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Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Lladl Fulda.

EinzelverraufsPreislLüMark.

fir. 99.

tier antwort itct; für Den ceflautoneUen leü: Dr. I. Kramer, s für die Lnzetgen: I. Barzeller-Fulda. 5 Rotailonsdruä u. 93erlag der ftulbaer Sldlenbrarferei io Fulda ^emmred)« Nr. «. Postitbeck-Konto 4051 Frankfurt a. M.

Dienstag, l« IHai 1923.

öejugspren; Monarlich 2500 2HL Zustellgebühr extra, o Slbgeholt in der Gefchairsstelle 2550 Mt. s

Anzeigen: Kleinzeile nach Cowne> 101 Mk. ausw. 125 Mk. «tiekiamezeiie (lertbrettel nach Colone matz 375 iiar?.

50. Zahrg.

3m Feuer der Prüfung.

Das KabinettCuno, dem das deutsche Bolt tnit seltener Einmütigkeit sein Schicksal anoertraut hat, findet in diesen Tagen Gelegenheit, sich des Ver­trauens würdig zu zeigen. Jeder Deutsche fühlt unbewußt, daß es sich zurzeit um weittragende Ent­scheidungen handelt. Noch gehen allem Anscheine nach an den maßgebenden eteüen in Berlin de Ansichten hin und her über das, was setz: getan werden muß und was nicht getan werde« darf. Blätlermeldungen zufolge sind die Besprechun­gen des Reichskanzlers mit den S»cats° und Ministerpräsidenten der Bänder auf Diens­tag verschoben worden. Dementsprechend em­pfängt der Kanzler voraussichtlich auch die Partei­führer erst Dienstag. Die geplante Note soll gleichzeitig in London, Paris, Rom und Brussel übergeben, sowie auch in Washington zur Kenntnis gebracht werden.

Die Hinausschiebungen sollen dadurch notwendig geworden sein, daß der I n h a l t des deutschen An­gebotes noch umstrüten ist. Man spricht von Ein­flüssen rechtsstehender Politiker, gemeint ist der Abg. H e l f f e r i ch, die zur Geltung zu kommen suchen. Es ist u. a. noch nicht entschieden, ob eine feste Milliardenziffer genannt werden soll oder nicht, und es ist besonders der Minister oes Aus­wärtigen, der gegen diese feste Nennung ist. Man denkt daran, das deutsche Angeoot m eine feste und eine vorläufig noch nicht bestimmte Summe zu teilen. -Es ist das der Plan, den man für den beabsichtigten, aber nicht zur Uebwreichtrng gelangten Januaroorschlag entworfen hatte. 20 Milliarden und 10 Milliarden später, wenn die Be­dingungen Deutschland dazu leistungsfähig erscheinen lassen würden.

Die Schwierigkesten, die der Regelung der Ruhr- und Reparationsfrage entgegenstehen, be­leuchten vor allem auch die französischen Presse­stimmen. Die „Liberty schreibt: Wenn es wahr ist, daß Reichskanzler Cuno Verhandlungen einleiten will, ohne daß vorher der Widerstand im Ruhrgebiet beendet wird, muß man ihm sofort sagen, daß er sich täuscht. Es kann tatsächlich eintreten, daß man im Verlaufe eines Konflikts Verhandlungen beginnt, ohne daß die Waffen nie­dergelegt werden. Aber dann sind die beiden Geg­ner in gleicher Weife müde; sie suchen also einen Kompromißfrieden. Der Kanzler beweist, daß es nach seiner Ansicht im Ruhrkonflikt weder Sieger noch Besiegte gibt. Das ist ein Gedanke, den wir nicht teilen können und den Frankreich und Bel­gien nicht annehmen werden.

Der „Jntransigeant" schreibt: Niemals find wir rofeiter davon entfernt gewesen, uns zu verständigen als jetzt. Die Ankündigungen von Verhandlungen sind nicht ernst zu nehmen, denn sie kommen zu früh. Deutschland fühlt sich noch nicht besiegt genug, um die Knie zu beugen. Wenn am Mittwoch Vorschläge ankommen, werden dre französische und die belgische Regierung gut beraten fein, wenn sie Deutschland antworten: Be­weise erst deinen Friedenswillen l Ordne das Ende der.Widerstandslosigkeit im Ruhrgebiet an! So­lange das noch nicht geschehen ist, weigern wir uns, auch nur eine Zeile seiner Mitteilung zu lesen.

Ob die französischen Verhandlungsführer aller­dings sich innerlich tatsächlich so stark fühlen, als es dieses Pressegeräusch erscheinen lassen soll, ist eine andere Frage. Man darf Darüber wohl be­rechtigten Zweifel hegen.

Bemerkenswert erscheint uns noch, was auf der am 25. April in Köln abgehaltenen Tagung des Provinzialausfchufses der Rheinisch. Zentrumspartei der Abg. o. DuLrard her- vorhob. Er betonte in markanten Strichen die Dichtigkeit des bevorstehenden Schrittes bet Regierung, der unweigerlich von der stärksten Mehr­heit des Volkes getragen sein müsse, nie GeHeim­dip lo m a t ie unserer Gegner feiere gerade in diesen Tagen Triumphe, da gelte es Zur'"ckyultung üben bei dem Aufdecken der Karren Er streifte dann die mit der Liquidation des Ruhrm.lerneh- mens unvermeidliche Umbildund des Reichs­kabinetts und wies auf die für alle Volkskreye sich ergebenden ungeheueren Lasten hin. In keinem Falle aber dürfe der passive Widerstand vorzellig abgebrochen werden. Eine solche Täuschung wie 1918 mit den Wilsonschen Wassenniederlegungsvor- schlagen dürften wir nicht ein zweites Mal trieben. Die Waffe des passiven Widerstandes dürfe nicht eher niedergelegt werden, bi- das Ergebnis der Verhandlungen den billigen Wünschen der Berölk-- ^ung an Ruhr, Rhein und Saar > Re.hntmg trage.

Infolge der Entblösung durch die Polizei nehmen die Uebergriffe des verbrecherischen Ge­sindels in außerordentlichem Umfange zu. In Bochum wurden Kriminalbeamte und ein Feuer­wehrmann, die zwei Personen verhaften wollten, von diesen beschossen und lebensgefährlich verletzt. Siner der Verbrecher beging darauf Selbstmord durch Erschießen.

,lieber Recklingh ausen-S üd ist die Verkehrs­sperre verhängt worden. In den letzten Tagen haben die Franzosen Revisionen der in Reckling­hausen befindlichen Brieftaubenschläge vorge­nommen. Sämtliche vorgefundenen Tauben und die Eier sind mitgenommen wachen.

betrafen in erster Linie die Versuche der Reichr- regierung, sich zu vergewissern, ob ein direkter diplomatischer Schritt an die Alliierten nicht ver­geblich fein würde und wirklich die feindlichen Par­teien an den Verhandlungstisch zusammenbringen würde. Diesen Aufklärungsversuch über das Dor­gelände des Verhandlungsgefechtes hallen auch wir für außerordentlich wichtig und notwendig. Wir haben ja in der Kriegszeit deutlich die Erfahrung gemacht, daß Angebote, die nicht direkt zum Ziele führen, die eigene Position schwächen. Die Vor­sicht, die also die Reichsregierung walten läßt, ist darum sehr angebracht, doppelt angebracht deshalb, well die offiziösen Auslassungen der französischen Regierungspresse noch fortgesetzt dahin lauten, wie am obigen Beispiele gezeigt, daß unsere Angebote unsere Kapitulation in sich schließen müffen, wenn sie in Frankreich überhaupt Beachtung finden sol­len.

Man könnte angesichts dieser Tatsachen ein­wenden: Haben alsdann Angebote unsererseits überhaupt einen Zweck? Da ist zu be­denken, daß sich die französische Regierungspresse höchst wahrscheinlich aus taktischen Gründen nach außen hin unversöhnlicher gibt, als die französische Regierung selbst in Wirklichkeit ist. Für eine solche Annahme gibt es triftige Gründe. Der Teil der französischen Politiker, der wirtschaftlich denkt, und dieser Teil ist in den letzten Wochen erheblich ge­wachsen, ist zwar auch der Auffassung, daß das französische Prestige nicht geschädigt werden darf, weiß aber auch, daß das kostspielige und ruinöse Ruhrabenteuer schleunigst beendet werden muß, wenn daraus überhaupt noch etwas Fruchtbringen­des für die Reparationen und die französische Wirt­schaft herausspringen soll. Ueberdies darf nicht vergessen werden, daß die Rede des britischen Außenministers in der vorigen Woche der Lage ein ganz neues Gesicht gegeben hat.

Die französische Forderung der Aufgabe des passiven Widerstandes verrät in diesem Zusammen­hang Eines sehr deutlich, nämlich, daß er für die 'französischen Bestrebungen und Hoffnungen ein unerträgliches Hemmnis ist, sie verrät, daß alle optimistischen Erklärungen und Großsprechereien ei- nesDegoutte und Trocquer aus der letzten Zeit nur eitles Gerede gewesen sind, an das die Herren sel­ber nicht glauben. Die diplomatische Position Frank- reichs würde ohne Zweifel stärker erscheinen, wenn die französische Regierung die Forderung auf Auf­gabe unseres passiven Widerstandes nicht so laut und anspruchsvoll gestelll hätte. Die Nervosität, die in ihr zum Ausdruck kommt, ist vielmehr ein Anlaß für uns, dieses Abwehrmittel unter allen Umstän­den fest in der Hand zu behalten, bis Garantien dafür geschaffen sind, daß Frankreich an einer end­gültigen u. auch für uns erträglichen Beilegung des Konfliktes wirklich gelegen ist. Wenn Frankreich vor Anbahnung der Verhandlungen den „Waffen­stillstand" verlangt, bann muß er ein gegenseitiger sein, dann muß Frankreich mindestens seine eigenen Maßnahmen und Vorschriften, die es aus Anlaß der Ruhrbesetzung zu treffen für nötig hielt, auf­beben und der Rhein- und Ruhrbevölkerung die Bewegungsfreiheit zurückgeben, die sie vor dem 11. Januar gehabt hat. Von Reparationslieferungen an Frankreich und Belgien ober kann solange nicht gesprochen werden, als nicht Dephandlungen zu einem befriedigenden Abschluß geführt haben, zu zu einem Abschluß, der gutes Recht wieder an die Stelle wilder Gewalt setzt, im übrigen gibt sich Frankreich einer völligen Verkennung der Sachlage hm, wenn es annimmt, daß die Regierung es in der Hand habe, ohne weiteres dem passiven Widerstand ein Ende zu setzen. Der Widerstand an der Ruhr war ein spontaner, darum sollte Frankreich endlich die richtigen Schlüsse ziehen.'

Kus dem Einbruchsgebiet.

Die Franzosen haben die Abhaltung sämtlicher Maifeiern im besetzten Gebiet verboten.

Die Zentrumsparteikorrespondenz äußert sich <u der gegenwärtigen Sage und angesichts der offi« Siösen französischen Auslassungen dahin, daß man ®uf eine deutsche Angebot-Politik nicht ohne weite- res große Hoffnungen setzen dürfe.

Sie zeigt, so beißt es da weiterhin, ganz deut­lich, daß Frankreich sich auf die d eutsch en Ka­pitulationen versteift, daß es nach wie vor unsere bedingungslose Unterwerfung verlangt, well ®s glaubt, einen solchen Erfolg feinem Prestige lchuldig zu fein. Es glaubt keinerlei Angebot als ^erhandlungsgrundlage annehmen zu können, das "icht den Sieg Poincares von vornherein in deutlicher Form anerkennt. Als eine solche Form 9ist der französischen Regierung die Aufgabe unseres passiven Wider st andes. Da °°n einem solchen durchaus nicht ohne weiteres die ■Rebe sein kann, ist es noch nicht sicher, ob ein direk- deutsches Reparationsangebot zu wirklichen Verhandlungen führen wird. Bekanntlich sollte unser Angebot schon Ende dieser Woche hinaus» Aehen, doch konnten die Vorbereitungen bis heute riidri ahaefcbloffen werden. Diese Sorbereitunaen

Die beurlaubten Arbeiter.

Da die Franzosen in der Pfalz dieArbeiter- bef örberun g mit Lastautos nur gestat­ten, wenn der Schienenweg nicht benutzt werden kann und den Firmen an den militaristischen Bah­nen somit die Arbeiterbeförderung unmöglich ge­macht wirb, hat die Dadische Anilin- und Sodafabrik in Ludwigshafen nach einer Mit­teilung der Montagspost verfügt, daß die auswär­tigen Arbeiter zunächst ihren kontraktlichen Urlaub antreten. Falls sie nach dessen Ablauf noch nicht in die Fabrik zurückkehren können, sollen sie Zweidrsitel des Lohnes als ® arte gelb er­halten.

Eine vernünftige Forderung.

Wie das Pariser EewerkschastsUatt „Le Peuple" mitteilt, bat auf Antrag des bekannten Bürger­meisters Doucedame der Generalrat des Departe­ments Aisne eine Entschließung angenom­men, in der er an feine frühere Resolution vom Jahre 1921 bezm. 1922 im Sinne der Verwendung deutscher Arbeiter und be uHeben Ma­

terials zum Wiederaufbau in Frankreich erinnert und verlangt, daß bei der bevorstehenden Regelung der Ruhrfrage die Regierung von Deutsch­land namentlich brauchbare Materiallieferungen fordere und nicht zögere^ in großem Maßstabe an die qualifizierten deutschen Arbeits- k r ä f t e zu appellieren, wie das die Arbeiter beider Länder wünschten.

Neuer Treffpunkt.

Der Brüsseler Berichterstatter des ,Temps' glaubt daß Poincare, Thennis und Iaspar sehr bald wieder eine Zusammenkunft haben werden.

Die Lausanner „zried:nskonserenz".

Gerüchte von Trnppenkonzentrationen.

Bei.der französischen Delegation in Lausanne sind angeblich genaue Informationen über türkische Truppenkonzentrationen ander syrischen Grenze eingetroffen, über deren Zusammensetzung man ganz bestimmte Einzelheiten wissen will. Man äußert deshalb lebhafte Besorgnisse. In den der französischen Delegation nahestehenden Kreisen wird von französischen Gegenmaßnahmen gesprochen, die notwendig geworden feien. Don der türkischen Delegation wird dazu erklärt, daß von Truppenkonzentrauonen an der syrischen Grenze keine Red- fei; es handle sich nur um Truppen­verschiebungen in verschiedenen Teilen des türki­schen Gebietes.

hadernde Helden.

Der italienische Heerführer im Weltkrieg, "Gene­ral Cadorna, protestiert in der „Rassegna Staliana" lebhaft gegen die von der Pariser Presse unter Berufung auf den Marschall Fach verbrei­tete Legende, daß Italien nach Karfreit den Fran­zosen seine Rettung verdankte. Cadorna geißelt die unverfrorene Art und Weise Fachs, der ihm uner­betene Ratschläge aufdrängte. Dabei wollten die Alliierten nicht glauben, als Cadorna die kommende österreichisch-deutsche Offensive ankündigte und die italienische Offensive einstellte. Die Alliierten hätten sogar als Protest zweihundert französische Schwer- geschütze zurückgezogen. Cadorna schließt, er und feine Stabsoffiziere hätten für Fachs kecke Behaup­tung, er habe Italien gerettet, nur em mitleidiges Lächeln.__________

Deutscher Reich.

* Der preußische Staatsrat genehmigte eine Ab­änderung derAuSführungSbestimmungen zum Reichs- mietengefetz, Wonach die Gemeindebehörde einen angemessenen Hrrnderlfatz der Grundmiete, höchstens jedoch vier Fünftel der vormonatlich oder im bet- gangenenen Vierteljahr entstandenen Betriebskosten öder Nebenleistungen als Vorschuß festsetzen kann. ES soll sich aber nut um eine vorläufige Regelung handeln. Rach einer Regierungserklärung ist eine baldige Revision der gesamten Ausfüh- tungsbestimmungen zu erwarten. Ferner nahm der Staatsrat den vom Zentrum beantragten Gesetzentwurf an, der in dem vom Landtag be» schlossenenGesetz über dievorläufigeV etanlagungder Gewerbesteuer für 1923 die Bestimmung wieder aufbebt, die sich nach dem GeldentwertungSgesetz für die Veranlagung der Einkommensteuer geltenden BewertungSvorschtiften auch für die Gewerbesteuer Anwendung finden sollen. Zum Schluß nahm der Staatsrat in namentlicher Abstimmung den Ein­spruch gegen das vom Landtag beschlossene Tub er kn- losege setz an, und zwar wurden besondere Be­denken, gegen § 5 erhoben, der die Fürsorgestellen mit Vollmachten ausstatte, die übet das Leistungs­vermögen bet Gemeinden gingen.

* Neues aus Sachsen. Mich dem „Verl. Tagbl." ist die Nachricht unzutreffend, daß Verhandlungen zwischen Sachsen und Thüringen zwecks eines politischen Zusammenschlusses beider Staaten stattgefunden hätten. Das Dementi stamme von zu­ständiger Dresdner Stelle. — Wie der „Vorwärts" erfährt, sieht die sächsische Sozialdemokratie den Drohungen der Kommunisten, die sächsische Regierung zu stürzen, ohne Furcht ent­gegen. Die Zersplitterungsversuche der sächsischen Kommunisten würden an dem Willen der sächsischen Arbeiter restlos schestern.

Huslanö.

♦ Böhmen gegen das Deutschtum. Wie die ,Bohemich erfährt, hat die Stadtgemeinde Reichen­berg von bet politischen Landesverwaltung den Auftrag erba'ten, das Kaiser Franz Joseph- Denkmal innerhalb von 14 Tagen zu entfernen.

katholische wett.

X Der Münchener Knbittel beim amerikanischen Präsidenten. Nach einer Meldung aus Washin ton hat Präsident H a r b i n a den Kardinal Faulhaber, Erz- dischof von München, empfanaen. Der Kardinal der. weilte einige Zeit bei dem Präsidenten und sprach mit ihm über die Lage in Deutschland.

wirtschaftliche rtampfbewegungen.

— Die französischen Metallarbeiter. 3n St. Etienne haben die Metallarbeiter des Bezirks einen Kongreß ab­gehalten. 80 Fabriken, di: 18 000 Arbeiter beschäftigen, hatten Delegierte entsandt. Die Metallarbeiter verlang, ten die Aufhebung der Einkommensteuer sowie eine Lohnerhöhung um 20 Prozent im Hinblick auf das fortgesetzte Steigen der Lebensm'ttelpreife. Ein Ausschuß hat den Auftrag erhallen, die ersorderlichen Verhandlungen einzuleiten. ~ <

Bedarf Mnkreich der Sicherung?

Immer wieder wird in Frankreich von Regierung, Parlament und Presse erklärt, Frankreich sei fried­liebend, keinesfalls imperialistisch und milttarlstych. Bei den Beratungen des Heeresbudgets 1923 er­klärte der Kriegsminister, Frankreich Ifabe seine militärischen Aufgaben, seine Dienstzeit und Heeres- stärke bedeutend herabgesetzt; aber die Sicherheit Frankreichs müsse obenan stehen. Die vom französischen Kriegsminister am 2. Mürz 1923 zur Begründung der ISmonatigen Dienstzeit gehaltene Rede war aufgebaut auf den Gedanken, daß die Sicherheit der französischen Grenze durcy Deutschland bedroht und daß, solange die Bedrohung besteht, an eine Abrüstung nicht zu denken fei. ’

Die nachstehenden Angaben sollen zeigen, daß diese französische Darstellung falsch ist, daß das heutige Deutschland militärisch keine Gefahr mehr für Frankreich bilden kann und daß daher die fran­zösischen Rüstungen keinesfalls eine Äbwehrmaß- nahme gegen Deutschland darstellen, sondere andere Gründe haben müssen.

Schon vor dem Weltkriege hatte sich das mili­tärische Kräfteverhältnis in Europa stark zu Un­gunsten Deutschlands perschoben. Am Vorabend des Weltkrieges standen sich daher gegenüber:

Deutschland mit 70 Mlllionen Einwohner und einem Friedensheer von 761000 Köpfen und Frankreich mit 40 Millionen Einwohner und einem Friedensheer von 985 000 Köpfen.

Noch weit ungünstiger aber für Deutschland stellte sich das Verhältnis dar, wenn man die Bundes­genossen beider Mächte — Oesterreich-Ungarn und Rußland — mit in Rechnung stellt.

Heute ist das deutsche Heer auf 100 000 Mann herabgesetzt. Statt der vor dem Kriege vor­handenen 50 Infanterie-Divisionen sind noch deren 7 vorhanden. Die Zahl der Infanterie-Bataillone hat sich von 669 auf 84 verringert, die der Eska- drone von 547 auf 61, die beT Feldbaiterien von 633 auf 72. Die gesamte schwere Artillerie und die Luftstreitkräfte find abgeschafft. Das Heer verfügt weder über Gaskampftruppen noch über Tankfor­mationen. An Stelle der allgemeinen Wehrpflicht ist das Söldner-System getreten, unter dem sich die Mannfchaften auf 12 Jahre zu verpflichten ha­ben. Die Bildung einer kriegsgeübten Reserve und eine Mobilmachung ist durch dieses Wehrsystem un­möglich gemacht. Die Ausrüstung der Truppen mit Waffen und Munition ist auf ein Mindestmaß beschränkt. Reservestände an Gewehren, Maschmen- Gewehren, Geschützen und Munition, die etwa zur Ausrüstung neu aufgestellter Verbände verwend^ werden könnten, fehlen völlig. Für jedes Gewehr sind nur 400 Patronen, für jedes Maschinengewehr 8000, für jedes Geschütz 800—1000 Geschosse vor­handen. Die Fabriken zur Herstellung von Knegs- gerät sind auf je eine für jede Waffenart beschränkl, alle anderen Anlagen und Maschinen zur Herstellung von Waffen, Munition und Kriegsgerät sind zer­stört. Ein Schutz der deutschen Grenzen durch Festungen besteht nicht mehr. Im Westen find die Festungen Metz und Straßburg in französischen Besitz übergegangen; am Rhein und 50 Kilometer Mich davon ist jedes feste Werk geschleift. Neue Befestigungen dürfen nicht angelegt werden. Außer Königsberg im äußersten Osten besitzt Deutschland heute keine einzige mobeme Festung mehr, und auch diese ist — da mit nur 20 schweren Geschützen ausgeftattet — nahezu wehrlos und nur noch dem Namen nach eine Festung. Ganz Deutschland ist mit einem dichten Netz von sranzösilch-englischen Kontroll- und Deobachtungsorganen überzogen, die jedes Abweichen von den militärischen Bedüngungen des Vertrages von Versailles zur Unmöglichkeit. machen. Das Ganze ergibt das Bild einer Wehr- losmachung, wie sie in diesem umfange eines Vol­kes von 60 Millionen in der Geschichte noch niemals zugemutet worden fft.

Diesem schwachen deutschen .Heer von 100 000 Mann, das jeglicher wirksamer Kampfmittel be­raubt fft, steht das französische Heer gegen­über. Zwar ist seine heuttge Friedensstärke gerin­ger als die von 1914, da Frankreich für die weißen Truppen von der dreijährigen Dienstzeit wieder zur 2 bezm. 1'/-jährigen übergegangen ist und daher nicht mehr drei, sondern nur 2 bezw. 114 weiße Jahrgänge, aber 3 farbige unter den Fahnen hat. Sie erhebt fick, aber mit 832 000 Mann (davon rb. 200 000 Farbige) immer noch fast auf das 8'/-fache der deutschen Stärke. Den 7 deutschen Infanterie- Divisionen mit 84 Bataillonen, 61 Eskadrone und 72 Feldbaterien stehen 50 französische Divisionen mit rund 665 Bataillonen, rund 365 Eskadrone, 770 Feldbatterien gegenüber. Der französischen schweren Artillerie - (36 Regimenter) den Luftstreit­kräften (15 Flieger-Regimenter, 5 Flugwehrregi­menter) und den 19 Tankregimentern hat Deutsch­land nichts entgegenzustellen.

Diese Zahlen, so eindrucksvoll sie an sich auch die gewaltige französische llederlegenheit bartun, geben aber doch nur ein unvollständiges Bild. Sie beziehen sich ja nur auf die Friedensstärke des französischen Heftes. Da dieses auf der allgemei­nen Wehrpflicht aufgebaut ist, stehen hinter der Friedensarmee von 832 000 Mann noch 18 Jahr­gänge ausgebildeter weißer Mannschaften und 12 Jahrgänge Farbiger, d. h. — da jeder Jahrgang im Durchschnitt mit 100 ÖOO Köpfen angenommen werden kann — eine Masse von 2% Millionen Kämpfern, die im Kriegsfälle zur Verfügung steht und das mobile französische Heer auf rund 3'4 Mil­lionen bringt. Dahinter stehen noch 8 weitere Jahrgänge Landwehr und Landsturm mit über 800 000 Mann, die für Etappen- und Besatzungs- Zwecke verwendet werden können. Die Kräfte, die Frankreich im Kriege zur Sicherung feiner Be­sitzungen in Afrika und zum Schutze feiner Inter­essen im Orient zurücklassen mußte, spielen ange-