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Einzelnummer 10 Pfennia.

Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Sfaöf Fulda.

Nr. 4.

Bereute ortlub lür die Schrntteimng: Dr. Jodannes Kramer. Anreisen: I. D arrrller. fiulba. Rotationsdruck und Verlag der zt Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernivrecker Nr. 9. ::

BerugSvreiS: Monat Januar 2.50 Goldmark frei Hau?.

Samstag, 5. Januar 1924

Anreigen»Breiie: Kieiureile (ColoneJ lola, 0,15 Go.dmart auswärts 0.20 Sold mark: Reklame, eile lokal 0,60. «oldmark. " auswärts 0.80 Soldmark. :

Bei Wiederholungen Rabatt- Bo'ticheckkonto Frankfurt a- M. 4051.

51. Zahrg.

W MwMkkMMS te MM MMMAMkÜM».

Nachdem im Sommer vorigen Jahres der ©üb« foufitjcr Schulstreik den entschlossenen Lsbwehrwillen der lacholtschen Eltern gegen die vom sächsischen Kultusministerium unternommenen Angriffe auf Ge- rrüfsens- und Erziehungsfreiheit dargetan hat, scheint jetzt das Äiinisterium für Volksbildung in einer neuerlichen Verordnung vom 1. Dezember 1923 über den Religionsunterricht an höheren Schulen wieder langsam vorfühlen zu wollen, was man sich im Lande an Abbau der religiösen Erziehung ohne Widerspruch gefallen läßt.

Die neue Verordnung setzt für diq beiden unteren Klassen der Realschulen und für die noch bestehen- den fünf Klassw der Volksschullehrerseminare und Lehrernmenseminare die Zahl der wöchentlichen Re- Ngionsstunden von drei auf zwei herab. Die frei­werdende Unterrichtsstunde wird dem Fache des Deutschen überwiesen. Weiterhin verfügt das Mini­sterium:3n allen höhere» Lehranstal­ten ist der Ka te ch i s mu sun t e r r i ch t von jetzt ab ganz ein zu stellen."

Damit wird nun auf die höhere Schule übertragen, was der Eifer der Regierung der Volks- Beauftragten unmittelbar nach der Revoluüon zum Heile der Volksschule veroubnete. Die erste der rrschrevolutionären Verordnungen über den Reli- gionsunterricht vom 2. Dezember 1918, die jetzt noch in Kraft ist, lautete:Von Neujahr 1919 ab ist der Unterricht in biblischer Geschichte auf der Unter­stufe in allen Volkschulen aufStunden einzuschrän- ten und der Katechismusuntericicht ganz einzustellen." Genau fünf Jahre später greift also der Abbau der religiösen Erziehung auch auf die höhere Schule über!

Es wird dabei noch besonders betont, daß die Herabsetzung der Religionsstunden, soweit es die Stundenverteilung gestattet, baldigst, im übrigen aber spätestens mit Beginn des nächsten Schuljahres einzutreten habe. Es will scheinen, als gäbe es keinen schlimmeren Feind für den Staat als die reli­giöse Erziehung seiner Jugend!

Die sächsische Regierungskrise.

Bildung eines AUaisteriu»ks dec großen fioafifion?

"Wie demVorwärts'^ 'aus Dresden gemeldet wird, beschloß die sozialdemokratische Landtagsfrak- t-on, ohne die Stellungnahme des für den 6. Jan. einberufenen Landesparteitages abzuwarten, der Bildung der großen Koalition in Sackten ihre Zu­stimmung zu geben.

Der Ministerpräsident soll von der sozialdemokratischen Fraktion gestellt werden. Nach derLass. Ztg." sollen die Ver­handlungen zwischen den Landtagsfraktionen über die Kabinettsbildung bereits zu einem poffitioen Er­gebnis geführt haben.. Es werde folgende mut- maßliche Ministerliste genannt: Ministerpräsident Heldt (Soz.), Inneres Müller-Chemnitz (Soz.), Ar­beit Jlsner (Soz.), Wirtschaft Fellisch (Soz.), Finan­zen 2r. Dehne (Dem.), Justiz Dünzer (Dt. Dpt.), Volksbildung Dr. Kaiser (D. 23p.).

*

Nach einer Mitteilung desEvangelischen Presse­dienstes" wurden drr Präsident und der Dizepräsi- dent des evangelisch-lutherischen Lan­deskonsistoriums Dr. Böhme und Dr. Jhmetz, die von der sächsischen Staatsregierung zwangs­weise pensioniert mürben waren, durch Beschluß des zuständigen Reichngerichtshofes in ihren Aem- tern bestätigt.

Eer «Landal in Thüringen.

Wie aus Weim»r gemeldet w rd, ist der thüringische Minister deS Innern Hermann auf Anuaa dcS

Oberstaatsanwalts in das Weimarer Unter- uchungsgesängnis überführt worden. Dir Untersuchung gegen ihn soll mit größter Beschleunigung geführt werden.

Vahrungssorgen Frankreichs.

Die Franzosen eröffnen, nach derFrkf. Ztg.", einen neuen Kampf gegen die Mießmacher. Im Temps" findet sich eine eindringliche Mahnung, den Sturz des Franken nicht durch Nervosität zu beschleunigen. Die Leute, die sich mit Dollars und Pfunden versehen, werden mit jenen verglichen, i>ie im Frühjahr 1918, bei der großen deutschen Offensive, nach Spanien reiften.Schande den Feiglingen", heißt es in dem Artikel,aber ganz besonders Much den Dummköpfen". Die Dumm­köpfe sind diejenigen, die glauben, daß sie sich, in der vergifteten Atmosphäre eines Landes lebend, den Kubikmeter Luft reservieren könnten, den sie zum Leben brauchen. Und plötzlich werden die Deut- schenzumMuster:Fragt doch die Deutschen, die ihre Habe ins Sichere gebracht haben, ob sie heute nicht den Schutz eines wirtschaftlich gesunden Dater- landes einem internationalen Kassenschrank vor­ziehen." Wir erfahren, daß es französische Expor­teure gibt, die nicht mehr den ganzen Ertrag ihres Absatzes nach Frankreich hereinholen.Warum duldet man", heißt es weiter,daß der Tempel des Geldes überflutet werde von Kaufleuten, die aus allen Winkeln der Welt kommen und mit übereinstimmendem Akzent die Panik säen, sobald man sie den Vorraum durchschreiten läßt?"

Wir wollen, schreibt dazu dieFranks. Ztg.", daraus keine besonderen Schlußfolgerungen ziehen. Die Menschheit wird nur durch den Schaden am eigenen Leibe klug. Alle Warnungen, alle Mahnun­gen an die wirtschaftliche Verbundenheit der Völker haben nichts genützt. Hoffentlich nützen die Anfänge der Krisis, um die Franzosen endlich zur Vernunft zu bringen.

*

Der französische Franken hat mit dem Beginn des neuen Jahres feine Abwärtsbe­wegung scharf fortgesetzt. Er hat am 3. Januar mit Notierungen von Fr. 87.29 für das Pfund und von Fr. 20.53 für den Dollar einen neuen Tiefstand erreicht, der als um fo be- unruh'gender empfunden wird, als das Tempo der Fallgeschwindigkeit von Tag zu Tag zunimmt. Der Dollar ist vom 2. zum 3. Januar um 60 Centimes in die Höhe gegangen, das sind, an der Goldpari, tat gemessen, 12 Prozent.

Doincares Antwort.

Ministerpräsident Poincare hat dem Text des französischen Antwortentwurfes auf die deutsche Denkschrift vom 21. Dezember endgültig zuge- stimmt. Der Entwurf wird dem französischen Botschafter in Brüssel zugehen, damit er der bel­gischen Regierung zur Stellungnahme unter­breitet wird.

Der diplomatische Havasredakieur bestätigt noch­mals die von ihm bereits veröffentlichten Angaben über den Inhalt des französischen Antwörtentwur- fes und fügt hinzu, daß außer den bereits erwähn­ten Erleichterungen im Verkehr der be­setzten Gebiete weitere Maßnahmen, soweit sie durch die Lage gerechtfertigt erscheinen, in Aussicht genommen seien. Die Aufhebung der Aus- und Einfuhrlizenzen werde nicht bewilligt werden.

Die Vertreter des Papstes..

In dem Leitartikel eines nicht katholischen Blat­tes der Rechten lesen wir solaendes:

Die. Diplomatie kann von ihren alten Sitten nicht lassen, sie muß am 1. Januar Hofgala nnfegen und beim Staatsoberhaupt Visite machen, um Ich in dem hohen Spiel des politischen Bleigießens zu üben, acmz einerlei, wer das jeweilige Staatsoberhaupt ift So hat denn

auch Herr Ebert das Erb« Wilhelms II. angetreten und liebenswürdige Sprüche mit dem diplomatischen Korps wechseln müssen zur selben Zeit, wo Herr Poincare die bei ihm akkreditierten Vertreter empfing. Ein gutes Stück Glück hat es gefügt, daß in Paris wie in Ber­lin die Vertreter des Papstes als Doyen des diplomatischen Korps figurierten, daß also der politische Haß der ehemaligen kriegführenden Mächte und die Eifersüchteleien unter den Siegerstaaten durch die Per­son des Nuntius ausgeschaltet wurde. An beiden Stellen ist manch' gute« Wort über den Frieden gejagt worden. Daß die Botschafter des Vatikans es ehrlich meinen, darüber ist kein Wort zu verlieren, der Papst hat sich in den letzten Jahren wirklich als Verkörperung des Friedensgedankens und des mensch­lichen Mitleids betätigt. Leider ist die Kirche nur im- stände, mit moralischen Waffen zu kämpfen, ihr Einfluß ist zwischen Unlersee-Booten, Maschinengewehren und Gasgranaten nicht allzu groß. Sie muß schon stolz sein, wenn sie Atmosphäre schaffen hilft, worin die Hoffmmg auf Frieden gedeiht.

Es rerbient festgehalten zu werden, was hier emm-al von nichtkatholischer Seite über die Be­deutung des Papsttums für die menschliche Kultur gesagt wirb. Die Bemerkung über den geringen Einfluß der Kirche zwischen U-Booten und Gasgranaten kann dabei nicht als Abschwächung empfunden werden. Denn auf dieDauer wer­den die brutalen Machtmittel, wie Gasgranaten und dergleichen Mordwerkzeuge es sind, dem Einfluß edelster Geisteskraft unterliegen. Man muß nur warten können. Das können freilich viele Men­schen nicht. Sie glauben im Ernst, daß z. B. ein Marschall Vorwärts mit dem Säbel in der Hand das deutsche Volk von heute im Handumdrehen er- loösen könnte. Unsere Hoffnung geht auf Sieg des Geistes, well der Sieg der G e w a l t noch immer neue Leiben im Gefolge gehabt hat.

Scharfe Kritifc an den Franzosen.

Balkanisierung Europas" eine Kränkung für den Balkan.

Der Sonderkorrespondent desAllgemeen Han- belsblad", der dem Düsseldorfer Schupo­prozeß beiwohnte und zahlreiche Studienreisen durch das besetzte Gebiet gemacht hat, führt in fei­nem Blatt aus, wenn man von der Balkanisierung Europas sprechen dürfe, so sei die Frage erlaubt, ob dies nicht eine unverdiente Kränkung für die Bewohner des Balkans fei. Mer es erlebt habe, wie die belgischen Gendarmen in Aachen die deutsche Bevölkerung mit Gewehrkolben und Gummiknüppeln bearbeiteten, wer die Verbrüderung der Soldaten des Generals de Metz mit den separa­tistischen Strauchrittern erlebte und Kenntnis habe von den schmutzigen Finanzoperationen der Familie Dorten, die von den französischen Behörden unter- stützt wurden, wer endlich in Düsseldorf Zeuge ge­rn efen fei, wie die braven Schupooffiziere und Mann- fchaften weniger Gerechtigkeit fanden, als sie einem gewöhnlichen Kongoneger gewährt würden, der würbe erkennen, daß die fleißige, sau­bere Bevölkerung des kulturell am höchsten entwik- kelten Teiles Europas, nämlich des Rhemlandes und des Ruhrgebiets, nicht wie ein Dalkanvolk, sondern wie ein Stamm von Wilden behandelt werde.

Auf die Dauer werden die Schergen Poincares und er selbst der Verurteilung durch bas Weltge- wissen nicht entgehen.

-vuartierverlegung.

Nach einer Havakmeldung aus Düsseldorf verlautet offiz'ell, daß der Generalstab der Be'atzunaS. anr.ee in der erben Höfte des Januar von Düssel­dorf nach Mainz zurückverleat werde, dagegen werde General Tecouile ferne Kommandollellen in Düsseldorf beinhalten. Die verschiedenen zivilen Büros in Düsseldorf würden umgruppiert und in Düsseldorf bleiben.

Ketgcr.

SeorvMan von Clark Rüssel.

Ich habe fernen Befehl, den Kapitän zu rufen, nur weil ein Schiff tt Sicht ist, lehnte er jedoch kurz ab.

Das mag jene. Mr. Jones, aber hier bietet sich uns vielleicht eine Gelegenheit, heimzukommen. Der Kapitän muß es daher erfahren.

Ich fanns nicht ändern, Herr, erwiderte er achsel­zuckend, es verträgt sich nicht mit meiner Instruktion.

Damit ließ er uns stehen.

Es ist keine Zeit zu verlieren, Helga, sagte ich. Ich werde selbst den Kapitän aufsuchen.

Als ich a» feine Tür klopfte und meinen Namen nannte, rief er: Bitte, kommen Sie nur herein, wenn Sie allein ftab.

Er lag i» Hemdärmeln auf seinem Bett, richtete sich aber sofort auf und griff nach feinem Rock.

Was wünschen Sie, Mr Tregarthen?

Verzeihung, daß ich Sie störe, sagte ich. Der Rauch eines Danwfers ist in Sicht. Und da Mr- Jones sich weigerte, Ihnen dies zu melden, erlaubte ich wir, es selbst zu tun. Ich bitte Sie, dem Schiffer zu fignali- fieren, d«tz es Fräulein Nielsen und mich an Bord nehme.

Ich hdbc nichts dagegen. Sie überzusetzen, Mr. Tre­garthen, sagte er in seinem gewöhnlichen sanften Ton­fall, aber Sie können wirklich nicht verlangen, daß ich mich so schnell von Ihrer reizenden Gefährtin trenne.

Ich «rlasse aber das Schiff unter keinen Umständen ohne sie».

Das sollen Sie ja auch gamicht. Sie sollen eine kleine ißergnügungstout mit mir machen. S.e fühlen sich hier b'Mb hoffentlich wohl?

Sehr wohl, aber trotz allem muß ich Sie dringend ersuchen, Kapitän Bünting, daß Sie dem Dampfer Sig­nale geben. Ich muß darauf bestehen!

Er lächelte mitte,

Die Macht eine« Kapitäns an Bord seines Schiffe» ist unumschränkt; sein Wille ist Gesetz; niemand außer ihm hat das Recht, auf etwas zu bestehen. Doch wir wollen uns nicht ereifern, sondern Freunde bleiben.

Kapitän Bünting, entgegnete ich, auch mir liegt daran, mit Ihnen in Gutem auseinander zu kommen. Aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß, wenn Sie uns zwingen, die Reife fortzufetzen. Sie dies auf Ihre Gefahr tun. Ich werde Sie auf Entschädigung verkla­gen, und was Fräulein Nielsen anbetrifft, so werden Sie wohl wissen, daß Freiheitsberaubung eine strafbare Handlung ift

Er wehrte mit beiden Händen ab.

Dies ist doch keine Freiheitsberaubung! Ich begreife Ihre Ungeduld, aber ich könnte von Ihnen doch wohl eine etwas edelmütigere Auslegung meinet Wünsche be- anspruchen. Weshalb denn diese Eile?

Sie können wirklich nicht verlangen, daß ich die Ant­wort auf dies« Frage zum hundertsten Male wieder­hole! rief ich, mich mit äußerster Anstrengung zur Ruhe zwingend.

Natürlich! Sie sind in Sorge um Ihre arme Mut­ter. Wie wäre es, wenn wir ihr durch den Dampfer Nachricht von Ihnen übermitteln ließen? Sein Gesicht strahlte vor Freude über diesen neu entdeckten Aus- weg. Wo sind Sie doch gleich zu Hause? Ah so, Tinttenale.

Soll ich dos so verstehen, daß Sie sich weigern, uns übersetzen zu lassen?

Weshalb diesen harten Ausdruck? Sie wissen doch, welche Wünsche ich im Herzen hege.

Unter dieser unerschütterlichen Sanftmut barg sich eine eiserne Entschlossenheit. Ich sah ein, daß ich nichts bei ihm erreichen würde und wandte mich nach der Tür.

Bitte, haben Sie die Güte, mir Mr. Jones zu schicken, rief der Kapitän mir noch nat$, > Ich entledigte mich bie'es Auftrages und teilte dann Helga in dürren Worten die Weigerung des K öns mit

Das darf er nicht, tief sie erbleichend.

Daran kehrt er sich nicht! Wenn wir nicht über Bord springen wollen, müssen wir wohl oder übel hier bleiben!

Könnten wir nicht die Mannschaft zu Hllse rufen? stammelte Helga.

Ich starrte auf den sich schnell nähernden Dampfer und zermarterte mein Gehirn, wie ich mich chm bemerk­bar machen könnte. Voll Bitterkett und ohnmächtigen Zornes sah ich den stattlichen Postdampfer denn als solcher erwies er sich schon durch seine Schnelligkeit näher kommen. Kapitän Bünting ließ sich nicht sehen, doch Mr. Jones trat an mich heran und zeigte mir ein schwarzes Brett, auf dem in großen, deutlichen Buch­staben mit Kreide geschrieben stand:

Hugh Tregarthen aus Tintrenale, in der Nacht des 21. Oktober aus der Bucht getrieben, ist sicher an Bord des SchiffesLicht der Welt"! Bünting, Kapitän nach Capstadt. Bitte zu berichten.

Es ist gut so, sagte ich kühl.

Was soll das? fragte Helga.

Man wird die Schrift vom Dampfer au; lesen, die Notiz weiter berichten, und meine Mutier erfährt auf diese Werse, daß ich noch lebe.

Das war ein guter Gedanke, Hugh. Die Nachricht wird Ihre Mutter ebenso schnell erreichen, als wenn Sie selbst mit dem Dampfer heimreisten. Das beruhigt mich ein wenig! sagte Helga erfreut.

Ja, ein guter Gedanke, erwiderte ich, aber ist es nicht geradezu ungeheuerlich, daß wir auf diese Weise hier gefangen gehalten werden? eetne Bewunderung für Sie macht den Kapitän zum gewissenlosen Schurken. Er wollte mich allein hinüberbrmgen lassen,, vorausgesetzt, daß Sie hier bleiben.

Instinktiv klammerte Helga sich schutzsuchend an mei­nen Arm.

Ich habe einen großen Fehler begangen, fuhr ich fort. Ich hätte ihm sagen sollen, daß wir verlobt wären, \ dann hätte er uns vielleicht ziehen lassen.

Helga antwortete nicht; mit zusammengepreßten Lip­pen sah sie nach dem Dampfer hinüber,

V e überseeische Auswanderung.

Von Dr. W eid n er, 'JiegierungSrat un ReichswanderungSamt

Die deutsche Auswanderung hat, nach dem sie während des Krieges so gut wie ganz geruht hatte, seit 1919 wieder in steigendem Maße Bedeutung er­langt. Die hohen Ziffern der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als jährlich bis zu über 200 000 Deutsche ihre Heimat verließen, sind aller­dings noch bei weitem nicht wieder erreicht, diejeni­gen der letzten Dorkriegsjahre aber schon beträchtlich überschritten worden. Zwi­schen 1900 und dem Kriegsausbruch sind nur in vier Jahren je mehr als 30 000 Deutsche in überseeische Länder ausgewandert, eine Zahl, die schon im Jahre 1922 und m der ersten Hälfte des Jahres 1923 überschritten worden ift. Die überseeische Auswanderung hat nach Kriegsschluß stetig 3Uge­nommen. Sie belief sich 1919 auf etwas über 3000, 1920 auf über 10 000, 1921 auf rund 24 000, 1922 auf annähernd 37 000 und während des ersten Halbjahres 1923 schon auf etwa 41 000 Personen. Die Auswanderung über die Land­grenze nach europäischen Ländern wird zahlen­mäßig nicht erfaßt. Sie beläuft sich schätzungsweise auf einige Zehntausende in der Nach­kriegszeit.

Wir stehen also ohne Zweifel am Anfang einer Auswanderungszeit, die diejenige vor vierzig Jahren an Bedeutung vielleicht noch übertreffen wird. Die Auswanderungsziffern der Gegenwart müssen sehr viel höher bewertet werden als die der Vorkriegszeit, well die Ausführung des Auswanderungsvorhabens gegenwärtig viel schwieriger ist. Dor dem Kriege bestanden weder auf deutscher nach auf fremdländischer Seite besondere Schranken für deut­sche Auswanderung. Gegenwärtig stellen sich ihr aber schwer zu überwindende Hindernisse entgegen, rote die bei dem schlechten Währungsverhältnis der Mark außerordentlich hohen Reisekosten, die vielen Einreisehindernisse und die ungünstige wirtschaftliche Lage in manchen Einwanderungsstaaten. Wenn trotz dieser Schwierigkeiten soviele Deutsche aus­wandern, so müssen weite Kreise des deutschen Vol­kes von einem Drang nach dem Ausland erfaßt fein, wie er früher nicht vorhanden gewesen ist.

Was treibt unsere Landsleute fort9 In erster Linie ist es natürlich unsere augenblicklich so un« günstige wirtschaftliche Lage, die Entwertung der Mark, durch die die Lebenshaltung unseres Volkes weit unter den Friedensstand heruntergedrückt wird und der immer bedrohlicheren Umfang annehmende Arbeitsmangel. Die Not der Gegenwart und die Furcht vor der Zukunft sind es, die den Auswande- rungsgedanken in immer mehr Köpfe hineinhäm­mern. Dazu kommt die Gewaltpolitik Frankreichs, die trotz aller Opfer des deutschen Volkes immer neue Quälereien ersinnt, und bet vielen ein Gefühl der Mutlosigkeit aufkommen läßt, weil ein Ende der Bedrückung nicht abzusehen Ist. Infolge der Be­setzung des Ruhrgebiekes hat sich nicht nur unter der Ruhrbevölkerung, sondern auch unter den Be­wohnern des übrigen Reiches die Auswanderungs­lust erheblich verstärkt.

Diese Stimmung hat schon geradezu zu Aus­wanderungspaniken geführt. In der ersten Zeit nach Kriegsende schossen die Auswanderungs­unternehmungen und -vereine wie Pilze aus der Erde. Tausende sammelten sich unter den Fahnen dieser Vereine. Ihre Hoffnung hat in den aller­meisten Fällen getrogen, weil sie sich auf ganz fal­schen Voraussetzungen gründete. Man unterschätzte vor allem die Schwierigkeiten bei der Beschaffung der Mittel. Einzelne Pioniere, die auf Kosten eines großen Kreises die Reise antraten, mußten im Ziel­lande vielfach feftftellen, daß die Verhältnisse ganz anders waren, als man m der Heimat geglaubt

Ein schönes Schiff' sagte Mr. Jones. Än sechs Ta­gen liegt es bereits irn Dock. Es geht doch nichts über den Dampf.

Weshalb signalisiert der Kapitän nicht? fragte ich scharf. Es würde uns sicher ausnehmen.

Das ist feine Sache.

Wo ist Ihr Flaggenschrank? schrie ich. Ich über­nehme die Verantwortung dafür, die Flagge Halbmast zu hissen.

Nicht ohne Befehl des Kapitäns, Mr. Trezartheni

Was geht der Kapitän mich an! Er hat mir gar- nichts zu jagen! schrie ich wütend, doch Helga besänf­tigte mich.

Streiten Sie nicht mit ihm, Hugh. Wir müssen eben Geduld haben.

Der Dampfer hatte sich bis auf wenige Kabellängen genähert. Ich überlegte einen Augenblick, ob ich viel­leicht auf die Reeling springen, winken und schreien sollte, verwarf diesen Gedanken aber sofort. Es hätte doch nichts genützt, denn der Steuermann hätte mich gewiß mit Gewalt daran verhindert und mittlerweile wäre die Gelegenheit versäumt, bte Botschaft zu über­mitteln. Mr. Jones stand vorn und hielt das Br-tt hoch, während der Dampfer mit einer Geschwindigkeit von zwölf bis dreizehn Knoten an uns vorüberfuhr, ein herrlicher Anblick voll Leben und Schönheit.

Das von weißem Zeltdach überspannte Promenaden- deck wimmelte von Passagieren, darunter viele Damen in hellen Kleidern, die luftig im Winde flatterten. Ein Dutzend Ferngläser richteten sich auf uns, darunter auch das des Kapitäns, der von der Kommandobrücke aus die Schrift auf dem Brett studierte. In den rötlichen Strah­len der sinkenden Sonne funkelten die Knöpfe und Litzen seiner Uniform, und in den runden Fenstern des Dampfers schienen Flammen zu glühen. Wie armselig sah dagegen unsere kleine Bark mit ihren rohen 2!er- zierimgen und der Auslese gelber Vogelscheuchen au», die alles stehen und liegen ließen, um nach dem fremden Schiff zu gaffen.