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Eirrzewerkaufspreis W Mark

Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Stadt Fulda.

Nr. 124

Samstag, 2. Juni 1923

50. Zahrg.

Bezugspreis: Monatlich 2TIL Zustellgebühr extra. - Abgeholt in der Geschäftsstelle ,S52 2HL :: Anzeigen: Kleinzeile nach Colonel Alk., ausw. r=£- IHf. Reklame Zeile nach Colonel iSJ M. auswärts K^Tllk.

Lerantworlltch für den redaktionellen Teil: Dr. I. Kramer, z für die Anzeigen: 3. Parzeller-Fulda. n Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendrnckerei kn Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Postscheck-Konto 4051 Frankfurt a. M.

Sie neue deutsche RepluMnmte.

Das Hin und Her der Berliner Verhandlungen.

Da es feststeht, daß eine neue Note als Antwort auf die Noten der Ententemächte durch die deutsche Regierung herausgegeben wird, hat die bekannte Tätigkeit des Auskramens der verschiedenen Mög­lichkeiten, namentlich auch im Ausland, stark ein­gesetzt. Die deutsche Regierung läßt dazu halbamt­lich verlauten, daß die in verschiedenen ausländi­schen Zeitungen erschienenen Mitteilungen über den Inhalt der neuen deutschen Reparationsnote leere Kombinationen sind. Schon aus der Tat­sache allein, daß die entscheidenden Bera­tungen über die Note erst am Anfang der kommenden Woche stattfinden sollen, geht hervor, daß Form und Inhalt der deutschen Note noch keineswegs fest stehen.

Die Tendenz der Role.

Die „Boss. Ztg." schreibt, daß die bei der Reichs- regierung und den Parteien vorherrschende Ten­denz dahin gehe, der deutschen Antwort einen In­halt zu geben, der den klaren Willen Deutsch­lands zum Ausdruck bringe, alle Anstrengun­gen zu einer endgültigen Lösung des Reparationsproblems zu machen und Verhandlungen über das Reparationsproblem zu ermöglichen.

Die Industrie zu ihrem Garankieangebok.

Das Präsidium des Reichsoerbandes der deut­schen Industrie gab vor Vertretern der P r e f f e nochmals eine Darstellung über die Be­weggründe, die es zu feinem Schreiben an die Reichsregierung veranlaßt hätten. Es wurde be­tont, daß dieses Schriftstück nur als ein Gut­achten der Kreise gelten solle, die der Reichsver­band vertrete. Mit besonderem Nachdruck wurden nochmals vor der Antastung der deutschen Wirt- schastssubstanz für Reparationszwecke gewarnt. Im Augenblick sei die deutsche Wirtschaft auch ohne Reparationen nicht tragfähig. Um sie aber wieder gesund zu machen, seien zwei Voraussetzungen not­wendig: die Erhöhung der Produktivi­tät und die Beseitigung des außenpo­litischen Druckes. Die deutsche Wirtschaft würde zu Grunde gehen, wenn sie entweder deut- fcheSubstanz direkt an das Ausland abliefern ober wenn man sich dazu entfchlöfse, die beuttoe Zollhoheit durch das Ausland einfchranken zu lassen.

Eine Kundgebung dec Eisenbahner.

Der Hauptvorstand der Gewerkschaft deutscher Reichseisenbahnbeamten erklärt zu den Plänen des Auslands über die Ver­waltung der deutschen Eisenbahnen in einer Ent­schließung mit Nachdruck, daß unter allen Umstän­den die Reichsbahnen im Besitz und Be­trieb des Reiches bleiben müßten. Die deut­sche an dem Berufsbeamtentum unerschüt­terlich sesthaltende Beamtenschaft würde es nicht er­tragen, irgendwie gearteten ausländischen Instan­zen, seien es internationale Syndikate oder sonstige mit der Souveränität des Reiches unvereinbaren Instanzen unterstellt zu sein.

Die Sozialdemokraten.

Der Vorstand der sozialdemokra- tischen Reichstagsfraktion befaßte sich mit der politischen Lage. Er billigte die Schritte der sozialdemokratischen Unterhändler, die Reichs­regierung zu veranlassen, ein greifbares Angebot zu machen, das Deutschland den Weg zu internatio­nalen Verhandlungen öffnen solle. Der Vorstand ersuchte seine Vertreter, in den entscheidenden näch­sten Tagen nachdrücklich in demselben Sinne zu wirken. Weiter befaßte sich der Fraktionsvorstand mit dem Angebot der deutschen Industrie und lehnte es aufs entschiedenste ab, daß die selbstver­ständliche Erfüllung von Staatsbürgerpflichten von irgendwelchen Voraussetzungen ober Ve- dingungen abhängig gemacht werbe, lieber die Inanspruchnahme der Wirtschaft habe die Ge­setzgebung zu entscheiden. Der Fraktionsvor- stand wendet sich insbesondere gegen den Vorstoß der Industrie zum Zweck des Abbaus der Er­rungenschaften der Arbeiterklasse. Er wisse sich in diesem Punkte mit den Gewerkschaften vollkommen einer Meinung.

Die Hranzssenherrschast.

Reue Aebergriffe und Verhaftungen.

Die Franzosen nahmen auf der Zeche Graf B i sm a r ck, auf der schon seit einiger Zeit Kon- twollposten ausgestellt waren, nunmehr größere Eingriffe tn das Kokslager vor und be­gannen mit dem Abtransport des Kokses. Gleich­artig besetzten fte den Hafen der Zeche. Alle Lo­komotiven des Hafenbetriebes und große Bestände wertvoller Hölzer mürben beschlagnahmt. Die Be­legschaft trat aufs neue in einen Proteststreik ein.

Der von den Franzosen oechaftete Oberregic- rungsrat H a n tz e n - Düsseldorf wurde ausgewie- sen und in der Nähe von Vohwinkel über die Grenze obgeschoben. Seine Familie muß das besetzte Ge­biet innerhalb einer Frist von vier Tagen verlassen.

Vom Kriegsgericht in L a n d a u wurden die vor zwei Wochen von den Franzosen aus unbekannten Gründen in Mannheim festgenommenen Polizei­beamten abgeurteilt. Wachtmesster Berberich er- hiest fünf Monate Gefängnis und 50 000 M Geld­strafe, Wachtmesster Münch zwei Monate Gefäna- nis und ebenfalls 50 000 «k Geldstrafe.

Von Mitte Februar bis Ende Mai wurden von den französischen und belgischen Besatzungsbehörden

über 12 7 Milliarden Mark gewaltsam be­schlagnahmt.

Das französische Milsiärpolizeigericht in Mainz verurteilte den 2. Vorsitzenden der Ortsgruppe Worms des Deutschnationalen Handlungsgehilfen­verbandes Kaufmann Karl Schmitz zu einer Ge­samtgefängnisstrafe von ly2 Jahren und 150 000 Mark Geldstrafe.

Donnerstag früh sind 14 leitende Per­sönlichkeiten der Höchster Farbwerke, Direktoren und Prokuristen, von den Franzosen ausgewiesen worden. Infolge dieser Maßnahme sind die Werke in eine sehr schwierige Lage geraten, und die Fortführung des Betriebes ist in Frage gestellt.

Eine Kundgebung englischer Zranen.

Lin kluges Work der Tochter Asquiths.

Aus London wirb gemeldet: Die öffentliche Schlußsitzung des nationalen und libera­len Verbandes in Buxton befaßte sich u.a. mit der Besetzung des Ruhrgebiets. Lady Bonham Carter, die Tochter Asquiths und Präsidentin des nationalen und liberalen Verban­des für Frauen, brachte eine Entschließung ein, die die Besetzung des Ruhrgebiets verur­teilt und die Lethargie und anscheinende I m po- tenz der britischen Regierung angesichts dieser ernsten Bedrohung der Interessen der Nation sehr bedauert.

Lady Bonham Carter erklärte: Wir alle sym­pathisieren mit den stanzösischen Bedürfnissen und teilen die französischen Befürchtungen. Wir be­dauern und mißbilligen jedoch die französische Me­thode. Frankreich hat die menschliche Natur vergessen. Welche Vorteile hates, diedeutschenRüstungenherab- zusetzen, wenn man in jedem deut­schen Herzen ein Arsenal erbaut? (Beifall.) Die Entschließung wurde gegen nur eine Stimme angenommen.

Die MkMksm kl AnWkkl.

Wieder Ruhe im JnbuffrtegebteL

Im Landkreis Dortmund ist alles ruhig. Dasselbe gilt für Hörde. In Witten ist der größte Teil der Zechenarbeiter wieder eingefahren. In Gelsenkirchen herrscht bis auf kleine Zivi- fchenfälle Ruhe. Die Ordnung wird von der Ord­nungspolizei mit roten Armbinden ausrechterhalten. Es besteht Hoffnung, daß die Arbeit wieder aus­genommen wird.

Die Dortmunder Polizei verhaftete in einem Baubüro in der Güncherstraße 8 0 Kom - munisten, darunter eine Anzahl Führer der letz­ten Unruhen. Die Kommunisten waren meist mit Revolvern bewaffnet. Nach einer Meldung des „Berl. Tagobl." wurden die verhafteten 80 Kom- munssten während des ganzen Tages vernommen. Eine Anzahl der Verhafteten, die schwer belastet sind, wurde fest gehalten, während der übrige Tess nach Feststelämg dex Personalien wieder ent­lassen wurde.

Der Kampf gegen die proletarischen Hundertschasten.

Wie die Blätter aus Berlin melden, hat auf An­ordnung des preußischen Minssters Seoermg der Berliner Polizeipräfident in den letzten Tagen die Beamten der politischen Polizei und der'Schutz- pollzei wiederholt darauf hingewiesen, mit allen polizeilichen Mitteln gegen die pro­letarischen Hundertschaften einzuschrei- ten. Innerhalb der letzten 14 Tage seien eine Reihe von Führern der Berliner Hundertschaften ver­haftet und verschiedene Strafverfahren wegen Teil­nahme an verbotenen Hundertschaften eingeleiret worden. In gleicher Weise werde auch gegen die wilden Kontrolla usfchüss« vorge­gangen werden.

Die Grientfrage.

Vor dem Friedensschluh — Räumung der Dardanellen?

Aus Laufarme wird gemeldet: Falls eine Eini­gung über die Kupons rage in diesen Tagen zustandekommt, sst es nicht unwahrscheinlich, daß die Unterzeichnung des Friedensver­trags noch Ende der nächsten Woche er­folgen kann. Es verlautet, daß sowohl Lord Cur- zon, wie Poincare und von italienischer Seite Mar­quis Ganmni an der Unterzeichnung teilnehmen werden.

Blätternreldungen aus Konstantinopel zufolge mewen türkische Blätter, die Engländer hätten begonnen, Vorbereitungen Mir Räumung der Dardanellen zu treffen.

Deutscher Reich.

* Ei» neues Urteil des Staatsgerichtshofcs. 3er Staatsgerichtshof verurteilte den früheren Haupt- geschaftsfuhrer des Deusschvölkifchen Schutz- und Trutzbundes, Alfred Roth tn Bergedorf bei Ham­burg, wegen öffentlicher Beleidigung des der- storbenen Reichsm iuisterS Rathenan zu 500000 Mark Geldstrafe, an deren Stelle im Falle der Uneinbringlichkeit 100 Tage Gefängnis treten, und zur Tragung der Kosten des Verfahrens. Der Reichsregierung wurde die Publikationsbefugnis in der ,Pommerscheu Tagespost', der.Ostfeezeitung' und dem .Volksboten' in Stettin zngejprochen.

! Nerven behalten!

Von unferm Berliner Parlaments-Mitarbeiter wird uns geschrieben:

Das deutsche Volk ist in letzter Zeit sehr nervös geworden. Das hat feinen Grund darin, daß die Regierung, die mehrere Monate hindurch ihre ganze Aufmerksamkeit und Tätigkeit auf die Be­hebung der Schwierigkeiten gerichtet hatte, dis durch die Einleitung des passiven Widerstandes entstanden waren, und auf die Vertretung ihres Rechtsstandpunktes, plötzlich infolge einer Anregung des britifchen Außenministers ihre bisherige An­gebotspolitik wieder aufnahm, das hat fei­nen @runb auch darin, daß sich die Markstütz- ungsaktion nicht mehr aufrecht erhalten ließ und eine Teuerungswelle über uns hereinge­brochen ist, wie wir sie noch nicht erlebt haben.

Es ist wahr, es sind Fehler gemacht worden, schwere Fehler, nicht nur in der Führung unserer auswärtigen Politik, sondern auch in der Art und Weise wie der passive Widerstand aufgezogen und durchgesührt wurde. Vor allem durften die Kosten der passiven Abwehr nicht einfach durch mildtätige Gaben und gewaltig gesteigerten Papiergelddruck „gedeckt" werden. Man wiederholte damit den Fehler, den Helfferich während des Krieges gemacht hatte, indem er die ganzen Kriegskosten nicht durch Steuern, sondern durch Anleihen zu „decken" sich bemühte. Eine solche Finanzpolitik mußte zudem über die Erfolgmöglichkeiten der passiven Abwehr übertriebene Vorstellungen erwecken. Wir wissen heute, daß die Aktion der passiven Abwehr diplo­matisch zu wenig und zu spät ausgenutzt worden ist. Es war zu verstehen, daß man anfangs den Eingriff einer fremden Macht erwartete, aber man hätte im gleichen Augenblick diplomatisch wieder aktiv werden müssen, als feftftanb, daß auf eine solche Intervention nicht zu rechnen fei. Die zweite Reichskanzlerrede im Reichstag kennzeichnete diesen Augenblick. Es hat allerdings immer in Deutschland Leute gegeben und von ihnen hat sich die Regierung viel mehr, als gut war, beeinflussen lassen, welche die Forderung nach stär­kerer diplomatischer Aktivität als den bekannten „D o l ch st o ß" für die kämpfende Abwehrfront zu bezeichnen beliebten. Sie glauben auch heute noch das große Wort führen zu können. Inzwischen ist nun nach der Anregung des britischen Außenmini­sters die Berliner Wilhelmftraße in voller Arbeit. Der Weg ist schwierig und voller Hemmnisse, das wollen wir nicht übersehen, und es wird noch manchenZwischenfall geben, ehe das Ziel, nämlich Verhandlungen mit Frankreich und Bel­gien, erreicht ist. Die Regierung hat dabei die volle Unterstützung der Parteien. Diese Stärke ihrer Position darf durch Nervosität im deutschen Volke nicht geschwächt werden. Die Regierung hätte sicher gut daran getan, gleich von vornherein, als der passive Widerstand losbrach, deutlich zu erkennen zu geben, daß die berechtigten Gefühle des deutschen Volkes sie nicht daran hin­dern könnten, die Augen klar zu halten und Pol fr tif auf lange Sicht zu machen. Die jetzige Angebotpolitik der Regierung hätte alsdann längst nicht fo überraschend gewirkt, hätte die Nerven unseres Volkes längst nicht fo in Erregung versetzt. Das deutsche Volk aber wird seinerseits einsehen müssen, daß aktive Politik und passiver Widerstand zweierlei find, daß sie aber in diesem Augen- bick weiter Zusammenwirken müssen, um ein gutes Ziel zu erreichen.

Der zweite Anlaß zu Nervosität ist schwieriger. Die Markstützungsaktion hätte ungeheuren Segen gebracht, wenn es eine erfolgreiche Politik ermöglicht hätte, durch sie normale Wirtschastsver- hältniste einzuleiten. Obwohl sie politisch unter allen Umständen eine Notwendigkeit war, ist es jetzt der Schaden größer als früher, weil die ganze Geschichte der Markstützung das Vertrauen der deutschen Bevölkerungsschichten untereinander er­neut in hohem Maße beeinträchtigt hat. Die schweren Sorgen des weitaus größten Teiles des deutschen Volkes, die die Markentwertung für ihn in sich schließt, find die Freuden eines ganz bestimmten kleinen anderen Teils des deutschen Volkes, der, wenn er sich zur deutschen Außen­politik der letzten Jahre positiver und verantwor­tungsbewußter eingestellt hätte, höchst wahrschein­lich das ganze Elend hätte von uns abhalten kön­nen, das nicht erst durch den Ruhreinbruch über «ns hereingebrochen ist. Das Volk macht keine Unterschieds in seinem Urteil, sondern sagt seine Meinung ohne Rücksicht. Darin liegt eine große Gefahr, denn die heutigen Gefühle des deutschen Volkes sind größtenteils berechtigt. Aber damit sst nichts erreicht. Unbesonnene Gefühlsaus­brüche verbessern weder die deutsche Politik noch die deutsche Sage.

Ueber das, was zu geschehen hat, und was ge­schehen farm, sind sich die politischen Führer ziem- Uch einig. Auch die der Wirtschaft haben die Forderungen der Stunde endlich erkannt. Das wird den Franzosen nur äußerlich Anlaß zu Gespött und Gelächter fein, weil sie selbst m schwie­rigsten Verhältnissen stehen. Wenn das deutsche Bolk Anspruch darauf erheben will, politisch denken Zu können, so lerne es aus feiner Geschichte. Poincare, mit dessen Ruhrpolitik sicher ein großer Teil des stanzösischen Volkes nicht mehr ein­verstanden ist, weil sie einmal nicht gehalten hat, was man sich von ihr versprach, nämlich produktive Pfänder einzubringen, weil sie darüber hinaus ge­waltige Kosten verursacht und die Reparations­aussichten wegen der weiteren Zerrüttung der deut- schen Wirtschaft verschlechtert, well sie überdies das französische Wirtschaftsleben sehr geschädigt hat, hat durch die stanzösssche Kammer trotz alle­

dem am Dienstag ein Vertrauensvotum von ganz seltenem Umfange erhalten. Seien wir mindestens fo klug wie die Franzosen, zeigen wir, daß wir starke Nerven haben, das ist jetzt die erste Voraussetzung für ein gutes En de.________

Auslaut).

* Der polnische Staat hat nun wieder eine R e- gterung. Der Führer bet Bauernpartei Witos ist ihr Leiter geworben und die Rechte des Sejm wirb in ihr starken Einfluß haben. Es ist eine Koalition der rechten Mitte mit der Rechten, aus die sich die neue Regierung stützt. Aber ihre Mehr­heit ist sehr klein. Nur brei Stimmen hat sie mehr, als die nicht zu ihr gehörigen Parteien zusammen haben. Der neue Ministerpräsident sucht deshalb die nationalen Minderheiten soweit für sich zu gewinnen, daß sie wenigstens nicht geradezu in die Opposition gehen. Er macht Versprechungen wenig­stens den Juden und Weißrussen. Die Deutschen in Polen sollen auf jeden Fall auch künftig die „Aschenbrödel" fein.

* Der erste weibliche Gesandte. Wie aus Kri­stiania gemeldet wird, hat die Sowjetregierung jetzt Frau Alexandra Kollotah zu ihrer bevollmäch­tigten Vertreterin und Hanbelsreprasentantin in Kristiania ernannt. Frau Kollontay dürfte die erste Frau fein, der die Leitung einer regu­lären diplomatischen Mission übertragen worden ist._______________

Sojioles.

— Evangel.-Sozialer Kongreß. In Iser ohn fand die diesjährige Tagung des aus der Vorkriegszeit in hohem Ansehen stehenden Ev.-Soz. Kongresses statt. In der Eröffnungsansprache betonte Generalsekretär Hertz (Leipzig), der Kongreß fei immer bestrebt, das Soziale aus seiner wirtschaftlichen Siolierung zu lösen und in die großen Zusammenhänge des ethischen und religiösen Lebens zu stellen. Prof. Dr. K e ß l e r-J e n a sprach über das Thema: „Die Not des Mittelstandes und die deutsche Gesellschaft". Nach langen Kämpfen sei die Klasse der Industriearbeiter heute in die Gesellschaft eingegliedert, sei ein notwendiges und tragendes Glied unserer Gesellschaft. Der Mittelstand von 1914 dagegen sei vielfach ins Proletariat herabgesunken. Eine Um­stellung des alten Bildungsideals werde erfolgen müssen. Pfarrer Dr. Lehman n-M a n n h e i m behandelte das Thema: „Kirche und Volksleben". Die Kirche müsse, so führte er aus, in ihrem Kultus und ihrer Sprache wieder volkstümlicher werden. Sie müsse mit unferm modernen Volksleben wieder so verwachsen, wie sie mit der bäuerlichen und kleinbürgerlichen Kultur des Mittel­alters verwachsen gewesen ist. Einen fesselnden Vortrag hielt am letzten Verhandlungstage Walter (Haffen- Hamburg über „Deutschlands Zukunft und seine Ju­gend". Besonders schilderte er die geistige Lage der Jndustriearbeiterjugend und der ländlichen Jugend. Zum Schlüsse dankte der Kongreß allen, die in der jetzigen Not unter Zurückstellung aller Sonderinteressen Beweise wahrhaft lvzialer Gesinnung gegeben haben.

Wir und die kAslairdrdsu Ischen.

Erst langsam gewöhnen wir uns daran, den in- Haltreichen Begriff der Ausländsdeutschen aufzu­schließen. Große Telle der deutschen Kultur liegen jetzt außerhalb der Reichsgrenzen. Es ist unsere Pflicht, diesen Dingen außerhalb der Neichsgrenzen unsere ernste Aufmerksamkeit zu widmen. Wir brauchen stärkere kulturelle Bindemittel als früher zum Auslanbsdeutfchtum. Völlig verkehrt wäre es, unter den Ausländsdeutschen Propaganda zu treiben. Es sind solche Fehlgriffe vorgekommen. Man wirbt am ehesten unter den Ausländsdeut­schen mit hoher deutscher Geistigkeit, mit Wissen­schaft und Kunst, überhaupt mit kulturellen Werten. Darum fei man möglichst zurückhaltend in politischen Fragen. Man lasse jedem Auslands­staat, der Deutsche zu feinen Bürgern zählt, seine Verfassung und feine besondere politische Aufgabe. Man mische sich nicht in politische Verhältnisse außerhalb unseres Landes, die für den Deutschen im allgemeinen schwieriger zu beurteilen sind, als er annimmt. Denn noch steht unsere Politik in­mitten der ersten Entwicklung zum außenpolitischen Sehen.

Eine benfmürbige Verbindungslinie zum Aus- kandsdeutschen schuf eine Tiroler Hochschufr unb Kulturwoche, die in Innsbruck in der Psingstwoche mit einer Reihe vor Vorlesungen sei­tens deutscher Hochschulprofessoren abgehalten wurde. Die Borträge standen unter dem Titel „Das neue Europa". Es ist nicht gerade häufig, daß deutsche Professoren zu publizsstischen Fragen Stellung nehmen. Aber hier geschah es mit außer­ordentlichem Erfolge. Der Erfolg war um so grö­ßer, weil man in vornehmer Zurückhaltung von jeder politischen Zweckstellung absah und lediglich von hoher Warte die Probleme des neuen Europa behandelte. Eingeladen zu dieser bedeutenden kul­turellen Veranstalttmg hatte die Universität Innsbruck und die Innsbrucker Volksbildungs- Vereinigung. Erschienen waren aus dem Reich der Berliner Internist Friedrich Krauß, der Volkswirt- schaftler Dr. Moldenhauer-Köln, die Historiker Dr. Georg Schreiber-Münster, Dr. Otto Hötsch-Berlin, Dr. Walter Götz-Leipzig, der Jurist Prof. Dr. Beyerle-München und als einer der führenden deut­schen Chirurgen Prof. Dr. Bier-Berlin. In allen Vorträgen bildete den Grundakkord der starke Wille, die deutsche Kultur der Gegenwart nicht bloß zu erhalten, sondern lebensvoll weiter zu ge­stalt e n und zu entwickeln. Die überaus dankens­werte Kulturwoche, deren Organisation deutscher- feite; wie der Tiroler Anzeiger, das größte Tiroler Blatt, eigens hervorhebt, der Münsterssche Prof. Dr. Schreiber in die Hand genommen hatten, nahm Binnen glänzenden Verlauf. Noch immer wird die deutsche Wissenschaft und Kultur die stärksten Bande zum Auslandsdeutschtum knüpfen und da­mit auch Hemmungen einer Völkerverständigung mildern. " -