Nr. 16.
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stabt Fulda.
Beramwortiich üt bie 6(6tutleunna: Dr. Sotonnel Kramer. Snieiee«: 3- « Quellet. Fulda. Kotofonibtutf und Verlag der Fuldaer ActiendruSerei in Fulda. FeruivreLer Nr 9. r: Be-uaevrei»! SFonot Januar 2.50 Solbmott frei Saab.
Samstag, 19. Januar 1924.
»nreigeu-Preite; Äiemtetle (ttoionei) lola 0.16 «obmaii attitoätti (X20 Soldmark Setlamexetle total 0.60. »olbmart ~ oubwärti 0.80 Soldmark. :•
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51. Zahrg.
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Zur innerpolitischen Lage.
Die deutichnationale Fraktion hat im Reichstag folgenden Antrag eingebracht:
Der Reichstag wolle beschließen, b e Reichsregie» ntnfl zu ersuchen, auf den RetchSpräiidenten dahtn eii zurotrken, daß dieier Vie Neuwahlen alsbald anberaumt und temenljprechend den Reichstag auflöst.
In der dem Antrag beigegebenen Begründung heißt es ü. a.: Mit oem 15. 2. läuft bas vom Reichstag beschlossene Ermächtigungsgeietz ab. Nachdem der Reichstag sich einmal auSgescha.tet hat. Hal «r sich leibst unmöglich gemacht,, jetne Ausgaben m der ersoide l-chen Welse weiter zu erledigen. Die bishetigen Wagten in einzelnen Ländern sind unter dem Schutz des militärischen Ausnahmezustandes ruhig verlauf.». Es liegt daher fein Anlag vor, die Neuwaalen für den Reichstag auszusch eben. Der mtlttärilche Ausnagmezustanv ist zum Schutz der Wahlen auf.echlzuerbalten.
Die ReichStagsmehlyert wird sich von den Deutschnationalen den lag der Wahl nicht bar- schreiben lassen, sondern den Wahltag zestsetzen, rote es thm tut Zntetesse des deutschen Volles gut scheint.
Dr. Marx und von finEIing.
Reichskanzler Dr. Marx ist am Mittwoch von Barlin abgereift, um sich in Mitteldeutschland mit dem bayerischen Ministerpräsidenten von Äirilling zu treffen. Die Begegnung, die einem von beiden Seiten geäußerten Wunsche entspringt» ist umso bedeutungsvoller, als sich die beiden Minister noch nicht kennen.
flugenminifter Dr. Sfrefematm hat in Hamburg vor seinen oolkspartMchen Parteifreunden eine Rede gehalten, worin er zur Innenpolitik der Hoffnung Ausdruck gab, daß eine Dsrständigung über ote Verfassung s» frage erreicht werde. Gegenwärtig fei aber die wichtigste Aufgabe, daß Deutschland und Bayern die deutsche Pfalz bei Deutschland erhalten. Er sprach die Zuversicht aus, daß die Stabilisierung der deutschen Währung von Bestand ßem werde und fügte hinzu, er glaube sagen zu können, daß wir vor der baldigen Errichtung der Goldnotenbank stehen.
Smanzminister Dr. Luther
hat in Berlin eine sehr ernste Rede gehalten gegen die Märchenstimmung.
. Noch immer ist, so sagte er, die politische Lage düster. Dennoch scheint es, nachdem die Festigung der Währung seit kurzen sechs Wochen eine Tatsache ist, bei vielen Mitbürgern und auch bei manchen, deren Wort Gewicht hat, wirklich schon eine Art Märchen. Kimmung ausgebrochen zu sein. Ist es nicht eine Märchenstimmung, wenn man jetzt glaubt, daß die Vor- aussetzungen, unter denen allein die WShrungsbefesti- :<$unfl bestehen bleiben kann, also äußerste Anspannung der Einnahmen und äußer st e Beschränkung der Ausgaben, wieder umqeworsen werden könnten? Ist es nicht geradezu eine Verzauberung des Verstandes, wenn man heute schon lesen kann, durch die scharfen Lrsparnismaßnahmen der Reichs» regterunfl, die in den verschiedensten Richtungen in Verträge und andere wohlerworbene Rechte eingegriffen «habe, sei der Bau des Reiches gefährdet, während er ffr Wirklichkeit durch diese Maßnahmen gerettet wurde.
Zur Frage der H n p ot h e k en au fw ert un g will ich in diesem Zusammenhänge mich nicht eingehend äußern, besonders auch nicht zu der Frage, ob aus Gründen, die jetzt viel und eindrucksvoll erörtert war» den sind, eine bescheidene Aufwertung angezeigt ist. Aber ist es nicht geradezu ein Zauberglaube, wenn Leute, die innerlich ihre Hypotheken längst abgeschrieben haben, mit einem Male wähnen, alle die Hypotheken, von drnen mitsamt den übrigen Ersparnissen das deutsche Volk in den letzten Jahren durch das Mittel der Jnflatton doch gelebt, die es also doch verzehrt hat. könnten jetzt 'durch Federstriche auf ihren alten Geldwert ober einen erheblichen Teil davon wieder rückwärts aufgedaut werden, und der Staat und die Wirffchaft könnten bei einem solchen Verfahren bestehen?
Ist es nicht ein Märchengla-che an ein „Eselein streck dich", wenn öffentliche und private Kräfte immer wieder das Reich, dem kein Kredit mehr zur Verfügung steht, um Zuschüsse oder Steuererlaß oder derolei- chsn bestürmen? Muß nicht eine politische Wunder« stimmung die Feder geführt haben, wenn mir kürzlich ,m einer Zeitung, die vorwiegend Arbeiterbelange vertritt, geradezu ein Vorwurf daraus gemacht wird, daß ich alle meine Arbeit auf die Erhaltung des Wer- tos der Renten mark und den Ausgleich des Reichshaushalts abstelle? Das bedeutet allo — dem Schreiber sicher bewußt — die Empfehlung eines Verfahrens, das auf eine Rückkehr in das .Elend der Geldentwertung hinausläust, die bei einer Wiederholung hundertfältig schrecklicher sein würde, und fwar nicht zuletzt für die großen Menschenmassen der Städte.
Der Reichsgründungstag muß, so schloß der Minister, dem deutschen Volke ein Tag ernster Mahnung sein, daß es mit der Märchenstim- mung nicht geht. Die Wirklichkeit ist härter als fe. Das deutsche Volk kämpft um sein Dasein. Für die.en Kampf müssen große Arbeitsleistungen von 'hm gefordert werden und einschneidende Ausqabe- beschränkungen und hohe Steuerlasten, durch die °’e Volksgenossen mit kleinem Einkommen und die schon so bedrängte deutsche Wirtschaft hart getrof- ron werden. Dieser Kampf, an dessen Ende ein Wiedererstarken der deutschen Wirtschaft und damit die Rettung des deutschen Volkes und des Reich"S stehen muß, kann,nur fiegreirb bestanden werden, roenn a Ile Deutschen sich der Wirklichkeit, fo schwer f*e 'st- willig auch innerlich "Nterwerfen. Wer dem deutschen Volke die neue Währung erhalten will — und das will doch wob! jeder, der überhaupt Dernunft hat —, muß auch das M i t t e l hierfür wollen, muß also zu schweren Opfern bereit sein.
Unter diesem Zeichen, aber auch nur unter diesem Zeichen, werden Reich und Volk gerettet werden.
Dr. w rth
hat aus einem Genesungsurlaub, der er in Freiburg i. B. verbringt, einen Brief an den Zen- trums-Abg. Joos (M.-Gladbach) gerichtet, der zur Deröffentlichung gelangt und in dem es u. a. heißt:
Die Zentrumspartei war allezeit eine Partei der Mitte mit eigenem Geist und eigenem Charakter, mit einem Gewissen, das sich letztlich orientierte an den großen sittlichen Idealen christlichen Gemeinschaftslebens. Der Gedanke der Heranziehung aller Volkskräfte der Weltanschauung, der Kultur, der Stände und der Stämme zu lebendiger Anteilnahme und Mitarbeit an den Aufgaben des Staates und bei der Lösung der sozialen Fragen und der Schäden moralischer und materieller Art, die sich in allen Schichten und Ständen zeigen, hat im Zentrum immer eine Heimstatt ?ehabt. Wir waren stets konservativ im esten Sinne einer nationalen und christlichen Kulturbewegung, niemals aber reaktionär. Konservativ, so wie der große Görres es gemeint; das Vorhandene soll geachtet und geehrt fein, aber es darf nicht dem Leben seine bildende Kraft entreißen und jeden Fortschritt stehend machen.
Wir haben dem neuen deutschen Staat Herz und Hand geliehen, damit er wahrer Volks st a a t werde, in dem alle Politik mit dem Geist und dem Willen des Volkes in Einklang steht. Das Zentrum hat eine Diktatur irgend einer weltanschaulichen, sozialen, wirtschaftlichen, politischen Gruppe deshalb immer verworfen.
Unsere Demokratie ist eine christliche; sie will Staatsgewalt und Staatsautorität, aber nicht In der Form von Knechtschaft und Hörigkeit, sondern in menschlich würdiger Einordnung in das Staats- und Volksganze. Das gilt auch namentlich für den Stand der Besitzlosen und wirtschaftlich Abhänaiaen in Staat und Land, für die Schwachen und Hilfsbedürftigen, die einer sittlich leeren Wirtfchaftsvergötterung hinzuopf-rn wir uns hartnäckig weigern werden. Wir verkennen es nicht, daß der stolze Dau unserer Sozialpolitik durch die Zerrüttung unserer Wirtschaft gefährdet ist. Wir übersehen es nicht, daß die ökonomische Gesundung unerläßliche Voraussetzung des sozialen Aufstiegs der Massen ist. Aber den sich fetzt her- vorwagenden fozial-reaktionären Tendenzen sich entgegenzustemmen gebietet, wie die ganze Vergangenheit der Zenlrnm^vartei. auch der wirffchaft- liche und staatliche Wiederaufbau, der ohne die freudige Mitarbeit der breitesten Schichten unmöglich bleibt
Wir wissen, daß die Demokratie im Staate mit den äußeren Formen noch nichts Lebendiges ist Ein staatspolitisches Leben voller Verantwortlichkeit, tiefes nationales Emnfinden und höchste Opfer- frevdigkeit in allen Ständen und Parteien zu wecken und zu entwickeln, das ist die 9Tufaabe der christlichen Demokratie, an deren Idealen wir unter allen Umständen feftbalten. Damit ist auch jener sinnlose Staat und Gesellschaft wie Nation lähmende und zersetzende Radikalismus un- oereinb'--, der den Staatsnotwendigkeiten keine Rechnung träat und im entscheidenden außenpolitischen Augenblick mit Rücksicht auf widerstrebende radikale Kräfte der Zusammenfasiung aller positiven Kräfte, die eine große Linie gefunden hatten, entaogentrift
Wir stehen zur geaebenen Verfassung als zu dem für alle deutschen Staatsk>üra"r gleicherweise geltenden Grundgesetz. Der Geist der Weimarer Verfassung ist ein guter, und daß dieser Geist die heutigen Staatsformen durchdringt, muß unsere stete Sorge fein. Damit foll keine Entwicklung unterbunden, wob! aber eine Grenze aesteckt fein gegenüber abenteuerlichen Derfasftmgsstürzern, die kein eigenes vernünftiges politisch und staatsbürgerlich vertretbares Programm haben.
Reber das Craebnir
der sächsischen Gemeindewahlen sind viele irreführende Vorstellungen in der Presse zu finden. Vielfach wurde es so bargefteßt, daß dort die Sozialdemokratie von den Deutschnationalen geschlagen worden fei. Was in den sächsischen Wahlen zutage tritt, das sind in Wirklichkeit Zer- setzungserfcheinungen rechts und links, die eine nationale Gefahr, nicht ein Sieg irgendwelchen Orbnungsftrebens sind. Die Sozialdemokraten haben zwar überall Stimmen eingebüßt, aber lediglich zugunsten der Kommunisten. Eine nennenswerte Abschwenkung sozialdemokratischer Wähler in das bürgerliche Lager bat nirgendwo stattgefunden. Groß ist dagegen die Zahl der N i ch t w ä h l e r. In Dresden betrug sie allein 32 Prozent. Innerhalb der bürgerlichen Parteien ist eine Verschiebung nur insofern eingetreten, als die D e u t s ch v ö 1 k i s ch e n aus dem Lager der Deutschnationalen starken Zuzug erhalten haben. Jede extreme Partei muß ja immer gewärtigen, daß sie einer noch extremeren die Leute zutreibt, namentlich die jugendlichen Elemente. Für die Abgabe deutschnationaler Wähler an die rechte Konkurrenzpartei hat sich die deutschnationale Volksvartei bei der deutschen Dolkspartei und den Demokraten nicht schadlos halten können. Der Jubel der deutschnationalen Preffe über den Ausfall der Wahlen ist nicht recht verständlich. Mit Recht sagt „Sie Zeit", das Berliner Organ der deutschen Volkspartei:
Hot die Deuffhnationale D^kksparte! tatsächlich d-n durchschlagenden Erfolg gehabt, den sie sich felbsi und den ihr auch andere manchmal prophezeit haben? Hat sie Mnst-nzulauf aus anderen Parteien gehabt und stehen diese anderen Parteien jetzt an den Trümmern Ihrer früheren Grötze? Das allgemeine Urteil derer, die in Sachsen die Wahloorgänge aus der Nähe oerfoM und das Wahlergebnis jetzt unmittelbar vor Augen haben, ergibt auf die Fragen ein ganz klares Nein. Die großen Hostm-naen, mit Heven die Deutichnatmnalev
In die sächsischen Gemeindewahlen gegangen sind, haben sich keineswegs erfüllt Von einem Ruck nach rechts kann man nur insofern sprechen, als die völkischen Gruppen (Völkischsoziale, Drrckschsoziale und andere) allerdings einen überraschenden Erfolg gehabt haben. In Leipzig und Dresden haben sie im ersten Anlauf mehrere Sitze erobert, während auf dem flachen Lande ihre Erfolge weniger kl die Erscheinung treten. Diese deutschoölkischen Gruppen sind also auf der rechten Seite zweifellos die Sieger der Wahlschlacht Sie haben aber ihre Erfolge auf Kosten der benachbarten deutschnatto- nalen Partei errungen und den Deutschnationalen selbst ist es keineswegs geglückt, sich an anderen bürgerlichen Parteien schadlos zu halten. Das beweisen alle diejenigen Fälle, in denen die Aufstellung von bürgerlichen Einzellisten einen genauen Ueberblick gestattet."
Abschließend ist also fcstzustellen, daß die sächsischen Gemeindewahlen in der Hauptsache nur eine Kräfteverschiebung innerhalb der rechten und linken Seite gebracht haben. Der Rückgang der sozialdemokratischen Stimmen hat zwar bewirkt, daß die Linke die Mehrheit in vielen Gemeindeparlamenten verloren bat, aber es wäre eine Illusion, anzunehmen, daß d-e Sozialdemokratie in Sachsen vernichtet sei. Die Stimmenzahlen, die sie aufgebracht hat, sind immer noch so beträchtlich, daß die Sozialdemokratie auch weiterhin eine Macht in Sachsen bleiben wird. Es hat keinen Zweck, aus den Vorgängen das herauszulesen, was man wünscht- Nur aus der Wahrheit kann man für die bevorstehenden weiteren Wahlen des Jahres 1924 richtige Lehren ziehen.
lieber die Krisis des graniten
hat Poincare in der Pariser Kammer gesprochen und Steuergesetze eingebracht. Der Ministerpräsident sagte, daß jede weitere Ausgabe unterdrückt werden müßte. Die Kammer müsse, wenn sie spätestens im MonatMai vor die Wähler trete, dies mit einem stabilisierten Franken und mit der niedergekämpften Lebenstene- rung tun können. Die Regierung werde auch Maßnahmen gegen die Steuerhinterziehungen treffen, denn wer dem Vaterland keine Steuern zahle, begehe ein Verbrechen.
Die Kammer ging auf alles ein, was Poincare vorschlug.
Vom englischen Parlament.
Im englischen Unterhaus, wo die Debatte weitergeht, hat Asquith mitgeteilt, daß die Liberalen den Mißtrauensantrag der Arbeiterpartei unterstützen würden. Die Niederlage der Regierung erscheint daher unvermeidlich.
Die französische Gewaltherrschaft.
Vor dem französischen Revksionsgericht in Mainz fand die Verhandlung über die von den Verteidigern der Schutzpolizeibeamten in Düsseldorf, den Rechtsanwälten Dr. Grimm, Dr. Bräutigam und Dr. Voß, eingelegten Revision unter Vorsitz des Drigadegenerals statt. Das Gericht erkannte nach kurzer Beratung auf Verwerfung der Revision. In dem Urteil wurden im wesentlichen die Argumente des Anklagevertreters wiederholt. Das Urteil bezog sich in seinem kritischen Teil nur auf die Frist und Form der durch die Verteidigung eingelegten Revision der Schupo-Offiziere und Wachtmeister.
In ffaiferslau te r’n war die gesamte Bevölkerung in Erwartung des britischen Generalkonsuls auf den Beinen, um ihn als Retter aus der schweren Not, die durch den separatistischen Terror und die Haltung der Besatzungsbehörden über die ganze Pfalz verhängt ist, zu begrüßen. Die französische Gendarmerie schritt gegen die Massen ein und schlug auf sie kos. Zwei Personen sind dabei erheblich verletzt worden.
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Nach einer Havasmeldung ans Düffeldorf sind bis jetzt im ganzen 60111 deutfcheEissnbah- ntr von der Regie eingestellt worden.
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Der „Berliner Lokalanzeiger" berichtet, daß am Donnerstag der Bankier Louis Hagen aus Köln mit einigen anderen Herren in Berlin gewesen sei, um mit den maßgebenden Persönlichkeiten erneut über die Durchführung seiner Plane Fühlung zu nehmen, insbesondere habe Hagen über bas Ergebnis feiner jüngsten Verhandlungen trat Tirard berichtet.
Deutscher Reich.
* Dieder ein Hochverräter. Nach einer Meldung der „Bayer. Staatsztg." ist der Redakteur des „Völkischen Beobachters", Stolzie-Czerai, in München unter dem Verdacht des Hochverrats verhaftet worden. Der auf der Festung Landsberg inhaftierte Fürst Wrede, Organisator des Hit- kerfchen Reiterkorps, ist aus der Schutzhaft entlassen morgen._____________
wirtschaftliche Rampsdewegungen.
= Die Kämpfe um die Arbellszett im Westen. Am Mühlenplatz in Solingen tarn es zu einem 3ufern« menstoß zwischen demonstrierenden Streikenden und Er« werbslosen einerseits und der Schutzpolizei anb-rer|cits. Junge Burschen drangen auf die Polizeibeamten ein, worauf diese von der Schußwaffe Gebrauch machten. Einige Personen erlitten leichtere Verletzungen. — Wie die „Kölnische Zeitung" erfährt, hoben die Arbeiter des Goldenbergroerks in Knapsack den Betrieb still- gelegt und verlassen. Es ist damit zu rechnen, daß die Stromversorgung für bas Rheinland und WestfaIen ernstlich gefährdet wird, da das Goldenbergwerk der größte und wichtigste Erzeuger der beiden Drovinreo ist.
Vie poWche Lage (Europas zieht im Zusammenhang mit der Reparalionssrage das größte Interesse ou( sich Die zunehmende Ijo« licrung der offenbar m Frankreich selbst nicht mehr als ganz pup illarsicher empfundenen europäi. scheu Hegcmonieponttk scheu zum Jahresende durchbrochen, als bas franzöfisch-tschechtjcho Bündnis bekannt wurde; ober kaum haue das Schiff der französischen Ostpolitik nut dem Wmpel dieses Bündnisses den diplomatischen Pariser Hasen ceriaifen, so fuhr es auch schon auf eine gehörige Sandbank aus: m Belgrad endete die Konferenz der Kleinen Entente mit einem fe sensationellen Ergebnis, daß die offiziösen Prager Meldungen darüber eine einzige Verlegenheit sind. S ü d f 1 a w i e n nämlich, der aus Tradition und Realpolitik bisher der Tschechoslowakei am nächsten stehende Staat, weigerte sich nicht nur, das tschechisch- französische Bündnis durch eine Parallelaktion zu erweitern, sondern stellte den tschechischen Freund unvermutet vor die fertige Tatsache einer Vereinbarung mit Italien, die es den Sudslawen erspart, sich ganz in die Arme Frankreichs zu flüchten. Der alte Pasitsch, der Leiter dec serbischen Politik, ist immer ein kühler Realpolstiker gewesen; als solcher steht er vielleicht in der europäischen Politik der letzten zwei Jahrzehnte einzig da. Er war schon, wie der außenpolitische Redakteur der ,öter» mania" in einem Artikel, dem wir diese Darlegungen entnehmen, aussührt, kein Drausgänger, als das österreichische Ultimatum das damalige Königreich Serbien vor die Wahl zwischen Unlerroerfung ober Auflehnung im Sinne seiner bisherigen Politik stellte. Wie er damals sich nach allen Seiten hin sicherte und sogar große Nachgiebigkeit zeigte, so ist er auch heute; er läßt sich durch keinen Termin drängen, durch kein Gefühl beirren, und es gibt für ihn in der Realpolitik feine Todfeinde. Beweglich ist er trotz seiner 84 Jahren fast ebenso rote der junge Venesch; und so hart der Bindestrich zwischen den Worten italienisch und südslawisch Kennern der dortigen Verhältnisse eingehen mag: es gibt ein italienisch-südslawisches dauerhastes Einvernehmen, es gibt sogar ein italienisch-südslawisches Bündnis, das der überlegenen Realpolitik Belgrads und Roms gleichermaßen Ehre macht.
Denn der italienisch-südslawische Gegensatz ist national, geographisch und wirtschaftlich so „gesehen", wie kaum rin anderer In Europa; und dennoch wird man "sich M die nMste ZM"än die'MGmg Keses Gegensatzes durch ein Bündnis gewöhnen und daran erinnern müssen, daß schon im Jahre 1920 eine Annäherung Italiens an die Kleine Entente vorhanden war, mit dem Unterschied freilich, baß damals die Tschechoslowakei fo klug war, wie heute nur Süd- flawien. Die Tschechoslowakei hat sich lange da« gegen gesträubt, ihr französisches Liebesverhältnis durch eine Bünbnisehe zu legitimieren; man mutz wohl annehmen, daß diese Legitimierung in Prag recht gemischte Gefühle auslöste.
Die Staaten des Südostens brauchen Ruhe unfremdes Kapital; aus diesen realen Bedürfnisse» heraus haben sie sich immer wieder, auch in Genua, erheblich von der unruhigen französischen Votmk getrennt. Heute setzt Südslawien mit offenbarer Unterstützung Rumäniens bisse Tradition fort, die früher auch in der Prager Polittk herrsch«; und wenn in Warschau gewisse Anzeichen dafür bestehen, daß die französische Finanzierung durch eine englische abgelöft werde, so kann vielleicht auch in Prag die außenpolitisch kostspielige finanzielle Bindung art Frankreich einmal einem ähnlichen Wechsel unterworfen sein. Staaten mit fallender Währung sind keine aussichtsreichen Bankiers, und das ist gerade für den Osten entscheidend, der die fron» zöstschen Seifen, Parfüms, Liköre und Seidenstoffe viel weniger benötigt als den natürlichen Anschluß an andere Produktionsgebiete, die handfesteres Aufbaumaterial liefern. Außerdem ist der Vorstoß der französischen Ostpolittk zwar die Durchbrechung einer drohenden Isolierung gewesen, aber vielleicht doch schon der Verzweiflungsstreich einer Politik, die sich auf der absteigenden Linie befindet; und für solche Leute ist der alte Pasitsch nicht zu sprechen.
Als vor dem Kriege in Indien bedrohliche Zustande herrschten, weil bi? administrative Teilung der Provinz Bengalen Straßenaufläufe der Eingeborenen hervorrief, denen die zahlenmäßig lächerlich ge«: ringe englische Garnison machtlos gegenüberftanb, ließ der Gouverneur die Garnison in die Kaserne» sperren, und nur eine Abteilung von Dragonern durch die Straßen reiten, bewaffnet einzig und allein mit — Polostöckchen, damit nicht einmal die Möglichkeit ernstlichen Waffengebrauchs bestünde. Diese Herrengebärde, rem psychologisch und nicht physisch berechnet, ist charakteristisch für die engli - s ch e Politik, wenn sie auf ihrer Höhe steht, was nicht immer der Fall Ist. Seit der zweiten Lausanner Konferenz, die Frankreich im Orient matffetzte, hat Lord Curzon diese beste Traditton englischer Poff- ük mit Erfolg und in aller dazu gehörigen Stille fortgesetzt: Die angekündigten Flottenmanöver im MIttekmeer, der Schritt bei den von Frankreich subventionierten Staaten unb nunmehr die italienisch-südslawische Einigung, gehören zusammen und ergeben ein Bild überlegener Staatskunft. das die Lage zum Beginn dieses Jahres gründlich geändert hat. Denn in Belgrad hat die fran-ösifche Politik nach Lausanne eine zweite und schwere Schwappe erlitten, und die italienischen Blätter weisen nicht mit Unrecht auf die Bedeutung des neuesten Disagios der französischen gegenüber der italienischen Währung hin. Dieses Disagio ist auch politisch zu verstehen.
* Ter zweite Bürgermeister von Berlin Adolf Ritter ist einem Hertschlage erlegen. Er gehörte politisch zur Sozialdemokratie.