FuldaerZeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stabt Fulda.
Nr. 211.
DeranttvottliL für den reöattionellen Teil : Dr. I. Kramer. - für die Anzeigen: I- Parzeller-Futdo. 2 Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerel in Fulda. Fernsprecher Nr. 8. Postscheck - Konto 4051 Frankfurt a. M.
Donnerstag, 14. Sept 1922.
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49. Zahrtz.
Belgien netlangt GsIMerlegW.
Was matt in Deutschland zu dieser Forderung sagt.
Wie die „Agence Beige", eine halbamtliche Presse, stelle, mitteilt, hat der belgische Ministerpräsident, der fdne m Brüstet anwesenden StoHegai über die Lage auf dem Laufenden gehalten hatte, beschlossen, von Deutschland die Bezahlung der am 15. August und 18. September fälligen Zahlungen mit Schatz- Scheinen gu verlangen, die durch ein Golddepot fichergesteüt werden sollen, das in einer der belgischen ReMMMg genehmen Bank hinterlegt werden soll. Dienstag vormittag notifizierte der Außenminister dem deutschen Geschäftsträger Dr. Landsberg dem Beschluß 6er belgischen Regierung.
V, *
Diese belgische Forderung, die deutschen Zahlun- Sm mit Schatzschemen durch die Ueberfichrung von M>ld ins Ausland yi sichern, findet in den dazu vorliegenden Aeußerungen allgemeine Ablehnung.
Nach Ansicht des „B. T." ist die Reichsregierung schon deshalb nicht in der Lage, das gewünschte Golü- depot zu hinterlegen, well die Reichsbank vor Lurzem auf Wunsch der Entente in ein autonomes Unternehmen umgewandelt worden ist, was zur Folge hatte, daß der Rcichsregiermrg kein Cinyriffsrecht in ihren Betrieb mehr zusteht.
Die deutsche Regierung kann, schreibt der „Lokal- Anzerger", sich nicht mit einer Lösung des Stirn» du^gsprobiems einverstanden erklären, die keine Lösung ist, well sie noch immer Leistungen von uns fordert, denen wir nicht gewachsen sind. Bei solcher Lage muß man schon jetzt scststellen, daß a lle Mü he, eine der deutschen Finanz- und Wirtschaftslage entsprechende Neuregelung unserer Reparationsvcrpflich- tlwgen zu erreichen, u m s o n st ist.
Für die „Vosi. Ztg." ist die Forderung unannehmbar und undiskutabel. Der ReichsbarSpräsident habe sich nur unter der Bedingung zur Garantierung der Schatzwechsel bereit erklärt, daß die Schatzwechsel von 6 aus 18 Monate verlängert würden. Alle Mög- lichkerten einer zufriedenstellenden Regelung der Ga- rantteftage seien durch den unerwarteten Beschluß Belgiens zerstön worden. DereuropaischenSache habe die wigische Regierung f«Ulfen guten Dee M ft erwiesen.
Der „Vorwärts" betont, daß der Weg, auf den sich d« bÄgische Regierung begeben hat, zu den schwersten Verwicklungen führen kann. Er wirst die 'chage auf, ob Deutschland der Papieomwk auch noch d«le^e^ dünne Golddecke nehmen soll. Dadurch würde dem Währungsverfall von neuem die Türe geöffnet werden.
. De »Germanta" stellt fest, daß nicht nur von Seite sondern auch von einsichtigen und maßgebenden Persönlichkeiten des Auslandes anerkannt worden ist, daß eine solche Lösung für nns nicht in Frage kommen tonn.
"Deusiche Ta^zoitung" schöpft fcte einziae ^rrmmg, dag es mcht zum Aeußersten kommen werde, daraus, daß durch die scharfe Zuspitzung der Lage im Orient es selbst Frankreick) im Augenblick nicht erwünscht sein könne, eine Reparationskrise mit allen Folgen, die dadurch für die B^iehungen zwischen EngtanL und Italien entstehen, durchzufechten.
1 Deutsche Vertreter in pari«.
Wie der „Temps" meldet, sind die Staatssekretäre Fischer und Bergmann von Berlin kommend in Paris erngetrofstn, um der Reparations- kommimisfion angesichts der für den 15. Sep
tember bevorstehenden Sitzung tie von ihrer Regierung verlangten Erklärungen abzugeben. In dieser Sitzung soll die Lage geprüft werden, die sich aus der Weigerung Deutschlands ergibt, die von Belgien verlangten Garantien für die Schatzbonds mit sechsmonatiger Lausfrist zu geben, die als Bezahlung für die beutjdte Fälligkeit vom 15. August bis 15. September ausgchänd-igt werden muffen.
England und Rußland.
Die Bergwerkskonzessionen in Sibirien.
Wie hier schon kurz gemeldet wurde, ist vor einigen Tagen zwischen dem Vertreter der Sowjetrepublik, Krasiin und dem Bevollmächtigten der englischen Gesellschaft Ruflo-Asiatie-Consolited-Com- pagneh, Herrn Urquhart, ein Vertrag abgeschlossen worden, der die Konzession in Sibirien, über die seit der Nationalisierung durch die Sowjets verhandelt wird, an die Russo-Asiatic zur Verwertung übergibt. Der Präsident der englischen Gesellschaft hat sich über die Bedeutung des Vertrages einem Pressevertreter gegenüber folgendermaßen geäußert:
In allen Verhandlungen mit der Sowsetregierung spielten zwei Punkte die Hauptrolle: Anerkennung des Privateigentums und Anerkennung der Schulden der finiheren russischen Regierungen. In einer zehntägigen Konferenz, die ich mit Krassin geführt habe, hat es sich herausgestellt, daß die Bolschewik! in dem Punkte Recht hatten, daß sie diese beiden Fragen aus der politischen Atmosphäre entfernen und nicht zum Gegenstand internationaler Staatsoerträge machen wollten. Die englischen Forderungen an Rußland betrugen mehr ate 156 Millionen Pfund, von denen auf meinen Anteil mehr als ein Drittel, nämlich 56 Millionen Pfund, entfielen. Durch den Vettrag, den wir jetzt zum Abschluß gebracht haben, habe ich das Eigentum an diesen gewaltigen Werten wiedeierlanat. (Die sibirische Interessensphäre des Urquhart-Konzern umfaßt Landgebiete von außer- ordentlicher Ausdehnung, 400 englische Meilen Eisenbahnlinien und zahlreiche Bergwerke und chemische Fabriken.) Um den russischen Ideen entgegenzukommen, ist formell das . Eigentum des Sowjets verblieben, während ich in allen meinen Konzessionen, Fabriken, Bergwerken, Ländereien auf 9.9 Jahre als Pächter eingesetzt bin. Die russische Steigerung stellt mir @rfQu für die abhanden gekommenen Materialien und Maschinen und übergibt mir große Summen, di« zum sofortigen Beginn der Arbeit dienen. Ich habe das Recht, Arbeiter nach Belieben einzuftellen und zu entlassen, ohne daß ich die kommunistischen Organisationen zu befragen habe. Ich hoffe, daß meine Arbeit in Rußland Deutschland in dem Augenblick, wo die deutsch, belgischen Verhandlungen aus politischen Gründen gescheitert sind, zugute kommen roirb, und ich lade die deutsche Industrie, Unternehmer und Arbeiter ein, mir am Wiederaufbau ihres östlichen Nachbars zu helfen.
Wie verlautet, sind in dieser Angelegenheit schon Berhandwngen mst Oer Firma Kyu p p geführt worden.
Die „Times" melden ans Dsvlin, daß die englische Firma Menassey von dem Hondelskonzem der Sowjetregienmg ben Abschluß eines Pachtvertrags auf 99 Jahre für die Iuteinü ustrie des Bezirks O d e j j a oorgefchlogen bekommen hat.
w des enMchm Auswärtigen
Amtes ervarte tem „Star", daß Urquhart nicht im Namen der englischen Regierung mrtcchmchelt habe, daß diese dem Abschluß von Abkommen in ter Urquhart-KraM günstig gesinnt sei und alle wiche Abkommen begünstigen werde.
Herr
«Ich freue mich sehr. Sie kennen zu lernen, , Elmhorst, und ich danke Ihnen für die Mühe, die Sie sich gaben, mein Hündchen wieder aufzufinden. Ich hänge gar so sehr an dem Tierchen und der Gedanke, es vielleicht beinahe verloren zu haben, brachte mich um meine Selbstbeherrschung. Nun ich ruhiger geworden, sehe ich ein, Fräulein Ingen Unrecht getan zu haben, ich ahnte doch nicht, wie harmlos Ihre gegenseitigen Beziehungen waren, über die ich ja mm völlig aufgeklärt bin. Aber bitte nehmen Sie doch Platz," unterbrach sie stch, auf einen Sttchl deutend.
,Lch möchte nicht länger stören," erwiderte er und machte eine Bewegung nach der Tür.
, ,.2Ibcr. es lag nicht in Frau Sternhofs Absicht, ihn letzr gehen zu lassen, sie hatte noch etwas auf dem Herzen.
. ".VEe "em, sprach sie mit iebenswürdiger Entschiedenheit, „bleiben Sie noch ein ganz klein wenig." Und abermccks rotes sie einladend aus den Stuhl.
Er setzte sich mit einem heimlichen Seufzer. Was wollte denn diese orrau von ihm, daß sie ihre Tonart so schroff °°m härtesten Dur zum sanftesten Moll um- stimmte. Wahrscheinlich hatte der weltbekannte väter- stche Name diese jähe Wandlung zustande gebracht.
Auch Frau Sternhof saß nun.
»2ch habe das Gefühl, Herr Elmhorst, noch etwas zu seiner Rechtfertigung vorbringen zu müssen", begann sie aufs Neue, „sehen Sie, hauptsächlich erregte ich mich /-wer Töchter wegen, eine Mutter kann gar nicht vor- sickchg genug sein, und besonders, wenn es sich wie bei meinen Töchtern, um entzückend reine, kindliche Weier handelt. Die zwei sollen sich, so lange es irgend angehl' den zarten Blütenstaub ihrer kösüichen Reinheit bewah- en, und deshalb muß ich vorsichtig damit sein, wen ich als Gesellschafterin, als ständige Hausgenossin wähle meine Töchter sollen, so lange es nur möglich, nichts "an all dem Häßlichen ahnen, was es gibt. Das Leben ist ja unbarmherzig genug, auch die reinsten Menschen
auzuklaren. Meine Mädchen sind wie Blumen, sind wie wetße Lilien oder wie weiße Rosen. Ja, der letzte Verreich paßt wunderbar und dabei fällt mir ein meine Mädchen lieben Blumen, besonders Rosen av- fe"?0 ich, unb sie stockte flüchtig, um 'dann aber gleich fottzufahren, „und deshalb wage ich, weil Sie das Schicksal mir gerade in den Weg geführt hat, 3” b'tteN' m" «ne Erlaubnis bei Ihrem Herrn Pater zur Besichtigung feiner berühmten Rosenkulturen zu er- wirken Für mich unb meine Töchter, denn ich weiß, er gibt diese Erlaubnis tm allgemeinen nicht."
Hans Elmhorst war etwas verblüfft. Welche Liebe zur Natur und welch poetisches Gefühl mit einem Mcsie aus dieser vori kurzem noch so abscheulich keifenden Frau prach. Daß Menschen, die Blumen und besonder- Rosen liebten, fo keifen konnten, hätte er überhaupt nicht für’ möglich gehalten, wenn er den Fall nicht eben selbst er- lebte. Zögernd antwortete er:
„Wenn Ihnen soviel an dieser Erlaubnis liegt so darf ich Ihnen dieselbe wohl erteilen, ich müßte Sie dann bitten. Tag und Stunde Ihres Besuches zu bestimmen."
Frau Sternhof lächelt noch süßlicher.
„Wie gerne tue ich das, wie gerne. Wäre es Ihnen recht, wenn wir übermorgen nachmittag kommen wür- den?"
Er verneigte sich. „Gewiß, gnädige Frau, ich werde übermorgen nachmittag ab drei Uhr bereit fein, Ihnen und Ihren Fräulein Töchtern unsere Treibhäuser zu zeigen."
„Nehmen Sie aufrichtigsten Dank", flötete die Dame und freute sich, die Gelegenheit beim Schöpse gefaßt zu haben, denn sie hoffte stark darauf, bei ihrem Besuch die exklusive Frau (Nmharst persönlich kennen zu lernen.
Der junge Mann saß mit leicht zusammengezogenen Brauen.
„Und was haben Sie jetzt über Fräulein van Ingen beschlossen?" fragte er und setzte bann hinzu: „Ich habe kein Recht danach zu fragen, gnädige Frau, aber da ich gewissermaßen der unmittelbare Anstoß zu der Kata- sttophe gewesen, habe ich ein Schuldgefühl. Ich meine, hätte mich ein Zufall nicht heute hier durch diese Straße geführt, wäre die ganze dumme unb unangenehme Geschichte ungeschehen geblieben." j
Sesina van Zngen.
Roman von Anny van Pan Huys. 10] ----------
Die Alliierten und die Orientkrise.
Ulan will den Surfen hall gebieten.
Wie Reuter berichtet, wurden Mitteilungen zwischen den alliierten Regierungen ausgetauscht bezüglich der allgemeinen Linie der Politik, die befolgt werden soll gegenüber der Türkei. Es kann angenommen werden, daß temertei Abweichungen von der auf der Konferenz der Außenminister in Paris am 1. März festgesetzten Linie der Politik stattfmden werden. Es werde auch keinerlei Verletzung der neutralen Zone durch die Kemalisten gestattet.
Ausschreitungen in fionftanfinopel.
Nach Meldungen aus Konstantinopel ist es dort zu schweren Ausschreitungen gegen die Europäer gekommen. Die unteren Beoölkerungsflassen hatten eine große patriotische Kundgebung angekündigt. Aus Besorgnis, daß es dabei zu Ausschreitungen kommen würde, hatte die Polizei die Brücke von Galata Hochziehen lasten, um das Eindringen der Demonstranten m das Fremdenviertel zu verhindern. Trotz- dem gelang es einigen Hundert Manifestanten, in die von Galata nach Pera führende Hauptverkehrsstraße einzudringen und dort in sämtlichen europäischen schäften und einigen fremden Konsulatsgebäuden die Fensterschpiben einzuschkagen.
ÄUS dem besetzten Gebiet.
*= Eine deutsche Protestnote. Der Reichskommissar für die besetzten rheinischen Gebiete hat in der Angelegenheit der Perhaftung des Regierungsafses- lors Prange in Wiesbaden der Rheinlandkommis- sion eine Protestnote zugehen lassen. — Regienmgsastes- sor Dr: Prange ist inzwischen auf Antrag seiner Verteidigung gegen Hinterlegung einer Kaution von 100 000 Mark von der französischen Militärstaatsanwattschaft auf freien Fuß gesetzt worden. — Die Haftentlaj- ftmg des vom französischen Kriegsgericht kürzlich wegen Beleidigung eines Gendarmen zu drei Monaten Gefäng- nie verurteilten Landrats Dr. Schwebet in Meisenheim erfolgte auf den Einspruch des deutschen Botschafters in Paris, baß Landrat Dr. Schwebet Mitglied der vom Dölkerbundsrat ernannten Grenzregulierungskommisfion für das Saargebiet und demgemäß rechtlich als immuner Diplomat anMehen fei. Die französische Regierung erkannte diesen Einspruch als begründet an und verfügte die so- fertige Haftentlassung.
— Der Zwischenfall in Oberkassel. Nach einer Meldung des „Matln" aus Brüssel kommt die Feststellung des Obersten Mag, der vom Justizdepartement mit der Prüfung der in Oberkassel in der dortigen Mordsache gegen zwei Belgier am Tatort gefundenen Munition beauftragt ist, zu folgendem Schluß: Die auf der Straße gefundenen Patronenhülsen stammen von den von der Pistole System Cott abgeschossenen Kugeln, die der Sergeant Staes in der Hand hielt, als er fiel. Me am Tatort gefundene Kugel ist von einer Pistole desselben Kalibers abgefeuert, wie die des Sergeanten Staes gehörige. Die Schlußfolgerungen führen also mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu der Annahme, baß der Sergeant, der infolge eines Streits, den er hatte, in großer Aufregung aus dem Cafe herauskam, aus Un- achtfamkett die Sicherung feines Revolvers löste, um sich gegen einen etwaigen Angriff zu sichern und so zufällig den belgischen Wachtposten tötete. Als er sich dann über die Schwere seiner Unklugheit und Derant- »ortung klar geworden sei, hätte er die Waffe gegen sich selbst gewandt. Jetzt ist eine Untersuchung im Gange, um festzustellen, wie es möglich ist, daß der Unteroffizier um 3 Uhr morgens außerhalb der Kaserne war. (Die Belgier scheinen auf dem Gebiet des „Zapfen- wichsens" naive Leute zu sein, wenn sie noch nicht wis. sen, wie so etwas möglich ist. D. R.) — Die „Agence Belge meldet: Der Deutsche Laube, der sich zurzeit des Vorfalls in Oberkastel in dem Cafe befand, wurde verhaftet und dem Auditeur der Besatzungsarmee vorge-
Frau Sternhof nahm eine äußerst wohlwollende Miene an.
„Verehrter Herr Elmhorst, nachdem ich weiß, wie sich alles gefügt, mag Fräulein Ingen ruhig bei mir bleiben."
Sie hatte sich schon selbst überlegt, wie bequem und brauchbar Gesina für sie war, die sich noch alle die Arbeiten mitaufbürben ließ, die dem Hausmädchen nicht paßten. Sie klingelte und befahl der einttetenden Minna, Fräulein Ingen zu rufen.
Mit verweintem Gesicht trat die Gewünschte ein, ein kleiner, aber fest eingeprägter Trotzzug lag um ihren Mund.
„Fräulein Ingen", fing Frau Sternhof mit Wichtigkeit an, „ich lieh Sie bitten, um Ihnen mitzuteilen, daß ich nach einer Aussprache mit Herrn Elmhorst meine Kündigung zurücknehme. Ich will Sie bei mir behalten, doch muß ich Sie natürlich ersuchen, mich um Entschul- digung zu bitten."
Hans Elmhorst saß wie auf Kohlen, diese Szene konnte ihm die Dame wirklich ersparen.
Er sprang auf. „Ich bebaute fort zu müssen, da ich erwartet werde."
Gesina sah ihn groß an. w
„Verlaufen Sie sich nicht jetzt, Sie können auch hören, was ich gfrau Sternhof antworten werde."
Sie bsickte jetzt zu der Dame hinüber, die noch saß. „Warum soll ich Sie um Verzeihung bitten, Sie haben mir fürchterlich, ganz fürchterlich beleidigt, ich Sie nur ein klein Stückchen, und ich denke nicht an, Ihnen bas zu vergessen. Ich will auch nicht mehr bei Ihnen bleiben, ich würde ganz los von Scham sein, wenn ich das täte!"
Seinafje hätte Hans Elmhorst „Bravo!" gerufen, aber er besann sich noch rechtzeitig, daß es für ihn am besten »ar, neutral zu bleiben. „Gnädige Frau, ich darf nicht länger verweilen", er grüßte und verneigte sich auch gegen Gesina.
Die beachtete ihn nicht. Frau Sternhof aber sagte lächelnd, ihm die Hand reichend:
„Auf Wiedersehen, Herr Elmhorst, übermorgen brau« fjen bei Ihnen, ich freue mich sehr auf die berühmten Elmhorftschen Rosen."
Gesina horchte aus. Ah, standen die beiden so gut miteinander? Natürlich, die reichen Leute werden 'mmer
Deutscher Reich.
* Regierungskrise in Preußen? Die preußische Landtagsfraktion der Deutschen Volkspartei hat am 22. September — der Landtag tritt am 27. September zusammen — eine Fraktionssitzung einberufen. Wie die Politisch-Parlamentarischen Nachrichten wissen wollen, soll die Frage zur Entscheidung kommen, ob auch nach der Vereinigung von Sozialdemokraten und Unabhängigen die Deutsche Volkspartei an der Koalition in Preußen fest halt en will. Es verlautet, daß eine starke Strömung innerhalb der Deutschen Volkspartei sich gegen ein weiteres Verbleiben in der preußischen Regierung im Falle der sozialistischen Einigung richtet. Auf der anderen Seite erheben sich aber auch gewichtige Stimmen für das • Verbleiben der Volkspartei in der Regierung. Man kann nur wünschen, daß sich diese Auffassung in der Praxis durchsetzen wird.
Die bayerische Angelegenheit.
Rechtsradikale Umtriebe dürfen nicht überschätzt werde«.
Die „Augsburger Postzeitung" sieht sich zu folgender Acußerung veranlaßt:
In Berlin waren dieser Tage Gerächte verbreitet, daß „die seit dem Konflikt wegen der Schutzgesetze in Bayern bestehende Regierungskrise" sich so verschärft habe, daß mit dem Rücktritt des Minister- Präsidenten Grafen Lerchenfeld in kürzester Zeit gerechnet werden müsse. Die Krise war noch für Ende der letzten Woche vorausgesagt. Die Tatsachen haben inzwischen bereits erwiesen, was an dem Gerücht Wahres ist, wie sehr man außerhalb Bayerns immer noch geneigt ist, die Umtriebe von rechts- radikaler Seite zu Werschätzen. Beachtenswert ist an ter Darstellung des deuftchvolksparteilichen Organs aber immerhin das Urteil über die Tragweite und Auswirkung der rechtsradikalen Agitation. Die „Zeit" schreibt nämlich u. a.: „Die heutigen Nachrichten scheinen die Befürchtung zu bestätigen, daß in Bayern wiederum eine Gruppe von Politikern die Macht an sich zu reißen sucht, deren letztes Ziel nicht geschlossene Volksgemeinschaft, nicht der Friede im Innern und die Einigkeit nach außen ist. Der Ruf nach Diktatur fft kein Beweis von politischer Reife, und daß gerade in München, das die furchtbarste Reookutionsdiktatur an sich erleben mußte, dieser Ruf dennoch erhoben wird, setzt die politische Einsicht der hieran beteiligten Kreise in ein Heltes Licht. An die Stelle seiner (des Grafen Lerchenfeld) klugen Staatskunst ein Regime zurückzufordern, das wehr eine Polizei- als eine politische Diktatur darstellt, das heisst Ksat astro phenipoliti k treiben; denn das Ende einer solchen Entwicklung kann bei den gegebenen Verhältnissen der inneren und äußeren Politik nur Aufruhr und Bürgerkrieg fein. Es wäre auf das schmerzlichste zu bedauern, wenn Graf Lerchenfeld bei der Verteidigung der verfassungsmäßigen und reichstreuen Entwicklung Bayerns geschlagen werden sollte. Die Folgen könnten für ganz Deutschland unabsehbar sein und mit dem ganz Deutschlands ist auch das bayerische Schicksal unlöslich verbunden."
Die Ueberschichten int Bergbau
Mehrarbeit auf 200 Schächten.
Das Ueberarbeitsabkommen für den rheinisch- westfälischen Bergbau ist bisher auf 200 Schachtanlagen ourchgeführt worden. An der Ueberarbe'tt beteiligen sich 70 Prozent der Ge. samtbelegschaft.
miteinander einig, der Sünbenbock ist am Schluß immer ter Arme. Tiefe Verbitterung ergriff sie unb mit bebender Stimme sprach sie:
„Ich möchte nun fertig packen, gnädige Frau, denn Sie haben mir gesagt, ich muß gleich aus Ihr Haus."
"2llso gehen Sie", sagte Frau Sternhof zornig, daß sie in ihrer gnabtnfpenbenben Rolle keinen Beifall ge. ftmden. —
Hans Elmhorst war froh, erst roieber auf der Straß», öu stehen unb verwünschte sein heutiges Zusammentreffen mit Gesina ins Pfefferlanb, auch sein Entgegenkommen gegen Frau Sternhof bereute er, wer weiß, ob dem Pater diese Rosenenthusiastin recht war, denn er gestattete nur sehr selten Besuche in feinen Kulturen. Aber bas Aergern half nichts mehr. Mißgestimmt kam er nach Haufe und erzählte den Ettern sein Erlebnis in der Keithsttaße. — Hermann Elmhorst meinte: „Das Mädchen tut mir leid, ich habe sie bisher zwar nur flüchtig zu Gesicht bekommen, aber sie macht einen stolzen zirrückhaltenben Eindruck und scheint mir schlecht für das Brot der Abhängigkeit ge. schaffen."
Seine Frau sagte: „Ich begreife nicht, weshalb ihre Tante Gesina nicht bei sich behält bis ein gutgefteItter Freiersmann anklopft, der doch sicher nicht lange fernbleibt. Wenn sie diese scheußliche vettrackte Haattracht aufgibt unb sich bas rote Haar roieber um das feine Köpfchen lockt unb bauscht, ist sie sehr reizvoll, allerbings müßte sie auch anbere Kleibung fragen."
NM berichtete Hans von bem bevorstehenben Besuch der Frau Stemhof. Seine Mutter lächelte wissend.
„Ich habe schon flüchtig von Frau Sternhof gehört, es soll eine protzige Dame sein, ihr Mann, ein Häusermakler, fcll unterirdische Geschäfte gemacht haben, Wuchereien, Schiebungen und ähnliches und ich werde übermorgen, wenn die Dame mit ihren Töchtern zur Besichtigung der Treibhäuser kommt, nicht zu Hause se.n, ich möchte jede Annäherung mit den Damen vermeiden. Der SBater übernimmt vielleicht die Führung, und wenn Ihr ein ebrigens tim wollt, laßt Ihr ihnen später oben tue Staatszimmer ein Gläschen Südwein reichen."
Hermann Elmhorst nickt. „G-roiß, liebe (Erna, Dein Tatig-fühl weiß in heiklen Angelegenheiten stets den rechten Weg zu finben," stFor^etzung folgt," .