FuldaerZeitung
Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Skadk Fulda.
49. Zahrg
Donnerstag, 9. Nov. 1922
Nr. 258
Ztegerwalds Ansichten.
Ans einer Rede in Koblenz.
In einer großen Zentrumsversammlung in Koblenz sprach neben der Abg. Frau Heßbcrger- Berlin auch Abg. Siegerwald über „deutsche Schick- salsfragen". Von seinen Ausführungen sind folgende bemerkenswert:
Die durchgreifendste Rettung liegt in der Mehr. Produktion. Sic ist und bleibt das dringendste Gebot der Stunde. Der Achtstundentag ist gewiß kein einfaches Problem; es fehlen dafür vielfach noch die psychologischen Voraussetzungen. Gewisse Abweichungen von der starren Form des Achtstundentages werden meines Erachtens unter gesetzlichen Kautelen gemäß gegenseitiger Vereinbarungen zugelassen werden können. Eines der schlimmsten Geschwüre an unserem Volks, köcper bleibt das Schic m m er- und Schiebertum. Ucberall müßte sich eine Partei der anständigen Leute bilden, die laut in den deutschen Landen immer wieder den Ruf erhebt: Nieder mit diesen Schmarotzern! (Lebhafter Beifall.) Es ist jedenfalls bedauerlich, daß heute ein sehr größerer Bruchteil unseres Volkes vom Handel lebt, als cs in der Vorkriegszeit der Fall war. Durch strenge Sparsamkeit, Einschränkung des Bcam- tenbeeres, durch einen gründlichen Abbau der öffentlichen Verwaltung muß der Staat vorbildlich für sein ganzes Volk sein. Vor allem tut eine gründliche Um. stellung unserer ganzen Staatsverwaltung not. Sie setzt sich heute noch aus veralteten Ueberresten aus der Zeit des obrigkeitlichen Staates zusammen, wo das Volk zu einer wirklichen Mitarbeit noch gar nicht zugelassen war. Der schlimmste Krebsschaden ist die zu große Vielheit der Behörden, so daß Deutschland, das nach außen machtlos dastcht, heute noch den „Ruhm" für sich beanspruchen darf, der größte Beamteustaal der Welt zu sein. (Hört! Hört!) In den Augen des Auslandes sind wir immer noch der alte Obrigkeitsstaat, nur daß aus :hm die Armee entfernt ist. Ich wiederhole nochmals: Von Jahr zu Jahr muß bei uns der gewaltige Beamten, apparat systematisch abgebaut werden, anders wird eine Gesundung unsere? Volkes nicht möglich sein, da wir sonst nicht zu stabilen Verhältnissen gelangen.
lieber den eigentlichen Ablauf und Inhalt der Verhandlungen zwischen der deutschen Regierung und der Reparationskommission fehlen immer noch zuverlässige Berichte. Um so kühner sind die Kombinationen, die Gerüchte und das, was man während des Krieges „dieMund-Propaganda" nannte. Fest steht, daß am Dienstag in der Kabinettssitzung beschlossen wurde, der Reparationskommission eine Antwortnote zu übermitteln, in der die deutschen Vorschläge weiter aiusgeführt werden sollen. Diese Möglichkeit sei dadurch geboten, daß positive Anerbie- ten aus-den Kreisen der ausländischen Bankleute, die zur Zeit als Teilnehmer an den Sachverstän- digenheratungen in Berlin weilen, vorliegen. An den Börsen ist die (Situation zeitweilig jedenfalls ganz pessimistisch aufgefaßt worden und hat den Dollar über 9000 getrieben. Die gestern schon auf- tauchenden günstigen Meldungen konnten keine Besserung der Stimmung erwirken.
Meldungen, die un^ aus Berlin zugehen, besagen neuerdings, daß die Formulierung der neuen Vorschläge der deutschen Regierung an die Reparations- bnmnifsion nicht unbeeinflußt bleiben von dem Gutachten der ausländischen Sachverständigen. Das erste dieser Gutachten, das die Unterschriften der beiden Engländer Brand und Keyner, des Amerikaners Jenk und des Schweden Cassel trägt, ist dem Reichskanzler bereits zugegangen. Die Ueber- gabe des zweiten Gutachtens, das von den Herren Dubois, Karnenka und Vissering ausgearbeitet worden ist, wird für Mittwoch vormittag erwartet.
Das „Berl. Tagebl." nimmt an, daß nach Beschlußfassung des Kabinetts die Antwort der Reichsregierung noch im Laufe des Mittwoch der Repa- rationskommifsion übergeben werden kann.
Von den Blättern wird mit Bestimmtheit erklärt, daß sich ausländische Privatbanriers mit Zustimmung und mit zugesagter Unterstützung ihrer Regierungen zur Beteiligung an einer Stützungsaktion für die Mark in Bankkrediten unter Mitwirkung der deutschen Reichsbank bereit erklärt haben.
Die Blätter heben nochmals hervor, daß in Bezug auf die Formulierung der deutschen Vorschläge an die Reparationskommission und während der ganzen Dauer der Berliner Verhandlungen mit der Kommission innerhalb der Reichsregierung
völlig Einmütigkeit
bestanden hätte, es werde aber, wie die Blatter schreiben, für eine Selbstverständlichkeit angesehen, daß die Erwägungen über eine Umbildung der Regierung unmittelbar nach dem Abschluß der Verhandlungen wieder aufgenommen werden. Es besteht allgemein die Auffassung, daß sehr bald eine deutliche Neuorientierung der deutsch en Politik erfolgen müsse. Bereits vor den Reichstagsferien habe der Reichskanzler in einer Partei- führerbesprechting erklärt, das Kabinett müsse neu und so gestaltet werden, daß es eine Konzentration aller aufbauenden politischen und wirtschaftlich en Kräfte in Deutsch-
Leraniwortliw iür den ceOauwneUen Teil: Dr. I. Kramer. - für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. ~ Rotationsdruck u. Verlaa der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. 3emtnre*er Br. 9. Pottcheck-Konto 4051 Frankfurt a. M.
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Deutscher Reich.
* Der Preußische Landtag hat die Arbeiten tr den Ausschüssen wieder ausgenommen, während das Plenum erst am 21. November wieder zusammen- tritt. Der Hauptansschuß beschäftigte sich mit den Anträgen über die Arbeitslosenfürsorge und die Lebensmittelbeschaffung. Da die Anträge durch die Ereignisse zum großen Teil bereits überholt sind, wurfie beschlossen, einen Unterausschuß einzusetzen, der eine neue Fassung Vorschlägen soll.
* Der Badische Landtag ist zu einer neuen Session zusammengetreten. Tas bisherige Büro mit dem Präsidenten Wittemann (Ztr.) an ._ber Spitze wurde wieder gewählt. Zum neuen Minister für Kultus und Unterricht wurde an Stelle des zurückgetretenen Dr. Hummel Prof. Dr. Hellpach von der Technischen Hochschule berufen. Die Wahl des Staatspräsidenten siel auf den Minister des Innern Remmele, die des stellverlretenden auj Den Finanzminister Köhler.
Mch weiterhin das rote wachsen.
Sozialisten und Kommunisten in der Mehrheit.
51 fiWÄistischen-kommunistischen Mandaten stehen nach dem jetzt feftiiegenbm Ergebnis nur 45 bürgvr- gegeniiber, während im alten Landtag 49 Rote und 47 Bürgerliche vorhanden waren. Demnach haben also die Sozialdemokraten unL> Kommumsten je ein Mandat gewonnen, die Deutschnatioimlen und das Zentrum haben ie einen Sitz verloren. Das Ziel, die sozialistische Mehrheit zu brechen, ist nicht nur nicht erreicht worden, sondern die Sozialdemokratie geht gestärkt aus der Wahl schwächt hervor.
Das Zentrum hat, wie hier schon betont wurde, in Sachsen nicht viel zu erhoffen. Seine Ha-iptanhän. Mr, die Katholiken, wohnen vereinzelt im ganzen
land darstelle. Es solle ein umfassendes außen- und innenpolitisches Programm aufgestellt werden, zu dessen Durchführung das ganze deutsche Volk aufgerufen werde.
Morgan und die Vankier-Uonserenz.
Nach einer Meldung des „Berl. Tagebl." sind seit geraumer Zeit Besprechungen im Gange, eine zweite Bankierkonferenz unter dem Vorsitz von Morgan zur D.i s k u s s i o n der Repara- t i o-n s f r a g c nach Paris oder Brüssel einzu- berufen. Da Morgan, der sich gegenwärtig in Rom aufhält, spätestens am 26. November nach Amerika zurückzukehren gedenkt, soll die Bankierkonferenz noch vor diesem Termin stattfinden. Dies sei auch der Grund, weshalb die Reparationskommission möglichst rasch nach Paris zurückkehrm möchte.
Das Blatt glaubt zu wissen, daß die Kommission Donnerstag als Termin für ihre Abreise beibehalten werde. Wenn allerdings die neuen deutschen Vorschläge Aussicht für eine wesentliche Förderung der Besprechungen über die Markstabilisierung bieten sollte, würde die Kommission ihren Berliner Aufenthalt noch um einen oder zwei Tage verlängern. Sollte dies jedoch nicht der Fall sein, so würde die Kommission zur Fortsetzung der Erörtenungen in Paris bereit fein.
Vie deutschen holzlieserungen.
Die Verhandlungen der Reichsregierung mit der Reparationskommission über die Holzlieferungen Deutschlands an die Entente sind zunächst vertagt worden. Die Beratungen sollen demnächst in Paris weitergeführt werden.
Dem „Börsenkurier" zufolge find die Verhandlungen der Reparationskommission über die deu t- schen Kohlenlieferungen zum Abschluß gekommen. Die Kommission hat sich darauf beschränkt, die Informationen der deutschen Sachverständigen über die Lage der deutschen Kohlenwirt- schast entgegenzunehmen. Beschlüsse seien nicht gefaßt worden.
Die Lrnährungslyge.
In der Generalversammlung des Deutschen Landwirtschaftsrates kam es zu einer sehr lebhaften Aussprache über die ernste Ernährungslage. Staatssekretär 5) e n r i c i vom Reichsernährungsministerium konstatierte d'.e augenblickliche Lage folgendermaßen: Bei der Versorgung der Bevölkerung mit Markenbrot ist darauf hinzuweifen, daß wir schon jetzt zu ihrer Aufrechterhaltung mehr Brotgetreide eingeführt haben als im Vorjahre. Dies habe feine Ursache darin, daß von der Umlage, von der im vorigen Jahre Anfang Oktober 1,14 Millionen Tonnen eingegangen waren, diesmal nur 400 000 Tonnen geliefert worden find. Da die öffentliche Hand immer wenigstens sechs Wochen im Besitz der zur Verteilung notwendigen Getreidemengen sein muß, so wird Anfang des nächsten Jahres mit ernsten Schwierigkeit e n zu rechnen sein. Das erstandene Auslandsgetreide in Verbindung mit den bis jetzt abgelieferten Umlagemengen reiche gerade bis in die ersten Tage des neuen Jahres. Staatssekretär Henrici richtete deshalb im Namen der Reichsregierung den dringenden Appell an die deutsche Landwirtschaft, die Ablieferung soviel als möglich z u b e - schleunigen.
(fine NcmikMW der deutschen WU Neue deutsche Vorschläge an die Reparationskommisiion.
Eine zweite Bankierkonferenz.
toe MWew im örtern.
Das Vorgehen der Kemaifften gegen den Sultan in Konstantinopel war nur das Vorspiel scharfer Meinungsverschiedenheiten zwis chen den Angora-Türken und den Alliiert en. Die Franzosen sind über das Verhalten der Angora-Türken, die sie zunächst unterstützt haben, sehr wenig erbaut und die Engländer, die schon immer gegen die Türken waren, sind vor Wut ganz aus dem Häuschen. „Daily Chroniole" schreibt, das Waffen- ftillstandLäbkommen von M u d a n i a fei bereits ein toter Buchstabe. Es fänden zahlreiche Berletzun- der neutralen Zone statt und es sei kaum möglich, den raschzunehmenden Ernst der Sage im nahen Osten zu übertreiben. Durch den Staatsstreich von Konstantinopel hätten die Kemalistsn die Verwaltung Konstantinopels übernommen, das unter alliierter Kontrolle stehen solle. Der aus Konstantinopel zurückge- kehtte Sonderberichterstatter des „Daily Chronicle" fragt, ob Großbritannien unfähig oder nicht gewM fei, die bedrohte nationale Ehre und das Leben seiner Untertanen in der Türkei zu vetteidigen. Es könne sein, daß Blut fließen mässe, um die Ehre Englands rein zu halten.
General Maurice schreibt in den „Daily News"- Die militärische Lage der Ke mal ist en sei heute weit stärker als zur Zeit der Konferenz von Mu- dania, denn die türkischen Streitkräfte seien jetzt an der Grenze der neutralen Zone zusammengezogen und bereit, unverzüglich vorzugehen. Die Regierung Lloyd Georges habe laut verkündet, daß sie dies nicht ge= statten werde und habe es doch zulassen müssen. Die Türken Hätten gemerkt, daß die Erklärungen der britischen Re-gierung nicht respektiert zu werden brauchten. In Konstantinopel hätten sich 50 000 Christen in einem Zustande der Panik befunden. Die Erregung unter den Türken Stambuls wachse täglich. Die stanzösische und englische Regierung müßten ohne Rücksicht aus die Verhältnisse in Angora sofort einen A k t i o n s p l a n unterbreiten, der die Türkei überzeugen wertzch daß sie zu> weit gehe. c
Die „Times" schreiben, es sei die Pflicht der britischen, französischen rti italienischen Regierung, die ge- gebenen Versprechen zu halten und Bedingungen zu mähileiften, unter denen die Friedenskonserenz möglich sei.
Unruhen in Konstantinopel.
„Rieder mil England, Frankreich und den Alliierten".
In Tschanak ist eine kritische Lage entstanden, da dor: türkischen Gendarmerie gegen die britischen Linien vorrückt und das Vorgehen britischer Patrouillen jenseits der Dreimeilenzone verhindert.
Die Kundgebungen in den asiatischem Vorstädten von Konstantinopel haben eine ernste Wendung genommen. Die Fenster der von Christen bewohnten Häuser wurden eingeschlagen. Die Demonstranten schriM: Nieder mit England, Frankreich und den Alliietten!
Die alliierten Oberkommissare forderten von ihren Regierungen die Vollmachten, falls es notwendig würde, über Konstantinopel sofort den Belagerungszustand zu verhängen.
Wie aus Konstantinopel gemeldet wird, hat Risaat Pascha den Alliierten eine Note unterbreitet, in der die Ausweisung der britischen Untertanen ans Konst antinopl gefordert wird.
Reuter berichtet aus Konstantinopel, daß viele hundert Mohammedaner, darunter der vormalige Scheich-ül-Jslam, in der britischen Botschaft Zuflucht gesucht haben.
Irn Gisrneer.
Roman van Clark Russell.
18] -----------
„9Bas dann. Miß Otway?"
„Dann wollte ich mich lieber schriftlich verpflichten. Ihnen die in Frage kommende Summe zu ersetzen, als noch jnnc Stunde länger auf dem Wrack zu bleiben."
„Fürchten Sie nichts. Sie sollen die Ladn Emma hell ,md gesund verlassen," erwiderte er. „Einstweilen lind Sie hier besser abgehoben, als draußer-, im Langboot. Wenn Sie Mr. Owen gefolgt wären, so hätte er Sie letzt auf dem Gewissen."
„Ja, wenn die Leute das Schiff noch nicht erreicht haben, müssen sie jetzt schon Leichen sein," sagte Mrs. ^urke. „Welche entsetzliche Vorstellung — bei dieser furchtbaren Kalte regungslos dasitzen und fühlen zu einen bei lebendigem Leibe allmählich mit einer Eiskruste überziehen!"
Der Kapitän erhob sich und Holle eine große Schiffs- ^_e.r"e herbei, deren Glaskuppel von einem Drahtnetz umschlossen war. Sorgfältig füllte und reinigte er sie und meinte dann:
„Jetzt wollen wir das Bugspriet damit ausputzen, damit die Lady Emma sich wieder ein bißchen auf ihr früheres schmuckes Aussehen besinnt. Bleiben Sie hier unten. Miß Otway, es hat keinen Zweck, daß Sie sich noch einmal der bitteren Kälte aussetzen. Aber Du, Frau, kannst mir oben behilflich sein; ich werde wahrscheinlich einen Block am Bugspriet anbringen müssen, um die Laterne draußen zu befestigen "
Mrs. Burke zog sich warm an, riet mir scherzmd, nicht wieder vor einer harmlosen Ratte Reißaus zu nehmen, und folgte ihrem Gatten an Deck.
Mutlosigkeit und Niedergeschlagenheit bemächiiaten sich meiner, iobald ich mich allein sah. Mir war, 'als könne e aus dieser verzweifelten Lage keine Rettmia und kein Entrinnen mehr geben. Sehnsüchtig dachte ich an mein Vaterhaus zurück, und vor meinen geschlossenen tiugen stand plötzlich eine winterliche Szene kurz vor meiner Abreise, als ich mit dem Geliebten am Strande
entlang gegangen war und wir unsere entzückten Augen an dem herrlichen Lin blick der schaumenden Brandung geweidet hatten. Noch einmal durchlebte ich in Gedanken den Schmerz des Abschieds von meinem Verlobten . . .
So saß ich lange Zeit in Sinnen verloren. Als ich endlich wieder aufblickte, sah ich an dem vorgerückten Zeiger, daß der Kapitän und seine Frau schon über zwanzig Minuten an Deck weilten. Das schien mir bei der sttengen Kälte sehr lange. Doch sagte ich mir, daß es wohl geraume Zeit in Anspruch nehme, mit so geringen Hilfsmitteln, wie sie uns augenblicklich zur Verfügung standen, am Bugspriet eine Signallaterne zu befestigen.
Ich wartete noch eine ganze Weile. Als aber über eine halbe Stunde verstrichen war, ohne daß sich Schritte auf der Kafütentreppe hören ließen, da packte mich eine wilde Angst, und mit zitternden Knien und klopfendem - Herzen ging ich zum zweiten Male auf die Suche.
An Deck regte sich nichts. Doch! Horch — was war das? Dom Vorderkastell her drang leise ein qualvolles Stöhnen. Einen Augenblick stand ich starr vor Schreck. Dann bewegten meine Füße sich fast mechanisch nach der Richtung hin, aus der das Stöhnen klang.
Im matten Schneelicht erkannte ich neben der Kombüse die Umrisse einer lang ausgestreckten menschlichen Gestalt, von deren Lippen jene herzzerreißenden Schmerzenslaute quollen — es war Mrs. Burke!
Ich warf mich neben ihr auf die Knie, ergriff ihre Hand und rief — fast sinnlos vor Schreck und Angst:
„Allmächtiger Gott, was ist geschehen? Wo ist der Kapitän?"
Mary schrie gellend auf.
„Ertrunken — über Bord . . . Edward!"
Ich stürzte an die Reeling und blickte in die Tiefe. Nichts war zu sehen — die schwarzen Wogen hatten ihr Opfer verschlungen. Eine unbeschreibliche Angst dnrchfchauerie mich. In meinem Geiste sah ich den unglücklichen Kapitän auf das Bugspriet hinaus klettern, die brennende Signallaterne in der Hand; sah ihn ausgleiten, stürzen — hörte den verzweifelten Aufschrei, das Aufklatschen des Körpers auf das Wasier t. .
Mein Gott, was sollten wir anfangen! Da lag die arme Mary; schwer verletzt offenbar. Sie hatte die Augen geschlossen und antwortete nicht auf meine Rufe.
Vergeblich versuchte ich, sie in die Kajüte herunterzuschaffen. Sie war völlig hilflos und meine schwachen Kräfte reichten nicht aus, den schweren Körper auch nur von der Stelle zu bewegen.
Da übermannte mich die Verzweiflung, und gebrochen sank ich neben der leblos Daliegendcn auf das schneebedeckte Deck hin.
Zweiter Teil.
Neuntes Kapitel.
2Hr. Selby erzählt weiter.
An einem bitter kalten Julimorgen des Jahres 1860 versuchte unsere Bark Planier, die von London nach Adelaide segelte, aber durch widrige Winde ziemlich weit nach Süden verschlagen worden war, wieder nördlichen Kurs zu halten, soweit die jjiod) immer ungünstige Windrichtung dies zuließ. Unsere Bramstengen lagen unten an Deck, und über die Querbramsalings hinaus zeigten wir keine Leinwand, sodaß wir bei der starken Dünung nur langsam von der Stelle kamen.
Ich war damals Oberbootsmann auf dem Planier, einem Fahrzeug von 460 Tonnen, und hatte an jenem Tage die Morgenwache. Die ganze Nacht hindurch hatten wir angestrengt nach schwimmenden Eismaffen Ausguck gehalten, denn tags zuvor waren wir nur mit knapper Slot der Gefahr entronnen, auf einen ungeheuren Eisberg aufzulaufen.
Jetzt stieg langsam der kalte Polartag über dem Horizonte herauf. Als ich meine Augen leewärts über die See schweifen ließ, nahm ich zu meinem Efftaunen ein Segel wahr, das gerade auf uns zusteuerte. Mir Hilfe meines Fernrohrs erkannte ich ein dichtbesetztes Langboot.
„Segel in Lee!" rief ich und erstattete eilig dem Kapitän ,der eben an Deck erschien, Rapport. Rasch wurden die nötigen Befehle gegeben; wir näherten uns J
dem Segelboot von Minute zu Minute und waren in kurzer Zeit in Rufweite.
„Um Gottes Barmherzigkeit willen, nehmt uns auf, wir find schon halb erforen!" klang es flehend zu uns herüber.
Wir drehten bei und warfen ein Tau hinab, erkannten ober bald, daß die Leute zu erstarrt waren, um daran emporklettern zu können. Der Kapitän rief dem Führer des Bootes zu, wer sich noch rühren könne, solle zuerst den ganz Hilflosen das Seil um den Leib schlingen, damit sie nacheinander an Bord (gezogen werden könnten. Der erste der Unglücklichen war ein kleiner, dicker Mann mit Glatze, allem Anscheine nach kein Matrose; er schien bereits erfroren und wurde in die Kajüte hinunter getragen. Vier oder fünf andere blieben leblos an Deck siegen und mußten der Obhut des Schiffsanztes übergeben werden. Dis übrigen wurden ins Mannfchaftslogis geführt, um sich dort zu erwärmen und zu erholen.
„Was soll mit dem Boot geschehen?." fragte ich dcn Kapitän.
„Hm," versetzte er mit einem bedauernden Blick aus das schmucke kleine Fahrzeug, „nehmen wir's ins Schlepptau, so schlägt es doch voll Wasser und sinkt. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als es feinem Schicksal zu überlassen."
Aus Anordnung des Kapitäns sah ich nach den Geretteten, die im Vorderkastell untergebracht waren. Man hatte ihnen ihre durchnäßten und steif gefrorenen Kleider ausgezogen, ihre erstarrten Glieder in wollene Decken gewickelt und die ermatteten Lebensgeister durch heißen Grog wieder angeregt. Der Einzige, der all dieser Sorgfalt nicht zu bedürfen schien, war der Führer des Bootes, ein hünenhafter, rotbärtiger Matrose. Nachdem er feinen Oelrock abgestreift, ein paar Gläser bamp- senden Grogs hinuntergespült, kaltem Fleisch und Schiffszwieback alle Ehrs angetan und durch kräftige Bewegungen feine langen Arms und Deine wieder gelenkig gemacht hatte, erkärte er sich bereit, dem Kapitän feine und feiner Kameraden Geschichte zu berichten.
(Fortsetzung folgt)