FmdaerZettung
Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Lkadk Fulda.
' Nr. 81.
LeramworritL lüt Oen teOouioneUen Teil: Dr. 3. Kramer, - to die Änzergen: I. Parzei i er-Fuiüa. :• Rotationsdruck u. Cerlag der Fuldaer SIdtenbrutferei in Fulda -^emwreckier Nr. U. Polt'et-eck-Konio 4051 FranUurt a. M
Dienstag, 10. April 1923.
Bezugspreis: Wionatli» 2500 ZRt. Zustellgebühr exlra.
S Vbgeholt ht der Geschausstelle 2550 Ult. :: Anzeigen: Kleinzrile nach Lowae' 101 Mk., ausro. 125HIL «Refiamenetie (2 en breite) nach Colone maß 375 Ilark.
50. Zahrg.
--------!^
die
rtit
Ruhrgebiet nur nach Maßgabe der Erfüllung der deutschen Reparationsverpflichtungen räumen. Sie
beziebungen wieder aufzubauen. Eisenbahnlinien und Kanäle zu schaffen, seine Städte zu entwickeln und zu verschönern. Deutschland hätte durch den Zusammenbruch der Mark seine innere Schuld beseitigt und durch den Bankrott der Reparationszahlungen auch seine äußere Schuld gestrichen. Frankreich hätte während dieser Zeit seinen Der-
Vie vier von der „Vamag".
Roman von A. Gab er.
311 ----------
»2ch habe schon vorgearbeitet —", sagte er jetzt, eben. Ms Platz nehmend. .Ich werde Sie also nicht lange quälen. 3ch will mich auch recht beeilen, damit Sie noch den herrlichen Sonnenschein draußen genießen können. 2s ist heute ja wundervolles Wetter."
Sie lächelte wehmütig. — VormittagsspaziergSnge im Frühling — sie waren eine lang entbehrte Freude. Sie Mßie sich »gleich hunderttausend ihrer Kolleginnen, aus 2,e seltenen Sonntage beschränken, an denen »schön Detter" war.
Schweigend saß sie da, schaute auf das weiße Blatt «nd harrte der Anrede des Dr. Klug. Aber es war ein Öderes Schweigen als sonst, das zwischen ihnen lastett. 2rwaz Unsichtbares schien sich aufzurichten, an ihren veelen zu zerren, daß sie sich einander zuneigten. Daß « sich näherten — in Liebe? Oder--in Leid?
Sein Diktat war heute schneller als sonst. Deras ««Den waren wie in feste Stränge gebannt, von seinen «orten mitgezogen, hastend — sich fast überstürzend — “eiter, weiter! Alles an ihr schwang im Rhythmus sei. der Worte mit. Sie fühlte ihr Selbst kraftlos, willenlos “eiferte gedrängt von dem Herrscherwillen dieser fremden «edayken, denen sie sich zur Mitarbeit hingegeben hatten, suggestiv nahm ihr Geist an dem Fluge seiner Worte «il, dachte zuwellen gar schon voraus, tastend, ahnend, *°s das Ziel sein würde.
Fast eine Stunde lang ging das so hin, unaufhaltsam, ohne Pause. Dann warf Dr. Klug den Kopf mit ruck- obiger Bewegung zurück: tastete nach einer Zigarre, Letzte sie in Brand, tat ein paar Züge daran — und legte sie «Bieber hin.
»Sind wir fertig?" fragte Dera, die dieses Zeichen tohnte.
Er nickte lebhaft.
»Ich danke Ihnen. Vielmals — herzlichen Dank, vraulein Samter." Er erhob sich schnell und trat neben eta- Leicht die Hand auf ihren Arm legend, sagte er:
"3d) möchte 3hnen eine Extrafreude bereiten, Frau» -ur Samter, Richt mit Geld; - tzaz iß 'ne Sache für
Ruhrgebiet zu verhandeln. Diese Zusammen- kunft, die die normale Kurve der verschiedenen französisch-belgischen Beratungen sei, werde zu einer Aussprache über verschiedene Fragen, wie die Verteilung der beschlagnahmten Kohlen, der Desatzungskosten usw. führen. Sehr wahrscheinlich werde Loucheur von Poincare aufgefordert werden, den belgischen Ministern über die Eindrücke zu berichten, die er während seiner Der- handlungen mit politischen Persönlichkeiten in England gewonnen hat, Eindrücke, über die übrigens das Wesentliche bereits der belgischen Regierung durch eine offizielle französische Mitteilung bekannt
Sie zuckte zusammen. Blutrot, flammend war ihr I Gesicht, und sie kämpfte schwer mit den aufsteigenden Tränen. Hastig entriß sie ihm ihre Hand und eilte hin-
I aus. —
Er sah ihr betroffen nach, stellte sich dann ans Fenster, blickte eine Weile durch die geschlossenen Scheiben I auf die Straße hinab und lachte bann leise auf, die I Anne ausstreckend. Er sah aus wie ein Glücklicher. — I Dera eilte an den Häusern hin wie gehetzt. Sie sah nicht die lachende Frühlingssonne, nicht die Blumen, die Händler an den Straßenecken feilboten; sie sah die Men» schen nicht, die fröhlich der Sonne ins runde Gesicht blinzelten und sich der Wärme und des Lichtes freuten. Alles in ihr war Aufruhr, Dangen, Zweifel--und
Hoffnung auf ein Wunder, das nun geschehen müsse, jäh und stark wie der Frühling, der über Nacht ringe- zogen war. —
Als sie das Büro betrat, empfing sie Eisesstimmung. Während ihrer Abwesenheit mußte sich irgendwo ein ! Gewitter entladen haben. Gitta Moll hatte verweinte I Augen; Inge Hunter bockte vor sich hin. Dumcke er» schien an dem kleinen Fenster und machte ihr geheim- nisvolle Zeichen, die sie aber nicht verstand. Er sah ganz verzweifelt aus. — Frau Schmittke fehlte; sie hatte sich durch den Fernsprecher entschuldigt. Ihre Mutter war schwer erkrankt.
»Was ist denn geschehen?" fragte Vera, und blickte von Gitta zu Inge hin. — Eie antworteten nicht und blickten auch nicht von der Arbeit auf. — Nun sah Dera auch den Direktor Grimm, der seitwärts, über einen lisch gebeugt, gestanden hatte und jetzt bei ihrem Kom- men jäh emporschnellte. Seine hagere, herbe Dlondheit haite etwa« verknöcherte».
Er winkte Sera, und sie trat zu ihm an den Lisch, der mit Papieren bedeckt war. Sie sah, daß es die Ad- schriften der Protokolle waren.
Sein hagerer Finger zeigte auf eine Stelle, die er mit dickem Blaustift kenntlich gemacht hotte. Kalt und mißtrauisch glotzte er Vera an, unverwandt, fein Mund verzog sich in bitterem Sarkasmus.
"Man erlebt ja recht niedliche UeberrafHungen hier", sagte er mit einer leisen, durchdringenden Stimme. „Bitte, lesen Sie selbst, was für einen Unsinn man hier festgenagelt ßatp '
Korfs Mm.
Der französische Finanzminister de Laffey- r i e hat in Turenne aus Anlaß der Enthüllung eines Kriegerdenkmals eine Rede gehalten, in der
f'slichtungen nachkommen müssen. Das Ruhrgebiet ei das einzige wirkungsvolle Druckmittel, das man Deutschland gegenüber besitze. Man wolle sich nicht mehr mit Morten und inhaltlosen Unterschriften begnügen, man halte ein Pfand fest und sei
Einverständnis unter den Alliierten lockern wollen. Niemals, keinen Augenblick habe es die Absicht gehabt, zu bezahlen. Um seinen Verpflichtungen zu entgehen, habe es die Komödie der Verelendttng gespielt. Aber es habe Milliarden genug gehabt, seine Wirtschaft weiter auszudehnen, seine Handels-
KOlii Mw m.Konzert der ffliierltit'?
9ia<f> der Londoner Reise LonchenrS.
Ja dkliM Medmide.
Zu Ehren des Bochumer Männergesangvereins „Einigkeit" veranstalteten die rheinischen und westfälischen Vereine Berlins im Reichstagsgebäude einen Empfang, dem ein Konzert des Gesangvereins voranging. Reichsinnenminister O e s e r überbrachte die Grüße der Reichsregierung, die zugleich ein Ausdruck der Sympathie für die in schwerem Kampfe stehenden Männer von Rhein und Ruhr sein sollten. Unsere passive Abwehr dürfe nicht eine Stunde eher erlahmen, bevor das Ziel einer Verständigung nach Maßgabe der Interessen des deutschen Reiches erreicht sek. Man müsse bedenken, was geschehen werde, wenn dieses Ziel nicht erreicht würde. Nach Ansprachen des preußischen Kultusministers Dölitz und des Vorsitzenden der rbeinisch-westfälischen Verbände Geheimrats Gerlach sangen die Anwesenden stehend das Westfalenlied.
er sich auch über die Reparationsfrage ausgespro- chen hat. Er sagte, die deutsche Propaganda habe die Ruhrbesetzung zum Vorwande genommen, um Frankreich angebliche imperialistische Absichten zu unterschieben. Das sei eine verabscheuens- wiirdige Verleumdung. Frankreich habe niemals daran gedacht, nur die geringste Parzelle deutschen Bodens sich anzueignen. Es wünsche nur die Reparationszahlungen zu erlangen. Vier Jahre hindurch habe Deutschland nur Zeit gewinnen und das
Die Belgier in Paris.
Havas berichtet, die belgischen Minister T h e u - nis und Ja spar würden bald, spätestens am kommenden Freitag oder Samstag, nach Paris tommen, um mit Poincare überdie-Lage im sich. Darüber habe ich mit Mcssynski schon gesprochen, und Sie werben wohl zufrieben sein. — Das neue Patent ist jetzt reif, unb wirb uns hoffentlich reichen Gewinn ringen. Davon sollen Sie bann auch Ihren Anteil be- kommen, well Sie fo unermüdlich mitgeholfen haben. — Aber für heute--wie wäre es mit einem Theater-
binett? — Oder wollen Sie lieber eine Rennplatzkarte für den nächsten Sonntag nach dem Grünewald? — Diel- leicht steht 3hr Sinn auch nach greifbaren Dingen, nach einem Schmuckstück. — Oder sind Sie schwärmerisch angehaucht und begehren Sie Blumen — ober — Konfekt?"
Ihre Augen waren immer größer geworden, ihr Blick immer staunender. Was sollte das sein? — Was wollte er--was erlaubte er sich? — Sie sprang auf und
trat einige Schritte von ihm fort Der Stuhl stand zwi- chen ihnen.
„3ch will gar nichts!" sagte sie. Es klang schroff.
Es war ihr zum Weinen weh ums Herz.
„Nehmen Sie's mir nicht Übel, liebes Kind —", sagte er, scheinbar bestürzt über ihre schroffe Abwehr. „Ich war der Meinung, Ihre Frau Mutter habe Ihnen bereits gesagt, daß . . ."
Er brach jäh ab, denn einer der Angestellten pochte an die Tür und legte bann einige Aktenstücke auf ben Tisch.
Dr. Klug nickte bem junge Marnie flüchtig zu, ergriff eine der Aktenmappen und hiett sie fest. Er ließ den Blick nicht von der Türe, bis der enteilende Schritt des Jünglings im Korridor verklungen war.
Dera hatte den Hut aufgesetzt und den Mantel zugeknöpft. Sie streifte die ledernen Handschuhe über; ihre Hände bebten. x
„Guten Morgen. Herr Doktor!" sagte sie leise, und hängte die schwarzlederne Aktentasche an ihren Arm.
Dr. Klug ergriff ihre Hand, hielt sie einen Augenblick in der feinen fest, legte dann feine andere Hand darüber und verharrte eine Weile-reglos, wortlos, nur mit einem eigenen, warmen, leuchtenden Blick.
„Es ist hier weder die Zeit noch der Ort zu privaten Gesprächen —", sagte er. Seine Stimme klang ein wenig heiser. „Aber ich denke, in ben nächsten Tagen wird sich dazu bessere Gelegenheit finden. Seien Sie meiner innigen Sympathie versichert, Frgulejn — Dera , , L"
Man glaubt allgemein, daß trotz der gegenteiligen Erklärungen Loucheur als finanzieller Bertre- ter der französischen Regierung gehandelt hat und daß die ihm anaeriraute Aufgabe darin bestand die Frage der Reparationen und der englisch-französischen Beziehungen zu erörtern. Diese Auffassung wird durch diesen Besuch Loucheur» beim Präsidenten Millerand bestätigt. Es verlautet, baß die britischen Staatsmänner Loucheur davon verständigt haben, daß Großbritanien jederzeit bereit fei, die Erörterungen, die infolge ber Ruhrbesetzung aufgeschoben seien, wieder zu er. offnen. E» wurde betont, daß Großbritannien die Organisation eines von Deutschland abzutrennendrn Rheinland st aates, in welcher Form auch immer nicht dulden könne. Die Hauptsache ist, daß sich aus Loucheur» Besuch ergeben hat, daß er sich bereit erklärt bat, einer Summe zuzustimmen, die sich der (im Januar Don ben Franzosen abgelehnten) im britischen Repa- rationsplan genannten Summe annähert. In Erwide- rung bisse» Zugeständnisses wird Großbritannien, wie man glaubt, wahrscheinlich irgendeiner Form von Reu- traütat des Rheinlandes, die aber keine Loslösung mit W) b/ingt, zustimmen, damit Frankreich gegen einen angriff geschützt ist.
Der Pariser Korrespondent der Frankfurter Zei- i * • -------. ---- -- ----- — --
tung wirst angesichts der neuen Entwicklung die ^schlossen, es in Händen zu behalten, bis man Frage auf: Ob die maßgebenden französischen I Befriedigung erlangt habe. Frankreich werde das Kreise ernsthaft an eine Umstellung der englischen Politik glauben oder ob sie solche Hoffnungen nur Vortäuschen, um die Rückkehr der eigenen Poli- ttf vom Eonderoorgehen zur interalliierten Gemeinschaftsaktion der öffentlichen Meinung des Landes plausibel zu machen, wird die Entwicklung der nächsten Wochen zeigen müssen. Auffällig ist es jedenfalls, daß weder im „Matin" noch im „P-tit Parisien" von der Frage der „militärischen Sicherheit" auch nur mit einem Worte die Rede ist. Die „O e u v r e" führt die neueste Wen- düng der Dinge darauf zurück, daß die französische Regierung das Ruhr-Gebiet nicht räumen könne, wenn sie nicht einen Erfolg aufzuweisen habe, onde- rerseits jedoch Eile habe, eine Operation zu liquidieren, die sehr kostspielig und deren Ende nicht abzusehen fei, während andererseits die englische Regierung sich davon Rechenschaft zu geben scheine, daß ihr Desinteressement gegenüber dem deutsch- französischen Konflikt auf die Dauer undurchführ-
Loucheur, den man als den Stinnes Frankreichs zu bezeichnen pflegt, weil auch er im französischen Wirtfchaf sieben eine ungemein einflußreiche Stellung einnimmt, war bekanntlich in London und hat dort mit vielen wichtigen Männern Englands Sesprechungen gehabt. Die ganze We.tpresse hat sofort an diese Reise eine Flut von Kombinationen aller Art angrknüpft; das offizielle Frankreich hat dagegen zunächst die Meinung zu erwecken versucht, daß Loucheurs Ausflug über den Kanal eine reine Prioatsache sei. Jetzt, nachdem Loucheur zurück ist and offenbar in Eng and einige wichtige Lerhand- kmgsergebnisse erzielt hat, wird der private Choral- ter der Reise nicht mehr unbedingt behauptet. P o i n- car e hat Loucheur bereits am Freitag empfangen. Loucheur hat auch den Journalisten nunmehr gesagt, daß er schon vor feiner Reise mit dem Ministerpräsidenten darüber gesprochen habe, daß er mit ge- »iffen Mitgliedern der englischen Regierung zusammenzukommen beabsichtige, von denen einige mit ihm seit langen Jahren befreundet seien.
In seinen Besprechungen mit ihnen ha e er, so teilt jetzt Herr Loucheur weiter mit, feststellen können, daß die englische öffentliche Meinung beginne, die Lage in Frankreich besser zu begreifen. Er sei überzeugt, daß eine Verständigung möglich sei, die den berechtigten Interessen Frankreichs und seiner Alliierten in der Separation»« und Sicherheitsfrage in keiner Weise Abbruch tun wurde, lieber diesen persönlichen Eindruck habe er Poincare Bericht erstattet. Es scheine jeder in England zu begreifen, daß Frankreich und Belgien in aller Form entschlossen seien, die von ihnen unternommenen Operationen bis zum Ende durchzufüh- ren, und er hoffe, daß es chm gelungen fei, gewisse in England herrschende Vorurteile gegen die Pläne Frankreichs und seiner führenden Persönlichkeiten zu zerstreuen.
i Soweit das, was Loucheur zu sagen für gut findet. Deutlicher ist schon das, was in einem Artikel des „M a t i n", der offenbar nicht ohne Kenntnis der amtlichen Stellen geschrieben ist, gesagt wird Darin heißt es:
su-tr tauen oie Frage gestellt, ob Loucheur der fron. Aschen Regierung Vorschläge unterbreiten könne die geeignet feien, em Aufgeben der britischen Neu- tralität zu beschleuni en. Diese Formet veranlaßte in der Londoner Presse verschiedenartige Kommentare. Unter der Aufgabe der briti;chen Neutralität verstehen vir die Rückkehr Englands in das „Konzert der Alliierten- zur Prüfung des ReparationS- Problems, da es feit Januar keine ReparationS- Politik mehr gab und England eine rein britische Ha!- tung annahm. Auf die gestellte Frage kann man jetzt entwerten. ES seren ernste Aussichten vorhanden, daß der englische, französische unb belgische Standpunkt sich einander nähern und daß em Meinungsaustausch zwischen den vier interessierten Machten mit Aussicht auf Erfolg schon zu Beginn dieser Woche emgeteitet werden kann. Das Heist: Man kann nne Formel prüfen, die gleichzeitig dem französischen Wunsch, ine ReparationStchuid sicherzustellen und die Sottoenbigteit, worin sich die enalische Regierung be- findet, die lüt Deut,chland festgesetzten Annuitäten ,ur Tilgung der Schuld bei Amerika zu erhalten, Rechnung trägt.
DaS Kabinett Bonar Law sei tatsächlich nicht mehr sehr weit davon entfernt, hinsichtlich des prozentualen Anteils Frankreichs an den Reparationszahlungen sowie der französischen Schuld bei England Zugeständ, issc zu machen. Erst nach Wiederherstellung der Einheit der -lliiecten Front können deutsche Angebote, voraus- gesetzt, daß sie in schicklicher Form erfolgen, in Betracht gezogen werden.
Der zweite Punkt, den man nicht vergessen darf, ist die große Rolle, die Belgien bei jeder Vorderhand- hing iptelen muß. Der Besuch Loucheur- in England cheint in Brüssel ein wenig beunruhigt zu haben. Aber sie Belgier wissen jetzt, daß zwischen London und Pari» ich nichts ereignet hat, was eine andere Haltung in der ranzösischen Ruhrpolitik ankündigen könnte und daß der Wunsch, ein gemeinsames Reparationsprogramm zwi- jchen den Alliierten zu verabreden, vollkommen den von Theunis und Jafpar ausgesprochenen Ansichten entspricht. Poincare hat sie übrigens aufgefordert, sobald wie möglich nach Paris zu kommen, um die Unterhai. tung über das gesamte Reparationsprogramm sortzu» setzen. Bei dieser Gelegenheit werden sie bis ins Ein- «eine über alles unterrichtet werden, was Loucheur im Laufe seiner Besuche bei ben englischen Staatsmännern erfuhr.
Üeber den Eindruck, den Loucheurs Besuch in England hinterlassen hat, unterrichtet folgende Reuter-Meldung aus London:
können sicher sein, so schloß der Finanzminister, an dem Tage, an dem die Regierenden in Deutschland heraussühlen, daß der Entschluß Frankreichs unabänderlich ist, wird Deutschland nachgeben und finanziellen Mittel zur Zahlung finden.
Irr Somui nm Mn unö Mit.
Wie der „Verl. Lokalanzeiger" meldet, haben btt Franzosen am Sonntag die alte Emschertal» bahn von Dortmund nach Herne beschlagnahmt. Den Eisenbahnern wurde ein Ultimatum bis Montag gestellt, wo sie zu erklären haben, ob sie in französische Dienste treten wollen, widrigenfalls sie des Dienstes verwiesen und auch chre Di'en st Wohnungen zu räumen hätten. Dem „Lokalanzuger" zufolge kommt es den Franzosen bei dieser Aktion darauf an, eine Linie, bi» durch die Mitte des Ruhrgebietes geht und an ber zahlreiche Zechen liegen, zur Verfügung zu haben, um von hier aus eine Uederleitung zur militarisierten Strecke nach Recklinghausen zu haben.
Einer Dortmunder Meldung des „Lokalanz." zufolge haben die Franzosen am Sonntag morgen die Zeche „Bonifatius" des Essener Bergwerksvereins besetzt. Am Kokslager stellten sie ein Maschinengewehr mit Schußrichtung auf die Kokerei auf. Darauf legte die Arbeiterschaft sofort die Arbeit nieder. Man rechnet damit, daß auch die Be, legschaft der Grube in den Streik treten wirb.
Auf der Zeche „Bergmannsglück" find zurzeit etwa 100—150 französische Zivilarbeiter mit dem Ausladen der Koksvorräte beschäf- tigt. In den ersten drei Tagen haben sie etwa 980 Tonnen Koks aufgeladen und zürn Teil auf die mili- tarifierte Nordstrecke übergeleitet. Trotz der geringen Menge sind aber die Eisenbahnen der Regie schon in solche Verwirrung und Verstopfung geraten, daß das Ausladen auf der Dergmannglückzeche eingestellt werden mußte. Angeblich sollen Anfang ber nächsten Woche neue Arbeitskräfte kommen.
ysej-ywt: i »
Für die Ermordung de? französischen Soldaten Schmist, der am 18. März im Keller deS Haupt- dahnhoseS erschossen wutde, wurde der Stadt Essen eine Geldbuße von 105 Millionen Mark auferlegt, die in zehn Tagen zu zahlen ist. Für den Eingang deS Geldes werden haftbar gemacht bk Beigeordneten Bode, Kneppers, Dr. Hüttner.
Die Bestattung der Essener Opfer.
Am Dienstag früh zur gleichen Stunde, in der die Opfer der Essener Blutbades beerdigt werden, findet im Reichstag eine Trauerfeier statt, wobei in Anwesenheit der Reichspräsidenten der Reichskanzler die Gedächtnisrede halten wird. An der Frier werden die Vertreter sämtlicher gewerkschaftlichen und B amtenverbände, die Spitzen der Berufsstände, sowie Vertreter der Länder, Kirchen, Parlamente und Behörden teilnehmen. Die Feier beginnt pünktlich vormittags 10 Uhr. Anläßlich der Beisetzung werden am Dienstag zum Zeichen de, Trauer im ganzen Reich die @ locken läuten.
* . <
Tie Vorkommnisse in Essen haben den Inter- nattonalen Gewerkschaf trbund in Am st er- dam veranlaßt, die angeschlossenen LandeSorgani- fattonen zu ersuchen, bei PotnearS gegen daS Vorgehen be« französischen Militärs und die De- schießung friedlicher Arbeiter zu protestieren, um Jo den französi chen Machthabern die einmütige Auffassung der Arbeiter oet ganzen Wel zur Kenntnis zu bringen.
Vera blickte näher hin. Da stand in der Mitte einer Seile: „rechnerisch wichtig"; die Worte waren dick mit d-m Blaustift durchgestrichen und plump und grob dar- übergestellt: „technisch wichtig". Am seitlichen Rande hatte der Rotstift außerdem drei riesige Ausrufung»zei- chen geprägt, die wiederum dreimal blau unterstrichen waren. E» sah gotesk und geschmacklos aus.
„Das geht nun durch alle Exemplare hindurch, nicht wahr?" sagte Direktor Grimm. „Natürlich: wenn eine »as Dämliches schreibt, dann machens die andern nach Da, nennt man Kollegialttät. Und wer hat nun den Anfang gemacht, he?" Seine Ironie wandelte sich plötz- lich in Zorn. „Herrgott! — Ich kann doch unmöglich alle dreißig Dinger hier durchbuchstabieren! Sie müssen ein bißchen besser mit den Gedanken bei der Arbeit sein, Fräulein Samter!"
Dera prallte zurück. „Ich?"
„Jawohl, Sie! — Denn die Damen »ettert» natürlich nicht gewesen fein. Ra, ich mach aber nun kurzen Prozeß. Wer schuld ist, der fliegt raus."
Dera zwang sich zur Ruhe.
„Wir wären auch von selbst auf den Fehler gestoßen, Herr Direktor —", sagte sie. „Die Abschriften mußten noch kollationiert werden. Leider war ich heute vormittag nicht hier, sonst wäre es bereits geschehen. Wb werden sofort sämtliche Seiten durch richtige ergänzen."
.Zeigen Sie mal Lhr Stenogramm her!" befahl er.
Während sie foneilte, um bae Buch zu holen, lief ber aufgeregte Direktor Grimm im Raum umher, von einer Ecke zur andern, immer vor sich hinscheltend. Seine wütenden Blicke trafen Inge und Sitta wie Pfeile. Sie wagten nicht aufzusehen.
Gitta war sterbenselend zumute. Da, Wort „Äfiw- bigung" stand wie ein höhnisch grinsende, Gespenst vor ihr, zeigte ihr die weite, endlose Straße, da, graue Büro der Stellenvermittlung, die verzweifelte Frage der Mut- ter: „Hast du Stellung gefunden?" die ihr au» den traurigen Augen entgegensprang: zeigte ihr die grenzen- lose, bittere Not daheim in krassen Bildern. Die Angst preßte ihr Herz zusammen wie mit eiserner Faust. Tosend jagte da» Blut durch ihr schmerzende, Hirn, gejagt »e» dem wahnsinnigen Tempo der Pulse.
t3ouUmuia.