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aerZeitung

Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Stadt Fulda.

Nr. 263.

verantwortlich für den ceOouionellen Teil: Dr. I. Kramer. ; iür dir Anzeigen: K. Parzeiler-Fulda. z Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Bctiendruckerel in Fulda, frernwrecher Nr. ö. PoMckeck-Kon'o 4051 Frankfurt a. M.

Mittwoch, 15. November 1922.

Bezugspreis: Monmltch 150 ZRt Zustellgebühr extra Abgeholt in der Geschäftssttlle 155 2HL

Anzeigen: Kleinzeile nachCo'onr> 15 Mk., austn. 20 Alk. Rekiamezei>e (Teftbreite> nach (Tnlone'mafc 60 *?ar''

49. Zahrg.

Sr. Wirths Kmhf für die große Koalition

Die Stellungnahme der Deutschen Volkspartei und der Sozialdemokratie. „Große Koalition over großer Krach?"

Zu den Verhandlungen über die Regierungsum- blldung wird berichtet: Der Reichskanzler beriet Mon­tag t-achinitiog mit dm Vertretern ber Parteien der bürgerlichen Arbeitsgemeinschaft, fcem Zentrum, der Bayerischen Volkspartei, dm Demo­kraten, der Deutschen Volksportei die parlamentarische Lage. Er stellte an die Parteien der Arbeitsgemein­schaft die von der Sozialdemokratie angeregte Frage, o6 sie die Einbeziehung der Deutschen Volkspartei zu der neu zu bildenden Regterungskocklition forderten. Nachdem die anwefendm Parteivertreter teils namens ihrer Fraktion, teils für sich persönlich diese Frage be» saht hatten, erklärte der Reichskanzler, daß er sich nunmehr diesem Wunsche der Arbeitsgemeinschaft anschließe und der sozialdemokratischen Partei als­bald von dieser Sachlage Kenntnis geben werde. Die sozialdemokratische Fraktion trat hierauf zu einer

Im Zusammenhang mit den Verhandlungen über die große Koalition sind folgende Beschlüsse *on grundlegender Bedeutung:

Der Vorstand der Deutschen Volks- Partei beriet über die Frage der Regierungs­umbildung. Er nahm dabei auch Stellung zu der in den letzten Tagen vielfach in der Presse ange­deuteten Möglichkeiten, daß die Deutsche Volkspartei das Kabinett Wirch unterstütze, ohne offiziell in der Regierung vertreten zu sein. Vom Vorstand der Partei wurde das a b g e l e h n t und der Standpunkt dahin formuliert, daß die Partei ent­weder offiziell in die Koalition eintrete oder überhaupt vollständig freie Hand behalten würde.

Die sozialdemokratische Reichstags­fraktion faßte folgenden Beschluß: Die Fraktion erklärt, daß sie an der Forderung der Stabili­sierung der Mark als der dringend st en Forderung der inneren und äußeren Politik festhält und nur in ein Kabinett eintreten kauft, das diese Politik konsequent vertritt. Sie erblickt in der bisherigen Stellungnahme der Deutschen Volks­partei keine Garantie für die Durchführung der Stabilisierung der Mark und damit für die For­derung der endgültigen Lösung des Reparations­problems.

In beiden Beschlüssen erblickt man in politischen Kreisen die Möglichkeit, die Bestrebungen auf Her­stellung der großen Koalition fortzusetzen.

Nun ist es endlich ernst geworden mit der Frage der „großen Koalition" im Reich. Was außerhalb des Berliner Dunstkreises sich schon lange jedem auf­drängte, der politisch zu denken in der Lage war und dem es in erster Linie auf vaterländische Interessen ankam, das wird jetzt auch von leiten­den Männern als zeitgemäße Forderung m i t allem Nachdru ck verkündet: das Deutsche Reich braucht die große Koalition, d. h. die Zusam­menarbeit der Deutschen Bolkspartei als der Vertreterin wichtigen Unternehmertums mit den Sozialdemokraten als den Wort- fuhrern weiter Arbeitnehmerkreise, beide zusammen­gehallen durch die vermittelnde Tätigkeit, die aus- meidjeräe Rolle der Zentrumspartei und der Demokraten. Ob die Zusammenfassung gelingt? Heiß ist das Bemühen. Der Ausgang der Krise ist noch zweifelhaft. Möge politische Einsicht auf allen Seiten das vaterländische Werk der großen Koalition zustande kommen lassen.

Im Eismeer-.

Roman von Clark Russell.

23] _________

Meine nächste Aufgabe war, das Wrack für vorüber­fahrende Segler weithin sichtbar zu machen, und ich sagte mir, daß bei Tage eine Flagge und bei Nacht eine an­gezündete Laterne am besten seien. Ich suchte nach den nötigen Werkzeugen, konnte aber in den: dunklen Mann- schaftslogis so wenig erkennen, daß ich erst in die Kajüte zurückkehren mußte, um eine Lampe zu holen. Wieder bat Miß Ootway mich inständig, sie doch mitzu- nehmen, allein ich wollte sie nicht unnötig dem eisigen Winde «mssetzen und versprach ihr, sie zu rufen, sobald sie mir irgendwie behilflich sein könnte.

In der Zimmermannskiste fand ich eine Anzahl kur- ^'ENspieren, die ich In geringen Abständen wag», recht m den Fockmaststumpf trieb, sodaß auf diese Weise ™iter entstand, auf der ich bis zum oberen Ende des Mastftmnpfes gelangen konnte. Hier befestigte ich eine senkrechte Eisenstange und an dieser einen Block Mit emer -eine. Dann stöberte ich den reichhaltiger, Flaggenvorrat der Lady Emma durch, entnahm ihm eine Signalflagge und hißte sie bis zur Spitze der Stange empor, wo sie lustig im Winde flatterte So sehr ich mich auch über die glückliche Vollendung meiner Arbeit freute, f° wenm verhehlte ich mir die Unzulänglichkeit aller meiner Anstrengungen, denn immer wieder rief mir ein Slid über den gewaltigen, wogenden Ozean die winzige Erbärmlichkeit unseres schwimmenden Kerkers ins Ge- dächtnis zurück.

Um, mich den trüben Gedanken zu entreißen, ver­suchte ich, die Pumpen wieder instand zu leben and die Höbe des Wasierstandes im Schiffsraum zu mesim. Mit dem 5)65» nieder aus der Kajüte high auf dis Eisschicht ein, die das Punioentohr umgab lind jetzt ünter meinen Schlägen krachend und knirschend zei- iPutterte.

Sin freudiger Ruf ließ mich in meiner Arbeit inne wüen. Als ick mich umwandte, sah ich m der Kajü-

Sitzung zusammen und teilte in der später etribearfenen interfraktionellen Sitzung mit der bürgerlichen Arbeits­gemeinschaft als Ergebnis ihrer Beratung dem bereits gemeldeten Beschluß mit. Die Verhandlungen werden am Dienstag weilergeführt.

Der neueste Stand der Kabinettsfrage.

Laut „Berl. Lokalcmz." fft man sowohl in demo­kratischen als auch in Zentrumskreifen der Ansicht, daß der sozialdemokratische Fvaktionsbe- schluß die Grundage zu neuen VerhoMungen bildet und daß durchaus die Möglichkeit besteht, die große Koalition zustande zu bringen. Die „Voss. Ztg.", die gleichfalls sehr optimistisch hinsichtlich der Aussichten für die Bildung der großen Koalition ist, weiß zu er­zählen, daß der Reichskanzler bei seinen Besprechungen mll den Vertretern der bürgerlichen Arbeitsgemein­schaft erklärt habe, er werde bei einer weiteren Weige­rung der Sozialdemokraten, mit der Deutschen Dolks- partei nicht m einer Koalition zusammenzuarbeften, daraus die Konsequenzen ziehen und seine De- Mission einreichen, denn er sehe keine Möglichkeit, seine äußere Politik ohne die Mitwirkung der in der Deutschen Volkspartei vertretenen Kreise der IMfftrie und der Finanz weiterzuführen. Der „V o r w ä r t s" dagegen ist außerordentlich pessimistisch. Er spricht von einer schweren Krise. „Unsere Pro- phezeihuwg", so schreibt er, „wir schienen dem großen Krach näher zu sein als der großen Koalition, beginnt sich in mcheimlicher Weise zu bewahrheiten. Will man die Unterstützunig der Sozialdemokraten, so muß man sich dazu bequemen, sachliche und persönliche Garan­tien dafür zu geben, daß eine Politik getrieben wird, die mit den Auffassungen der Sozialdemokraten von den Lebsnsnotwendigkeitm des arbeitenden Volkes vereinbar fft." Im Reichstag wurde auch von der Möglichkeit einer Auflösung des Par­laments gesprochen, nachdem in der Sitzung des Frakt-ionsvorstlmdes des Zentrums triefe Eventualität in Erwägung gezogen worden war. Dis jetzt fft diese Möglichkeit aber noch nicht in akute Nähe gerückt, zu­mal da wohl keine Partei jetzt gern an Neuwahlen den­ken würde.

Möget MW m WMIMW.

(Ein neues Anerbieten Deutschlands an die Reparalionskommission.

Die Mitwirkung der Reichsbank.

Die Reichsregierung hat über eine neue Note an die Reparationskommission Beschluß gefaßt, nachdem Reichsbankpräsident Havenftein dem Reichskabinett mitgeteilt hqt, daß die Reichsbank bereit sei, sich mit e i n e r größeren Summe in Goldmnrk an einer Anleihe, die von aus­ländischen Finanzkreisen aufgebracht werden soll, zum Zwecke der Markstabilisierung zu beteiligen. In der Note wird der Reparaffonskommission formell bas Anerbieten gemacht, daß die Reichs- bank mit einem Betrage von 500 Millionen Eold- mark an der Stützungsaktion für die Mark sich be­teiligen werde, wenn es gelinge, ausländische Bankkredite in der gleichen Höhe zu

tentür Miß Otway stehen, deren Augen mit froh erstaun- tem Ausdruck auf die flatternde Fahne gerichtet waren.

„D," rief sie lebhaft, „das wub uns sicherlich Ret­tung bringen! Die Flagge muß ja meilenweit zu sehen sein! Wie haben Sie es nur angefangen, den schlüpfri­gen Mast zu erklimmen?"

Und mll einem Ausruf der Bewunderung schlug sie die Hände zusammen, als sie meine improvisierte Leiter bemerkte.

Lächelnd über ihr naives Lob bat ich sie, in die warme Kajüte zu gehen und sich nicht der schneidenden Kälte auszusetzen. Aber sie glitt an den Hilfsleinen entlang leichtfüßig zu mir herüber, um mir zuzusehen. Jetzt, im Tageslicht, konnte ich ihre Gesichtszüge noch deutlicher erkennen als unten beim Larnpenfchein, und sie schien mir das zarteste und lieblichste Wesen, das ich je gesehen. Die durchsichtige Marmorbläfse ihres Ge- sichtchens hatte etwas kindlich Rührendes.

Nachdem ich eine Zeitlang an dem Pumpenrohr her. umgehämmert hatte, gelang es mir, das Eis soweit zu entfernen, daß ich die Pumpe mit einiger Anstrengung in Tätigkeit fegen konnte. Aufs freudigste überrascht, stellte ich fest, daß der Wafferftand im Schiffsraum höchstens anderthalb Fuß betrug, trotzdem das Wrack feit minde- stens acht Tagen nicht lenzgepumpl worden war.

Mit neuer Kraft und Zuversicht machte ich mich ans Werk, und da ich einsah, daß die kräftige Bewegung auch meiner Gefährtin gut tun würde, so gestattete ich ihr auf ihr wiederholtes Bitten, mir zu helfen. Damit sie von dem ausströmenden Waller nicht nasse Füße bekäme, schleppte ich eine Taurolle herbei, auf der sie im Trockenen stand, und bald sah ich zu meiner Genugtuung, wie unter dem Einfluß rüstiger Tätigkeit ihre bleichen Wangen sich mit frischer Röle bedeckten.

Als mir eine kleine Pause machten, um Atem zu schöpfen, sah ich Miß Otway plötzlich zusommensahren und mit schmerzlichem Ausdruck nach der Kombüsentür ' hinüberblicken, hinter der sie noch immer die Leiche ihrer i Wärterin vermutete. Ich erriet ihren ÖeWifengang und teilte ihr schonend mit, daß ich den der Toten berells dem Meere überleben habe. |

dem gleichen Zweck zu erhalten. In der Note wird ferner darauf hingewiesen, daß ein längeres Moratorium und zwar eine 2 bis 4jährige Befreiung von allen Zahlungen auf das Repara­tionskonto für eine erfolgreiche Stützungsaktion für die Mark notwendig fei. Während der Dauer des Moratoriums fei die Reichsregierung bereit, die Sachlieferungen fortzusetzen, soweit dies ohne die Inanspruchnahme von Krediten oder neuer schwebender Schulden durchführbar sei.

Aus englischen Wchlreden.

Schatzkanzler Baldwin erklärte in einer Rede in Newcastle, man könne nicht auf eine Besserung der Handeksfrage in Europa hoffen, bevor eine Regelung der Reparationsfrage er­zielt fei. Das sei aber unmöglich, ohne ein well engeres Einvernehmen mit Frankreich. Frankreich stehe unter dem Eindruck, daß England bereit sei, seinerseits Deuffchland gegenüber alle Ansprüche aufzugeben mll der Begründung, daß der Handel Englands mit Deuffchland für die Engländer von überragender Wichttgkeit sei. Frankreich irre sich jedoch; der Handel Frankreichs mit England sei mindestens ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger. England werde Deuffchland nicht entwischen lassen. Wenn jedoch Deutschland durch unvorsichttge Be­handlung in Bankerott und möglicherweise in eine Revolution getrieben werde, werde Frank­reich selbst die Krebswunde am Körper Europas an fernen eigenen Grenzen sehen.

deutscher Reichstag.

Kurze Sitzung zur Eröffnung der neuen Tagung.

Unter den Eingängen, von denen der Präsident Loebe Kenntnis gibt, befindet sich ein Schreiben des Reichs- Ministers des Innern, der die strafrechtliche Der- f o l g u ng der kommunistischen Abgeordneten Hollem, Koehnen, Remmele u. a. wegen Verstoßes gegen § 106 der Strafprozeßordnung fordert.

Eine Reihe von Ausfchußberichten wird ohne Debatte genehmigt. _

Eine Interpellation Dittmann (Soz.) we- gen der Rechffprechung des bayerischen Volksgerichtes In München im Landesverratsprozeß Fechenbach wird von der Regierung innerhalb der geschästsordmmgsrnäßt- gen Frist beantwortet werden.

Das den tfch p oln ifch-o b e rf ch lefi sch e Be- zirksabkommen wird auf Antrag Schulz-Brom- berg (Deutschnational) an einen neugebildeten 40. Aus­schuß überwiesen.

Der Entwurf über die Abänderung der Verordnung über die Abgeltung von Ansprüchen gegen das Reich wird tn allen drei Lesungen angenommen.

Der Entwurf eines Iugendgerichtsgesetze» geht an den Rechtsausschuß.

Der Antrag aller Parteien auf Aenderung der Reichsgewerbeordnung dahin, daß Massen- abgaben erhoben werden, geht an den volkswirtschaft- lichen Ausschuß.

Der sechste Nachtrag zum Reichshaushalts, etat wird in erster und zweiter Lesung angenommen.

Nachdem ein Antrag Schulz-Brornberg (Deutsch- nationai), für Dienstag die Entgegennahme einer Re- gicrungsertiäuung auf die Tagesordnung zu fetzen, gegen die Stimmen der Deuffchnaticnalen, der Deutschen Voiks- partei und der Kommunisten abgelehnt ist, vertagt sich bas Haus auf Dienstag, nachmittags 2 Uhr.

Kleine Anfragen, Geschäftsordnung des Reichstages, Interpellation Marx über die Not der Wissenschaft.

wirtschaftliche Kampfberoegungen.

— Streik in der Metallindustrie. In B remen find die Drücker und Polierer der Metallindustrie wegen ständiger übertariflrcher Forderungen ausgesperrt worden. In der Bremer Metalllndustrie, einschließlich der Aktiengesellschaft Weser, sind etwa 6000 arbeitet wegen Lohnstreitigkeiten in den Streik getreten.

„Wir konnten die Leiche nicht an Bord behalten," sagte ich, als die Augen des jungen Mädchens sich mit Tränen füllten.

„Nein," rief Miß Otway, „das ist auch nicht, was mich schmerzt; aber daß die Aermste so ohne Segen und Gebet in die Tiefe mußte —"

„Wer sagt Ihnen das?" fiel ich ihr ernst ins Wort.

Sie warf mir einen dankbaren Blick zu und nahm dann schweigend die Arbeit wieder auf. Nach einer hal­ben Stunde war unser Werk getan. Miß Otway ging in die Kajüte hinunter, während ich noch einmal sorg­fältig mit dem Fernrohr den Horizont absuchte. Allein wohin ich auch das Glas richten mochte — mein Auge traf auf der weiten wogenden Wasserfläche keinen Punkt, auf dem es ruhen konnte Auch Eis war nich: in Sicht, doch blies der Wind mit so schneidender Schärfe, daß ich trotzdem Eisberge in der Nähe vermutete.

Die Pumpe, an der mir eben gearbeitet hatten, war schon wieder fest eingefroren, und ein lähmendes Gefühl der Erstarrung beschlich mich, als ich so unbeweglich stand und auf die See hinausblickte. Aber mit kräftiger Willensanstrengung schüttelte ich die Schwäche ab, schob das Fernrohr zusammen und schickte mich an, die Flagge einzuholen und durch eine brennende Laterne zu ersetzen.

Zwölftes Kapitel.

Schwere Stunden.

Noch immer jagte der Wind schwarze Wolkenfetzen über den Himmel, doch sprachen gewisse Anzeichen dafür, daß wir eine sternenklare Nacht bekommen würden. Bei. nahe übermütig tänzelte das Wrack über die rollenden Wogen. Stur ab und zu überflutete eine Sturzsee die Deckplanken. Und bann gefror der schäumende Gischt in der scharfen Kälte sofort zu Eis.

Als ich in die Kajüte zurückkehrte, fand ich Miß Otwan zufammengekaueri neben dem Ofen sitzen. Aengftlich fragte sie mich, ob Eis in der Nähe sei, was ich in beruhi­gendem Tone verneinte

Eis fürchte ich mehr als Sturm und Wellen," fuhr sie fort. „Als ich zum erftenmai diese Kajüte betrat, äurchrann mich ein unbeschreibliches Kältegefühl, obwohl

। Spanien in Oer WeMirlwik.

Zu den wenigen Völkern, die während des Well­krieges nicht nur offiziell neutral waren, sondern uns überdies noch Sympathien entgegenbrachten, gehört Spanien. Es muß unser Bestreben sein, die uns ver­bliebenen freundschaftlichen Verhältnisse zu starken und nach der wirtschaftlichen Sette hin zu binden. Dabei spielt die Frage nach der rwrffchoftlichen Bedeutung und Lage die entscheidende Rolle. Was SMiien cmgeht, so dürfte das glänzende Bild, das sich der Deutsche so gern unter dem Einfluß der Romantiker von ihm macht, nach der wirtschaftlichen Seite hin wesentlich anders aussehen.

Wie in allen neutralen Ländern, so hat auch in Spanien der Weltkrieg eine wirtschaftliche Hochkon­junktur zur Folge gchabt. Infolge der Produktions- steigerung machte die Industrialisierung Spaniens schnelle Fottschritte. Neben industriellen Produkten wurden selbst Nahrungsmittel uro Kohlen ausgefichrl, Erzeugnisse, die Spanten früher einführen mußte. Man ging infolge dieser Hochkonjunktur zur Neugestaltung des Wirtschaftslebens über, die reichlich vertreten« ausländische Industrie sollte durch die neue heimische ersetzt werden, die Bodenschätze gehoben und die, wenn auaj j-^rucyen Wasserkräfte ausgewertet werden; im Interesse der Allgemeinheit plante man sogar eine Ueberführung der Eisenbahnen an den Staat.

Cs fft mehr als zweifelhaft, ob Spanien in der Lage jein wird, diese Pläne d u rchzu führen. Spanien ist zu plötzlich in den europäischen Wirt­schaftsbetrieb hineingerissen worden; — es fehlt ihm die geistige Einstellung zum Industrialismus, der Wirffchafts g e i st. Wenn es auch nicht angängig ist, im Spanier das Bild höchster wirtschaftlicher Untüchtig­beit zu sehen, so ist doch soviel sicher, daß mit Aus­nahme der Asturischen Völker und der Katalonen im Norden, das spanische Volk den Wert der Zeit im europäischen Sinne noch nicht begriffen hat. Darüber läßt sich ja streiten, ob unser Begriff, nach der Zeit ®elö ist, und der sich am krassesten wohl im Englän­der umederfindet, oder der spanische der menischen- würdigere fft, der es zuläßt, da- Leben in orientalischer Weise zu verrauchen und' zu verträumen. Für jedes Jnbüstrievolk aber, und besonders für uns in unserer Notlage, würde die spanische Betrachtungsweise den wirtschaftlichen Tod bedeuten; dieser Umftanlb muß uns auch bei der Beurteilung der wirtschaftlich en Aue sich- ten Spaniens kritisch stimmen.

Zu dem gleichen Ergebnis gelangen wir auch, wen» wir das Verhältnis des Spaniers zumi Geld betrachten. Auch dieses ist in Spanien ein anderes als bei uns. Gelderwerb beherrscht das Leben des Spaniers noch nicht, fft noch nickst sein Daseinszweck geworden. Nicht Selbstzweck sondern Mittel, um ähnlich wie in Frank­reich ein sorgenfreies und ruhiges spanisches Leben führen zu können, fft hier das Geld. Deutlich wird dvefe Einstellung, wenn man ihr gegenüber die ameri- kanische hält, der wenig am Be sitz, dagegen alles am immer neuen Erwerb des Geldes liegt.

Diese beiden Faktoren, die Einstellung des Spaniers zur Zeit und zum Gelbe, sind es, die dm großen Un- teffchisd in der wirtschaftlichen Denkweise zwischen ihm und Mitteleuropa bedingen, die aber auch den Zweifel berechtigen an dem Weiterbestand, der durch die doch anormalen Kriegsverhältnisse hervovgerufenm wirt- fchaftiichen Dechällnisse.

Und doch böte Spanien infolge seiner Lage und der sich aus ihr ergebenden klimatischen Verhältnisse die Voraussetzung für eine dauernde, wirtschaftliche Witte. Hier stößt mitteleuropäisches Klima mit dem subtropischen zusammen. Spanien besitzt die Möglich- eit, nicht nur Getreide und alle nur denkbaren Gemüse- urH Früchtearten, anzubauen, sondern auch nicht euro­päische Gewächse wie Baumwolle und Zuckerrohr bei künstlicher Bewässerung zu kultivieren. Rationell be-

das Wetter warm und sonnig war; an dieses verhäng, nisvolle Omen habe ich in den qualvollen Stunden der Verlassenheit fortwährend denken müssen. Am Tage vor jener Sturmnacht, die unser Schiff zum Wrack machte, sah ich auch mit eigenen Augen einen turmhohen Eis­berg, und seitdem komme ich aus der Angst nicht mehr heraus. Wenn wir jetzt auf solch einen Eisberg gerieten, Mr. Sell>yl"

„Wozu immer an das Schlimmste denkenl" erwiderte ich in leichtem Ton und erhob mich, um den Kessel aufs Feuer zu setzen. „Vorläufig haben wir nichts zu be­fürchten. Das Schiff ist hell, mit Lebensmitteln sind wir reichlich veffehen — warum den Kopf hängen lasten? Kommt Zeit, kommt Rat! Braten Sie uns lieber ein Stück Speck zum Abendbrot, Mit Otway, ich werde den Tisch decken!"

Nach dem Abendessen holte Ich das Loggbuch und einige Seekarten aus der Kabine des Kapitäns, um fest­zustellen, wo wir uns wohl ungefähr befinden könnten. Was ich aus den legten Eintragungen und den An­gaben der Karte schließen mutzte, war niederschmetternd. Falls unser Wrack beständig südwärts getrieben worden war, woran ich kaum zweifelte, konnten wir uns höch­stens fünfundzwanzig bis dreißig Meilen von den Süd- orkneyinfeln befinden, und liefen Gefahr, an diesen öden, unwirtlichen Felsen, dem verlasjensten Teil von Gotte- Erdboden, elend zu scheitern.

Aber noch waren wir nicht so weit. Waren mix wirklich fr weit südwärts getrieben? Konnte nicht schon der nächste Tag uns Rettung bringen? Konnte uns nicht ein Schiss begegnen? So räumte ich meine Bücher und Karten wieder fort und plauderte noch eine Weile mit Miß Otway. Ich erzählte ihr oon meinem Leben, bas sich feit meinem dreizehnten Jahre vierzehn Sommer unb Winter hindurch auf den verschiedenartigsten See» fohrzcugen abgespielt hatte Sie lauschte meinem Be- richt mit großem Snterefje, und ich hatte die Genugtuung, sie durch die Schilderung meiner Eriebnisie eine Well* von ihren trüben Gedanken abzulenken.

(Fortsetzung folgt.)