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49. Zahrg.

Mittwoch, t. November 1922*

tierantroortlicb für öen reOauioneUen Teil: Dr. I. Kramer, für die Anzeigen: I. Parzeiier-Fuida. ~ Rotationsdruck u. Verlag der lvuldaer Aciiendruckerel in Fulda. £erntrre*er Rr. 9. Postscheck-Konto 4051 Frankfurt a. M.

Bezugspreis: Monatlich 150 IRL zugestell' frei ins Haus. Abgeholt in der Geschäftsstelle 146 Alk. :: Anzeigen: Kleinzeile nach Colone« 10 2HL; ausw. 12 Alk. Reklamezeile (Tenbreitef nach Colone'maß 36 Hlarf.

FuldaerZeitung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Skadk Fulda.

Vie Reparationsüommiflion in Berlin.

Der Empfang beim Reichskanzler.

Am Montag abend sind die MtglicLer der Re- parationskommission in Berlin «jngetwffen. Am Dienstag nachmittag ist ein offizieller Empfang in der Reichskanzlei. Hierbei soll die Form der Verhandlungen festgeleot werden. Es sei anzu- nchrnen, daß zuerst eine Reihe von Ernzelbesprechun- gen zwischen Mitgliedern der Reparationskommission und den an den Reparationsberatungen beteiligten Ressorts stattfinden werde und daß die Ergebnisse dieser EmzelverhalÄrlungen in Gesamtsitzungen zusammen­gefaßt werden. Die Oberleitung sämtlicher Bespre­chungen werde in der Hand des Reichskanz­lers liegen.

Die vorbereitenden Beratungen im Schoße der Rcichsregierung über das Programm für die Berhand- lungen mit der Reparationskommission sind abge­schlossen. Das Rsichskabinett hat das Programm gebilligt. Der Reichskanzler hat einem engeren Kreis von Sachverständigen Angaben Wer dis deutschen Richtlinien für di« «Stabilisierung der Mark gemacht. Die Sachverständigen haben diese Richtlinien Mitgeheißen. Hebet den Fortgang der Ber- handkmgen mit der Reparationskormnission sollen die Fraktionsführer auf dem Laufenden gchalten werden. Die Besprechungen der Fraktionsführer mit der Reichsregienmg über die Stabilisierung der Mark und andere Fragen eines Wirtschaftsprogramms wer­den fortgesetzt werden, jedoch wird deren Bedeutung uwhl angesichts der Verhandlungen mit der Repara- tionskommission in den Hintergrund treten.

Vie neue Kohlenförderung.

In der Sachverständigenberatunig im Wiederauf- 'bauministermm über die Kohlensrage betonten sämtliche Sachverständige, daß die neuen Forderungen der Re- parationskommission viel zu hoch seien. Die bis­herigen Kohlenlief-erungen hätten nur ausgeführt wer­den können, weil die deutsche Wirtschaft durch kost­spielige ausländische Kohle«rkäufe die Betriebe aufrecht erhalten habe. Bei dem jetzigen schlechten Stand der Mark werde aber die Einfuhr dieser auSläMschen Kohle nicht mehr möglich sein. Daraus erwachse eine außerordentliche Gefahr für die deutsche Wirtschaft.

Wonö M Bas MUwliWMAM.

Laut /Manchester Guardian' ist Bradbury der Ansicht, daß der Zusammenbruch Deutschlands jeden Augenblick erfolgen könne und damit Has Ende aller Pläne für den Wiederaufbau Europas gekommen fei. klüter diesen Umftänöen sei der Regierungs­wechsel in London, begleitet von der Ungewißheit über öie Politik der neuen Regierung, bedauerlich. Dies tovtbe noch verschlimmert durch die Tatsache, daß Bonar Sato in seiner Erklärung über den all­gemeiner» Grundsatz der Reparationen eine Ver­steifung der briiischen Haltung angebeutet habe. Es werde daher für dringend notwendig erachtet, daß das Kabinett Bonar Sato sobald wie möglich seine Reparationspolitik im einzelnen darlege.

ver Wiederaufbau Frankreichs.

Mit seinem Wiesbadener Abkommen hatte einst SatijeMu versucht, den Weg zu bereiten, um ein großes Wlederausbauprvgramm für die zer­störte« -(Betete Nordfrankreichs auf einer Grundlage durchzuführen, welche die privatkapitalistischen Profit- Möglichkeilen zugunsten des Reiches möglichst aus- schallen sollte. Das Wiesbadener Abkommen hat später gerade in den Punkten, wcilche die Verhinderung des privatkapitalistischen Profils betreffen, wesentliche Ab­schwächungen erfahren. Immerhin bleibt es sein Ver­dienst, den Gedanken einer direkten ZusamEnaroeu oon Dc-rttschen und Franzosen im Interesse der nord- fraiyostichen KnegsgoschLoigten gefördert zu hcchen.

Ars Rathen au durch ruchlose Mörderhanv gefüllt war, Bemann auch sein scharfer politischer Gegner, Hugo.Strnnes, Interesse an deutschen Sachleiftun- gen für den französische Wiederau,bau und schloß scmen berühmten Vertrag mit Lubesac ab, der allen l*n Gerüchten zum Trotz bereits in Wir­kung geiixien ."t. Man ha- biefeti in seinem Wesen durchaus priivaikapllalistgchen Vertrag stark angefein­det, weil er den Vretragskontrahenten starke Profite srcherh wenn auch Stmnes sm sich erklärt hat, daß er den Gewinn aus fernem Abkommen wohltätigen deuts chen^Z wecken zukommen lassen wolle. Selbstverständlich kann es keinem Zweifel unterliegen, daß sorche ^schaslsproftte zu Laste« der Gescheiteren in NorüftMikrerch und auch zu Lasten des dtefcheu Reiches zu buchen sind. 1 *

Eure Wirkung des Stinnes-Ludesac-MomNens ist das Abkommen, welches der Verband Sozia- l«r Baubetriebe mit dem französischen Akttons- komitee der zerstörten Gebiete am 24. Oktober abge­schlossen hat, von dem' derVorwärts" in Nr 510 sagt, daß er die Interessen der Geschädigten Frank­reichs und die Interessen des deutschen Reiches auf der Grundlage gemeinwirtschaftlichen Treu­händerdienstes zu einem Ausgleich bringen soll. Der Aerdand Sozialer Baubetriebe ist eine daurvirt-

schaftliche gemeinnützige Gesellschaft, die von dem All­gemeinen Deutschen GewerkschaftsbMw getragen wird. Das französische Aktioiwkon-itee der zerstörten Gebiete ist lautVorwärts" seit VA Iahreir der Wortführer der Mehrheit der französischen Geschädigten. Dieses Aktionskomitee bedient sich der Erfüllung des abge­schlossenen Vertrages einer gemeinnützigen Aktienge­sellschaft (Sociefe de Comite dÄction des Regions De- vast-es), die mit dem Verband Sozialer Baubetriebe G. m. b. H. die Durchführung der Leistungen und Lie- ferungen übernehmen soll.

DerVorwärts" veröffentlicht in der gleichen Num­mer den Wortlaut des zw.fchen dem Verband Sozialer Baubetriebe und dem französischen AclionL-Comste abgÄschlosfenen Vertrages. Dieser Vertrag stellt tta- süchlich gegenüber den bisher abgeschossenen Verträ­gen in mancher Beziehung etwas Neues dar. In 8 9 des Vertrages wird der Verband Sozialer Bau­betriebe verpflichtet, alle ihm über die Selbstkosten hinaus zufliegenüen Gewinne dem deutschen Reiche zur Erfüllung seiner Reparationsverpftich- tungen wieder zuzufichren. In gleicher Weife hat das französische Actious-Emmte die ihm zufließemden Ge­winne der Gesamtheit der Geschädigten zu überweisen. Zweifellos vermeidet dieser neue Vertrag somit einen der Hauptangriffspun-kie in den bisherigen Liefe- rungsvrträgen, so auch an dem Stttmes-Lubcsac-Ab- t'cmmen, an denen insbesondere die Verkoppelung pri­vatkapitalistischer Interessen mit der Reparationspfticht bemängelt wurde. Da nach dem Bericht desVor­wärts" die Unterstützung der Reichsregierunig bereits zugesagt ist, und nach der Meinung der französischen Vertragskonlrahenten auch die noch bestehenden Wider­stände in Frankreich leicht zu beseitigen wären, ist wohl mit dsm baldigen Beginn von Lieferungen zu rechnen. Eine andere Frage ist allerdings, ob der Ver­band Sozialer Baubetriebe mit fernem insgesamt 225 Mill. Mark in Kapital und einem vorläufig noch recht unerheblichen Besitz von Eigenbetrieben inderLage fein wird, in absehbarer Zeit nennenswerte Bauftoff- mengen zu liefern.

Es ist anzunehmen, daß die französischen Wieder- aufba-uinotweniüig!keiten noch weitere Abkommen mit deutschen Liefernngsverbänden herbeiführen werden.' Wenn wir recht unterrichtet sind, wird das Abkommen mit dem Verband Sozialer Baubetriebe nicht das ein­zige fein, das grundsätzlich und in vollem Umfange darauf Bedacht nimmt, die Jnterefftm des Reiches nächst den Interessen der Geschädigten in Rordfrcrnk- reich in den Vordergrund zu stellen.

Sie imerMitMi! MnonDetfetunsen. treten während des Aufenthalts der Reparatiens- kommiffion in Berlin in den Hintergrund. So ist es wohl zu erklären, daß der Vorstand der sozial­demokratischen Reichstagsfraktion beschlossen hat, von einer Einberufung der Reichstagsfraktion noch in dieser Woche Abstand zu nehmen. Um aber eine Stellungnahme der Fraktion zur politischen Gesamtlage vor Beginn der Reichstagsoerhandlun­gen herbeizuführen, wurde die Einberufung der Fraktion für Dienstag nächster Woche beschlosien. In sachlicher Beziehung bestand volle Einigkeit dar­über, daß die Partei, auf ähren Vorschlägen zur Währungs- und Wirtschaftspoli- t i k unbedingt bestehen müsse. Auch herrscht volle Uebereinstimmlmg darüber, daß die Sozialdemo­kratie eine Antastung des Achtstunden­tages, wie sie jetzt von verschiedenen Seiten be­absichtigt sei, auf keinen Fall zulassen wird. Zwecks Stellungnahme zu den schwebenden dringen­den Steuerfragen wurde die Einberufung einer Konferenz mit Vertretern der Fraktionen der ein­zelnen Länder für den 22. November in Aussicht genommen.

Der lMmfterwechsel in Bayern.

Der Rücktritt Lerchenfelds.

Wie das Wolfffche Büro meldet, ist der Rücktritt des Kabinetts Lerchenfeld nunmehr vollendete Tatsache. Der Landtag wird alsbald zusam­menberufen, um einen neuen Ministerprä­sidenten zu wählen. Als aussichtsreichster Kandidat gilt der bisherige Staatsrat Meyer, der bei der letzten Kabinettskrise bereits Justiz­minister werden sollte.

Der Rücktritt des Grafen Lerchenfeld wird na­mentlich auch in Zentrumskreisen aufs leb­hafteste bedauert werden müssen. Lerchenfeld gilt als Opfer der rechtsradikalen Hetze, die zurzeit in Bayern einen Höhepunkt erreicht hat. Er ist von dieser Gruppe mit allen Mitteln, auch übelsten per­sönlichen Rankünen, fortgesetzt bekämpft worden, weil er den zähen Willen hatte, die Beziehungen Bayerns zum Reich zu bessern. Auch eine Versöh­nung der Bayerischen Volkspartei mit dem Reichs­zentrum strebte Graf Lerchenfelü an. Zu feinem Rücktritt jubeln jetzt Organe wie der berüchtigte Miesbacher Anzeiger. Dagegen hcchen be­merkenswerter Weife ausgesprochene bayerische Fö­deralisten wie Dr. Heimin der letzten Zeit sich f ü r Lerchenfeld eingesetzt. Sie konnten aber angesichts der radikalen Stimmung, die leider in Bayern großgezogen worden ist, nicht mehr durchdringen und mußten die Entwicklung der Dinge in den Kans nehmen.

wirtschaftliche Kampfbewegungen.

= Der Eisenbahnerstreik in der Pfalz. Wie von der Subrot Shafener Eisenbahndirektton mrtgeteilt wird, hat sich der Teilstreik auf dem pfälzischen Eisen­bahnnetz weiter ausgedehnt Milchzüge verkehren, ebenso die Personenzüge auf den Hauptstrecken. Auf bestimmte Zuge kann man sich allerdings nicht ver­lassen. Im Güterverkehr ist die Annahme von Eil- und Frachlstückgut, sowie von Eil- und Frachtgutwagen­ladungen im Bezirk der Eisenbahndtrektion Ludwigs­hafen gesperrt. Ausgenommen von der Sperre sind Lebensmittel Für die Zufuhr nach »er Pfalz ist die gleiche Sverre beantragl. |

Die Lage in Italien.

Mussolinis Einzug in Rom.

Am Montag traf der Führer der Faszisten, Mussolini, in Rom ein. Eine ungeheure Menschen­menge sammelte sich im Bahnhof und dessen Um­gebung an, darunter zahlreiche Faszisten. Musso­lini wurde mit großer Begeisterung be­grüßt. Er begab sich in das Quirinal, wo er vom König empfangen wurde. Im Lande herrscht Ruhe. VereinzelteblutigeZusammen- stöße sind jedoch.zu verzeichnen.

Wie die ZeitungRazione" erfährt, haben alle Kommunisten eine Mitteilung der Partei er­halten, wonach diese ausgehört hat, zu bestehen und alle Mitglieder von den Pflichten gegen die Partei entbinde. Man glaubt, daß daraufhin die kom- mumstischen Abgeordneten ihr Mandat niederlegen werden.

Das neue Kabinett.

Rach einer Havasrneldung aus Rom fetzt sich das Ministerium Mussolini wie folgt zusammen: Ministerpräsidentschast, Inneres und Aeußeres Mussolini, Krieg: General Diaz, Marine:. Admiral: Thaon de Revel, Schatz: Jnaudi (Nationalist), Industrie: Theophilo Rossi (Nationa­le), Finanzen: di Stolani (Faszist), Kolonien: Fe- dorzini (Nationalist), Befreite Gebiete: ©iuriati (Faszist), Justiz: Ovillo (Faszist), Unterricht: Gen- tile (Demokrat), Landwirtschaft: di Capitam (Fas­zist), Oeffentliche Arbeiten: Carnazza (Nationalist), Wohlfahrt und Arbeit: Cavazzoni (Populari).

Mussolini, der neue MimsterpräsidMt, ist ehe­maliger Sozialist. Er war Redakteur des italie­nischen SozialistenWattesTrcurti". Der von ihm geführte und jetzt in den Besitz der Macht gelangte Faszismus wendet sich in erster Linie gegen die Arbeiterbewegung, dann aber auch gegen diejenigen Widerstände, die'sich der Ausdehnung der italienischen Herrschaft in den Grenzgebieten entgegenstellen. Der Feind nach innen und außen soll von den Faszisten mit den Ruten-Bündeln, dmfasces" der römischen Sictoren gezüchtet werden, daher der Name Faszismus. Nach dem Abenteuer d'Armuncios in Fiume ttat Mussolini mit seinen Truppen zuerst in die Erscheinung. Mit ihrenschwarzen Hemden" knüpfen sie an die Freischaren der alten Garibaldianer an, die auf der Parade in Neapel, soweit sie noch lebten, besonders ge­feiert wurden. Den Faszisten gehören die verschieden- ften Klassen der Bevölkerung an, Eisenbahner, See- leirie, Bankbeamte, Straßenbahner, Friseure, Mufikan- ten, Gepäckträger.

Das (Dmntprobkm.

Der der Konferenz in Lausanne.

Nach einer Havasmeldung aus Konstantinopel ver­lautet, daß die Regierung von Angora sich mit der Wahl von Lausanne alsTagungsort der Friedenskonferenz einverstanden erklärt hat. Sie wird außer durch Ismol Pascha durch Fethi Bey vertreten sein.

Nach einer neueren Havasrneldung scheint die Dualität der Regierung in der Türkei unmittel­bar vor dem Verschwinden zu stehen. Der Sul­tan würde die Nationalversammlung von Angora anerkennen, die bann die einzige Macht in der Türkei darfteilM würde.

Die Russen im Spiel.

Aus Moskau wird ge.r.eBbet, daß der Vertreter der englischen Regiermrg im Namen von England, Frank­reich und Italien di« schriftliche Einladung zur Teilnahme Sowjetrußlands an den Ver­handlungen der Lausanner Konferenz über die Meerengen frage übergeben habe. In dieser Note wird mitgeteilt, daß die Konferenz am 13. November zu- sammentriit und daß die russische Regierung noch Nachricht bekommt, wann die Verhandlungen über die Meerengenfrage beginnen.

Gleichzeitig meldet Reuter aus Konstantinopel, daß die Beziehungen zwischen Rußland und der Türkei in« folge des Abkommens von Muixrnia, das der Sowjet- regieruirg mißfalle, weniger herzlich geworden seien.

Deutsches Reich.

* Berlin, 31. Okt. Einer Korrefpondenznieldung zufolge ist das 14tägige Verbot der Berliner Roten Fahne vom preußischen Minister des Innern auf vier Tage verkürzt worden, sodaß das Blatt am Mrtttooch wieder erscheinen wird. Wie mehrere Blätter melden, werden auf Einladung des Reichsministers des Innern am 3. 11. in Berlin die Besprechungen überdieGroß-Hamburg- Frage zwischen Preußen und Hamburg wieder ausgenommen werden.

* Aus Baden wird gemeldet: Die deutsch-demo­kratische Landtagsfraktion hat beschlossen, dem Land­tag für den neu zu besetzenden Posten oes Ministers des KultuS und Unterrichts den Professor der all­gemeinen und angewandten Pshchologie und Päda­gogik an der Technischen Hochschule in Karlsruhe Dr. Willy Hellpach vorzuschlagen.

flusianö.

* Wahlen in der Schweiz. Nach den bisher aus 20 Kantonen vorliegenden Ergebnissen ergaben die nach dem Wertverhältniswahlsystem vorge­nommenen Wahlen zum Nationalrat im allgemeinen die Bestätigung der bisherigen Parteistärken. Die Auszählung der Listen wird nicht vor Mittwoch oder Donnerstag beendet sein.

* Abrüstung in Japan. Nach einer Havasmel- dung aus Tokio nimmt das Finanzministerium eine neue Herabsetzung des Marinebud ge ts um 30 Millionen Z)en vor. Im nächsten Jahre werde eine Gewmtnerabsetzung von mehr als 100 Millionen Jen epolgen.

Allerseelen Allerheiligen.

Von Fr. Mucker mann, S. J., Herausgeber des Gral.

Seitdem wir Millionen unserer Krieger das Trab da draußen geschaufelt haben, liegt Allerseelenstimmung Über uns wie nicht zuvor. Als wir dann die stolzesten unserer Hoffnungen dahinschwinden sahen, als unseres Reiches Größe und Weltstellung zusammenbrach, da wurde diese Stimmung nur noch grauer und düsterer. Wir fingen schon an, die Toten zu beneiden. Und nun in einem grauenhaften Prozeß seelischer und körperlicher Ser« elenbung, mitten im Leben und doch mitten im Sterben zehrender Unterernährung und aussichtsloser Arbeit, was bedeutet noch das Leben? Was blieb von dem Glanz des Jahrhunderts? Was lohnt sich noch zu bauen, wo solche Häuser einstürzten? Das Reich des Todes ist unsere Heimat geworden, und niemals hat es das Men­schenherz getrieben, wie heute, Verbindung zu suchen mit den Bewohnern besserer Welten.

So wandern wir ergriffener denn je hinaus zu den Stätten unserer Toten. Lichtlein entzünden mir unter Zypressen, die still im Herbstnebel trauern, und vereinigen unfern Geist mit denen der Abgeschiedenen. Das Mi­serere rauscht von den Emporen unserer Kirchen und findet ein Echo bei all denen, deren Letztes und Einziges noch ist die Hoffnung aus dem Glauben. Wie doch unsere Religion ihres Trostamtes waltet in schwer­ster Stunde! Wie sie kommt mit so urkräftigen Ge­danken, wo alles um uns wankt. Wie sie, die feine Psychologin, gegen unsere große Trauer sozusagen unsere größte Hoffnung ausfpielt. Was das für eine Tat ist, erkennt man erst recht daran, was denn andere tun in solcher Sage. Kindliche Geisterfeherei, nervöses Tisch­klopfen, fanatischen Okkultismus, das haben sie zu geben, wo das Innerste gequälter Seelen nach Hilfe ruft. Oder sie formen, den einfachen Wahrheiten der Offenbarung entfliehend, wunderliche Vorstellungen von Geist- und Seelenwelten, deren Dasein nicht begründet und deren Eigenart von keiner Vernunft gedeutet werden kann. Wo die Wahrheiten vom persönlichen Gott, von dem Fortleben nach dem Tode und von Christus, dem Sohne Gottes, der den Tod überwindend uns das ewige Leben verheißen hat, allein noch retten könnten, da kommt man wie etwa die Anthroposophen, mit den wildesten Ausgeburten eines schwächlichen Mystizismus, der all diesen Wahrheiten den Boden entzieht und Anforde­rungen an die Gläubigkeit stellt, wie sie nie durch Gottes Offenbarung den Menschen zugemutet wurden.

Wie ganz anders die katholische Kirche! Heber den still flammenden Kerzen an den Säumen der Gräber ziehen die Sterne der Novembernacht empor. Himmels­licht und Crdensehnsucht finden sich zusammen in der kosmisch gewaltigen, geschichtlich großartigen und doch herzlich-heimlichen Lehre von der Gemeinschaft der.Heiligen. Eine ganz neue Welt, wo keine Träne mehr fließt, gebt auf im Herzen der weinenden Kinder Evas. Ernste Mahnung paart sich mit goldiger Versprechung. Vielleicht ist niemals diese ganze Silier« feelenftimmung in der Sprache wiedergegeben worden, so wie in den Aufzeichnungen der heiligen Katharina non Genua. In ihrem 'heute fast verschollenen Buche über das Fegfeuer erscheinen die Seelen am Reinigungs­orte glücklich, weil sie ihres Heiles ja gewiß sind, und doch wieder von so brennender Sehnsucht erfüllt, weil sie ja warten müssen auf den großen Tag des Eintrittes in bas Paradies. Welch rührende und doch starke Art ist in diesem Büchlein. Während alle Anthroposophen zusammen aus einem tiefen Menschheitsbedürfnis nichts anders zu machen roiffen, als eine riesige Spielerei, weiß die katholische Kirche es hinzulenken in die Sam­melpunkte hohen sittlichen Strebens. Cs lohnt sich zu leiden, um einen Teil der Wartezeit des Purgatorio vorwegzunehmen. Nicht nur Vorbilder, sondern auch lebendige Helfer finden wir in jenen, die vor uns viel- leicht Härteres durchgemacht.

Solche Gedanken nehmen gewiß nicht den grauen Nebel aus der Luft und nicht die Trauer aus der Seele, aber sie schaffen Menschen, die oon der Sonne roiffen, auch wenn ihr Strahl einmal nicht mehr zur Fläche der Erde bringt .... So legen wir denn still und leid­tragend imfere Kränze nieder auf den Friedhöfen der Heimat und senden wir betende Grüße zu den Kreuzlein da draußen. Weinen wir uns aus, hat ja auch Christus gemeint am Grabe eines Freundes, Tränen befreien, wenn sich unter ihrem Brennen Schichten lösen, in denen Glaube und Hoffnung wohnen. Richten wir unsere Blicke inniger als sonst in das Land unserer Sehnsucht. Denn nur von dort, von dort kann uns Erlösung kom- men, ein neuer Himmel, aber auch eine neue Erde . . ,

Hus -em besetzten Gebiet. -

Die neue Anlai der Marokkaner. 2n der Nacht zum Sonntag drangen, wie schon gestern unter Letzte Nach­richten gemeldet wurde, drei betrunkene marokka­nische Soldaten von dem in Höchst a. M. garnifonie- renben Marokkaner-Regiment zwischen den Frankfurt.r Vororten Rödelheim und Sossenheim in die Wirtschaft von Kullmann ein und verlangten von dem Wirte Schnaps. Ms ihnen dieser verweigert wurde, über­wältigten die Soldaten ihren wachhabenden Unteroffi­zier, nahmen ihm die Munition ab und hielten die Wirtschaft etwa eine Stunde lang unterSchützenfeuer". Hierbei erhielt der lebige 28jährige Schreiner Peter Ried aus Sossenheim einen Bauchschuß, an dessen Folgen er kurz nach der (Einlieferung in das städtische Krankenhaus verstarb. Ob Ried als Gast in der Wirtschaft oder als Zuschauer auf der Straße zugegen gewesen ist, konnte noch nicht festgestellt werden. Die betrunkenen Maro!« kaner wurden später von inzwischen aus Höchst alarmier­ten Soldaten überwältigt und verhaftet.

Soziales.

$ür die Aermsten! Unter dem Vorsitze de« Reichsaroeitsrnmisters Dr. Bra unS tagten im ReichS- arbeitäminifterium Verirrter der Zentralarbeitsgemein­schaften, der Kommunalverbände und der Organisa­tionen der Wohlfahrtspflege, in der die Bildung einer deutschen Notzemeinschaft zur Linderung der Norlage der Erwerbsunfähigen, Sozialrentner, Kleinrentner, Witwen und Warfen erfolgte. ES wurde beschlossen, ein Hilfswerk durch Veröffent« Irchung eines Aufrufes einzuleiten.