FuldaerZeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.
| Sonntag, 3. Dezember 1922. |
49. Zahrg
Nr. 278
großes Interesse an
DO
In Treue zum vaterlande.
Ein Bekenntnis der rheinischen Zentrumpartei.
Die Leitung der rheinischen Zentrumpartei veröffentlicht folgenden Aufruf:
In diesen Tagen sind aus Paris offiziöse Nachrichten über die geplante weitgehende Beschlagnahme des Rheinlandes und dw beabsichtigte Besetzung des Ruhrkohlengebietes herübergekommen. Angesichts dieser Mitteilungen weiß sich die rheinische Zentrumpartei mit allen treudeutsch denkenden Rheinländern einig in der festen Ueberzeugung, daß wir die Meinung unserer Partei zu diesen Fragen nicht erneut festzulegen. sondern nur zu erinnern brauchen an die Entschließungen, die wir u. a. sowohl auf unserem letzten rheinischen Parteitage tote auch gemeinsam mit den anderen politischen Parteien wiederholt gefaßt haben.
In dieser ernsten Stunde aber, wo wiederum die rheinische Bevölkerung vom Westen her in große Unruhe versetzt wird, wollen tott dem gesamten Auslande mit allem Freimut sagen, daß wir in engstem Zusammen, schlutz mit unserem Volke eine ehrliche Politik der Ver. ständigung und der Versöhnung gegenüber unseren westlichen Nachbarn erstreben, daß aber eine solche Politik unmöglich ist, wenn die Einheit und Hoheit des deutschen Reiches immer wieder aufs neue vom Aus«, lande her bedroht wird.
Wir tragen nunmehr vier Jahre die schweren Lasten einer fremden Besatzung für unser deutsches Volt;'aber
Die Botschafterkonferenz in Paris hat der deutschen Reichsregierung eine von Poincare unterzeichnete Note überreichen lassen, in der erklärt wird, daß die alliierten Regierungen wegen der Vorfälle in Stettin, Passau und Ingolstadt, die sich gegen Offiziere der interalliierten militärischen Kontrollkommission richteten, vor dem 10. Dezember Genugtuung verlangen. Der bayerische Ministerpräsident habe sich wegen der Vorfälle in P a s s a u und Ingolstadt in einem Briefe an die Kontrollkommission zu entschuldigen. Diese beiden Städte werden je mit einer Strafe von 500000 G old- mark belegt. Im Falle der Nichtzahlung «werden die Alliierten die Summe von einer Million Goldmark oder einen entsprechenden Wert der Regierung in der Pfalz beschlagnahmen.
Die Note Poincares ist bereits in Berlin eingegangen und wurde noch in den Abendstunden eingehend beraten. Die Entschließungen werden im Einvernehmen mit der bayerischen Regierung getroffen werden.
Das Vorgehen der Entente zeigt, wie der Geist der Gewalttätigkeit bei unfern Feinden immer noch in Reinkultur sich auswirkt. Auf der andern Seite miß allerdings auch auf den Schaden hingswiesen werden, den unbesonnene Elemente in den betroffenen Städten für die deutsche Sache wieder angerichtet habtzn. Es sind rechtsradikale Elemente, die die Ausschreitungen begangen haben. Die Gesamtheit der Bevölkerung muß jetzt für diese Unbesonnenheiten büßen. Eine Mahnung zur Vernunft!
Demonstration in Kochen.
Lommuniskische Umtriebe.
Nach einer Meldung aus Aachen versammelten sicht' Freitag abend auf dem Aachener Marktplatz im An-l -Miß an kommunistische Betriebsräteoersamm^ fangen große Demonstrationszüge. Dis Menge wurde zunächst in die Seitenstraßen abgedrängt und sodann alle Zugänge zum Marktplatz polizeilich abgesperrt. Eine Anzchl junerBurschen, die zur Plünderung aufforderten, wurden fe stg«- n o m m e n. Einer in das Rathaus entsandten Depu. tation wurde mitgeteilt, daß die Frage der Preis- ko nt rolle und andere Maßnahmen gegen die Teuerung in der Stadtverordnetenversammlung am Samstag beraten werden sollen.
in Regelung des Rees eine Lösung in die allein seinen In-
"n-^nnvonliL kür den cevautonellen Teil: Dr. 3. Kramer. - für die Anzeigen: I. Parzelier-Fulda. - Ratattonsdruck u. Verlao der Fuldaer Actlendruckerei in Fulda, jtemtorecher Nr. 9. Posttckeck - Konto 4051 Frankfurt a. M.
Kus -em besetzten Gebiet.
---- ver Aurverkauf der Westpfalz. Einer von den beteiligten Dienststellen veranstalteten Zählung zufolge weilten am Mittwoch in Zweibrücken nicht weniger als 7000 Saarländer, um hier einzukaufen. Lebens- mittel wurden zentnerweise fortgeschafft. Die Bahn war kaum in der Lage, des Riesenandrangs Herr zu werden. Auch die Landstraßen wimmeln von Fußgängern und Fuhrwerken, die alles Erreichbare aus de/ Pfalz aufkaufen und in das Saargebiet schleppen.
Seruaspreis: Monattick 200'Nk. Zustellgebühr extra.
- Abgeholt in der Geschäftsstelle 200 2TIL
Anzeigen: Kleinzeile noch Colonel IS Mk., ausw. 20 Mk- Reklamezeiie (Tertbrettel nach Colone'maß 60 Mark.
500000 Goldmark Butze jiir Zugoltzadt und Postau.
Eine neue Drohuote Poinear^s. Reichsernährmigsminister Dr. Luther-Essen.
' jedwede Machtpolitik wird auch in Zukunft nicht im stände sein, das rheinische Zentrum und die rheinische Bevölkerung in der Treue zum Vaterlande wankend zu machen.
Der Vorstand der rheinischen Zentrumspartei: Justizrat Mönnig.
zu machen haben, daß Poinvare sein« nW wieder auf dem Umweg über unerfüllbare Gold- und Sachfordemngen zu erreichen suchen mird, nahmen, zu deren Zustimmung die Verbündeten leichter geneigt sind, wobei die in italiemschen und englischew Müllern häufig erwähnten Forderungen cmf Ersaf- s un g der in Deutschland bsfiM-lchon D eo t sen«j Vorräte und der deutschen Auslandsguthaben smm«i das Gold der Reichebank eine nicht unbetrachllnhs. Rolle spielen werden. _________________
Lösung braucht es jedoch freiere Hände, als es augenblicklich hat, zum mindestens muß es die Rückkehr seiner nach Amerika gehenden Finanzdelegation abwar- ten, ehe es irgendwelche Vorschläge zwecks Streichung der interalliierten Schulden und eine damit verbundene Herabsetzung der Reparationsforderungen seinen Verbündeten Vorschlägen kann.
Die Lösung, welche die Franzosen jetzt in London formieren wollen, ist jedoch kaum finanzieller Natur, sondern rein politischer Art durch ein Eingreifen und Sich-Festfetzen in den industriellen hochwerten Rheinlatchen. Es wird sich zeigen, inwieweit England in der Lage ist, sich den französischen Wünschen zu widersetzen, und ob es chm gelingt, endgültige Beschlüsse nech wenigstens so lange hinauszuziehen, bis es seinerseits den französischen und italienischen Verbündeten Vorschläge zu einer wirtschaftlichen Lösung der Reparationsfrage zu machen imstande fft. Bei der Unbeliebtheit, welche sich die französischen wirtschaftlichen und politischen Expansionspläne bei den anderen Nationen erfreuen, wird man sich darauf gefaßt
mit: Ehrhardt wohnte unter dem Namen eines Dr. von Efchwege in Pasing bei München. Am Donnerstag erhielt er schriftlich von dem nach München gekommenen Untersuchungsrichter des Staats» gerichtshofes eine Vorladung. Beim ersten Verhör wurde er gefragt, ob er Kapitän Ehrhardt kenne oder zu ihm Beziehungen hätte, was er verneinte oder ausweichend beantwortete. Auf die Frage, woher er den Doktortitel habe, erwiderte Ehrhardt, das fei nur so eine ihm freiwillig von einem Bekannten gegebene Titulatur. Die Frage, wo er denn eigentlich studiert habe, brachte ihn in Verwirrung. Darauf sagte ihm der Untersuchungsrichter auf den Kopf zu: Sie sind der Herr Kapitän Ehrhardt selbst und von mir verhaftet.
Der „Vorwärts" meldet aus München, daß die Verhaftung Ehrhardts ohne Beteiligung der Münchener politischen Polizei erfolgte und daß Ehrhardt ohne Mitwirkung des Münchener Polizeipräsidiums direkt zum Bahnhof gebracht worden sei.
parationsproblems, doch wünscht wirtschaftlich finanzieller Hinsicht, teressen gerecht zu werden vermag. Zu inefer Art von
Die Londoner Konferenz.
Von Dr. H. Hennig Pfafferott.
Die Vorbesprechung der alliierten Ministerpräsidenten in London, welche als Auftakt zu der Konferenz dienen soll, scheint mm doch MM ber zustandezukommen. Die jetzige Aussprache ist aus starkes Betreiben Frankreichs zurückzufuhren, wahrens man engftscherjeits sich dieser Konferenz gegsnufar recht abweisend verhalten hat. Es mag hier an tue ausfallende Tatsache erinnert werden, daß die französischen Interessen an einer endgültigen Losung der Reparationsfrage in demselben Maß« zugenomimen haben, wie sich die Lage im Orient verwickelter ge- staltete. Nachdem die deutschen Milliarden, welche dem französischen Volke auf Grund des Versailler Fne- dcnsvertrages versprochen und zum Teil von der französischen Regierung voroerlmsiagt sind, ausgebliebrn waren und die Finanzen Frankreichs sich ständig mr- fchlechterten, haben sich die französischen Pomiker wohl innerlich von einer finanziellen Losung der Reparationsfrage im wesentlichen losgrsagt und ihre Entschädigung in einer Politik gesucht, welche eine wirtschaftliche und politische Machterweiterung Frankreichs auf deutschem Gebiete zum Ziele hat. Die Durch- fühmng eines derartigen Programms, welches weit über den Rahmen des Versailler Vertrages hinausgsht, ließ sich ja nicht mit dem Hinweis auf Deutschlands schlechten Willen bei der Ausführung des von chm unterschriebenen Vertrages begründen. Hierbei war jedoch klar, daß sich England einer derartigen Wendung in der Reparationsfrage, im Verfolg feiner traditionellen Politik der Erhaltung des kontinentalen Gleich- gowichtes, widersetzen würde. Es galt daher, einen Zeitpunkt heranzubilden und zu nutzen, in welchem England in starke Verwicklungen eingefponnen und der Unterstützung seiner Alliierten, insbesondere Frankreichs in besonderem Maße bedurfte.
Diesen Augenblick hält Poincare für gekommen. In der Tat istdieLageEnglands augenblicklich nicht beneidenswert. Im Innern hat sich die neuernannte Regierung erst zu festigen; dazu kommt eine Wirtschaftskrise verbunden mit einer star- ten Arbeitslosigkeit; ferner gestalten sich die Wirren im Orient, an welchen England rm höchsten Maß« in- tercfsiert ist, durch das Eingreifen der Russen und Amerikaner und auch durch den neuerlichen Minjster- mord einer Revolutionsregierung in Griechenland tont« plizierier und machen eine tätige Mithilfe Frankreichs immer unentbehrlicher. Gewiß hat England selbst ein
Sie BerUtm les Wins WM.
Ehrhardt, Kapp-Put ch und Organisation 6.
Sicherheitsmaßnahmen in Leipzig.
Der frühere Korvettenkapitän Ehrhardt, auf den feit dem Kapp-Putsch wegen Hochverrats gefahndet wird, ist am 1. Dezember in München verhaftet worden. Er wurde sofort nach Leipzig gebracht.
Wie aus Leipzig gemeldet wird, ist Ehrhardt im Leipziger Untersuchungsgefängnis unter besonderen Sicherheitsmaßnahmen untergebracht worden. Vor der Zelle und in der Umgebung des Untersuchungsgefängnisses ist ein besonderer Wachdienst eingerichtet worden, da man mit der Möglichkeit rechnet, daß Ehrhardt von seinen Freunden befreit werden könnte. Die Anklage gegen ihn wird nicht nur wegen seiner Rolle im Kapp-Putsch, sondern auch wegen seiner Beziehungen zur Organisation C erhoben werden. Es ist ein besonderes Büro mit einem Staatsanwalt und mehreren Hilfsarbeitern eingerichtet worden, das die Vernehmung Ehrhardts und der zahlreichen
preußischer Landtag.-
Ablehnung deukschnakionaler und kommunistischer Aniräge.
Nachdem zunächst eine Resolution aller Parteien über den sofortigen Ausbau des Oder-Spree-Kanals debattelos angenommen war, wurde die Aussprache über das Verbot des Jungdeutfchen Ordens und des Deutsch- völkischen Schutz- und Trutzbundes fortgesetzt Abg. Schmelzer (Ztr.) teilte mit, daß eine Abordnung
„ , en soll.
lieber die Verhaftung Ehrhardts in München teilt die „Deutsche Allg. Ztg." folgende
Einzelheiten
per Wirrwarr im Grient.
Geplanter «Mansch von Minderheiten.
Ter Ausschuß für territoriale und militärische Fragen, der in Lausanne arbeitet, beschäftigte sich hauptsächlich mit der Frage des Austausches der Minde, heilen und der Kriegsgefangenen. Professor Nansen erstattete einen Bericht und erklärte den Austausch, wobei es sich um mehr als eine Million Menschen ban beit, für durch-, führbar. Die Angelegenheit müsse dem Völkerbund überwiesen werden. I/met Pascha protestiert gegen die Teilnahme des Völkerbundes, zu dem die Türkei keine Beziehungen habe, lieber die Frage, ob der Austausch freiwilligen oder zwangsweisen Charakter haben müsse, wurde keine Einigung erzielt- Curzon erklärte, ein gewisser Zwang sei dabei notwendig. Es wurde ein Unterausschuß eingesetzt, der die Frage prüfen soll. Auch die Frage des Gefangenenaustauschs wurde einem Unterausschuß überwiesen. Die Türken fordern die sofortige Rückgabe der türkischen Gefangenen, wollen aber die griechischen Gefangenen erst nach Friedensschluß zurückgeben, während die Griechen auf gleichzeitigem Austausch bestehen.
Oberbürgermeister vr. Luther Lrnahrungsminister.
Me uns ein Telegramm aus Essen (Ruhr) meldet, wurde in bar dortigen Stadtverovbnetenfrtzung bekannt gegeben, daß der Effener Oberbürgermeister Dr. Luther Zum Reichsernährungsmmister berufen worden sei.
Oberbürgermeister Dr. L u t h e r fft ein Monn von großer Tatkraft und Initiative. In tommuitaipoliti- schen Kreisen Deutschlands genießt er einen guten Ruf.
Zrn Gism'eer.
Roman von Clark Russell.
äst ----------
Mr. Hoskins' Begleiter war eine höchst merkwürdige Erscheinung. Ein kleiner, kahlköpfiger Mann von fast zwergähnlicher Statur, mit rundem Rucken und krummen Beinen. Aus dem runzeligen Gesicht des etwa Fünfundfünfzigjährigen blinzelten ein paar graue, tiefliegende Aeuglein vergnügt in die Well; unter einer stattlichen Rase hing ein kümmerliches graues Bärtchen über einen ziemlich breiten Mund mit schmalen Lippen, und das ganze Gesicht des Männleins arbeitete und zuckte unausgesetzt in den seltsamsten Grimassen.
Mr. Hoskins stellte mir den Fremden als Mr. Christopher Cliffe, Kapitän und Miteigentümer der Brigg Albatros vor und ließ uns dann allein, da er eine wichtige Verabredung hatte.
„Hat Kapitän Hoskins mit Ihnen über meine Angelegenheiten gesprochen?" fragte ich den Kapttän des Albatros.
„Genug, um mir zu zeigen, daß Eile not tut," war die Antwort.
„Der Walfischfänger Seekönigin," fuhr ich fort —
„Ist heute morgen gesegell," schaltete mein Gegenüber ein.
„Er hat auf einer Eisklippe der Krönungsinsel ein gestrandetes Wrack gesichtet," sagte ich, mein Notizbuch herausziehend, um nähere Angaben machen zu können. 48 « 45' Süd und 45 ° 10’ West wurde jenes Wrack auf hoher See von der Mannschaft verlassen, nachdem es kurz vorher durch einen Orkan aller drei Masten beraubt worden war. Nur drei Personen blieben an Bord zurück, darunter ein junges Fräulein, das mir teurer ist als mein Leben."
„Und sie vermuten jene drei Personen noch immer U dem Wrack?" fragte Kapitän Cliffe, während jedes oältchen in seinem Gesicht zitterte und zuckte.
. »Das festzustellen ist der Zweck meiner Reise," er- ^iderte ich. „Kann ich Ihre Brigg dazu chartern?"
-tzawohl."
»Wann ist sie segelfertig?"
„Ich hoffe bis nächsten Montag den Rest der Ladung gelöscht zu haben und stehe dann zu Ihrer Verfügung."
„Haben Sie schon eine Mannschaft für die Reise?"
„Die ist nicht schwer zu beschaffen."
„Wie groß ist Ihr Schiff?"
„Hundertsiebzig Registertons."
„Und der Kostenpunkt?"
„Monatlich 30 Schilling per Tonne, wenn ich die Ausrüstungskosten trage, und 15 Schilling, wenn Sie es tun."
„In welcher Zeit hoffen Sie die l?rönungsinfeln erreichen zu können?"
Kapitän Cllffe überleg'e eine Weile, wobei er die unglaublichsten Fratzen schnitt; dann sagte er mit Bestimmtheit:
„In einem Monat."
„Wann kann ich mir das Schiff ansehen?"
„Sofort, wenn Sie wo'len."
Ich ließ einen Wagen holen, und in raschem Trabe fuhren wir den Hafenanlagen zu. Mein Begleiter ging unterwegs immer mehr aus sich heraus und gefiel mir mft jedem Augenblick bester. Sein scharfer Verstand und sein klares Urteil berührten mich ebenso angenehm wie sein schlichtes, menschliches Empfinden. Er teilte meine Ansicht, daß jenes von dem Walfischfänger gesichtete Wrack auf jeden Fall die Lady Emma sein müsse, und bestärkte mich in meinem Vorhaben, zur Rettung der Schiffbrüchigen alles aufzubieten.
„Denn", sagte er, „ehe die Regierung sich herbeiläßt, etwas für die VerunMckten zu tun, können ste längst zu Eissäulen gefrorerrunb das Wrack in Stücke zerfallen sein. Es ist freilich auch nicht ausgeschlosftn, daß die drei Zurückgebliebenen schon lange von vorübersegelnden Schiffen gerettet und in Sicherheit gebracht worden sind. Aber Sie haben recht, Mr. Moore, sich nicht auf diefe unbestimmte Möglichkeit zu verlassen, sondern sich selber Gewißheit zu verschaffen."
Rach kurzer Zeit hatten wir den Kai erreicht, von wo aus ein schnelles Ruderboot unst in ein paar .nuten an Bord des Albatros brachte.
Die schneeige Weiße des Schiffskörpers erwies sich beim Näherkommen als rncyt jo ganz makellos, wie sie
mir von weitem erschienen war, denn in der Nähe sämtlicher (Eifenteile zeigten sich auf dem Holzwerk dunkle Rostflecken. Die Formen und Linien des Albatros jedoch konnten getrost jeder näheren Verachtung standhaften, und obwohl ich kein Fachmann bin, fo drängte sich mir doch angesichts dieser vollendeten Proportionen die Ueberzeugung auf, daß ich mir für meine Zwecke kein schnelleres und besseres Fahrzeug wünschen könne.
Neben der Brigg lag ein Leichter, und ein Seemann mit dunkler Tuchmütze und hohen Stiefeln beaufsichtigte das Löschen der Ladung.
„Das ist Mr. Bland, mein Steuermann," sagte Kapitän Cliffe; „ein tüchtiger Seemann."
Der anheimelnde Eindruck, den das Schiff auf mich gemacht hatte, verstärkte sich noch bei unserem Rundgange an Bord. Auf dem geräumigen Vorderkastell bemerkte ich eine kleine, mit roten Ziegelsteinen gepflasterte Kombüse, in der Kessel und Pfannen vor Sauberkeit glänzten.
„Wieviel Boote besitzt der Albatros?" fragte ich, als wir auf dem Achterdeck Halt machten.
„Zwei," erwiderte der Kapitän.
„Ich glaube, wir werden damit nicht auskommen." sagte ich nachdenklich. „Vor ollen Dingen brauchen wir Boote, die geeignet sind, dem heftigen Anprall der Brandung standzuhalten, die an der Küste der Krönungsinsel und in dxr Nähe des Wracks besonders schwer sein soll."
„Sie haben ganz recht, Sir," antwortete der kleine Mann; „aber Sie brauchen mir nur Ihre Aufträge zu geben, dann besorge ich alles Notwendige. Voraussichtlich werden wir auch Steigeisen zum Erklimmen der Eiswand brauchen, und eine solide Strickleiter müssen wir ebenfalls haben."
Damit stiegen wir die Kajütentreppe hinab, um uns auch in den unteren Schiffsraum ein wenig umzufehsn. Die Hauptkajüte war größer, als ich erwartet hatte, und machte trotz ihrer einfachen Ausstattung einen freundlichen Eindruck. Ein großes Oberlicht und mehrere Bullaugen ließen eine Fülle von Lageslicht ein, das fich in dem glänzend geputzten Meffinggitter des Kamins und
in den übrigen blitzblanken Geräten fröhlich wieder spiegelte. An die Kajüte stießen drei kleine Kabinen von denen zwei augenblicklich zur Aufbewahrung vor Lebensmitteln und Segelgerät dienten, aber — wie bei Kapitän mir versicherte — jederzeit ausgeräumt und ein. gerichtet werden konnten.
Hochbefriedigt von der Besichtigung des Schiffes trat ich sofort die nötigen geschäftlichen Abmachungen mft Kapitän Cliffe und kehrte dann, zum erstenmal nach langer Zeit wieder in hoffnungsfreudiger Stimmung in mein Hotel zurück.
Achtzehntes Kapitel.
Der Albakros beginnt feine Reife.
Alle Vorbereitungen wickelten sich so glatt ab, daß mir am Abend des 26. Dezember segelfertig waren. Als wir uns einschifften, drängte sich eine große Menschenmenge am Kai. Trotz aller Zurückhaltung waren Einzelheiten unseres Unternehmens in die Oeffentlichkeit gedrungen; die Zeitungen hatten lange Artikel über die Rettungsexpedition gebracht, die der Albatros unternehmen sollte, und ganz Buenos Aires erzählte sich die romantische Geschichte der jungen Engländerin und des Schiffsbruch- der Lady Emma.
Kapitän Cliffe und ich wurden am Kai von Hunderten von Menschen umringt, die ihre Taschentücher schwenkten und uns Glück auf den Weg wünschten. Damen stießen und drängten sich, um mich besser sehen zu können, Männer stritten sich über die Eisverhältnisfe in den Orkneys und die Aussichten der Expedition. Ms wir endlich in die kleine Jolle des Albatros stiegen, bie' am Kai auf uns wartete, gab uns ein braufenbes Hurra bas Geleit.
In diesem Augenblick, als wir den Albatros betraten, rief der pockennarbige Steuermann mit schallender Kommandostimme Befehle über Deck, und unter eintönigem Singsang begann das Ankerspill sich zu drehen. Kapitän Mffe und ich schritten ungeduldig auf und ab.
„Sehen Sie", sagte er, auf eine kleine Messingkanone deutend, die auf dem Quarterdeck stand, „diesen Lörm- macher habe ich erst heute an Deck schaffen lassen. Wir werden fortwährend Signalschüsse feuern, wenn wir im