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Fuld a e r Z eitung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Skadt Fulda.

Nr. 236.

Verantwortlich für der, reDauionellen Teil: Dr. 3. Kramer. - für bie Anzeigen: I. Parzelier-Fulda. z Rotationsdruck n. Verlag der Fuldaer Bctiendruckerei in Fulda, ^erniprecder Nr. 9. Pofttckeck-Konto 4051 Frankfurt a. M.

Freitag, 13. Oktober 1922.

Bezugspreis: Monatlich 140 2RL zugeftell' frei ins Haus, n AbgehoU in der Geschäftsstelle 136 ML n Anzeigen: Kleinzeile nadjXoionei8.00 HIL; ausm. 10,00Mk. Reklamrzeile (lejtbrettel nach Colone'maß 30 Mark.

49. Zahrg.

RMMWchmhmi! gegen deMmWz Eine 500 Milliimen-Gowanleihe.

Im Rathenaupr-z-tz Tovcöftrafe gegen Techow beantragt.

Die unerträgliche Entwicklung auf dem Geld­markt, die dahin zu führen schien, daß das Schicksal des deutschen Balkes als Spielball den Devisen­händlern und Spekulanten ausgeliefert würde, hat nun doch energische Entschlüsse der Regierung ge­zeitigt. Und siehe da! Schon infolge der Ankün­digung scharfer Maßnahmen gegen die Devisen­spekulation ging im Frühverkehr an der Berliner Mittwochbörse der Dollarkurs von seinem Stande von etwa 2930 Mark fortgesetzt zurück und stellte sich amtlich auf 2600.

Das Reichskabinett war am Mittwoch zusam­mengetreten. Auch der Reichskanzler befindet sich auf dem Wege nach Berlin. Seine Urlaubstage am Bodensee hat er angesichts der Lags abge­kürzt. Das Reichskabinett hat zur Verhütung eines weiteren Marksturzes einstimmig beschlossen, dem Reichspräsidenten den sofortigen Erlaß einer Notverordnung auf Grund des 8 48 der Reichsverfassung vorzuschlagen. Auch die Ausgabe wertbeständiger Schatzanweisungen und weiterer Stützungsmaßnahmen wird erwogen. Die Beratungen werden fortgesetzt. Genauere Angaben über die Art der Maßnahmen fehlen zurzeit noch. Doch wird schon einiges bekannt.

Die ärt -er Maßnahmen.

Bei der angekündigten Notverordnung des Reichspräsidenten zur Bekämpfung der Devisen­spekulation soll es sich, wie die Berliner Blätter wissen wollen, um eine neue Devisenord­nung handeln, fre darauf hinausgehen soll, daß alle De vifen an k äu fe der Außenhan­delsstelle angezeigt werden müssen. Die Kontrolle soll in der Weise erfolgen, daß für jeden

> en Kaufauftrag nicht nur wie bisher eine Ab­schrift dem Finanzamt, sondern auch noch der zu­ständigen Außenhandelsstelle zugestellt wird, die dann über die Gültigkeit des Kaufauftrages ent­scheiden soll. Die Nichtbefolgung der Berordmmg soll unter strengste Strafen gestellt werden.

Was die Frage wertbeständiger Schatzanwei­fungen betrifft, so llegt, wie der „Lokalanz." hört, dem Kabinett ein Vorschlag vor, eine wertbestän­dige Reichsanleihe zu schaffen, die in Stücken von 500 Mark oder einem mehrfachen im Gesamtbetrags von 400 Millionen Goldmark ausgegeben werden soll. Die sogenannten Eoldfchatzscheine sollen mit einem Zinsfuß von 4 Prozent ausgestattet und am fälligen Tage in Papiermark zum jewei­ligen Kurse der Goldmark bezahlt werden.

Die drohende Finanzkontrolle.

Zum Zusammenbruch der Mark sagt ein Leit­artikel der Londoner „Times", man müsse bezwei­feln, ob Deutschland jetzt fähig sei, ohne Unter­stützung der Inflation Einhalt zu tun, die einen Punkt erreicht habe, in dem eine auswärtige Kontrolle in irgend einer Gestalt unver­meidlich erscheine. Je eher die Alliierten als Hauptgläubiger in diesem Punkte einen Entschluß

Sefina van Ingen.

Roman von Anny van PanhuyS.

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Die Blicke des Mannes überflogen Gesinas Aeuheres und wie ein Hauch löste es sich von seinen Lippen:

„Weshalb tragen Sie die Witwenhaube, Gesina, wes- halb?"

3hm war es, als währte es Ewigkeiten, ehe ihre Antwort erfolgte, und doch antwortete sie sofort:

„Cornelius van Cooper starb am Fieber, derweil ich mich auf der Fahrt zu ihm auf hoher See befand. In Indien ist die Sonne so heiß und ich kaufte mir dort weiße Kleider anstatt schwatzer, wie es in den Tropen üblich ist, Weih als Trauerkleidung zu tragen."

Er blickte ste an. „Sie sehen wundervoll in weiß aus, Sefina, genau wie meine schöne Vorfahrin Claudia."

Sie lächelte erzwungen. „Ich wollte Ihre Eltern be­suchen und mir den Schlüssel zu mein Haus holen, ich schreibtc 3hrer Mutter darüber von Amsterdam aus."

„Mutter hat nichrs erhalten und wir wunderten uns alle über Ihr langes Stillschweigen," sagte er.

„2ch schreibte auch nur ein einziges Mal von Amster­dam aus, zehn ist das", versetzte sie. „in Indien, ich hatte so viel zu ordnen und ich auch ganz zerstückelt von die Aufregung, weil Cornelius van Cooper gestor­ben war".

Wie ein Rausch ergriff es den Mann, Sefina war Witwe, Sefina war wieder frei. Seine Augen leuch­teten.

„Kommen Sie, Gesina, id, will meinen Eltern sogen, daß Sie gekommen sind, ich tottl Mutter wecken, sie wird sich freuen."

Sesina fragte zögernd dagegen:

„Ist Ihre Frau auch hier?"

„Meine Frau?" fragte Hans verständnislos dage­gen, doch plötzlich dämmerte ihm etwas.

„Sie meinen Fräulein Adele Sternhof?"

Besina nickte. „3a. Ich will ihr nicht gern treffen, weil mir Frau Sternhof boos behandelt hat, es ist mir unannehmlich."

Hans lächelte. Wie entzückend die Sprachfehler aus Gesinas Mund klangen. Dann aber wurde er ernst.

„Fräulein Sternhof ist nicht meine Frau geworden, und sie ist auch nicht meine Braut."

faßten, um so besser sei das für Deutschland und für die Welt im allgemeinen.

Graf Lerchenfeld in Berlin.

Ministerpräsident Gras Lerchenfeld begibt sich für einen Tag nach Berlin. Dem Vernehmen nach handelt es sich bei der vorgesehenen Besprechung in Berlin um eine Aussprache über die Fragen der Ernährung und Teuerung.

Die Unterzeichnung

des Mu-ania-Ubkommens.

Der Erfolg der Türken.

Aus Konstantinopel meldet Havas, daß das Abkommen von Mudania unterzeichnet worden ist. Dieses Abkommen enchält folgende Punkte:

1. 2)te Räumung Thraziens durch die Grie­chen hat innerhalb 15 Tagen zu erfolgen. 2. Die grie­chischen Zioilbehärden, einschließlich der Gendarmerie, werden sich so schnell wie möglich zurückziehen. 3. So­wie die griechischen Behörden sich zurückgezogen haben, geht jede Zivilmacht in die Hönde der alliierten Ver­treter über, die sie ihrerseits an demselben Tage den türkischen Beamten übergeben. 4. Diese Uebergabe muß in ganz Ostthrazien spätestens 30 Tage nach der Räumung durch die griechischen Truppen erfolgt fein. 5. Die Zioilbehärden der Regierung von Angora werden von einer nationalistischen Gendarmerietruppe begleitet sein. 6. Die verschiedenen Operationen, die mit dem Rückzug der griechischen Truppen und der Zi- vilverwaltunoen verbunden sind, werden unter der Lei­tung alliierter Missionen vor sich gehen. Diese Missio­nen werden Ihr äußerstes tun, um Uebergriffe jeder Art zu vermeiden. 7. Außer diesen Missionen werden alliierte Truppenkontingente Ostthxazien besetzen. Diese werden aus ungefähr 7 Bataillonen bestehen und für die Auf­rechterhaltung der Ordnung und Sicherheit sorgen und mit den alliierten Missionen gemeinsam vorgehen. 8. Der Rückzug der Missionen und Kontingente geschieht 30 Tage nachdem die Räumung durch die, grie­chischen Truppen beendet ist. Dieser Rückzug kann jedoch gegebenenfalls auch früher erfolgen. 9. Alle Truppen der Angoraregierung werden so schnell wie möglich aus dem Gebiet der alliierten Besetzung herausgezogen wer­den. Die Artikel 10 und 11 stellen die Punkte fest, bis wann die alliierten Okupationen auf der Halbinsel von Konstantinopel und Gallipoli sich ausdeh­nen werden.

Weiter verpflichtet sich die Regierung von An­gora, vor der- Ratifizierung des Friedens keine Truppen nach ThraAen zu transportieren und keine Armee dort zu unterhalten. Dieses Protokoll wird drei Tage nach Unterzeichnung in Kraft treten.

Angora gegen den bisherigen Sultan.

Der Finanzkommissar der Angoraregierung hat alle Abmachungen, Verträge, Kontrakte und Dekrete der Regierung des Sultans als null und nichtig erklärt.

Vie Lage in Griechenland.

Der griechische Oberbefehlshaber General Haajanesti ist in Athen v erh astet worden. Die frü­heren Minister werden noch gefangen gehalten. Heber dieVerantwortlichkeit für den Rückzug aus Kleinasienist eine Untersuchung eingeleitet worden.

Zaimis hak sich jetzt zur Uebernahme der Ministerpräsidentschafr bereit erllärt. Venizelos

Sefina wurde sehr blaß. „Sie werden nie Ehemen­schen fein? War Fräulein Adele boos mit Sie? Und nun sind Sie wohl furchtbar vernichtet?"

Hans Elmhorst lächelte schon wieder und in leichtem Neckton gab er zur Antwort:

„Nein, ich bin nicht furchtbar vernichtet und Adele Sternhof und ich werden nie Ehemenschen sein, aber boos war sie mit mir,, sehr boos sogar, denn sie hat mich belogen und gar nicht lieb gehabt. Ich hab sie aber auch nicht lieb gehabt und es mir nur eingebildet, änd ich bin froh, daß alles so gekommen ist."

Sefina blickte ihn forschend an, es regten" sich Zwei­fel an der Wahrheit seiner Worte in ihr. Wie konnte er froh sein, mit Adele gebrochen zu haben, er mußte sie doch geliebt haben, sonst hätte er sich nicht mit ihr verloben brauchen, gezwungen hatte ihn doch sicher nie­mand dazu! Weshalb er ihr nur die Unwahrheit sagte? Sein Ehrgefühl, fein Männerstolz wehrten sich sicher dagegen, zuzugeben, daß ihm die kokette Adele aus ir- gendeinem Grunde den Laufpaß gegeben, und er jetzt sehr unglücklich war. Natürlich war er unglücklich, wenn er es auch nicht zugeben wollte.

Es tat ihr so leid, und bas tiefe Mitgefühl, das sie empfand, war deutlich auf ihrem Gesicht zu lesen. Hans lächelte still in sich hinein. Wie klar sich jede innere Regung auf den weichen, jungen Zügen Gesinas ab­spiegelte.

„Kommen Sie, wir wollen zu meiner Mutter", bat er wiederum, und Sefina schritt neben ihm her. Hauch- fein wiegte sich die mattschimmernde Seide des Falten­kleides hin und her, sanft bewegte sich der düstere, iangwallende Schleier.

, Es ist, als ginge mir Frau Claudia zur Seite," sprach er und erzählte, wie oft er letzthin vor dem Bilde der weißen Witwe gesessen und daß er, als er sie heute erblickt, wahrhaftig gemeint habe, Frau Clau­dia spuke. „Etwas moderner sehen Sie allerdings aus", fügte et hinzu, im allgemeinen aber ist die Aehnlichkeit zwischen Ihnen und dem Bilde jetzt sehr auffallend. Wenn jemand, der die alte Familienfage kennt und zum Aberglauben neigt, Sie so urplötzlich wie ich vor sich gesehen hätte, würde er sich wahrscheinlich betreu» zigt haben wie vor dem leibhaftigen Gottseibeiuns,- oder mit Hilferufen von bannen gestürzt sein."

soll sich jetzt entschlossen haben, keinen aktiven Anteil mehr an der Politik zu nehmen. Er wird bei den nächsten Wahlen nicht mehr kandidieren.

Die Christenflucht aus Konstantinopel.

Die Auswanderung der Christen auS Konstanti­nopel hat begonnen. 2000 Flüchtlinge sind bereits in Athen angekommen. 35000 weitere Reisepässe sind bereits ausgestellt worden.

Deutscher Reich.

* Nuntius Paeelli in Berlin. Der päpstliche Nuntius Paeelli ist von München nach Berlin ge­reist. Er juchte nach einem Besuche beim Reichs­präsidenten den Siaatsfekretär im preußischen Kul­tusministerium, Becker, auf. Für Donnerstag ist eine Zusammenkunft mit dem inzwischen nach Berlin zurückgekehrten Reichskanzler Dr. Wirth vorgesehen. Die Verhandlungen des Nuntius dürften nach der -Boss. Ztg.' insbesonderS die Konkordatsfrage betreffen.

(a) Die Reichspräsidenlen-Wahl. Die DsrhaMun- gen des Reichskarylers Dr. Wirth mit Vertretern der Kocrlitionsparteien haben zu folgendem Befchliuh ge­führt: Der Reichskanzler soll sich an 400 Persönlich­keiten von Handel, Industrie, Kunst und Wissenschaft, sowie an Politiker und Parlamentarier wenden rmd aus diesen ein besonderes Komitee ddlben, das die Neuwahl des Reichspräsidenten vorbereiten soll. Dieses Komitee und nicht die politischen Parteien, soll einen Aufruf an das deutsche Volk richten und eine Kandidatur benennen. Auf diese Weise will man den Kandidaten, höchstwahrscheinlich den jetzigen Reichs­präsidenten Ebert von vorrchrrem der parteipoliti­schen Reklame entziehen.

* Die Außenhandelskontrolle. Nach einer Mel­dung der „Dossischen Ztg." fand in der Hamburger Börse eine von der Handelskammer einberufene Ver­sammlung statt, in der die Verhandlungen zwischen Handel und Industrie über die Außenhandelskontrolle den Gegenstand der Besprechung bildeten. Der Ber- sammlung-leiter, Haudelskammerpräfident Witthöft stellte die Uebereinstimmung aller Anwesenden fest, daß die Verhandlungen mit der Industrie zum Zwecke einer grundsätzlichen Aenderung des, Systems der Außenhandelskontrolle energisch fortgesetzt werden sollen.

* Rene TeuerungsakNon der Beamten. Am Mitt­woch traten nach dem „Berl. Lokalanz." die Spitzen- organisationen der freien Gewerkschaften und des Deutschen Beamtenbundes zu einer Be­sprechung über die sofortige Einleitung einer Teue­rungsaktion für die Beamten zusammen. End­gültige Beschlüsse sind noch nicht gefaßt worden.

* Die Thüringer Regierung Hal die Erhebung einer beträchtlichen Steuer für Ausländer, die sich in Thüringen aufhalten, beschlossen. Der Aufenthalt von mehr als drei Tagen kostet einem Amerikaner 2—4 Dollar, bis zu einem Monat 4—10 Dollar, bis sechs Monaten 20—30 Dollar und über sechs Monate 30 bis 50 Dollar. Angehörige anderer Länder, deren Valuta ungünstiger ist, zahlen entsprechend niedrigere Gebühren.

* Eine Konferenz in Süddrutschland. 3fn Stutt­gart waren die Staatspräsidenten, Justiz-nnd Innen­minister von Württemberg, Baden und Hessen zu einer Besprechung über die Bildung eines süddeutschen Senates beim (Staats- gerich'kshofe des Deutschen Reiches zusammen­gekommen. Man war sich einig in dem Wunsche, daß demnächst eine gemeinschaftliche Bejprechung der Justizminister Württembergs, Bayerns, Badens und Hessens mit dem Reichsjustizminister ftattfinben solle.

Ausland.

* Ministerkrise in Portugal. Nach einer HavaS- Meldung aus Lissabon beabsichtigt das portugiesische Kabinett zurückzutreten.

* Der Schah von Persien ist Dienstag mittag in Madrid eingetroffen und vom spanischen Königs» paar empfangen worden.

* Die Amerikareise Clemeneeaus. General House erklärte, daß der greise Clemenceiu, der sich am 11. November nach Newyork einschiffen wird, in Amerika 30 Vorträge halten will.

* Die Räumung von Tsingtau. Wie aus Tsing­tau gemeldet wird, hat sich Japan entschlossen, das ehemalige deutsche Pachtgebiet von Kiautjchou bis zum 2. Dezember zu räumen und China zurück­zugeben. ___

Str Mm gegen Bit HmM.

Die Anklagerede.

Am Mittwoch setzte der als Spitzel tätig gewesen» vorbestrafte unb neurotische Brübigam seine An­gaben über ben Kapitänleutnant Tillessen fort Er gibt an, baß er von Tillessen unb besten Freunde» etwa 10 000 <M bekommen habe für die Tätigkeit in bei Organisation C. Ein Beisitzer fragt Tillessen: Weshalb haben Sie Spitzel angestellt? — Tillessen: Ich habe aller­dings Spitzel angestellt im besetzten Gebiet. Di» Akten hierüber liegen vor.

Es werben bann zwei von der Verteidigung gela­dene Zeugen vernommen, die im wesentlichen eine ver­söhnliche Beschreibung des Charakters der Angeklagten Schütt und Distel abgeben. Das Gericht beschließt, daß der Zeuge Brübigam nicht verewigt werben soll, weil er der Teilnahme verdächtig ist.

Der Oberreichsanwalt

ergreift dann zur Anklagerede das Wort: T e ch o w ist Mittäter an dem Verbrechen, das sich nicht gegen einen einzelnen Mann, sondern gegen das ganz» deutsche Volk richtete, das durch den Mord eine, seiner besten Köpse beraubt wurde. Es handelt sich um einen gemeinen, vorsätzlich unb mit Ueberlegung aus­geführten Morb. Eine Beteiligung von politischen Dr- ganifationen an dem Morb konnte nicht klar nachgewie- (en werben. Aus ber Verhandlung hat sich aber soviel ergeben, daß der Gedanke, daß politische Draa< sationen hinter den Tätern ständen, als unbe­gründet angesehen werden muß. Bei ähnlichen Ver­brechen der letzten Zeit handelt es fidj immer um biet selben Kreise, ja fast um biefelben Personen. Weitet stellte der Oberreichsanwalt fest, bah bie unausgesetzt» antisemitische Hetze eine Atmosphäre geschaffen hat, bie ben Mordplan reifen ließ. Trotz der Äermu. tung, baß hinter ber Tat politische Organisationen stehen, deren Werkzeuge die Angeklagten mehr ober we­niger gewesen sein dürften, sprach ber Oberreichsanwalt seine Ueberzeugung dahin aus, daß Techow die Tat als seine eigene gewollt hat. Techow hat selbst erklärt, daß die Ausführungen Kerns, Rathenau sei ein Schädling und müsse beseitigt werden, so überzeugend auf ihn gewirkt hätten, daß er sie zu den feinen gemacht habe. Techow wollte also nicht bloß den anderen seine Hilfe angebeihen lasien, fonbem er hat die Tat selbst mit getan. Der Oberreichsanwalt besprach bann bi» Taten der übrigen Angeklagten und formulierte die

Strafanträge

und zwar gegen Ernst Werner Techow wegen Mit­täterschaft Todesstrafe und dauernden Verlust bei bürgerlichen Ehrenrechte, Hans Gerd Techow als Ju­gendlicher wegen Beihilfe 4 Jahre Gefängnis, wegen Begünstigung 6 Monate Gefängnis, zusammen 4 Jahre 3 Monate Gefängnis, Günther wegen Beihilfe 6 Jahre Zuchthaus, wegen Begünstigung 9 Monate Gefängnis, zusammen 6 Jahre 3 Monate Zuchthaus unb' 10 Jahre Ehrverlust, Salomon wegen Beihilfe 5 Jahre Zuchthaus, 5 Jahre Ehrverlust, Warnecke 4 Jahre Zuchthaus, 5 Jahre Ehrverlust, Niedrig 5 Jahre Zuchthaus, 5 Jahre Ehrverlust, Ilfemann

Gesina sagte: „Ja, ja!" Sie wollte dadurch ihre Aufmerksamkeit bezeigen, doch hatte sie kaum begriffen, was ihr Begleiter gesprochen, ihr ganzes Denken bs° fchäftigte sich mit der Neuigkeit, die sie gehört und die sie erschüttert, weil sie Hans unglücklich wähnte. Der arme Mensch.

Sein Gesicht war schmaler cis früher, bas kam sicher vom Gram, unb er hatte so etwas Erregtes, beinahe Lustiges, was boch gar nicht zu seiner Gemütsstimmung paßte. Damit wollte er seine Umgebung täuschen.

Möglich, baß es ihm bei anberen gelang, bei ihr jeboch nicht.

Hans Elmhorst geleitete Gesina in das Stcatszim- mer, unb während er seine Mutter benachrichtigte, be­trachtete Gesina das Bild mit noch größerer Aufmerk, famfeit als früher. Sonderbar war es, sich selbst ge> wisserrnahen im Bild zu sehen, und doch zugleich zu wissen, daß dieses Bild eine Person darstellte, die vor ein paar hunberi Jahren gelebt.

Hans klopfte bei seiner Mutter an. Es ertönte so- fort ein Herein. Frau Erna schien nur ein ganz kurzes Schläfchen gemacht zu haben, benn fie stand bereits vor dem Spiegel und bürstete über ihren glänzenden, dunk­len Scheitel.

Sie drehte sich herum.

„Nun, Hans, was gibt es, du siehst ja jo merk­würdig aus, fo freudig erregt?"

„Mutter, es ist Besuch gekommen, Frau Claudia, unsere weiße Witwe, sie will dich gern sprechen.'

Frau Erna lächelte. „Hänschen, was machst du unter der Nachwirkung des Sektes für seltsame Scherze. Sei einmal ernsthaft unb erzähle mir,wer mich besuchen will."

„Frau Claubia, liebe Mutter, auf mein Wort, sie sitzt im Staatszimmer unb erwartet dich dort", antwor­tete Hans, und der Uebermut blitzte ihm aus den Augen.

Frau Erna legte die Haarbürste auf ihren Toiletten- ttfch zurück.

„Aha, das Bild will mir wohl Glück wünschen zum Geburtstag?"

Hans verneinte. „Frau Clmckia hat sich selbst be­müht, Mutter."

Frau Erna schalt. „Was fft mm eigenttich los? Ist wirklich Besuch gekommen ober nicht, und wenn, wer ist es?"

Prompt erfolgte die Antwort:

„Frau Claudia wartet im Staatszimmer auf dich!" Jetzt würbe es Frau Erna boch zu viel unb mit raschem: „Dann muß ich mich schon selbst überzeugen, wer gekommen ist", verließ ste bie Stube. f

Hans folgte langsam. Es machte ihm einen Heiden- spaß, bie Mutter zu verblüffen. Auf bie Aehnlichkeit, die Gesina in ihrer heutigen Kleidung frnit der Witwe Claudia auf dem Bilde zeigte, fiel die Mutter natürlich herein. Er blieb am Ende des Ganges stehen und be­obachtete das Einttsten ber Mutter in das Staatszim» mer. Fast in gleicher Sekrmde drang ein leiser Schrei an sem Ohr, dem ein Ausruf des Erstaunens folgte. Nun erst schlich er herbei und trat ein.

„Wie habe ich mich erschreckt, denn ich glaubte im ersten Moment tatsächlich, Frau Claudias Spukgestatt habe mir einen Besuch gemacht, wie konnte ich aber auch so lieben unerwarteten Bestich vermuten."

Hans trat vollends ein unb nahm bei den Damen Platz, aufmerksam lauschend, was Gesina von ihren Erlebnissen erzählte. Ihre drollige Behandlung Der deutschen Sprache jagte ihm mehr als einmal ein Lä­cheln um die Lippen.

Später bereitete Hans den Vater vor unb wunderte sich, wie das kränkliche, fast immer einen Ausdruck von Verdruß tragenbe Gesicht feines Vaters sich bei der Nach, richt aufhellte. Sein alter Herr, bei Besuchern nach Möglichkeit aus bem Wege ging, begrüßte Gesina mit wärmster Herzlichkeit.

Am Abenb geleitete Hans Gesina nach Berlin zurück Es war zwischen Gesina unb feiner Mutter verabredet worben, baß bie junge Witwe vorläufig unter ihrem Schutze wohnen sollte, bis eine Gesellschafterin gefunden unb bas ererbte Häuschen gelüftet und geputzt zum Emp. fang ber Herrin bereit war. Gern hatte Gesina das Anerbieten angenommen, sie freute sich sehr darauf, wieder unter ihren geliebten Stofen leben zu hülfen, und schon am nächsten Tage zog sie wieder in das Stübchen ein, das ihr Frau Elmhorst, mütterliche ®üte damals nach dem Tode Tante Marias eingeräumt, und das sie bis zu ihrer Abreise nach Amsterdam innegehabt.

(Fortsetzung folgst)