FuldaerZeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadl Fulda.
Nr. 225.
Verantwortlich für den cedauionellen Teil: Dr. I. Kramer, n iur die Anzeigen: I. Parze Iler- Fulda. :: Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda, r^erniprecher Nr. 9. Postscheck-Konto 4051 Frankfurt a. M.
Samstag, 30. September 1922.
Bezugspreis: Monatlich 50.00 Mk. zugestellt frei ins Haus, u Abgeholt in der Geschäftsstelle 48.00 Mk. n Anzeigen: Kleinzeile nachTotone!8.00Mk.; ausm.10,00Mk. Reklamezeile lTextbreite) nach Colonelmaß 30 Mark.
49. Zahrg.
Grient und Entente.
. ,®er französische Mufft errat, der am Donnerstag m RwnfbouMet tagte, hat sich mit der Lage im Orient tmb m Griechenland beschäftigt. Es mürbe beschlossen, öoB bre Er^gmsse in Griechenland ferne von Frankreich I"^E-nschast seinen Alliiertem getroffenen V e - schlusse, die Mustapha Kemal Pascha mitgetiM wur- Len, nrcht anderen könnten.
Amerikanische Sireilkräsle in Ä-mskantinopel.
Nach einem Bericht aus Washington baden aus Ersuchen Des Admirals Bristols zmb?f TmerT
I e Zerstörer Befehl erhalten, sich nach Konstantinopel zum Schutze der crmerikaüfchsn Interessen zu begeben. 1
Die Vorgänge in Griechenland.
Die Abdankung Konstantins.
Aus Athen wird jetzt der Wortlaut des Schreibens mitgeteilt, in dem König Konstantin feine Abdankung ausgesprochen hat. Er hat folgenden Brief an den Ministerpräsiidenten gerichtet:
„Die in Griechenland nach dem Unglück in Kleinasien und infolge des drohenden Ser»
Nach einem Pariser Abendblatt sind die Nachrich- «n aus London über die ablehnende Antwort Musta-
reine Erfindungen.
.. scha werde nicht antworten, bevor " '8omJon gesprochen und die National- befragt habe, innerhalb deren «m gewisses Mißtrauen gegenüber der Note der Alliierten sich geltend mache.
zmMliiWr «w»
Die Anzeigen, daß jetzt die innerpolitischen Fragen triebe r starker rn den Bord ergründ des Interesses treten werden, mehren sich. Daß uns die Behandlung die- fer Fragen viel Freude bringen wird, ist allerdings sehr unwahrscheinlich. Der Gedanke der Solidarität, die Forderung nach Hintansetzung aller Partei- und Sonderinteressen dem Gemeinwohl zu uebe, machen leider nut langsame Fortschritte beim deutschen Volke, dessen politischer Sinn immer noch Mangelhast entwickelt erscheint.
Ob es gelingt, nun endlich auch im Reiche die großen Parteien von der Volkspartei bis zu den Ver- emlgten Sozialdemokraten zu einer sicheren Regierungsmehrheit zu e i n e n, die die A u t o r i t ä t, die- leichtsinnig verscherzte und doch so unentbehrliche Gut jedes Staatswesens, wieder «mfzurichten vermöchte?
Vorläufig hören wir nur von Forderungen. ^Berliner Stellen ziehen eine Kabinettsumbildung m -Betracht. Es soll danach für die nächste Woche eine -Besprechung der Fraktionsmitglieder der vereiniaten sozialistischen Parteien in Aussicht genommen sein/bei der Me Frage einer stärkeren Vertretung der nun- mehr vereinigten Sozialdemokratie in der 'Reoieruna erörtert werden soll. Insbesondere haben die Sozialdemokraten den Wilnsch, das R e i ch s rn i n i st e r i um durch emen Sozialisten zu besetzen. Ein Entgegenkommen an die bürgerlichen Parteien würde sich SegebenenfÄils -dadurch ermöglichM Safftnz daß die Sozialdemokraten für die Neubesetzung des durch die Ermordung Rathenaus erledigte Ministerium des Aeußeren eintreten mürben. Diesen Posten mürben sie, wie verlautet, einem Demokraten überlassen.
Diese Meldungen kündigen deutlich die Auseinan- dersetzimgen an, die in den nächsten Wochen aktuell Werden dürften.
lustesThraziens entstandene Bewegung hat bei einem Teil meiner Untertanen den Gedanken bestärkt, daß mein Verbleiben auf dem Throne unsere mächtigen Freunde hindere, Griechen.and wirksam zu Hilfe zu kommen. 50 lecke keineswegs diese Auffassung. Da ich pdoch sehe, daß diese irrige Meinung das Land einem inneren Kampfe entgegenführt, und in der Erwägung, daß der brudermörderische Zwist den Gnadenstoß für Griechenland bedeuten würde, habe ich mich entschlossen, abzudanken ,um ihm zuoorzukornmen. Ich verzichte auf den Thron." , f ... .
lieber die Nachfolge ist noch nichts sicheres bekannt. Die Republikaner um Veniselos scheinen sich Hoffnung zu machen, daß Griechenland Republik wird. m
Die Pariser Abendpresse veröffentlicht eine Reutermeldung, König Kon st a n ti n sei gefangen genommen worden und ein Minister sei während der Unruhen getötet worden.
Preußischer Landtag.
Die Tuberkulosesrage, eine Ernährungssrage.
Zur ersten Beratung des Tuberkulose-Gesetzentwurfes, der die Meldepflicht für Tuberkulosefälle vorsieht, erklärt Abg. D. W e y l (Soz.) den Entwurf als unzulänglich. Er sei nur ein krankenpolizeiliches Gesetz zur Verfolgung der Tuberkulose. Wohlfahrtsminister Hirtsiefer erwidert, eine Berücksichtigung aller Wünsche des Vorredners hätte die ganze Aktion zu sehr verzögert. Darum müsse man sich zunächst damit begnügen, das liebel bei der Wurzel zu fassen, die in der mangel« basten Anmeldung der Krankenfälle liege. Im Übrigen würden wohl im Ausschuß Verbesserungen möglich sein. Abg. Dr. Stemmtor (Ztr.): Der Entwurf bietet zwar nur kleinere Mittel, aber auch solche sind nicht entbehrlich. Die Tuberkulosefrage ist in erster Linie eine Er- nährungsfrage. Ganz besondere Sorgfalt muß der Desinfekckon gewidmet werden. Die Vorlage würbe nach weiterer Aussprache dem Ausschuß für Bevölkerungspolitik Überwiesen.
Der Gesetzentwurf über die Aenderung des G e- richtskostengefetzes und der Gebührenordnung für Notare, Rechtsanwälte und Gerichtsvollzieher wird an den Rechtsausschuh zurückverwiosen, weil die kürzlich beschlossenen Sätze inzwischen durch die Geldentwertung schon wieder überholt sind.
Der Antrag aller großen Parteien zur Förderung des Wohnungsbaues geht ohne jede Debatte an den Siedkungsausschuß.
Gegen 6 Uhr vertagt sich das Haus auf Freitag vormittag 10 Uhr. wo die sozialistischen und kommunistischen Anfragen und Anträge zur Teuerungsfrage beraten werden sollen.
Zur Abwehr der Teuerung.
Nach einer Meldung sind in Königsberg, Allenstein, Stettin, Berlin, Magdeburg, Erfurt, Köln, Frankfurt a. M., Kassel, Hamburg, Dresden, München umb Stuttgart Kommissionen zur Notierung der Kartoffelpreise geschaffen morden.
Der Bundesausschuh des Allgemeimn Deutschen Gewerkschaftsbundes ist am Donnerstag zu einer mehrtägigen Sitzung zusammen getreten, umi über die Aktion her sozialistischen Gewerkschaften gegen Teuerung und Wucher zu beraten.
Das „Bert. Tagebl." meldet aus Weimar Einzel- heilen über die Teuerungsmaßnahmen in Thüringen sowie die Bekämpfung des Wuchers. Auf dem Wochen- markt sind die Lecker der Preisprüfungsstellen in Thüringen zu Hilfsorganen der Staatsanwaltschaft bestellt morden, um bei bei Bekämpfung der Preistcewe- vei und des Wuchers nachdrücklicher Mitwirken zu können. Bei Gefahr im Verzüge können sie selbständig die betreffenden Waren beschlagnahmen lassen.
„Das wäre traurig, wenn unser Glück davon ab= hinge, ich meine, glücklich können wir auch sein, wenn ich immer Assistenzarzt bei Geheimrat' Wolter bleibe und wir in der Nähe seines Sanatoriums eine hübsche Vierzimmerwohnung innehaben."
Sie war fing genug, den empörten Ausruf, der fick
Emmchen bei guten, entgegenkommenden Bedingungen. Frau Sternhof war entzückt, auch Adele.
Sie Mach Hans davon. Er zuckte die Achseln.
„Mein Vater will von einem Sanatorium nichts wissen, er findet, ich sei zu jung dazu —"
„Unsinn", Adeles Gesicht sah unendlich überlegen ans, „das hat mit dem Alter gar nichts zu tun. Wenn wir im Mai heiraten, müssen wir die Aussicht auf deine Selbständigkeit haben, bei Geheimrat Wolter bist du gar riichis. Wenn du „dein Jahr bei ihm abdienst", so genügt das. Nach dem Jahr muht du dich gleich in feiner, gediegener Selbständigkeit betätigen."
Gr ärgerte sich. „Ich möchte doch recht bitten, liebe Adele, nicht so wegwerfend von Geheimrat Wolter zu sprechen, er ist sehr, sehr wählerisch, er nimmt nichr jeden, man muß ihm schon etwas leisten."
„Oder einen Freund von ihm zum Vater haben", spöttelte sie.
Auf seiner Stirn lag ein Schatten. „Soll das heißen, ich hätte keine ärztliche Befähigung und verdanke die Stellung nur Protektion?"
„Sei doch nicht so leicht beleidigt", schmollte sie, „laß uns lieber darüber nachdenken, wie wir deinen Vater rumfriegen, Mama würde alles Mögliche für die In- neneinrichung des Sanatoriums tun, aber mehr rückt sie nicht raus, sie sagt, sie sei selbst noch zu jung, um schon zu viel vom Vermögen herzugeben. Unter uns, sie ist trotz unserer teuren Kleider und so weiter manchmal recht knickerig."
Sie umhalste Hans, drängte ihre weiche Wange an die feine, lächelte ihn mit kindlichklaren Blauaugen an. „Sprich ein ernstes Wort mit deinem Vater, der weih doch gar nicht, was er mit feinem Gelbe alles anfangen soll, habe Mut, Liebster denke daran, daß unser Glück davon abhängt."
Er schüttelte den Kopf.
Gesina van Zngen.
Roman von Anny van PanhuhZ.
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Er sann und sann es doch nicht aus, wie Gesina sich in ganz unglaublich kurzer Zeit äußerlich so völlig hatte verändern können. Er mußte blind gewesen sein, daß er niemals bemerkte, was die einfache Hülle geborgen, feine Mutter hatte schärfere Augen gehabt.
Ein tiefer Sengten verkündete den Beginn der Vorstellung. Hans stellte seine ganze Aufmerksamkeit auf bie Vorstellung ein, aber ab und zu ertappte er sich babei, daß er verstohlen nach der Lege schaute, die jetzt, da die Saallichter erloschen waren, in grauumschattetem tiefen Dämmer lag, nur die rotgoldene Haarkrone Ge- stnas leuchtete durch die tiefe Dämmerung.
©ans eigen war das, ganz eigen.---
Weihnachten war vorbei und Neujahr, Hans war als '• JS?rA Geheimrat Wolter eingetreten und ging tlltn jEifer an feine Tätigkeit heran. Er wohnte h.n ^naiorium und fuhr meistens nur Sonntags ?nKx.„ ’ $ann begleiteten ihn meistens die Stern« ?b-r Adele fand diele Sonntages- h-«9 fie ^nrrfpld)' bo$ verbarg sie ihre Meinung forgfäU w .u T nicht verderben.
- -/V s‘ ° /. fein, dann winkte die goldene imhrA^rte ie i'ch den Teufel darum, was Y ihre eiae?en,e^r^n wünschten, bann kamen zu- nachst lhre eigenen Wunsche. Sie besprach mit der Mut- ter oft d-n Plan des zukünftigen eigenen Sanatoriums, em e.genes Sanatorium, das war das einzig Richtige.
Frau Sternhof hatte noch von ihrem Mann her Beziehungen m Geschäftskreisen, und da war em Agent, der wußte von emem herrlichen Besitztum im Taunus zu erzählen, das ihm an die Hand gegeben, es lag unroeit von Homburg, dem schönen Badeott, Frankfurt am Main war nahe, die reichen Frankfurterinnen würden so ein Sanatorium, wenn der Besitzer ein tiuaer Mensch war, aussilchen wie einen Gnadenort. Billig ,Cj bic Besitzung, Gelegenheitskauf, wie es kaum jemals einen öie u'm >--» ,,
zweiten gegeben habe und wieder zeh-n werde. 2.50 Q00 j ihr über die Lippen iräagen wollte, zurückzuhalten.
Deutscher Reich.
* Berlin, 29. Sept. Die Besprechungen im Reichs- sinanzminlsterium über die Neuregelung der Grundgehälter, Ortszuschläge usw. haben Donnerstag nachmittag begonnen und werden Samstag nachmittag fortgesetzt.
Kurland.
* Oesterreich erhält endlich den Kredit. Das Fünferkomitee des Völkerbundes für Oesterreich hat den Plan für die österreichische Kredithilfe geneh- migl. Danach übernehmen England, Frankreich, Italien und die Tschechoflowakei je 20 pCt. des Betrages von 520 Millionen Goldkronen. Die restlichen 20 pCt. werden von einigen kleineren Staaten — man nennt auch die Schweiz — aufgebracht werden.
MA öMelvisinus KM SkaaksWlMsUW.
Rußlands wirtschaftliche Wandlung.
Die Zeitschrift „Der Wiederaufbau" veröffentlicht einen Aufsatz über die neue Wirtschaftspolitik der Sow- jetregierung, der von Krassin, dem russischen Volkskommissar für den Außenhandel, verfaßt ist. Krassin gibt vom gegenwärtigen Stand der Wirtschaftsordnung folgende Darstellung:
Für die Bauernschaft ist nach 9lationalifiemmg und teilweiser Aufteilung des Großgrundbesitzes das Prinzip der freien Wirtschaft in der neuen Wirtschaftspolitik durchgeführt. Ebenso ist für den kleinen Gewerbetreibenden wie auch für den Binnenhandel wieder die freie Wirtschaftsform gewählt worden, während für die mittleren Betriebe Fachverträge, für die großen industriellen Unternehmungen Konzessionsverträge zum neuen Wirtschaftsprogramm gehören. Diese neue Wirtschaftsform, welche die überwundene kommunistische ablöst, kennzeichnet sich somit als Staatskapitalismus, der eine möglichst weitgehende staatliche Regelmig aller wichtigen industriellen Zweige und Haupttriebkräfte des Volkswirtschasckichen Lebens sowie der Produktionsquellen anstrebt
Ilm Die eiangelilihe MennWormel.
Beschlüsse der Kirchenversammlung.
Die verfassunggebende evangelische Kirchenver- scrmmlung, die in Berlin tagt, begann die dritte Lesung des Verfassungsentwurfs. Der in der zweiten Lesung gestrichene Bekenntnisvorspruch entfesselte wiederum eine Debatte. Dieser Vor- sp-ruch, der sich unzweideutig zur Gottheit Christi bekennt, wird von den liberalen Protestanten tüchtig abgelehnt. Angenommen wurde jedoch die von den altgläubigen Mitgliedern vorgeschlagene Fassung, weiche lautet:
„Getreu dem Erbe der Väter steht die evangelische Landeskirche der älteren Provinzen Preußens auf dem in der Heiligen Schrift gegebenen Evangelium von Jesus Christus, dem Sohne des lebendigen Gottes, dem für uns Gekreuzigten und Auferstandenen, dem Herrn der Kirche, und erkennt die fortdauernde Geltung ihrer Bekenntnisse an: Des Apostolischen und der anderen Altkirchlichen, ferner der Augsburgischen Konfession, der Apologie, der Schmalkaldischen Artikel und des Kleinen und Großen Katechismus Luthers in den lutherischen Gemeinden, des Heidelberger Katechismus in den reformierten, sowie der sonstigen Bekenntnisse, wo solche noch in Kraft stehen. Das in diesen Bekenntnissen bezeugte Evangelium ist die unantastbare Grundlage für die Lehre, Arbeit und Gemeinschaft der Kirche. Die Kirche führt hinfort die Bezeichnung: Evangelische Kirche der Altpreußischen Union/'
Diese Fassung wurde in namentlicher Abstimmung mit 127 gegen 86 Stimmen angenommen. Die Linke ließ erklären, daß sie die Festlegung des Bekenntnisses im Dorspruch als eine U e bersch r e i t u n g der gesetzlichen Zuständigkeit der Versammlung ansehe und nunmehr die ganze Verfassung ablehnen werde.
„Gewiß, Hans, auch in einer Vierzimmerwohmmg können wir glücklich sein, weil wir uns lieben,, aber wir werden uns nicht weniger lieb haben, wenn uns mehr Räumlichkeiten zur Verfügung stehen, und deshalb Hans, und weil es mein Herzenswunsch ist, rede mit deinem Vater, stelle ihm alles so vorteilhaft als möglich vor — wir erben ja doch mal alles, was er hinterläßt.."
Sie bemerkte sofort am Gesichtsausdruck des Mannes, daß sie wieder etwas gesagt, was besser ungesagt geblieben wäre.
Bei Hans mußte man eigentlich jedes Wort, ehe man es aussprach, auf die Wagschale legen. Langweilig war das. Nun, wenn sie erst verheiratet war, hörte das dumme Rücksichtnehmen auf.
Sie umarmte ihn stürmisch.
„Du, ich habe dich so lieb, so unsinnig lieb, mein Leben könnte ich lassen für dich."
Er bückte sie zärtlich an.
„Törichtes Kind, du, leben sollst du für mich. Ich mag gar nicht Daran denken, was du getan hast, als du geglaubt, du müßtest mich verlieren. Sag, Adele, Liebste, wie brachtest du nur den Mut zum Sierbeuwollen auf?"
Sie lachte verschämt.
„Heute weiß ich das selbst nicht mehr, Haus, heute nicht mehr."
Wenn ihm dies und jenes an Adele nicht gefiel, mußte er immer daran denken, daß sie deinetwegen hatte sterben wollen, und bann erschien ihm alles in einem milderen Lichte, der Glorienschein ihrer über- großen Liebe zu ihm war zu stark, er überstrahlte alles andere.
„Ich will noch einmal ernst mit meinem Baier reden", versprach er, und am nächsten Sonntag früh fuhr er aüein nach Hause, damit er dem Vater die Angelegenheit ungestört unterbreiten konnte. Er benützte de» Vormittag dazu, doch er erzielte, so günstig er auch schilderte, einen vollen Mißerfolg.
„Die hellblonden Weiber könnten wahrhaftig etwas Gescheiteres hm, als dir Raupen in den Kopf setzen", schalt Hermann Elmhorst, „sündhaft ist die Geschicha. Wie kannst du junger Kerl denn schon die Verantwortung für ein großes Sanatorium übernehmen? Bleib bei |
8ritz Nienkemprr f.
Aus Berlin wird uns «nter dem 28.September geschrieben; Schriftsteller Fritz Nienkemper- Berlin ist Donnerstag nachmittag 2 Uhr nach kurzer Krankheit sanft «ntschlasen. 'Am Tage vor seinem Heimgang hat er mit letzter Kraft und fcho« versagendcrSttmme feine letzten „Unpolitischen Zeitlänse" dik, tiert.
Viele huuderte von Lefern der „Fuldaer Zeitung* wird obige Nachricht ebenso wie uns mit herzlicher Trauer und stiller Wehmut erfüllen. Unser lieber Mit- arbsiter seit vielen, vielen Jahren, Fritz Nienkemper, ist tot. In den Scken ist er gestorben. Heute erhielte» wir dm Berliner Brief, der uns zum letzten Male aus seiner Feder die „Unpolitischen Zeit« laufe" bringt, die, so oft sie erschienen, alle Leser erfreut und angeregt haben. Ja, so mußte dieser edle Mann sterben: noch angesichts des Todes von beispielloser Pflichterfüllung beseeck, hingegeben an die groß« Idee feines Berufes, frei von jedem kleinlichen Gedanken an sich, vorbehaltlos geweiht der heiligen Ausgabe der katholischen Presse.
Ein langes Menfchenlebm hat Fritz Nienkemper, verehrt von seinen Berufsgenoffen, ds kathol. Tages- fchriflsteller gewirkt. Wer ihn einmal gesehen, vergaß ihn nie, diesen hochgewachfenen Mann mit dem patriarchalisch wallenden Haupt- und Barthaar, den das Schicks-al aus Westfalen nach der Reichshauptstadt geführt hatte, um ckn Spree-Babylon mit seiner mechanisierenden Ueberkultur ein weithin gehörter Künder schönster Menschlichkeit, trefreligiösen Seelenlebens zu jein.
Nienkemper ist 75 Jahre alt geworden. Er war 1847 als Sohn eines Bäckermeisters in Neuenkirchen bei Rheine in Westfalen geboren. Seine Gymnafial- studim machte unser Schriftsteller am Paulinum zu Münster. Bon wesentlichem Einfluß für seine Ausbildung während seiner Gymnasialjahre war sein Aufenthalt als Zögling in dem Ludgerianum, dem bffchöflichen Knabenstminar, welches 1873 aufgehoben, nachher als Konvikt wieder hergestellt wurde. Im Luügerianum herrschte ein reges geistiges Leben, u. a. wurde eine Zeitung hsrausgegeben, mir geschrieben und zur Vorlesung bestimmt. Es ist aus den Gedichten, die von dm Alumnen in der Zeitung geleistet wurden, Anfang der siebziger Jahre ein Anthologie erschienen, die vom „Literarischen Hand-weiser" u. a. recht günstig beurteilt wurde. Schon in den sechziger Jahren, als die katholische Bewegung noch in der Wiege lag, lernten die Zöglinge in freier Betätigung das Vereins- und Zeitungswesen schätzen und pflegen. Als Primaner war unser Schriftsteller Redakteur dieser Zeitung ,Lugeriana", und da ist wohl der Grund gelegt war» den zu seinem späteren Pvesseberuf.
An der Akademie zu Münster, studierte Nienkemper Philologie und Mathematik von 1868 bis Frühjahr 1871. Dann ging er nach Berlin und war zwei Jahre in der juristischen Fakultät immatrikuliert. Schon während dieser Studienzeit wurden seine Beziehungen zur Presse recht" lebhaft. Eine Novelle des jungen Studenten wurde zuerst in den „Breslauer Hausblättern" und dann im „Westfälischen Merkur" abgedruckt. Bei letzterem war er im Kriegsjahr 1870/71 auch auf der Redaktion tätig. Als im Sommer 1871 das Kulturkampfsgewitter sich ankündigte und auf katholischer Seite alle Kräfte road) rief, war das Le- bensfchickfal für Nienkemper wie für fo manchen gleichgesinnten Freund entschieden. Neben Majunke und Christoph Joseph Cremer trat er in den Redaktionsstab der „Germania" ein, welche zum 1. Jan.
Geheimrat Wolter, lerne dort etwas, guck wie man's macht, und späterhin eröffne irgendwo ttn Westen Berlins eine Praxis. Ein Sanatorium brauchst du überhaupt nicht — dummes Zeug! Den hellblonden Weibern paßt es natürlich besser, wenn da so großzügiger Klimbim in Szene gesetzt wirb. Immer hoch hinaus, die Puten!"
„Vater, du sprichst von meiner Braut."
„Schnickschnack, bestell 'hr 'n schönen Gruß von mir unb sie wäre eine Pute, weil sie Dir Blech in ben Kopf setzt, auf bas du von selbst gar nicht verfallen wärest. Wenn dein hellblonber Harem — benn du ziehst ja im- wer gleich mit allen Dreien rum — für’n Sanatorium schwärmt, sollen sie ’ne Weile eins aufsuchen, Geheimrat Wolters Sanatorium für Nervenkranke hat ja guten Ruf, empfiehl es ihnen —"
Hans biß sich auf die Lippen, der Vater war in letzter Zeit durch sein Magenleiden wirklich sehr verbittert. — Er wollte ihn nicht weiter erregen unb schwieg, fo schwer es ihm würbe, wenn er an Abele buchte, bie sicher auf einen Erfolg feiner heutigen Unterredung mit dem Vater hoffte. Ei allerdings hatte nicht viel Hoff- nung gehabt, der Vater änderte feiten ein einmal ausgesprochenes „Nein" in ein „Ja" um, jedenfalls sobald nicht.
Er sprach mit der Mutter, sie bat, das Thema ruhen zu lassen, da der Vater keine Erregung haben dürfe.
Am Nachmittag stand Hans Elmhorst vor Dem @arte ntor und blinzelte in die Wintersonne, es litt ihn nicht im Zimmer, der Vater schaute schräg und die Mutter hatte so etwas Feierliches, kurz, er fand die Stimmung im Hause ungemütlich. Da kam plötzlich etwas über die Straße gestürmt, es war Gesina, ohne Hut und Mantel, und die Kälte war schneidend. Sie stürzte auf den jungen Arzt zu und mit bebender Stimme stieß sie hervor: „Tante ist so seltsam, sie drückt immer auf ihr Herz und sie ist fo voll von Müdigkeit, kommen Sie mit, Sie sind doch ein Geneesherr!"
Ihre feinen Züge waren angespannt von Angst, unb um ben scharfgefchntttenen Mund ging ein Zucken.
Hans zögerte keine Minute, unb ohne ein Wort mit. einanber zu wechseln, erreichten sie bas kleine Haus.
LFortsedtmg folgt.)