49. Zahrg
Mittwoch, iS. Oktober 1922
Nr. 240
länger in ihrem
des Marktwertes der Wertpapiere",
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»mittel so rar
Halts- unü Renten« nüttet aber auch die
ungeheueren Kurssturz der Mark Diese illegitimen Devisenkäuftr h EmfuhrhanLel die ausländischen Z>
SerantwortlMt) für den cedaoionellen Teil: Dr. I. Kramer. z für die Anzeigen: I. Parzeiler-Fulda. :: Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actlendruckerei in Fulda, ^ernivrecker Nr. v. Postscheck-Konto 4051 Frankfurt a. M.
nur eine Stimmung und Bewegung zunutze, die aus vul tieferen Schichten de§ Wirtschaflskörpers quillt. Aber natürlich hätte von Anfang an nicht geduldei werden dürfen, daß derartige Elemente, tue ihrc Aufgabe und ihr Geschäft darin gesehen haben, einen im Volkskörper wühlenden ZersetzungS- uns Vergiftungspwzetz „mit allen Regeln der Kunst" zu fördern und nach außen schlagen zu lassen, so unge stört ihr schädliches Handwerk ausüben.
Spekulieren und Sparen.
Schon seit Jahr und Tag schrumpft die Zahl der Sparer zusammen und wachst die Zahl der Spekulanten an. Natürlich waren nicht alle diejenigen, welche nicht unmittetbar zum Derzchr bestimmte Einkommensteile in Wertpapieren anlegten, „Börsenspieter". Dan keinem Standpunkt aus ist etwas dagegen zu sagen, dast Ver- mögenstevle in Werten angelegt werden, die dem Anleger die größte Sicherheit und die meisten Gewinn' aussichten zu bieten scheinen, — unter der Voraussetzung selbstverständlich — daß die Art der Geldanlage nicht volkswirtschaftlichen Lebens Notwendigkeiten zu- widerläust. Wer aber sein Trachten danach entrichtet, jode Chance zur Kurssteigerung zu erspähen und wahr- zunehmM, wer alle paar Wochen seine Wertpapiere verkaufte und statt dessen neue erwarb, ist ein Spekulant und genau genommen — wenigstens in dieser Fmiktion — volkswirtschaftlich eine Drohne.
Zum Beweis dieses Satzes braucht nur darauf hin- gewiefen zu werden, daß an der Börse nur das ge- wonnM werden kann, was der andere verliert, bezw. was dem anberen an Gewmnmöglichkeiten entgeht. Die
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vie Reichspräfidenlenwahi.
Aufschub auf 1924 oder 1926?
Wie die Entscheidung in de-r Angelegenheit der Neichspräsidentenwahl fallen »irb, ist zurzeit noch nicht zu sehen. Am Montag sand die angekündigte Bespre- der Fraktionsführer der Koalitwnsparteien, der Äükspartei und der Bayerischen Volkspairtei
gemacht und so verteuert, daß dadurch ein gewaltiges Ansteigen der Preiswoge hervorgerufen wurde. ®3gen diese unbefugten Deoisenkäuser richtet sich die Verordnung des Reichspräsidenten vom 12. Oktober betreffend Beschränkung des Verkehrs mit ausländischen Zahlungsmitteln.
Die Erleichterung, welche als Folge der Devisen-Derordnung cingetreten ist', war nicht groß und auch nur von kurzer Dauer. Bereits Ende der Woche näherte sich der Dollarkurs wieder bedenklich der 3000-Markgrenze. Wahrscheinlich hat der berufsmäßige Dsvisenhandsl sich beeitt, den etwas ermäßigten Stand der Kurse zu dringenden Käufen <mszu° nutzen, die bisher vermieden woriden waren. Da es
Strefemann gemachten Vorschlag auf Verschiebung der Reichspräsidentemoahl im Prinzip zugestimmt habe, falls sich die Verschiebung aus versassnngsmäßr- gen Gründen rechtfertigen lasse. Der „Lokalanzeiger" will wissen, Laß die Deutsche Volkspartei kaum bereit fein werde, dem mehrheitssozialistischen Vorschläge aus Verlängerung der Amtsperiode Eberts bis 1926 zuzustimmen. Die Volkspartei wolle vielmehr dabei bleiben, daß die Wahl nur bis zum Jahn 1924 verschoben werde.
aber zahlreiche Ausländer in den Großstädten Deutsch- lands gibt, besteht nach wie vor die Möglichkeit des Schleichhandels in Devisen und fremden Noten. Devisen und Auslandsnoten besitzende Fremde können ohne große Mühe Interessenten finden, die ihnen bie ersehnten Wertscheine mit einem Aufschlag aus die amtlichen Devisenkurse abnehmen. Die Beschränkung des Devisenhandels wirb erst dann praktischen Erfolg i)aben, wenn die Rerchsregterung Vorsorge trifft, daß der kleine Sparer fein Geld in wertbestün- bigen Papieren anlegt. Die deutschen Dioiden- denwerte erleben zwar L-gemwärtig eine scharfe Haussee; da jedoch für den Müller eine umfangreiche Produk- .ionskrise mit BetriebsstilleAungen und Arbeiterent- lassungen erwartet wird, dürsten die Aktienkurse nicht mehr lange steigen. Sind für überschüssige Einkommensteile keine Anlagemöglichkeiten vorhanden, so wirb damit ein in unserer Lage besonders unerwünschter Luxusoerbrauch angeregt. Darum muß bas Reich mit größter Beschleunigung golbroerte Anlagepa« piere schaffen, die in Goldmark, b. h. nach dem Stande bes Goldwertes zu verzinsen und zu tilgen wären.
Das Spekulieren ist so sehr ausgekommen, bas solide Sparen dagegen so sehr aus der Mode geraten, daß alles geschehen muß, um dem deutschen Volk wieder Lust und Freude am Sparen emzuslößen.
9er Kumps gegen te Währungs-Elend Für das wertbeständige Goldmark-Papier.
Die Widerstände.
Das Roichskabinett beschäftigte sich am Montag laut „Vorwärts" mit dem Entwürfe eines Gesetzes zm Schaffung eines wertbeständige:! Eoldpapiers. Wie das Blatt schreibt, handelt es sich um ein Zahlungsmittel, das rm Sntanbe zu dem jeweiligen Werte des Dollars in Zahlung genommen werben soll. Die Beratungen des Reichskabinetts sind noch nicht abge- ,'chloffen.
Die Berliner Funktionäre der verein:g- ten sozialdemokratischen Partei nahmen in ‘einer Versammlung nach einem Referate Hitftr- tongs über die Reparations- und Wäh- rungskrisis einstimmig eine Entschließung an, in der es heißt: Der unaufhaltsame Währungszerfall bedroht alle auf Markeinnahmen angewiesene Lohn-, Gs-
welche mit Recht als ein Hauptzweck des Börsengeschäftes angesehen wird, ist natürlich auch möglich, ohne daß das Publikum anders als zu Anlagezwecken am Börsengeschäft beteiligt ist. Ws im Herbst vorigen Jahres die große Flaute an der Effektenbörse begann, roanbte sich bas Interesse des spekulierenden Publikums iben Devisen und den ausländischen Zahlungsmitteln zu. Aber nicht nur der gewohnheitsmäßige Börsenspieler engagierte sich in Dollars, Gulden trrtb Franken, auch der kleine Sparer kaufte sich in den zahlreichen städtischen Wechselstuben oder an den fliegen« ben Börsen von Hotels und Gastwirtschaften für sein erspartes ober nicht unmittelbar für Anschaffungen bestimmtes Geld ausländische Banknoten.
Die zunehmende Beteiligung des fpefittierenben und sparenden Publikums am Kaufe von Devisen und fremden Noten hat den Anfang Oktober etnsetzendsn
beim
Vizekanzler Bauer, der Reichsminister des Innern Köster und Reichstagspräsident Lobe teil. Der Ber- treier der Deutschen Volkspartei, Strefemann, machte in längeren Ausführungen die Bedenken geltend, die feine Partei gegen die Vornahme der Wahl an dem vorgeschriebenen Termin hat. Die Vertreter der übrigen in der Sitzung anwesenden bürgerlichen Parteien schlossen sich em sprechend ihrer Stellungnahme in früheren Beraoungen des Gegenstandes diesen Bedenken an, die zurückzustellen sie sich nur bereit erklärten, wenn eine Verschiebung der Wahl aus verfassungsmäßigen Gründen unmöglich wäre. Der Vertreter der Sozialdemokratie lehnte es namens seiner Fraktion ab, dem Vorschläge auf Verschiebung der Wahl und damit einer Verlängerung der provisorischen Stellung des Reichspräsidenten zu- zustimmen. Seine Partei fei nach wie vor für die Vornahme der Wahl an dem vorgesehenen Termin. Nur ein verfassungsmäßiges Gesetz, bas die provisorische Stellung des Reichspräsidenten in ein verfassungsmäßiges Definitivum umwandle, könne, da die Entscheidung dem Reichstag zustehe, die Lage änbem. Ob feine Fraktion diesen Weg betreten werde, lasse er dahingestellt.
Der Reichskanzler stellte fest, daß die Aussprache mit den Parteien insofern eine neue Situation geschaffen habe, als die beteiligten bürgerlichen Parteien nochmals den Versuch unternommen hätten, eine Wahl in kurzer Frist zu vermeiden. Durch die Erklärung der Sozialdemokratie sei jedoch der Vorschlag der Deutschen Volkspartei, ben Wahltermin einfach hinauszufchieben, hinfällig geworden. Die Partet- führer erklärten, sie würden über die Lösung der Situation durch ein verfassungsmäßiges Gesetz mit ihren Fraktionen Rücksprache nehmen. Die Aussprache wurde alsdann certagt
Der .^Vorwärts" teilt mit, daß der Rsichspartei- mlsschuß der Zentrumspartei dem von Dr.
jübermhnmn kann.
Die Industrie und die Devifenverordnung.
In einer Eingabe an den Reichskanzler beschwert sich der Reichsverband der deutschen Industrie darüber, daß vor Erlaß der Dsviftnverord- «ung industrielle Sachverständige nicht gehört worben sind. Da die Verordnung alle Erfordernisse der praktischen Wirtschaft gänzlich unbeachtet (affe, richtet der Reichsverband der deutschen Industrie an die Regierung das bringende Ersuchen, vor Inkrafttreten eines endgültigen Gesetzes zur Bekämpfung ter Devisenspekulation die industriellen Sachverständigen gutachtlich zu hören.
irtschaft und fügt zu der T e u e- rung auch noch die Arbeitslosigkeit. Durch eine Stützungsattion für die Mark muß mit Hilfe des Goldschatzes der Reichsbank und durch die Auflegung einer inneren wertbeständigen Goldanleihe die weitere Flucht vor der Mark verhindert werden. Die Funk- tivuärverfammllMg erwartet von der Reichstagsftak- tion, daß sie alles tut, um diese Forderungen durch- Nisetzen, da sonst die SozialLemokratie die Vemnt- urortimg für die drohenden Gefahren des Winters nicht
Quelle« des Mark-Elends.
M«x Pin ner schreibt im Berliner Tageblatt: „@in Berliner Bankdirektor, und zwar einer von oen klügsten und anständigsten, hat mir kürzlich auf meine Frage, wie er sich trotz der uns gewährten Atempause Die neue auffällige Devisensteigerung erkläre, das Folgende zur' Antwort gegeben: In Deutschland sind während der letzten Jahre Hunderte von neuen Bankgeschäften gegründet worden, die in der Zeit der großen Effektenbewegung ihren Personalbestand gewaltig ausgedehnt haben und zum Teil mehrere hundert Angestellte beschäf- Ligen. Das normale und laufende Geschäft gestatte diesen Bankgeschäften seit geraumer Zeit nicht mehr die Aufbringung der immer gewaltiger anwachsenden Personal- und Sachspesen. Die einzige Möglichkeit, diese Spesen aufzubringen, biete ihnen die Pflege des Devisengeschäftes für eigene und für fremde Rechnung." Dr. Pinner fügt hinzu: Zweifellos berührt dieser Gesichtspunkt nur eine und vielleicht nicht einmal die hervorstechendste Seite der zunehmenden Markflucht. Die kleinen, aber durch die heutige Inflationszeit mächtig aufgefchwemmten Bankgeschäfte, die übrigens in ihrer Propagierung und Unterstützung der volkswirtschaftlich unzulässigen Devisengeschäfte keineswegs viel schlimmer finb als manche Depositenkasse der Großbanken, machen sich
Vie kommunistischen Ausschreitungen in Berlin.
Durchsuchungen und Verhaftungen.
Im Verlaufe der polizeilichen Ermittelungen über die blutigen Zusammenstöße beim Zirkus Busch fand am Montag laut „Lokaitmz." eine Durchsuchung sämtlicher Räume der „Roten Fahne" statt. Es wurde Material beschlagnahmt, das sofort einer Prüfung unterzogen wurde.
Der „Voss. Ztg." zufolge wurden Montag abend wettere 30 Personen fest genommen und einem Verhör unterzogen. Bei fast allen Verhafteten ergaben die Ermittelungen, daß sie in SSerfammlungen zu Gewalttätigkeiten aufgeforbert wurden, die sie bann am Sonntag begangen haben. Alle bei dem Straßenkampf verletzten Personen sind bereits außer Lebensgefahr. Die beiden Polizei Wachtmeister, deren Zustand zunächst zu Besorgnissen Anlaß gab, sind bereits wieder dienstfähig geschrieben morden.
In einer kommunistischen Protestoersammlung, die in Ruhe verlies, wurde beschlossen, baß Dienstag vor- mittag die Betriebsräte der Groß-Berliner Betriebe beim Polizeipräsidenten vorsprechen und vom Polizeipräsidenten Richter fordern sollen, sämtliche Derhaf- teten sofort freizulassen. Werbe dem Verlangen nicht Folge gegeben, so werden am Mittwoch sämtliche B e» triebe stilliegen.
• Line Interpellation.
Die deutschnationale Fraktion bes Reichstages wirb eine Interpellation einbringen, in der es heißt, die Vorgänge am Zirkus Busch hätten bewiesen, daß die vorhandenen Gesetze zum Schutze der Versammlungsfreiheit nicht ausreichten. Diese Frage bedürft einer weiteren Klärung und ent- sprechender gesetzlicher Maßnahmen; vor allem aber bedürfe die Handhabung der bestehenden Gesetze in dem Sinne bes unbedingten Schutzes der Versammlungsfreiheit, des Schutzes der Persönlichkeit und der Gewährleistung von Sicherheit und Ordnung einer grundlegenden Aenderung.
Der Berliner Polizeipräsident,
der Sozialdemokrat Richter, hat sich zu den Vor- konrnmissen dahin geäußert, daß er selbst alle Maßnahmen angeordnet habe, die zum Schutze der Versammlung und zur Verhinderung von Störungen der öffentlichen Ruhe und Ordnung nötig waren. „Meine Untersuchung stellte fest, daß die zuständige Dienststelle der Schutzpolizei mit einem derartig frühzeitigen Eintreten der Tumulte nicht gerechnet hat. Die hierfür verantwortliche Dienststelle werde ich mit allem Nachdruck zur Verantwortung ziehen. Die Versammlung |elbft konnte zu der festgesetzten Zeit ungestört tagen. Daß die uns durch bas Verbot der Entente aufgezwungene Lockerung der inneren Organisation ber Schutzpolizei früher ober später ihre üblen Folgen klar erweisen würde, haben die Vorkommnisse ebenfalls bargetan. Ich habe Anordnung gegeben, daß ben Veranstaltern und Teilnehmern an ben Gewalttätigkeiten mit allen zur Verfügung stehenden polizeilichen Mitteln nachgesvürt wird, um sie der Bestrafung zuzufüh- ren. Die hohe Belohnung von 500 000 J*. für zweckdienliche Mitteilungen über die Verbrecher
FuldaerZeitrmg
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Skadl Fulda.
Irn Eismeer.
Roman von Clark Russell.
2] -----* *—
laden aufs neue, und segeln dann nach Sidney, weiter nach Nou-Südwales, von dort nach der Algoa-Bai und dann nach Hause —"
„Rund um die Welt — und so viele schöne Länder zum Sehen!" rief Mrs. Burke aus. „Immer in dem einen Schiff, immer im eigenen behaglichen heim, Sir Mortimer, und ich immer da, um für Miß Otway zu sorgen und es ihr gemütlich zu machen. Ach, ich würd' mich ja so freuen, wenn Sie mir Miß Otway anvertrauten."
Mein Vater sah zum Fenster hinaus in die wirbelnden Schneemassen.
„Es wird sehr kalt sein während der Kap Horn- Fahrt!" meinte er nachdenklich.
„Mehr erfrischend und stärkend als kalt," antwortete Kapitän Burke. „Man spricht immer von Kap Horn- Stürmen und Kap Horn-Eis und vergißt dabei ganz, daß man in der Strait le Maire Papageien und Kolibris antreffen kann. Ich habe auf einer Reise mitten in einem Schneefall an der Küste von Patagonien die schönsten Fuchsien gepflückt —"
Und so sprachen wir noch lange weiter.
Mein Vater wußte nur zu gut, daß meine Gesundheit, mein Leben fast, von dieser Reise abhing. Ich mußte rin ganzes Jahr auf dem Ozean verleben. Das wenigstens war das übereinstimmende Urteil der Aerzte gewesen, die er befragt hatte. Der letzte Arzt, von dem er mich untersuchen ließ, der berühmteste und angesehenste von allen, hatte sogar sehr ernst und dringend verlangt, daß diese Seereise auf keinen Fall länger als höchstens noch zwei Monate auigeschoben werden dürfe. So be- fteundete er sich immer mehr mit' dem Gedanken meiner Reise auf der Lady Emma.
Unser Gespräch endete damit, daß er Vorschlag, mit Kapitän Burke nach London zurückzureisen, um die Lady (tznma zu besichtigen, die im East Indio-Dock lag. Meine alte Amme sollte bei mir bleiben, bis er zurück- xm.:. Meine Weltreise konnte als abgemacht gelten.
Rur war es meinem Vater sehr unangenehm, daß die Lady Emma keinen Arzt mitführte, aber Kapitän Burke meinte, daß es vielleicht möglich wäre, in London noch Arrangements zu treffen und doch einen Schiffsarzt mitzunehmen.
*
Am nächsten Tage fuhren mein Vater und Kapitän Burke nach London.
Mary blieb bei mir, denn ich wäre nur ungern allein geroefen; fürchtete ich mich doch vor nichts mehr als Alleinsein in jenen Zeiten. Seit Monaten litt ich an eigentümlicher Müdigkeit, an einer körperlichen und geistigen Erschlaffung, die mich ängstigte und niederdrückte. Das Schlimmste aber war nicht das Kranksein, sondern der Gedanke an meinen Bräutigam; denn wäre ich gesund gewesen, so würden wir uns schon im vorigen Oktober geheiratet haben. Jetzt war es Marz, und in wenigen Wochen sollte ich nicht nur meinen Vater und mein Heim auf ein Jahr oder gar noch länger verlassen, sondern meine Heirat mußte abermals hinausgeschoben werben, so lange, bis das Meer mich wieder gesund gemacht hatte. Ich fürchte, meine alte Mary hat da- mals trübselige Tage mit mir verlebt, aber sie hatte rührende Geduld mit mir; immer wußte sie zu erzählen oder zu fragen. Lch hatte mich während ihrer letzten großen Reise verlobt und mußte nun natürlich eingehend über dieses große Ereignis Bericht erstatten; ich mußte erzählen, daß mein Bräutigam Archibald Moore hieß und der Sohn eines Privatbankiers in der City war, daß ich ihn auf einem Ball in unserer Nachbarschaft kennen gelernt hatte, daß wir einen Monat fpätcr schon verlobt waren, daß ich ihn für den liebsten, besten und schönsten aller Männer hielte —
„Natürlich!" sagte meine alte Amme sanft.
„Sei nicht frech, Marylein!" mahnte ich.
„Gott behüte — wie oft besucht er Sie, Miß Eoy?"
„Oft. Jede Woche. Er kann aber immer nur am Sonntag kommen."
„Wird er nächsten Sonntag hier sein?"
„Hoffentlich."
„Ich möchte ihn ja zu gern sehen, Miß Eoy! Und da fällt mit etwas ein: Könnt' Mr. Moore Sie nicht auf dieser Reise begleiten?'
„Aber Mary — das geht doch nicht! Mein Vater wurde schöne Äugen machen!"
.„Und Sir Mortimer hätte auch recht!" rief die gute ÜDIgüü ärgerlich. „Ich bin eine Gans, mit Respekt zu sagen. Aber dumm ist's doch, daß man immer diese dummen Rücksichten auf die liehen Mitmenschen nehmen muß. Warum solltet ihr beide nun nickst die schöne Reise an Bord meines Mannes Schiff zusammen machen? Warum, frag' ich! Weil's ein Gerede gab. Oh--"
„Aber Mary —"
„Ich sag' schon nichts mehr. Ich sag' nur, daß er unbedingt der schönste Mann ist —" ich hatte ihr ein Bild Archibalds gezeigt — „den ich ft gesehen hab' und ’s ist jammerschade ... na ja, na ja. Aber über's Jahr kommen wir ja kerngesund zurück und dann dauett's wohl nicht lange, daß die alte Amme ein Stück vom Hochzeitskuchen essen darf. Wie alt ist er denn, Herzchen?"
„Dreißig."
„Gerade recht — gerade recht. Um die Zeit werden die Männer vernünftig!"
„Ja?"
„Freilich. Um die° Dreißig sind sie schon ganz gescheit und wissen, was sie wollen. Er wird Ihnen treu bleiben. Das sollte ein Trost fein, wo doch die Reise so lang dauert. Rich'?"
„Ja. . ." sagte ich.
Und ich muß gestehen, daß das Geschwätz mir Freude machte.
Am Freitag kam mein Vater zurück, zufrieden und guter Laune. Er und Mr. Moore hatten sich Kapitän Burke's Schiff nicht nur angesehen und es sehr schön gefunden, sondern auch Erkundigungen bei Lloyd's Versicherungsgesellschaft eingezogen, die über die Seetüchtigkeit der Lady Emma die besten Auskünfte gab.
„Auch die Schwierigkeit mit dem Arzt ist behoben," erzählte mein Vater.
„Auf welche Weise?"
„Kapitän Burke erfuhr im Kapiiänsklub, daß ein «agt eine längere Reise als Schifssdoktor zu machen wü.qche. Darauf schlossen wir sofort ab. Burke und ich einigten »
uns dahin, daß er Dr. Owen, fo heißt der Arzt, frei« Passage gibt, während ich für Verpflegung und Gehal! auskomme. Dr. Owen ist in den Vierzigern und Witwer. Seine Frau und feine beiden Töchter sind vor einigen Jahren gestorben und der Schicksalsschlag traf ihn fo fchwer, daß er zusammenbrach und seine Praxis aufgeben mußte. Er war früher viel auf Reifen und erhofft nun von einer langen Seereise Kräftigung zu neuer Arbeit."
„So werde ich einen Kranken als Arzt haben?" fragte ich lächelnd.
„Unfinn,, Kind! Seine Qualifikation als Arzt wird doch von einem feelifchen Niedergeschlagensein nicht berührt! Ich freue mich im Gegenteil sehr, daß diese nicht ganz einfache Arztfrage so praktisch gelöst ist."
Ich nickte nur, ich war mit aUem zufrieden damals wenn ich nur nicht viel sprechen mußte.
*
Es war so viel gesprochen worden über diese Reise zwischen meinem Vater und mir, der Plan fo lange erwogen und gewogen, daß die feststehende Tatsache mich nicht hatte erschüttern dürfen. Zeit genug hatte ich wahrlich gehabt, mich an ben Gedanken zu gewöhnen. Aber ich war krank. Tiefe Niedergefckstagenheit kam über mich. Stundenlang grübelte ich vor mich hin. Würde die Reife mich gesund machen' Half das Meer? Oder war es mir bestimmt, auf dem Ozean zu sterben? Ja, ich muß wirklich ein schwächliches und krankes Ding gewesen sein damals. Ich weih noch als wär es heute, wie unglücklich ich war und wie ich mich selber bc» milleidete —
Mr. Moore kam früh am Samstag.
Ich war allein in der Halle. Ich stand auf, fühlte daß ich blaß wurde, und mutzte meinen, so sehr ich mir auch Mühe gab, mich zu beherrschen. Er nahm mich in feine Arme, küßte mich pnd führte mich zu einem Stuhl ... Ich möchte ihn gern beschreiben, aber das ist ja schwer. So kann ich nur sagen, daß Mr. Moore groß war, blond, dunkelblaue Augen hatte, einen langen, wohlgepflegten Schnurrbart, und so aussah in allem, w.e man sich einen englischen Gentleman vorstellt. Er ve» suchte leichthin zu sprechen:
(Fortsetzung folgt.)