Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Skadl Fulda.
EinzelverlkaufspreiS 120 Mark.
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Nr. 7S.
»eruniwotiu® tüt Oeti icuautoneüen Seit: Dr. 3. Kramer, - für di« Anzeigen: I. Parzet!er«Suita.
SRototionsbrutt u. iierlaa her Sulhaer 2lctienhrutferei In fremintemer Nr. k toft'cbetf-Storno 40.M Sranflnrf n X7.
Freitag, 6. April j92Z.
Bezugspreis: UUonaiiidi 2500 dit. Zustellgebühr extra. - Slbqebolt in der Gelchanssttlle 2550 ZHL n Anzeigen: Äleinieile natü (fo'onei 10J 2nt„ ausw. 125 M. 'Hefiamexeiie (2erhreite> nach Colone mast 375 stark.
50. Zcchrg.
Nach dem Essener Blutbad.
Die Beisetzung der Opfer.
Der kommandierende General in Essen, Iaeque« inot, richtete an die Gewerkschaften folgen« des Schreiben:
Der kommandierende General widersetzt sich nicht der öffentlichen Bestattung der am 31. März gefallenen Arbeiter unter der Bedingung, daß die Ordnung nicht gestört wird, weil er der Ansicht ist, daß die Ereignisse nicht durch die Arbeiter selbst, sondern durch die Vertreter des Kapitalismus verursacht worden sind, die die Arbeiter gegen die Franzosen ausgehetzt haben. (?)
Kampfruf der Kommunisten.
Die „Role Fahne" veröffentlicht einen Aufruf der kommunistischen Internationale und der roten Gewerkschaftsinter- nationale. Der Ausruf trägt die Ueberschrift: „2)03 Blutbad in Essen" und ist an die Arbeiter aller Länder gerichtet. Es hei^t darin: In Essen ist in breiten Strömen Aroeiierblut geflossen. 13 Arbeiter, mit dem Kommunisten Zander an der Spitze, fielen tot nieder auf dem Favrikhof Krupps und einige Dutzende von Arbeitern wurden verwandet. Nach einer Reihe Schandtaten, nach einer Reihe Grausamkeiten fängt der französische Militarismus an, dem Weltproletariat den Sinn und die Bedeutung der Ruhroktupation mit Feuer und Maschinengewehren zu beleuchten. Die Arbeiter Frankreichs werden ausgefordert, im ganzen Lande in kraftvollen Demonstrationen gegen die Herrschaft der französischen Bajonette über deutsche Arbeiter Protest zu erheben. Die Arbeiter Deutschlands, die Arbeiter des Ruhrbeck.ns sollen durch Verbrüderung mit den französischen Arbeitern eine einheitliche revolutionäre Kampffront gegen den internationalen Kapitalismus schaffen.
Die bolschewistische Propaganda zieht hier aus den Vorgängen in Essen ihren Nutzen. Es ist un- begreiflich, daß die französischen Machthaber nicht einsehen, wie sehr ihr Verhalten dem doch auch von ihnen bekämpften Bolschewismus zu statten kommt. Frankreich führt heule dem Bolschewis- mus täglich neuen Lebensadern zu und vermehrt die Gefahr für ganz Europa, eines Tages dem blutigsten Bolschewlstengreuel anheim zu fallen.
Vie deutsche Protestnote
gegen das Essener Blutbad ist inzwischen in Paris überreicht worden. Die Besonnenheit und Geduld, so heißt es darin, mit der die Bevölkerung des Ruhrgebiets lange Wochen hindurch alle Gewalttalen der Einbruchstruppen ertragen hat, haben es nicht verhindert, daß französische Soldaten an dieser Bevölkerung jetzt ein Verbrechen verübt haben, das alle bisherig.n Untaten in den Schatten stellt. Am 31. Marz hat ein in die Krupp- fäjen Werke in Essen eing.drungenes französisches Kommando, ohne angegriffen oder auch nur bedroht zu sein, in eine Stenge friediich demonstrieren- der Arbeiter hineingeschossen und ein entsetzliches Blutbad angerichtet. Dreizehn Arbeiter wurden ge- tötet, mehr als dreißig verwundet. Dir Verwundungen sind zum Teil so schwer, daß weitere Todes- fälle zu befürchten sind.
Es wird bann eine auf genauen Untersuchungen beruhende Darstellung der Vorgänge gegeben. Zum Schluffe he>ßt es: Die Verantwortung für die unheilvolle Tat fällt nicht allein auf die fron- Zos'schen Truppen, sondern auch auf die sranzö- s'lche Regierung selbst. .In zahlreichen deutschen Protesten wurde ihr das gewalttätig.' Vorgehen der Truppen im Ruhrgebiet immer wieder vor Augen geführt. Die Proteste sind unbeant*
Die vier von der „Bamag“.
Roman von A. Gab er.
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Leise Unruhe malte sich in den Zügen des Proseffors. Cr hatte eine kleine Scheu vor fremden Menschen, die unerwartet in seinen Gesichtskreis traten. Diese junge Dame, die eine Kollegin von Gitta war und plötzlich eine f° lebhafte Freundschaft für diese fühlte, flößte ihm Miß. trauen ein. Sie erschien ihm rätselhaft wie jene Mär- chenwesen, mit denen er einstmals feine Bilder bevölkert halte.
Frau Professor Moll war in die Küche gehuscht, teils aus Scheu vor dem fremden Gaste, denn Gitta hatte immer betont, daß Vera Sarnter der vollkommenste Typ einer eleganten Dame fei. Sie trug aber auch Sorge um den Kaffee, der bereits fertig gebraut auf der Herd- flatte stand. Würde er der verwöhnten Dame auch stark genug fein?
Dera trat ins Zimmer. Ihr warmer, leuchtender Dlick schien zu sagen: „Hier könnte ich mich wohl füh- len!" Sie ging auf den Professor zu, der aufgestanden war, und verneigte sich vor ihm.
3hr schönes, lächelndes Antlitz, von blondem Haar ^rahmt, das nur um eine Nuance dunkler war als ®os Gittas, entwaffnete fein Mißtrauen. Er fühlte sich iu dem lieblichen und feinen Mädchen hingezoxen.
»Ich bin so froh, daß ich kommen durfte", sagte Vera Wicht und herzlich.
„Möchte es Ihnen in unserem einfachen Helm ge- Wen", gab er zurück. Seine Augen leuchteten sie an ®ie Sterne.
Frau Moll trug das Tablets herein. Ein köstliches Deckchen in schöner Durchbrucharbeit hotte sie darauf "egen, die Tischdecke war ebensalls ein Meisterwerk der ?*chnik, mühsam Arbeit aus Frauenhand. 3Hre von der Lauzorbeit gerötete Hand, die immer noch Spuren ein- ‘"Ser Schönheit aufwies, lag in der Hand Veras. Dann
sie den Kaffee ein. Dera nahm frohgemut an dem runden Tische Platz und biß herzhaft in die kleinen
wartet geblieben, und es ist nichts davon bekannt geworden, daß sie zu einem Einschreiten gegen die Schuldigen Anlaß gegeben hätten. So ist es nur erklärlich, daß die Vergewaltigung der Bevölkerung von Woche zu Woche gröbere Formen angenommen hat, und daß die französischem Soldaten es nun auch fertig bringen, durch skru:>el>o>- Beschie- ßung der wehrlosen und friedlichen Menge zahlreiche Menschenleben zu vernichten. D:e deutsche Re- gierung erhebt feierlichen Pro'cjt gegen die frivole Bluttat. Sie fordert für die Opfer und ihre Angehörigen volle Genugtuung und verlangt, daß die zur Bemäntelung bet französischen Schulb verhafteten Personen sofort in Freiheit gesetzt werben.
Die Note ist zugleich auch den übrigen Hauptmächten bes Versailler Vertrages zur Kenntnis gebracht worden.
Kus dem Eindruchsgebiet.
Havas meldet aus Mainz, aus guter Quelle verlaute, daß der Sitz bes französisch-del- gischen E i s e n b a h n r e g i rn e s für die befehlen ©ebiele, der provisorisch in Düsseldorf aufgeschlagen fei, am 6. April nach Mainz verlegt werden solle.
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Nach einer Havasmeldung aus Koblenz geht zurzeit auf Grund einer Verordnung der 'Rhein- landkornrnission die Beschlagnahme vor allem von Rübsamenvorräten, deren Lieferung Deutschland infolge der Besetzung des Ruhrgebiets eingestellt hat, vor sich. Die erste Beschlagnahme habe eine Menge von 70 000 Kilo betroffen.
In der Nacht vom 29. zum 30. März wurde in der Nähe von Essen ein Eisenbahngleis ge- sprengt und ein unweit liegendes Haus befchä- digt. Der Landwirt Grote, der Polizeikommiffar Montelruck und der Bergmann Rover wurden verhaftet.
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Auf der neubesetzten staatsichen Zeche „Berg- mannsglück" befindet sich die Selegfdjaft noch im Streik. Da die Stellwerke von »Bergmanns» glück" durch die Franzosen besetzt gehalten werden, r.b,.e , fied)enbaf)nen »Bergmannsglück" und „Westerholt nicht benutzbar. Die Franzosen sind ohne vorherige Verhandlungen dazu übergegangen, mit eigenhändig entwendetem Material der Zeche die Koks- und Kohlenlagerplätze abzu- zäunen. Es ist einwandfrei festgestellt worden, daß die Franzosen bei ihren Bemühungen, die dort lagernden Kohlen- und Koksbestände abzusahren, französische Gefangene als Arbeiter benutzen, die unter strenger Aufsicht stchen und m i t der Peitsche zur Arbeit angetrieben werden.
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Der Rheinischen Metallwarenfabrik in Düs. f e I b o r f wurde auferlegt, am 3. April innerhalb von drei Werktagen e l f n e u e auf dem Werk fertig- gestellte Lokomotiven zur Verfügung der Be- satzungsbehörden zu stellen. Falls die Fabrik mit der Lieferung im Verzug bleibt, wird ihr eine täq. Uche Geldstrafe mit einer Million Mark auferlegt. Außerdem sollen die bereits verhafteten Werkmeister gerichtlich verfolgt werden.
Besetzung des Bahnhofes von Herne.
Die Blatter melden aus Essen, daß der Bahnhof Herne von den Franzosen besetzt worden sei. Sie richteten für alle durchfahrenden Züge eine Kon- trollstelle ein. Als sie die Absicht äußerten, färnt- lrchr Wagen mit Kohle, Koks und Nebenprodukten zu beschlagnahmen, um sie auf der militarisierten strecke nach Reck.inghausen abzurollen, wurde von
Kuchen, die Frau Professor Moll nach einem astbewähr. ten Rezept gebacken hatte.
„Was für ein liebliches und schönes Zuhause habe» Sie dach!" sagte sie zu Gitta.
Die Unterhaltung wurde zunächst von den beiden jungen Mädchen allein geführt, und Herr und Frau Pro- fessor Moll begnügten sich damit, Ihnen zuzuhören. Vera erzählte von ihrem Bruder und von dem gemein- famen Musizieren mit ihm. Sie rühmte seine vornehme, künstlerische Auffassung, seine große Begabung und seine leidenschaftliche Liebe zur Musik.
„Weshalb sst er nicht Musiker geworden?" fragte Frau Professor Moll.
„Ich habe auch schon diese Frage an mich gerichtet', sagte Vera. „Und ich glaube die Erklärung hierfür gerade in seiner hohen Verehrung für die Musik gefunden zu haben. Sie soll für Ihn das Heiligtum bleiben, in das er sich aus dem Trudel der Welt flüchtet, sobald es ihn dazu drängt. Denn fein Herz ist auch dem ober- slächlichen Leben durchaus nicht abhold, und es hat eine Zeit gegeben, wo er feine geliebte Musik ganz in den Hintergrund rückte, fcdaß er sich von der Sturmflut des Genußlebens hinaustragen ließ ins Uferlose. Run scheint er davon übersättigt zu sein, er hat den Weg zur Musik zurückgefunden und mit ihr die Liebe zu ernster Arbeit. Edle Neigungen im Menschen veredeln ja schließlich sein ganzes Tun."
Das Wohlgefallen bes Professors wuchs. Cs bereitete ihm Freude, mit dem klugen und liebenswürdigen Mädchen Gedanken auszu auschen, ihre sinnigen Aeuhe- rungen zu hören und Blicke in ihre Seele zu tun. die ein Lichtreich zeigten. Bald war er dahin gelangt, daß die Vorstellung, Vera fei ein Kind der lauten Well draußen, ihm ganz entglitt.
Frau Professor Moll umgab Sera mit ihrer Jorgen, den Mütterlichkeit.
Nachher brachte Vera eine kleine Mappe herein, die jene Kunstblätter enthielt, über die sie des Prozess ms Rat hatte einholen wollen. Er hatte seine Freud? an den schönen und wertvollen Bildern, erklärte ihr das, was ihr unverständlich war. und gab ihr in kurzen Um- rissen die Lebensbeschreibung des Künstlers, einer wenig
, den Eisenbahnern barjuf htngewiefen, daß in diesem Falle ein Verbleiben der deutschen Beamten im
• Dienste nicht mehr möglich sei. Der Personenverkehr loll vorläufig nicht behindert werden. Die Wartesäle der Bahnhofs wurden mit Truppen belegt.
Verbot einer holländischen Zeitung.
Nach einer Meldung der „Deutschen Allg. Ztg." i, NUS Aachen hat die Rheinlandkommisfion die holländische Zeitung „Limburger Courier", das Organ der Katholiken der holländischen Provinz Limburg, für einen Monat verboten.
Zur dhlemal-schen Lage.
Lloyd George und Loucheur.
Der London«"- Berichterstatter des „Manchester Guardian" schreibt, der Besuch Loucheurs beiLloyd George werde beträchtliches Interesse erregen. Der Besuch müsse bereits vor einiger Zeit vereinbart gewesen sein. Es we-de vermutet, daß Lloyd Georges Entschluß, bei der letzten Ruhr- debatte im Unterhause nicht zu sprechen, nicht nur auf die von ihm gegebene Erklärung, daß et erst die Rede Cunos abwartcn wolle, zurückzuführen fei, sondern auch auf den Wunsch, die Frage mit Loucheur zu erörtern.
Japan für eine Dolkerbnndsakklon.
Die japanische Liga für den Völker- bundsgedanken hat zur R u h r f r a ge nachstehende Entschließung an 60 Schwesterligen der verschiedenen Staaten gesandt:
Die Frage der Reparation und der Ruhrbesetzung stört nicht nur dm Frieden zwischen Frankreich und Deutschland, sondern auch von ganz Europa, ja sogar den der Welt. Die Regierungen und.Völker der verschiedenen Staaten sehnen dahier die mögt! ch ft baldige Lösung dieser Frage herbei. In diesem Zusammenhänge wünscht die javanische Liga, baß brr Völkerbunbsrat schleunigst biefe Frage, unb zwar Insbe» fonbere bie brr Zahlungsfähigkeit unb ber Zahlung!»- mobalität Deutfchlanbs, prüfe unb nach Befragung eines Internationalen Sachverstänblgen-Aus- fchuffes einschließlich ber amerikanischen Sachverständigen einen Bericht erstatte. Die japanische Liga ist überzeugt, baß bte Ligen aller Staaten Zusammenwirken müssen, um dieses Ziel zu erreichen. Es wäre daher wünschenswert, baß Ihre Liga in biefem Sinne an bie Regierung Ihres Staates unb an ben Völkerbund Anträge richte.
Die japanische Liga hat sich in demselben Sinne bereits direkt an diejapanische Regierung und den V v l k e r b u n b s r a t mit entsprechenden Anträgen gewandt.
Geaen die Waffengewalt.
Die Gewerkschaften aller Richtungen
haben einen gemeinsamen Aufruf an die Arbeiter der Welt erlassen, in dem sie aus Anlaß des Einbruchs in das Ruhrgebiet und der dadurch veranlaßten großen Zahl an blutigen Opfern, wie jetzt wieder in Essen, gegen die brutale Waffengewalt schärfsten Protest erheben. In dem Aufruf wird fcstgcstellt, daß tausende von De- amten und Organen der öffentlichen Ordnung und Sicherheit verhaftet, mißhandelt und ausgeroielen wurden, daß die Verkehrsmittel, Arbeiterlöhne und Unterstützungen der Erwerbslosen wahllos beschlagnahmt, täglich neue tausende von Angestellten und Arbeitern erwerbslos und daß Frauen und Kinder ohne jeden Anlaß aus ihren Wohnungen verjagt und getötet oder verwundet wurden. Durch die französischen Eewaltmethoden würde die freie Arbeit in Sklaverei verwandelt und die Kultur in Gefahr gebracht. Schließlich werden die Arbeiter der Welt aufgefordert, Arbeit und Freiheit zu schützen, ehe es zu spät ist.
■ || n —1
bekannten holländischen Malers. Daß Vera so hohes Gefallen an diesen Blättern empfand, gab Ihm einen Beweis für ihren feinen unb geläuterten Geschmack.
Es war eine genußreiche, schöne Stunbe, bie nicht nur bem Professor unb Vera, sondern auch ber Mutter unb Gitta viel Freube unb Anregung bot.
Sera ließ bie Blicke in Teilnahme umherschweifen. Sie fanb aber nichts, was bes Erwähnens wert gewesen wäre. Die wenigen Silber, bie bie Wänbe schmückten, waren bie Reprobuktianen von Werken bekannter Meister, bznen man fast überall begegnete. Sa sprach sie nur ganz allgemein darüber, unb knüpfte an Ihre Frage nach ber Art ber Reprobuktlon bie Mitteilung, ob unb wo Ihr bas Original bereits begegnet war, fo w-e es ihr bie Erinnerung wiebergab. Dann sagte sie ber Mut- ter einige freundliche Warte über bie wunbervallen Handarbeiten, bie noch aus vergangenen, glücklicheren Tagen stammten unb zum größten Teil Kunstwerke aus Gittas fleißigen Hänben waren. Dabei hatte sich Vera erhoben unb ging nun von einem Gegenstand zum anbern. Auf einem Sessel, ber etwas abseits staub, lag ein Kissen, bessen Stickereitechnik sie intereffierte, urb fo trat sie näher heran unb nahm es in bie Hand.
Neben bem Sessel ftanb im Halbbunkel ein Tischchen mit runder Platte, auf bem eine spitzenoerzierte, {eibene Decke lag.
©itta bemerkte ben Blick biskreter Neugier, mit dem Sera bas Tischchen ins Auge faßte. Auch Frau Prosef- for Moll tret näher und hob bie Decke von ber Holzplatte, bie eine feine Malerei zeigte. Eine wunbervolle Malerei in zarten Farben: Silber aus ber Zeil bes Rokoko. Die Anmut b;r Gruppen, bie Lieblichkeit ber Gestalten, bie Schönheit ber Farben entlockten Sera einen Ruf b?s Entzückens.
«Dieses Tischchen ist bas Hochzeitsgeschenk eines Freundes meines Mannes, bes Malers Paul Robeoboff, ber kürzlich gestorben ist", erklärte Frau Professor Moll. „Mein Mann mag bas Tischchen nicht besonbers gern, er hat überhaupt niemals herzlich zu bem Maler Reden- Hofs gestanden. Gitta dagegen hängt sehr an dem Tllch. chen, unb ich nehme es sehr in acht, damit es in all seiner Schönheit für sie erhalten bleibe."
was war Wilson?
Doller vergehen und Namen verwehen. Auch der Name eines der einst vielgenanntesten während des Weltkrieges scheint schon verblaßt: Wilson. Wilson, in Deutschland vor wenigen Jahren einer der bestgehaßten Staatsmänner, ein Vottsober- haupt, in dem man nur den angelsächsischen Heuchler sah, einen Feind, von dem man sagte und schrieb, daß er nur noch mit gemeineren Mitteln, als es bie Franzosen und Engländer taten, das deutsche Volk zermürben wollte. Wilson, der dann aber, als Deutschland zusammenbrach, auch vielen feiner Feinde in unserem Lande, als eine letzte Hoffnung galt, von dem alle Gutgesinnten in der ganzen Welt glaubten, daß er nach dem schrecklichsten aller Kriege die Sehnsucht der Völker nach einem Dauerfrieden erfüllen würde, der den Nationen der Erde eine neue und bessere Zukunft schenken sollte. Es war ein weltgeschichtlicher Augenblick, als im Dezember 1918 Wilson den Papst Benedikt XV. m Rom aufsuchte und betdi einander sich zum Gruße die Hönde reichten. Beide galten als die Herren des Friedens, wenn sie auch bei ihren Verkündigungen in der Motivierung und Formulierung nicht völlig übereinftimmten. Unb bann arbeitete Wilson in Paris. Je mehr nun über die Verhandlungen in Versailles an die Oef- fentlichkeit drang, umsomehr erhärtete sich wieder die frühere Meinung des deutschen Bottes, daß Wilson ein Heuchler sei, umsomehr schwanden die letzten Hoffnungen des deutschen Volkes, umsomehr auch das Vertrauen bei den Politikern in Deutschland, welche sich durch kein Zeitungsgeschrei iit ihrem Vertrauen zu den ehrlichen Absichten Wil» sons während des Krieges hatten beirren lassen.
Aber bann wurde das Diktat von Versailles bekannt. Es enthüllte sich als ein Schmachdokument brutalster Art, das in der ganzen Weltgeschichte ohne Vorbild war. Das allerschlimmste aber geschah, als Präsident Wilson in vielen und langen öffentlichen Reden für diesen „Frieden" eintrat. Er hat es nicht erreicht, daß Amerika das Versailler Machwerk gut hieß. Selten ist ein Staatsmann fo jäh gestürzt, wie Wilson, die Hoffnung der Volker. Wie eine gerechte Strafe von sinnvoller Bedeutung mußte es anmuten, daß Wilson bei seiner Propagandareise in Amerika zur Popularisierung des Versailler Friedenswcrkes von einer bösen Gesichtsoerzerrung befallen wurde. Man sagte: Er hat so oft ber Welt ein falsches Gesicht gezeigt, so ost unter gemeiner Heuchlermaske gesprochen, daß es nur als eine gerechte Selbstverständlichkeit erscheinen kann, daß nunmehr sein Gesicht durch böse Nervenzuckungen entstellt wird. Wilson wurde im moralischen Urteil der Volker erledigt, als Staatsmann abgetan. Er hatte die größten Hoffnungen geweckt und die größten Enttäuschungen bereitet Eine Flut von Spott und bitterem Sarkasmus er» goß sich aber auch über alle Wilson-Gläubigen.
Nun ist ein Buch erschienen, das endlich über Wilsons staatsmännisches Wollen neues und, wie es scheint, einwandfreies Licht verbreitet. Ein Buch von feinem Pressechef R. St. Baker: „Wood- roro Wilson, Memoiren und Dokumente über den Vertrag zu Versailles, in autorisierter Uedersetzung von Curt Thesing, Verlag Paul List, Leipzig." Von diesen Memoiren ist bisher nur ber erste Band erschienen, aber er ist geeignet, bas landläufige Urteil über Wilson grünbltrf) zu korrigieren. Wilson persönlich hat niemals recht ben Weg zur Seele der Menschen und Völker gefunden, er war e i n „e i n- samerDenker", dem die innere Elastizität unb die Beweglichkeit bes Umganges fehlte unb der glaubte, daß es genüge, schöne Gedanken auszusprechen, um die Menschen völlig für sie zu entflammen und sie von ihnen in die Wirklichkeit um- setzen zu lassen. Er war ein Ideologe unb in fei«
Gitta umschlang die Mutter zärtlich. Dero sagte, immer noch bie Malerei bewundernd: „Rvdenhoffs hin- terlassene Bilder und Skizzen werden ja setzt mit Gold ausgewogen. Es ist nicht viel von Ihm da, und das hebt den Wert der Bilder noch. Ist es Ihnen bekannt, daß auf einer Auktion für das Bild Rvdenhoffs „Rhein- töchter", hunderttausend Mark geboten und gezahlt worden sind?"
Der Professor nickte. Sein Antlltz spiegelte rege Anteilnahme wieder.
„Davon las ich leider noch nichts. Cs freut mich, um der Anerkennung willen, die er gefunden hat Wie meine Frau schon sagte, sind seine Bilder nicht nach meinem Geschmack, jo wie auch seine ganze Lebensauffassung der meinigen gegensätzlich war. Wenn e» nicht um Gittas willen märe, die sehr an dem Tischchen hängt, hätte ich es längst einem Händler übergeben und mir für den Erlös etwas anderes gekauft, das mir mehr Freude schaffte."
„Sie müßten den Tisch setzt verkaufen!" sagte Dera mit Eifer. „Ich bin fest überzeugt, daß er Ihnen eine hohe Summe einbringen würde. Gitta ahnt ja garnicht» was für ein wertvolles Stück sie damit festhält Wenn es Ihnen recht ist, werde ich den Kunsthändler, der sich mit dem Verkauf der Hinterlassenschaft Rodenhoff, befaßt, einmal fragen. Sie werden sicherlich erstaunt sein, wenn Sie die Summe nennen hören, mit der der Kunsthändler diese Malerei bewertet. Er könnte ben Betrag natürlich nur schätzungsweise angeben, denn auf einer Auktion muß man ja immer auf besondere lieber» raschungen gefaßt (ein.“
„Wenn in dem Tischchen wirklich ein so hoher Geldwert steckt, bann märe es ja unrecht von mir, es zu begehren", sagte Gitta tapfet. „Ich hatte es allerdings immer sehr gern, liebliche Erinnerungen an meine Kindheit sind damit verknüpft. Aber es gibt ja noch viele andere schöne und liebenswerte Dinge, D:e m:r Ersatz dafür bieten werden. Man wird mit den I-.-.en oer« tändigcr!" schloß sie mit einem Lächeln.
Bera legte ber Kollegin die Hand auf die Schuster.
(Öcrtfeßung folgt.)