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Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Sladl Fulda.

Nr. 105.

Verantwortlich für den reOoutoneüen Teil: Dr. I. Kramer, z für die Anzeigen: 3. Parzeller-Fulda. s Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Acttendruckerei in Fulda, sferniprecher Rr. 9. Posffcheck»Konto 4051 Frankfurt a. M.

Dienstag, S. Mai 1923.

Bezugspreis: Monatlich 2500 Ulf. Zustellgebühr extra, n Abgeholl in der Gefchäftsstklle 2550 Mk. n Anzeigen: Kleinzeile nach Colonel ISO Mk., ausw. 125Mk. Reklomezeile <Text breite) nach Colone>maß 375 Mark.

50. Zahrg.

Poimre gegen ZentMÄ nni Englind.

Die französisch-belgische Antwortnote.

Statt am Samstag vormittag ist die Antwortnote, die zwischen Frankreich und Belgien vereinbart worden war, erst am Samstag abend sowohl in Paris als in Brüssel den Vertretern der deutschen Regierung überreicht wor­den. Der Zeitaufschub von Morgen auf den Abend ist alles, was die englische Politik bei Poin- care an Entgegenkommen hat herausholen können. Poincare hat sich dazu verstanden, „aus Höflichkeit" England und Italien über den Wortlaut der Note zu informieren, ehe die Uebergabe erfolgte. Eine Erörterung, wie sie von England verlangt worden war, hat Poincare abgelehnt. Das kennzeichnet die Lage. Die „Franks. Ztg." läßt sich aus Paris melden:

Die englische Regierung Hot tatsächkch offiziell und, wie die französische Presie mitteilt, mit sehr star­kem Nachdruck in Paris und Brügel dem Wunsch noch einer gemeinsamen Beantwortung der deutschen Vorschläge Ausdruck gegeben. Die Demarche dar englischen Regierung, die zu gleicher Zeit durch deren Botschafter in Paris und Brüssel erfolgte und der Lord Eurzon selbst in einer Aussprache mit den diploma­tischen Vertretern Frankreichs und Belgiens in London besonderen Nachdruck verlieh, ist von Herrn Poincare mit einem brüsken Refus beantwortet wor-

den. Die französische Regierung hat selbst jede Dis­kussion der mit Belgien vereinbarten Antwort an Deuffchlcmd abgelehnt.

Der Wortlaut der Rote bringt keine lleberraschungen. Es sind die alten Wendungen, die wir nun schon alle kennen, und deren Schluß­folgerung immer auf dasselbe hinausläuft: Frankreich will sich mit Deutschland nicht vertra­gen. Was soll der ganze Streit! Poincare bleibt bei seiner Behauptung, daß er „ohne die geringste Gewalt" an die Ruhr gekommen sei (Tanks, Flug­zeuggeschwader, Alpenjäger mit aufgepflanztem Seitengewehr hält Poincare-Rapoleon für „Frie­denstauben". Er ist nun einmal so.) Am passiven Widerstand ist natürlich keineswegs die Bevölke­rung schuld, sondern die Regierung in Berlin. Das hören wir auch nicht zum erstenmal.

Der Widerstand soll aufgegeben werden.

Diese Forderung wird von den Franzosen er­hoben. Die belgische und die ftanzösische Regie­rung können keinen deutschen Vorschlag berücksich- ttgen, so heißt es weiter, solange dieser Widerstand fortgesetzt wird.

Die Vorschläge unannehmbar.

Sn erster Lime stellten, so führt die Note aus, die tatsächlichen Ziffern nur ein Viertel der Summe dar, die die Reparationskommission festgesetzt habe und die von Deutschland als der Betrag seiner Schuld gegenüber den Alliierten anerkannt worden sei. Frankreich unb Belgien hätten wiederholt erklärt, und sie feien ver- pflichtet, dies hier nochnurls zu sagen, daß sie die Her­absetzung ihrer eigenen Forderungen nicht anneh- men könnten, und daß, wenn sie bereit seien, einen Teil mit den alliierten Schufen zu kompensieren, sie in die materielle Notwendigkeit versetzt seien, den Restbetrag zu empfangen, um die schrecklichen Verwüstungen $u be­seitigen, die der deutsche Einfall verursacht hat. Frank­reich habe bis zum Augenblick 100 Milliarden Franks für das Konto Deutschlands vorgeschossen, Belgien 15 Mlliarden belgische Franks. Außer den Penponsiasten müßten sie noch die Hälfte ihrer Schäden reparieren. 1 as wirtschaftliche Interesse Frankreichs, das wirtschaft- llche Interesse der ganzen Weit, die Gerechtigkeit selbst machten es erforderlich, daß die geschädigten Länder nid# mehr dazu verurteilt seien, sich zu ruinieren und die Wiederaufrichtung ihrer Schuldner zu begünstigen. So­wohl Frankreich als auch Belgien, ein Opfer der zynisch­sten Verletzung der Verträge, würden die angebotenen Summen bis jetzt nicht gestatten, ihre verwüsteten Ge­biete wieder aufzurichten. Also während die von den deutschen Heeren während vier Jahren besetzten Gebiete bis ins Unendliche verwüstet blieben, würde Deutschland fortfahren, beliebig im Ruhrgebiet und anderwärts neue Fabriken, Hochöfen, Häuergruppen, Wege und Eisen­bahnen zu bauen. Diese Ungerechttgkeit sei Belgien «ich Frankreich entschlossen, nicht zu dulden.

Das Angebot von 30 Milliarden, das die deutsche Regierung gemacht habe, entnhlte übrigens, nach einem von der deuffchen Regierung selbst gebrauchten Ausdruck, eine gewisse Elastizität, dessen Willkür und Gefahr man nicht nötig habe, aufzuzeigen. Die Zahlen, die man angegeben habe, würden nach der deutschen Regie- nmg ein Maximum bilden und es werde Derüschland leicht sein, sie wieder zur Diskussion zu stellen, bevor sie Wirklichkeü geworden feien. Gewiß behaupte die oeutt sche Regierung, daß es im Augenblick n t ch t möglich fei, die festen und endgültt gen Ziffern der Zahlungsfähigkeit Deutschlands zu bestimmen. Als die alliierten Regierungen den Londoner ZaPrmgsplan aus­gestellt hätten, hätten sie Rücksicht genommen auf das, was diese Bemerkung Gerechtes in sich schließe, und sie hätten die Zahlung von annähernd zwei Drittel der deutschen Schuld auf eine unbestimmte Zeit verschoben, die durch den Wohlstand Deutschlands Mein hätte fest­gesetzt werden sollen. Seitdem habe die deutsche Regie­rung nicht aufgehört, gegen diese Unbestimmtheit eines Telles der Schuld zu protestieren. Sie l)abe wiederhÄt gesagt, wenn sie behindert sei, ihre Verpflichtungen zu erfüllen, geschehe das, weil sie deren endgültige Ziffern nicht kenne. Heute setze sie sie um mehr ats drei Fünf­tel des festen Telles in ihrer Schuld herab, sie reduziere den unbestimmten Teil um mehr als sieben Achtel, aber sie behalte die Unbestimmtheit bei.

Die deutsche Regierung erklärt sich bereit, die Si­cherheiten für die Barlei st ungen und Eachlieferungen zu bieten, die sie heute anbietet, und die nichts weiter als eine enorme Verminderung ihrer früheren Versprechungen darstellen. Was aber diese Sicherheiten anlange, so beschränke sie sich darauf, die unbestimmtesten und unklarsten Ideen zu äußern, obwohl die Reparationskommission im Ein­vernehmen mit den alliierten Regierungen bereits fett langem alle Maßnahmen studiert habe, mtt Hilfe deren Deutschland seine Währung stabilisieren, seine Finanzen wieder Herstellen und zur Aufnahme auswär- "tez Auleiben schreiten könnte. Obwohl die alliierten

Regierungen Deutschland manchesmal zu den aufrichtig­sten Bemühungen anzuleiten versucht hätten, die erfor­derlich seien, um diese Resultate zu erzielen, sage die deut- sche Regierung auch heute noch nicht, in welcher Weise sie ihre Währung zu stabilisieren gedenke, welche gesetz­geberische Maßnahmen sie ergreifen werde, und welche Einnahmequellen sie zur Garantierung der verschiedenen Anleiheabschnitte zu verwenden beabsichtigt.

Bezüglich des Friedeaspaktes

vermißt die Note in dem deutschen Sicherheitsange­bot die Erörterung Belgiens. Die belgische und die ftanzösische Regierung seien stets für das „in­ternationale friedliche Verfahren" und die „ftie- denssichernde Vereinbarung, die auf Gegenseitigkeit beruht" gewesen, und die deutsche Regierung miß­achte trotzdem schon heute die Hauptbedingungen, die der Versailler Vertrag enthalte. In diesem Zusammenhang ebenso wie in der Reparations- ftage könnten Frankreich und Belgien sich nicht mit den neuen deutschen Vorschlägen begnügen. Sie brauchten Gewißheiten.

Ws Gegenleistung für zum Teil unannehmbare, zum Teil unzulängliche Vorschläge beanspruche die deutsche Regierung, daß der AusMMgsprmkt der Verhandlungen die Wiederherstellung des status quo ante des Friedens- »ertrages sein müßte und in Anwendung dieser allge­meinen Bestimmungen verlange sie namentlich, daß die neuerbings in vollem Einklang trat dem Versail­ler Vertrag besetzten Gebiete geräumt werden, daß die in den Rheinlanden von der Rhemlandkommissüm zur S«heriM!g des Versailler Vertrags ergriffenen Maß­nahmen zurückgezogen würden, daß die wegen Der- letzung der regelrecht erlassenen Ordonnanzen verhaf­teten und ausgerotefenen Deutschen befreit und in ihre Wohnstätten und Dienststellen wieder eingesetzt würden. Also während viereinhalb Jahren, das heißt während der Periode, in der die französische und die belgische Regierung sich bemüht hätten, Sachlieferungen und Geld­zahlungen zu empfangen und den Wiederaufbau der verwüsteten Gebiete durchzuführen, mußten sie geduldig ohne Pfänder und ohne Garantien warten, da es der deuffchen Regierung gefiel, die Maßnahmen zu ergrei­fen, die chr paßten, um dann eine unbestimmte und winzige Summe anzubieten. Aus dem Ruhrgebiet müUen sie sogar heraus, in das sie doch nur eingerückt seien, um die Garantien und Pfänder in der Hand zu haben, aus die sie einen Anspruch hätten, und die chnen verweigert worden feien. Die belgische und die franzö­sische Regierung hätten beschlossen, die neubefe^en Ge­biete nur nach Maßgabe und im Verhältnis der geleiste­ten Zahlungen zu räumen. An diesem Beschluß Hütten sie nichts zu änbem.

Sie könnten im übrigen nicht die Bemerkung unter­lassen, daß die deutsche Note von Anfang bis Ende nur der kaum verhehlte Ausdruck einer systematischen Auflehnung gegen den Versailler Vertrag sei. Dies würde sc^ießlich notgedrungen zur vollkommenen und endgüstigen Zerstörung dieses Vertrags führen. Dies würde sogar $u einer moralischen, wirtschaftlichen, poli­tischen und militärischen Revanche Deutschlands führen.

Der Schluß der Role

ist ein Loblied auf die „friedlichen Sank­tion e n", die Frankreich und Belgien in Anwen­dung gebracht hätten, und eine scharfe An­klage gegen Deutschland. Dieses böse Deutsch­land wolle Frankreich und Belgien der solidesten Grundlage ihrer Sicherheit berauben.

Die Reparationskommisston solle desavouiert und aufgehoben oder bis zur Ohnmacht eingeschränkt werden. Deutschland solle befreit werden von dem, was es die politischen und wirtschaftlichen Fesseln des Vertrags nennt. Die Alliierten müßten Deutschland sofort wieder in den Genuß der Meistbegünstigungsklauseln setzen, was ihm gestatten werde, von den Ruinen, die es in Belgien und Frankreich gehäuft habe, Nutzen zu ziehen, um sich rasch die industrielle Ueberlegenheik über die Länder zu sichern, die es verwüstet habe. Für die Reparationsfrage solle nicht mehr, wie der Versail­ler Vertrag es vorsehe, eine Kommission zuständig sein, deren Entscheidungen zu befolgen Deutschland sich ver­pflichtet habe; die Entscheidungen sollten vielmehr in- ternationaten Kommissionen unterbreitet werden. Belgien und Frankreich sollten chre Pfänder aus der Hand geben, sie sollten der Gewalttätigkeit der deuffchen Regverungsbeamten ausgesetzt bleiben und als Gegenlefftimg für alle diese Opfer würden ihnen noch einmal ein paar auf Papier geschriebene Worte gegeben werden. Die deutsche Regienmg werde, wenn sie über diese Dinge einmal Nachdenken wolle, sich nicht wundern, daß Frankreich und Belgien eine derartige Haltung ablehnteu.

Rach einer Mstteilung der „Soff. Ztg." wird beabsichtigt, daß am Freitag im Reichstag bei der dritten Lesung des Kanzleretats der Reichs- k a n z l e r zu der Antwortnote das Wort ergreifen fall.

Strefemann für -ie Einheitsfront.

Nach einer Meldung der Montagspost aus Eisenach sprach dort am Sonntag der Führer der Deutschen Volkspartei Strefemann in einer Versammlung über die politische Lage. Er bezeich­nete die Einheitsfront

von der Deutschen Volkspartei bis zu den Sozialdemokraten

als die in der jetzigen Zett einzig mögliche Partei­konstellation. In der jetzigen Zeit mit politischen Putschen drohen, wie es von angeblich nationalen Leuten geschehe, sei ebenso v e r b r e ch e r i s ch, wie die von den Kommunisten propagierte Zertrümme­rung der Staatsautorität. Wir müssen wissen und verlangen es zu hören, wer schuld daran ist, daß die Mark nicht mehr zu halten war. Man sollte die Kritik eines solchen Zustandes nicht immer der Sozialdemokratie überlasien. Wenn Frankreich die Umbildung des deutschen Kabinetts verlange, muffe man ihm antworten, daß das eine rein deut­

sche Angelegenheit sei. Frankreich irre, wenn es glaube, daß irgend ein anderes Kabinett, ganz gleich aus welchen Parteien es besteht, den massiven Widerstand an der Ruhr beseitigen könne.

Der Marksturz.

Die Reichsbank soll in den letzten Tagen bei Seiliner und auswärtigen Bankhäusern Aufklä­rung über deren Devisengeschäfte während der Tage des unerwarteten Marksturzes verlangt haben.

Ueberlegungen zur KußenpolMK,

Aus Berliner Zentrumskreisen wird uns geschrieben:

Wenn nach politischen Wahlen die Wahlergeb­nisse bekannt gemacht werden, so werden immer gleich Bettachtungen darüber angestellt, wie sich die Stimmenverhältnisse verschoben haben. Man unter­sucht, ob die Wähler mehr nach rechts ober nach links geschwenkt sind oder ob sie die Mitte verstärkt haben und zieht daraus die naheliegenden aber auch gerabe parteipolitisch wirksamen Schlüsse. Die letzten politischen Wahlen waren bekanntlich für bie Deutsch-bemokratische Partei sehr nieberfd)me11ernb, ba ein großer Teil der früheren deutsch-demokratischen Wähler zur Deutschen Volkspartei übergelaufen war. Weiter­hin hatte auch die deutschnationale Volkspartei Zu­zug gefunden aus dem Zenttum und der deutschen Bolkspartei, ihr deutschvölkischer Flügel war sogar durch früher sozialistisch denkende Arbei­ter erweitert worben. Andererseits war auf der Linken der radikale Flügel gestärkt worden. 3m ganzen mußte man das Wahlergebnis dahin zu- jammenfafsen, daß wenigstens bei den bürgerlichen Parteien eine Rechtsverschiebung unver­kennbar fei.

Ob während der lausenden Tagungsperiode des Reichstages diese Rechtstendenz in der politischen Auffassung der Wähler fortgedauert hat, kann man nicht ohne weiteres fugen, weil es dazu an den nötigen Anhaltspunkten fehü. Die Gemeinderats- wahlen, die Ende v. I. in vielen Gegenden Deutsch­lands stattgefunden haben, sind kein sicherer Maß­stab. Man hat jedenfalls auch noch keinen Anlaß dafür, das Gegenteil anzunehmen.

Inzwischen ist nun die Kuriosität eingetreten, daß während unter dem Einfluß einer unablässigen Kritik an der Politik der früheren Linkskoalitton die Wähler nach rechts rutschten, die Führer der Rechtsparteien sich immer mehr nach links orientierten. Die Führer der Par­teien haben damit das Verhalten ihrer Wähler in sehr interessanter Weise korrigiert. Das geschah nicht nur auf innerpolitischem Gebiete in der Frage der Stellung der Fraktionen zum Parlamentaris­mus, wo bereits die bemerkenswertesten Erklä­rungen eines Dr. Heinze, eines Dr. Sttesemann und eines Dr. Helfserich vorliegen, sondern ganz besonders auch auf außenpolitischem Ge­lüste. Was unterscheidet hier heute noch die prak­tische Außenpolttik eines Dr. Strefemann von der eines Dr. Hilferding, eines Dr. Breitfcheid? Das sind im Grunde genommen doch nur noch Nuan­cen. Ist nicht Dr. Becker (Hessen) als volkspartei- liches Kabinettsmitglied — er stand früher immer auf dem äußersten rechten Flügel der deutschen Volkspartei — in dem Entgegenkommen gegen Frankreich weiter gegangen als ein Dr. Wirth jemals hätte wagen dürfen ober jemals geglaubt hätte, überhaupt gehen zu muffen und wahrscheinlich auch niemals hätte zu gehen brau­chen, wenn die in der deutschen Volkspartei ver- ttetenen Wirtschaftskreise seine kluge und weil- schauende Reparationspolitik von vornherein mit den nötigen Kräften und Garantien unterstützt hätte? Die Polittt eines Dr. Strefemann wird heute selbst von den Deutschnationalen, geschweige von dem rechten Flügel seiner e'genen Partei, nur mitVorsicht und Zurückhaltung kritisiert. Nur einProfessorDr. Martin Spahn hat sich in letzter Zeit energischer hervorgewagt. Aber Dr. Spahn steht seiner politischen Auffassung nach dem Parteiprogramm der Deutschnationalen wohl we­niger nahe als dem der Deutschvölkischen Freiheitspartei. Seine Ausführungen har am letzten Samstag Dr. Strefemann ttn „Tag" (Nr. 106) in langen Ausführungen beantwortet und dabei über die Reichstagspolitik feit Erzber­gers Friedensresolution vom Juli 1917 Urteile ge­fällt, die man durchweg außerordentlich begrüßen muß und von denen man nur wünschen möchte, sie wären schon einige Jahre früher ausgesprochen worben. Hatte ber Führer der Deutschen Volks­partei sich schon zu Erzbergers Zeiten zu solchen Bekenntniffen verstehen können, wieviel Not und Elend, wieviel innerpolitische Wirren wären auf Grund solcher autoritären Worte nicht vielleicht dem deutschen Volke erspart geblieben.

Man kann nur gespannt fein, wo angesichts solcher Erfahrungen die Wähler des deutschen Vol­kes heute die größere politische Vernunft suchen und bas größere politische Verantwortlichkeitsgefühl feftfteCen, beim Zenttum ober bei ben Rechtspar­teien. Beim Zenttum, bas ungeachtet ber Un­popularität feiner Politik auf dem einmal beschrit­tenen unb als richtig erkannten Wege verantwor­tungsbewußt weiter ging ober bei den Rechtspar­teien, die heute in ber Außenpolitik ein viel größe­res Entgegenkommen zeigen müßen, als die Zen­trumspartei, wenn man sie rechtzeitig richtig unter­stützt hätte, vielleicht es hätte zu tun brauchen. Man kann gespannt sein, ob das deutsche Volk in diesen Wochen sich die Zeit nimmt zu überlegen, ob nicht bei einer anderen innenpolitischen Einstellung viel ftuchtbarere Außenpolitik hätte geleistet wer­den können.

Die Isolierung Pommes.

Von Dr. Alphons Nobel.

Wenn wir es noch nicht.wußten, wie die West voll bösen Willens gegen Deutschland ist, so konnten mir es bei ber Aufnahme der' deutschen Note, die die Vorschläge des Kabinetts Cuno enthielt, feststei­len. Unb wenn wir noch nicht an ber Diktatur Frankreichs nur über die europäische Politik, son- bern selbst über die Stimmung Europas zweiselten, c konnten wir uns wieder einmal davon überzeu­gen.

Denn wie ging es zu? Panis, bas den Inhalt ber Note wieder einmal vor der deutschen Oeftent- lichkeit kannte (von wem?), hatte mit Hilfe der gesamten französischen Pre sse die deutsche Note zerpflückt, lächerlich gemacht und ver- urteilt, noch ehe sie in Paris, Rom, Brüssel, London überg eben w ar. In die englische, belgifdx, italienische und amerikanische Presse sand diese scharfe Ablehnung und Verleumdung sofort Eingang. Der Boden war also Dorbereitet. Als ie dann da war, begann m allen Hauptstädten Europas und Anwrikas ein wahres Trommelfeuer an Schmähungen gegen die deutsche Regierung.

Nun wollen wir zugeben, daß die deutsche Noie nicht gerade ein Meisterstück der Diplomatie ist, viel­mehr wie alles, was das deutsche Auswärtige Am: verfaßt, feine schweren taktischen Fehler (die aus­ländische Einstellung verkennend) aufwies. Aber inhaltlich ist die Note unantastbar. Dielleicht hätte sie eher kommen können und müs­sen. Aber darüber war ja jetzt, da sie abgesandt war, nicht mehr zu reden. Wer nur vernünftig über die Note und die in ihr gemaltsten Vorschläge unb Angebote nachdenkt, dabei das Elend Mittel­europas und die gefährdete Weltwirtschaft (vom Weltfrieden ganz zu schweigen!) bedenkt, wird, ist er nur ehrlich, die Worte der deutschen Regierung als WortedesFriedensund Wiederauf­baus, der Friedenserfüllung und des guten Willens werten und deuten.

Die französische Propaganda, geschickt und mächtig, hatte aber einer solch vernünftigen Wertung vorgearbeitet, die ja auch für Frankreich selbst nicht m Frage kommt, und die kein vernünftig bettfenber Mensch von Frankreich erwartet. Wir erwarten nur etwas von ben anderen Mächten ber ehemaligen Entente, aber nichts von Poincare.

Der Frankreich am treuesten ergebene Vasall ist Belgien. Es lehnte zunächst eine Aeuhsrung über bie deutsche Note ab; man müsse erst bie fran­zösische Stellungnahme abwarten. Aehnlich roani bie italienische erste Stellungnahme: Musso­lini, ber italienische Diktator, ist, so großsprecherisch er auch innsrpolitisch auf tritt, in der italienischen Außenpolitik nichts anderes als Poincares Vasall. Er hat die Teilnahme am Ruhrfeidzug zwar nicht mit großer Begeisterung, aber immerhin doch mit­gemacht; wenn er Frankreich nicht die ganze Hand reichte, fo gab er doch den kleinen Finger. Und so ist auch bie erste Reaktion auf die deutsche Note ein ängstliches Schielen auf Frankreich gewesen. Und selbst das stolze England, Mutterland des mäch­tigste Imperiums auf dem Erdenrund, gab zu­nächst der französischen Propaganda nach unb plapperte alles nach, was Poincare oarrebete.

Nun müssen wir freilich gleich hinzufügen: b i e s war nur ber erste T a g. Dieser erste Tag muß als Sieg Poincares unb feiner Propaganda gewertet werben. Am nächsten Tag dagegen sah es schon anders aus. Man begann in London, in Rom und selbst in Brüssel nachzudenken. Zunächst dachte man einmal über die Motive ber französischen Unversöhnlichkeit unb über die besonderen Gründe des Aergers Poincares nach. Die merkwürdige Tatsache war doch die: Poincare hat noch vor eini­gen Wochen offiziös erklären lassen, et verlange direkte und konkrete deutsche Vorschläge: nun sie da sind, wütet er über sie. Die in dieser Wut aber« mals verkündete Drohung, nichit aus dem Ruhrbezirk zu gehen, selbst, wenn ein Ein­verständnis über die Reparationen gekommen wäre, hat ein Uebriges getan, die anderen Regierungen stutzig zu machen. Ob sie endlich erkennen werden, daß es dem Imperialisten, der am französischen Stäatsruder steht, nicht aus die Reparatio­nen ankommt, sorchern nur auf die Repara­tionsforderungen, weil sie in ihrer Eigen­schaft als Blankovollmacht sich so schön als Mittel und Vorwand zu jeder Gewalttat Deutschland gegenüber gebrauchen lassen? Ob Europa endlich erkennt, daß das Ziel Poincares, um dessen Ver­hüllung er sich kaum noch bemüht, bie Unterwerfung des, m seiner staatlichen unb wirtschaftlichen Unab­hängigkeit vernichteten Deutschland ist und daß in diesem Zusammenhang die Reparations­frage zu einem bloßen Mittel herabgesunken ift?_

Trotz der ersten unfreundlichen Auf. nähme der deutschen Note in den Hauptstädten Europas (ein Werk der französischen Propaganda) scheint es, daß sich die ftrtenntnis dieses französischen Imperialismus und seiner Gefahr für die Zukunft der Welt auch in Belgien, Italien und England durchsetzt. In Brüssel macht sich bei aller Ge- folgschckststteue eine gewisse schlechte Laune bemerk- bar, die eine einfache Ablehnung des deutschen Der- standigungsvorschlages nicht verstehen würde. (In- zwischen ist Belgien von Poincare „gewonnen" worden. D. Red. In Italien erklärt man gern, nach dem Muster von London seine Reserviert­heit und Zurückhaltung; und doch nehmen bie hef­tigsten und schärfsten Kritiken ber Poincareschen Methoden auch hier bauernd zu. Was aber endlich England selbst anlangt, so kann sich die Der» legenheit des Kabinetts Bonar Law nicht bester dokumentieren als dadurch, baß Bonar Law 4 eine Spazierfahrt durch das Miüehw- üxwr