fir. 295.
uidaerZertung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stabt Fulda.
49. Zahrg
ZerantwonlicL für Der« feöauionellen Teil • Dr. 2- Kramer. z für bk Anzeigen: I. Parze» l er-Fu!oa. ~ Rotationsdruck u. Derlaa der Fuldaer Actiendruckerei in tvulba. 'erntnrecher Rr. Pofi^tdeck * Kon^ o 40ol ^ranffurt a tc.
Samstag, 23. Verrmbrr 1922.
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Anzeigen: Kleinzeile nadj(£ oionei 18 MIL. ausm.25 ziit. Nekiamezeiie (Trttbrestrl nach Colone'maß 75 mar-
„AM MMliM SW V'Nll".
Allen EegeiHÜgen der angelfächfrfchen Machthaber §um Trotz b.eidon die Franzosen unter dec Führung Pomcares bet ihren alten Forderungen.
In der Sitzung des französischen Senats erklärte Palmare in Beantwortung der 2n- terpellatio.u über die auswärtige Politik der InvMeruMg, es sei natürlich, daß angesichts der Veffchlun^en (?) Deutschlands die Geister beunruhigt seren. Welches aber sei der rascheste und sicherste Wog, damit Frankreich in seinem Recht befriedigt werde? Rian müsse Deutschland einer
effektiven Kontrolle unterwerfen. Deutschland müsse bezahlen. Es habe Domaniaigüter, über die nach Art. 248 des Frie- densvertrages die Alliierten ein Privileg ersten Ranges besäßen. Er (Poincare) werde von den Alliierten ver- tan^en, mit FraMreich diese Pfänder zu nehmen oder Krankveich sie für gerne.nsames Konto nehmen zu lassen. Deutschland besitze ober auch immobile Pfänder, Werte, die als Pfänder für die Forderungen an Deutschland dienen müßten. Poincare erklärte weiter, es sei wünschenswert, daß Deutschland Kapital erlange. Das wolle aber nicht besagen, daß die Reparatioiisfrage in die Hände der Bankiers über- gchen solle. Sie müsse von den inierecher.en Regierungen mit Unterstützung der Reparalionskomlmffion geregelt werden. Diese Frage werde den Gegenstand der Verhandlungen am 2. Januar bilden. Dann werde man auch über die alliierten Schulden sprechen.
Frankreichs Kriegskosten
hätten sich auf 145 Milliarden Fr. belaufen. Es würde unKtiässig sein, wenn Frankreich seine Schulden besohlen müßte, bevor es selbst EmschadiMng errangt habe.
Von besonderer Sei.te wird uns geschrieben:
Die Initiative, die Amerika entfallen zu wollen scheint, steckt noch in den ersten Anfängen. 2n Paris bemüht man sich um den Nachweis, daß in der dritten Dezemberwoche „viel Lärm um wenig" verursacht worden sei. Es wird wohl daraus h.nauslausen, daß die Konferenz in Paris am 2. 3a;ruar beginnt, ohne daß Amerika seine Absichten näher definiert. In Washington ist man angeblich entschlossen, den Beschluß der Re- pmakiousmächte abzuwarten, ehe amerckan.lche Vor- sihtäge erfolgen. Höchstens käme in Betracht, daß — falls die Stimmung auf der Pariser Konferenz es ratsam erschermn lasse — ein nichtamtlicher amerikanischer Vertreter sich für ein internationales Schiede geeicht in b er Reparations - frage ausspräche. Es hieße aber doch wohl dir poli» E<he Geschicklichkeit des Präsidenten Harding und des Staatssekretärs Hughes unterschätzen, wenn man die jüngsten Schritte der Washingtoner Regierung als Ueveveilcheiten oder gar als Entgleisungen charakterisieren wollte. Man wird in der Annahme ncht sehl- Hchen, daß Washington mit seinen jüngsten Anregungen den europäischen Alliierten einen Wink erte.len rvoille, daß Amerikas „Desinteressement" cm den eine« päischsn Streitigkeiten und Schikanen eine Grenze habe. Vielleicht erwarten die Leiter der amerikanischen Politik auch, daß der Vorschlag eines internationalen Reporationsgerichts con einer an den Pariser Verhandlungen beteiligten europäischen Macht auf gegriffen wird:
Nach den aus Washington vorliegenden Meldungen würde sich die Verwirklichung des Schiede- gerichtsplanes folgendermaßen vollziehen: Die Pariser Konferenz beschließt, eine internationale Ban- kierkonferenz anzuregen, die dann auch zusammentreten würde. Die Bankierkonferenz setzt dann wiederum einen Unterausschuß ein, der die für Deutschland erschwingliche Reparationssumme feststel- (en soll. Diesen Unterausschuß sollen ausschließlich —
oder vorwiegend — Vertreter von Mächten angehoren, die nicht am Weltkrieg teilgenommen haben. Der deutsch: Botschafter in Washington, Dr. Wiedseldt, hat dem Vernehmen nach bereits sein Einverständnis erklärt, einem solchen neutralen Ausschuß die Entscheidung über die Höhe der von Deutschland M zahlenden Reparationssumme zu übertragen. Zcveise!- los ist es für Deutschland viel günstiger, wenn cm Aeropag sachverständiger Neutraler die Entscheidung über eines der wichigsten Teilproblems der Repara- tionssraM übernimmt als wenn der „2 berste Rat" oder ein ihm gleichartiges Organ das letzte Wort zu sprechen hat. Immerhin ist dies nach den Erfahrungen mit dem obersch'esischen Problem mit großem Risiko verbunden. Besteht die Mehrheit des Repara- ticnegerichtes nicht aus irmentd) irr» äußerlich uncib- hängirsn Männern, so kann ein Fehlspruch herauskommen, der kaum rückgängig gemacht werden kann.
Möglicherweise kommt es aber gamrdjt zu einem Beschluß der Alliierten, ein internationales Schiedsgericht anzurufen. Selbst ein Mehrheitsbeschluß der kommenden Pariser Reparationskonferenz bietet noch keine Gewähr dafür. Gerade in jüngster Zeit ist in Paris betont worden, daß Frankreich keinen außenstehenden Richter in der Reparations- frage anerkennen werde. Immerhin kann dann das eine erreicht werden, daß die widerstrebende Macht vor der ganzen Weit als der Saboteur der Weltsanierung erscheint.
*
Wie Reuter erfährt, ist in London über die Bildung eines amerikanischen Ausschusses von Ge° schäfisleuten für die Repw ationsfragen nichts bekannt. An die briti!che Regierung sei man wegen dieser Sache nicht herangetreten.
3n Berlin
nehmen die Besprechungen der Regierung mit den Sachverständigen über die Ergänzung des Reparationsprogramms ihren Fortgang, lieber das Ergebnis wird nach wie vor strengstes Stillschweigen bewahrt.
Die deutsche Zühnenste.
Die von der Botschafterkonferenz dem deutschen Botschafter in Daris, Dr. Mayer, übergebene Antwortnote über die Zwischenfalle von Stettin, Passau und Ingolstadt liegt mmmchr im Wortlaut vor. Amtlich wirb zu der Note erklärt, daß die darin erhobene Forderung der Botschafterkonferenz auf amt- liche Veröffentlichung des Wortlautes der Entschulid'.gu>.vg durch die Verbreitung der Note durch das W.T.B. bereits erfüllt wordsy s«. Der von der Botschafterkonferenz geäußerte Zweifel, ob die Ent- schuldigungsn der Reichsregierung auch für bte bayerische Regierung gelten, erledigt sich durch den Art. 78 Ws. 1 der Reichsverfassung.
Geftliche Grenzfragen.
lieber die Weichselfrage ist in Berlin eine Entente-Note eingetroffen. Sie enthält nichts wesentliches Neues, nur daß die polnische Regierung ermächtigt wird, den ihr zugesprochenen S t r e i - fen auf dem rechten Weichselufer vorn 20. Dezember ab zu besetzen. Es handelt sich um einen 50 Meter breiten Uferstreifen und zwei Felder.
fireisfag gegen die Gretizkommission.
Nach einer Drahtmeldung der „Voss. Ztg." aus Breslau hat die Entscheidung der interalliierten Grenzkommission, wonach die Gemeinde H a a t s ch der Tschechoslowakei einverleibt wurde, in Haatsch und im gesamten Kreise R a 11 b o r große Erregung hervorgerufen. Im Auftrag der Gemeinde
b&tab sich eine Deputation nach Berlin, um die maßgebenden Stellen aufzufordern, die sofortige Revision der ungerechten Entscheidung durchzu- setzen. Der Ratiborer Kreistag beschloß einstimmig die Absendung eines Prote st tele- gram m s. ,|K____
Sit Stimm Btt UMrsMIM.
Der Rus nach Drolstreckung.
Der Reichsausschuß der Landwirtschaft gibt eine Erklärung zur Frage der Brotversorgung bekannt, in der u. a. gesagt wird, daß der Reichsausschutz aufgrund seiner umfassenden Kenntnisse der Ernährungslage mit Rücksicht aus Umlage für sachlich unmöglich hält. Entgegen den Umlage für sachlich möglich hält. Entgegen den Behauptungen des Reichsernährungsmimsters, daß die Brotvetzforgung gesichert sei unter der Boraus- settung, daß das Umlagegetreide hereinkomme und das Reich in der Sage bleibe, die für die Getreideeinfuhr nötigen Devisen aufzukaufen, stellt der Reichsausschuh fest, daß die Brotoersorgung nur unter der Voraussetzung gesichert werden kann, daß m in d e st e n s 1,7 bis 1,8 Millionen Sonn en Brotgetreide eingeführt werden können. Außerdem hat er mit Nachdruck darauf hingewiefen, daß nichts unversucht bleiben dürfe, um eine Brotstreckung in möglichst großem Umfange herbeizmführen.
Deutsche; Reich.
* Kanzler und Bischof. Reichskanzler Dr. Cuno richtete unter dem 8. Dezember folgendes Schreiben an den Bischof von Speier:
.Hochwürdigster Herr Bischof! Euer bischöflichen Gnaden danke ich herzlichst für die liebenswürdigen Zeilen und Wünsche, die Sie, Hochwürdigster Herr, aus Äntaß meines Dienstantrittes an mich richteten. Das Schicksal des besetzten Gebietes ließt mir wie jedem Deutschen ganz besonders am Herzen; wenn ich hoffe, daß es deutscher Treue und Arbeit gelingen wird, auch die schweren Zeiten zu bestehen, so rechne ich habet nicht zum wenigsten auf die Seelenstärkung religiöser Kräfte und das treue Wilken des Klerus. Unsere Ar. beit möge von dem Segen begleitet sein, den Euer Bischöflichen Gnaden für sie erbitten wollen. In ausgezeichneter Verehrung, bin ich Euer Bischöflichen Gnaden eraebenner Euno."
* Reue Botschafter. Laut dem „B. T." wird der bisherige italienische Botschafter in Berlin, Frassati, Samstag mittag Berlin verlassen. Stin Nachfolger Bosdar! wird Dienstag früh in Berlin einttaffen. Nach dem gleichen Blatt hat die Große Nationalversammlung von Angora den Deputierte Djela - Bey, zum türkischen Bolschcifler in Vertin ernannt. Der Bot. schafter wird seinen Posten antreten, sobald der Friede von Sauf a tme unterzeichnet ist.
* Eine Änk.age wegen ,;«qnenflucht. Der Staatsanwalt in Schwerin hat gegen den Leutnant Roßbach die Anklage wegen Fahnenflucht erhoben. Es handelt sich um den Ueberiritt der Roßbach- Truppe ins Baltikum im Jahre 1919.
* Zum thüringischen 3uffijminffter ist an Stelle des zurückgetretenen Freihsrrn v. Brandenstein der ehe- «rtrüge mecklenburgische Ministerialrat Dr. Ritt- weger mit den Stimmen der Sozialdemokraten und Kommunisten gewählt worden. Die bürgerlichen Abgeordneten enthielten sich der Stimme.
Ans dem besetzten Gebiet.
— 3«r Wahl »er wierbahemr Reale'tmarpräfi- drvlen. Der Nassauische LandeSuusschutz hotte sich zur Wiederbesctzun i deS fretgetDorbenen Postens des Negie- run.ispräsidenten gutacbtlicb zu äußern. Mit neun von insgesamt dreizehn abgegebenen Stimmen wurde der frühere preußische Kultusminister Konrad Hae nisch vor« esch lagen. »
„Stau Meier".
Roman von ®. v. Stokmans.
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»Vorwiegend im Süden."
»Sie hatten kein bestimmtes Domizil'?"
»Nein, nur vorübergehend; wir reiften sehr viel."
»Und Reisen kosten Geld."
Frau Meier lächelte: „Es kommt darauf cm, wie und zu welchem Zwecke man reist."
„Wo waren Sie denn, als er starb?"
„An feiner Seite, gottlob; aber von dieser traurigen Zeit kann ich nicht reden. Die Erinnerung ist noch zu neu und zu schmerzlich für wich."
„Hm", machte Miete und gestattete, daß ihr Gatte auch einmal zu Worte kam, aber ihr Wissensdurst war poch lange nicht befriedigt, und nach kurzer Zeit riß sie die Unterhaltung wieder an sich mit den Worten: „Ich »FI Ihre Gefühle tn bezug auf den Ted Ihres Mannes
n schonen, aber was taten Sie, als Sie allein waren?" »Ich ordnete die geschäftlichen Angelegenheiten." /Gewiß keine erfreuliche Aufgabe — und bann?“ „Ging ich nach Berlin und wartete." „Worauf denn?"
,Au° eine Gelegenheit, mich nützlich zu machen, meine Stenntnife und Kräfte zu verwerten."
„Sie haben also eine so vielseitige und verantwortliche Stellung noch nicht innegehabt?"
„Nein — weder eine solche noch eine andere."
„Dann wundere ich mich nur, daß Sie den Mut haben, sich m -inem Bruder anzubieten."
Frau Täter lachte — ein kleines, sorgloses Lachen. „Ach," sagte sie, „ich bin keine überängstliche Natur und finde mit) überall leicht zurecht. Es ist ja auch kein festes Engagement, das mich bindet, sondern ein interessanter Versuch, den man jeden Augenblick ab- brechen kann."
Mein Miete reckte sich steif in die Höhe. „Ja," meinte sie, „das ist es allerdings, aber in diesem Punkte verstehe ich meinen Bruder nicht. Zu einem bloßen Ex- xeriment wären mir mein Haus und meine Kinder viel
zu gut. Anderseits hat er ja den Vorteil, sofort wechseln zu können, wenn er sieht, daß Sie den gestellten Anforderungen nicht gewachsen sind, und das, ich nmh es zugeben, ist auch etwas wert."
Fran Meier sah ihr mit gut gespieltem Erstaunen ins Gesicht. „Ach", sagte sie, „an diese Seite der Medaille habe ich noch gar nicht gedacht. Mir schwebte nur immer die Möglichkeit vor, daß mir selbst der Meine Ort und das kinderreiche Haus nicht gefallen könne, und Professor Mäander bettachtete die Sache auch von diesem Gesichtspunkt aus."
„So — Professor Mäander?" Mein Miete wiederholte den Namen, der für sie ein willkommenes Stichwort war, nut besonderer Betonung, „ja, wie kommen Sie eigentlich zu dem berühmten Manne?"
„Auf die natürlichste Weise," war die sehr schnelle Erwiderung. „Wir sind alte Bekannte und gute Freunde. Er hat mich auch einmal während einer schweren Krankheit behandelt, und als wir uns jetzt in Berlin wieder- sahen, war auf beiden Seiten die Freude groß."
„So hatten Sie den Professor Mäander lange nicht gesehen?" fragte mein Miete.
„Weder gesehen noch voneinander gehört," erwiderte Frau Meier.
„So? Wie alt ist er denn?"
„Wie alt?" — Frau Meier lachte wieder. — „Das weiß ich wirklich nicht, aber er ist noch auf der Höhe feiner Kraft und sieht s-hr gut und stattlich aus."
„Verheiratet?"
„Nein; er behauptet, zum Heiraten habe er keine Zeit."
„Aber für Sie hatte er welche?"
„Nicht immer; er besuchte mich nur zuweilen am späten Abend, wenn das Tagesprogramm erledigt war, ! und in feiner Sprechstunde hatte ich immer freien Zutritt."
„Wo wohnten Sie denn in Berlin?"
„Bei einer Freundin."
Mein M ete warf ihrem Gatten einen Blick zu, in ; meldjem eine Welt voll Mißtrauen lag, und wollte das ' Verhör noch weiter fortsttzen, aber Frau Meiers Geduld , schien nun erschöpft zu jein. Sie erhob sich langsam
und sagte ruhig: „Es ist freundlich von Ihnen, Frau Mathesius, daß Sie für meine Angelegenheiten und meine Freunde ein so lebhaftes Interesse bezeigen, aber ich darf Sie setzt nicht länger aufhalten. Sie werden erwartet. Nur eine kurze Auskunft möchte ich mir heute noch erbitten — eine Direktive für mein Verhalten nach außen hin. Ich fragte Ihren Herrn Bruder nämlich, welchen seiner Verwandten ich meinen Besuch machen solle, und er verwies mich an Sie in der Voraussicht, daß Sie am besten wissen würden, wo mein. Kommen erwünscht sei und wo nicht. Ich für meine Person will mich weder jemand aufdrängen noch die gebotene Höflichkeit außer acht lasten, und fo bitte ich Sie, bestimmen Sie und sagen Sie mir, zu wem soll ich gehen?"
Mein Miete dachte einen Augenblick nach, dann sagte sie mit großer Bestimmtheit: „Zu niemandem vorläufig. Meine jüngste Schwester Fite, die hier mit dem Rechtsanwalt Groth verheiratet ist, verweilt mit ihrer, ver- witweten Tochter, der Baronin Kudensee, im Süden, und meine älteste Schwester, die Frau des Weinhänd- lers Petersen, ist, wenn nicht krank, so doch sehr leidend. Wtt verkehren überhaupt kaum mit ihr."
Der Bürgermeister räusperte sich vernehmlich.
„Mein Miete." sagte er, „vergiß nicht Tante Abelone. Sie interesiiett sich lebhaft für alles, was in der Familie vorgeht, und würde sich über Frau Meiers Besuch gewiß sehr freuen."
Seine Frau nickte gnädig.
„Ja," meinte sie, „da hast du recht. Sie ist zwar fo taub, daß man nicht viel mit ihr reden kann, aber Frau Meier muß doch wohl hingehen."
„Wie heißt die Same?" fragte jene, offenbar interessiert.
„Fräulein Abelone Vollmer. Sie ist eine Schwester meiner seligen Mutter und schon sehr alt. Uebrigens wohnt sie Ihnen grab gegenüber und hat Sie durch ihren Fensterspieoel, den sogenannten Spion, gewiß längst bemerkt. Ihr Geist ist noch klar, ihr Gedächtnis ganz
, erstaunlich gut. Sie ist die reine Familienchronik, und | wenn die alten Geschichten Sie nicht langweilen, kann i ich Ihnen viel erzählen. 5m übrigen, Frau Meier,
Richtlinien zur Preisbildung.
Mrlscbafls- und Justizministerium zum WährnnZsproblem.
Die tiefgehende Erschütterung der Markwäh. rung, die zu einer das Wirtschaftsleben schädigenden Unsicherheit auf dem Gebiete des Prelstreibe- rsirechts geführt hat, gab dem Rerchswcr.fchafts- und dem Reichsjustizministerium Veranmsiung, an Hand von Besprechungen und ©rfaörunge.n tn der Vrrwaltungspraxis der letzten Zeit Rrchtlimm auszuarbeiten. Diese sollen im Rahmen der stark chwankenden Währungsverhältnisse alle überhaupt gegebenen Möglichkeiten in der Stetigkeit der verwaltungsmäßigen und rechtlichen Entscheidungen über die Preisfestsetzung gewährleisten.
Im einzelnen werden unter Berücksichtigung der Ergebnisse der Rechtsprechung und unter Fort- entwicklung früherer vom ReichswirtfchaftsmlNiste- rium vertretener Austastungen, die Grundsätze über die Feststellung eines angemessenen Preises entwickelt und die stark umstrittenen Begriffe „Marktlage", „Notmarktlage" und „Wie- derbeschaffungspreis" erörtert. Eine Normen- täfel wurde ausgestellt unter Zugrundelegung der vom Statistischen Reichsamt allmonatlich veröffentlichten Indexziffer für die Lebenshaltungskosten, und eine zahlenmäßige Richtlinie, inwieweit im Warenverkehr der zwischen dem Ein- und Verkauf etwa eingetretenen Geldentwertung Rech- nung zu tragen ist. Eine frühzeitige Heranziehung von Sachverständigen noch vor Anklage-Erhebung wegen Preistreiberei und in einem möglichst frühzeitigen Abschnitte des Verfahrens wird für notwendig erachtet. Die Sachverständigen sollen tunlichst auf Vorschlag der amtlichen Vertretungen der be- teiligtenWirtschaftskreise ernannt und vor schweren Rechtszugriffen, wie Warenbsschlag- nahme oder Entziehung der Handelserlaubnis, ge-. hort werden.
Die Richtlinien betonen ferner dis Notwendigkeit einer eingehenden Aufklärung der Bevölkerung über die Breisentw'eklung und deren Ursachen. Sie geben Fingerzeige, wie neben der ständigen Heranziehung ber Tagespresse insbesondere durch eine innige Zusammenarbeit der Preisprüfungs st eilen mit der Wucherpolizei und mit den Verbrauchern, die vielfach auf Unkenntnis der wirtschaftlichen Zusammenhänge beruhenden Gegensätze zwischen den einzelnen Berufsständen gemildert werten konnten.
Kurland.
* Vom Bürgerkrieg in Irland. Wie a’.tl^Eülftn gemeldet wird, ist der Schnellzug Belfast- Dublin in der vergangenen Nacht unterwegs von bewaffneten Männern angehalten unb in Br and aesteckt worden. Ein aus Dublin kommender Güterzug stieß mit dem brennenden Zuge zusammen, Nördlich von Dcndale wurde ein weiterer Güterzux zum Entgleisen gebracht.
ÄUS Her ZentrumspKrtei.
— Dr. Zehnter ff In Karlsruhe ist^Oberlandesgerichtspräsident Dr. Zehnter verstorben. Seit 1898 gehörte er dem deutschen Reichstag an und seit 1899 dem badischen Landtag. Alter und Gesundheit ließen ihn bet den letzten Reichstagswahlen von der Kandidatur zurücktreten. Dem badischen Landtag blieb er bis an fein Ende treu. Juristische Schärfe und Klarheit des Denkens gaben ihm im Parlament wie im Richterkol- legitim eine überragende Bedeutung. Der Jurist Zehnter wurde in allen Lagern als ein erstklassiger Mann anerkannt. Für bie badische Zentrumspartei ist der Tob des Seniors in der Fraktion ein schwerer Verlust.
wenden Sie sich in allem immer nur an mich. Ich steh, dem Hause meines Bruders doch entschieden am nächster und bin in Privatangelegenheiten für ihn Autorität."
Die Einladung klang fo kühl unb herablassend, al, wenn die Frau Bürgermeisterin mit einer armen Flickmamsell spräche, und Frau Meier quittierte dafür mit einem siebenswürdigen Lächeln, dem ein guter Teil Ironie beigemischt war. Aber mein Miete sah es nicht, und ihr Gatte geleitete den Gast, sehr zu ihrem Aerger, mit verbindlichen Worten die Treppe hinab, bis zum Hausflur, i
Ms er zurückkehrte, stand sie vor dem Spiegel unb fetzte sich den Hut auf, aber mit einer jähen Bewegung wandte sie sich nach ihrem Gatten um und jagte trium» hpierend: „Na, der hab' ich es gut gegeben, Johannes. Das ist aber eine ganz raffinierte Person. Hast du gemerkt, wie unbequem es ihr war, von mir so ausgefragt zu werden, und wie ausweichend sie antwortete? Die gleitet einem durch die Finger, wie ein Aal, und über ihren Mann und ihre Herkunft sind wir ungenügend orientiert. Vielleicht hat dieser schattenhafte Herr Meier niemals existiert, oder sie ist von ihm geschieden, ober er wandelt unter anderem Namen noch jetzt auf der Erde herum. — Jedenfalls verbirgt sie etwas, und ihr Gewissen ist nicht ganz rein. Ihre Vergangenheit soll für uns ein Buch mit sieben Siegeln sein, aber ich werde es öffnen, verlaß dich drauf, und du wirft staunen, welche dunkle Geschichten auf feinen Blättern stehen."
Der Bürgermeister fchüttelte unwillig den Kopf.
„Jedenfalls hast du dich heute selbst übertroffen, mein Miete. In solchem Ton sprichst du nicht einmal zu unserem Dienstmädchen."
„Natürlich nicht," meinte sie mit überlegenem Hohn. „Gute Dienstmädchen sind knapp, und die Hausdamen gibt es dutzendweise." ■
„Du vergißt ganz die Garantie, welche das Zeugnis des Professors bietet. Ich muß sagen, die Situation war mir unbeschreiblich peinlich. Ich habe mich deiner heute wirklich geschämt."
Sie lachte hell auf.
| (Fortsetzung folgt)