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FuldaerZertung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stabt Fulda.

51. Zahrg

Donnerstag, 24. Januar 1924

auswärts 0.80 Boldmark.

Nr. 20

Bet »llderbolneaen Rabatt. Pvktilbeckiouto Srenthnrt a- « El.

Levin, FHrer Der kovlWvWlhen Mermtiovale, t

Die Arbeit im Geiste desien, was Lenin uns ver-'

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Sinei fee» der

Am 21. Januar abends ist Lenin in Gorki bei Moskau gestorben. Das ärztliche Bulletin lautet: Am 21. Januar trat im Gesundheitszustände Lenins eine plötzliche Verschlimmerung ein. Um halb 6 Uhr abends trat Bewußtlosigkeit ein und allgemeine Entkräftung. Um 6.51 gab Lenin unter Erscheinungen der Paralyse des Atmungszentrums seinen Geist auf. > >

tou-.be gewählt Gräf (Frankfurt a. M.) mit 47 Stim­men, während auf HaüenSleben 22 Slimmen fielen. Zum zweiten stellvertretenden Präsidenten wurde gewählt DallenSleben mit 89 Slimmen; 18 Zettel unbeschrieben abgegeben, die übrigen 11 Slimmen waren zersplittert.

* Weniger ReichStagSabgeardnete. TaS Reichs- labinett wird sich Ende dreier oder ipätestenS Anfang nächster Woche m't einer AbänderungSvorla^e zum Gesetz über daS RetchS-agswahlrecht befassen. Die RerchSregierung hatte der Lerabschiedung der letzten Novelle zum WahlrewtSge etz rm Dezember ver­gangenen JahreS dre Erklärung abgegeben, daß sie rm Januar eine Vorlage über die Verminderung der Zahl der ReichStagsabgeoroneten und die Steurimeilung der großen Berliner Wahlkreise

verloren. Das internationale Proletariat hat den größten Verlust leit dem Tode Karl Marx erlitten. Hut ab vor dem frischen Grad des großen Meisters. Die Arbeiterklasse und das internationale Prole­tariat weiß, was es in der Person Lenins verloren fiat. Die Kommunistische Internationale und die Sowsets werden die Reihen zusammenschließen für

Hallenslebrn 22 Dr. Adenauer ist somit wiederge« wählt. Zum ersten stellvertretenden Präsidenten

$lei et gen »Brette: Stemwile (Colonel) lotai 0,15 Soldmort auSwürt» OSO Soldat ar!: Reklame,etle letal 0,60. Soldmar!

einbringen werde. Die neue Wahlgesetzvorlage wird sich im Rahmen der R-ichsverfassung hallen. ES wirb all» an dem Proportional wahlrecht nicht gerüttelt werden. Aber die Zahl der Abgeordneten soll vermindert werden und eine enge Verbindung zwischen dem Gewählten und seinem Wahlkreise wiederhergestellt werden.

* Der Streit in der sächsischen Sozialdemokratie. Wie der .Vorwärts' aus Dresden melöet, befaßten sich die ganzen Instanzen der sächsischen Sozialdemo- hatte in den letzten Tagen erneut mit der Haltung der FraktionSmehrheit zu dem Ergebnis de« jüngsten Parteitages. Bekanntlich lehnte die Frakttons» . Mehrheit eS ab, bo5 Kabinett Held zum Rücktritt zu zwingen und sich für Neuwahlen zu entichetden Im Laufe der Beratungen lotöerien zwei Mitglieder

Deutsches Reich.

* Bei ver Präsidentenwahl im Preußischen Staats- erhielten Stimmen: Dr. Adenauer (Ztr.) 47,

M Mk SlMMlMMM.

In einer Sitzung des Reichskabinetts am Diens­tag erstattete 'Reichsfinanzminister Dr. Luther Bericht über die geplante dritte neue Steuernot­verordnung. Beschlüsse wurden nicht gefaßt. Die Beratungen werden fortgesetzt. Weiter berichtete der deutsche Geschäftsträger in Paris, Botschafts­rat v. H o e s ch, über seine Besprechungen mit dem französischen Ministerpräsidenten.

macgt hat ’ *

Der jetzt verstorbene kommunistische Diktator, der die tu||i|uyc steuoniiton im tfruyiayr iait aus aem ltverar-ui«r)cyousioziai.iillstyeti vay£kOtiU4r 4um kEnt“ fetzen der EiiiLateiuucyte ms toaununijlijaze einoog, u)ur isiO m Smunrst geooten. Sa-on ms <sieo° zeynjayiiger wurde er wegen der Xeilnatjine an öiuueiueiiunrug«n von der Universität Haian reift» giert, wahceno sem älterer Bruder im gleichen oayre em geplantes Boin^enaiteiuat aus bett itai|e6 Alexander ul. mit dem Tode durch den Strang DUßen mußte. 1ö95 wurde er wegen seiner revm lintonaien Arden unter dem Proletariat oerhasiet und 18U7 zu dreitziglahriger Be rvan- nung nach Sibirien verurteilt, brach feiner Otuctreyr schwtz er sich sv|ort der inzwischen gegrün­deten russischen Sozialdemokraüschen Partei an. Aon 19UU vis zur ersten russischen Revolution luUd uno, nach dem (Sintrm der «toiypmschen Reaktion, von 1904—1917 hat er als poliitscher Emigrant ine auslattöe gelebt. Als sich die russische Sozmiüemo- kraoe spaltete, übernahin Lenin svsort die Führung der bolschewistischen Fraktion, die sich freuich noch keineswegs von vornherein zu jener Taktik be­kannte, welche sie spater in Rügland durchgejührL hat.

Den Weltkrieg betrachtete Lenin von vornherein als den Wegbereiter für die Weltreoolution, Als der Zarismus zujammendrach, eilte er aus der Schweiz durch Deutschland nach Rußland zurück. Am 16. April traf er in Petersburg ein und schon am 17. April verkündete er sein neues Programm: Es sei notwendig, die „abgetragenen Lumpen der Sozialdemokratie" atyuröenen und sich in das wahr, haft revolutionäre Gewand des „Kommunismus' zu hüllen: di« demokratische Revolution in Rußlant sei beendigt, die soziale habe begonnen, und all» Macht gebühre den Arbeiter- und Soldatenräien.

Niemand hatte anfangs erwartet, daß Lenins Parole in so weitgehendem Maße sich durchsetzen würde. Rücksichtsloser Führerwille ermöglichten ihm die Rolle, die er gespielt hat. Er stieß Rußland in den Abgrund der sozialen Revolution mit all ihrem Blut und Tod, Bürgerkrieg imb Hungerseuche. Zeitweilig schien die russische Dolscheroistenpest auch nach Deutschland zu greifen, wo im dich!bevöl­kerten Industriestaat noch schrecklicheres geschehen wäre, als im wetten Rußland. Die Verfassung von Weimar und die aufopferungsvolis Arbeit besonne­ner politischer Führer haben Lenin und feine Idole von UNS ferngehalten, seinen EroberungswiilSn ge­brochen und mit dazu geführt, daß er in seinen letz­ten Lebenstagen auch in Rußland den Abbau des bolschewistischen Systems erleben mußte.

mjew hat einen Aufruf des Erekutivkomi- ____ ___• Kommunistischen Internationale an alle Sektionen erlasien, in dem es heißt: „Am 21. Ja­nuar ist Lenin unerwartet unter Erscheinungen der Paralyse des Dtmungszentrums gestorben. Die Leichenbestattung findet am Samstag den 26. Ja­nuar statt. Die Kommunistische Inter­nationale hat ihren Führer und Lehrer

Mac Kenna (deutsche Auslandsguthaben) stattge­funden. Die Besprechungen der Komitees mit Dr. Schacht sind hiermit beendet.

Der Präsident, der Vorstand und einige Mitglie­der des Verwaltungsrates der Deutschen Ren­tenbank haben bei dem Reichsfinanzminister und dem Reichsaußenminister die schwersten Be­denken dagegen erhoben, daß die Desatzungskosten für das besetzte Gebiet weiterhin gezahlt werden. Man ist in weiten politischen Streifen der Auffas­sung, daß die Rentenbank mit dem Schritt ihre Zuständigkeit erheblich überschritten hat. Der Schritt liegt in der Richtung jener berüchtigten .Bersackungstaktik", die das Rheinland vorüber­gehend preisgeben will.

Der auswärtige Ausschuß des Reichstags ist auf den 30. Januar, vonnit- tags 10 Uhr, einberufen worden.

Sie arbeit her SMerwWit-MfWe. Dr. Schacht im Ausschuß über „Budget und DSH- rungM und im Ausschuß über deutsche Auslands- Guthaben. — Die Goldnotenbank. — Der erste Ausschuß kommt nach Derstn.

Die Reparationskommission veröffentlicht fol­gendes offizielle Communigue:

Das von der Repko eingesetzte Sachverständigen­komitee, das sich mit der Stabilisierung der beut- ichen Währung und dem Ausgleich des deutschen Budgets beschäftigt, ist zu der Auffassung gekom- men, daß es zweckmäßig wäre, eine G o l d n o t e n- b a n k zu errichten, indem man 1) einen Teil der Metallreserven und der ausländischen Devisen, die etwa im Besitze deutscher Staatsangehöriger sind und zurzest keine wirtschaftliche Verwendung fin­den, flüssig macht, 2) indem man ausländisches Ka­pital zur Unterstützung heranzieht.

Das Komitee nimmt an, daß die Errichtung einer derartigen Bank einen Bestandteil des Gs» samtvlans bilden wird, der den künftigen Ausgleich des Budgets und die Stabilisierung der Währung berbeiführsn soll. In dieser Beziehung scheint dem Komitee, daß gewiße Teile des von Dr. Schacht entwickelten Planes mit Nutzen Verwendung fin­den werden, wenn der Zeitvunkt dazu gekommen ist. Das Komitee hat die Auseinandersetzung der Gedanken Dr. Schachts b e g r ü ß t, da sie ein Ele­ment der umfassenderen Maßnahmen darstellen, die getroffen werden können. Der Vorsitzende des Ko­mitees hat bereits hervorgehoben, daß es für die Alliierten notwendig ist, sich über ein Einheits­programm zu verständigen. Das Komitee ist über­zeugt, daß es zur Sicherung des Erfolges der ins Auge gefaßten Dank auch wünschenswert ist. daß Ausländer bet ihrer Leitung mitwirken. Ange­sichts der Dringlichkeit einer Entscheidung und ihrer Durchführung hat das Komitee Dr. Schacht davon unterrichtet, daß es am Mittwoch den 80. Ja­nuar feinen endgültigen Plan in Berlin dis­kutieren werde.

Reichsbankpräsident Dr. Schacht und Regie- nmgsrat Meyer haben am Dienstag der Nachmit- tagssttzung be» Sachverständigenkomitees Dawes (Budget und Währung) von 3—5 Uhr beiaeroohnt. Im Anschluß daran hat eine dreiviertelstündige Sitzung der deutschen Dertreter mit dem Komitee

Der neue englische Ministerpräsident.

Nach dem Rücktritt BaldwmS.

Dem Unterbau« teilte Baldwin mit* daß bet König den Rücktritt der Regierung angenommen habe. Da« Parlament wurde bis zum 12. Februar vertagt. Ramsey Macdonald, der Führer der englischen Arbeiterpartei, bat dar Amt de« englischen Ministerpiäsidenten übernommen.

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Ramsey Maedonald zählt heute 58 Jahre. Er ist ttoar Autodidakt, hatte aber Gelegenheit al« Privat- sektetär ett<i3 Abgeordneten in die Welt der Politik Einblick zu gewinnen und ans weiten Retten, di« ihn bi» nach Avsti alten und Südafrika führten, seinen Hot'zont zu erweitern. Seit 1906 ist et Mitglied be« Unterhauses. Ramsey Macdonald wird wegen seiner Höflichkeit und seiner Gewandtheit im Ver­kehr geschätzt. Während der aufgeregtesten Debatten bleibt er ruhig und vergißt sich nickt. Macdonald ist seit 1911 Witwer. Von feinen fünf Kindern ist der ältere Sohn Architekt, während der jüngere noch in Oxford studiert. Ramlay Macdonald legt in seinem Arbeitszimmer großen Wert auf Ordnung. Auffallend wirken nur zahlreiche Bilder Etomwell« und eine große Pfetfeusammlung. Macdonald ist nämlich leiberschasilicher Raucher. Wie man sieht, trägt alle« bei Ramsay'Macdonald gut bürgerlichen Anstrich. Auf irgend welche revolutionäre lieber» rajchungen kann man bei ihm nicht rechnen.

In dem Regierungscommunigue über den Tod Lenins heißt es: Der in Moskau tagende All­russische Rätekongreß und der in den nächsten Tagen zu eröffnende Kongreß der Sowjet­union werden die nötigen Entscheidungen treffen, um die weitere ununterbrochene Arbeit der Sowjetregierung zu sichern. Das Hinscheiden Lenins bedeutet den schwersten Schlag, der die arbeitenden Klassen der Sowjetunion feit der Eroberung der Macht durch die Arbeiter und Dauern Rußlands getroffen hat und der jeden Ar­beiter und Dauer nicht unserer Republik, sondern auch aller Länder schwer erschüttern wird. Die brei­testen Massen der werktätigen Gorofetregierung werden das Werk Lenins weiterführen und den von ihm gewiesenen Weg weiter beschreiten. Die Sow­jetmacht steht auf dem Posten und bewacht die Er­oberungen der proletarischen Union.

Da« Eachverständigenkomitee Dawes (Subget und Währung) reift voraussichtlich am Montag nach Berlin ab.

D e „Blockade" der Kölner Zone.

Reuter erfährt, daß Berichte der britischen Be­hörden in Köln über die französische Blockade des britischen Gebiet, in London eingefroren sind und von der britischen Regierung erwogen werden. Während äußerste Zurückhalnmg weiterhin beob- achtet wird, verlautet, daß aus den Berichten her- vorzugehen fcheine, daß die Lage etwas übertrieben worden sei und daß der allgemeine Gebrauch des Wortes Blockade einen falschen Eindruck der Sage der Dinge gegeben hab«. Seit der franzöfischsn De- setzung des Ruhrgebietes fei der Verkehr mit der britischen Zone merklich beschränkt worden. Man glaube nicht, daß die französischen Beschränkungen die Wirkung haben würden, diesen planmäßig wei­ter zu vermindern. Auf jeden Fall scheine die Lage der britifchen Streitkräfte vollkommen sicher zu sein und die neue Maßnahme würde wahrscheinlich am ernstesten die deutschen und andere Kaufleute treffen, die seitens der französischen, Be- fatzung den Schutz der Engländer gesucht hätten. Auf jeden Fall sei die britische Zone nach Osten gegen das nichtbesetzte Deutschland offen und nicht, behindere den freien Eisenbahnverkehr auf dieser Strecke. E, sei jedoch zweifellos erwiesen, daß di« Nachforschungen, die in Paris und Brüffel wegen der neuen Beschränkungen angestellt worden seien, gerechtfertigt waren. Die Erörterungen mit bett Alliierten in dieser {frage wurden fortdauern.

verantwortlich 'ür die Gcbrütleituna: Dr. Jodanue» »tarnet. Ameisen - I. Datierter. Fulda. Rotaton; druck und Verlag der Fuldaer Actiendrnckerei in Fulda. Ferulvrecher Ur- 9. :>

»e,u«rvrei»! Vovat Januar 2.50 «oldmark tret baal.

«Eine Märtyrerin der pflicht.

llebafletzt von Ludwig Wechsler.

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Mft hoch emporgehobenem Kopf und auf den Sehne« «henden Armen faß sie aufrecht tn ihrem Sessel und erinnerte durch ihre Haltung an die SiQmtffe der heid­nischen Sattheit, die auf den Bajrelifs Aegyptens, In» ?ntns und Mexikos zu sehen sind. Der Ausdruck »ölllger Regungslosigkeit des Gesichts, da, zur selben Zrtt alles Leben verloren zu haben schien, Äs sich die Augen vor dem Lichte verschlossen, sieh diesen Eindruck umso schärf« hervortveten, al, die steif und starr ver- ha«enden Lider für die absolute Unheilbarkeit der Blind, heil sprachen, von der die alte Dame vor einigen Sah- ren befallen würbe und die sie mit echt christlicher Ge­duld ertrug. Man hätte sie wahrhaftig für ein Phan­tom der Vergangenheit holten können, wenn nicht die mit malvenfarbenen Bändern geschmückte Haube, die ihr weißes Saar bedeckte, und die gelblich gewordenen Spitzen ihres fchwmzen Seidenkleides, da» ihren ab­gemagerten Körper umgab, dem nach allen Richtungen von tiefen Furchen durchzogenen Totengesicht einen leisen Hauch nicht ganz erloschenen Lebens verliehen hätten.

Sie erkannte die Schritte ihres Schwiegersohnes und ihrer Enkelin, als sie den Fußboden krachen hörte. Ihre Züge erhellten sich und sie hob den Kopf, als hätte sie durch die geschloffenen Lider zu sehen versucht. Mit einer Stimme, die durch ihre Festigkeit für die innerliche Ener­gie zeugte, die sie sich trotz Aller und Krankheit zu be- wahren verstanden, fragte sie:

»Du bist's Lukas?"

„Jawohl, Sdjroiegermama", erwiderte er in einem Ton, der ein Gemisch von Ehrerbietung und Gemütlichkeit ■war. „Ich habe mit Bedauern erfahren, daß Sie wäh­rend meiner Abwesenheit unwohl waren."

„D, nur heute!" erklärte sie lebhaft. „Und auch da höchstens zwei Sttmde lang! Jetzt fühle ich mich schon vollkommen wohl."

„Um das zu wissen, braucht man Sie bloß anzusehen. Eie sehen brillam aus, und hätte mir Gilberte nicht ge­sagt, was oargefallen. ick bött» es niemals erraten."

»Was ein weiterer Beweis dafür ist. daß die Dache ohne jede Bedeutung war", fuhr die alte Dame fort „Sprechen wir also nicht weiter darüber, sondern sag« mir, ob bu eine glückliche Reise zurückgelegt hast und ob du mit den erzielten Resultaten zufrieden bist?"

„Wein, Reise fand ohne jeden Zwischenfall statt", gab 6hnonnet zur Antwort, „und nx» di« erzielten Resultate anbelangt, so werden Sie sofort begreifen, daß ich mit ihnen vollkommen zufrieden fein kann. Ich habe näm­lich einen Gatten für Ihre Enkelin gesunden."

Er hatte sich fo sprechend seiner Schwiegermutter gegenüber niedergelassen und harrte jetzt der Lvbsprüche, die er ob seiner Freudenbotschaft einzuheimsen haben würde.

.Einen Gatten für Gilberte?" rief die Großmutter mefjr erstaunt al» unzufrieden über das Ereignis au», das ihr fo unvermittelt gemeldet wurde.

„Ja, einen Gatten für Gilberte, und nicht etwa einen gewöhnlichen, nichtssagenden Menschen, wie Sie gleich sehen werden! Einen Edelmann, einen Marquis, mein Kind," fügte er zu feiner Tochter gewendet hinzu; „und dabei jung, schön wie ein (Bott, ein reizender junger Mensch mit einem ÜB ort. Nun, was sagst du dazu?"

Das junge Mädchen halte die unerwartete Kunde mit einer Kälte und Gleichgiltigkeit ausgenommen, al» hätte es sich gar nicht um sie, sondern um eine Fremde gehandelt Die letzte Frage ihres Vaters regte sie auch nicht weiter auf und ihre erstaunliche Kaltblütigkeit äußerte sich auch in der Antwort die sie gab:

„Das soll ich wohl sagen? Ich kenne ja den Herrn gar nicht, von dem du sprichst!"

„Ich wiederhole dir, daß er jung, reizend, geradezu verführerisch ist!"

„Das werde ich erst konstatieren können, sobald ich ihn kenne. Wa» dir an ihm gefällt, kann mir geradezu mißfallen und mich zu einer ablehnenden Antwort ver­anlassen."

„Zu einer ablehnenden Antwort?" rief Simonnet aus und feine Wangen färbten sich hochrot vor namen­losem Staunen. .Du würdest einen Ehrenmann ab- weisen, den ich selbst für dich ausgcwähtt habe?"

„Meinen Gatten will ich mir selbst wählen," erklärte Gilberte, ahne sich in ihrer Rübe erschüttern ru lasten;

„unO da» soll kein anderer an meiner Stelle. E» ist ja nicht ausgeschlossen, daß dein Marquis mir tatsächlich gefällt; das werd« ich aber erst beurteilen können, wenn tch ihn gesehen habe. Entspricht «r wirklich deiner Be­schreibung, fo kann er ohne Mühe etwa« Bessere« finden al» ein Mädchen wie ich, und eben deshalb erfüllt mich frtne Werbung unwillkürlich mit Mißtrauen."

„Ein Mädcken wie du! Sollte man nicht meinen, bu seiest eine Vogelscheuche? Sei doch vernünftig und laß dir selbst Gerechtigkeit widerfahren. Ohne gerade eine Schönheit zu sein, besitzest du Anmut, Liebenswür­digkeit und fonfttg« moralische Vorzüge, di« niemals ein Hindernis bilden werden!"

„Nicht meine Vorzüge sind es, die diesen Herrn veranlassen, als Werber aufzutreten," fuhr Gilberte fort; .so wenig wie das, war du meine Anmut und mein« Liebenswürdigkeit nennst, denn er kennt weder sie noch mich, fo wenig wie ich ihn und feine Eigenschaften kenne."

„Du vergißest, daß bu eine schöne Mitgift erhältst"

„Er will mich also nur meines Geldes wegen hei­raten?"

Diese unanfechtbare Logik steigerte ©imonneto Un­mut aufs Höchst«. Wütend erhob er sich und trotzdem er sichtbare Anstrengungen machte, um sich van seinem Zorn nicht übermannen zu lasten, stieß er Schelt- worte und Vorwürfe hervor, di« er mit der Wendung beschloß:

„Da soll man sich noch für seine Kinder abrackern, soll sich mühen und quälen, um ihr Glück zu sichern; das ist dann der Dank dasürl"

Er wendet sich dabei wieder zu der alten Dame, ganz vergessend, daß sie ihn ja nicht sehen könne, und wollte sie zum Zeugen feines gerechten Zornes anrufen. Aber sie verharrte regungslos und stumm; vielleicht weil sie den Streit noch zu verschärfen fürchtete, wenn sie sich an ihm beteiligte, vielleicht auch, weil sie es vorzog, Gilbert« ihre Sache selbst verfechten zu lasten. Als das junge Mädchen aber den Dorwurf der Undankbarkeit vernahm, den ihr Vater gegen sie erhöh, trat sie heftig einige Schritte auf ihn zu. um ihm eine Antwort ins Gesicht zu schleudern, die — nach dem D'llb au urteilen,

der aus ihren Augen sprühte — gewiß nicht geeignet gewesen wär«, die beiberfeitigt Erregung zu beschwich­tigen. Allein die (Entlüftung, die jie erfüllte, mürbe,, noch bevor sie sich in Worten geäußert hatte, durch eine gewaltige Willensanstrengung zurückgedämmt, und wo» sie sagen wollte, würbe nicht gesagt Ihre Worte mach- ten dem kleinen Familienauftritt in dem Moment ein End«, als er eine stürmische Wendung zu nehmen drohte/

„34 bitte dich, Papa, meine Worts nicht zu miß-' beuten und darin, was bloß einer Ausübung meines, legitimsten Rechte« gleichkommt, nicht die Verweigerung des dir schuldigen Gehorsams zu erblicken," sagte ste.» „Ich weiger« mich ja nicht prinzipiell, die Gattin be»; Mannes zu werden, den bu für mich ins Auge gefaßte haft; ich verlange bloß, dich von meinem endgültigen Beschluß erst in Kenntnis setzen zu dürfen, wenn ich mir über feinen moral ifchen Wert ein Urteil gebildet und die Ueberzeugng gewonnen haben werde, daß ich an seiner Seite glücklich werden könne. Ich bin daher bereit, mtt ihm bekannt zu werden, sobald du es wün­schest; gefüllt er mir, fo heirat« ich ihn; wenn nicht, dann nicht"

Und ohne die Antworl ihres Vaters abzuwarten, ent fernte sie sich eiligst ihn allein mit ihrer Großmutter zurücklastend, die nach wie vor in ihrem SchmMen »er- harrte, obschon sie im stillen den Widerstand Oer En­kelin vollkommen billigte.

„Dieses Mädel ist wie Elfen," brummte Simonnet, auf die Tür starrend, die sich hinter ihr geschlosten. „Ganj rot« die Mutter. Ich werde aber ihren Willen brechen, wie ich ihn der Toten gebrochen habe, werde sie zwin­gen, mir Gehorsam zu leisten."

„Würdest du sie auch töten, wie du meine arme Therese getötet hast, indem du sie durch schlechte Behänd- hing zu der unglücklichsten aller Frauen machtest?" fragte di« alte Dame und die Ruhe ihrer Stimme verhüllt« nur ungenügend ihre innere Erregung. Wie von einer Tarantel gestochen, fuhr Simonnet herum und fragte spöttisch:

„Sm Ende beschuldigen eie mich noch. Ihre Tochter ermordet zu hoben?"

(Fortsetzung folgt)