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49. Zahrg

Nr. 256

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Dienstag, 7. Navember 1922

tieraniroonlitt: für Den reoauioneUen Teil: Dr. I. Kramer.

- iür die Anzeigen: I. ParzeI' er-FnIda. n Rotationsdruck u. Verloa der ?yuibaer Aetlendr-uckerei in iiulha “ * Poit'ckeck-Kon'o 4051 Frankfurt a M.

Sie SeiiMM z« MWMiiW.

Eine Besprechung beim Arbeiksminister.

Die vier Spitzenoerbände der Gewerk­schaften sandten am 4. Nov. eine Vertretung zum Reichsarbeitsminister, um ihm ihre Stellung­nahme zur gegenwärtig viel erörterten Frage der Arbeitszeit und ihrer gesetzlichen Regelung darzulegen.

Die Gewerkschaftsvertreter betonten, daß sie durch eine einseitige Behandlung dieser Frage durch die Unternehmer zur Sicherstellung ihres Standpunktes genötigt seien. Sie verwahrten pch mit allem Nachdruck gegen die Annahme, als sei die Steigerung d'e'r Produktion lediglich eine Frage der Ar» b e i t s z e i t. Sie werde vielmehr bedingt durch die ver­schiedensten Faktoren, insbesondere müßten die Unter, nehmer selbst durch die Art ihrer Wirtschaftspolitik mehr

In ganz England erfolgte am Samstag Nominierung der Kandidaten für die Parlaments-

wahken. Es sind insgesamt vorläufig aufgestell 1395 Kandidaten, die sich wie folgt verteilen: Kon- servatwe 466, Arbeiterpariei 414, unabhängig« Liberale 325, nationale Liberale 190.

Nach den letzten Meldungen sind folgende Parla­mentskandidaten, da ihnen keine Gegenkandt- baten gegenübergestellt wurden, wieder ins Unter» Hans gewählt worden: 42 Konservative, 5 liberale, 5 Nationolliberale, 4 Arberterpariei, 10 irische Unionisten und 1 Nationalist. Unter den ohne Gegner gewählten Kandtdaten befindet sich Lloyd George.

Vie Wahlen in polen,

Tie polnische Telegraphen-Agentur meldet aus Warschau:

Nach den bis Sonntag 8 Uhr ^abends vorliegen­den Nachrichten nahmen die Sejmswahlen im ganzen Lande einen ruhigen Verlauf. JEte Be­teiligung an den Wahlen war überall äußerst rege. Tie ersten amtlichen Wahlrejultate sind im Lause des morgigen Tages zu erwarten.

überall.

der hier vertretenen Parteigruppen ist deshalb gerin­ger als die Gesamtzahl der Parteien, weil die Technik der Staatslliste eine Begünstigung der großen Parteien darstellt. Mit dieser Technik sollten vor allem auch die nationalen Minderheiten getroffen werden, die überhaupt durch das ganze Wahlgesetz, das in seinem Grundprinzip allerdings das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht vorsieht, stark bsnach- teilizt werden. Es waren hauptsächlich vier Gruppen, welche dem Wahlkampf seine Note gaben. Das ist einmal die extreme Rechlegruppe, die sog. National­demokratie, die mit einem starken Mahlsand ihre Agi­tation besorgte, dann daran anschließend dar polnische Zentrum, das eine abgefchrvächie Form der National- demokratie in seinen programmatischen Forderungen darstellt. Im scharfen Kampf gegen Nationaldemo­kratie steht die nationale staatliche Union als die eigent­liche polnische Mittelpartei unter der Führung von Pitsiudski, des gegenwärtigen Präsidenten. In ihren Reihen findet sich die Mehrzahl der gegenwärtigen polnischen Minister. Weiter links folgen dann die sozialistischen Parteien, und die in drei Gruppen zer­fallenden Bauern. Als vierte bedeutsame Partei­gruppe 'fommt der Wahlblock der Natronalon Minder- heitsn in Frage, der aber nicht alle Parteien der Min- decheitm in sich vereinigt. Er sicht im scharfen Kampf gegen die übrigen polnischen Parteien überhaupt, vor allem auch gegen die polnische Regierimg, die kein Mittel unversucht läßt, diese Parteien in ihrer Tätig­keit zu hemmen.

In Deutschland haben unlängst in T h ü r i n- gen die Gcmeinderatswahlen statt gefunden. Jetzt ist Iwan in Sachsen zur Wahlurne gegangen, um einen neuen sächsischen Landtag zu wählen. Am 19. Nov. wird We st-Ober-Schlesien zum Reichstag, zur preußischen Lcndesoersammlung und zum Promnzial- lcmdtag an die Wahlurne gehen, nachdem es am 3. September über die Autonomie abgestimmt und sich für die Zugehörigkeit zu Preußen erklärt hatte. Am 24. September haben in Ost-Ober-Schlesien die Wah­len zum ost-ober-schlesischen Sejm, dem dortigen Pro- vingiallandtage stattgefunden. Man möchte wün­schen, daß gerade die bevorstehenden Wahlen in Ober­schlesien nicht den Stempel der Wahlmüdigkeit tragen. Bei den vielen polst. Aufregungen, von denen Oberschle­sien in den letzten Jahren heim-gesucht worden ist, be- steht eine solche Gefahr nur allzusehr. Bei den Sejm- Wahlen in Ost-Oberschlesien haben die deutschen Par­teien gut abgeschnitten. West-Oberschieisien muß am 19. November den Beweis erbringen, daß es nicht nur als Ganzes deutsch denkt und fühlt, sondern daß es auch ein Interesse an diesem dreifachen Wahl­gang hat. Jede Lauheit im Wahlgeschäft wird feind­liche Hoffnungen wecken und zur Stärkung der pol­nischen Propaganda dienen. In welchem Stärkever­hältnis die deutschen Parteien aus dem Wahlgange heroorgehen werden, läßt sich schlecht schätzen, da sich durch die Teilung Oberschiesiens die parteipolitischen Derhältmsse sehr verschoben haben und seit den Wählest zur Nationalversammlung keine Wahl»n in West-Obeischiesien mehr stattgefunden haben.

In dieser wahlreichen Zeit mit ihren Aufregungen und Leidenschaften muß der Gsdau-ke tröstlich wirken,

daß eine, unter Umständen sehr folgenschwere Wahl nicht stattgefunden hat, das ist die Reichsprasidenten- wahl in Deutschland, die für den 3. Dezember vor­gesehen war. Bon ihr sind wir Gott sei Dank oer- schont geblieben und haben insofern! so etwas wie Muße, mn den vielen Wahlkämpfen im In- und Ausland mit Aufmerksamkeit zuzusehen.

Die Wahlen in Sachsen.

Die sächsischen Landtagswahlen sind, soweit bis jetzt bekannt, ruhig verlaufen. Die Wahlbeteili­gung war sehr rege.

Nach den bisher vorliegenden Wahlergebnissen war. den in Dresden (Stadt) insgesamt abgegeben: für Deutschnationale Volkspartei 56 055 (bei der letzten Landtagswahl im November 1920 56173), Wirtschafts­partei 205 (251), Deutsche Volkspartei 68 092 (55 813), Vereinigte sozialdemokratische Partei 146 041 (Mehrheits- sozialisten und Unabhängige zusammen 102121), Zen, trum 4506 (3709), Kommunisten 20124 (9744), Deutsch- Soziale Partei 1012 (0), Demokratische Partei 29 470 (18 496) Stimmen.

Das Gesamtergebnis in dem Wahlkreis (Ost-Sach­sen) ist nach dev bisherigen Zählung folgendes: Ins­gesamt abgegeben wurden 936 471 Stimmen. Davon entfielen auf die Deutschnationalen 190 422 (bei den letz­ten Landtr wählen im November 1920 176 176), Deut­sche Volkspartei 162 275 (141466), Demokraten 81938 (57 164), vereinigte sozialdemokratische Partei 419 087 (340 501), Kommunisten 51 556 (14 824), Wirtschaftspa», tei 5201 (17 725), Deutsch-Soziale Partei 10 200 (0), Zentrum 15 730 (17 564) Stimmen.

Chemnitz (Stadt). Ergebnis aus 140 von 181 Be­zirken: Vereinigte sozialdemokratische Partei 44 841, Kommunisten 22 847, Deutschnationale 20 013, Demokra. ten 9242, Zentrum 634, Deutsche Lolkspartei 26 483, Deutsch-Soziale Partei 172 Stimmen.

Plauen (Stadt): Vereinigte sozialdemokratische Partei 17 752, Kommunisten 6192, Deutschnationale 14 723, Demokraten 5036, Zentrum 415, Deutsche Lolks­partei 10 685, Deutsch-Soziale Partei 301 Stimmen.

Bei Len Landtagswahlen vom 14. November 1920 wurden bei einer WahlüeteÄigung von 70.12 Prozent 2 072 339 Stimmen abgegeben. Davon entfielen auf die Mchrheitsfoziabisten 587 526, die Unabhängigen 286 984, die Kommunisten 117 359, die Neukomnni- nisten 60111, die Deuffchnationale Dolkspartei 434293, die Deutsche Volkspariei 385 810, die Demokratische Partei 159 801, das Zentr u m 22731 und die Wirt­schaftliche Vereinigung 17 724 (Stimmen. Die Man­date verteilen sich folgendermaßen: 27 Mchrheitssoziob demokroten, 13 Unabhängige, 9 Kommunisten, 20 Deutsch-nationale, 18 Volksparteiler, 8 Demokraten, 1 Zentrumsabgeordneter.

Das vorläufige Ergebnis.

Wir erhalten folgendse Privattelegrarnm:

wtb Dresden, 7. Nov. (Tel.) Bisher können als gewählt gellen: 18 Dculschnalionale, 17 Deutsche Volkspariei, 40 Sozialdemokraten, 9 Kommu­nisten und 7 Demokraten. Ob das eine Zentrums- Mandat gerettet ist, kann noch nicht gesagt werden, da bei der im ganzen Sachsenland zerstreut wohnenden Zentrumsmähterschask dis endgültige Feststellung des Slimmergebnisses für die Zentrumspariei besonders schwierig ist. ,

ZU den englischen Wahlen,

Lloyd George bereits gewählt.

Wahlen

Der Spätherbst 1922 bringt in Mener Fülle Wahlkämpfe im Inland und Ausland. In England ist das Unterhaus aufgelöst worden und soll am 20. November neu zusammentreten. Der Aufmarsch der Parteien zu den neuen Wahlen ist dort beendigt. Bier große Parteien, die konservative Re­gierungspartei, die nationaföiberale Mittelpartei Lloyd Georges, die Asquith-Gruppe ober die Unabhängigen Liberalen und die Arbeiterparteien stehen sich im harten Kampfe gegenüber. Den englischen Unlerhaus- wahlen find am 1. November, wie schon gemeldet wurde, die Eememderatswahlen in ganz England und Wales vorausgegangen, die natürlich im Hinblick auf jene von erhöhter Bedeutung wurden. Die Gemeinde- ratswchlen harten als Ergebnis eine fuhr starke Nie­derlage der Arbeiterkandidaten und einen Erfolg der Konservativen. Die Position der Konservativen für die Parlamentsrvcchl ist dadurch natürlich sehr verstärkt worben, zuiual die Parteien, die der Regierungspartei oppositionell gegenüber stehen, sich auch untereinander befehden.

In der Schweiz haben, wie gleichfalls hier schon erwähnt wurde, vor einigen Tagen die Nationalrats- wählen stattgefunden, deren Ergebnis im aOgememen eine Zunahme der bürgerlichen Gruppen und der ge­mäßigten Sozialisten gegenüber den extremen Links- gruppen bedeutete.

Am 7. November wird in den Bereinigten Staaten das ganze Repräsentantenhaus neu ge­wählt werden, ein Drittel der Senatoren und ein Teil der LokÄbeamten. Das Repräsentantenhaus zeigt heute eine starke Mehrheit der r e p'u blikanifchen Partei, die sich höchstwahrscheinlich im großen und ganzen behaupten wird. Der Wahlkampf in den Ber­einigten Staaten geht nicht um große politische Ziele, eines der hauptsächlichsten KampsodMe ist z. B. das Prohibitionsgesetz gegen den Alko­hol. Die Wahlen haben aber außenpolitische Bedeu­tung, infosern der Präsident Harding und die ameri­kanische Regierung, sobald das Ergebnis der Wahlen feftfticht, wieder eine größere politische Initiative ent-

Vie Keparationsverhandlunge».

Die einzelnen Vorschläge der deutschen Regierung sind am Sonntag in Berlin überreicht worden. Laut „Montag-post" wird der Inhalt Acichzeitig in Berlin und Paris am Montag bekatmtgegeben. Wie der „Mrl. Lokalanz." schreibt, werden die Dechandlungen mit der Reparationskommissivn, die am Dienstag wie­der aufgenommen werben, voraussichtlich Ende dex Woche ihren Abschluß finden.

Die Stimmung in Frankreich.

D ie republikanisch - demokratische Partei, die in Marseille ihren Iahreskongreß ab- hielt, veranstaltete nach Beendigung her Arbeiten ein Bankett, in dessen Verlauf der der Partei angehörige Minister für die befreiten Gebiete Re i bei eine Rebe hielt. Er sagte u. a.: Die Regierung ist fest ent­schlossen, Reparationen zu fordern. Sie verkennt nicht die Schwierigkeiten der Lage, in der sich Deutschland befindet, aber sie kann es nicht Anlassen, daß diese Lage fortgesetzt angezogen wird, um den übernommenen Verpflichtungen zu entgehen. Sie will m jebem Falle die Einziehung der Forde­rungen durch alle Mittel und in jeder Form, die Kl einem positiven Ergebnis führen kann, durchführen. Reibet führte weiter aus, daß er als eines dieser Mittel eine so weit als möglich gehende Ausführung der Abkommen von Wiesbaden und Ber-- l i n ansehe und vielleicht auch selbst die Heranziehung deutscher Arbeitskräfte für den Wiederauf» bau.

Am Sonntag sind in Polen die Wahlen zum polnischen Parlament getätigt worden. Am kommen­den Sonntag sollen daselbst die Wahlen zum Senat Nachfolgen. Das bisherige polnische Parlament war die versasiunggebenLe Nationalversammlung, die im Februar 1919 zusammengetreten war und sich Ende September aufgelöst hatte. Es bestand aus 400 Ab­geordneten. Das neue Parlament, Sejm genannt, soll aus 444 Abgeordneten bestehen, von denen 372 aus den ordentlichen Bezirk-Wahlen und 72 aus der Staatslifte hervorgehen. Die Zahl ist deshalb größer als im alten Parlament, weil dort eine ganze Reihe von Gebieten und Bevöikerungsgruppen des durch den Rigaer Frieden vergrößerten Polens nicht vertreten war. Das polnische Parteiwcsen ist außerordentlich zerklüftet, weit über zwei Dutzend Partei­gruppen hatten sich zum Kampfe o-rganffiert. Auf der Staatsliste stehen ollem 20 Parteien. Die Zahl

nisterpräsident Mussolini demnächst das italienisch« Parlament auflösen wird, um eine neue Kummer mit einer ZufÄnmensetzung zu gewinnen, welche das revolutionäre Erlebnis Italiens, die Faszistenrevolu- tion, zum Ausdruck bringt. Allerdings dürfte Musso­lini sich eine gewisse Zeit gönnen, ehe er Neuwahlen ausschreibt, denn er wird doch dafür sorgen wollen, daß die Interessen der Regierung, d. h. seiner Person, bei solchen Neuwahlen nicht zu kurz kommen.

Fulda er Zeitung

Amklicher Anzeiger für den Kreis und die Skadf Fulda.

Bezugspreis- Monatlich 150 Btt. zuaestell' frei ins Haus, n AbaeboU in der m«fchästsftklle 146 Btt. u Anzeigen: Kleinzeile mch lo'onei 10 ZHL; ausw. 12 Btt. Neklomezei'e (Iertb**'*e> nach Colone'maß 36 ^arf.

Im Grsmeer-.

Roman von Clark Russell.

16] ---—-

»Halt Dein Maul, Johnson", sagte der Kapitän mit mühsam erzwungener Ruhe. In feinem leichenblassen Gesicht aber glühten die Augen wie die eines Tobsüch­tigen.

"Ich soll mein Mau! halten?" murrte der Mann trotzig. „Das werd ich tun, sobald ich gesagt hab', daß ich mich den.Teufel um die Seemannsartikel zu scheren brauche, wenn die Masten über Bord sind. Ich hab' keine Lust, mich mit Notomasten abzuquälen, die der erfte Windstoß wieder über den Haufen bläst!"

Und mit einem Mal brüllte er gellend:

„Jungens, ich mach', daß ich dem Schiff nachkomm', so lang's noch Zeit ist. Wer geht mit?"

Wie ein elektrischer Schlag wirkte dieser Ruf auf bie Mannschaft. Wie auf Kommando stürzten sich alle aus das Boot, dessen Stricke sie mit ihren Taschen­messern und Handbeilen zu durchschneiden versuchten.

Niemand achtete mehr auf das Signalfeuer, das all­mählich zufammenfank und nur noch ein dünnes, schnell vcrflatterndes Rauchwölkchen emporsandte.

Kapitän Burke sah wie gelähmt dem Treiben der Leute zu. Dann kam Leben m seine starren Züge, und mit Donnerstimme schrie er: '

„Zurück, ihr Hunde! Das Boot ist Schifiseigentum, ihr habt kein Recht darauf. Schwimmt dem Schiff nach, wenn ihr wollt! Niemand rührt das Boot an!"

Die Matrosen kümmerten sich gac nicht um den Ka­pitän. Schäumend vor Wut drang jetzt der aufs äußerste Gereizte mit geballten häuften auf die Meuterer ein imd schlag Zwei von ihnen zu Boden. Niemand wagte es, die Hand gegen ihn zu erheben, aber einer der Ma­trosen stellte ihm non hinten ein Bein. (yr strauchelte und schlug schwer auf' die glattgefrorenen Decksplanken.

Laut jammernd warf sich Mrs. Burke neben dem un­beweglich daliegenden Körper ihres Gatten auf die Knies. Der Bootsmann aber rief ihr entschuldigend zu:

„Wir können nicht anders, Madam — es geht um Tod und Loben. Selbstverständlich kommen Sie alle mit.

wenn das Boot seeklar ist. Vorwärts, Jungens, so lange es noch hell ist!"

Mr. Owen und ich halfen der armen Frau, den Ohnmächtigen in die Kastite zu transportieren. Unter­wegs erholte sich der Kapitän, wies mit heftiger Bewe­gung die stützende Hand des Schiffsarztes zurück und stand, mit Hilfe feiner Frau, nach einigen Sekunden wieder auf den Füßen.

„Gib mir einen Schluck Branntwein," sagte er.

Rasch eilte ich in die Kajüte hinab. Unten überkam mich eine derartige Schwäche, daß ich mich einen Augen­blick setzen mußte, weil meine zitternden Kniee den Dienst versagten. „Ehe ich mich wieder erheben konnte, kamen Mrs. Burke und ihr Gatte schon die Stiege herunter.

Der Kapitän warf sich auf einen Stuhl am Tisch und vergrub sein Gesicht in die Hände. Mrs. Burke eilte geschäftig hin und her, um uns mit einem Schluck Branntwein zu erquicken, und ich lauschte gespannt auf die verworrenen Geräusche, die durch die Decksplanken zu -uns herunterdrangen. Jetzt wurde das Boot über das Deck geschleift — letzt glitt es über die Reeling und nun — — —

„Sie werden uns doch mitnehmen!" rief ich entsetzt.

Der Kapitän hob den Kopf und warf mir einen zor­nigen Blick zu.

„U n s mitnehmen?" Wiederholte er.

„Aber ..."

„S i e mögen mitgehen, wenn Sie Luft haben — i ch Weibe hier."

„Nein, Miß Otway," jammerte Mrs. Burke, „eie dürfen ohne mich nicht gehen, und mein Platz ist an der Seite meines Mannes. Bedenken Sie: wenn die Leute das Schiff nicht finden— und.das ist sehr wahrscheinlich — treiben sie bei der furchtbaren Kälte im offenen Boot aus der See. Das hielten S i e nicht eine einzige Nacht aus. Wir brauchen uns nicht zu ängstigen, wenn wir zurückbleiben. Erreichen die Leute das Schiff, dann senden sie uns Hilfe; finden sie es aber nicht — dann sind wir hier in unserer warmen Kajüte bester daran, als jene im offenen Boot." f

„Aber wir find 'dann allein an Bord!" rief ich ver­zweifelt.

„Die Hunde hätten einen neuen Notmast aufrichten können," stöhnte der Kapitän. „Statt dessen stehlen die

Schurken mir das einzige Boot, und ich kann es ihnen nicht einmal wehren, denn was ist ein Einzelner gegen so viele!" und in dumpfer Mutlosigkeit ließ er den Kopf wieder auf die verschränkten Arme sinken.

Jetzt polterten schwere Schritte die Kajüttentreppe herab, und vier oder fünf Seeleute standen vor uns. Einer von ihnen, der eine brennende Laterne trug, trat auf Mr. Burke zu und sagte:

„Das Boot ist seeklar, Kapitän!"

„Was habt ihr hier unten zu smhen?" donnerte Mr. Burke sic an.

„Wir wollen uns Lebensmittel holen," war die Ant­wort. „Warum sollen mir erst die Hauptlacke öffnen und in den Schiffsraum hinuntersteigen, wenn wir alles, was wir brauchen, hier bei der Hand haben."

Außer sich vor Wut stand Kapitän Burke auf unb wollte sich auf die Eindringlinge stürzen, doch mit lautem Aufschrei fiel seine Frau ihm um den Hals und beschwor ihn, die Leute um Gottes willen gewähren zu lassen und sie durch nutzlosen Widerstand nicht noch zu reizen. Zähneknirschend fügte er sich, beim er erkannte wohl, daß die Mannschaft zum Aeußersten entschlossen war und vor nichts zurückschrecken würde.

Rasch öffneten die Matrosen die kleine Luke hinter der Kajütentreppe und beluden sich mit den für unseren persönlichen Bedarf aufbewahrten Vorräten. Dann ver­ließen sie die Kajüte wieder, ohne sich weiter um uns zu kümmern. Wenige Minuten später aber rief die Stimme des Bootsmannes zu uns herunter:

„Kapitän Burke, es ist keine Sekunde mehr zu ver­lieren. Wollen Sie unb bie Damen jetzt kommen?"

Mr Burke antwortete nicht.

„Allmächtiger!" schrie ich auf, „sollen wir allein bleiben!"

„Kommen Sie mit uns, Fräulein, wenn der Kapi­tän und seine Frau bas Schiff nicht verlasten wollen?" fragte der Bootsmann wieder.

„Nein", schrie Mr. Burke. „Soll sie mit euch er­frieren? Fahrt allein ins Verderben, ihr StarrenK*

Ohne ein Wort der Erwiderung ging der Bootsmann. Gleich nach ihm kam Mr. Owen, der mit schriller Stimme rief:

„Mrs. Burke, M chnell, schnell! Wir fahren

tonst ohne Sie!"

„Und meinen Mann fordert er nicht auf, mitzukom. men, der Elende!" fuhr Mrs. Burke entrüstet auf. „Denkt er, ich würde meinen Mann verlafsen?"

Wie ein Pfei>l schoß Mr. Owen jetzt bie Stiege herab.

„Gebt Miß Otway frei!" knirschte er. „Ihr habt kein Recht, sie mit Gewalt hier sestzuhalten, wenn sie uns be» gleiten will."

„Hinaus!" donnerte der Kapitän. Der Schiffsarzt gehorchte — sonst wäre er wohl nicht mehr lebendig au» der Kajüte gekommen.

„Ihr Blut komme über euch!" rief er dem Kapitän und seiner Frau zu. Dann verschwand er oben im Dunkel

„Hören Sie nicht auf ihn", sagte Mrs. Burke mit tränenerstickter Stimme. „Sie werden sofort bas mit den Wellen kämpfende Boot sehen unb bann selber ur­teilen können, wo die Gefahr fürchterlicher ist, dort —• ober hier--"

Laut meinenb fiel ich ihr um den Hals, unb eine Weile hielten wir uns schluchzend umschlungen. Als ich wieder ausblickte, hatte der Kapitän die Kajüte verlassen, und wir folgten ihm an Deck.

Das Boot war schon einige Schiffslängen von der Lady Emma entfernt und schoß mit geschwelltem Segel wie ein Pfeil durch die Wogen. Kapitän Burke, der ihm mit prüfenden Blicken nachsah, rief uns entgegen:

„Bei der Geschwindigkeit müssen die Leute bas Schiss sicher erreichen. Seht, wie geschickt das Segel bedient wird!"

„Vielleicht bringen sie uns Rettung", rief Mrs. Burke. „Wenn sie vom Schiff aus gesichtet unb ausgenommen werden, bann schlägt auch für uns bie Stunde der Er­lösung."

Sehnsüchtig folgten meine Augen dem entschwinden­den Segel. Und dennoch mußte ich mir sagen, daß Mrs. Burke vollkommen reckt daran getan hatte, mich zmn Bleiben zu überreden. Eine einzige Nacht auf j>en dün­nen Planken jener offenen Nußschale wäre bei der eisigen Kälte, die mich schon jetzt bis ins Mark burchschauerte, mein sicherer Tod gewesen.

Kapitän Burke hatte sein Fernrohr herausgezogen und richtete es jetzt aufmerksam auf eine Stelle am Horizont, an der ich mit meinen scharfen Augen einen winzigen, leuchtenden Punkt bemerkte.

'Fortsetzung folgt.)