Einzelbild herunterladen
 

FuldaerZertung

Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Skadt Fulda.

49. Zahrg.

Donnerstag, t6« Hoo» 1922

Nr. 264

das Schicksal Deutsch-

den Rücktrittsentschluß

Sozialdemokraten, Verantwortung für lands.

Paris abgegangene Note ausdrücklich gebilligt und die bürgerlichen Parteien hätten darin die Basis gesehen für das Zustandekommen der großen Koalition. Die Note sei tatsächlich ein Ausdruck gewesen des politischen Willens der noch nicht vor­handenen großen Koalition. Besonders das Zen­trum sei an ihn herangetreten mit der Forde­rung, dieses Zusammenarbeiten in eine wirk­liche politische Gemeinschaft umzuwan­deln. Dieser Lage habe er entsprochen und habe das Verlangen nach der großen Koalition geteilt.

Die Ausschreitungen im Rheinland,

Die Unruhenherde in Köln und Düsseldorf.

Die Lage in D ü s s e l d o r f hat sich verschärft. Auch die Gerresheimer Glashüttenwerke wurden gewaltsam stillgelegt. Die Polizei beschlagnahmte große Mengen von Flugblättern, in denen zum Generalstreik aufgefordert wird und die in Berlin gedruckt sind. Die Polizei ist inzwi­schen so verstärkt worden, daß sie Herr der Lage bleibt und Putschversuche unterdrücken wird. Auch die industriellen Werke sollen nunmehr durch Po­lizeiwachen geschützt werden, um den Arbeitswilli­gen Me Wiederaufnahme der Arbeit zu ermög­lichen. Streikende versuchten im Mittelpunkt der Stadt (Tonhalle) Zusammenrottungen, die von der Polizei verhindert werden sollten. Bei dieser Ge­legenheit fiel der e r st e Schuß aus der Menge der Demonstranten. Bei dem Versuch der Räu­mung kam es zu blutigen Zusammen­stößen in den Gärten der Tonhalle. Die Schutz­polizei wurde angegriffen und feuerte _ in die Menge. Bisher wurden vier Tote gezählt. Die aufgeregte Menge flüchtete in die benachbarten Gärten und Häuser und kletterte nachher auf die Dächer, die so stark überfüllt waren, daß zahlreiche Personen von den Dächern Mr Erde fielen und sich dadurch Verletzungen zuzogen. Eine große Anzahl Rädelsführer wurden verhaftet und im Lastauto fortgeschafft.

Die Plünderungen in Köln hatten großen Umfang: Starke Menschentrupps zertrümmerten mit Steinen, Eisen und Werkzeugen die Fenster­scheiben und raubten die Geschäfte vollständig aus. Völlig geplündert wurden die Auslagen der Schuhgeschäfte, ferner ein Krawattenhaus, ein Schirmgeschäft, ein Hutgeschäft, ein Zigarrengeschäst und Lebensmittelgeschäfte. Das Eingreifen der Polizei war durch den dichten Nebel sehr er­schwert. Der Schaden betrügt viele Millionen. In Ehrenfeld, wo die Polizei von der Hieb- und Schuß- waffe Gebrauch machen mußte, wurden mehrere Zivilpersonen durch Säbelhiebe und durch zwei Arm- und Beinschüsse verletzt. Die Zahl der durch Steinwürfe verletzten Polizeibeamten ist erheblich.

Bezugspreis: Monatlich 150 Mk. Zustellgebühr extra. :: Abgeholt in der Geschäftsstelle 155 Ml. n

Anzeigen: Kleinzeile nachCownei 15 Mk.', ausw. 20 litt. Reklamezeile (Tertbreitfl nach Colone'mast 60 Mar..

Sie konnten zusammen nicht kommen, So­zialdemokraten und Dolkspartei. Parteiinteressen und Sonderwünsche waren auf beiden Seiten mächtiger als die Forderung des Tages, die nach der Zusammenarbeit rief. Der von der schweren Not des Vaterlandes unterstützte Versuch des Reichskanzlers Dr. Wirth, die große Koalition nun endlich zu verwirklichen, ist geschei­tert. Dr. Wirth und sein Kabinett haben in der Erkenntnis der Unmöglichkeit der von ihnen für unerläßlich erachteten Koalition vom Reichs­präsidenten ihre Entlassung erbet en, die ihnen bewilligt worden ist. Bei den wider-

und mit dem Hinweis darauf, daß die sozialdemokra­tische Partei die beiden letzten Noten der Reichsregie- nmg an die Reparationskommission gebilligt und daß sie den Wunsch hat, daß die in ihnen emgeschlagene Richtlinie der auswärtigen Polstik weiter verfolgt wird, schreibt das Blatt: Die Sozialdemokratie denkt nicht daran, sich i n den Schmollwinkel zmückzuziehen. Sie ist bereit, an der Führung einer positiven Politik mitzuarbeiten, die den LebensnotVrn- dtgkesten des arb-itendm Volkes gerecht wird.

lieber die Gründe

des Rücktritts liegen folgende Urteile vor:

DerLokalanz." sieht die Ursache der diesmali­gen Regierungskrise in dem Verlangen der En­te n t e, daß endlich etwas in Deutschland geschehen solle. Zum ersten Male in der deutschen Republik sei eine innere Krisis ausgebrochen, weil es sich um tatsächliche Reformen handele, die zum Wiederauf­stieg Deutschlands unbedingt notwendig seien. Man könne das als Fortschritt gegenüber den früheren Krisen buchen.

Sowohl dieVoss. Ztg." als auch dasTage­blatt" sichren die Demission des Kabinetts darauf zurück, daß in der Sozialdemokratie und auch in der Deutschen Volkspartei das Parteiinteresse über das Interesse des Vaterlandes gesiegt habe. Das ist auch unsere Ansicht. Das letztere Blatt schreibt: Unklug war die Tatsache, daß die Volkspartei dem Reichskanzler von vornherein die Bildung des so­genanntenPersönlichkeitskabinetts" unmöglich machte. Nicht weniger unverständlich ist die Stel­lungnahme der Sozialdemokraten. Sie wollen mit Rücksicht auf ihre ehemaligen unabhängigen Mit­glieder die große Koalition als solche nicht.

DerVorwärts" sieht die Ursache der Krise in einem Versagen der Führung (Wenn derVor­wärts" an die sozialdemokratische Füh­rung denkt, kann er recht haben. D. R.) und in der so stark entwickelten Neigung, die eigentlichen Entscheidungen in Parteiführerkonferenzen, statt im Reichstagsplenum herbeizuführen.

Das Echo aus zrankreich.

Da der Rücktritt des Kabinetts Dr. Wirth in einem Augenblick erfolgt, der in der Repara­tionsfrage von entscheidender Bedeutung ist, so nimmt natürlich das Ausland lebhaftesten Anteil an den Vorgängen. Wir erhalten folgendes Pri­vattelegramm:

wtb Paris, 15. Nov. fTel.) Zur Kauzlev-Krife schreibt dieEre Nouvelle": Dr. Wirth war ein episodi­scher Kanzler. 3n dem Augenblick, wo das Reich das Be­dürfnis einer aufbauenden Politik fühlt, ven'chwindet er. Das einzige, was Grund M Befürchtungen bieten könnte, ist, daß diesenigen, die den Sturz des Kanzlers gewünscht haben, die Herren der Lage sind. Man ver­bindet sich in den demokratischen Ländern leicht zu einer negativen Operation, aber man findet sich selten zu einer großen Frage zusammen, wenn es sich darum handelt, zu schaffen und wieder aufzubauen. Deutschland steht inmitten der Krise. Wäh­rend die Rechtsparteien sich miteinander verschworen haben, um die abscheulichste aller Diktaturen wieder herzustellen, brachen in Köln und Düsieldorf kommu. nistische Revolten aus. Hungerrevolten verkünde: man, aber nichtsdestoweniger Revosten. In Frank­reich wünschen die überhitzten Nationalisten eine deutsche Katastrophe. Zu Ehren Frankreichs icrge man glücklicherweise in Paris dafür, diese Kata­strophe zu verhindern. (Diese Aeusierunq zeigt uns das aanze Verhängnis der deutschen Kabinettskrisis. D. Rl

DerFigaro" sagt: Man dürfe nicht mißbrauch, iich mit Analogien umgehen, besonders wenn es fick

Die große Koalition gescheitert

Das Beidjskabineff ist rurückgetrelen.

Vie neuen Möglichkeiten.

strebenden Parteien, der Volkspartei und den liegt jetzt schwerste

um Ereignisse handele, die in Entwicklung begriffen sind. Indessen scheine die Lage in Deutschland im Lichte der italienischen Vorgänge einigermaßen Klarheit zu gewinnen. Nicht daß bereits das Wort Faszismus ausgesprochen werden müßte, wenn man von den Zu­sammenhängen spricht, denen der Kanzler weichen mußte. Aber daran ist nicht zu zweifeln. Man erlebte eine neue Gruppierung der Bürgerlichen, fast könnte man sagen der Patteien der sozialen Erhaltung. Es bleibt die Frage, in welcher Weise die extremen Parteien rea­gieren werden, denen ihre starke Organisation die Mög­lichkeit bieten wird, Wider st and der ernstesten A r t zu leisten.

DasEcho National" schreibt: Machen mir uns auf ernsteste Dinge gefaßt, sie stehen unmittelbar bevor. Dir Leute in Deutschland reden viel mehr als es gut ist. Deshalb sprechen sie in der letzten Note über die glatte Beseitigung des Versailler Ver­trage s. Ihre Taktik besteht darin, uns zu überreden, daß wir gut täten, das sinke Rheinufer zu räumen, be­vor irgend eine Zahlung erfolgt. , Wird unsere Regie­rung sich nicht zum Handeln oder vielmehr zum Regie- ren entschließen?

So muß die deutsche Regierungskrise jetzt den chauvinistischen Franzosen dazu dienen, in der Well Stimmung zu machen für etwaige französische Geroalt- Maßnahmen, die sich, sonst nicht hervonvagen formten. Eine überaus bedenkliche außenpolitisch: Begleiterschei- mmg, die das Schellern der großen Koalition im Ge­folge hat. _______

Verantwortlich für den reoarrioneOen Teil: Dr. I. Kramer, s für die Anzngen: I. Parzeller-Fulda. r Rotationsdruck n. Verlag der Fuldaer Bctiendruckerei in Fulda, ^emtoretber Rr. 9. Postickeck-KoMo 4051 Frankfurt a. M.

Präsidenten die Demission der Regierung anznzeigen.

In einer Erklärung, die der Reichskanzler abends 10 Uhr im Dorranm des Reichsrats Jour­nalisten gegenüber abgab, sagte er über die Vorgeschichte der Demission, die bürgerliche Ar­beitsgemeinschaft habe ihn darauf hingewiesen, daß besonders die letzte Note eine S t ü tz u n - durch eine breite Basis der Regierung er fordere. Die Deutsche Volkspartei habe dis naci E. . _____ .......

Die Vorgänge, die . . _

des Kabinetts Wirch herbeiführten, sind kurz fol­gende: Am Dienstag nachmittag wurde versucht, eine Verständigung zwischen Sozialdemokratie und Volkspartei zu erzielen. Es sollen jedoch in dieser Besprechung von volksparteilicher Seite neue For- devungen erhoben worden sein, so in der Frage der Arbeitszeit und auch in der Richttmg, daß die Sozialdemokratte jetzt bereits für etwaige außenpolitische Komplikationen bestimmte Bindun­gen eingehen sollte. Die Einigung kam nicht zustande. Die Wirkung zeigte sich sehr bald in der Parteiführer-Konferenz, zu der außer dem Kanzler die Vertreter der vier Par­teien von der Dolkspartei bis zu den Sozialdemo­kraten erschienen. Die sozialdemokratischen Spre­cher erklärten hier, daß nach ihrer Meinung ein Zusammengehen mit der Deutschen Volkspartei in einer Koalitionsregierung unmöglich sei. Der Kanzler bedauerte diese Stellungnahme und legte den Sozialdemokraten noch einmal nahe, in chrer Fraktion die gesamte Lage zu prüfen und eine Aenderung ihres Standpunktes zu erwägen. Die Fraktionssitzung der Sozialdemokraten dauerte nahezu zwei Stunden. Sie endete mit einer Ab­lehnung. Die Fraktion faßte mit übergroßer Mehrheit folgenden Beschluß:Die Sozialdemo- kratische Partei lehnt die Erweiterung der Re­gierung durch die Einbeziehung der Deutschen Bolkspartei ab." Dieser Beschluß wurde alsbald durch die Abgeordneten Wels, Hermann Müller und Dittmann dem Kanzler überbracht. Der Kanz­ler berief sofort im Reichstag eine Kabinettssitzung ein. Bevor das Kabinett zusammentrat, besprach er sich noch mit den Führern der Demokraten und des Zentrums über die neue Lage. Die Kabinettssitzung selbst war nur von kurzer Dcuer. Sie endete mit dem Beschluß, alsbald dem Reichs-

Mit der Regierung Wirth tritt das viel umstrittene Kabinett der Erfüllung" vom polMchen Schauplatz ab. Im Mai 1921 übernahm Dr. Wirth das vom Kabinett Fchrendach-Simon überlassene Erbe, dessen Hauptbestandteil das berüchtigte Londoner Ulti­matum war. Die Ablehnung der Forderungen der En­tente halle uns neue schwere Schäden gebracht. Mit der Uebrrnahme des Kanzleramtes trat Dr. Wirth bewußt für die Annahme dieses Ultimatums ein. Er erhob diePolM der Erfüllung" zur Forderung des Sages, um durch den ehrlichen Versuch der Erfüllung die Unmöglichkeit, zu erfüllen, zu beweisen. In dieser seiner Polllik wurde er vom Zentrum, den Demokraten und den Sozialdsmo-kraten unterstützt. Selbst die Unabhängigen standen ihm damals sreundlich gegenüber. Als im DBtober 1921 der Völkerbund die Tei'ung Obevschle- siens verfügte, trat das Kabmell Wirch zurück, da es den Verbleib Oberfchlssiens als Voraussetzung für seine ErsülllmgsPolitik bezeichnet hatte. Jedoch bAdete Dr. Wirch am 22. Oktober 1921 ein neues Kabinett, das von Zentrum und Sozialdemokratie gestutzt wurde und die bisherige Politik fortführte. Die oberfchlefrsche Ent­scheidung wurde unter Protest angenommen. Nach der Konferenz von Cannes, auf der Rachenau das Reich imbeamtet vertreten hat, gab Dr. Wirch an diesen das Ministerium des Auswärtigen ab. Auf der Kon­ferenz in Genua (Mai 1922) vertrat er selbst das Reich. Er schloß Lott den Rapallovettrag mit Ruß­land. Noch ist nicht zu sagen, wie sich die Dinge nun­mehr entwickeln werden, ob Dr. Wirch aufs neue mit der Kabinettsbildung betraut oder ob er einem anderen Platz machen wird. Das eine si cht fedensaSls f:ft, daß r in schwierigster Zeit mit lauterem na-rr auf oew-tnr--PW- it.n restandm und mit der ganzen Kraft seiner charaktervollen Persölilkeil zum Wohle des Vaterlandes gewirkt hat.

Was nun?

Auf die Fva^e: Was rm? gibt dieVoss. Ztg." die Antwort, daß nur die Mögkchleit bleibe, die bisherige Koalition bsiWLehÄten und bei der Ne.b setzung der Miuiste rren mi telpatteiliche Wirtschaftler zu berücksichtigen. An eiste Wisderkchr Dr. Wrch als Kanller gta't'bt 'das Matt nicht. -Auch dasBett. Tayebl." hält ein

Ministerium der Persönlichkeiten är am aussichtsreichsten. Der ..Vorwärts" erklärt, daß eine Mcierwg. b:? aus den'P ..rieten der bürget' (fm Arlettsyemeinlchaft gekittet ist, nicht auf ein Zettrauensootum ler Soziaidcmokoaten rechnen könne.

Im Grs nie er.

Roman von Clark Russell.

84] ---------

Als ich nach einem Rundgang an Deck in die Kajüte zurückkehrte, fiel mein Auge auf das wohlgefüllte Bü­cherbrett, von dem die besten Namen der englische? Literatur herobleuchteten. Unter anderen Romanen sand ich dort auch meinen lieben alten Peter Simpel, aus dem ich Miß Otway einige Stellen vorlas. Zu meiner großen Freude lachte sie mehrmals herzlich auf, und ich benutzre- den günftigen Augenblick, um sie darauf aufmerksam zr> machen, wie gut wir es hier in unserer behaglichen Kajüte hätten, und wie schrecklich dagegen die Leiden wirklicher Schiffbrüchiger wären.

Hat man schon einmal von Menschen gehört, die durch einen Eisberg Schiffbruch gelitten haben und den­noch gerettet wurden?" fragte sie.

Ich bejahte und erzählte ihr Beispiele, von denen ich gehört hatte. Ein paar rusiische Seeleute waren auf einer Eisscholle treibend aufgefischt worden; ein vollzählig be­mannter Wolfischfänger war an einem Eisberg gestrandet und mit diesem in offenes Wasser getrieben, wo ein ooruberrabrenbcr Segler die Mannschaft aus ihrem kal­ten Gefängnis befreite.

SBie lange mußten sie auf dem Eisberg aushalten?" Mehrere Monate."

hatten sie viel zu leiden?"

Durchaus nicht, log ich darauf los, um meine Ge­fährtin zu ermutigen.Es fehlte ihnen weder an Holz noch an Lebensrnitteln, sodaß Hunger und Frost ihnen nichts anhaben konnten. Die Langewelle verkürzten sie sich mit Rauchen, Singen und Schnitzarbeiten aus Wal- rvßzähnen, wobei manch Garn gesponnen wurde und manch selbstettundenes Spiel ihnen die bangen (Bebau, ken verscheuchen half, bis die Rettung kam. Und so wollen wir's auch machen, Miß Otway, nur nicht den Kopf hängen lassen und den Mut verlieren! Wenn Sie «st wieder an Land sind, werden Sie sich wahrscheinlich mber wundern, warum Sie eigentüd) so verzagt und wvtlos waren."

2a, wenn ich erst wieder an Land bin/' nickte fi mit trübem Lächeln.Aber wissen Sie nicht, daß die Philosophie wohl über vergangene und zukünftige Leiden triumphiert, daß ober gegenwärtige Leiden über die Philosophie triumphieren?"

Da dies für meinen Verstand zu hoch war, ließ ick den Gegenstand fallen und begab mich wieder an Deck um noch einen Kessel voll Eis zu holen. Nachtschwarzc Finsternis, aus der unsere Signallaterne hell heraus­leuchtete, lag noch immer über der rollenden See, und -in scharfer Wind trieb das Wrack rasch vorwärts. Ich lehnte mich über die Steuerbordreeling und bohrte meint Augen mit verzweifelter Anstrengung in die Finsternis Doch kein noch so geringes Anzeichen verriet die Nähe von Eis oder Land, und halb erfroren suchte ich endlick wieder die Äajüte auf, um uns vor dem. Schlafengehen noch eine Tafle Kaffee zu kochen.

Bald nach acht Uhr zog Miß Otway sich in ihre Kabine zurück. Ich beschloß, die Nacht in der Kajüte zu zubringen, holte mir aus der Kammer des Kapitän? noch ein paar warme Kleidungsstücke und streckte mick eingemummt wie ein Eskimo, auf das Ruhebett. Eine große Ratte, die aus ihrem Loch noch dem Ofen huschte wie um sich zu erwärmen, weckte mich aus meinen- Holbschlummer. Geräuschlos richtete ich mich auf, zov mein Klappmcfler, dessen Klinge haarscharf war, au? der Tasche und spaltete mit einem wohlgezielten Wun dem Störenfried den Schädel.

Befriedigt warf ich das tote Tier in den Kohleneimer, um es am nächsten Tage zu beseitigen; es war mir, als hätte ich letzt Miß Otway an den abscheulichen Ge­schöpfen gerächt, die durch ihren widerwärtigen Anblick dem armen Mädchen die Qual der Einsamkeit noch mehr verschärft hatten. Jedesmal, wenn ich mir die Leiden der Verlassenen ausmalte, überkam mich wieder das Gefühl staunender Bewunderung vor so viel Mut und Seelenstörke. Weit geringere Ursachen hatten schon oft kräftige Männer zum Selbstmord oder Wahnsinn ge­trieben; ein schwaches Weib aber, ein zartes und ver­wöhntes Kind des Reichtums, hatte jene entsetzliche Zeil überstanden» ohne an Geist und Körper Schaden zu erleiden.

Während ich meinen Gedanken nachhing, hörte ich mich plötzlich beim Namen rufen. Ueberrascht, fast ent» letzt, blickte ich aus vor mir stand Miß Otway, von Kopf bis Fuß in Pelze gehüllt.

Gedenken Sie die ganze Nacht hier sitzen zu blei­ben?" fragte sie.

Ja," gab ich zur Antwort,nur ab und zu will ich ein wenig schlummern."

Lasten Sie mich dann wachen," bat sie.

Ich schüttelte den Kopf.Das ist vollständig über­flüssig," erwiderte ich.Es gibt jetzt nichts zu wachen mb auf nichts aufzupaffen."

Kann nicht ein Schiff unser Licht sehen uns sich ms nähern?"

Bei diesem Wetter wäre vor Tagesanbruch jede Hilfeleistung ausgeschloflen."

Aber bedenken Sie doch nur, wenn ein vorüber 'egelndes Schiff uns anruft und keine Antwort bekommt 'o versäumen wir vielleicht die einzige Rettungsgelegen­heit."

Das kann uns auch passieren, wenn wir die ganze Nacht durchwachen, denn Wind und Wetter lasten den schall eines Rufes nicht bis zu uns hinunter bringen. Um bei biefem Wetter die Annäherung eines Schiffe- wahrzunehrnen, müßten wir uns dauernd an Deck auf- ''alten, und das wäre sicherer Tod. Vertrauen Sie mei­ner Wachsamkeit, Miß Otway, und gehen Sie zu Bett, sie haben tagelang nicht ordentlich geschlafen und muffen Kräfte sammeln, um dieses Wrack verlosten und gesund zu den Ihrigen zurückkehren zu können."

Ermutigend drückte ich ihre eiskalte Hand, zeigte ihr. um sie auf andere Gedanken zu bringen, die getötete Ratte, vor der sie laut ausschreiend zurückwich, und brachte sie nach langem Zureden endlich dazu, sich nie- derzulegen und mir die Nachtwache allein zu überlasten.

Langsam verstrich eine Stunde nach der anderen; ob und zu schlummerte ich ein Weilchen, versäumte aber auch nicht, von Zeit zu Zeit an Deck zu gehen, um Ausguck zu halten; jedesmal jedoch bot sich mir das gleiche trostlose Bild. Gegen Morgen mußte ich ein poar Stunden fest geschlafen haben, denn als ich er­wachte, wies der Zeiger der Kajütemchr auf neun. Doch

herrschte noch immer völlige Dunkelheit. Fröstelnd bis ins Mark erhob ich mich, zündete Feuer im Ofen an und begab mich wieder auf meinen BeobachtungspostLn. Der Wind war umgejprungen und wehte jetzt aus Nord- west, ein klarer Sternenhimmel spannte sich von Hori­zont zu Horizont über die ruhig dahinrollenden schwarzen Wogen. Die Laterne am Maststumpf war dem Verlöschen nahe und verbreitete nur noch ein trübe«, ungewißes Licht. Doch bald mußte ja der Morgen dämmern und mir Gewißheit bringen, ob mein suchendes Auge sich lauschte oder ob jener unregelmäßig gezackte Streifen dort im Süden wirklich kein bloßes Wolkengebilde war.

Sobald eine Welle das Wrack emporhob, tauchte der Schattenstreifen auf, um mit jeder Senkung des Schiffs­körpers wieder zu verschwinden. Ich zweifelte keinen Augenblick daran, daß wir uns einem Eisberg näherten, beim schon längst hatte ich mich barüber gewundert, den Ozean in diesen Breiten so völlig eisfrei zu finden. Da genauere Beobachtungen erst nach Tagesanbruch möglich waren, begab ich mich einstweilen in die Kajüte zurück, um die Lampe anzuzünden und den Frühstäckstisch zv decken.

Unterdesten mar auch Miß Otway aufgestanden.

Sft noch immer fein Schiff in Sicht?" war ihre erst, Frage. Ich schüttelte den Kopf.

Wann waren Eie zuletzt an Deck?"

Ich komme eben von oben."

Wie steht's mit uns?"

Das läßt sich erst bei Tageslicht feststellen." Mein» ausweichende Antwort machte sie stutzig.

Ist Eis in der Nähe?" erkundigte sie sich ängsüich.

Im Süden scheint so etwas wie ein Eisberg aufzu. tauchen," gab ich in gleichmütigem Tone zur Antwort, Das wäre in diesen Breiten ja etwas ganz Natürliches. Aber was werden wir heute frühstücken? Wollen Sie nicht so gut fein, uns eine Tafle Kaffee zu kochen, wäh. renb ich unter unseren Vorräten Umschau halte?"

Unb scheinbar sorglos ein lustiges Seemannslied vor mich hiupfeifend, zündete ich eine Handlaterne an, unter- zog die Fächer und Bretter der Speisekammer einer gründlichen Musterung und brachte schließlich eine Blech­dose mit eingemachten Heringen, eine Büchse Sardinen und eine geräucherte W««st auf den Tisch