FuldaerZeitung
Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Skadl Fulda.
Nr. 293.
Leramwonlich für den ceüouionellen Teii: Dr. I. Kramer. - für die Anzeigen: I. Parzelier-Fulda. r Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda ^ernmretber Nr. 9. Poftickeck - Konto 4051 Frankfurt a. M.
Donnerstog, 2l. Der. 1922»
Bezugspreis: Monatlich 200 Mk. Zustellgebühr extra- = Abgeholt in der Geichäftsstelle 200 Mk. :=
Anzeigen: Kleinzeile nach Colonel 18 M; ausw. 25 Mk. Rekl amezeile (Tertbreitel nach Colone'maß 75 Mark.
49. Zahrg.
Vie amerikanische Sphinx.
Nach einer Havasmeldung aus Washington wird im Staatsdepartement hinsichtlich des amerikanischen Projekts für die wirtschaftliche Sanierung Europas immer noch größere Zurückhaltung beobachtet. Augenscheinlich warte man in Washington auf offiziöse Vorschläge, bevor man sich über die Einzelheiten entscheide. Die Mitglieder des Kongresses ergingen sich in Z a h l e n v e r m u- tung e n über das, was die Regierung tun werde. Die Unversöhnlichen fürchteten eine neuerliche Einmischung der Vereinigten Staaten in die europäische Politik und protestierten dagegen.
*
Der „Newyork Herald" erfährt aus Washington, daß zwischen denVereinigtenStaaten und Frankreich
inoffizielle Verhandlungen
in der Reparationsfrage im Gange seien. Die Vereinigten Staaten hofften, Frankreichs Zustimmung zu der Bildung einer Finanzkommission zu finden, in der die gesamten durch den Versailler Vertrag nicht gebundenen Länder vertreten wären und die die deutsche Reparationsfähigkeit bestimmen solle. Diese Tatsache bleibe übrig von den Gerüchten über eine Anleihe für Deutschland. Deutschland sei ebenfalls sondiert worden, und Botschafter Wiedtfeld habe mitgeteilt, daß seine Regierung bereit sei, den Spruch einer derartigen Kommission anzunehmen, falls die Vereinigten Staaten glaubten, daß die Kommission Deutschland Gerechtigkeit widerfahren lasse. Diese vorstehende Form der Zusage sei veranlaßt durch den Umstand, daß die Vereinigten Staaten streng an dem Umstand festhielten, Deutschland müsse bis zur Grenze seiner Leistungsfähigkeit bezahlen. Frankreich seinerseits habe keine Zusage gegeben, sondern inoffizielle Fragen gestellt, welche Sicherheit gegebenenfalls über die derzeit bestehenden hinaus vorhanden sei, daß Deutschland bezahlen würde, wenn die Kommission einen gerechten und erträglichen Revara- tionsbetrag festsetze. Das Blatt stellt fest, daß E i n- zelhei ten über die französisch-amerikanischen Verhandlungen noch nicht mitgeteilt werden könnten, daß aber die Vereinigten Staaten unter keinen Umständen in der Lage seien, sich dafür zu verbürgen, daß Deutschland zahlen werde. Die einzige positive Versicherung der Vereinigten Staaten sei wirtschaftlicher Art; mit anderen Worten, die Bereinigten Staaten könnten aus traditionellen Gründen keinerlei Gewaltanwendung zur Erreichung deutscher Zahlungen zustimmen. Das Watt bestätigt, daß Morgan und Rooth wegen des Eintrittes in die geplante Kommission sondiert worden seien.
Rach den neuesten aus Washington vorliegenden Informationen wolle Frankreich von der Unterstützung Deutschlands in unmittelbarer Form Nutzen ziehen. Auch die Verhandlungen über die neue Anleihe von eineinhalb Milliarden Dollar stelle nur den Ausgangspunkt dieser Diskussion dar. Auf alle Fülle wolle Amerika das
Geld nur gegen ausgezeichnete Sicherheiten
zeben. In Bankierkreisen schätze man jedoch die Alliierte Hypothek auf Grund des Versailles Vertrages auf 50 Milliarden Dollar, sodaß die Freigabe des für die amerikanische Anleihe erforderlichen Sicherheitsbetrages seitens der Reparations- tommiffion keine unüberwindlichen Schwierigkeiten böte. In Washington nehme man an. daß auch Frankreich keine ernstlichen Ein- wendungen mehr gegen die teilweise Freigabe
„$rau Meier".
Roman von G. v Stokmans.
7.1 ---------------
3. Kapitel.
Als Lene am nächsten Morgen ausging, um Besor"- gungen zu machen, blieb sie ungewöhnlich lange fort.
Da» war auch kein Wunder. Erst mußte sie beim Kaufmann und Schlächter ihr Herz erleichtern durch unklare Andeutungen, welche Unglückpprophezeiungen für das Hansemannsche Haus enthielten, dann brach sie bei der Gemüsefrau, mit der sie nur plattdeutsch sprach, in Wehklagen aus über den schnöden Undank der Welt, und schließlich eilte sie zu ihrer verehrten Gönnerin, der Gattin des Bürgermeisters, um Bericht zu erstatten.
Als sie die Küche betrat, stand mein Miete am weißgescheuerten Küchentisch und rührte hier höchst eigenhändig einen Pudding an. Seit einem Jahr trug sie nur noch Reformkleidung, weil sie glaubte, darin schlanker und jugendlicher auszusehen. Ihre Morgenröcke hatte ’ie entsprechend umändern lassen, schwelgte in gänzlicher Zkorsettlostgkest, und trug auch Reformschürzen — bei den Kindern kurzweg „Hänger" genannt. Sie fühlte sich unaussprechlich wohl in dieser lojen -Tracht, aber sie sah darin aus wie eine dicke Riesenraupe, und die ungebändigte Fülle ihrer Formen überschritt die Schönheitslinie nach jeder Richtung hin. Auch lag ein gewisser Widerspruch in der unbeabsichtigten Kindlichkeit der Kleidung und dem stark erhitzten, breiten Gesicht, das von vollem, aber etwas widerspenstigem Haar umgeben war und auf ein vorgeschrittenes Alter hindeutete. Vor allem aber war sein Ausdruck von kindlicher Harmlosigkeit weit entfernt, und es gehörte viel Naivität dazu, um seinen wahren Charakter nicht sofort zu erkennen.
Heute nun sah die Frau Bürgermeister ganz besonders schön aus. Sie trug unter der feuerroten Schürze ein ziemlich verwaschenes, blaues Kleid, dessen Aermel bis zum Ellenbogen aufgekrempelt waren, das Mcrgenhäub- chen hatte sich erheblich verschoben, und die roten Saffian» sihuhe Zeigten wenig mehr von ihrem einstigen Glanz. An jedem anderen Tage hätte Lene nicht umhin g-konnt, ! das Groteske dieser Erscheinung zu bemerken und heim- |
der auf Deutschland ruhenden Hypothek erheben werde, wenn es die Gewißheit erhalte, daß es unmittelbar Borteil davon habe. Der Berichterstatter hält es für wahrscheinlich, daß offiziell Mitteilungen über die Verhandlungen erst nach der bevorstehenden Pariser Konferenz erfolgen werden.
Dir Meerengen-Zrage.
Mißerfolge der Russen. — Ein Ultimatum?
Die letzte Sitzung der Lausanner Konferenz über die Meerengenfrage wird in Konferenzkreisen aufs lebhafteste kommenfiert. Man stellt fest, daß das russische Projekt glatt abgelehnt ist und nicht mehr zur Debatte steht. Außerdem will man in den Erklärungen Curzons an die Türken ein Ultimatum sehen, da Curzon weitere Vorschläge ablehne.
In russischen Kreisen sieht man die Lage mehr pessimistisch an. Man erklärt dort, daß die Verbündeten absichtlich die Russen von den Verhandlungen ausschalteten, um damit die Möglichkeit einer Verständigung und eines Kompromißvertrages zu beseitigen. Unter diesen Umständen könne Rußland einen Vertrag über die Meerengen nicht unterzeichnen.
Das Projekt der Türken.
In der Sitzung der Kommission über die Meerengen, frage überreichte die türkische Abordnung folgendes Projekt:
1) Es wird eine Kommission gebildet, die ihren Sitz in Konstantinopel hat und den Rainen Meereirgenkbmmission sühn.
2) Sie steht unter türkischem Vorsitz und setzt sich aus Vertretern Frankreichs, Englands, Italiens, Japans, Bulgar.ens, Rumäniens, Jugoslawiens, Rußlands, der Ukraine und Georgiens zusammen. Dec Anschluß der Vereinigten Staaten an dieses Abkommen verleiht chnm Las Recht, ebenfalls Vertreter zu entsenden.
3) Die von den Delegierten in der Kommission verursachlen Kosten werden von den betreffenden Regierungen getragen.
4) Die Kommission hat die Aufgabe, die Durchführung der Bestimmungen über die Beschränkung der Kriegsschiffe sicherzustellen.
5) Die Meerengenkomimssion übt chre Tätigkeit unter den Auspizien des Völkerbundes aus, dem sie jährlich einen Rechenschaftsbericht über ihre Tätigkeit vorlegt.
Reich und Reichsfinanzen.
In aller Stille hat sich in diesen Tagen ein Gesetzentwurf im Reichstag vorbereitet, der von einschne.dsn- ber Bedeutung ist. Schon seit 50 Jahren bemühen sich Reichsr'eg-ierung und Reichstag, ein ReichshauLhalts- gesetz zu schaffen. Diese Aufgabe ist immer wieder mißlungen, infolge finanzieller, rechtlicher und technischer SchwierirkeitM. Doch ist jetzt in einigen Wochen in anstrengendster Arbeit der Entwurf zustande gekommen und verabschiedet worden. Worin liegt seine Bedeutung?
Wie der Berichterstatter Albg. Prof. Dr. Schrei- bet (Ztr.) im einzelnen nachwies, wird die bisherige Uebung der Etatsgewohnheiten endlich einmal in festes Gesetzesrecht umgewandelt. Ferner wird dem Rech- nungsentwurf des deutsche Reiches jetzt eine selbständige Bedeutung verliehen. Er rückt jetzt in den Ver- wal.ungsvrgamsmus des Reiches stärker und nachhaltiger ein. Auch die Kontrolle der vielen wirtschaMchen llnternehurmnyen, an denen das Reich jetzt beteiligt ist, wird in allem geft igeri. Reu ist auch das Moment der Wirtschaftlich leit, das in die - Behandlung des Etats lich zu belächeln, aber heute sah sie nur, daß mein Miete zu Hause und allein war. Das Mädchen arbeitete in der Waschküche, und so ließ sie sich nach kurzer Begrüßung ermüdet auf einen Stuhl fallen und strich sich die Haare aus der Stirn.
Die Hausfrau wußte ganz genau, weshalb sie kam, und freute sich darüber. Sie brannte darauf, etwas über die neue Hausdame zu erfahren, wollte es sich aber nicht gleich merken lasten, weil sie dies mit ihrer Würde unvereinbar fand, so sagte sie scheinbar gleichgültig: „Nun, Lene, wie ist sie denn? Haben Sie sich schon ein Urteil gebildet?"
Lene hatte eben noch einen Blick in ihren Korb getan, um zu sehen, ob die Bonbons, die sie Liselotte täglich mitbrachte, auch darin seien, nun klappte sie mit einem Ruck den Deckel zu, streckte die kurzen Beine von sich und sagte lakonisch: „Ein Greuel ist sie, weiter nichts, Frau Bürgermeister."
„So häßlich?" meinte mein Miete.
Die Alte lachte laut und höhnisch.
„Im Gegentell! Die Lisbeth meint sogar, sie wäre schön. Jedenfalls ist es die Art, die den Mannsleuten gefällt. Den Doktor und die beiden großen Jungen har sie auch gleich rumgekriegt. Nach einer Woche wickelt sie alle drei um den Finger."
„So? Wie ist sie denn in ihrem Wesen?"
„Einfach wie ’ne Katze. Macht Samtpfötchen und verbirgt die Krallen, sieht aus, wie die Offenherzigkeit selbst, und hat es faustdick hinter den Ohren sitzen."
„Sie ist also vorläufig nett gegen Sie, Lene?" „Ja, vorläufig — aber ich lasse mir keinen Brei um den Mund schmieren, ich traue ihr gar nicht."
„Weshalb denn nicht?"
„Gott, Frau Bürgermeister, bei so einer fremden Person hat man das so im Gefühl. — Außerdem: sie ist reundlich ins Gesicht und widerspricht mit keinem SB ort, aber dann geht sie hin und tut, was sie will. Ich hatte doch bas kleine graue Zimmer für sie zurechtgemacht, aber wissen Sie, was geschieht? Sie läßt alles mn- packen und zieht in das schöne, gelbe Zimmer. Für so eine Hausdame ist das Beste gerade gut genug."
Mein Miete reichte Lene ein Gläschen mit Porne- ranzenlikör. Sie wußte, das mochte die Alte gern, und
hinemgekommon ist. Bisher ging immer wieder der Lofungsvuf nach Sparsamkeit, jetzt soll der Etat nicht nach schemalrschen SparsamkeusgrunLsätzen, sondern nach wirtschaftlichen Zweckmäßigkeiiserwägungen ausgestellt werden. Kaufmännischer Geist soll vinziehen.
Bedeutsamer noch sind die Aenderungen auf_ verfassungsrechtlichem Gebiete. Geradezu als roter Faden zieht sich durch die neue ReichthauLhaetsoidimnig (sie wurde in der Sitzung des Reichstags vom 15. Dezbr. mit mehr als zwei Drittel Majorstät angenommen — eine zwei Drittel Majorität war erforderlich, weil es sich um ein verfajsimgänderndes Gesetz handelte) der Gedanke, dir Stellung des Reichs finanzminGers muß gestärkt werden. In der Tat wird der Rvichsfinanz- Minister mit einem gewissen Vetorecht ausgestattei .n Sachen der Summen, die in den Aar von den einzelnen Ressorts eingestellt werden wollen. Von den Pcn- teien traten in der Behandlung der neuen Reichshaus- Hausordnung besonders die Abgeordneten Dr. Hergt, Dr. Quatz, Dr. Schreiber und Hoch hervor. Möge die Reichshausholtrordnung an der Gesundung der deutschen Finanzen ihren Teil beitragen. Es ist nicht zu verkennen, daß sie in dieser Richtung, wenn auch nur nach der formalen Seite, eine ernste Aufgabe zu erfüllen hat.___
Die Behandlung der Ausländer.
Das Wolffbureau erfährt von zuständiger Seite
In letzter Zeit häufen sich die Beschwerden bet: Berliner Vertreter fremder Staaten über unfreundliche ober gar feindliche Haltung einzelner Personen aus der beut<eben Bevölkerung gegenüber den bei uns weilenden Ausländern. Dies gibt Veranlassung, auf die Folgen hinzuweifen, die Aus» lchreuungen gegen Ausländer für Deutschland zeitigen können. Jeder sollte sich tm Verkehr mit Fremden vergegenwärtigen, daß sein Vethalten die ohnehin notleidende Allgemeinheit und unsere Laubsleute im Ausland in Ernste Schwierigkeiten bringen kann.
Deutscher Reich.
* Kulturkampf in Thüringen. Auf einer Lehrer' konferenz ist Lehrern, die an staatlich nicht aner' lannien Feiertagen die Kirche besucht hatten, von dem Eisenacher Kreisschulrat bedeutet worden, baß sie sich des Ungehorsams gegen Slaalsgesetze schuldig gemacht hätten, und Anzeige an das Volks- bildungsministerium erstattet werden müsse. Man darf gespannt {ein, wie sich der Volksbildun.s- minijter über die klare Bestimmung des Art. 13a der Reichsverfassung hrnwegletzen wirb: „Die ungestörte Religionsubung wirb gewährleistet und stehl unter naatlichem Schutz."
* Geheimbündelei in Hamburg. Wie uns aus Hamburg gemeldet wird, hat die dortige politische Polizei festg.stellt, daß seit item Bosttiyen des Schntzgesetzes geheime Versammlungen aus öffentlichen Lokalen in Geschästsräuime verlegt wurden. In der letzten Nacht verhaftete die Pol.zei insgesamt 28 Herren der höheren Gesellschaftskreise, die der GsheimorMni- scfion „Schwarz-weiß-rot" angehörten. Die Unter» suchirng gegen die Verhafteten ist noch im Gange.
Huslaitö.
* Ci. m enceau wieder daheim! George Clemencea» wurde ani Mittwoch in Le Havre von seiner Amerika- reise zurückerwariet. Sofort nach der Landung be- g bt er sich nach Paris.
* Das unruhige Irland. Amtlich wird bekannt gegeben, daß lieben Männer in Dublin hin- gerichtet worden sind, weil sie sich im Besitz von Waffen befunden haben.
sie wurde dann noch mitteilsamer als sonst. Dann tat sie wie beiläufig die Frage: „Was hat tiefe Frau Meier denn für Sachen? — Haben Sie schon etwas davon gesehen?"
Lene lächelte pfiffig. „Bei der Umkalfakterei ließ ich mich natürlich nicht blicken, denn ich ärgerte mich zu sehr darüber; aber nachher, wie sie beim Abendbrot saß und ich wußte, sie war gut weg, da ging ich hinauf und sah mir die Bescherung einmal heimlich an."
Die andere nickte verständnisvoll.
„Nun, — und?"
„Diel hat sie nicht, so viel steht fest. Auf dem Sofa hegt ein großes, seidenes Kissen und eine gehäkelte Decke, neben dem Waschtisch hängen Seiflappen und ein paar unvernünftig große Schwämme und im Kleiderschrank, außer dem Neffemantel, ein Jakett und drei Kleiber."
„Nur drei?"
„Ja, ein Morgenrock, ein graues Kleid, ähnlich wie das, was sie anhatte, und ein fchwarzfeidenes."
„Und wie steht es mit der Wäsche?"
Lene zuckte oerächllich die Achseln.
„Zwei Dutzend feine Taschentücher Riegen in der Kommode, und von allem andern nur fünf Stück. Alles ist nagelneu und nur einmal gewaschen, ohne Monogramm, mit aufgenähten Buchstaben. Sie hat also einfach nichts Ordentliches gehabt, und da sie den alten Plunder nicht zeigen wollte, sich die Sachen vor der Abreise erst angeschafft."
Die Bürgermeisterin überlegte einen Augenblick, dann sagte sie: „Das mag fein, kann aber auch anderes bedeuten. Entweder ist sie wirklich arm und nur zu stolz, gleich Gehalt anzunehmen, oder sie hat etwas zu verbergen und fürchtet selbst nebensächliche Dinge als Zeugen der Vergangenheit."
Lene nickte.
„Möglicherweise trifft beides zu. Ich hoffe nur, sie bleibt nicht lange. Gestern sagte sie zu mir, sie sei nur versuchsweise hier, und in dem Briefe von dem Pro- fessor hat es ja auch gestanden."
„Wenn es ihr hier gefällt, bleibt sie natürlich doch. Bielleicht spricht sie auch nur jo, um begehrenswerter zu
AM 'M tonWtnöerMiM
In den im Reichsarbestsministerium zwischen den Aerzte- u>:D Krankenkasseniverbändsn geführten Der- Handlungen wurde zwischen den Parteien folgende Einigung erzielt: _ . o, ,
Der Jndexausschuß tritt sofort zusammen. Seme Aus. gäbe ist, die Zuschläge zur Vergütung für Oktober und November 1922 endgültig festzusetzen. Der Indexausschuß tritt ferner Anfang Januar 1923 wegen Festsetzung des Dezembersatzes zusammen. Dieser Satz wird zunächst auch für die Januarvergütung zugrunde gelegt und gezahlt. Im Anschluß an die Versammlung des Jndexcmsschusses sollen die organisatorischen Vorschläge, die in der Versammlung gemacht worben finb, vorberaten werben. Die Behandlung in der Vollversammlung erfolgt, fomeit nötig, noch im Januar 1923. Anfang Februar treten die Parteien auf Einladung des Reichsarbeitsministers zu einer Vollversammlung zusammen. Dabei wird die Vergütung für Januar 1923 endgültig festgesetzt. Falls die Verhandlungen in der Vollversammlung in dieser Beziehung nicht zu einer Verständigung führen, erwarten die beiden Parteien übereinstimmend vom Reichsarbeitsminister einen Vorschlag wegen Bildung eines Schiedsgerichts, bas in tiefer Angelegenheit sofort tätig wirb und mit binbenber Wirkung entscheidet.
Die Februorverhandlung wird sich auch mit der weiteren Regelung der Beziehungen zwischen Aerzlen und Krankenkassen, insbesondere der Honoravangelegen, heit, befassen.____
Wie stehst du zum Leben?
In der Tier- und Pflanzenwelt gibt es Nutz bringende und Schmarotzer. Ein Fruchtbaum hat den Drang in sich, recht viel Frucht zu tragen, recht viel Segen auszuschütten. Alle Schmarogerpslanzen dagegen sangen nur aus, sind selbst zu nichts nütze. Der Mensch, der den Boden bebaut, muh darauf bedacht sein, den ersten recht viel Platz, Licht und Luft zu schassen, die letzten aber zu verdrängen.
Aehnlich unterscheiden sich die Menschen. Die, welche sich und der Volksgemeinschaft leiblichen und geistigen Nutzen bringen, sind alle jene, die Freude haben am Schaffen. Sie lieben und tun das Gute um seiner selbst willen, haben deshalb Freude daran, auch andern selbstlos mitzuteilen. Sie wollen recht viel Frucht bringen, haben Drang zum gemeinnützigen Wirken. Sie gleichen darin der Sonne, der Blume, dem Vater und der Mutter, dem Helden und Apostel, dem großen Dichter und Künsller, dem Vater im Himmel; sie sind Gottes Kinder, darum Wohltäter und Lieblinge der Menschen. Sie können nie genug tun, finden das reinste Glück des Lebens darin, andere zu beglücken. Ihnen ist Geben seliger denn Nehmen. Wenn die Wirtschaft eines Volkes voran kommt, wohlhabend wird, dann dankt sie es nur diesen Menschen.
Den Schmarotzern gleichen im Denken und Handeln alle Ichmenschen, die nur darauf bedacht sind, vom Leben etwas zu haben, soweit möglich, ohne Mühe und Arbeit, auf Kosten anderer. Sie suchen recht viel von andern zu fordern und zu ergattern, diesen aber möglichst wenig zu leisten. Sie tun keinen Schlag umsonst, sind immer besorgt, daß sie nicht zu viel tun. Sie müssen darum im Dienst- und Handelsverkehr kontrol- liert, angetrieben werden. Sie wählen für sich stets jene Arbeit, die am leichtesten Gewinn abwirft, nicht aber die, welche die Volksgemeinschaft am nötigsten har. Spekulationsgewinn ist ihnen lieber als-Gewinn aus Arbeit und Gütererzeugung. Sie verfallen ohne Skmpel der Versuchung, sich durch Ausbeutung der Not anderer zu bereichern. Ihr Grundsatz ist: Geschäft ist Geschäft, und dumm ist, wer dabei nicht so viel für sich herausschlägt, als er kann. Weil ihnen Nehmen lieber ist als Geben, bereichern sie nicht die Wirtschaft eines Volkes. Weil ihre Zahl immer größer warb, mußte die deutsche Volkswirtschaft verarmen. Denn sie Der. zehren mehr, als sie für die Gesamtheit schaffen.
erscheinen und uns sicher zu machen. Ob sie bisher schon in Stellung war?"
„Nein," erwiderte Lene, „das ganz gewiß nicht. Sie hat sich deswegen beim Herrn Doktor schon entschuldigt,f die Kinder haben alles gehört."
„Und von ihrem verstorbenen Mann, ihrer Vergangenheit spricht sie nicht?"
„Keinen Ton, Frau Bürgermeister."
„Das fft ja merkwürdig und bestärkt mich in meiner Annahme. Ich bin fest überzeugt, da ist nicht alles so. wie es sein soy." ;
»Na, schlau und geriffen ist sie jedenfalls. Die Grete und die Annemarie haben gestern allerlei verfängliche Fragen gestellt und sie gewiffermaßen aufs Glatteis geführt, aber sie ist immer geschickt ausgewichen, und schließlich hat sie ganz merkwürdig gelächelt und gemeint, sie sollen nicht so neugierig sein; das wäre ein Zeichen von schlechter Erziehung."
Mein Miete warf sich in die Brust. „Das will nicht viel sagen. Mit Kindern ist leicht fertig werden. Aber wenn ich thr einmal Daumschrauben ansetze, wird fie schon Farbe bekennen müssen. Inzwischen halten Sie die Augen offen und berichten Sie mir, was vorgehr. Man kann in diesem Falle nicht vorsichtig genug sein".
Inzwischen hatte Frau Meier im Hause schon fleißig gearbeitet, und es tat wirklich not — Ueberall sah man, daß die Hand der Hausfrau fehlte, überall gab es etwas zu ergänzen, zu verbessern und nachzuholen. In Truhen und in Schränken herrschte eine gewisse Ordnung, aber wenn man näher zusah, stellten sich eine Menge Uebelstände heraus, und da sie nicht alles auf einmal machen konnte, begann sie mit dem Notwendigsten, der Wäsche und Garderobe der Kinder. Sie machte sich ein sorgfältiges Verzeichnis von dem Bestand, suchte das SBerftreute zusammen und trennte das Schlechte von dem Mangelhaften. Dabei mußte ihr Lisbeth helfend und erklärend zur Hand gehen, und da Frau Meier auch für ihre Toiletten Jnteresfe zeigte und ihr sogleich einige wertvolle Ratschläge gab, war das junge Mädchen gern bereit; ihren Anordnungen zu folgen.
Die anderen waren alle abwesend.
Der Doktor besorgte seine Stadtvraxis, die große,. Kinder saßen in der Schule, und Liselotte spielte nun