®HWe Worte erfüllen möchten, denen da» Herz der katholischen Bevölkerung gehört im christl. Lenken und deut!chen Wollen, das sich auflebnt gegen eine kirchliche Abtrennung von den Diözesen Trier und Speyer, das sich auflehnt gegen eine Erziehung der Jugend'ohne Christentum und ohne Bezugnahme auf die Errungen, schäften deutschen Geistes- und Gemütslebens
Ich wünsche so manchem Zweifler und Pessimist, daß er jenen Katholikentag an der Saar gesehen hätte. Er würde sich geschämt haben. Unsere Gegner aber an der Westgrenze konnten sich nicht mehr beruhigen, da sie einen Fehlschlag erblickten, einen gewaltigen Mißerfolg in ihrer bis jetzt verfolgten Politik.
Vie Lisenbahnkaiaftrophe in ttreiensen.
Schilderung eines Fuldaer Augenzeuge«. Annähernd 50 Tote. — Die Schuldfrage.
Seit Jahrzehnten ist in Deutschland kein Eisen- bahnunglück erfolgt, das mit der Katastrophe von Kreiensen verglichen werden könnte. Die Z a h l d e r Toten hat sich aus 48 erhöht. lieber 60 Personen sind verletzt in die Krankenhäuser eingeliefert. Lin junger Mann aus Fulda, der in dem betroffenen Borzug war, gab uns eine Schilderung der Vorgänge:
In Hamburg war zu dem D-Zug nach München ein so gewaltiger Andrang, daß ein Vorzug gefahren werden mußte. Es waren viele Reisende, die aus sen Nordseebädern nach Süddeutschland zurückreisten. Auch viele Ausländer, namentlich Dänen und Amerikaner fuhren mit. Die Wagen waren Überfüllt. Der Vorzug bestand aus den leichteren Wagm, wie sie in Bayern verwendet werden, während der Hauptzug normale schwere D-Zugswagen lufwies. Gegen 4 Uhr hielt der Vorzug in Kreiensen, wo der Fahrplan einen Aufenthalt nicht vorsah. Auf Erkundigungen hörte man, die Maschine werde wegen Defektes ausgewechselt. Viele Passagiere hatten den Zug verlassen und ergingen sich auf dem Vahnsteig. Ich sechst saß im Halbschlaf in meinem Abteil des s e ch st e n Wagens von hinten gezählt, als rm furchtbarer Stoß erfolgte. Gleichzeitig schrillten schreie durch die Luft und fielen Gepäckstücke aus den Netzen. Sonst war in unserem Wagen nichts passiert. Als wir sofort den Wagen verließen, sahen wir das Unglück. Die Frauen wurden vom Bahnsteig verwiesen, wir unverletzten Männer stellten uns sofort dem Rettungswerk zur Verfügung. Ein furchtbarer Anblick. Die gewaltige Lokomotive des Haupt- zuges war in starker Fahrt aus unseren Zug von hinterher aufgefahren. Der letzte Wagen war vollständig zerquetscht, in ihm waren wohl alle Insassen auf der Stelle getötet worden. Der zweitletzte Wagen war in die Höhe gehoben. Der drittletzte Wagen war vollständig vernichtet, auch der werte Wagen noch zur Hälfte. Dann hörte das Zer- storungswerk auf. Von den Insassen des H a u p t- zuges hat überhaupt niemand ernstliche Beschädigungen erlitten, obwohl die Maschine beschädigt ist und die beiden ersten Wagen, Post- und Gepäckwagen, stark mitgenommen sind. Die Bilder des Jammers und des Grausens auf dem Bahnsteig sind nicht zu schildern. Schwerverletzte, die ihren letzten Hauch ausstießen, wurden mit fürchterlichen Wunden aus den Trümmern geholt. Unter den letzten Wagen stand auch der Gasbehälter in Flammen: ein erschütterndes Erlebnis.
Soweit unser Augenzeuge. Auch nach anderen Schilderungen, die jetzt vorliegen, war das Unglück grauenhaft. Einzelne verletzte Passagiere wurden vom Bahnpersonal sofort aus dem hochgehobe- nsn zweiten Wagen mit Leitern und Aexten befreit, die gräßlich verstümmelten, teilweise zu unförmigen Massen entstellten Toten mit Winden und Brecheisen aus den wie Streichhölzer geknickten Eisengestellen der Wagen, deren Inneres einen Trümmerhaufen von Polstern, Bänken, verstreutem Gepäck, Blutgerinnsel usw. bildete, befreit. Bis 10 Uhr hatte man schon 35—40 Leichen geborgen, mehrere Zote lagen noch fest eingekeilt unter den Trümmern. Die Bilder des Grauens, die sich dm heldenhaft arbeitenden und keine Gefahr scheuenden Bergungsmannschaften boten, lassen sich nicht beschreiben. Hier zog man eine Frau mit aufgelöstem Haar aus dem Abteil, dort wurde ein gräßlich zersetztes 12jähriges Mädchen geborgen, mehrere Männer waren im Schlaf vom Tode überrascht worden, sie lagen noch unter der Zeltbahn, mit der sie sich zugedeckt hatten.
Ganz romantisch klingt die Geichichle eines Auto Händlers, der in Hemdsärmeln den letzten Wagen des Vorzuges verließ, um am Bahnsteig Wasser zu trinken. Als die Katastrophe erfolgte, luchte
er wie ein Wahnsinniger nach seiner Jacke bezw. Brieftasche, in der sich 500 Millionen zum Ankau: eines Autos befunden haben sollm. Der Mann erzählte, er habe sein Geld bis auf 200 Millionen wiederbekommen. Eine merkwürdige Schicksalsfügung widerfuhr einem Dänen. Der Mann wollte mit seiner Frau nach Bayern fahren und saß im vorletzten Wagen, der ihm zu unruhig fuhr. In Hannover nahm er zwei Zuschlagskarten zur zweiten Klaffe für 480000 Mark und siedelte in einen vorderen Wagen über, nicht ohne daß ihm seine Frau ob dieses Leichtsinns Vorwürfe machte. Jetzt schimpft die Frau nicht mehr.
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Bezüglich der Schuld an der Katastrophe ist der Lokomotivführer des Hauptzuges, ein etwa 28jähriger Mann, zunächst schwer belastet. Fest- gestellt soll sein, daß daß Einfahrtssignal, sowie das Vorsignal der Station Kreiensen auf Halt stand. Der Lokführer soll angeblich erklärt haben, daß ihm etwas ins Auge geflogen sei, weshalb er das Vorsignal übersehen habe. Zwischen Hauptsignal und Bahnhof sei es dann zu spät gewesen, den Zug zum Stehen zu bringen. Das Ziehen der Schnellbremse habe aber immerhin eine geminderte Geschwindigkeit des einfahrenden Zuges veranlaßt, sonst wäre das Unglück noch viel größer geworden. Ter Führer vermutete wohl, so darf man annehmen, den Vorzug schon längst außerhalb der Station, in der er ja gar nicht zu halten hatte und verließ sich allzusehr auf diese falsche Sinnesvorstellung.
Die T o t e n l i st e, die bislang zur Deröffent- lichung gelangt fft, weist auch aus unserer Gegend mehrere Namen auf. Der Name eines Fuldaers ist nicht darunter, doch soll sich das Gerücht, daß auch ein Fuldaer Bürger bei der Katastrophe ums Leben gekommen fft, nach unseren Informationen bestätigen. Getötet fft Heinrich S ch l üt e r aus Hanau, Ehefrau Konrad Becker aus Bebra, Mutter und Tochter S i g g e l h o w aus Offenbach. Dagegen ist, wie W. T. B. berichtend gegen eine frühere Meldung feststellt, ein Nathan Reich aus Bad Brückenau nicht unter den Toten.
Deutsche Landwirtschaft.
= Vomiinenverpachtuag. Kürzlich fand auf der Kasseler Steuerung, Abteilung für Domänen und Forsten die öffentliche Verpachtung der Domäne Rodend berg im Kreise Rinteln statt, zu der etwa zebn ernst, hafte Bewerber erschienen waren. Als Höchstgebot wurden für die rund 1200 Morgen große Domäne 2733 Doppelzentner Korn geboten. Das entspricht, der Preis des Doppelzentners nur 1 Million angenommen, dem enormen Pachtpre,? von 2733 Millionen Mark. Der Zuschlag wird einem der drei Höchstbietenden erteilt werden.
«acholische Welt.
= Vie Lapuzinermisfionel». Die politischen Um- Wälzungen, welche der Krieg gebracht hot, zwangen die Kapuziner zum Aufgeben der apostolischen Präfektur Bettiah-Nepal (Indien) und des apostolischen Vikariates der Karolinen-Marianen (Südsee). Auch im türkischen Orient sind noch in jüngster Zeit mehrere Stationen vollständig zu Grunde gegangen. An n e u e n Missionen hat der Orden erhalten: das apostol. Vikariat Caroni in Venezuela, eine Mission unter den Coroados- Jndianern in Brasilien, das apostol. Vikariat Dares. salaam (Ostafrika), eine Mission in Anatolien und das apostol. Vikariat Ost-Kansun (China). Der Orden ver- sieht gegenwärtig 24 Missionsgebiete mit 478 769 Christen (zirka 112 Millionen Heiden!), außerdem 111 Haupt- stationen und Pfarreien in fremden Missionsdiözesen; mit den dazu gehörigen Gläubigen erhebt sich die Zahl der Christen auf 967 644. Im Jahre 1922 wurden 65103 Taufen und 3825 726 Kommunionen gespendet. An Misstonspersonal war vorhanden: 1085 Kapuziner, 118 einheimische Priester, 108 Schulbrüder, 686 europäische und 313 einheimische Schwestern. In schwerer Bedrängnis befinden sich die deutschen Missionen in Chile und China, da es kaum mehr möglich ist, aus eigenen Mitteln auch nur die Ausrüstung der Missionare zn bestrelten. Die Hauptlast für die Kapuzinermissionen trägt der Seraphische Meßbund, der im Jahre 1899 in der Schweiz gegründet, heute mit mehreren hunderttausend Mitgliedern fast in allen Ländern Europas und Amerikas verbreitet ist. Den Anteil der Kapuziner an der Weltmisston zeigt solgende Zusammenstellung der missionierenden Orden und Institute nach der Zahl der in den Missionen tätigen Mitglieder: Franziskaner 2549, Jesuiten 1879, Pariser Seminar 1180, Kapuziner 1085; es folgen die Lazaristen mit 650; von den übrigen seien noch genannt: Väter vom Hl. Geist (Knechtsteden) 573, Weiße Väter 505, Dominikaner 500, Oblaten (Hünfeld) 440, Maristen (Meppen) 400, Mariannhiller 290, Missionare vom hl. Herzen (Hiltrup) 266, Steyser 246, Missionare vom Hl. Herzen (Sittard - Krefeld) 40, Benediktiner von St. Ottllien 30. Der Kapuzinerorden stellt etwa Vis aller Missionare.
Eine Fahrt an Marn und Tauber.
Von Wilhelm Hauck- Fulda, ’n.
Wir wandern durch die im Sonnenlicht gebadeten Gassen Wertheims; besonders fesselt uns das Haus „zu den vier Gekrönten", ein Fachwerkbau, an dem die Zimmermannsarbeit schon mehr in die Klasse des Kunst- Handwerks gehört; an den Balken finden sich vier originelle gekrönte Figuren geschnitzt; wester bemerkenswert ist der, im Jahre 1754 im Renaissancestil erbauic Engelsbrunnen, den eine ganze Gruppe freistehender Steinfigurpn ziert. Daß neben den allen Häuschen auch mal ein viereckiger Zweckbau, wie zum Beispiel an der Tauber, steht, läßt die anderen spitzgiebeligen Häuser nur um so schöner erscheinen; obwohl das Haus nicht Übermäßig groß ist, macht es doch in feiner viereckigen Regelmäßigkeit mit dem flachen Mansardendach den Eindruck eines kleinen Wolkenkratzers und scheint sich unter den spitzen Giebeln, die miteinander Zwiesprache halten, nicht wohl zu fühlen. Die neuen Häuser passen sich durchweg dem Stil der Stadt an, ohne in eine alter- tümelnde Manier mit falsch angebrachten Zierraten oder nur Fassadenwirkung zü verfallen, von der man ähnlich wie bei der Butzenscheibenlyrik das Goethewort an- wenden kann: „man merkt die Absicht und wird verstimmt".
Beim Durchwandern Wertheims kann man es verstehen, wenn ein Wertheimer auf seinem Hause den Spruch in der dortigen Mundart einmeißeln ließ: „Es is uff der ganzen Erde, nergends schöner als in Werthe" (Wertheim).
Ein anderer Bürger hat eine förmliche Chronik von Wertheim mit Lebensmsttelpreisen usw. an seinem Hause angebracht. In der Nähe des Bahnhofs befindet sich der gothifche Bau der kathol. Kirche in schöner stilvoller Durchführung aus der ersten Hälfte des vorigen Iahr- hunderts. Bon größter Merkwürdigkeit ist die evangelische Stadtkirche, eine im Jahre 1383 begonnene Pfei- lerbasilika. Wir treten ein in den herrlichen Bau; nach Entrichtung von 1000 «M. wird uns gestattet, die zahlreichen, zum größten Teil ganz hervorragenden Grab- denkmäler aus dem 15.—18. Jahrhundert zu besichtigen. Hier ruhen die Gebeine der Fürsten von Löwenstein- Wertheim beider Linien; wir werden darauf aufmerksam gemacht, haß die llebenefte tzer Fürsten nach ggyp.
tischer Art einbalsamiert wurden und die wohlerhaüe- nen Mumien in den Särgen ruhen, auf die man fröstelnd einen Blick werfen kann durch die Tür einer neben den Denkmälern befindlichen Kammer.
Wie schon erwähnt, hatten die Fürsten von Löwenstein ihren Wohnsitz auf der Burg Wertheim. Es gibt zwei Linien des Geschlechtes der Löwensteiner, die katholische Linie Löwenstein-Wertheim-Freudenberg und die evangelische Linie Löwenstein-Wertheim-Rosenberg. Erstere haben ihren Sitz auf Schloß Kleinheubach, unweit Miltenberg, die Rosenberger haben ihren idyllischen Wohnsitz in Kreuzwertheim, gegenüber Wertheim, auf der bayrischen Mainseste. Doch wir sind noch bei den prachtvollen Denkmälern. Besonders imponierend ist die sogen. „Bettlade", ein freistehendes Denkmal in prunkvollem Renaissancestil aus weißem Alabaster, dem Andenken Ludwig II. von Löwenstein errichtet. Man müßte Stunden verweilen können, um alle die fein ausgearbeiteten Einzelheiten, die vielen Symbole und Ornamente studieren zu können. Von dem freundlichen Führer aufmerksam gemacht, werfen wir noch einen Blick auf das vor 20 Jahren errichtete neue Orgelwerk mit 3 Manualen, 40 klingenden Registern und Fernecho; dann betrachten wir noch die schwere Bronzebüste Luthers und die verschiedenen Ehrentafeln in künstlerffcher Ausführung, die Wertheimer Familien ihren gefallenen Söhnen errichteten. Das Merkwürdige dabei ist, daß jeder eine Ehrentafel für sich allein hat.
Unsere Zeit ist knapp, alles können wir unmöglich an einem oder zwei Tagen sehen, doch wollen wir das, was wir sehen, gut sehen, und so suchen wir uns noch eine Perle aus dem Wertheimer Schmuckkästchen heraus und begeben uns nach der K i l i a n s k a p e l l e am Fuße des Weges, der zur Burg führt. Rach Professor Wibbel ist die Kilianskapelle eine der schönsten und interessantesten Doppelapellen ivätgotbischen Stiles in ganz Deutschland. Im Erdgeschoß ist ein prachtvolles Netzgewölbe; 1604 wurde die Kapelle durch Einbauten für das Gymnasium hergerichtet und bis zum Jahre 1871 dazu benützt. Seit 1904 befindet sich ein Heimatmuseum in der Kapelle unter besonderer Förderung des Historischen Vereins „Alt-Wertheim". Neben alten Donnerbüchsen und alten Wertheimer Drucken ist es besonders die Münzen- und Petfchastsammlung, die beachtenswert ist. Die Münzen sind meist in Wertheim geschlagen, die Petschafte sind von hervorragender Schönheit, unter denen besonders das silberne Petschaft des Abtes der Cisterzienforabtei Bronnbach auffällt; bei Betrachtung *
Heimat.
§ulvo. 1. August 1923.
Freiherr vom Stein an uns!
Vor hundert Jahren, als Deutschland innerlich schwach, von außen gebemütigt dalag, erstand ihm in Freiherrn vom Stein der schöpferische Staats- mann, der in Bauernbefreiung, Städteordnung und Beseitigung eines ständischen Kastenwesens der Selbstverantwortung und Selbstverwaltung freier Bürger die Bahn brach. Damit führte er den Wiederaufstieg des deutschen Volkes herbei, dessen Bürgersinn unter der jahrhundertelangen Bevormundung des Staatsabsolutismus verkümmert war. Er fand Worte über die sittliche Würde des Staatsbürger- tums, die heute wiederum beherzigt zu werden verdienen, da weite Bürgerkreise d»e durch den neuen Volksstaat gebrachten Freiheiten und Rechte nicht als Antrieb zur Pflichterfüllung betrachten, sondern bloß als Mittel zur mammonistischen Befriedigung des wirtschaftlichen Eigennutzes, zum Raubbau an Staat und Volkswirtschaft auszubeuten suchen. Damals schrieb er:
„Das Hin geben für das Vaterland wird vornehm, lich durch den Gemeingeist erzeugt, der aus der Teilnahme am Gemeindewesen und Mitwirkung zu den Gemeindeangelegenheiten entspringt.« . . . .Der Ge- memgerst bildet sich nur durch unmittelbare Teilnahme am öffentlichen Leben, er entspringt zunächst auS der Siebe zur Genossenschaft, zur Gemeinde, zur Provinz, und erhebt sich stufenweise zur Vaterlandsliebe Ohne ein Gemeindeleben bildet sich kein Gemeingeist.-
„Der Staat ist kein landwirtschaftlicher und Fabriken- verein, sondern sein Zweck ist religiös.sittliche, geistige und körperliche Entwicklung; es soll durch seine Einrichtungen ein kräftiges, mutiges, sittliches, geistvolles Volk, nicht allem em künstlerisches, gewerbefleißiges gebildet werden. Das Bürgertum wird aber besser entstehen aus Zünften sheute verstehen wir darunter alle berufsständische Gemeinschaft), die durch gemein- schaflliches Gewerbe, Lebensweise, Erziehung, Meister- lehre und Gesellenzucht gebunden sind, als aus den bloß polizeilich abgegrenzten Häuservierteln, wo Nach, bar mit Nachbarn in keiner Verbindung steht, sondern alle durch den Egoismus wieder auseinandergehalten werden. Ist die Gemeindeverfaffung so gebildet, datz sie ein freies Leben, eine lebendige Teilnahme an der Gemeindesache bei dem einzelnen erw:ckt, so enthält sie die reinste Quelle der Vaterlandsliebe, sie drndet an den väterlichen Herd, an die Erinnerungen der Jugend, an die Eindrücke, so die Ereignisse und die Umgebung des ganzen Lebens gelassen. Die Gemeindeverfassung sichert die wahre, praktische Freiheit, die täglich und stündlich in jedem dinglichen und persönlichen Verhält- nisse des Menschen sich äußert, und schützt gegen amt- liche Willkür und Aufgeblasenheit."
Unter der lebendigen Teilnahme an der Selbstverwaltung der Gemeinde, die dem Bürger näher liegt als der nur schwer zu übersehende Staat, denkt Stein aber nicht zuerst an die Gemeinderatswahlen und Rathauspolitik, an die Erledigung der äußeren Geschäfte der Gemeinde, wie Verkehrs-, Sicherheits», Gesundheitspolizei, Wasser- und Lichtversorgung, Kanalisierung, Steuerausschreibung usw., sondern vornehmlich an den Volksfamilienhaften Gemeinsinn, an das gemeinnützige stille Bürgerwirken für die Pflege der leiblichen, geistigen und sittlichen Volkswohlfahrt aller Bürger, ihrer Berufsstände und Familien, der Schwächern und Hilfsbedürftigen. Erst dadurch hat der Bürger an seiner Gemeinde eine Bürgerfamilie, einen Heimatsort, eine Vater- st a d t, die er lieben kann. Von dieser aus kann er bann auch an seinem Volksstaate ein Vaterland haben, dem er sich in Ehrfurcht, Liebe und Opfersinn hingibt. _________________
Zeitgemäße wirtschafkftagen.
Am Dienstag abend sprach auf einem sehr gut besuchten Vereinsabend des Kath. Kaufm. Vereins Fulda der Privatdozent an der Handelshochschule Frankfurt a. M. Dr. Kalber am über industrielle Finanzierungsmethoden der Gegenwart, ein Stoff, der ihm Gelegenheit bot, das Gesamtgebiet der augenblicklichen Wirtschaftsprobleme in feffelnder Weise zu beleuchten.
Der Vortragende legte einleitend die Gründe für das gewaltige Kapitalbedürfnis der deutschen Erwerbswift- d>aft und für die Fusions- und Verschmelzungsbestre- bungen der Industrie dar und gab in lebendiger Schilderung ein Bild der Kapitalbefchaffungsmethoden der Nachkriegszeit. Die Eigenart der verschiedenen möglichen Personen- und Kapstalgesellschaften und die Gründung ür die Umwandlung von Gesellschaften, sowie die Bildung neuer Gesellschaftsformen, insbesondere für die Errichtung der G. m. b. H. u. Co. und der Aktiengesellschaft u. Co. wurde eingehend gewürdigt. Dann
dieses Petschaftes ahnte ich nicht, daß ich einige Tage päter unter persönlicher Führung des gütigen Herrn Abtes Bernhard Widmann die Abtei Bronnbach kennen lernen sollte. Noch fesselt uns die .Sammlung der Kerbhölzer aus dem 15. Jahrhundert, ein Geschenk der Löwensteiner. Die Hölzer erzählen uns aus der Zeit der Leibeigenschaft, sind lang oder kurz, aus leicht spaltbarem Holz. Zu Johanni, Michaeli usw. wurden die Hölzer dem Fürsten abgeliefert; jeder Frohnzehnte war durch eine Kerbe in dem Holz bezeichnet, das Holz umrde bei der Lieferung gespalten und zwar so, daß die Spaltung quer durch die Kerbe ging. Der Fürst und sein Höriger hatte damit eine genaue Kontrolle über die geleistete Frohn, jeder Teil behielt eine Hälfte des Holzes. Diese Frohndienste den feudalen Herren gegenüber werden ihr gut Teil zu dem sogen. Bauernkrieg beigetragen haben. Ein Walfisch, mit dem Jonas im Rachen, hängt über unfern Köpfen von der Decke herab und belustigt mehr als einen Besucher der Kapelle. Alle Wertheimer Teller mit Inschriften wie z. B.: „Gibt der Bauer, sieht er sauer" und ähnlichem wechseln ab mit Hündchen und Zinngeschirren, wie man sie anderweitig auch findet.
Nun begaben mir uns nach der 80 Meter über dem Main liegenden Burgruine. An dunklen Derlietzen vorbei gelangen wir auf sanft ansteigendem Weg in den Burghof. Die Burg, im Anfang des 12. Jahrhunderts von Graf Wolfram I. angelegt, im 14. und 16. Jahrhundert erweitert, war bis zum 30jährigen Krieg Wahnitz der Wertheimer Grafen. 1619 durch eine Pulver- explofion und 1634 und 1648 durch Beschießung wurde aus dem stolzen Bau eine immer noch großartig wirkende Ruine, die das Bild der ganzen Landschaft be-' herrscht. Wir bewundern im Schloßhof den tiefen, in Fels gehauenen Brunnen, besichtigen die Reste des Pallas, der Kapelle und bewundern wappengeschmückte Tore und den Bergfried, der aus Buckelquadsrn erbaut ist, Mauern von 2,25 Mir. Dicke aufmeist und hoch in die Lüfte ragt. In der Burgwirtschaft sitzen fröhliche Zecher „Arm am Beutel — krank am Herzen . . ." singt einer, dazu bechern sie den edlen Frankenwein. Frankenwein — Krankenwein; Kranksein am Herzen vertragt der Wein eher wie Krankheit des Geldbeutels, denn der billigste kostet ca. 70 000 Mk. das Liter. Wir steigen eine Wendeltreppe empor und betreten ein mit Bildern von Ordensrittern geschmücktes Turmzimmerchen. Wir riskieren ein Viertel des guten Frankemveines uni) lassen vom Turm herab das unbeschreiblich liebliche Bild des
bot der Vortragende ehre klare Darstellung der Emii. fionsmethoden der Gegenwart. Er erklärte befon. bers die Licht- und Schattenseiten der „Emissions- Methoden unter der Hand", der Emissionen auf Vorrat der Emissionen zur Verwaltung der Interessen der Ge.' sellschast und der Ausgabe von Stimmrechtsaknen zuw Schutze gegen Ueberfrembung. Cs fakte eine Bespre, chung der Beschaffung von Fremdkapital durch Anleihen, besonders auch durch Obligationen mit veränderlichen Beträgen und durch wertbeständige Naturprodukt- anleihen. Weitere Ausführungen vermsttelten einen Ueberblick über die Technik der Verschmelzung und Ver. schachtelung von Industrie- und Handelsbetrieben. Die Auswüchse im Finanzierungswesen wurden scharf ge. geißelt.
In packenden Schlußworten legte der Redner bat, daß zwar bis zur Gegenwart trotz krankhafter Einzelerscheinungen und trotz schwerer Opfer die deutschen Erwerbswirtschaften lebensfähig seien, daß sie aber ihre Existenz nur weiter führen könnten, wenn wir von den Fesseln des unerfüllbaren Vertrages von Versailles und der Fremdherrschast an Rhein und Ruhr befreit wür- den, wenn die Regierung sich in letzter Stunde zu einer aktiveren Politik, besonders bei ihren Finanz- und Aeuermaßnahmen aufrafft und wenn statt eines krassen (Egoismus sich wieder die Grundsätze des christlichen Gemeinschaftsgeistes durchsetzen.
Der Vorsitzende des K. K. V., Herr Enders, dankte dem Redner, dessen Ausführungen lebhaften Beifall der Hörer geerntet hatten. Weitere Vorträge des Herrn Dr. Kalberam sind in Aussicht genommen
* Der Schaltervorraum der Brief-Annahme und Ausgabestellen des Postamts wird vom Donnerstag, den 2. Ang. ab abends um 830 Uhr geschloffen.
II Steuerabzug vom Arbeitslohn. Arbeitgeber (einschließlich Behörden und Gemeinden), denen nach § 48 der Durchführungsbestimmungen zum Gesetz über die Einkommensteuer vom Arbeitslohn oder nach der Bekanntmachung vom 2. Januar 1922 (Zentralblatt für das Deutsche Reich S. 19) gestattet ist, statt einer Verwendung von Steuermarken die einbehaltenen Lohnabzüge bar oder durch Ueber- weisung bei der zuständigen Finanzkaffe einzuzahlen, und die die einbehaltenen Lohnabzüge nicht spätestens bis zum Schluffe des auf die Lohnzahlung folgenden Monats an die zuständige Finanzkasse abführen oder 'abgeführt haben, haben statt der nach dem Erlaß vom 15. August 1921 zu fordernden Verzugszinsen in Höhe von 5 v. H. jährlich, vom Ablauf des Monats Juni 1923 ab, sofern der Rückstand 10 000 Mark übersteigt, für jeden angefangenen weiteren Kalendermonat einen Verzugszuschlag von 15 v. H. des auf volle 1000 Mark nach unten abgerundeten Rückstandes und, falls die Zahlung länger als 3 Monate im Rückstand bleibt, 30 v. H. des Rückstandes zu zahlen.
— Ein Proteststreik im Tabakwarenhandel findet am 2. u. 3. Aug.'auch hier in F u l d a wie im ganzen übrigen Deutschland wegen der hohen Zoll- und Steuerbelastung des Tabaks statt. In dem von drei Verbänden unterzeichneten Aufrufe heißt es u. a.: Die katastrophale Notlage des Tabakwarenhandels, hervorgerufen durch das gegenwärtige Steuersystem, zwinge zu dieser Demonstration. Das bis jetzt herrschende Steuersystem dringe dem Gewerbe und dem Reiche unermeßlichen Schaden. Der Verwaltungsund Verarbeitungsapparat verschlingeden wesentlichsten Teil derMnnahmen und bewirkte, daß im Zusammenhang mit der Geldentwertung der kleine Mann bald den Genuß des Rauchens einstellen müsse. Alle sachlichen Vorschläge des Tabakgewerbes zur Abänderung dieser Mißstände hätten bisher bei der Regierung kein Gehör gefunden. Deshalb werde die Mithilfe des Publikums in diesem Kampfe angerufen. Der Aufruf ist unterzeichnet vom Rhein-Maingan des Verbandes deutscher Zigarrenladeninhaber Hamburg, Geschäftsstelle Frankfurt a. M.; Verein bet; Zigarrenhändler Frankfurt a. M. e. B.; Verband Mittelrheinischer Großisten mit Tabakfabrikaten Frankfurt a. M., Zweigstelle des Zentralverbandes Deutscher Großhändler mit Tabakfabrikaten, Sitz Leipzig.
—verband kath Stubentenoeretne Deutschlands (K. V.) Bei einer Zusammenkunft des Fuldaer Philrsteriums (Pfahlbau) sollen die Maßnahmen zur Erhaltung des Berbandsorganes besprochen werden. Die Zusammenkunft findet heute, Mittwoch, abends 8 h. c. t in der Hauptwache statt.
= Flieden Die hiesige Ortsgruppe des Beschicht s. Vereins hält am Sonntag, den 5. August, nachmittags, im Bereinslokal eine Versammlung ab, zu der der Redner Schriftleiter Dr. Kramer aus Fulda gewonnen worden ist. Er spricht über die Geschichte der Buchdruckerkunst im Fuldaer Lande.
---- Hünfeld. Am 12. August feiert der hiesige Gesellenverein das 60. S tiftung sfest. Aus diesem Anlaß findet in Hünfeld der erste Diö- zesan-Gesellentag der Diözese Fulda statt.
Städtchens auf uns wirken. 3m Fremdenbuch blätternd laßen wir auf jeder zweiten Seite auf Verse, die weitens auf Wonne und Sonne — Wertheim und Main ausklingen, ähnlich wie in gewissen Rhönorten die Verse im Fremdenbuch auf Rhön und schön verklingen. Doch ein Dichter ist darunter namens Büdenbender, anscheinend ein Wertheimer, der mehr zu sagen weiß und um dieses einen willen verzeihen wir gern den andern 99, die sich dort poetisch verewigten.
Aus den Schornsteinen des Städtchens steigt der Rauch kerzengerade zu uns empor, auf dem Maine gleiten die schmucken Kähne, Angler stehen bildsäulengleich an den Ufern. Auf der jenseitigen Mainseite schlagen ährende Leute ihre Zelte auf, umringt van Kreuzwert- hcims Jugend. Die Effenbahn verschwindet im Rachen des Tunnels nach Lauda zu und über das Ganze spannt sich, wie blaue Seide das Firmament. Wir brechen auf van der gastlichen Stätte, denn noch wallen wir weiter auswärts der Tauber. Obwahl Wertheim nur 4000 Em- wahner zählt, reiht sich Geschäft an Geschäft in seinen Gassen. Unter den Handwerken nimmt das der Küfer ober Büttner einen ersten Platz ein; die eichenen Fässer in allen Größen für Obst- und Traubenwein müssen bis zum Herbste bereit sein, daher die emsige Tätigkest in und oor den Werkstätten. Wir schreiten dem Bahnhof zu und werden nicht müde des Schauens; ein Schwalbenpärchen hat sich im Haustor einer Gastwirtschaft den Schirm der elektrischen Lampe zum Nistplatz erkoren und läßt sich durch nichts dort vertreiben, weder durch die Helle des Lichtes noch durch den Zugwind, der beim Aufgehen der Tür enffteht.
(Schluß folgt.)
machen können.
Sarbhial Faulhaber.
Wenn wir vor die Welt treten mit dem Bewußtsein, daß wir ein auserwähltes Volk sind, das keine Fehler machen kann, werden wir uns niemals die Herzen erobern, werden wir niemals die Wege der Völkerversöhnung finden. Auch im Leben der Völker gilt das Wort: wer sagt, daß er ahne Sünde sei, ist ein Lügner. Wir werden lernen müssen einzugestehen, datz auch wir Fehler gemacht haben und Fehler