Fuldaer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Stadt Fulda.
Nr. 128.
tieianttoortlto für den reoauiontllen Teil; Dr. I. Stromer, 2 für die Anzeigen: 3. Parzelier-Fulba. z Rotationsdruck u. Verlag bet Fuldaer Actiendruckerei in Fulda ?$ermpretber Nr. 9. Poftlckieck-Konto 4051 Frankfurt a. M.
Donnerstag, 7. Zum 1923.
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50. Zahrg.
Sie MW Wilde im ReMliWsM.
®ietabtginn Der ^atlanifnlSarbtil. — Zn ErmUnng btt deuWen Rote.
Nach langem Hin und Her eilt die Entwicklung der Nachkriegszeitprobleme jetzt wieder kritischen Stunden zu. Man fühlt, daß der diplomatische Berichterstatter der „Dolly News" recht hat, wenn er schreibt, die nächsten zehn Tage könnten eine äußer st kritische Periode im Repa- rationsstreit sein. Eine Konferenz zwischen den Vertretern der vier alliierten Mächte vor Ende des Monats sei keineswegs unmöglich. Es sei zweifelhaft, ob zunächst deutsche Vertreter ebenfalls daran teünehmen werden. Es fei wahrscheinlicher, daß wie bei der Konferenz in Spa im Jahre 1920 vorherige Erörterungen zwischen den Alliierten stattfänden, auf die sofort Verhandlungen folgten, andenenDeutschlandteil- nehme.
Viel hängt von der Aufnahme ab, die die neue deutsche Note finden wird. Bei chrer Bedeutung für die Beurteilung der Aussichten wollen natürlich einzelne Blätter schon über ihren Inhalt Mitteilungen machen. Eine offiziöse Verlautbarung besagt jedoch: Der „Börsenkurier" und das „Achtuhr-Abendblatt" machen — das letztere aus einer Wiener Quelle — Mitteilungen über den angeblichen Inhalt der deutschen Antwort. Die Angaben sind in wesentlichen Punkten unrichtig. Die von dem wirklichen Inhalt der Antwort unterrichteten Persönlichkeiten sind zum Stillschweigen verpflichtet. Vorzeitige Mutmaßungen sind daher zwecklos und können auch «ach außen nur schädlich wirken.
Die Brüsseler Konferenz.
Der Brüsseler Korrespondent des „Journal des Debats" meldet unmittelbar vor den f r a n z ö s i sch- belgischen Besprechungen: Die Tagesordnung der Konferenz sei ziemlich stark besetzt. An erster Stelle stehe natürlich die Frage der Vorschläge zum Reparaüonsproblem, die die belgische Regierung durch ihren Botschafter der französischen Regierung übermittelt habe. Alsdann würden verschiedene Vorschläge geprüft, die der Verstärkung der Druckmaßnahmen im Ruhrgebiet gelten, und die namentlich den Zweck hätten, Attentaten gegen die Besatzungstruppen ein Ende zu machen. Auch über die endgültige Organisierung d es Z o l l s y st e m s, über die Frage einer neuen Währung sowie über Maßnahmen zur Sicherstellung der Ernährung der besetzten Gebiete werde gesprochen werden, sowie endlich über die Verteilung der beschlagnahmten Kohlen- und Koksvorräte. In offiziellen belgischen Kreisen verheimliche man sich nicht, daß die Konferenz, obwohl sie nur eine logische Folge der früheren Beratungen sei, eine ganz besondere Bedeutung habe, nicht nur weil wichtige Fragen diskutiert würden, sondern weil die britische Regierung ihr ein ganz besonderes Interesse beilege.
In denselben Kreisen erkläre man, die belgische Regierung habe keinen bestimmten Reparationsplan festgelegt. Sowohl in ihrer an die französische Regierung gerichteten Note wie auch in den Mitteilungen, die später gemacht wurden, habe die belgische Regierung sich darauf beschränkt, Anregungen zu geben und gewisse Vorschläge zu formulieren, die geeignet seien, die Prüfung und die Lösung des Reparationsproblems zu erleichtern.
Man erkläre ferner, daß die belgischen Finanz- und Geschäftsleute, die in den letzten Tagen Verhandlungen in Paris und in London geführt Haden, von denen die englische Presse.gesprochen habe, weder eine offizielle noch eine offiziöse Mission der belgischen Regierung gehabt hätten.
Die Chronik der Gewalttaten.
Nach einer Meldung des „Lok.-Apz." aus Buer hat die Besatzungsbchörde den gesamten Kassenbestand der Staütkasse in Höhe von über 44 Millionen.Mark, die zur Auszahlung an die Erwerbslosen bestimmt waren, beschlag- uahmt.
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Der neue Prozeß gegen die Zechendirektoren, die dem Befehl zur Aufnahme der Kolsienlieferungen an Frankreich und Belgien nicht Folg« geleistet haben, sollte vor dem Werdener Kriegsgericht beginnen. Die Verhandlung ist jedoch aus unbkannten Gründen verschoben worden. Drei der angeklagten Zechendirektoren halten sich im unbesetzten Deutschland auf, während die übrigen von den Franzosen in Hast gehalten werden.
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In einer Seitenstraße im Düsseldorfer Hafenviertel wurde der siebenjährige Knabe Hans Herbes von einem französischen Soldaten e r - schossen, der bei seiner Verhaftung angab, von dem Kinde beleidigt worden zu sein. Die Erschie- ßstng spielle sich folgendermaßen ab: Herbes spiette mit einem zwei Jahre älteren gleichnamigen Vetter und seinem elfjährigen Freunde Emil Siebert bei der Wirtschaft' Lamswarp, die sich in dem Hause befindet, in dem das Kartoffelmagazin der Stadt Düsseldorf tmterzebracht ist. Das Magazin ist jetzt von den Franzosen beschlagnahmt und dient als Aufbewahrungsort für die Fouragemittel der Rhein- °^nee. In dem Magazin befinden sich an der Straßenflucht zwei Torausgänge und zwei oer-
Mtterte Fenster. Französische Soldaten waren mit dem Ausladen von Sttoh beschäftigt. Hinter dem einen vergitterten Fenster liegt eine Kammer, die als Wachstube dient, und in der em Bett steht. Drei Kinder kamen nun beim Spielen in die Nähe dieses Fensters. Sie bemerkten auf dem Bett einen Soldaten, dem sie im Scherz zuriefen: „Monsieur, nicht Brot?" Der Soldat sagte: „Alles weg!" Die Kinder machten aber nochmals denselben Zuruf. Darauf stand der Soldat vom Bett auf, nahm ein Gewehr von der Wand und stellte sich in die Toreinfahrt. Nach Aussage des älteren Knaben hat er dann an dem Gewehr hantiert, angelegt und geschossen. Der auf eine Entfernung von drei Metern abgegebene Schuß traf den kleinen Herbes an der linken Schläfe und riß den ganzen Hinterkopf weg. Der Täter wurde von dem wachthabenden Unteroffizier verhaftet. Die Aussage des Soldaten, ihm fei das Gewehr zufällig losgegangen, wird durch die Aussage der mit dem Getöteten spielenden Kinder widerlegt. Die Eltern des erschossenen Kindes sind in Düsseldorf, Siegstraße 18, wohnhaft. Der Vater ist Hafenarbeiter.
Nunmehr hat auch im Essener Bezirk die Ausweisung pflichttreuer Eisenbahnbeamter begonnen. Am Samstag wurde zehn Eisenbahnbeam- len, am Montag neun und heute sieben der Ausweisungsbefehl zugestellt. Die Beamten werden im Kohlenjhndikat gesammelt, von dort mittels Lastkraftwagen nach Nevlges an der Grenze des besetzten Gebietes transportiert und dann ausgesetzt.
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Von der einzigen noch bestehenden Bahnlinie Bergeborbeck- Altenejsen-Dortmund sind durch die Franzosen alle Stationen besetzt und mit Tanks und Maschinengewehren gesichert worden. Damit ist das ganze Industriegebiet von Herne bis Duisburg und Düsseldorf auf den Verkehr mit den Straßenbahnen angewiesen. Die Strecke Herne-Rauxel-Mengede-Dorlmund soll von den Franzosen militarisiert werden. Nach in Münster vor- ltegenden Meldungen besteht frauzösischerseits die Absicht, die Nordstrecke nur bis Recklinghausen-Ost und die Südstrecke nur noch bis Steele-Nord in Betrieb zu lassen. Die neue Besetzung gilt der Ausbeutung der Haldenbestände der Zechen Hibernia, Zollverein, Rhein-Elbe, Dahlhausen, Ernestine, Caternberg, Helene usw. Die Eisenbahner von Altenefsen und wahrscheinlich auch der übrigen Bahnhöfe wurden diesmal von den Franzosen nicht fort- gewiesen, sondern mußten sich in Reih und Glied aufstellen und ihren Namen sowie ihre Wohnung an geben, wobei im Falle unrichtiger Angabe mit schwerer Strafe gedroht wurde.
Vie drei Möglichkeiten.
Prof. Dr. Walcher Lotz-München, der hervorragende Volkswirtschaftler, der Deiuschland in der Vorkriegszeit auf so mancher internationalen Tagung von Finanzsachverständigen glänzend oertteten hat, äußert sich im B. Tagebl. zum Reparaüonsproblem und bebauert, daß in dem Angebot der deutschen Industrie nicht der Ab- t»au der schwebenden Reichsschuld auf alle Fälle gefordert worden ist, dieser unfun- bierten Schuld, deren Billionenbeträge großen- teils bei der Reichsbank untergebracht werden und die Ursache unserer steigenden Inflation, der Finanzzerrüttung, der Zerrüttung des freiwilligen Kredites beim Sparkapital — endlich auch der auf die Dauer unhaltbaren Scheinblüte unseres Wirtschaftslebens feien. Er schreibt:
Drei Möglichkeiten des Endes der nickst auf die Dauer fortsetzbaren Polittk der Bestreitung unserer Ausgaben durch Papierwirtschaft stehen bevor: Bankerott, Selbsthilfe durch Abbau der schwebenden Schutt», Sanierung durch unsere Gläubiger mit internationaler Finanzkontrolle. Verfolgen wir nicht zielbewuht den zweiten, einzig würdigen Ausweg — und dies ist bisher konsequent unterlassen worden —, so droht bestimmt bte @ laufe tg er ton troll e sthtimmster, gegen heute stark verschärfter Art. Sie bedeutet etwas gan^ anderes, wo nur einige Monopole und Staatsbetriebe sowie Verbrauchssteuern oder Zölle unter ©laubiger» kontrolle geraten, und andererseits da, wo die Besteuerung von Vermögen und Einkommen durch riesige Einkommensteuern, Körperschaftssteuern, Vermögenssteuern, Erbschaftssteuer und Zwangs- anleihe so ausgebaut sind, wie im heutigen Deutschland. Es braucht noch nicht einmal der Wille, unsere Industrie zugrunde zu richten, unseren Handel und unsere Landwirtschaft zu zerstören, bei den Gläubigernationen zu herrschen, es kann sein, daß bloß der Wunsch besteht, aus dem Schuldner soviel, als ohne dessen völligen Untergang möglich ist, heraus- Mpressen: man stelle sich vor, was Einkommensteuer, Zwangsanleihe, Körperschaftssteuer, Vermögenssteuer, Umsatzsteuer, von Landesfremden statt von einem im ganzen doch einsichtigen Reichsfinanzministerium korttrolliert, für Bedrückungen, für Eindringen in die intimsten Geschäftsgeheimnisse bedeuten müssen! Es st die letzte Stunde, um solche Gefahren abzuwehren, wo wir über eine gründliche Regelung der Reparationen und der Mobilisierung der Summen zu verhandeln haben. Subaltern sind die Sorgen um die passive Handelsbilanz, um den Achtstundentag, die Besteuerung bet Sachwerte und andere zumeist in der Oeffentlichkeit diskutierte schwierige Probleme gegen die Hauptsorge, wie wir mit unserem fein organisierten Steuersystem der Gläubioerkantt-olle in verschärfter
Form entrinnen. Wir können nicht auf die Dauer ohne völligen Zusammenbruch unsere Finanzen mit unverzinslicher, bei der Reichsbank finanzierter schwebender Schuld verwalten. Kein Gläubiger gibt uns eine Schonzeit, wenn wir nicht Garantie gegen Fortsetzung der jetzigen Finanzwirtschaft liefern. Diese mußte die deutsche Industrie fordern, wenn nicht alle Opfer umsonst gebracht sein sollen, und wenn nicht eines Tages unsere Gegner sich der industriellen Garantien als „produktive Pfänder" bemächtigen sollen.
Die Frage ist, ob wir eine Politik treiben können, die nur das Heute und nicht das Morgen ober Uebermorgen ins Auge faßt. Mit ber Politik, der Fürsorge für den Augenblick statt für die Zukunft haben wir den Krieg verloren, die Zerrüttung unserer Finanzen erlebt. Wird sich endlich in letzter Stunde das deutsche Volk, unsere Industrie, unser Handel, unsere Landwirtschaft aufraffen, um der unseligen Zettelwirtschaft Einhalt zu gebieten und Verzicht auf die mutlose und ta l e n 11 o f e Art, erst nach Aufhebung des Versailler Friedens Reformen grundlegender Art für möglich zu erklären, finanzielle Selbsthilfe anzustreben? Kommen wir nicht aus dieser Apathie heraus, dann gehen mir bei allen guten Eigenschaften ber Deutschen dem unaufhaltsamen Nieber- gang entgegen. Die Balutafrage ist nicht unlösbar, aber sie ist die Frage, an der kein wirklich redlicher Reformwille vorbeigehen dürfte. Mit unvorbereiteten Stabllisierungsaktionen und bergt ist es nicht getan. Ohne Konsolidierung der unverzinslichen schwebenden Schuld wird nicht gründliche Heilung geschafft. Diese muß jetzt bei den Verhandlungen über Neuordnung ber Reparationen erreicht werden, sonst ist keine Aussicht auf Wiederaufbau.
Die Untersuchung über den Markskurz, ber ber Stützungsaktion ein vorläufiges Ende gemacht hat, wird bekanntlich von einem besonderen Retchstagsausschuß geführt. In den ersten Sitzungen, die bislang stattgefunden haben, wurde vor allem das eine festgestellt, daß nach anfänglichem Erfolg mit dem Mißerfolg berSchatz- an Weisungsanleihe das Vertrauen in die Möglichkeit einer langen Ausdehnung ber Stützungsaktion ins Schwanken zu kommen begann, mit der Wrktmg, daß diejenigen, die nicht aus reinen Zinsgründen sich der Devisen entlebigt hatten, an fingen, sich Devisen wiederzubeschaffen. Man fing sodann auch wieder an, sich in normaler Weise für die Bedürfnisse der nächsten Zeit zu versorgen. Dies war eine! ziemlich natürliche Reaktion auf die künstliche Zurückdrängung des Devisenbedarfs im Februar und März. Der Devisenbedarf wurde vom 28. März an dauernd stärker und erreichte schließlich den Punkt, wo es ber Reichsbank nicht mehr möglich erschien, ihn auf der bisherigen Kursbasis zu halten.
Die Politik des Wahnsinns.
Zur Falschmünzerei der Franzosen.
Die Franzosen raubten vor einigen Monaten zahl, reiche 2 0000 Markscheine von der Ausgabe vom 20. Februar 1923 mit der Nummernbezeichnung „V. M. I." und entwendeten zugleich die Druckplatten. Das Reich erklärte sofort diese Serie für ungültig. In den letzten Tagen wurden nun in Frankfurt a. M. verschiedentlich derartige Scheine angehalten. Wahrschein, lich versuchen französische Agenten, diese Scheine jetzt im unbesetzten Gebiet unterzubringen.
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Ein Leser der „Frankfurter Zeitung" hat angesichts der Meldung über dieses Vorgehen der Franzosen eine Zuschrift an das Blatt gerichtet, in der er sagt: Sie schreiben von Methoden der wirtschaftlichen K r i e g s s ü h r u n g, die auf der Höhe unserer „Zivili- sation" stehen. Wie würde erst ein kommender Krieg aussehen? Welche Zerstörungen an materiellem und ideellem Gut wird er mit sich bringen, in welch unge- heuerlicher Weise wird er die Völker, Greise, Frauen und Kinder, foltern und vernichten? Der Weltkrieg kannte zu Anfang noch einige Hemmungen, die bas Zivilisationsbewußtsein Europas in selbstverständlichen Regeln der Moral und in feierlichen Abmachungen der Völker aufgerichtet hatte. In dem sich zum Ende mehr und mehr verschärfenden Kampfe, ganz anders aber noch in der friedlosen Nachkriegszeit, in der wir jetzt leben, sind alle diese Hemmungen zu Nichts zertrümmert und die ungebändigte Willkür der Macht triumphiert über die primitivsten Gefühle der Menschlichkett (fleh, Ruhrgebiet!). Ein solcher Krieg wird mit allen Mitteln ber Technik und der Wirtschaft geführt werden. Welch« Regierung wird sich bann noch scheuen, über solche Lapalien wie Münzgesetze hinwegzuschreiten? Das Ziel des Krieges ist stets nur Vernichtung. Und die Vernichtung des Volkes wird dann ttn Wirtschaftskampf auch durch die Vernichtung ber Währungen betrieben werden. Die jetzige Falschmünzerei ber Franzosen wäre bann erst ein stümperhafter Anfang. Lieb, liche Perspekttven eröffnen sich. Es dürfte wohl den technisch hervorragend durchgebildeten Staatsdruckereien nicht schwer fallen, ununterscheidbare Exemplare ber Noten be3 feinblichen Landes herzu, stellen. Don einem Bekannten habe ich schon den Gedanken äußern gehört, Deutschland sollte doch Gleiches mit Gleichem vergelten und als Repressalie gegen den französischen Gesetzesfrevel mit höchster Kunst verfertigte französische Banknoten in den Verkehr lanzierenl Aus dem Kampf der silbernen Kugeln würde auf diesem von den Franzosen begonnenen Wege, das gegenseittge Bewerfen mit gefälschten Zetteln!
Gehen denn der europäischen Menschheit noch nicht die Augen darüber auf, wie mit dieser Politik des Wahnsinnes täglich die Grundlage jedes sozialen Zusammenlebens mehr erschüttert wird, wie schließlich, von Mißtrauen und Haß unterwühlt, das ganze kunst- ; volle Gebäude europäischer Zivilisation in sich zusam- meristürzen muß?
Teuerung und Unruhen.
Laut dem „Vorwärts" veranstaltete Dienstag abend die Sozialdemokratische Partei Berlins eine Reihe von Versammlungen, die sich mit der durch die Entwertung der Maick hervorgerufenen Teuerung beschäftigten. In allen Versammlungen wurde eine Resolution angenommen, die von der Reichsregierung wirksame und schleunige Maßnahmen fordert, um der Not der breiten Massen abzuhelfen.
Wie aus Leipzig gemeldet wird, fanden am Dienstag wieder Demonstrationen statt, an denen sich zum größten Teil halbwüchsige Burschen beteiligten. Die Polizei mußte wiederholt gegen die Demonstranten einschreiten.
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Im ober schlesischen Industriegebiet kam e8 anläßlich der neuen Teuerungswelle zu Streiks unter den Bergarbeitern, Metallarbeitern und Transportarbeitern. Die Streikenden veranstalteten in Beuthen einen Demonstrationszug und verlangten vom Oberbürgermeister die Auszahlung der Löhne unter Zugrundelegung ber ® olb»; Währung, sowie eine einmalige Ausgleichszahlung. Von den Gewerkschaften selbst wird der Ausbruch des Streiks nicht gebilligt. Sie ersuchen die Arbeiterschaft, sich wilden Streiks zu widersetzen.
Die Iunigehalter.
Die Verhandlungen im Reichsfinanzministerium haben auch wegen der Bezüge der Beamten und Angestellten zu einer Verständigung geführt. Afe 1. Juni soll der Teuerungszuschlag 2900 v. Sj-, der Frauenzuschlag 32 000 Mark betragen.
Die Reichsregierung ist von den Reichsratsaus- schüssen ermächtigt worden, die für Juni vereinbarten Erhöhungen der Löhne der Reichsarbeiter und der Gehälter der Beamten sofort auszuzahlen.
deutscher Reichstag.
Vor einer großen Teuerungsdebatte.
Der Reichstag nahm am Dienstag seine Arbeiten wieder auf. Die wirtschaftliche Not, der katastrophale Marksturz und die Folgen der Teuerung sprachen au$: den Begrußungsworten deS Präsidenten, der sich sowohl gegen die französischen Totschläger wie gegen den Wucher tm eigenen Laude wandte.
Dem Reichstag unterbreiteten die Sozialdemokraten eine Interpellation» in der auf die durch die gewaltigen Preissteigerungen drohende Gefahr einer wirtschafllichen und politischen Katastrophe hingewiesen und gefragt wird: 1. Gedenkt feie Reichsregie rung sofort die notwendigen Maßnahmen zu tref< fen, um eine Anpassung der Renten und Unterstützungen, insbesondere für die Erwerbslosen, sowie der Löhne und Gehäl er an die gestiegenen Preise zu bewirken? 2. Ist sie berett, die drohende völlige Entwertung der Besitz st euer durch sofott zu tref«; sende Aenderungen ber Steuergesetzgebung hintan- zuhalten? 3. Welche Maßnahmen gedenkt die Reichs- regierung zu treffen, um währungspolitisch den weiteren Sturz der Mark aufzuhalten und den Auswüch-, fen ber Devisenspekulationen zu begegnen?' Will sie sich endlich entschließen, eine Zentralisierung und Kontrolle des Devisenverkehrs durchzuführen?
Diese Interpellatton wird am Donnerstag beanb' wartet werden. Am Mittwoch ist die Beratung über die
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Preußischer Landtag.
Das Arfeeitsprogramm.
Der Landtag trat am Dienstag wieder zusammen und beriet den Etat der Forstverwaltung, ohne damit fertig zu werden.
Der Aeltestenrat deS Landtages beriet über die Geschäftslage. ES ist beabfichttgt, am 23. Juni nach Erledigung des Haushaltes in die Eommerferieni zu gehen. Am Freitag sollen beim Haushalt des- Staatsministeriums die deutschnattonalen Anfragen übet Erhaltung deutscher Sprache und Kultur in S ch l e s w i g, über die Verhältnisse des Saargebiets, sowie über den kommunistischen Aufstand im R uhrgebiet ferner die Anfragen der Deutschen Volkspattei über proletarische Hundertschaften und über bie, Unruhen in Gelsenkirchen zur Beratung gestellt, sofern' die StaatSregierung zur Beantwortung bereit ift.
Deutscher Reich.
* Zeituugsverbot in Bayern. Wie die Blätter melden, ift gemäß einer Verfügung der Polizeidirek^ tion München daS Erscheinen der sozialdemo-f kralischen „Münchener Post" vom k bis" einschließlich 10. Juni verboten werden. Das. Verbot stützt sich auf die Notberordnnng vom 11.» Mai, die mit ©träfe den Deutschen bedroht, der vorsätzlich während der in Friedenszeiten erfolgten Be- setzung deutschen Gebiets durch eine Macht dieser Macht Vorschub leistet.
fluslanb.
* Der Sojährige Kardinal-Erzbischof von Saca- goffa in Spanien ist auf der Straße von Unbekannten durch Revolverfchüffen getötet worden. Saragossa ist ein Industriezen- trurn; es ist auch Sitz der katholischen sozialen Or- ganifation, auch der gewerkschaftlichen Organisation der katholischen Arbeiter. Diese Drgani- sationen erfreuten sich natürlich der Förderung des Kardinal-Erzbischofs. Ob die Mordtat mit dieser Stellung des Kardinals zur katholischen Bewegung, besonders der Arbeiterbewegung, die den sozialistischen . Organisationen Konkurrenz machen, in Verbindung steht, läßt sich zurzeit noch nicht sagen.
* Kommunismus in Japan. Reuter meldet aus Tokio: Hier sind mehr als 100 Kommunisten und führende Sozialisten verhaftet worden. Die Polizei versichert, sie habe eine Verschwörung geges den Staa-