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FuldaerZeitung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.__________________

49. Zahrg

Dienstag, 19* Dezember 1922

Vie Kuffaffung in Londsn.

Reuter meldet aus London: Sn gut informier­ten Kreisen wird erklärt, daß die auf der Londoner Konferenz vertreten gewesenen Mächte zweifellos jeden von den Vereinigten Staaten zur Lösung der europäischen Finanzkrisis gemachten Vorschlag will­kommen heißen würden. Gleichzeitig wird aber die Ansicht ausgesprochen, daß die S t a b i l i s > e r u ng der Mark der Gewährung einer großen An- lei h e an Deutschland vorausgehen sollte.

* Begnadigung der letzten deutschen Kriegsgefan­genen. Sämtliche m Toulon noch zurückgebllsbenen deutschen Kriegsgefangenen sind begnadigt worden; sie werden noch vor Weihnachten nach Deutsch­land zurückbeförbert werden.

* Der hessische Zinenzminister Henrichs ist z u- rückgerreten, weÄ er, wie es in seinem Schreiben an den Staatspräsidenten Ullrich heißt, nach seiner UeberzeuMNg bei den beiden anderen Koalit-onsparteien nicht mehr das Maß von Unterstützung und Vertrauen besitze, das zur Durchführung einer auf der bestehenden Somit ran mW-ckauten NeuierungsMtit erforderlich sei. Henrichs ist Demokrat.

der polnischen Naüonalisten u. Franzosenfreunde durch politische Morde der letzten Zeit gegeben worden sind.

Die M i n ist e r k r i s i s, die in Polen bestand, ist unter dem Eindruck der Mordtat rasch been­digt und ein neues Kabinett gebildet worden. Mi­nisterpräsident Sikorski hat angekündigt, daß er für rücksichtslose Aufrechterhaltung der Ordnung toorge tragen werde. Entspre­chende Sicherheitsmaßnahmen sind getroffen wor­den. Nach den bisherigen Nachrichten herrscht überall Ruhe. Feldmarschall P i l s u d s k i ist vom Kriegsministerinm im Einvernehmen mit dem Mi- nisterrat zum Chef des Generalstabs ernannt worden.

Der Mörder des Präsidenten hat im Verhör er­klärt, daß er aus eigener Initiative ge­handelt habe. Er bestreitet, irgendwelche Helfers­helfer gehabt zu haben. Der Mörder wird unver­züglich oor ein Standgericht gestellt werden.

ÄUS dem besetzten Gebiet.

--- filme, die die Sicherheit bedrohen. Die Rhein, landkomnnffion teilte dem Reichskommissar in einem Schreiben mit, daß der Film über die Skagerak- Schlacht und der Film des FremdentegionärS Kirsch geeignet seien, die Sicherheit der Besatzungs­truppen zu beeinträchtigen. Die Interalliierte Rhein, landlommission habe daher beschlossen, die beiden Filme zu beschlagnahmen und sie behalte sich eine ge­richtliche Verfolgung vor.

Bezugspreis: Monatlich 200 Alt. Zustellgebühr extra “ Abgeholt in der Geschästsstklle 200 Mk.

Anzeigen: Kleinzeile nach Colone^ 18 Mk.; ausw. 25 Air.

Rekiamezei>e (Tertbreite> nach Colone'maß 75 Tpari.

Drusches Reich.

* Berlin, 18. Dez. Nach dem Dekadenausweis über die GeWbewegung bet der Reichrhauptkafse vom 1. bis 10. Dezember hat sich bte fchw ebende Schuld von 123 auf inSgetomt 962 Milliarden Mark erhöht, von denen 950 Milliarden bei der Reichsbank diskoniiert touroen.

Kurland.

* Die italienische Regierung hat den deutschen Protest wegen der Aufführung des Hetzfilms: die vier apokalyptischen Reiter als begründet anerkannt und verfügt, daß die skandalösesten Szenen sortfallen, die übrigens bereits vorher von der Zensur beanstandet worden waren.

* In Bulgarien ist wieder ein Bombenatlentat vorgekommen. Als der Minister des Innern abends die Sobranje verließ und sein Automobil bestieg, wurden von einer unbekannten Person zwei Bomben geschleudert. Der Minister blieb unverletzt, auch sonst kam niemand zu Schaden. Ter Täter entkam.

* In Ingolsiawien hat P aschitsch das neue Kabinett gebildet. Sämtliche Minister gehören der radikalen Partei an.

* Australische Parlamentswahlen. Nach den ersten au5 Australien vorliegenden Meldungen schein! es, daß die Regierung des Ministerpräsidenteii eiuges bei den Wahlen zum australischen Parlament Hne Niederlage erlitten hat.

Gewerkschaftliches.

— Um dar Streikrecht der Beamten. In Ueberein. stimmung mit der Rechtsprechung des Strafsenats hat der ReichSdisziplinarhof unter Vorsitz des Reichs- gerichispräsidenten Dr. Simons das Streitrecht der Beamten grundsätzlich verneint.

veutsch-oölkische zreibeitrparki.

Eine neue deutsche Partei.

Wie der .Lokal-Anzeiges meldet, hat im Reichs- tag eine Versammlung deutsch-völkischer Verbände statigefunden, wobei die Gründung der Deutsch- vöikiichen Freiheitspartei beschlossen tomöe, die unter Führung der Abgeordneten von Graefe und Wulle sieht.

Deutscher Reichstag.

Annahme der Zwaitgrsnleihe-resetzer — wrihnachtrpaus«.

Der Reichstag nahm am SamStag die Novelle zum Einkommensteuergesetz mit Len Stimmen der bürgerlichen Parteien gegen die gesamte Linke in dritter Lesung an.

Auch das Gesetz über die Zwang San lei he wurde in dritter Lesung angenommen, ferner daS Gesetz über das Ruhegehalt deS Präsidenten und der 7. Nachtragsetat «Um Reichshaushaltsplan.

Dem Präsidenten Loebe wurde die Genehmigung erteilt, den Reichstag zwischen dem 10. und 17. Januar wieder einzuberufen.

Uommunalpolitisches.

— Ein neues Gebiet städtischer Fürsorge. Die Geist­lichen aller Konfessionen, die Beigeordneten und die Vor­steher der Landbürgermeisterei Linz (Rheinland), wie Vertreter der Presse traten auf Einladung des Büger- meifters zusammen, um über die Aufbringung der Begräbniskosten zu verhandeln. Abgesehen da- von, daß in den meisten Fällen Krankheiten dem Tode voraufgingen, die hohe Arzt- und Arzneikosten verur­sachen, sind die Summen, die für die Bestattung aufzu­bringen sind, nachgerade für weiteste Kreise unaufbring- lich geworden. Das Sargleihsystem lehnte die Versamm­lung vorläufig ab, erklärte sich aber einstimmig mit dem Vorschlag des Bürgermeisters einverstanden, vom 1. Ja- nuar ab Sarg, Totenhemd, Transport zum Friedhof und

Nach einer Pariser Meldung erhielt Poin- care die inoffizielle Mitteilung, daß die Vereinig­ten Staaten gewillt seien, einen Plan zur Re g e - lung der Reparationsfrage in Erwä­gung zu ziehen.

In Berlin

haben neuerdings Besprechungen des Reichskanz­lers mit den Parteisührern stattgeffinden. Das Er­gebnis der Aussprache war der einmütige Beschluß, daß die Beratung im Auswärtigen Aus­schuß noch verfrüht wäre, da die Verhandlungen mit den Sachverständigen noch fortdauerten. Das „Berl. Tagebl." will wissen, daß es nach dem Be­richt des Staatssekretärs Bergmann über seinen Londoner Aufenthalt so scheine, als hätten die deutschen Vorschläge in London doch einen gewissen Eindruck gemacht. In unterrichteten Kreisen werde die gegenwärtige Lage als immerhin nicht un­günstig bezeichnet, wenn auch ein zu proßer Optimismus nicht am Platze wäre. Da der Reichskanzler besonderen Wert darauf legt, mit den Parteiführern in Fühlung zu bleiben, dürfte im Laufe der nächsten Woche eine Aussprache zwischen der Reichsregierung und den Parteiführern statt- sindsn.

Den Blättern zufolge trat das R e i ch s k a b i - nett im Anschluß an die Besprechung mit den Parteiführern zu einer Sitzung zusammen, um sich erneut mit der Reparationsfrage zu befassen. Da­bei wurden insbesondere dieErgänzungsvor- schlüge besprochen, die von Deutschland zu den letzten Vorschlägen gemacht werden sollen. Nach dem „Lok.-Anz." soll die Reichsregierung mit allen in Frage kommenden Wirtschaftsinteressenten sich darüber unterhalten.

Der Reparationskommissicm sind Havas zufolge von der Kriegslastenkommission die am 15. Dezember fäl­ligen deutschen Schatzwechsel übergeben worden. Sie lauten auf 52037584 Goldmark. Fällig sind an und für sich 50 Millionen GÄdrark. Die Differenz ist bereits durch anderweitige Zahlun­gen gedeckt.

I Verantwortlich für den rebcmionellen Teil: Dr. 3. Kramer. - iür die Anzeigen: I. Parzel>er-Fulda. - Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda, 'emipredier Nr. 9. Postscheck - Konto 4051 Frankfurt a. M.

Der Druck auf Zrankreich.

Die Nachrichten, die aus Amerika kommen, lassen erkennen, daß die amerikanische Hilfe immer wieder ab­hängig gemacht wird von hem Abgehen Frank­reichs von einer Politik der Gewalt. Klar kommt dieser Standpunkt zum Ausdruck in einer Auslassung des „Newyor-k Herold", die folgendes zur gegenmärtigen Lage konstatiert:

1. Amerika zieht unter gewissen Voraussetzungen tätige Anteilncchme an der europäischen PoMk in Be­tracht.

2. Amerika ist bereit, eine Regelung vorzuschlagen. Diese Bereitschaft hängt jedoch von der Zustim- mung Frankreichs ab.

3. Amerika ist der Ansicht, daß Deutschland nach Maßgabe seiner Le.ftungsfähigkeit zahlen soll, verlangt aber, wenn Deutschland nicht zahlen kann, daß diese Tatsache anerkannt werde.

4. Amerika steht auf dem Standpunkt, daß die Bedrohung Deutschlands mit Okkupation und wirtschaftlicher Erdrosselung die Welt schädigt.

5. Amerika ist bereit, einen umfangreichen Privatkredit im Interesse Deutschlands gutzu- ^ißen.

6. Der Kredit ist zu garantieren mittels teil­weiser Aufhebung der ersten Hypothek, die die Alliier­ten auf Grund des Versailler Vertrages besitzen.

Das Blatt fugt hinzu, die Regierung würde es als reinen Wahnsinn für die ^Bereinigten Staaten betrach­ten, wenn fie sich in die europäische Politik stürze, ohne die Versicherung erhallen zu haben, daß die Alliier- t e n namentlich Frankreich nachgedm. Inofsiziell werde in Washington die Bildung einer Kommission oorge- schlagen, bestehend beispielsweise aus alliierten und amerikanischen Sachverständigen, die in Deutschland die Besteuerung untersuchen und die deutsche Zahlungs- fähig leit abschätzen soll.

Die Franzosen empfinden natürlich diesen von Washington aus-geübten Druck recht empfindlich. Ihre Presse läßt das erkennen. Sie suchen gute Miene zu dem in Washinton angemeldeten Spiel zu machen und doch ihre eigensüchtigm Pläne weiter zu verfolgen. Der „Temps" führt in einem Lsüartikel über die Washingtoner Nachrichtm von einem bemnächstigen Eingreifen der amerckanischen Regierung in der Re- oaraticmsfrage aus, er wolle nicht gegen eine Unter­stützung Deutschlands durch die Vereinigten Staaten Einspruch erheben. Französischerseits verlange man nur, daß sie nicht aus Kosten Frank­reichs gehe. Wenn das Eingreifen der Bereinigten Staaten Frankreich die ihm zu-stehenden Zahlungen verschaffe, werde es sich darüber f re u e n. Das beste Verfahren wäre es, wenn die deutsche Regierung nach der Verständigung mit den amerikanischen Bankiers den Alliierten die Zahlungen anbieten würde, zu denen die amerikanische Anleihe sie in den Stand setzen würde. Die Alliierten würden sehen, ob es am Platze wäre, die als Gegenleistung hierfür verlangten Zugeständ­nisse zu machen. Auf diese Weise würden sich die Ver- cinic-ten Staaten der Notwendigkeit enthoben sehen, selbst in die europäische Politik einguyteifen.

Verschiebung der pariser Ronserenz?

Der Londoner Korrespondent des „Petit Journale" .reibet seinem Blatte, in gewissen Kreisen neige man zu der Annahme, daß die Pariser Konferenz, die für den 2. Jmmar vorgesehen ist, große Gchähr talfe, auf später verscho den zu werden. Zusmnmachan- gend mit der Reise des engtifchsn> Schatzkanzlers nach Wa-shington erkläre man andererseits, daß die Pre­mierminister, wenn sie erm 2. Januar zusammen­kämen, unmittelbar darauf wieder aussinandergingen und die Lösung der Reparationsfrage, deren Tatfachm- bestanÄ noch so konfus fei und wozu noch so viel Un­vorhergesehenes hmzukommm könne, den Sachver­ständigen überlasten würden.

Str MW StMMMml MM.

Ein Opfer der polnischen Nationalisten.

In Warschau ist am Samstag der erst vor acht Tagen reugewählte polnische Staatspräsident der pol­nischen Republik, N a r u t o w i c z bei der Eross- nung einer Kunstausstellung von einem Kunstmaler namens Niewiadomski durch drei Schüsse getötet wor­den. Der Täter wurde verhaftet.

Der Er.rvrdete war am 9. Dezember als Nach­folger Piisudskis, der freiwillig zurückgetreten war, mit 289 Stimmen der Linken und der Minderheiten, darun- ter der Deutschen, gegen 227 Stimmen der Rechten zum Staatspräsidenten der Republik Polens gewählt. Seine Wahl bedeurvte eine Zaffallswahl und rief in den na­tionalen Kreisen Polens große Empörung hewor. General Haller rief die Bevölkerung Warschaus zum heftigen Kampfe gegen Racutowiczauf und wies auf das Recht der Bevölkerung zum Waffengcdrauch und zur SelbsthGfe hin. Es kam dann tun Montag und Dienstag zu blutigen Straßendemorfftrationen, um Naiutowicz zur Abdankung zu zwingen. Es fanden wiederholt Schießereien statt. Barrikaden mürben er­richtet und der Straßenverkehr ruhte. Navutowicz mußte sich am Tage der Eidesleistung unter Bedeckung einer Ulaneuschwadvon zum Sejmgebäude begeben, wobei er auf dem Wege von Studenten schwer be. läftigt wurde. Der Feber der Eidesleistung waren di« Rechtsparteien ferngeblieben. Der Pöbel hatte zahl­reiche Abgeordnete dsr Linken geschlagen, so daß sie blutüberströmt in bas Sejmgebäude gelangten. Die erste Tat der neuen Regierung war die Verabschie­dung des nationalistischen Generals Haller, was die Wut in den nationalen Kreisen Polens vermehrte. Jetzt bst Narutowicz das Opfer eines Fanatikers geoorden.

Narutowicz war früher Professor in Zürich und hat sich im neuen Polen um die Vereinheitlichung des Vcr- kchrs bemüht. Er stand in den besten Jahren und hätte seinem Lande noch gute Dienste kiffen können. Wei! er versöhnlichen Geistes und offenbar der UeberzeuMNg war, daß Polen gute Beziehungen auch mit seinen allernächsten Nachbarn zu pflegen habe, muht« er faßten. Aber die Vernunft kann auch in Po­len auf die Dauer mcht in Fesseln geschlagen werden. Nicht diejenigen werden das hinlänglich schwache An- sehen Po.ens mehren, die zügellos der Liebe für Frank­reich hingsgcben sind, sondern jene werden glückliche Zeiten und Blüte heraufführen, die dem Frieden mit Deutschland zustreben und in enger Verbindung mit ihm das Werk der Beruhigung des Ostens in An- griff nehmen. Leider muß man zugeben, daß in Deutschland gewisse Vorbilder für die Schandtat

„$rau Meier".

Roman von G. v. S t o k m a n s.

5! -----------

Ernst, der sich weniger schuldig suhlte, als Erich, fand seine Ueberlegenheit am ersten wieder und sagte zögernd: „Wir sind acht im ganzen und noch alle zu Hans. Vier Mädchen und vier Knaben. Dies ist Lisbeth, unsere älteste Schwester; Lieselotte, die jüngste, ist erst fünf Jahre alt. Dienstmädchen haben wir zwei: der Kut­scher Hopft die Teppiche und hält den Garten in Ord­nung, und dann ist auch noch die Lene da."

„Und wer ist Lene? Eine Wirtschafterin oder Kin­dergärtnerin?"

Die Geschwister sahen sich einen Augenblick ganz be­troffen an, bann sagte Lisbeth: „Lene ist eigentlich alles zusammen, also gewissermaßen die Hauptperson, und außerdem unsere beste Freundin. Sie war schon bei Mamas Eltern, hat uns aufgezogen und nennt uns alle du. Papa hält sehr viel von ihr."

Frau Merer nickte. „Also eine treue, zuverlässige Person, die mit der Familie fest verwachsen ist. — Ein seltener Schatz heutzutage. — Wie vertrug sie sich denn mit meiner Vorgängerin?"

„Gar nicht!" platzte Erich heraus.

„Wieso?"

» „Wir hatten ja noch gar keine Hausdame. Wir mein­ten immer, es sei nicht nötig."

„Wen verstehen Sie denn unter „wir"?"

„Run, Lene und uns, die Aelt-sten."

„Und wie lange ist Ihre Mutter tot?"

„Drei Jahre."

„So, so!" Frau Meier wurde nachdenklich, aber nur für kurze Zeit. Als sie über den Markt tarnen, bewun- derte sie das schöne, alte Rathaus mtt dem Treppengiebel und fragte, ob der Bürgermeister darin wohne.

„Nein", sagte Ernst, „er wohnt nebenan, heißt Ma- chesius und ist unser Onkel, denn er hat Papas Schwelte-

grau." _

„Wie angenehm für Sie", meinte Frau Meier, „haben Sie noch mehr Verwandte am Ort?"

„Massenhaft!" erwiderte Erich und warf sich ein wenig in die Brust, aber Ernst fügte weise hinzu; „Blutsver­wandte sind nicht immer Wahlverwandte. Wir stehen uns nicht mit allen so gut, wie mit Bürgermeisters."

Das Doktorhaus war kein eleganter Bau. Man sah es ihm schon von außen an, daß es mehr als zwei Jahr­hunderte auf dem Rücken hatte und sich unter dieser Last etwas vornüberneigte, aber als Frau Meier die große Diele betrat, die durch das ganze Haus ging, blieb sie bewundernd vor der alten englischen Standuhr und den mächtigen geschnitzten Schränken stehen. Ein Hauch von Behagen und ausgesprochener Eigenart lag über dem Ganzen, der sie sympathisch berührte, und mit elastischem Schritt begab sie sich nach der breiten Treppe, die zum Oberstock hinaufführte.

Ein nettes Hausmädchen, Emma genannt, nahm den Zwillingen das Handgepäck ab, und Katherine half dem Kutscher, den Koffer hinaufttagen, aber Lene ließ sich vorläufig nicht blicken.

„Fällt mir gar nicht ein, gleich hinter der fremben Person herzulaufen", hatte sie zu den Backfischen gesagt. „Ich bin länger hier als sie. Wenn sie etwas von mir will, kann sie zu mir kommen."

Inzwischen geleitete Lisbeth Frau Meier nicht ohne Herzklopfen in das kleine graue Zimmer hinauf. Du lieber Himmel, diese elegante Erscheinung im langen Rersemantel und dieser ungemütliche, dürftig möblierte Raum. Sie paßten schlecht ober gar nicht zusammen, und bitter kalt war es da drinnen auch.

Frau Meier mußte zum mindesten unangenehm be­rührt sein, als sie dies Gemach betrat, aber ihre Miene verriet nichts, denn der weiße Schleier bedeckte noch ihr Gesicht, und ihrer Stimme hörte man auch keine Ent­täuschung an, als sie sagte: „Nachher müssen Sie mich überall herumführen und mir das ganze Haus zeigen, I liebe Lisbeth. Jetzt will ich nur schnell den Reisestaub 1 abschütteln, und wenn ich dann bald eine Tasse Kaffee bekomme, werde ich wieder ganz frisch und zu allem , bereit sein."

Eine Stunde später kehrte Doktor Hansemann von einer Landtour zurück und begab sich sogleich ins Eßzim­mer. Dort saß die ganze Gesellschaft lachend und Plau­dernd am Defpertisch, und die neue Hausdame schien sich bereits ganz heimisch zu fühlen.

Als er eintrat, erhob sie sich mit einer schnellen, im­pulsiven Bewegung und ging ihm einen Schritt entgegen. Er reichte ihr freundlich die Hand, sprach ein paar Worte der Begrüßung und verstummte dann, als er ihr in die Augen sah. —

Noch nie hatte er so viel sttahlenden Frohsinn, so viel Intelligenz und bestrickende Anmut auf einem weiblichen Antlitz vereinigt gefunden. In seiner zarten und doch gesunden Blässe leuchtete es ihm unter den dunklen Haarwellen förmlich entgegen, und selbst ihm, der abge- srurnpft schien, fiel es auf, wie herrlich sich die feinge­zeichneten, dunklen rauen über den grauen, lang be­wimperten Augen w. lbten. Bemerkenswert war auch der Ansatz des feinen, dichten, blauschvarzen Haares, das über der Stirn tn einer breiten Taue in die Höhe stieg und am Hinterkopf in einem dicken Knoten aufgesteckt war. Die Nase erschien etwas zu kurz, der Mund zu groß, aber das Lächeln war wahrhaft bezaubernd und das Oval des Gesichts in seiner Form vollendet schön.

Ganz jung war sie nicht mehr, das sah er wohl, in­dessen mehr als dreißig Jahre konnte sie kaum durchlebt haben, und der Glanz, der auf ihren Zügen lag, sttmmtc mit der Lebhaftigkeit ihrer anmutigen Bewegung überein.

Ein Gewand von feiner, grauer Wolle umfloß in weichen Fallen ihre Gestalt, ein schwarzer Samtkragen umschloß den Hals, und eine seine goldene Kette, die lang herabhing, bildete ihren einzigen Schmuck. Ihre Hände waren sehr sorgsam geplagt und ihren Kleidern ent- ftrömte ein zarter Dust, der lebhaft an frische Veilchen erinnerte.

Der Doktor füllte sich etwas unsicher, aber Frau Meier blieb ganz unbefangen.

„3d) soll Ihnen von Ihrem Freunde herzliche Grüße bringen", sagte sie ruhig. „Er begreift es, daß eine allein­stehende Frau wie ich sich nach Tätigkeit und der Ge­meinschaft eines regen Familienlebens sehnt. und freut

sich, daß Sie es mit mir versuchen wollen. Nun freilich, Geduld und Nachsicht müssen Sie üben; die hiesigen Ver­hältnisse sind mir gänzlich fremd, und es wird einige Zeit währen, bis ich mich darin zurecht finde."

Er lächelte. „i4un", meinte er, mit schnellem Blick die Tafelrunde streifend, „der Anfang ist ja schon gemacht. Ich glaube, Sie werden sich sehr schnell bei uns ein­richten."

Er setzte sich an seinen Platz am oberen Ende des Tisches, und Lisbeth goß ihm den Kaffee ein. Die Kinder waren einen Augenblick verstummt, und ihre Blicke gingen neugierig zwischen ihrem Vater und der neuen Hausdame hin und her. Da sagte Lieselotte, die ihr gegenüber saß und, beide Anne auf den Tisch gestemmt, sie unverwandt anstarrte, laut und deutlich; „Papa, ich mag sie nicht, sie soll wieder fortgehenl"

Der Doktor konnte den Ausspruch seiner Jüngsten nicht ignorieren; so faßte er ihn nur als Scherz auf und sagte ruhig:- „Weshalb denn, mein Liebling?"

„Well sie ein gräßliches Uetz ist und uns alles fort« nehmen will, was wir haben. Die Lene hat es uns heute gesagt, Papa."

Frau Meier blickte lächelnd auf die kleine Sünderin. „Wir werden noch ganz gute Freunde werden", sagte sie heiter. Vorläufig gefällt es mir, daß sie so treu zu ihrer Lene hält. In ihren Augen bin ich natürlich ein unerwünschter Eindringling, und rch weiß, sie steht mit dieser Ansicht durchaus nicht allein."

Lisbeth und die Zwillinge erröteten schuldbewußt und schwiegen. Konny aber wollte der kleinen Schwester zu Hilfe kommen und sagte kauend: „Krischan Struve meint auch, was die Fremden sind, die taugen nichts, die muß man rausschmeißen."

Dem Doktor war die Sache ungemein peinlich, aber Frau Meier amüsierte sich köstlich darüber, und, zu Erich gewandt, der neben ihr saß, fragte sie: „Wer ist denn dieser feurige Lokalpatriot?"

„Ach, ein ganz dummer Bengel von der Straße", fagte er ärgerlich. „Konny hat immer so merkwürdige Be- kanntjchasten."

(Fortsetzung folgt,