49. Zahrg,
Mittwoch, 13. September 1922
Nr. 210
«w* 1* » m --- M» I MM ®"«*” « a'tci,enbe”
Volkes wahrzunehmen.
Er sagt: „Noch einmal sind es politische Er- wLamrrcn einer der alliierten Regierungen, die sich an den Buchstaben der Entscheidung der Reparations- kommission otrHommcm; noch einmal sind bei der belgischen Regierung die politischen Erwägungen cm die ökonomischen getreten."
Er fügte jedoch sogleich hinzu: „Wir brauchen des- halb nicht zu verzagen, denn nur das, was ökonomisch noch möglich ist, wird vom deutschen Lande und von der deutschen Wirtschaft getragen werden. Aber bis sich Liese Erkenntnis in Europa durchgrbissen hat, müssen wir nicht nur Geduld, sondern die letzten Reste von staatlicher und wirtschaftlicher Energie aufzu- bringen versuchen, um durchzukommen."
Man sieht, der leitende Staateimann verzweifelt nicht twtz aller Schwierigkeiten und Gefahren. Wir wollen deshalb die Köpft kühl und dft Nerven fest bleiben lassen, wenn auch die Möglichkeit vorliegt, daß Poincare im Reparativnsausschuß neue Hinder- niste schafft. Es liegt doch die gewichtige Tatsache vor, daß eine Verständigung mit Deutschland in der Sache selbst so gut wie fertig war. Man kann doch kaum annehmen, daß Belgien und die andern vermitteln-
wärtigen."
Die sozialistischen Einiguagsverhandlungea.
Die Verhandlungen zwischen den PartÄvorstSn- den der Sozialdemokratie und den Unabhängigen sind vorläufig abgeschlossen. Wie die „Germania" berichtet, hat das Aktionsprogramm bet den lokalen Parteigenossen der S. P. D. fast allgemein Zustimmung gesunden. Das Blatt will wissen, daß die Dinge bei'derU. S. P. nicht so glatt laufen. Auf dem Parteitag in Jena, der zwei Tage nach dem der S. P. D., welcher in Augsburg stattfindet, würden die Meimmgen heftig aufeinandsr- platzen. ,,_____________________
Bezugspreis: Monatlich 50.00 Mk. zugestellt frei ins Haus. - Abqeholt in der Geschäftsstelle 48,00 Mk. - Anzeigen: Kleinzeile noch Colonel 4.00 Mk.-, nusro. 5,0021». Reklamezeile (Textdreite) nach Colonelmaß 15 Mark.
Derantwortlut! für den redauionellen Teil : Dn L Kramer, s für die Anzeigen: I. Parzeller-Fucha. -. Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer AMendruckerei m Fulda. Fernsprecher Nr. S. Postscheck-Konto 4051 Frankfurt a. M.
Die Teuerung.
Eine sozialistische Abordnung beim Reichspräsidenten.
Der sozialdemokratische Parteivorstand, vertreten durch Wels und Hermann Müller und der Allgemeine deutsche Gewerkschaftsbund, vertreten durch Graßmann und Georg Schmidt vom Landarbeiterverband, wurden am Montag vom Reichspräsidenten empfangen. Die Arbeitervertreter trugen dem Reichspräsidenten ihre Besorgnisse wegen der Zuspitzung der wirtschaftlichen Verhältnisse vor. Der Reichspräsident und der ebenfalls anwesende Reichswirtschaftsminister erläuterten die Haltung der Regierung und versprachen, ihr Mög-
prolest gegen polnische Vorwürfe,
Line deutsche Rote an den Völkerbund.
Der Leiter des dsutschen Konsulats in Genf Legationsrat Dr. Nasse, überreichte dem General- sekretariat des Völkerbundes im Auftrage der Reichsregiertmg folgende Note:
Ser deutschen Regierung ist aus der polmqcyen Presse der Wortlaut einer Note der polnischen Regierung an den Völkerbund bekannt geworden, in der die polnische Regierung eine Reihe heftiger A n- schuldigungen gegen deutsche Regte- rungsorgane wegen angeblicher Unterdrückung der polnischen Minderheiten in Deutsch-Oberschlesien, Ostpreußen und dem übrigen Deutschland richtet. Hinsichtlich Oberschlesiens, an dessen Minderheitenschuß allein ein Inter- esse des Völkerbundes gemäß dem Genfer Abkom- men vom 15. Mai 1922 besteht, hat die dewsche Regierung die Ehre, darauf Unzuweisen, daß sie Die fraglichen Vorwürfe als in ssdsr Weife u n b e r e ch- t i g t und haltlos zurückweisen muß. Die deutsche Regierung behält sich vor, dem Völkerbund eingehendes Material vorzulegen, aus dem die Haltlosigkeit der polnischen Behauptung hervorgeht, was übrigens auch durch das Zeugnis des Herrn Präsidenten Calonder sowie des Herrn Präsidenten Kaeckenbeegk leicht nachzuweisen ist._ Im übrigen muß die deutsche Regierung daran festhalten, daß die Beschwerden der polnischen Minderheiten auf dem durch das Genfer Abkommen vom 15. Mai 1922 vorgeZÄchnetsn Instanzenweg erledigt werden. UM UWMNM? in NmrWtle.
Wie das B. T. berichtet, haben in Dismarckhütte (Poln. Oberfchlesien) blutige Zusammenstöße statt- aefunden. Als die Belegschaft der Bismarckhütte erfahren hatte, daß die Lohnzahlung in polnischer Valuta erfolgen sollte, zog die Arbeiterschaft vor die Villa des Generaldirektors Kallenborn, drang schließlich in die Villa ein und schleppte Kaltenborn zum Rathaus. Der Generaldirektor mußte schwer verletzt in ein Lazarett gebracht werden.
Am Nachmittags traf ein starkes Polizeiaufgebot in Bismarckhütte ein. Dft Menge entwaffnete jedoch die Polizei. Da die Ansammlungen vor dem Dirck- tionsgcbäude immer mehr an Umfang zunahmen, wurde eine Abteililmg Infanterie herbeigeholt, die am Markt ein Maschinengewehr aufstellte. Trotz wiederholt«: Aufforderung, auseinanderzugehcn, wich die Menge nicht. Plötzlich fielen Schüsft. Das Maschinengewehr sing an zu feuern. Da das Militär mit Steinen beworfen fein soll, hotte der Kommandant den Befehl zum Feuern gegeben. Acht Arbeiter waren tot, verschiedene verletzt. Der Betrieb der Bismarckhütte ruht vollständig.
Oie bolschewistische Gefahr.
Neue Kampfansage der Moskauer Internationale.
Die „Rote Fahne", das Organ der deutschen Kommunisten, bringt einen Ausruf der Moskauer kommunistischen Internationalen, die bekanntlich die oberste Leitung der kommunistischen Bewegung überhaupt in der Hand hat. In diesem Aufrufe, der an das deutsche und französische Proletariat gerichtet ist, wird aufgefordert, „durch Tatsachen den bürgerlichen Regierungen ein Halt zuzurufen". Diese Aufforderung bedeutet natürlich nichts anderes als die zu einem neuen Revolutionsversuch.
In dem Auftus heißt es ausdrücklich daß es sich nicht um ein paar Paradeversammlungen handle, sondern darum, daß die revolutionäre Kampfbereitschaft in den Massen geschaffen werde und sie bei der Zuspitzung der Gefahr in großen Kolonnen in den Straßen aller Städte aufmarschieren werden. Die Arbeiter Frankreichs werden in dem Aufruf aufgefordert zum „revolutionären Kampf gegen die Politik der französischen Regierung" und die Arbei- ter Deutschlands zum „Kampf gegen die deutsche bürgerlich-sozialdemokratische Regierung".
In Moskau ist man natürlich klug genug zu wissen, daß diese Ziele nicht zu erreichen sind mit Hilfe der Kommunisten allein. Darum macht die Moskauer Zentrale es den Kommunisten Frankreichs und Deutschlands zur Pflicht, alles daran zu setzen, die Einheitsfront des Proletariats,auszu- richten. Mit letzterem dürfte es freilich einstweilen gute Wege haben, wenngleich seitens der Kommunisten Deutschlands seit Wochen mit größter Energie an der Erreichung dieses Zieles gearbeitet wird. Ter Aufruf der Moskauer Zentrale beweist im übrigen, daß die kommunistische Hetze in Deutschland, auf die wir mehrfach in letzter Zeit hingewiesen haben, von längerer Hand vorbereitet und durchaus systematisch mit einem bestimmten Ziele durchgeführt worden ist und noch wird.
Es ist außerdem ganz zweifellos, daß die Moskauer Zentrale den geeigneten Zeitpunkt für ge- kommen errachtet, um aufs neue die Durchsetzung ihrer Ziele infolge der wachsenden Not und Teuerung in Deutschland zu erreichen. Diese Tatsache allein sollte den Machthabern der Entente doch zu denken geben.
vom ttriegsschauplatz in Kkmafieit
Blutige Nachwirkungen des türkischen Sieges.
Infolge, der Entfachung des türkischen Kviegs- geistes durch den kemalistischen Sieg im Kleinasien ist ein ernster Angriff von türkischer: Agitatoren auf Ausländer einschließlich der Engländer in T h e - heran unternommen worden, bei dem mehrere Personen ums Leben gekommen sind. Die türkischen Agitatoren benutzten Revolver und Steine. Die Fenster zahlreicher englischer und französischer
Wind in -en Segeln
Smyrna gefallen, die Griechen aus Kleinasien verdrängt, — die belgischen Unterhändler nach Brüssel gereift, — der Dollar von 1340 wieder auf 1500 gestiegen.
Einen Zusammenhang haben diese orientaltschen und mitteleuropäischen Ereignisse insofern, als sie Len französischen Gewaltpolitikern zum Vorteil gereichen anb den Friedensfreunden neue Schwierigkeiten
Der Dollar wäre gewiß noch höher hincrufgstrieben worden, wenn nicht allseitig die Ansicht herrschte, daß dft Heimreise der Belgier keinen Abbruch der Verhandlungen bedeute, sondern nur eine vorläujige Unterbrechung, eine Verzögerung. Wir wollen hoffen, daß der Faden nicht abreißt, sondern bald weiter gesponnen werden kann. Doch darf man sich den Ernst der Lage nicht verheimlichen. Unser Reichskanzler hat dft Gelegenheit eines Empfanges beim Reichs- präsidenftn benutzt, um den Zwischenfall als einen neuen »Rückschlag" zu bezeichnen.
So weit sich die bisherigen Verhandlungen in Berlin übersehen ließen, waren Belgien und Deutschland zur Verständigung gelangt über die Sache selbst, «Ämstch über die Sicherheiten, die für dft deutschen Schatzwechsel gegeben werden sollten. Offen blieb nur dft Frage, ob dft sämtlichen Schatzwechft! nach 6 Monaten fällig sein sollten oder teilweise bis auf 12 oder 18 Monate verlängert werden könnten. Gegen dftsen Wunsch Deutschlands hatten dft Belgier fern sachliches Bedenken, aber sie glaubten nicht ohne werteres zustimmen zu dürfen, da nach ihrer Ansicht der Beschluß des Reparationsausschusses eine solche Verlängerung nicht vorsehe.
Nach unserer Ansicht hätte dft belgische Regierung, dft zur Verständigung mit Deittschtlmb berufen war, bet diesem formal-juristischen Zwirnsfaden sich nicht aufzuhalten brauchen. Und auch jetzt könnte die belgische Regierung einfach erklären, daß sie sich für be- chigt Halle, die Laufzeit der Wechsel ihrerseits zu bestimmen. Aber es scheint, als ob Poincare sich eingemischt und gefordert hat, daß diese Frage erst im Reparationsausschusse geprüft werden mufft. Wenn dft Seche auf diese Weste em den Reparationsauschuß zurückgeht, so ist allerdings zu verstehen, daß der Reichskanzler von einem „Rückschlag" sprach und auf die politischen Triebkräfte hinwies, dft hinter der rtnfrftoinonh fnrmtiMurHtiübcn Frage staken.
FuldaerZertung
Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Stadt Fulda.
den Mächte jetzt alles Erreichte wieder pceisgeben, nachdem sie bis auf Handbreite an bas tel gelangt mären. Auch bet einer ungünstigcn Entscheidung des Ausschusses wäre das letzte Wort noch n <cht ge- {proben. Sm äußersten Notfall kann Deui'chland doch wenigstens ein halbes Sohr Zeit gewinnen, und « diesem halben Jahre wftd sich das grvhe Problem hoffentlich weiftr entwiMn in der Richtung, die unser Reichskanzler kennzeichnet mit den Worten: „Ser Ge- Lanke des Wiederaufbaues Europas und der Welt mutz aus den Händsn der Rachepolitik hmübergetragen werden am ein Gebiet, wo nüchterne wirtschaftliche Erwägung dft Vorherrschaft Hai. Sn dieser großen Frage sind wir vorwärts gekommen.
Und wir werden auch weiter vorwärts kommen, roerat das deutsche Volk einig, ruhig und fest bleibt. Unter Nerjchluh »er GcfsenMchbeit.
Wie der „Temps" aus Brüssel imeßet, haben die aus Berlin zurückgekehrten belgischen Delegierten eine lange Besprechung mit bett Ministern Theunis und Jaspar'gehabt. Der Preffe fei keinerlei Mitteilung gemacht worden.
Staatssekretär Bergmann, der Vorsitzende der deutschen Kriegslastenkömmission m Paris und Staatssekretär Fischer sind nach Paris abgereist zu etwaiger Auskunftserteilung. . .
Mr Oer neuen PackmeMWU.
Der innerpotififdje Aufmarsch.
Dft Erweiterung der Reichsregie, runq. die im Sommer vor dem Auseinandergehen des Reichstages vorübergehend in ein entscheidendes Stadium getreten war, dürste durch den Zusammenschluß der beiden sozialistischen Parteien nach dem des Reichs-
tages im Oktober erneut m den Vordergrund treten. Wir haben bekanntlich stets auf dem Standpunkt gestanden, daß eine Erweiterung der Regierung durch Einbeziehung der deutschen Volkspartei aus innen- und außenpolitisthen Gründen dringend wünschenswert sei. Es soll in dftsem Zusammenhang nicht darauf hingowiestn werden, wie die Deutsche Dolkspartdi ftDst zu wiederholten Malen versagt und den richtigen ZeitMikt verpaßt hat. Sm Sommer war es dft Sozialdemokratie, die sich der Einbeziehung der Deutschen Volkspartei in die Regierung entschftden widersetzte. Daß der Zusammenschluß der beiden sozialistischen Parteien günstigere Voraussetzungen für eine Erweiterung der Recsirnma nach rechts schaffen werde, das hat man ernsthaft wohl kaum amiehmen können.
Dor „Vorwärts" mtnnti bereits jetzt (Nr. 210 vom 10. toept.) zur Frage der Regierungserweiterung Stellung und kommt zu einer entschiedenen Ablehnung einer Einbeziehung der Deutschen Dolksparfti in dft Regierung. Inwieweit sich diese Einstellung des „Vorwärts" mit der Auffassung der maßgebenden Parteiinstanzen deckt, kann dahingestellt bleiben. Sicher ist, daß sft mit der Sluffasstmg weiter sozialdemokratischer Kreise übereinftimmt. Der „Vorwärts" schreibt u. a.: „Durch den Druck von rechts kommen die bürgerlichen Koalttionsparteftn zweifellos m eine schwierige Lage. Wft fange sft ihm widerstel)en werden, bleibt akyuwarten. Auf olle Fälle werden sft gut tun, sich vor der Illusion zu hüftn, als sei es möglich, mit Hllfe der Sozialdemokratie eine neue 9k« gtcrurag zustande zu bringen, in der dft kapitoliftifchen
910(6 dw Meise der belgische« Elegierten
der Gewalt-Politiker.
Gefilia »an Zügen.
Roman von Anny van PanhuyS. #
9] ---------
„Sch habe die Tür nicht gewerft, das war die Köchin." Frau Sternhof setzte eine unsagbar empörte Miene auf.
„Wirt, weshalb lügen Sie, eben hat sich meine gute Friederike beschwert, baß Sie ihr, weil sic Ihnen ein wenig freundlich entgegenkam, hämische Antworten gegeben und dann hinter ihr die Türe zugeworfen haben. Auch mein Hausmädchen, eine durch und durch brave Seele, beklagte fid) bereits vorhin über Ihre Unliebens- roürbigfeit Deshalb muß ich Sie dringend ersuchen, höflicher zu sein. Und nun folgen Sie mir, ich will frühstücken und wünsche habet von Ihnen die Morgcn- blätter vorgelesen zu hören." Der fchwubdelige weißliche Morgenrock wandelte vor Gesina her und wies ihr den Weg.
Wie eine Betäubte schritt sie ihm nach und eine ungeheure Trostlosigkeit war in ihr. Wie eine Schuldige war sie abgckanzelt worden und hatte doch nichts getan, als sich dagegen verwahrt, mit den Dienstboten über die Herrschaft zu klatschen. Sie dachte gar nicht daran, sich zu verteidigen, Frau Sternhof würde ihr ja doch nicht glauben.
Im Eßzimmer war ein kleiner Tisch gedeckt. Appe- fitttid) und verlockend. Duftender Kakao, goldgelbe Butter und ein paar Eier.
„Meine lieben Kinder, Melg und Adele sind 3ur Mufikstunhe", erklärte Frau Sternhof, „Um ein Uhr können Sie hie fußen Mähchen abholen, has Konservatorium, das sie besuchen, befindet sich am Potsdamer Platz."
Sie ließ sich vor hem gedeckten Tischchen nieber und wies auf einen seitlich stehenden Stuhl, auf dem Zeitungen lagen.
„Nun lesen Sie vor."
Gasina tat wft ihr geheißen, und während sie Zeile eruf Zeile laß, atz Frau Sternhof mit gutem Appetit. Püppchen, das neben ihr auf einem Kissen hockte, ab vnd zu einen Bisten in den Mund 'chftb-md Gesina verspürte auch fiunaer. Heute früh um halb sechs batte
sie nur ein Täßchen Kaffee und eine dünne Schnitte Brot gegessen, nun muhte sie hier zusehen, wie es einer anderen schmeckte. Ihr warb ganz flau zumute.
Frau Sternhof unterbrach sie. „Ich würde Ihnen auch etwas Esten anbieten, aber junge Menschen dürfen sich nicht bett Magen überladen, ich bin leidend und muh kräftig und viel essen."
Ilm ein Uhr ging Gesina die Schwestern abboten. Sic tarnen Arm in Arm aus dem Haufe, form sich bas Konservatorium befand, und verzogen' das Gesicht bei ihrem Anblick.
„Wir wollen allein gehen, an der Straßenecke vor unserem Haufe können wir uns wieder treffen, Mama mit ihrer Ehrenwache ist langwellig."
Gesina erhob Einspruch.
„Die gnädige Frau wünscht, daß ich Ihnen zwei begleiten muß", erklärte sie fest.
Meta zwinkerte mit den Augen.
„Unserer Mama brauchen Sie es hoch auch nicht auf hie Nase zu hängen, wie wir uns mit Ihnen einigen."
Gesina blieb unerschütterlich.
„Ich bleibe auf Ihrem Leib bis zu Hause."
Ein boppdtes Lachen antwortete unb beide kicherten: „Sie bleibt auf unserem Leib bis gu Hause!"
Meta ward ernst. „Run seien Sie gescheit, Fräulein Ingen, denn auf die Art kommen Sie bet uns nicht teeit. Wir wollen nicht immer wie kleine Kinder nach Hause gebracht werden imd auch ein bischen von hem schönen dollen Berlin sehen. Mama hat darin etwas altmodische Ansichten." Sie langte in die Tasche und wollte Gesina ein Gelbstück in die Hand drücken. „Gehen Sie in eine Konbitorei, um Punkt zwei treffen wir uns dann unb gehen zusammen hie Treppen hinaus."
Gesina blieb bet ihrer Abwehr, bas Gelbstück wies sie entrüstet zurück, unb so trollten benn Meta unb Abele notgedrungen neben ihr her, schalten sie beide unb Gesina buchte fast mit einem Gefühl von Sehnsucht an Tante Maria. Unb bann saun sie traurig nach, weshalb kein Mensch gut zu ihr war. Seit hem Tobe her Eltern war niemand gut zu ihr gewesen. Dielleicht Frau Elmhorst ein wenig, ober sonst keiner
Gab es keine guten Menschen, ober war cs ihr pcr- ftnliches Peck, nur andere zu treffen? — In her Kellh-
straße angefommen, ging es gleich zu Tisch, doch Gesina warb nicht ins Eßzimmer gerufen, sie bekam bas Esten aufs Zimmer gebracht.
Mit belcibigtcm Gesicht schob ihr bas Zimmermäbchen ein Tablett auf den Tisch unb ging bann sofort wieder. Gesina hatte großen Hunger, aber cs schmeckte ihr nicht, hie Stellung hier hatte etwas unenMid) Demütigendes.
Nachmittags mußte sie den Schwestern helfen Monogramme in Taschentücher sticken und abends Frau Sternhof beim Ankleiden für hie Oper zur Hand gehen.
Fortan kam sie gar nicht zur Ruhe. Morgens hieß es, in allen Zimmern Staub wischen, Knöpfe annähen ober Wäsche büidyeftt. Sie hatte sich eine Gesellschasterin- stellimg eigentlich ganz anbers vorgestellt, und trotzdem sft sich die größte Mühe gab, alles so gut als möglich zu machen, ward ihr doch niemals ein Lob zuteil.
Eines Tages muhte sie „Püppchen" auf die Sttahe führen, was auch zu ihren Obliegenheiten gehörte. Der kleine weiße Seihenball trippelte hin unb her, steckte sein witternbes Näsd)en balb hier, halb dorthin unb fand heute scheinbar besonderes Vergnügen an diesem Straßeu- bummel.
Ein Herr ging an Gffina vorüber, grüßte, blieb stehen.
„Fräulein van Ingen, wie kommen Sie benn hierher. man sieht Sie ja braunen in unserem Nestchen gar nicht mehr."
Hans Elmhorst staub vor ihr, schlank unb front unb seine Augen suchten in ihrem Gesicht zu lesen.
Sie buchte plötzlich gar nicht mehr an ihren Haß, freute sich nur, einen Beräumen zu sehen unb gab ihm Antwort auf sekne Fragen.
„Gesellschafterin finb Sie?" fragte er etwas verblüfft, „aber ich finbe Sie viel zu jung bazu." Er lächelte. „Also beshalb biefc asketische Haartracht."
Er mußte baran denken, wie hinreißend Gesina aus» sah im Schmuck ihres völlig gelösten Haares, so wie er sie ohne ihr Wissen einmal belauscht. Des Rheingotts schönstes Töchterchen, die Nixentömgin, Rautendelftein, alles dies in ihrer von der rotgolbcnen Haarflut umwogten Perlon vereinend. Es zwang ihn förmlich, ihr l etwas Liebes zu sagen, denn ihre Augen blutten jo
traurig unb um ihren Mund lag ein leiser Zug vov Weh, ben er früher niemals bemerkt.
Doch ehe er noch dazu tarn, stieß sie einen leisen Schrei aus unb schaute sich suchend nach Men Seiten um „Püppchen", rief sie, „wo ist Püppchen?"
Hans Nmhorst brachte endlich aus ihr heraus, wer Püppchen war, unb sie suchten nun gemeinschaftlich nach dem kleinen schneeigen Spitz.
Doch keine Spur war bavon zu erspähen und Gesina mußte sich schließlich nach oben wagen, um zu berichten Püppchen sei verschwunben, währcnb Hans Elmhorst es unternahm, in her Nachbarschaft weitere Nachforschungen anzustellen.
Gesina war auf, keinen befonberen Empfang vorbereitet, aber baß Frau Sternhof so entsetzlich toben und schimpfen tonnte, wie sie es tat, hatte sie hoch nicht gefürchtet. Mit tränenüberftrömtem Gesicht mußte sie hie häßlichsten Schimpfrehen hinunterschlucken.
„Aber so smb die jungen Dinger", schalt Frau Sternhof, „kein Pflichtgefühl ist in ihnen. Schämen Sie sich, mit einem Herrn auf her Straße zu klatschen unb habet bas arme unfchulbige Tierchen hem Verderben preiszu. geben, Sic schändliches Geschöpf."
In bcrselben Sckunbc schrillte die Klingel, Püppchen kläffte braußen, bas Hausmädchen führte Hans Elmhorst herein. ,
Er grüßte. „Das Hündchen hatte sich in her nächsten Konditorei bequem gemacht, wo ihn ein Sabenfräuletn mit Auchen fütterte." Er wandte sich an Gesina. „Weshalb sehen Sie benn so verweint aus?" fragte er zögernd.
Frau Sternhof sprach scharf:
„Weil ich ihr gründlich die Meinung sagte, diesem leichtsinnigen Mädchen."
Hans Elmhorsts Ritterlichkeit ward wach.
„Fräulein Gesina van Ingen har doch nichts Boses begangen, in einem Augenblick, da sie nicht darauf achtete, huschte bas Tier in bic Konditorei, bas konnte Ihnen auch pastieren, gnädige Frau."
Frau Sternhof spöttelte: „Sic scheinen die Pflichtvergessene sehr in Schutz zu nehmen. Ich bedauere aber, auf eine Gesellschafterin verzichten zu müssen, die sich aus der Straße Stcllbichein gibt."
Gnädige Frau!" empörte sich Hans Elmhorst.