiler der bol- schewikischen Herrschaft.

Auch für das zaristische System war dieser indolente russische Dauer ein ungeheuer bequemes Element gewesen. Der rührte sich nicht und ver­haftete, verprügelte, erschlug wohl gar den „Weiß- händigen" (Intelligenzler), der als revolutionärer Agitator zu ihm hinauskam. Der ganze Haß des zaristischen Apparates richtete sich gegen diese zum überwiegenden Test eben der Intelligenz entnom­menen Agitatoren. Untereinander lebten diese häufig in der b i t t e r st e n Feindschaft und diese Feindschaft hat sich ungeschwächt- -1H' die Emigrantenkrcise übertragen. Zwischen diesen meist bettelarmen, existenzlosen, von einem gemeinsamen Feind in die Fremde versagten Menschen, die viel­fach die zaristischen Gefängnisse,-Las zaristische Si­birien und die zaristische Änyft' kennen gelernt hat- tertr ^.V^Mchfte.Dexu)ändte diesem System zum Opfer gefallen waren, die haßten einander mit einem vollen, satten Haß. Sie haßten einander, während sie sich im Ausland herumtrieben, sie haß­ten einander, als sie nach der Februarrevolution von 1917 nach Rußland zurückkehrten und der Haß blieb unvermindert, als die Bolschewiken zur Herr­schaft gelangten. Die furchtbaren Verfolgungen, denen gerade sozialistische Gruppen und Personen in Sowjetrußland ausgesetzt sind, haben wohl in vielen Fällen an einem Kaffeehaustisch in Lausanne ober in London ihren Ausgangspunkt genommen.

Diese Zwistigkeiten der Resolut io- nare untereinander änderten nichts an ihrer gemeinsamen Verfolgung durch die zaristische Macht. Es war ja auch zu ärgerlich, im ganzen Reich wäre alles in Ruhe und Ordnung gegangen, wenn nicht eine Handvoll Intelligenzler immer wieder versucht hätte, das brave Volk zur Revo­lution aufzuwiegeln. So malte sich das Bild in den Köpfen der dritten Abteilung, der Generale und der Gouverneure. Mit dieser Handvoll In­telligenzler würde man doch noch fertig werden. An den Galgen mit ihnen, in die Bergwerke, auf den 8000 Kilometer langen Leidensweg nach Sibi­rien! Die Gegenwirkung konnte nicht ausbleiben. Das Volk, das man befreien sollte, hielt zum Väter­chen Zar und schlug feine Befreier tot, es verlor feinen Nimbus in den Augen der Revolutionäre, und gegen die herrschende Schicht entspann sich die Blutrache. Diese herrschende Schicht übertrug ihren Haß gegen die revolutionäre Intelligenz auf die Intelligenz überhaupt, Studenten, Profesioren, Schriftsteller, alles das waren in den echten russi­schen Kreisen anrüchige Berufe. So wurde die Intelligenz mehr oder minder zu den Revolutio­nären hinüber getrieben. Begabung an und für sich war verdächtig, Selbständigkeit ein Verbrechen, und je mehr die russischen Revolutionäre sich zur Propaganda der Tat entwickelten, desto schärfer wurde der Kampf der Regierung gegen die Intelli­genz und desto mehr fand die Intelligenz die Ge­walttaten entschuldbar oder doch verständlich. Die ungeheure Unterstützung, die in diesem Verständnis, in dieser Entschuldigung liegt, haben die Bolsche­wiken der Intelligenz nicht'gelohnt. Im Vergleich zu einem Professor im heutioen Rußland war ein Professor im zaristischen Rußland ein freier Mann und ein glücklicher Mann. Lenin war von allem

Alle diese Taffachen der Entwicklung haben dem Bolschewismus die Fähigkeit gegeben, die Herrschaft an sich zu reißen und zu behaupten. Selbstver­ständlich konnte diese Fähigkeit nur auf der Grund­lage der historischen Ereignisse, auf dem Böden wirksam werden, den die lange Kette der russischen Revolutionen feit 1825, den insbesondere die Revolution von 1905, den der moralische Zu­sammenbruch der russischen Gesellschaft, wie er sich namentlich im russisch-japanischen Kriege äußerte, vorbereitet hatte. Richt minder selbstverständlich ist es, daß die Tatsache, die Dauer und der Ver­lauf des Weltkrieges die Voraussetzung der Ok- ♦oberreoolution von 1917 gewesen sind. Aber alle diese Voraussetzungen können uns die diktatorische Herrschaft der Bolschewiken über Rußland nur sehr schwer begreiflich machen. Um auch nur den Ver­such zu machen, dieses Phänomen zu verstehen, mutz man die revolutionäre Entwicklung in Rußland pragmatisch und psychologisch in sich aufzunehmen trachten. .

Auf dieser Folie tritt uns die überlebensgroße Gestalt Lenins entgegen, an dem vor allem andern eine Eigenschaft ins Auge springt: die in­tolerante Hartnäckigkeit, mit der er an jedem Detail seines revolutionären Konzeptes (nicht feiner wirtschaftlichen Orientierung!) sesthielt. Jene Eigenschaft, die, wenn sie nicht berufen wird, sich an leitender Stelle auszuwirken, als Borniertheit der Lächerlichkeit verfällt, und die als das untrüg­lichste Zeichen des handelnden Geni-s gerühmt wird, wenn es ihm gelingt, die Ereignisse des wirk­lichen Lebens nach ihren phantastischen Einfällen zu modeln.

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Anfang an entschlossen, diese bürgerlichen Schichten S benutzen, sie arbeiten zu lassen, aber im ent» eidenden Augenblick sie nicht um ein Haar besser zu behandeln als irgend einen zaristischen Polizei­chef. Diese antogonistischen Schichten hatten keine Ahnung davon, daß sie einmal von den nämlichen lettischen und chinesischen Henkern ins Jenseits be­fördert werden würden. Es war ihnen nicht klar, daß sie untereinander dasselbe tragikomische Spiel aufführten, wie die einander befehdenden Revo­lutionäre.

Der furchtbare Druck des zaristischen Systems hat in Rußland seit jeher das Entstehen gehei­mer Gesellschaften geradezu erzwungen. Das ist die sogenannte „Podpelja", die unter­irdische Bewegung. Zu diesem System wurden schließlich alle Revolutionäre gezwungen und dieser Umstand war ein fast unwiderlegliches praktisches Araument für die, die sagten: „Für das Volk, aber nicht durch das Volk". Wenigstens für das Stadium der Revolution unwiderleglich. Man konnte gor keine Massenorganisation schaffen, man konnte nicht trachten, die Majorität der hundert- fiinfzig Millionen Untertanen des Zaren auf feine Seite zu brinoen. Man mußte Leute haben, die Gefängnis, Tod und Foster nicht scheuten, mit anderen Worten, eben die revolutionäre Elite. Dazu kam noch die Verbindung mit den Emigranten im Ausland, das unaufhörliche Hin- und Zurücktragen von Nachrichten, Fragen, Befeh­len und Signalen, das Einfchmuggeln von Ballen um Ballen von Propagandaschriften, und dies alles bei der ungeheuer scharfen Aufsicht und Kontrolle der russischen Behörden. Me Zeremonien der Paßreviston, die wir sonst erst seit 1914 kennen gelernt haben, waren in Granica und Wirb allen schon vor dem Krieg etwas Selbstverständliches. Einen russischen Paß auf reguläre Weise zu er­langen, war nur für den neunmal Durchgesiebten möglich. Aber du lieber Gott! Um wie viel war der Mut und der Scharfsinn der russischen Revolu­tionäre den russischen Behörden überlegen! In dieser viele Jahrzehnte langen Schule haben die Bolschewiken die Verschlagenheit, die Verstellunas- kunst, die organifatorische Gewandtheit, die All­gegenwart und Unauffindbarkeit gelernt, die die kommunistische Propaganda heute in der ganzen Welt so gefürchtet macht. Sie rechnen weder in Rußland, noch sonstwo auf die Masten, und wenn die Weltrevolution nicht gelungen ist, so geben sie die Schuld daran nicht den Völkern, sondern den kommunistischen Parteien in Deutsch­land, Frankreich, Italien ufro. Sie haben ja in Rußland gezeigt, wie man mit einer Handvoll Menschen ein Hundertmillionenreich revolutio­niert, und wenn die anderen das nicht zustande- bringen, so find sie eben unfähig. In ihrem furchtbaren Kampf gegen die zaristischen Macht­haber haben aber die Bolschewiken auch noch etwas gelernt, die vollständige Gleichgültigkeit gegen das als notwendig erkannte Mittel.' Diese Leute haben Jahre und Jahrzehnte so Unerhörtes mitgemacht, so Unermeßliches erduldet, daß die, die nicht zu- sammengebrochen sind, verhärtet sind. Man kann wähl annehmen, daß die Erekutivorgane der Außerordentlichen Kommission zum groß-n Teile bestialische Geschöpfe waren, denen das Meer von Blut und Tränen, das sich über Rußland eraoß, ein teuflisches Vergnügen bereitete. Dagegen ist es viel schwieriger, sich ein Bild der Psychologie ihrer Auftraggeber zu machen, und aller derjeni- g-n, die um die Hölle wußten, die die Kommission in Rußland auf gerichtet batte. Es ist mir nicht erinnerlich, daß die sozialistischen Parteien, solange der Terror gegen das Bürgertum in Rußlanv wütete, so flammende Worte des Protestes und der Verurteilung gefunden hätten, wie gegen den weißen Terror ober gegen den faschistischen Terror, der, an jenem Terror gemessen, doch nur ein Stäub­chen gegen einen Berg ist.

Die Kräfte des Dolschewismus

Bo» Dr. Heinrich Mataja, Wien.

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Ä. G. Man soll die Musen nicht auch noch in die Auseinandersetzung zwischen Hausbesitzern und Mietern hineinziehen. Schon in Prosa wird aus diesem Ge­biet genug geleistet. Sie schließen ihr Lied mit dem versöhnenden Hinweis aus das enge Heim, das jeden am Schluß des Lebens erwartet:

Da gibts kein Kopfzerbrechen, Was Derwaltungs-, Betriebskosten sind. Da braucht Ihr nicht zu blechen. Frei wohnen Greis und Kind.

Rur Geduld, es kommt die Stunde,

LSÄer» Yeröffentlickuna muß aus de>rn Gründen unterbleiben. Schönen Dank!

vermischtes.

* vom hessischen Fürstenhaus. Prinz Wolf­gang v o n H e ss e n, ein Sohn des Prinzen Fried­rich Karl von Hessen und feiner Gattin, geb. Prin­zessin Margarete von Preußen, hat sich mit der Prinzessin Maria Alexandra von Baden, einer Tochter des Prinzen Max von Baden, ver­lobt. Der Verlobte ist ein Zwillingsbruder des im Weltkriege gefallenen Prinzen von Hessen.

* Deulschlands jüngster Bürgermeister. Die Gemeinde Luckau (Niederlausig) hat sich den Stadtobersekretär Brendel in Pößneck zum Stadtoberhaupt gewählt. Mit einem Aller von nur zweiundzwanzig Jahren dürfte er der jüngste Bürgermeister überhaupt sein.

4 (Ein yeldendenkmol der Mutter. Wie aus Florenz gemeldet wird, soll in der Kirche von Sancta Croir der Mutter als der wahren schmer­zensreichen Heldin des Weltkrieges ein Denkmal errichtet werden. Der Gedanke geht von dem Fürsten Conzaga aus, der an einem Wort des englischen Dichters Seats anknüpst, demzufolge man nicht nur die großen Männer ehren solle, sondern vor allem auch diejenigen, die sie geboren uni) er­zogen haben und die in ihren toten Söhnen dem Vaterland die größten Opfer gebracht haben.

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— Lauterbach. In einer aus den verschieden­sten Kreise der Stadt stark besuchten Versammlung wurde gegen die von der Eisenbahnverwaitung ge­plante Aufhebung des Südbahnhofes energische Verwahrung eingelegt, da hierdurch dis wirtschaftlichen Interessen der Stabt stark beein­trächtigt wurden.

--- Hersfeld. Die bürgerlichen Mitglieder des Kreisausschusses haben an das «taatsministerium und den Oberpräsidenten ein Schreiben gerichtet, in dem sie es ablehnen, wegen der Berufung des Sozia­listen Hauschild zum kommissarischen Landrat, an der Kreisausschußsitzung teilzunehmen.

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