Einzelbild herunterladen
 

49. Zahrg

Freitag, \*L November 1922

Nr. 265.

Ikrantwortli» für den ceoauixmeUen Teil: Dr. I. Kramer. 2 kür die Anzeigen: S- Parzeiirr-Fulda. u Rotationsdruck u. Verlas der Fuldaer Slctiendruckerei in Fulda, «ernfore»« Nr. Q. Pasiicbeck-Kon'o 4051 Frankfurt a. M.

Bezugspreis: Monat»» 150 Ml. Zustellgebühr extra. z Abgehakt In der Geschäftsstelle 155 Ml. ~

Anzeigen: Kleinzeile noch Towne' 15 Mk., ausw. ?0 Mk. Retlamezel'e (TenbreH#> na» Eolone matz 60 w«f.

FuldaerZeilung

AmMcher Anzeiger für den Kreis und die Skadk Fulda.

Dr. Wirth bleibt Vertrauensmann Zentrums.

Noch keine Lösung der Krise.

Die Losung der Regierungskrise, die durch die 'H a l s st a r r i g k e i t der Rechts- und Linksgruppe in der »großen Koalition" trotz der schweren Not des Augenblicks heraufgeführt worden ist, wurde bis zur Stunde noch nicht gefunden. Aber man kann wohl sagen: Ein anderes Antlitz e h e sie ge­schehen, ein anderes zeiget die vollbrachte Tat. Es herrscht bei Dolkspartei und Sozialdemokraten

Kater st immun g. Nur die Frankfurter „Dolksstimme" ist fidel und luftig und befürwortet ein rein sozialistisches Regiment. Was würden diese Herren vom radikalen Ton die Augen vusreißen, wenn sie wirklich den deutschen Reichs­wagen fahren sollten! Und zwar so fahren sollten, daß nicht in ganz kurzer Zeit die Fetzen in alle Winde fliegen. Glücklicherweise sind die sozialisti­schen Führer nicht so bedenkenlos wie die »Frank­furter Richtung" innerhalb der sozialdemokratischen Partei. Bei ihnen und wohl auch bei den andern Mitschuldigen an der Krise, den Dolksparteilern, macht man sich schweres Kopfzerbrechen, ob nicht doch noch, auch nach dem Fehlschlag vom Diens­tag, die große Koalition zu retten ist.

*

Sn den Besprechungen des Reichspräsidenten mit den Parteiführern erklärte der Abgeordnete Marx, daß das Zentrum sich nicht nur weigern müsse, Vorschläge für die Nachfolgerschaft Wirths zu machen, sondern keinem seiner parlamen- mentarischen Mitglieder gestatten würde, das Kabinett zu bilden. Diese Haltung des Zentrums schaltet di« Berufung des Kölner Ober­bürgermeisters Dr. Adenauer, der eingeschriebenes Mitglied der Zmtrumspartei ist und desien Kandidatur bis in den Nachmittag am meisten in dem Vorder­grund gestanden hat, aus. Ebenso wie das Zentrum soll auch die sozialdemokratische Fraktion es abgelehnt haben, den Reichskanzler zu stellen. Da die demokratische Fraktion als die kleinste der bis­herigen Koalition anscheinend nicht in Frage kommt, fo werde, wie die „Voff. Ztg." wissen will, nach einer außerhalb des Reichstages und auch außerhalb des Parteigebietes sichenden Persönlichkeit Um­schau gehalten, die nicht ein Koalltionskabinett, sondern ein ».freies KabinettderKöpse" bilden soll. Der »Berl. Lokaianz." hält «s für möglich, daß Dr. Wirth wiederkehrt und an die Spitze eines solchen Kabmetts tritt.

Der »Vorwärts" knüpft an die Tatsache, daß sich alle Parolen des Reichstages, mit Ausnahme der Deutschnationalen und der Kommu. nisten, zu den beiden letzten Roten an die Repara­tionskommission bekannt haben, die Hoffnung, daß die Krise eine baldige Lösung finden werk« und betont erneut die Bereitwilligkeit der Sozial, demokratie, weiter ihren Teil an der Last der Verantwortung zu tragen, allerdings unter der Be. dingung, daß sie auch innechalb der Partei -,-erant- toorten könne, was man ihr äußerlich zu verantworten zurute. Die Deutsche Dolkspartei tritt, laut „Deutsch. Allgem. Ztg.", falls die große Koalition nicht erreich­bar ist, für ein Kabinett der bürgerlichen Arbsitsge- 'vemschaft ein. (?)

Die „Germania" gibt die Stimmung in Zen- krumskreisen folgendermaßen wieder:

In der letzten Zeit hatte sich so etwas wie eine st i l l e Große Koalition herangebildet. Bei allen wich-

J rn Grsrneer.

Roman von Clark Russell. 25] ----------

„3d; werde nach und nach ein Verzeichnis aller für Sie bestimmten^ Lebensmittel aufstellen," sagte ich zu Miß Otway. „Falls wir von einem anderen Schiff ge­rettet werden sollten, müssen wir diese Vorräte mitneh­men, denn an .bie derbe und einförmige Kost eines Wal­fischsängers würden Sie sich schwer gewöhnen können." . während der Mahlzeit sah ich Miß Otways Augen beständig zwischen den Kajütensenstern an Backbord

ur£ h"'ten hin- und herwandern, als ob dort im miT-te” ^U8cn6Iict die gefürchteten Lismassen auftauchen

Schimmer brach der Tag an, und als m'nni beide an Deck eilten, lag der

/'L T strahlenden, sonnigen Wintermorgens auf k A h *nr^ee’ ln deren dunkles Blau sich hier und da ein durchnchtige-, leuchtendes Grün mischte. Goldige Wölkchen umflatterten wie ein Schleier die Sonne.

•s-k . teilen und Meilen weit dehnten sich im Süden Eisberge aus! Dem unbewaffneten Auge ver­schmolzen .ie zu einer ungeheuren kompakten Eismasie. 2xmf) das Fernrohr konnte ich deutlich die glitzernden Zinnen und Turme, die Straßen und Wege der Gigan- t-nstadt aus Kristall und Alabaster unterscheiden.

Wenige Meilen nur trennten uns noch von dem Erse!

Mit weitgeäffneten Augen starrte Miß Otway auf »as blendende Geflimmer, und immer wieder entrang mh ihren blaffen Lippen die angstvolle Frage- Sehen die kein Schiff?" ' "

So angestrengt ich aber auch weit und breit umher- ">°hte. bis meine schmerzenden Augen mir den Dienst »erjagen - kein rettendes Segel ließ sich blicken. Da- mr abPr zeigte sich im Südosten am Hor-zont ein leichter ‘““lufjer Schatten, in dem ich sofort e.ne F-lfenkllpp.

■** Südorkeneyinseln vermutete. Um meiner Sache ge- Bl“ Lu fein, fragte ich meine Gefährtin, ob auch fw den

tigeren Verhandlungen war die Deutsche Dolkspartei hin­zugezogen und die Haltung der Regierung war von ihr im wesentlichen gebilligt worden. Der Reichskanzler Dr. Witth hat gesagt, daß die letzte Note der deutschen Re­gierung an die Reparationskommission der Ausdruck des politischen Wil lens der noch nicht vorhan­denen Großen KoalitioMgewesen fei. Sn den Grund­fragen der Politik hatte also tatsächlich schon eine An­näherung stattgefunden. Damit war aber zum Ausdruck gebracht, daß sich die Parteien der nun vorläufig ge- scheiterten Großen Koalition zu den Grundzügen der bis­herigen deutschen Polittk bekannt hatten, und es war weiter damit botumentiert, daß eine anbere Politik eigentlich nicht gut möglich sei. Das Zentrum hat sie jebensalls für bis einzig mögliche und dem Lanbe bien- liche gehalten Deshalb wirb es auch keine Veranlassung sehen, das Steuer der Politik nun zu wenden. Es har alles getan, die Krise zu verhindern und die Parteien auf einer mittleren Linie zusammenzuführen. Ohne seine SchÄd ist das nicht gelungen. Unter dieser Umständen halten wir die Auffassung für berechtigt, die Entw!r- rung der Krise denen zu überiassen, bte sie angerichtet haben. Wir brauchen wohl das Zentrum nicht vor dem Verdacht zu schützen, es.wolle sich vor der Verantwortuna drücken. Die letzten vier Jahre der deutschen Polittk widerlegen eine solche Anschuldigung, ehe sie ausgesprochen ist. Gerade der bisherige Reichs­kanzler Dr. Wirth hat in aufopfernder Weise ferne Kraft für diese Politik, die dem L e st a n d und der Ein. Helt des deutschen Volkes dienen sollte, gereib- met. Das haben unsere Freunde im Lande besonder» in den letzten Tagen noch vielfacb anerkannt, wie bas in Dertrauenskunbgebungen der Parteiorganisationen für Witth zum Ausdruck gekommen ist. Diese Kundgebungen haben gezeigt, daß Dr. Wirth nach wie vor der Mann des uneingeschränkten Vertrauens der Zenttumswähler ist. Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, daß die Angriffe, die setzt auf den Kanzler von allen Seiten niedergehen, das Vertrauen zu ihm bei seinen Freunden erschüttern könnten. Es ist überftüffig, jetzt die Verdienste Dr. Witth» um das Land nochmals besonders zu würdigen Sie liegen für alle, die guten Willens sind, o f e n zutage. Ebensowenig angebracht ist es auch, ihm jetzt einen poli­tischen Nachruf zu widmen, denn selbst seine verbissensten Gegner werben nicht glauben, daß ein Mann von den Führereigenschaften und den politischen Qualitäten be» bisherigen Reichskanzlers Dr. Wirth politisch erledigt ist.

Als Niederschlag dieser Stimmung ist folgende

Uun-gebung der Zentramsfraktion

zu betrachten.

Die Zentrurnsfraktkon des Reichs» t a g e s hat folgende Erklärung einstimmig be- schloffen:

Die Zentvumsfratfion des Reichstages hat sich am Mittwoch morgen mit der durch die' Demission des Kabinetts Wirth geschaffenen Lage beschäftigt. Die Fraktionen des Zentrums, der Demokraten, der Deutschen und der Bayerischen Dolkspartei haben angesichts der außenpolitischen und innen« politischen Erfordernisse die große Koalition ver­langt, für welche der Boden durch die voran­gegangene gemeinsame polittsche Arbeit geebnet war. Die vereinigte Sozialdemokrafie hat diese politische Notgemeinschaft abgelehnt. Die einmütige Auffassung der Zentrmnsfraktion geht dahin, daß durch diese innerpolittsche Entwicklung der letzten Tage der Zeytrumspartei keinerlei Snit'ia- tioe bei der Neubildung des Kabinetts zufällt. Dem bisherigen Reichskanzler Dr. Wirth haben die Zentrumsfrakttonen des Reichstages und die übrigen Parteiinstanzen noch kürzlich ihr volles Vertrauen ausgesprochen. Daran hat sich nichts geändert. Vielmehr hat die letzte außenpolitische T a t der Regierung Wirth, nament­lich die letzte Note an die Reparationskommission vom 13. d. M. wiederum die ungeteilte Zu-

Schatten bemerke. Mit bloßem Auge konnte sie nichts entdecken, als ich ihr aber das Fernrohr reichte, rief sie lebhaft aus: ' '

„5a, ja, jetzt sehe ich ihn!"

„Es ist Land," jagte ich bedeutungsvoll. »Unbewohntes Land?" stammelte sie angstvoll.

»Das will ich nicht sagen; ich glaube, ab und zu sendet ein coriiberfegelnbes Schiff dort ein Boot an Land."

„Zu welchem Zweck?"

i „Das weiß ich nicht, darüber brauchen wir uns auch Nicht den Kops zu zerbrechen. Sch will lieber dafür for- gen, daß man uns bemerkt, falls ein Schiff dort drüben kreuzt."

Damit hotte ich die erloschene Laterne nieder und hißte die rote Flagge. Da bas klare Wetter heute end­lich einmal eine Beobachtung ermöglichte, so holte ich den Sextanten aus der Kajüte, wartete den Zeitpunkr ab, in dem die Sonne den Meridian kreuzte, und erhielt eine gute Mittagshöhe. Hieraus ergab meine Verechmma die Breite von 60 Grad 10 Minuten Süd. Auch die Länge konnte ich auf 4-5 Grad West von Greenwich fest­stellen.

Ein Blick auf die Karte zeigte mir nun, was jener bläuliche Schatten im Süden zu bedeuten hatte. Es war kein Vorgebirge, sondern wahrscheinlich ein 4500 Fuß hoher Berggipfel im Innern der Krönungsinsel.

„Sehen Sie," sagte ich zu Miß Otway, die neben mir stand und alle meine Bewegungen mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgte, „auf diesem Punkte befindet sich das Wrack augenblicklich."

Sie beugte sich über die Karte und seufzte tief.

„Wie trostlos! Wie weit sind wir von Kap Horn verschlagen! Die nächsten bewohnten Gegenden sind die Falklandinseln, und auch von diesen trennen uns noch Hunderte von Meilen!"

„Sie ängstigen sich ganz unnötig," redete ich ihr zu. „Sechzig Grad südlicher Breite sind gar nichts so Un­geheuerliches. Die Walfischfänger wagen sich oft noch viel tiefer hinab" — allerdings nicht hier, setzte ich in Gedanken hinzu. — „Sehen Sie, Miß Otway," fuhr ich fort, indem tch eine Reisebeschreibung vom Bücherbrett nahm und aullchlug, „hier haben Sie eine Schilderung

- stimmung der ganzen Zentrumsfrak- I tion wie überhaupt die Billigung der Fraktionen von der Deutschen Dolkspartei bis einschließlich der vereinigten Sozialdemokratie gefunden. Das ein­zig Erfreuliche an der gegenwärtigen verworenen politischen Lage ist diese außenpolitische Klarheit. Allerdings besteht leider die Gefahr, daß die außenpolitischen Erfolge durch die inner- politischen Schwierigkeiten, für welche die Zen­trumsfraktion keinerlei Verant­wortung trifft, stark beeinträchtigt werden könnte.

Deutscher Reichstag.

Die Not der Verdrängten — die Mot der Wissenschaft.

Befolge des Rücktrittes der Regierung hat die für die Mittwochsitzung des Reichstages erwartete Programm, erßärung der Reichregierung nicht abgegeben werden können. Das Parlament ist darum gerade so wie an den Vortagen weniger im Plenum als in den Wandel­hallen versammelt.

Im Plenum benutzte man die Zeit des Interregnums, um sich mit Teilerscheinungen der durch Krieg und Frie- bensoertrag verursachten Bot des deutschen Vol­kes zu befassen. In allen drei Lesungen wird zunächst ein Initiativantrag der großen Parteien angenommen, der bas Entschädigungsverfahren für die Verdrängten, für die Kolonial- und Au-landsdeut- schen verbessern soll. Der Gesetzentwurf trägt ber Cha- ratter einer Zwischennovelle und will die Höchstgrenze, die in den Gewaltschädengesetzen für die Zuschläge zum Ersatz von Hausrat und Kleidungsstücken festgesetzt ist, und diejenige für die Auszahlung ber Entschädigung be­stimmten Barquote nach Maßgabe ber fortschreitenden Geldentwertung erhöhen. Ferner bezweckt die Novelle eine Anpassung bestimmter Termine und Fristen an die oberschlesischen Schadensfälle. Die Höchstgrenze soll nun­mehr 500 000 Mark betragen.

In ausführlicher Rede begründete alsdann der Zen» trumsabgeorbnete Dr. Schreiber die Interpellation be» Zentrums über b l e N o t ber beutschen Wissen­schaft. Rebner entrollte ein erschütterndes Bild von den durch die katastrophale Entwertung der deutschen Mark hervorgerufenen Niedergang des wissenschaftlichen Lebens in Deutschland nach der persönlichen und nach der sachlichen Seite hin und machte der Regierung zur Be­hebung der Nollage eine Reihe von Vorschlägen. Mit warmen Dankesworten gedachte er der Notgemeinschaft für deutsche Wissenschaft, die sich um die Beleuchtung de» traurigen Zustandes des deutschen Wiffenschastsbettiebes und der deutschen Forschungstätigkeit außerordenttiche SJerbienfte erworben hat. Die Interpellation wurde von dem Staatssekretär Schulz beantwortet.

Zu Beginn der Tagung machte der Reichstags- ’ Präsident die Mitteilung, baß ber Vertreter ber (feile- i irischen Regierung für bte gestrige Kundgebung des Reichs­tages aus Anlaß des Erdbebens in Chile feinen Dank übermittelt habe.

Die Unruhen am Rhein.

In Düsseldorf ist eine merkliche Entspan- nung in der allgemeinen Sage eingetreten. In mehreren Betrieben wird wieder gearbeitet. Dagegen versuchten die Ausständigen, die Bewegung nach Mülheim zu tragen und in die T y i sen h ü t te einzudringen. Sie wurden aber von der dortigen Polizei abgewiesen.

In Köln versammelten sich etwa 1000 Personen kn der Gürzemchstraße, die die Aufforderung der Poti- tyepbcamten, sich,zu zerstreuen, mit Steinwürfen und Schimpfereien beantworteten. Di« Straßen mußten hierauf gesäubert werden. Auf dem Neuen Markt em stand em« Ansammlung, dir zu.rä hst durch Polizeibeamte zerstreut wurde. Aw später jedoch die M«NW arwuchs, mußte sie mft Hilfe der berittenen Polizei zerstreut werden. Hierbei erhielt ein berittener PolHeiwachtnreister einen StreiffchmH ins Gesicht c?" der Schußwaffe Gebrauch gemacht werden mußte. Verletzungen wurden nicht festgestellt.

jener Inselgruppe, der wir uns jetzHhs'rn^Menschen haben sie entdeckt, benannt, zum Teil sogar erforscht — warum sollte uns unmöglich sein, was jenen gelungen ist?" Und ich las ihr die Stelle des Werkes vor, die von der Umfchiffung ber Südorkneyinseln im Jahre 1823 hanbette.

ÜKig Otway lächelte trübe. „Jenes Schiff hatte Masten unb Segel unb war ausreichenb bemannt," er- wiberte sie.

Ich las: - - '

--Wir fetzten Boote aus, um bie Küste zu erforschen. Unsere Schiffe kreuzten mittlerweile in ber Bucht, benn es war uns unmöglich, bort vor Anker zu gehen, weil bie im Sommer abschmelzenben unb zerbröckelnden Eis- berge den Meereseinschnitt so mit Treibeis ungefüllt hallen, daß wir oft nur durch vorsichtiges Manövrieren einem heftigen Zusammenprall entgingen."

»Das ist es eben," warf Miß Otway ein, „ihr Schiff war lenkbar!"

„Die Küste," las ich weiter, „machte einen noch un­wirtlicheren Eindruck als bie ber Süd-Shettcmbmseln, benn sie ist reich an wild zerklüfteten Bergspstzen, bereu höchste an klaren Tagen vielleicht fünfzehn Seemellen wett sichtbar sein mag. Wir nannten sie Nobles Peak." „Ist bas ber bläuliche Schotten, ben wir vorhin sahen?" fragte Miß Otway.

„Möglich," erwidette ich.

„Sehen Sie hoch nach, ob bte Insel bewohnt ist!" „Sie ist unbewohttt. Aber wir brauchen deshalb nicht zu verzagen, noch sind wir ja nicht gestrandet, und willls Gott, fo kommt es auch gar nicht dazu. Daß wir nach Süden treiben, steht freilich außer allem Zweifel, hoch scheint mir unser Kurs stark in westlicher Richtung abzu- weichen. Ich will einmal sehen, was in diesem Buch über die antarktischen Meeresströmungen gesagt ist."

Und einige Seiten umblätternb, las ich weiter:

„Zehn Meilen südlich von Kap Horn wendet sich der Meeresstrom mit einer Geschwindigkeit von einer halben Meile in der Stunde nach Ost-Noi b-Ost"

„Das wäre sehr günstig für uns," bemerkte ich, „benn fobalb ber SB mb umspringt, führt die Strömung uns rasch aus dem Bereich der Eisgrenze." j

Der Wahlausgang in England.

Am M i t t w o ch haben sich die englischen Wah- len ungestört vollzogen, lieber das Ergebnis, bas nur vorläufig ist, erhalten wir folgendes Privat­telegramm:

wtb London, 16. Nov. (Tel.) Reuter md- bet: Bis heute morgen 3 Uhr lagen folgende Wahl­ergebnisse vor: fionferoatioe 152, Nationalliberale 20, Liberale 23, Arbeilerpartel 63, Unabhängige 6. Bisher haben die konservativen 7. bie Rational, liberalen 1, bie Liberalen 11 unb bie Arbeiterpartei 34 neue Sitze gewonnen.

Deutscher Reich.

* Ausübung bes Stimmrechts gesetzliche Pflicht. Nach einer Meldung der „Voss. Ztg." ist dem Reichstag von der Deutschnationaten Volkspartei ein Initiativantrag zugegangen, der die Reichs- regierung verpflichten will, bis zum 1. Februar 1923 ein Reichsgesetz vorzulegen, wonach die Wahl­berechtigten bei den Wahlen zum Reichstag und zu den Volksvertretungen der Länder ihr Stimm­recht auszuüben verpflichtet find. >

• Das Attentat auf Scheidemann wird in den nächsten Wochen vor dem Staotsgerichlchof zur Ver- fyatt.Lu.ng kommen. Den beiden Verhafteten ist jetzt die Anklageschrift zugrstellt worden. Angeklag! sind der Kaufmann Huytert aus Elberfeld und der Land- wlrt Oeischläger aus Alchammer (Oberschlesien).

* Die Abfindung des sächsischen Königshauses. Den neuen sächsischen Landtag wird cts eine der ersten Regierungsvorlagen ein Gesetzentwurf über die Ab­findung des früheren sächsischen Königshauses zugehen. Sowsft die Angetegerchnt endgültig geregelt werden kann, wird sie nach folgenden Gesichtspunkten erfolgen: Dem fächfffchen Staat verbleiben di« Schlösser in Dresden und Pillni tz, mit Ausnahme des darin befindlichen pecfömichen Mobiliars des Hauses Wettin. Das Eigentumsrecht des Staates wird durch die sächsische Verfassung von 1830 bMÜndet; darin heißt es, daß beüe Schlösser wie auch die früheren königlichen Sammlungen „untrennbar vom Staute" sind. Von diesem Standpunkt« werden auch bte Stif­tungen, wie die Gemäldegalerie, das Kup » f e r st i ch k a b i n e t t, die SkutptMensammtung, das Grüne Gewölbe, das Historische Museum, di« Porzellansammlungen, die noLmvissenschaMchen Sammlungen der Stadt Dresden «hatten bleiben. Eigentum des Hauses Wettm bleiben dagegen Schloß Moritzburg und die Villa Strehlen. Das P-Äals Sohann Georg in Dresden ist bereits vor einiger Zeit der Secundogenitur des Hauses Wettin zugef.prochm worden.

* Das amlllche Wahlergebnis In Soffen. Das Wahlergebnis in Sachsen hat bei der Nachprüfung ein« SMenberung erfahren. Die Eo-ialdemokralen erhalten 40 Mandat« wie im alten Landtag (nicht 41). Damit stellt sich das Gesamtergebnis aus 50 Sozial- demokratsn unb Kommunisten und 46 bürgerlich« Mandate.

* Aus Bayern. Die Delle des Handelsmini«, st e r s in Beyern ist fetzt in aller Form uff dem der- zeittgm Staatsrat für Handel, Industrie und Gewerbe von Meinet besetzt worden.

Hns dem besetzten Gebiet.

= Die vesahmigsbehörden trab die Unruhen. Die „Rheinische Zeitung" meldet: Der britische Bezirks- delegierte hat von der Rheinlandskommistivn die Ermäch­tigung erhallen, von der Ordonnanz 12, wenn es erfor­derlich fein sollte, Gebrauch zu machen. Danach können Versammlungen verboten und Verkehrsuitter» brechurigen ufro. durchgeführt werden.

Doch ich hatte keine Zeit, mich noch länger mit Mut> maßungen aufzuhalten. Die kurze Tageshelle mußte be- nutzt werden. Daher legte ich das Buch fort, sah nach dem Ofenfeuer und machte mich an die Instandsetzung der Pumpe. Der Wafferstand im Schiffsraum erwies sich als ebenso unbedeutend wie am Tage vorher; ich ließ deshalb den Pumpenschwengel bald wieder sinken und griff zum Fernrohr, um noch einmal aufmerksam na<fy dem flimmernden Eiswall hinüberzuspähen.

Den blauen Schatten von Nobles Peak konnte ich jetzt schon mit bloßem Auge unterscheiden. Auch dir Eismassen rückten immer näher und nahmen die aben­teuerlichsten Formen und Gestatten an. Vögel waren "och nicht zu sehen, doch zeigte mir ein zufälliger Seiten, blick ein anderes, untrügliches Merkmal unserer Annähs- rung an die Küste, nämlich eine Algenkolonie, die sich auf den Meereswellen wiegte.

Trotz gespanntester Aufmerksamkeit konnte ich aber noch immer nicht ermitteln, ob das Wrack nach Süden oder Südwesten trieb, denn das Tieffeelot, aus dessen Abweichung vom Schiffskörper ich die Dewegungsrich- tung hätte erkennen können, war nicht zu finden. Nach Verlauf einer Stunde jedoch könnte ich mir auf Grund verschiedener Beobachtungen nicht länger verhehlen, daß wir geradewegs auf die Eismassen zu trieben, als würbe das Wrack von unsichtbaren Händen dorthin gesteuert.

Hätte ich auch nur einen einzigen Gehilfen gehabt, fo wäre es uns mit vereinten Straften vielleicht gelungen, durch Errichtung eines Notmastes und Befestigung eines SAüverbaumes eine gewisse Herrschaft über das Schiff zu gewinnen und es ohne f(fernere Havarie zwischen den Eisbergen hindurch zu bugsieren. Letzt aber mußte ich uns hilflos dem Untergänge entgegentreiben sehen. Mit verschränkten Armen und zusammengebiffenen Zähnen starrte ich in ohnmächtiger Wut zu den drohenden Eis. riefen hinüber. So fand mich Miß Otway, die in der Kajüte einen Imbiß für uns bereitete. Ein Blick in mein Gesicht belehrte sie, daß auch ich alle Hoffnung abge­geben hatte, und mit [eifern Aufschrei taumelte sie zu. rück, als habe ein Schlag sie getroffen.

Vortsetzuno folgt)