Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Lkadk Fulda.
Nr. 300.
trerantwortlick für den cedaoionellen Teil: Dr. I. Kramer. ", iür die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. n Rotationsdruck u. Verlaa der Fuldaer Actisndruckerei in Fulda, ^ernivrecher Nr. 9. Postscheck-Konto 4051 Frankfurt a. M.
Sonntag, 31. Dezember 1922.
Bezugspreis: Monatlich 200 Mk. Zustellgebühr extra- u Abgehoü in der Geschäftsstelle 200 2Iit :: Anzeigen: Kleinzeile nach Colonel 18 Alk., ausw. 25 Alk. Reklamezeile (Tert breite) nach Colone'mah 75 Mark.
49. Zahrg.
MM soll eine RillimdeJow MM
Ein offizieller Antrag in Washington.
Der Vorschlag Borrar Laws steht fest.
Daß im Augenblick, in dem die Pariser Konferenz öhren Anfang nimmt, Amerika nicht untätig ist, Einfluß auf die Gestaltung der europäischen Dinge zu er« fangen, bew-Äsvn die beiden foigeriden Melbrmgm:
wIb Newyork, 30. Dez. (Tel.). Me mis Washington gemeldet wird, Hal der republikanische Senator Burson im Senat einen Gefehentwur über die Gewährung von Krediten an Deutschland im Gesamtbetrag von einer Milliarde Dollar für den Ankauf von Lebensmitteln in den Leremigken Staaten eingebrachk. Dos Gesetz fleht vor, dich Deutschland als Sicherheit Schatzschein« her- gibt, die durch Industrie-Obligationen sicher gestellt nwrden sollen, und daß es die Kredite innerhalb von 10 wahren zurückzaPen soll. Der Zinsfuß soll 5 Proz. betragen.
wtb London, 30. Dez. (Tel.). Reuter taditef aus Washington: Der republikanische Senator Vorah, der bekanule (Segnet des Versailler Vertrages, hat die Zurückziehung seines Antrages, eine Konferenz der Weltmächte anzukmhnen angekündi§k, nachdem ihm mitgeteilt worden war, daß der Antrag für die im Dange befindlichen Verhandlungen mit Europa schädlich sein würden.
Der AechtsstandpunKt in der Holzfrage.
In der Presse ist eine Mitteilung der Repara- Honskommiffion veröffentlicht worden, wonach diese beschlossen habe, daß das Wort der „Nichterfüllung" in § 17 der 2. Anlage zum Re- parationskapitel des Versailler Vertrages denselben Sinn habe wie der Ausdruck „vorsätzliche Nichterfüllung" in § 18 dieser Anlage. Wenn dieses Kommunique authentisch sein sollte, so würde dadurch der Vorwurf erhoben werden, daß Deutschland mit den Holzlieferungen absichtlich hinter seinen Verpflichtungen zurückgeblieben wäre. Dieser 'Vorwurf würde nach deutscher Auffassung eine völlige Entstellung der Tatsachen bedeuten. Ganz abgesehen hiervon müßte jedoch gegen den Beschluß aus allgemeinen Gründen Verwahrung eingelegt werden. Die beiden angeführten Paragraphen des Vertrags unterscheiden ganz unzweideutig zwischen Nichterfüllung und vorsätzlicher Nicht- erfüllung. Für den Fall der einfachen Nichterfüllung wird in § 17 vorgesehen, daß die Rsparations- kommission solche Nichterfüllung unverzüglich den beteiligten alliierten Mächten anzeigt und ihnen gleichzeitig Vorschläge über die angebracht erscheinenden Maßnahmen mitteilt. In § 18 wird jedoch für den Fall einer vorsätzlichen Nichterfüllung bestimmt, daß die alliierten und assoziierten Regierungen zu gewissen Sperr- und Vergeltungsmaßnahmen berechtigt sein sollen. Wenn so in zwei unmittelbar aufeinander folgenden Bestimmungen einmal von einer Nichterfüllung besonders schwere Maßnahmen vorgesehen werden, so würde es nicht nur den elementarsten Regeln der Auslegung von Vertragsbestimmungen, sondern überhaupt jeder Logik widersprech en, die beiden im Vertragstext unterschiedenen Fälle nachträglich als gleichbedeutend hin.zustellen. Es wird auch den subtilsten Auslegungskünsten nicht gelingen, diesen klaren Sachverhalt zu verdunkeln. Nun ist es zwar richtig, daß der Versailler Vertrag die Reparationskommission zur Auslegung der Bestimmungen im Reparationskapitel ermächügt, diese Ermächtigung gibt der Kommission aber nicht das
„Stau Meier".
Roman von G. v. Stokmans.
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Ihre Gestalt war lang und hager, ihr Gesicht reizlos durch den Mangel an Frische und Farbe. Sie besah auch nicht ihrer Schwester lockiges, rotblondes Haar/ aber sie hatte schöne, dunkle Augen, die ein wenig scheu die fremde Erscheinung streiften, und eine sanfte, angenehme Sttmme, mit der sie' teilnehmend fragte, wie es Onkel Max gehe, unb ob sie sich im Hansemannschen Hause schon etwas eingelebt habe.
Frau Meier fühlte sofort herzliches Mitleid mit dem jungen Geschöpf, und als mm auch die Kinder hereingestürmt kamen und die Aufmerksamkeit von Mutter und Großmutter durch allerlei Wünsche in Anspruch nah- men, zog Frau Meier Frauken neben sich aus einen Tkchl, verwickelte sie geschickt in eine Unterhaltung und fragte, weshalb sie nicht öfter ihre Kusine Lisbeth besuche.
„Ich hatte bisher keine Zeit", murmelte Franken »eklommen, „aber nun, da die andern da sind, werde ih mich wohl einmal freimachen können." Dann fügte le zögernd, mit plötzlichem Entschluß, hinzu: „Am lebsten käme ich gleich nach dem Abendbrot. Dann ind die Kinder zu Bett, und ich werde nicht vermißt. Nein Detter Ernst sagte mir nämlich, daß Sie am llbend immer so wundervoll spielen, und ich liebe Musik per alles. Wenn ich manchmal Ihnen zuhören dürste, ,ürde ich ganz glücklich sein." 6 *
Zrachdem Frau Meier sie dringend einoetaben und «ich mit den kleinen Mädchen ein paar Worte gebrochen hatte, empfahl sie sich in ihrer ruhigen, liebens- »ürdigen Weise und ließ die beiden Damen in einer ^wissen Aufregung zurück. Frau Groth, die schank «d brünett mar und mit ihrer Schwester Mathesius richt die geringste Aehnlichkeit hatte, lief ohne jeden Irunb im Zimmer hin und her, blieb vor ihrer Tochter
Recht, den Sinn der Vertragsbestimmungen in das Gegenteil zu verkehren. Das wäre nicht mehr eine Auslegung, sondern eine willkürliche A e n d e- rung des Vertrages.
Im übrigen muß auch bei dieser Gelegenheit auf das nachdrücklichste darauf hingswiesen werden, daß, selbst wenn die Reparationskommiffion formell eine vorsätzliche Nichterfüllung festgestellt hätte, damit für die Anordnung von Sanktionen im besetzten oder unbesetzten Gebiet noch keine Rechtsgrundlage geschaffen wäre. Von deutscher Seite ist wiederholt mit den klarsten Gründen nachgewiesen, und von der Gegenseite ist es niemals widerlegt worden, daß der Vertrag den Alliierten unter keiner wie immer gearteten Voraussetzung ein Recht zu territorialen Sanktionen gibt. Alles, was die Alliierten im unbesetzten Gebiet tun oder was sie im besetzten Gebiet über die ihnen im Rheinlandabkommen gegebenen Befugnisse hinaus tun, wäre ein Eingriff in die territorialen Hoheitsrechte Deutschlands, der durch den § 18 nicht gedeckt wird. Nach § 18 würden selbst im Falle der Feststellung einer vorsätzlichen Nichterfüllung nur Maßnahmen wirtschaftlicher oder finanzieller Art in Betracht kommen, die von den Alliierten ohne Uebergriff auf das deutsche Territorium verwirklicht werden können.
Die Pariser Konferenz
Angesichts der am 2. Januar zusammentretenden Konferenz fehlt es in der Prssfe nicht an Mut- mafjungen über die Vorschläge, die England oder Frankreich machen werden. Die Angaben, die gemacht werden, widersprechen sich vielfach. In welcher Richtung die Vorschläge Bonar Laws in der Tat gehen werden, läßt sich aus folgendem Telegramm entnehmen, das über die am Freitag abgehaltene wichtige englische Kabinettssitzung berichtet:
wtb London, 30. Dez. (Id.) „Daily Te- legraphe" zufolge hat das brilifche Kabinett im Verlaufe einer sehr kurzen Sitzung die Hauptgrundlagen der Politik gebilligt, die Donar Larv und die britische Delegatton auf der Pariser Konferenz vertreten werden. Die technischen Fragen dieser Polittk scheinen gestern nicht mehr erörtert worden zu sein. Man war der Ansicht, daß auf jeden Fall, selbst für die anspruchvollste Varlei, die brttischen Vorschläge nicht summarisch als ungeeignete Grundlage beiseite Mschoben werden können.
Line neue Zollgrenze im Vesten?
Frankreich hat die Absicht klar ausgesprochen, zur Sicherstellung der Reparationsforderungen die Hand auf sogenannte „produktive Pfänder" zu legen oder, wie Poincare es ausdrückte, „etwas vom Reichtum des Schuldners zu retten", dadurch, daß man sich territoriale Pfänder oder produktive Garantien verschaffe.
Eine der größten Gefahren, die im Gefolge dieser Pfänder Politik dem rheinischen Industriegebiet drohen, ist die von Frankreich geplante Errichtung einer östlichen und Niederlegung der westlichen Zollschranke (Zollsystem Dariac).
Die Oeffnung der französischen Grenze könnte der rheinisch-westfälischen Jndu-
Ellen stehen — Frauken hatte die Kinder wieder hinausgebracht — und sagte heftig: „Ich glaube wirklich, mein Miete hat recht. Diese Meier ist eine ganz gefährliche Person. — Alles weiß sie, überall ist sie gewesen, in alles hat sie ihre Nase hineingesteckt. Englisch, Französisch, Italienisch kann sie perfekt, und dabei tut sie, als wäre das gar nichts Besonderes, sondern die einfachste Sache von der Welt. Zuerst gefiel sie mir ganz gut; sie besitzt ein hübsches, offenes Gesicht und eine gewisse Art uw Weise, die besticht; aber mit der Zeit fiel sie mir auf die Nerven. Sie hat eine so merkwürdige Art, einen anzusehen, wenn man mit ihr spricht, unb mir stockte mitunter das Wort im Munde."
Ellen lachte.
„Ja," sagte sie, „die ist klug, die läßt sich gar nichts oormachen; vor der muß man sich in acht nehmen; aber hast du nicht gesehen, wie schick sie angezogen war? Und dann ihre Silhouette! In allen Linien genau der neuesten Mode entsprechend und doch mit dem Cachet der Individualität versehen. Ich muß gestehen, ich beneide sie. Ihr Geschmack ist tadAlos, ich werde mich etwas mit ihr anfreunden, um Nutzen daraus zu ziehen. Ihre sonstigen Eigenschaften sind mir vorläufig ganz gleichgültig."
„Nun," Meinte die Mutter, „tu, swas du willst. Wer weiß, wie lange sie überhaupt noch hier bleibt. Ich werde sie nicht oft behelligen, denn wenn ich meine Worte auf die Goldwage legen soll, unterhalte ich mich lieber gar nicht mit ihr. Mein Miete wird schon allein mit ihr fertig werden "
Nun kannte Frau Meier beinahe die ganze Famille, nur die Petersen fehlten noch. Da führte ein Zufall sie mit Frau Klaudine zusammen, unb diese Begegnung hatte für sie einen ganz besonderen Reiz.
Sie ging eines Tages in Gedanken die Kaisersttatze entlang, da hörte sie hinter sich ganz laut ihren Namen „Dorothea" rufen. Erstaunt wandte sie sich um, konnte aber niemand entdecken. Der Bürgersteig hinter ihr war leer. Gleich daraus ertönte der Ruf noch einmal.
ftrie für die Schließung der deutschen Grenze keinerlei Ersatz bieten. Der französische Markt ist durch die Hüttenerzeugnisse Lothringens unb des Saarlandes bereits überlastet und so für die deutschen Produkte keineswegs aufnahmefähig. Es müßte ein Rückgang in der Produktion der bedrohten Industrie eintreten, der über kurz oder lang zur Katastrophe führen wurde.
Das sind keine bloßen Vermutungen oder Befürchtungen. Wir können uns — leider — auf sprechende Zahlen stützen, auf unanfechtbares statistisches Material. Als nämlich im Sommer 1921 die Rheinlands-Zollgrenze errichtet wurde, ergab sich für die rheinische Industrie — um nur einige Zahlen zu nennen — das folgende trübe Bild:
Arb-EiUl.: 15D.fi. 45 v. H. 45 v. H. 10 v. H. 45 v. fi. 25o.fi.
100 d. fi.
Ein ähnlicher Rückgang wie hier würde ohne allen Zweifel in noch höherem Maße bei der Errichtung der geplanten neuen Zollgrenze eintreten. Darüber hinaus würde hier aber auch die Rückwirkung auf das unbesetzte Deutschland katastrophal fein, denn die gesamten mitteldeutschen Industrien, die zum allergrößten Teil von der Ruhrkohle gespeist werden, müßten mitsamt ihren Arbeiterheeren zu Grunde gehen.
Welche Folgen ein derartiges Unglück für die Fortexistenz Deutschlands und damit letzten Endes auch für Frankreich und das übrige Europa hätte, leuchtet ohne weiteres ein.
üfidgaitg:
Lebergroßhandsl unb Weineinftrhr 40o.fi. Papier, kermaifche u. Hüttenerzeugn. 50 d. fi. Möbelfabrikation 55 o. fi.
Roheisen, Metalle, Stahl (Großhb.) 60 v. H. Spchitton 65 v. fi.
Eisengroßhandel, Weingroßhandel 75 o. fi.
Werkzeugmaschinen, Werkzeuge 85 v. fi.
Metallgießerei, Faßgroßhandel 100 v. fi.
Der Reichsspar-iktator.
Reichspenfionsamt und Landesaufnahme sollen wegfallen.
Wie eine Korrespondenz berichtet, hat Reichs- sparkommissar S ä m i f ch als erste Behörden, die im Interesse der Vereinfachung der Geschäfte wegzufallen haben, das Reichspensionsamt und die Landesaufnahme in Aussicht genommen.
Deutsches Reich.
* Die Gehaltsfestfehung für Siaaksbedienstete. Der Reichsfinan,Minister benachrichtigte die gewerkschaftlichen Spitzenorganisationen, daß die erbetenen Verhandlungen über die Neuregelung der Löhne und Gehälter der Staatsbediensteten am 8. Januar stattfinden werden. Laut „Lok.-Anz." wird dabei die Frage der am 16. Januar in Kraft tretenden Brotpreiserhöhung behandelt werden. Es werde versucht werden, eine prozentuale Erhöhung der Gehälter und Löhne zu fordern in der Weise, daß man den Aufschlag fordert, der allen Beamten und Arbeitern ohne Unterschied zur Deckung der Brotmehrkosten gewährt wird. — Im Reichsverkehrsministerium begannen die Verhandlungen der beteiligten Gewerkschaften, um die Zurückziehung der Vorschriften des Reichsverkehrsministeriums über die Dien st dauer der Eisenbahner oder die Herausgabe genauerer Richtlinien zu erreichen.
* Aus Bayern. Bei Verhandlungen im bayerischen Landlwirischaftsmmfftermm über die Festsetzung des neuen Milchpreises erklärte der Land- wtrtschMmSnPsr WutzÄhofer, er könne einer Erhö- taig des Müchpreises solange nicht zustimmen, als sich der südbayerische Milchpreis über dem Milchpreis des übrigen Reiches bewege.
unb nun erblickte sie an einem offenen Parterrefenster einen grünen Papagei, ber eine feine Kette am Fuß nachschleppte unb damit ganz vergnüglich auf bem Fensterbrett auf- unb abspazierte. Niemand schien im Zimmer zu fein, und ba Frau Meier Liebe und Verständnis für Tiere hatte, trat sie an die niedrige Brüstung, plauderte mit bem Bogel, ber ganz zutraulich schien, unb wagte sogar, ihm das hübsche Köpfchen zu kraueln. Da ging im Innern seine Türe, tmb eine sanfte Stimme rief ängstlich: „O bitte, nehmen Sie sich in acht; der Vogel ist gegen Fremde mitunter falsch unb beißt tüchtig." —
Der sanften Stimme folgte die zarte Gestalt einer Ateren Dame, bte ganz schwarz gekleidet war unb auf dem schlichten, grauen Scheitel ein schwarzes Spitzenhäubchen trug. Sie sah unbeschreiblich gedrückt und leidend aus und dabei fein und gebrechlich. Dennoch erinnerte sie lebhaft an die Frau Bürgermeisterin, und Frau Meier konnte einen Ausruf der Ueberrafchung nicht unterdrücken.
„O", sagte sie, „habe ich vielleicht das Vergnügen, Frau Petersen vor mir zu sehen? — Dann gestatten Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle. Ich bin die neue Hausdame Ihres Herrn Bruders, unb hätte Ihnen längst mehren Besuch gemacht, wenn mir nicht gesagt worden wäre, Sie seien krank."
Frau Klaudine lächelle wehmütig. „Meine Ge- undheit läßt immer viel zu wünschen übrig," sagte sie, „aber in letzter Zeit durchaus nicht mehr als sonst, auch verhindert sie mich nicht, Gäste zu empfangen. Wenn Sie Zeit haben, kommen Sie doch bitte herein."
Frau Meier folgte der Einladung unb betrat ein Zimmer, bas mit schönen, alten Mahagonimöbeln aus» gestattet war unb in seiner altmodischen Traulichkeit an Tante Abelones gemütliches Stübchen erinnerte. Das Beste darin aber war doch diese zarte Frau mit den müden Bewegungen, den klaren Augen unb dem feinen Mund, um den sich jetzt ein müdes Lächeln legte, als sie sagte: „Ich habe natürlich schon von Ihnen ge= '
MW WM Bier MwiWckrse.
Der preußische Wohlfahrtsminister Hirtsiefer veröffentlicht in der „Germania" einen beachtenswerten Artikel „Auf dem Wege zu einem preußischen Ju gendw ohlf a hrtsge. setz". Er weist darauf hin, daß Preußen im Rcchmen des Reichsgesetzes für Jugendwohlfahrt vom 9. Juli 1922 ein Ausführungsgesetz erlassen wird, das insbesondere die Jugendwohlfahrt mit der allgemeinen Wohlfahrt in Einklang setzen und die Frage der Landesjugendämter regeln wird. Weiter sagt dann der Minister:
„Jugendfürsorge treiben heißt die körperlich ober sittlich gefährdete Jugend vor den verderblichen Einflüssen schützen und die schon Verdorbenen bessern, zu ihrem und ihres Volkes Besten. Somit ist auch die Fürsorgeerziehung, die gleichfalls ihre weitere Regelung im preußischen Ausführungsgesetz erfahren wird, ein Schutz, eine Wohltat für die Jugend. Das verkennen alle die Gesuchsteller, die für ihr Kind die Entlassung aus ber Fürsorgeerziehung int Wege ber Gnade erbäten. Begnadigen kann man nur von einer zu- erkannten Strafe; eine Wohltat kann nicht Gegenstand eines Gnadenerweises sein. Soll bte Maßnahme ber Anordnung einer Fürsorgeerziehung von den Eltern aber auch als eine ihren Kindern erwiesene Wohltat empfunden werden, so müffen sie das Vertrauen haben, daß die Durchführung der Fürsorgeerziehung von bem Geiste sozialer Gesinnung getragen wirb. In bieser Hinsicht ist in dem letzten Jahre manches gebessert worden. So ist der Verkehr ber Eltern mit ihren in Fürsorgeerziehung befindlichen Kindern dahin geregelt, daß ihnen ber Aufenthaltsort ihrer Kinder, sobald wie nur irgend möglich, mitgeteilt wird. Mit dieser Mitteilung soll ihnen auch ein Merkblatt übersandt werden, bas in kurzer eindringlicher Weise die Aufgaben der Fürsorgeerziehung schildert und die Bestimmungen über den persönlichen und brieflichen Verkehr bekanntgibt. Ein Briefverkehr soll mindestens einmal monatlich stattfinden.
Sollen burd) die Fürsorgeerziehung bte jedem Menschen innnewohnenben guten Eigenschaften wieder geweckt, ober gestärkt werden, so bedarf es der warm, herzigen Teilnahme einer auf erziehlichem Gebiet erfahrenen Persönlichkett an bem Geschick seines Zöglings mehr denn aller Zwangs- unb Strafmittel. Der persönliche Einfluß des Erziehers muß Zwang und Strafen allmählich immer mehr aus ber Reche ber Erziehungsmittel Derbrängen. Es werden auch alle Maßregeln zu oermeiben fein, bie den Anstalten ben Charakter von Gefängnissen verleihen. Den Zöglingen barf nicht, bevor sie Vertrauen mißbrauch: haben, schon mit Mißtrauen begegnet werden, um ihren Freiheitsdrang nicht unnötigerweise zu steigern und Entweichungen, die sonst unterblieben wären, zu veranlassen."
Der Minister weist zum Schluß noch darauf hin, daß das Reichsjugsndgefetz zweckmäßigerweife möglichst früh, noch vor dem 1. April 1924 in Kraft gefetzt werden sollte. „Es muß für die Freunde der Jugend der Wunsch bestehen, sobald als nur irgend möglich mit der praktischen Arbeit einsetzen zu können, um der Jugend bald zu geben, was der Jugend gebührt, lieber formelle Unbequemlichkeiten darf man dabei nicht stolpern. Das Wohl der Jugend geht über eine glast« laufende Verwaltungsmaschinerie."
äusianfc.
* Eine Arbeitslosigkeit in Oesterreich. Lau .Vossischer Zeitung wirb aus Wien berichtet, da!» die Arbeitslosigkeit in Dentschösterreich andauernd w ä ch st.
* Ter .fliegende" Botschafter. Nach einer Havasmeldung verließ der französische Boischafter in London die englische Hauptstadt im Flug* zeug und hat sich nach Frankreich begeben.
Hus dem besetzten Gebiet.
= Lin brelfter Brief Doriens. Einer Korrespon denzmelbung zufolge hat ber rheinische Sonberbünblet Sorten an bie Reichsregierung ein Schreiben
hört unb wünschte lebhaft. Sie kennen zu lernen, aber ich gehe so wenig aus, daß selbst meine nächsten Freunde und Verwandten mich nur selten sehen, um so mehr freue ich mich, wenn jemand zu mir kommt, besonders am Vormittag, wenn ich allein bin. Am Nachmittag nimmt mich mein Mann häufig in Anspruch."
Frau Meier nickte.
„Sie haben aber doch Kinder im Haus."
Ein verklärender Schein ging über das stelle Gesicht.
„Gewiß," sagte sie, „und so liebe Kinder, Sie glauben gar nicht, wie sie mich verwöhnen. — Einen förmlichen Kultus tteiben sie mit mir. — Ich muß immer nur abwehren, aber es ist ja nichts vollkommen auf bet Well. In anderer Weise bereiten sie mir wieder viel Kummer."
Frau Meier wollte keine indiskrete Frage tun, unb so erkundigte sie sich nur nach ber Anzahl unb bem Alter ber Kinder der Frau Petersen.
„Es sind ihrer nur zwei," war die Antwort, „ein Sohn und eine Tochter — Hans und Thea. Hans hat vor Jahren sein Abiturium glänzend bestanden und sein Jahr abgebient, durfte aber leider nicht studieren, ba fein Vater ihn im Geschäft brauchte, unb Thea hilft mir treulich im Hause, obgleich ihre Talente unb Neigung auch in ganz anderer Richtung liegen."
»Also galt das „Dorothea" des Papageis natürlich ihr", meinte die Hausdame. „Ich heiße auch so, unb glaubte beinahe, man habe mich gerufen."
Srau Klaudine lächelte. „Das ttifft sich ja gut," jagte sie, „so habe ich eigenüich dem Vogel bie Bekanntschaft zu verdanken, unb Sie gefallen ihm offenbar sehr gut, sonst wäre er nicht so zutraulich gewesen."
Man sprach nun noch über bie Verhältnisse im fian- semannschen Hause, unb Frau Klaubine meinte: „Wie sie mit der allen Lene auskommen, ist mir ganz unbegreiflich. Sie hat ja für meinen Bruder und die armen Kinder nach besten Kräften gesorgt, aber ich an Ihrer Stelle würde mich vor ihr fürchten."
(Fortsetzung folgt.)