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FuldaerZertung

Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Stadt Fulda.

50. Zahrg

Samstag, 21. Zuli 1923

Nr. 165

in Fulda.

sicht.

2

der

den

______________ungderWeckseldiskontierung durch die Neichsbank beraten werden soll.

schweig auf gründ des Artikels 123 Absatz Reichsvrrfassung verboten worden.

Der Zoll Ehrhardt.

Eine Feststellung und eine Verhaftung.

Bezugspreis: '-Monatlich 9000 M. Zustellgebühr extra. ~ AbgehoU in der Geschäftsstelle 9200 Mt. n

Anzeigen: Kleinzeile nachToione« IvorMk.; ausw.l5OO2HL Reklamezeile nach Colonel 3000 Mk. ausro. 4500 W.

Die deutsche Not.

Vor neuen Maßnahmen der Reichsbank.

Nach einer Meldung ausLeipzig wurde dem Bericht der dortigen Polizeidirektion zufolge, der K r a f t w a g e n, der dem entflohenen Kapitänleut­nant Ehrhardt zur Flucht diente, in einer Garage in München ermittelt und beschlagnahmt. Der

Das „Berl. Tagebl." erfährt, daß gegen alle diejenigen M a g i st r a t s b e a m t e n des be­setzten Gebietes, die im Verdacht stehen, mit den französischen und belgischen Behörden zusam­mengearbeitet zu haben, disziplinarische Unter­suchung ein geleitet wurde. Sobald in den einzelnen Fällen der Tatbestand geklärt sei, wür­den die Namen derjenigen, die tatsächlich mit den Eindringlingen Hand in Hand arbeiteten, ver­öffentlicht werden.

Die „Köln. Ztg." meldet aus Mülheim an der Ruhr: Der kaufmännische Direktor der Thys- senwerke, Horle, wurde von den Franzosen ver­haftet und nach Bredeney gebracht. Als Grund der Verhaftung wird das Vorhandensein einer An­nahmestelle für Funkentelegramme inner­halb der Thyssenwerke angegeben.

*

In Mülheim an der Ruhr wurde der 18jäh- rige Arbeiter Roth von einem belgischen Posten erschossen.

Wie das „B. T." aus zuverlässiger Quelle er­fährt, ist der angebliche Grund der Franzosen für die Verlängerung der Verkehrssperre, als den sie die Zwischenfälle in Barmen ansühren, nur ein Vorwand. In Wirklichkeit wollen sie die rheinischen Turner abfangen, die ohne Ge­leitschein die Verkehrssperre umgangen haben, um an dem Turnerfest inMünchen teilzunehmen, und in den nächsten Tagen zurückkehren. Die Kontrolle ist auf das äußerste verschärft worden und alle Wald- und Feldwege an der Grenze des ab­geschnürten Gebietes werden Tag und Nacht streng überwacht.

Kurland.

* Lvahlcn in Oesterreich. Der Nat.. hat beschlossen, die Nationalratswahlen au; 21. Okiober 1923 festzusetzen.

Nach einer Meldung des „Berl. Tageblatts" fin- bet eine Sitzung des Relchsbankvirekioriums mit Vertretern der Banken statt, die sich mit den Ver­hältnissen der Tevisenfeststellung an der Berliner Börse beschäftigen wird und in der übet die Frage einer Einstell

lanb am 1. Juli einschließlich der Rheinflotsille 477 Offiziere und 8221 Mann betragen habe. Die Jahreskosten machten etwa 1602 000 Pfund Ster­ling aus, worin gewisse Lieferungen und örtliche Leistungen durch Deutschland mit einbegriffen seien. Bis zum 31. Dezember 1922 seien die Kosten voll­kommen gedeckt. Großbritannien empfange auch jetzt noch durch die Anwendung der Reparations­einziehungsakte mehr als genug, um die Kosten der britischen Besatzungsarmee zu bestreiten.

Mordtat eines Zollposten.

wtb Paris, 20. Juli. (Tel.) „havas" be­richtet aus Düsseldorf: Gestern nachmittag 2 Uhr feien im Walde zwischen Rüsselsheim unb Worfel­den östlich von Wainz von einer Zollpatrouille zwei Autos überrascht worden, die die Schranke heimlich hätten passieren wollen. Da eines davon versucht habe, trotz des Anrufs zurück- zufahrea, habe ein Zollposten mehrere Revolver- fchüsse abgegeben, durch die der L h a u f s e n r des Wagens getötet worden fei. Die Insassen der beiden Wagen seien unter Bewachung nach Mainz gebracht worden.

Kundgebung in Trier.

wtb Paris, 20. Juli. (Tel.) Nach einer Havasmeldung aus Düsseldorf ist es bei der Ausweisung von 28 Eisenbahnern in Trier zu einer Kundgebung zugunsten der Aus- gewiesenen gekommen. Die Menge habe ausein- andergetriebea werden müssen.

iserannoortttO) tür bei. leoautonellen leb: St. I. Kramer, für die Anzeigen: I. Patzei let-guioa.__::

Rotationsdruck u. Verlag bet Fuldaer Artiendruckerei i---

iterm »rechet Nr. " Vosttckeck-Komo 4051 Frankfurt a. M.

Der SSM Oes WeimW.

Sas englische Diplomatenwerk, Mantel­note und Antwort anDeutschland, wird mit viel Sorgfalt angefertigt und in einen Schleier des Geheimnisses gehüllt. Baldwin erklärte am Donnerstag wieder im Unterhaus in Erwiderung auf eine Anfrage, er könne noch nicht sagen, wann er in der Lage sein werde, den Entwurf der Ant­wort an Deutschland veröffentlichen zu las­sen. Auch am Donnerstag erörterte das englische Kabinett die Dokumente, die an die Alliierten und die Vereinigten Staaten gesandt werden sol­len, nämlich den Entwurf an Deutschland, den Mantelbrief an die Alliierten und die erläuternde Denkschrift. Sämtliche drei Schriftstücke wurden von Curzon entworfen. Reuter erfahrt, daß keine Entscheidung erreicht wurde und daß es nicht sehr überraschend fein würde, wenn die Absendung an die Alliierten und an die Vereinigten Staaten bis zur nächsten Woche verschoben werden sollte.

Das langsame Fortschreiten der Dokumente lost nicht überall Beifall aus. Es .liegen folgende Drahtmeldungen vor:

wtb London, 20. Juli. (Tel.) Der fran- «öfifche Botschafter sprach gestern auf dem Auswärtigen Amt vor, wurde aber, da Lord L u r- ,on beschäftigt war, von dem zuständigen llnter- taatssekretär für auswärtige Angelegenheiten, Lrewe, empfangen. Dem „Daily Telegraph" ;u- iolqe hofft der Dolfchafker, der heute vormittag nach Paris reist, die britischen Schriftstücke mik- vehmeu zu können. *

Wtb London, 20. Juli. (Tel.) Der parla­mentarische Korrespondent des „Daily Telegraph" schreibt: Die V e r z ö g e r u n g in der Feststellung der diplomatischen Schriftstücke über die Repa- rations- und Ruhrfrage sei nicht auf Meinungs- oerschiedenheiten über die politische Lage unter den Ministern zurückzuführen, sondern vielmehr auf den Wunsch, soweit wie möglich keinerlei Empfindungen zu verletzen. Maa hoffe, daß auf der für heute im Unterhaus anberaumten Sabinetksitzung der Wortlaut der Rote die endgültige Billigung finden werde, was gestern schon bezüglich des Inhalts der Fall ge­wesen sei. *

wtb London, 20. Juli (Tel.) Der diplo­matische Korrespondent des „Daily Telegraph" hört, daß ebenso rote bei der ministeriellen Erklärung in der vorigen Woche auch an dem Wortlaut der Schriftstücke sehr wesentliche Aende- tungen vorgenommen worden seien. Die meisten Abänderungen bezögen sich auf die sprachliche Fas­sung und seien auf den Wunsch zurückzuführen, den britischen Standpunkt, je stärker er in sich selbst sei, um so ruhiger und höflicher darzulegen. Ent­gegen anders lautenden Gerüchten könne versichert werden, daß kein versuch gemacht worden sei, das Kabinett von den grundiegenden sestgestelllen Prin­zipien seiner Politik bezüglich der ftaglichen Pro­bleme abzubringen, da dies dem britischen Reich im Ausland, besonders in Amerika, schweren morali­schen Schaden zufügen würde. Aebrrgens sei jetzt an­gesichts des Ernstes und der Bedeutung des Pro­blems vom nationalen Standpunkt aus die Ansicht von Staatsmännern eingeholt worden, die nicht dem Kabinett angehören, besonders die eines älteren Staatsmannes, der im 3n- und Ausland große Achtung und großes vertrauen genieße.

♦

Premierminister Baldwin teilte auf eine Anfrage im Unterhause mit, daß die Stärke der bri - tischeu Besatzungstruppen in Deutsch-

Das Reichsgericht verurteilte den Kaust mann Richard Siara, der im Auftrage der polni- schen Regierung dezw. eines Agenten der polnischen Regierung sich militärische Geheimnisse zu verschaffen wußte, zu drei Jahren Zuchthaus, fünf Jahren Ehrverlust und Stellung unter Polizeiauf/

Die Verhandlung war nichtöffentlich.

oeutscyer Reich.

* Politische Personennachrichten. Nach dem „Reichsanzccger" wurde Staatssekretära.D. Goehre von seinem Amt als Mitglied des Reichsdiszipliuar- hofs tu Leipzig entbunden und gleichzeitig der Staats­sekretär des preußischen Staalsminifleriums und stellvertretende Bevollmächtigte zum Reichsrat Dr. Weismann zum Mugliede des Reichsdiiziplinar- Hofs ernannt.

* Wieder ein Fall Martin Spahn. Der Sohn des greifen Zentrumsführers Peter Spahn, Prof. Dr. Martin Spahn, spielt im öffentlichen Leben Deutsch­lands schon immer eine Rolle, die nicht jedermanns Sache ist. Nach dem Kriege ist er bekanntlich vom Zentrum zu den Deutschnationalen übergesiedelt und er in ziemlich lärmender Weise. Spahn, der erzeit in unverhältnismäßig jungen Jahren Uni­versitäts-Professor in Straßburg geworden und nach dem Kriege an die Universität Köln übergesiedelt war, wird jetzt von dem Kuratorium der Uni­versität Köln derFluchtvonjeinemKölner Posten beschuldigt. Er hat den Wohnsitz seiner Familie nach Berlin verlegt, wo er die Leitung der „Hochschule für nationale Politik" übernahm. Auf das Kölner Ordinariat wollte er aber nicht verzichten. Das Kuratorium regte des­halb eine Disziplinär Untersuchung gegen Spahn beim preußischen Kultusminister an. Die Er­ledigung des Antrages hat sich bislang verzögert, was vom Kultusminister auf die Verkehrs­erschwerung zurückgeführt wird. Die Ange­legenheit wird noch ein parlamentarisches Nachspiel haben, da die Sozialdemokraten im Landtage den Fall zur Sprache bringen wollen. Zu erwähnen wäre noch, daß die Eingabe des Kuratoriums der Kölner Universität an das Kultusministerium fol­gende Sätze enthielt: „Professor Spahn ist d e r e r sie der Straßburger Professoren gewesen, der seinerzeit mit seiner Familie den dortigen Posten vor Einzug der Franzosen verlassen hat. Er hat auch jetzt wieder als Ordinarius der Universität Köln bereits im September vergangenen Jahres den Wohnsitz seiner Familie nach Berlin verlegt. In einer Zeit, die von jedem der im Rheinlande enge» stellten Staatsbeamten vollen Einsatz bei Persönlichkeit verlangt, verbringt er den größten Teil des Jahres fern vomSitzseinei llniversitä t in Berlin. Wenn bei der heutigen Lage dieses Beispiel, das Herr Professor Spahn gibt, ungerügt bliebe, mürbe dies von den schlimm- st en Folgen für die Durchhaltung der nationalen Einheitsfront sein."

Klagen des Kolonialwarenhandels.

Wie der „Beil. Lokalanzeiger" meldet, beschäftigte sich eine Versammlung des Vereins Berliner Kaufleute der Kolonialwarenbranche mit der Notlage des Lebensmittel-Grog- und Kleinhan­dels und der drohenden Gefährdung der Ver­sorgung der Bevölkerung. Es wurde die genügende Zuteilung von ausländischen Zahlungs­mitteln im Auslande gefordert und die Täiigkeit der Wucheibehörde. Eine Entichließung beauftragte die Verbandsleitung, von den maßgebenden Stellen durchgreifende Maßnahmen zur Abänderung des gegenwärtigen unhaltbaren Zustandes zu fordern. Sollten diese nickt getroffen werden, so würde, sich der Verband gezwungen sehen, in Kürze sämtliche Läden zu schließ en.

Die neue Sehaltsregelung.

Am Donnerstag trat im Reichfinanz. Ministerium der von den Gewerkschaften gebildete Ausschuß mit den Regierungsvertretern zu einer Sitzung zusammen, um über die Frage der Durch­führung wertbeständiger Löhne der Beamten, Angestellten und Arbeiter des Reiches und der Staaten zu beraten. Von einer automatischen Anpassung der Löhne an die Geldentwertung bat man 31 b ft a n b genommen. Hingegen soll bei jeder neuen Einkommensfestsetzung der Index und die gesamte wirtschaftliche und politische Sage berück­sichtigt werden. Diese Festsetzung soll alle acht Tage und zwar am Donnerstag jeder Woche statt­finden. Tie Sitzung im Reichsfinanzministerium war die erste Beratung dieser Art. Ein Ergebnis der Verhandlungen zur Festsetzung des Einkommens liegt noch nicht vor.

Zscherheits-NLznahmen.

Einer Korreipondenzmeldung zufolge beschäftigen sich die zuständigen Behörden mit Maßnahmen, die zu treffen sind, um die öffentliche Ruhe und Sicher­heit bei den für den 29. Juli angekündigten anti« fascistischen Demonstrationen der Kommu­nisten ausrechtzuerhalteu. Besonders in Pots- dam werde mit der Möglickkeit von Zwifchenfällen gerechnet. Man befürchtet Reibereien zwischen den linksradikalen Demonstranten und den Ange­hörigen der Potsdamer Garnison, die am Sonntag durch keinen Dienst in den Kasernen zurückgehalten werden.

AuS Braunschweig wird gemeldet: Die anti« fascisiische Kundgebung der Kommunisten, die für den 29. Juli geplant war und gegen deren Abhaltung von verschiedenen Seiten, besonders sei­tens der verfassungstreuen Hundertschaften protestiert worden war, ist, wie die .Braunschweigische Landes- zellung' meldet, von der Polizeidirektion in Braun-

Besitzer des Wagens fft der aus Essen stammende Ingenieur Erich T e n j e s, der in München als Un­termieter wohnte. Tenjes ist ebenfalls flüchtig.

Wie die Blätter aus Leipzig melden, ist auf Er­suchen der Leipziger Polizeibehörden inHamdurg ein Vetter des geflüchteten Kapitän­leutnants Ehrhardt, der Kaufmann Kurt Ehrhardt, verhaftet worden. Er ist dringend verdächtig, bei der Flucht Ehrhardts die Hand im Spiele gehabt zu haben. Ebenso wie die Frau Ehr- >ardts konnte er in letzter Seit ungehindert mit einem Vetter im Leipziger Untersuchungsgefängnis prechen, was die Verabredungen über d i s Zlucht ohne Zweifel erleichtert hat.

Oie große Hoffnung.

Roman von Erich E b e n ft e i n.

301 ------------

Sn diesem Sinne schrieb sie auch an den Sohn. Bitter und scharf wie die Gedanken waren, fielen auch die Worte aufs Papier.

Ihrem Mann sagte Frau Gerrdorfer nichts von der Sache. Helfen konnte er ja doch nicht, und seit der Winter mit muhen Tagen eingesetzt hatte, stand es mit seiner Gesundheit ohnehin nicht zum besten. Jedes Jahr tarnen diese Mahnungen seit der heftigen Snfluenza da­mals bei Annchens Verlobung. Das Sitzen an der Kaffe im kalten Kontor, das sich nie recht durchwärmen ließ, und die vermehrte Arbeit, feit er den Buchhalter Kröger aus Ersparnisgründen entlassen hatte, taten ihm entschie­den nicht gut.

Er sah nicht mehr so rund und rosig aus wie in früheren Jahren. Sein vergnügtes Vollmondgesicht hatte ernste Sorgensallen bekommen, sein Haar war stark er­graut. Häufig klagte er über Herzklopfen unb geschwol­lene Seine.

Zuweilen überkam ihn eine ungewohnte Weichheit. Dann sehnte er sich nach seinen Kindern und beklagte, daß sie alle so fern seien.

„Zu Ostern mache ich mich aber einmal auf und be­suche sie alle der Reihe nach! Erst Gustl in Posen, dann Annchen und zuletzt Otto in seinem einsamen Forsthaus. Und dort, glaube ich, werde ich mich am wohlsten fühlen! Sch sehne mich so sehr nach Ruhe!" sagte er öfter, beson­ders jetzt, wo Weihnachten heranrückte und keines der Kinder zu erwarten stand.

Auch dieses Jahr wurde geputzt unb gescheuert, bis das ganze Haus blitzblank wat. Auch diesmal wurden unzählige Striezel gebacken unb an Angestellte, Bekannte unb einzelne besonders geschätzte Kunden verteilt. Und Frau. Gersdorfer bereitete gewohnheitsmäßig allerlei Leckerbissen für die Festtage vor.

Ms aber diese dann kamen, hatte niemand so recht Freude daran, denn die Stimmung im Hause fehlte. Stan hatte keinen Weihnachtsbaum gemacht. Herr Leo-

pold, der sich müde fühlte, war schon um acht Uhr zu Bett gegangen. Seine Frau und Ferdinand saßen allein im Wohnzimmer beisammen. Nur ab und zu fiel ein gleichgültiges Wort. Ferdinands Gedanken weilten wie immer, wenn sie nicht durch das Geschäft in Anspruch genommen wurden, bet Annchen, deren Heim, Glück und Lebensweise er sich auszumalen versuchte.

Frau Gersdorfer dachte an Gustav.

Nicht einmal geantwortet hatte er auf ihren Bries! Schmerzlich und bitter waren ihre Gedanken an diesen Tagen, die einst so fröhlich verlaufen waren, als die Kinder noch daheim gewesen.

Nun war das Nest teer. Flügge geworden waren sie alle drei . . . unb brauchten bie Alten nicht mehr.

Sie ärgerte sich plötzlich auch über Otto. Was hatte ber nach Berlin zu fahren? Wenn er sich schon für zwei Tage freimachen konnte, hätte er doch ebensogut nach Schlohstädt kommen können. Es wäre bann boch nicht gar so drückend still unb einsam im Hause gewesen! Wozu hatte man eigentlich Kinder?

Am Silvestertag kam ein Telegramm Ottos aus Berlin: „Habe mich heute mit Trude Lehmann, Tochter des Direktors Lehmann, verlobt. Hochzeit Ende Januar. Brief folgt. Otto."

Beide Ellern waren sprachlos. Darum also hatte Otto in den letzten zwei Jahren jeden Urlaub in Bulin verbracht! Tochter eines Direktors!

„Schau, schau", schmunzelte Herr Leopold, der in sei- nem Innern stets ein wenig Partei für den von der Mutter ziemlich geringschätzig behandelten Sohn genom­men hatte. „Da hat der Junge doch eine ganz re­spektable Partie gemacht. Etwas Geld muß sie auch haben, sonst könnten sie nicht so bald heiraten. Denn sein Förstergehalt würbe für eine Familie doch nicht reichen."

, Wer weiß, ob es ein richtiger Direktor ist? Manche Leute legen sich einen klingenden Titel bei, auch wenn sie nur eine Tanzschule haben ober einem Gesangverein angehören! Unb — Geld? Nun, dann ist sie sicher grundhäßlich ober es hat sonst einen Haken!"

„Warum du nur immer alles jo von oben herab behandelst, was Otto betrifft!" sagte ihr Mann ärger­lich. Er ist doch »•«* braver, guter Junge unb ich sehe 1

nicht ein, warum er nicht auch einmal Glück haben soll im Leben!"

„Weil ich es für ganz ausgeschlossen halte, daß sich ein hübsches Mädchen aus wirklich gutem Haus, noch dazu wenn sie Geld hätte, einen Hans Taps wie Otto nähme! Was kann er einer Frau denn bieten? Ein kleines Gehalt, eine unbedeutende Stellung und ein Heim, an dem sich die Füchse Gutenacht sagen. So eine Heirat würben die Eltern ja gar nicht erlauben, wenn sie — was Besseres wären!"

„Es gehen boch nicht alle Leute bloß auf Geld wie tu, die nur ein vorteilhaftes Geschäft beim Heiraten im Auge hat!"

„Na, dann warte nur erst Ottos Brief ab. Dann wirst du schon sehen!"

Diesmal sollte indessen Frau Magdalena nicht Recht behalten, Ottos Bries brachte ihr eine ebenso große als beschämende Ueberraschung.

Seine Heirat war eine reine Liebesheirat unb reichte in ihren Anfängen nach Tharandt zurück. Trübe Leh­mann war „die Kusine aus Berlin", die damals dort bei Verwandten zu Besuch weilte und der zu Ehren sich Otto den schwarzen Frackanzug anschaffte — heimlich, auf Borg, da ihn bie Mutter verweigert Halle. Sie hatten sich gleich ineinander verliebt unb waren einan­der treu geblieben, obwohl Trude weitaus bessere, ja glänzendere Partien in Berlin hätte machen können. Ihr Vater war wirklich Direktor bei der Eisenbahnver- wallung und sie bekam 50 000 Mark mit. Ebensoviel erwartete sie nach dem Tode der Eltern. Sie war auch weder häßlich noch all ober bucklig, fonbetn wie bie beigelegte Photographie bewies, ein sehr hübsches Mäb- chen von klugem Aussehen. „Aus ber Einsamkeit seines Forsthauses mache sie sich gar nichts, schrieb Otto glückselig, „im Gegenteil freue sie sich barauf ebenso, wie auf bie ihr natürlich ganz ungewohnte unb fremde Tätigkeit in Haus unb Wirtschaft. Sie studiere jetzt bereits eifrigst Bücher über Geflügel- und Schweine­zucht und ihre naiven Fragen darüber erregten täglich Heiterkeit.

Ottos Bries beigelegt waren ein paar freundliche Zeilen ber Braut und eine Einladung von deren Ettern zur Hochzeit am 28. Januar,

Da sich Frau Gersborfer nicht entschließen konnte, bie Einlabung anzunehmen, unb hundert Einwände bageget ins Treffen führte, erklärte ihr Mann, fahren zu wollen

„Es wäre unartig gegen Lehmanns und lieblos gegen Otto, wenn keines von uns bei feiner Hochzeit wäre", sagte er gereizt zu Frau Magdalena. „Du solltest bas doch selber fühlen! Sollen sie denken, bah er sich seiner Eltern zu schämen hat? Wenn du wirklich Gichtschmer- zen ^verspürst unb die weite Reise nicht wagst — gut, so fahre eben ich! Ich kann ja nachher gleich den be­absichtigten Besuch bei Gustav unb Annchen baran an- schließen."

Frau Gersborfer war damit einverstanden.

16. Kapitel.

Ottos 2-...«ubung hatte in der Mutter selts.weh. statt stolzer Genugtuung eine seelische Gedrücktheit er­zeugt, die sie nicht los werben konnte.

Immer wieber stiegen bittere Vergleiche in ihr auf. Warum gerade Otto? Warum kam das Glück nicht lieber endlich zu ihrem Lieblingssohn, für den sie so viel geopfert, von dem sie so viel erhofft hatte?

Sie wäre ja heule schon ganz zufrieden gewesen, wenn er ihr eine Trude Lehmann gebracht hätte.

Statt dessen schrieb er nicht einmal. Seit sie ihm vor Weihnachten das Geld abgeschlagen hatte, war keine Zeile mehr von ihm gekommen, nicht einmal zu Neujahr.

Hatte Frau Chodonsky ihm ausgeholfen? Oder . . . weiter wagte die Mutter nie zu denken. Es märe zu schrecklich gewesen, wenn er noch tiefer in Wucherhände geraten wäre. Oder war er krank.

Ein paarmal war sie drauf unb bran, selbst an Frau Chobonsky zu schreiben. Aber bann empfanb sie es doch wieber als zu große Demütigung, sich bei einer Frem- ben — gar bei biejer Frau — nach dem Befinden des eigenen Sohnes erkundigen zu sollen. Nein, lieber schweigen. Alles in sich verschließen, wie sie es immer getan hatte, unb keinen Menschen merken taffen, wieviel

1 Kummer ihr am Heizen fraß.