Fuld aerZeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.
nr. 2.
Beran twonlick für den ceoollionellen Teil: Dr. 2- Kramer. " für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. -: SRotationsbriri u. Verlag der Fuldaer Actlendrnckerei in Fulda. Semlciecber Ni. »• Postickieck-Konto 4051 Frankfurt a. M.
Donnerstag, 4. ZaRuar 1923.
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50. Zahrg.
Die Segensähe in Paris, englischer, franZösischer und italienischer Vorschlag.
Die erste Sitzung der interalliierten Konftrenz in Paris dauerte nur zweieinhalb Stunden. Im Verlause der Sitzung wurden die somrzösisihen, englischen und italienischen Pläne van Pomcare, Sonar Law und Della Taretta entwickelt. Die nächste Sitzung der Konferenz ist aus Mtrwach nachmittag 3 Uhr anberaumt worden.
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Staatssekretär a. D. Bergmann ist, von Haag kommend, in Paris singetroffen. Dr. Karl Melchior aus Hamburg wird in Paris erwartet.
Die englische These.
wtb London, 3. Ian. (Tel.) Die britischen Vorschläge umfassen die Regelung der interalliierte« Schulden, der Reparationen und die Gewährung eines
Moratoriums von 4 Jahren an Deutschland. Rach Ablauf des Moraloriums soll Deutschland für die Zeit von 4 Jahren 2 Milliarden Goldmark jährlich, für weitere 2 Jahre 2% Milliarden Goldmark jährlich und dann 3% Milliarden Goldmark oder eine solche kleinere Summe zahlen, die von einer unparteiischen Instanz festgesetzt wird, jedoch nicht weniger als 2% Milliarden. Der britische Plan sieht vor, daß Lieferungen von Koks an Frankreich und kohle an Italien, sowie, wenn möglich, von Farbstosien ohne eingeschränkten Umfang während der Anfangsperiode fortgesetzt werden sollen.
Die Voraussetzung.
Das Moratorium hängt davon ab, daß Deutschland versucht, die Mark zu stabilisieren und das Gleichgewicht des Reichshaushaltes wieder herzustellrn und daß es eine solche finanzielle Uebrrwachung annimmt, wie sie die Alliierten für notwendig halten, ferner, daß es im Falle einer Verfehlung Maßnahmen zustimmt, welche die Alliierten einstimmig für notwendig erachten und schließlich der zwangsweisen Beschlagnahmung der Einkünfte und der militärischen Besetzung weiterer dyffi'chsr Gehtztz. .Wenn die überwachende Kommission einstimmig entscheidet, daß Zahlungen vor Ablauf von 4 Jahren geleistet werden können, sollen die Iah- rcszahiungen vordakiert werden, aber um nicht mehr als 2 Jahre und ohne daß sich dadurch die Gesamtsumme der deutschen Zahlungsverpflichtungen vermehrt. Der Schlußteil des britischen Planes behandelt die Frage der interalliierten Schulden.
Der französische plan.
wtb Paris, 3. Jan. (Tel.) Der französische Man umsaßt folgende Teile:
1. P s ä n d er, um die Sachlieferungen sicher zu stellen, a) Kohle. Eine internationale Kohlrn- kommission, bestehend aus Ingenieuren, deren Vorsitzender ein Franzose ist und in der sich die Stimmen im Verhältnis zu den Kohlenlieferungrn verteilen, die den interalliierten Mächten zustehen, würde nach Essen geschickt, um mit dem Beistand der deutschen Regierung und den notwendigen Vollmachten versehen, die Tätigkeit des Sohlrnsyndikats zu über wachen. Durch Befehle, dis der Präsident erteile, sei bei den Kohlensyndikaten oder den deutschen Trans-
„$rau Meier".
Roman von G. v Stokmans.
\__...... „Nun, wie steht's?" fragte er. „2st bas Strafge
richt \guf_J)ie arme Sünderin niebergegangen?"
„2a", war die Erwiderung, „und zwar mit solcher Wucht, daß sie auch mir aufrichtig leid tat. Indessen — das Mittel war probat, sie hat einen heilsamen Schreck bekommen und reuevoll alles eingestanden. — Ich glaube, das Naschen ist ihr für eine Weile gründlich verleidet."
Am nächsten läge war Annemarie wieder ganz munter, mußte aber noch etwas diät leben und sich voll schmerzlicher Resignation von den anderen erzählen lassen, wie viel schöne Puddings und Kuchen es bei der versäumten Geburtstagsfeier gegeben hatte. Sie kam sich fehr interessant und sehr beklagenswert vor, aber sie verriet den Geschwistern nichts von der unheimlichen Gefahr, in der sie geschwebt hatte. Nur Lene erfuhr davon unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit, und diese schob natürlich die ganze Schuld auf Frau Meier, und haßte sie noch mehr als zuvor.
Gretes Strafe wiederum war ganz anderer Art. Sie traf sie aber nicht minder hart, und das eitle Ding brauchte lange Zeit, um die erlittene Demütigung zu überwinden.
Eines schönen Tages hing nämlich im Eßzimmer, gerade als man zu Tisch ging, eine gut ausgeführte und hübsch eingerahmte Photographie von Grete Hansemann an der Wand, ein Brustbild in halber Lebensgröße, und darunter stand, noch innerhalb des Rahmens, mit großen Buchstaben: „Junges Mädchen von fünfzehn Jahren."
Soweit wäre nun alles gut gewesen, aber ach, wie sah diese Grete aus! Das Gesicht war in abscheulicher Weise verzerrt, die Augen schielten und die Zunge hing lang heraus. Frau Meiers ausgezeichnete kleine Klappkamera hatte nach verschiedenen weniger gelungenen Versuchen einmal den richtigen Moment festzuhalten vermocht, und" dem Photographen war es ein leichtes
porkfirmen die sirikic Anwendung des von der Repa- ralionskommission festgesetzten Programms sicher zu stellen. Die R h e i n l a n d k o m m i s s i o n soll die Befugnisse erlangen, Ordonnanzen im Ruhrgebiet zu erlassen, um die Ausführung der von der einzusetzcn- den Mission erlassenen Bestimmungen sicher zu stellen.
b. Sanktionen. Wenn die deutsche Regierung das Programm nicht aussührl und namentlich nicht alle ^sehgeberischsn und Vcrwaljpngsmaßnahmrn tresie, die die Rcparationskcnumssion oder die Rhein- landkommission oder die interalliierte Jngenieurkom- mission für notwendig erachte, würden sofort und automatisch dir folgenden
Sanktionen
in Kraft treten:
1. Militärische Besetzung der Bezirke Essen und Bochum und des von Marschall Fach näher bestimmten Teiles des Ruhrbeckens.
2. Errichtung einer Zoll - Linie östlich des gesamten besetzten Gebietes. Dabei bleiben die von der französischen Regierung mehrmals gemachte Feststellung aufrecht erhalten, daß jede Richk- einaltung des Versailler Vertrages einen
Aufschub der Räumung
sür das besetzte Gcbiet in der Vergangenheit zur Folge gehabt haben und in Zukunft ferner haben werden.
Meinungsverschiedenheit.
wtb Paris, 3. Jan. (Tel.) Die Pariser Ausgabe der „Daily Mail" veröffentlicht heute vormittag folgende Information: Die Mitglieder der britischen Delegation, die gestern abend im Luai d'Orsay speisten, hätten erfahren, daß die französische Regierung es ablehnt, den englischen Plan als Verhandlungs- grundlage anzunehmen. Dieser Beschluß der französi- scheu Regierung würde heute offiziell bekannt gegeben werden. Die
Lage fei ernst.
Die englische Delegation fei gestern abend in ihrem Hotel zu einer Beratung zusammengetreten, die sich bis nach Mitternacht ausgedehnt habe. Senat Law und die Sachverständigen hätten dabei den französischen Plan geprüft und in Erwägung gezogen, ob er nicht mit Hilfe von Abänderungen von der britischen Delegation angenommen werden könnte.
Äk SksWle DES MWAMWWk.
In der Silvester-Rede des Reichskanzlers hat in weiten Kreisen besonders die Mitteilung interessiert, daß Deutschland vorgeschlagen habe, das Rheinland für ein Menschenalter unter neutrale Verwaltung zu stellen, damit die angeblichen französischen Kriegsbefürchtungen restlos behoben würden. Jetzt wird näheres über diesen Schritt und sein Schicksal bekannt:
Der deutsche Vorschlag eines Kriegs-Schutz- paktesfürdas Rheinland ist,' wie die „D. T. 21." erfährt, durch den deutschen Botschafter in Washington, Wiedfeld, der amerikanischen Regierung unterbreitet und dann durch Vermittlung des amerikanischen Staatsdepartements dem französischen Botschafter in Washington, Jus- serand, überreicht worden. Dieser hat den Vor
gewesen, die Aufnahme zu vergrößern. Alle lachten und verspottelen Grete, Frau Meier aber sagte ganz ruhig: „Ich bin Überzeugt, Grete hat nie gewußt, wie unartig und widerwärtig sie bei dem Gesichterschneiden erscheint. Darum soll das Bild acht Tage lang hier hängen bleiben, zur steten Warnung und Erinnerung. Verunglückt es aber, verschwindet es in irgend einer Weife aus dem Zimmer, so ist Sorge getragen, daß ein gleiches auf der Hamburger Straße im Aushängekasten des Photographen erscheint. Erst wenn Grete sich die häßliche Unart ganz abgewöhnt hat, werde ich mich dazu verstehen, die betreffenden Platten vernichten zu lassen."
Auch der Knabe Fritz mußte in bei neuen Hausdame seinen Meister erkennen. Erstens imponierte sie ihm durch ihre Kenntnisse im Lateinischen, welche an die seinen offenbar heranreichten, und bann wußte sie auch ihn in ber rechten Weise zu strafen und zu beffem.
Fritz hatte entschieden Anlage zum Dandy und war dabei ein hochaufgewachsenev Junge, dessen magere Beine in den schwarzen Strümpfen und Kniehosen ganz besonders lang erschienen. Sein glühendster Wunsch war es demnach, einen richtigen Anzug mit Rock und Weste und langen Hosen zu besitzen, und dieser Wunsch sollte ihm, auf Frau Meiers Fürsprache hin, auch erfüllt werben. Der Schneider hatte ihm nicht nur Maß genommen, sondern auch schon anprobiert, und Fritz verkündete bereits seinen kleinen Freunden mit unbeschreiblichem Stolz, daß der große Moment, wo er sich als junger Mann präsentieren könne, durchaus nicht mehr fern sei. —
Inzwischen gefiel Fritz sich aber in allerlei Ungezogenheiten und Rücksichtslosigkeiten, und erwies Frau Meier nicht immer den schuldigen Respekt. Da geschah es denn, daß der herrliche neue Anzug samt Krawatte, Vorhemd und Manschetten gerade in dem Augenblick spurlos verschwand, da er sich zum erstenmal damit schmücken wollte. Bestürzt und empört lief er durchs Haus und verlangte stürmisch sein Recht. Indessen, bas nützte ihm wenig. Frau Meier erklärte ihm ruhig, sie habe ben Anzug bis auf weiteres weggeschlossen, ba fein ungehöriges Verhalten ihr beweise, baß er sich noch in den Flegeljahren befinbe unb mithin noch nicht reif sei für biefe Art von herrenmäßiger Kleidung. Erst wenn
schlag nach Paris weitergeleitet. Aehnliche Gedanken, wie dieser Vorschlag, sind bereits mehrfach vom Kabinett Wirth angeregt worden, und in G e n u a haben sehr weit vorgeschrittene Vorfühlungen in dieser Hinsicht stattgefunden, die damals durch den notwendig gewordenen Abschluß des Ra- pollo-Vertrags und feine Folgen nicht zur, endgültigen Auswirkung gekommen find.
Der Pariser Havas-Dienst verbreitet folgende offiziöse Erklärung:
„Der diplomatische Vertreter ber Agence Havas glaubt zu wissen, daß die dritte Macht, um die es sich hcmoelt, Am-rika mar. Der deutsche Botschafter in Washington hotte auch eine Anregung dieser Art Hughes überreicht, aber da diese Anregung nicht ben Charakter eines festen durchgearbeiteten Vertrages trug, so glaubte bas Staats* bepartement, baß es ihn weber zurückhalten noch nach Paris weiterleiten müsse. Frankreich konnte also auch nicht ablehnen. Es muß im übrigen baran erinnert wer- den, daß der Vertrag von Versailles vorsieht, daß im Falle eines Streites ein vollständiges Verfahren zur friedlichen Regelung vor dem Völkerbund erfolgt. Dieses Verfahren bietet mindestens die Sicherheiten, wie die von Deutschland angeregten Verpflichtungen zur Verhütung eines Angriffs."
Von zuständiger Seite erfahren wir zu der ganzen Angelegenheit: Die deutsche Diplomatie muß es zunächst ablehnen, über die dritte Macht offizielle Mitteilungen zu machen. Daß es sich um Amerika handelt, diirfte inzwischen ausreichend feftstchen. Der deuffche Vorschlag an die dritte Macht ist in schriftlicher Form zur Weiterleitung an Frankreich vorgelegt worden. Den Inhalt hat der Reichskanzler erschöpfend skizziert; der.Vorschlag war für jeden, der guten Willen besaß, um in Verhandlungen über die Frage einzutreten, genügend fest und bestimmt. Der deutsche Vorschlag ist Frankreich offiziell zugegangen und die Ablehnung ist in bestimmter offizieller Form erfolgt und zwar unter Hinweis auf formale verfassungsrechtliche Gründe. Diese boten nur einen Vorwand; denn wenn Frankreich ernstlich die Verständigung gewollt hätte, wären verfailungsrechtliche Bedenken eventuell durch Aenderungen der Gesetzgebung leicht aus dem Wege zu räumen gewesen. Die Agence- Mitteilung beruft sich auf die Bestimmungen des Versailler Vertrages über den Völkerbund. Mit diesem Verfahren hat Deutschland bisher sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Wenn es den Völkerbund anrief, hat Frankreich uns dieses Recht dauernd bestritten und zwar mit der Begründung, wir seien nicht Mitglied des Völkerbundes und könnten Anträge an den Völkerbund nicht stellen. Frankreich seinerseits hat dagegen sehr oft den Völkerbund benutzt, um gegen uns einen Druck durch Sanktionen durchzusetzen. Deutschland wollte durch feinen Vorschlag über das Völkerbundsverfahren hinaus Frankreich Sicherheiten geben und hat deshalb seinen Vorschlag gemacht.
Line Zabel.
Die „Times" brachte kürzlich einen Bericht aus Berlin über eine angeblich besondere Militär i s ch e ' S o w j e t m i s s i o n , die vor einiger Zeit in Berlin eingetroffen sei und geheimnisvolle Verhandlungen geführt sowie Waffenkäufe vorbereitet hätte. Diese Sowjettnission gehört genau so in das Gebiet der Fabel, wie die schon so oft und so beharrlich wiederholten Meldungen über militärische Abmachungen zwischen Deutschland und Rußland. Die Namen der in dem Artikel aufgeführten Personen sind ebenso erfunden wie die Behauptung aus der Luft gegriffen ist, daß die russischen Unterhändler unter dem Deckmantel der Mitgliedschaft bei der russischen Handelsvertretung ihre Einreise nach Deutschland ermöglicht hätten. ,
er zu Hause zu keinerlei Klage mehr Anlaß gebe, werbe er bie langen Hosen erhalten unb nach unb nach eine Reform feiner ganzen Garderobe erleben.
Lene war wütend über biefe grausame, erbarmungslose Härte, wie sie es nannte, unb als nun gar ihre geliebte Lieselotte von Frau Meier jebesmal einen tüchtigen Klaps bekam, wenn sie, trotz wiederholter Ermahnungen, mit ben Fingern in bie Schüssel fuhr, um sich etwas herauszuholen, schien bas Maß ihres Zornes voll unb sie beschloß, nun ihrerseits Frau Meier zu strafen.
Sie wußte, bie beiden Mädchen konnten nicht selbständig kochen, und Lisbeths praktische Kenntnisse waren noch sehr gering. Wenn sie also bie Familie nicht versorgte, wer sollt es tun? — Frau Meier würbe in bie größte Verlegenheit geraten, unb bas war ihr gerade recht. Da konnte bie kluge Dame doch einmal sehen, baß es mit bem Kommandieren unb ber Feinheit allein nicht getan war, unb eine großer Haushalt noch etwas anberes verlange als ..>re Schulmeistersweisheit.
Sie erklärte bem 2'hor also eines Abends, ihre S vester in Hamburg fei schwer erkrankt, sie müsse sofort zu ihr, unb ehe bie Hausbame von einem Ausgang zurückkehrte, war Gene bereits abgereift. — Den Sinbern hatte sie strenge Anweisung gegeben, gut aus- zupassen, was jene in ihrer Hilflosigkeit tun werbe, und ihr bei der Heimkehr genau darüber zu berichten.
Gespannt erwarteten nun biefe einen Ausbruch ber Verzweiflung, aber Frau Meier, bie keinen Augenblick an bie kranke Schwester glaubte, verzog keine Miene. Sie nahm einfach bie Schlüssel, ging in die Speisekammer und machte bas Abenbbrot in ber üblichen Weife zurecht. Am anbern Morgen ftanb sie etwas früher auf als sonst, ließ von Kathrine Kartoffeln schälen und Gemüse putzen unb ging selbst aus, um einige Besorgungen zu machen. Dann kochte sie, ohne Lisbeth- Hilfe in Anspruch zu nehmen, das Mittagessen ganz allein, gab ben Mäbchen bie nötigen Anweisungen für bas Servieren ber Gerichte unb zog sich um.
Als man bei Tisch saß unb es allen herrlich schmeckte, sagte ber Doktor: „Ich glaube, wir haben noch nie jo gut gegessen,; wie heute, unb dabei ist Lene verreist. Wer hat denn gekocht?"
vr. wirlh zur Lage.
In der „Freiburger Tagespost", dem führenden Zentrumsblatt Oberbadens, schreibt der frühere Reichskanzler Dr. Wirth in einem Neiujahrsartikel:
„Es ist keine leichte Aufgabe, sich jetzt mit einem Wort der Aufmunterung an unsere politischen Freunde zu wenden. Die Aufmunterung tut zwar bitter not. Uebciall in Deutschland herrscht ein gefährliches Maß von Mutlosigkeit und Mißtrauen. Das «st nicht der Weg zur politischen Willensbil- b u n g, bas ist ber Nährboden zur politischen Unfähigkeit des deutschen Volkes, fein Geschick noch durch eigene Tätigkeit zum Besseren zu wenden. Das Mißtrauen und bie Mutlosigkeit kommt nicht erst von gestern. Schon im Laufe bes Frühjahrs unb des Sommers sind große politische Energien und bedeutsame politische Wil- lensbilbungen durch Mißtrauen unter einzelnen politischen Persönlichkeiten und unter den zur Verantwortlichkeit berufenen politischen Parteien verhängnisvoll beeinflußt, ja sogar zerstört worden. Das gegenfettige Mißtrauen politischer Kräfte, bie seit ben Tagen des großen Zusammenbruches am Rettungswerk des Staates unb Volkes getreu unb unter Selbftaufopfrung mitgearbettet haben, hat zur politischen Ausschaltung dieser Kräfte geführt. Das Mißtrauen allein ist auch die Ursache gewesen, die es nicht vor kurzem zu einer entschlossenen großen Willensbildung des deutschen Balkes durch Schaffung einer parlamentarischen Regierung kommen ließ. Es ist geradzu grotesk und für bas Ausland unverstänb- lich, baß in ber schwierigsten außenpolitischen Situation, vor ber wir stehen, bie politischen Triebkräfte ber Nation, unb bas finb nun einmal bie Parteien, bie eigentliche Verantwortung nicht tragen. Haben politische Parteien einen Sinn, bann haben sie entoeber im bemo- kratischen Staat bie Verantwortung tatsächlich zu übernehmen unb sich unter Rückstellung aller sogenannten Gegensätze zu einer Koalition zu vereinigen, ober sie haben in Opposition zu treten und auf bem schnellsten Wege zu versuchen, zur Verantwortung zu kommen, um es bann besser zu machen. In Wirklichkeit aber scheuen nur allzuviele die Uebernahme von Verantwor- tung, unb Millionen begnügen sich mit hämischer Kritik unb lassen sich bann zu plötzlicher Aufwallung übertriebener Hoffnung hinreißen, bie bann um so schneller einem grenzenlosen Zusammenbrechen mit dem Ausdruck sinnloser Mutlosigkeit Platz macht. So kommen wir in Deutschland weder politisch noch wirtschaftlich voran. Auch wirtschaftlich nicht. Es ist undenkbar, daß ein unpolitisches Volk auf die Dauer wirtschaftlich voran kommen kann. Was im trübsten Winter des deutschen Volkes, nach bem Zusammenbruch, möglich war, nämlich das Zusammenführen zur gemeinsamen politischen Arbeit ber Arbeiterschaft, auch der links gerichteten, unb bes fortgeschrittenen Teiles des Bürgertums und der Landwirtschaft, soll jetzt, vier Jahre nach der Katastrophe, eine Unmöglichkeit sein? Das begreife wer will!"
„Das deuffche Volk", so fährt Dr. Wirth fort, „ist zu einer großen politischen Willensbildung bis jetzt nicht fortgeschritten, und nichts ist notwendiger als eine solche klare, bestimmte und deutliche Meinungsäußerung und Willensbildung des deutschen Volkes. Das ist die Aufgabe des neuen Jahres, die ernsthaft und ohne Rücksicht auf parteipolitische Erwägungen und auf persönliche Interessen angestrebt werden muß, sonst schlittern wir wieder in die Tage des Londoner Ultimatums hinein."
Tarifwesen.
— Die Lohnverhandlungen in der Berliner Metall industrie. Die Verhandlungen in der Berliner Metallindustrie finb, einer Korresponbenzmeldung zufolge, g e- scheitert. Die Arbeitgeber lehnten die Forderungen der Arbeiter ab und ersuchten, mit Rücksicht auf die Pariser Verhandlungen auf neue Lohnerhöhungen zu verzichten. Die Arbeitervertreter lehnten dieses Ansinnen unter Hinweis auf die neue Verteuerung ber wichtigsten Lebensrnittel unb Bedarfsartikel ab.
— Die Verbindlichkeikserklärung der Tarifverträge. Nach einem vorn Reichsarbeitsministerium bem Reichs-
„Frau Meier'" riefen alle Kinder einstimmig und lauter, als es eigentlich nötig war.
Er schwieg einen Augenblick, bann sagte er lächelnd: „Also bas können Sie auch? Das ist ja beinahe unheimlich. Wo haben Sie es benn in dieser Vollkommenheit gelernt?"
„Bei einer Tante, bie mich nach dem Tode meiner Mutter erzog unb eine sehr tüchtige Hausfrau war."
„Aber Ihnen fehlle boch in letzter Zeit jebe praktische Hebung?"
„Allerdings, bafür hatte ich aber auf Reisen Gelegenheit, meine Kenntnisse auch in dieser Beziehung zu bereichern. In den großen, internationalen Hotels kocht man nicht nur sehr gut, man richtet auch oft sehr geschickt unb geschmackvoll an, unb wenn uns ein neues Gericht besonders gefiel, erkundigte ich mich nach seiner Zubereitung bei bem Küchenchef."
„Merkwürdig", faate ber Doktor, „bisher horte ich von Ihnen nie eine Bemerkung über das Esten."
Frau Meier lächelte. „Bisher war unsere Verpflegung ja in-ben besten Händen. Ich kann auch nicht behaupten, daß ich gern koche. Die Hände leiden, trotz aller Vorsicht, und ber Küchengeruch bleibt in ben Haaren hängen, aber kochen können muß, meiner Ansicht nach, jebe Frau, unb morgen wollen wir einmal sehen, wie weit Lisbeth es in dieser so wichtigen Kunst bereits gebracht hat." /
Am Nachmittag dieses Tages war das Wetter ganz besonders mild und schön, und als der Wagen vorfuhr, forderte der Hausherr Frau Meier zum erstenmal auf, ihn auf einer Landtour zu begleiten. „Sie kommen ja gar nicht heraus", sagte er, „unb kennen bie nächste Umgebung - kaum. Dabei finb Sie schon drei Wochen hier. Es ist also Zeit, daß ich Sie einmal entführe."
Sie war bereit unb sorgte sich nur um die Kleine». „Darf ich sie mitnehmen?" fragte sie.
Die Sache schien ihm nicht zu behagen.
„— Na, meinetwegen", sagte er dann. „Wir packen sie beide zum Kuffcher auf ben Bock. Da haben sie im Notfall Platz."
„Liselotte konnte ja zwischen uns sitzen", meinte sie.
Er schüttelte ben Kopf. „Nein", sagte er. „Erstens ist mir bas unk unb zweitens muß man bann