FuldaerZeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.
Nr. ,82.
Leranlwortltitr für den reöouionellen Teil: Dr. I. Kramer» z für die Anzeigen: 3. Varzeller-Fulda. u Rotationsdruck n. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda, ^ernfprecher Nr. 8. Postscheck-Kon!o 4051 Frankfurt a. M.
Donnerstag, lS. Sugust 1922,
Bezugspreis: Monatlich 28.00 Alk. zugestellt frei ins Haus- " , Abgeholt in der Geschäftsstelle 27.00 Mk. ::
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49. Zahrg.
wie und Der
We KMOmg te RMMMWr.
Gegen die Lügenpropaganda.
Der Reichswehrmmister hat jetzt dem Reichsheer offiziell von der Erklärung Kenntnis gegeben, die er im Reichstag über die Vorgänge bei der Hindert- burgfeier in Königsberg hat abgeben lassen und ferner von dem Schreiben an den Reichspräsidenten, in dem er um die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses für die Reichswehr bittet.
Der Reichswehrminister erhärt in dem betreffenden Erlaß an das Heer: „Ich lege Wert darauf, zum Ausdruck zu bringen, daß mir eine derartige Untersuchung als der beste, wenn nicht der einzige Weg erscheint, um die systematische Lügenpropaganda gegen das Heer in aller Osffentiichkeit aufzuklären. Der Schild der Reichswehr ist blank. Ihre Haltung und ihr Auftreten wird und muß von jedem Unparteiischen, wie gerade jetzt in Oberschiesieu, gern anerkannt werden. Wo Fehler vorkommen, werden sie abgestellt. Wir haben es nicht nötig, uns beschimpfen zu lassen und brauchen keine Untersuchung zu scheuen."
I Paragraphus zwei! Die Nürnberger hängen kei- I nen; s>e hätten ihn denn zuerst, lmd ich schlage vor, wir | machen es gerade so! Also wie kriegen wir den Kerl I Aar Strecke? Der Tausendsassa, der junge Ponsart in
Nancy, schreibt, er habe festgestellt, daß Monsi-ur nach I Deutschland abgereift ist — wohin aber, das wissen die I Götter! Hoffentlich benutzen die Götter ihre Wissenschaft I vnd lassen mir den Kerl begegnen — einen größeren | Spaß könnten sie mir nicht machen! O, wie ^herrlich I o wie schön wär' ein solches Wiedersehn!"
Otto Plate n begleitete seine Rede mit Gebärden, die für Herrn Charlot alias Lästerns nichts Gutes verhießen Felix mußte trotz seiner tiefen Gemütsbewegung über
I den Freund lachen und meinte:
„Charlot wird sich wohl kaum hier in I. sehen lassen nachdem es mir gelungen ist, zu entfliehen. Alle größeren europäischen Blätter haben doch ausführliche Berichte über meine abenteuerliche Flucht unter Nennung meines Namens gebracht, da wird sich der Herr Charlot wohl hüten, hierher nach I. zu kommen, wo er mir auf Schritt und Tritt begegnen kann!"
Man wechselte den Gegenstand des Gespräches und sprach von ber~ Ankunft des Heimgekehrten. Auf eine diesbezügliche Frage der Mutter erwiderte Felix, daß j von seinem Wiedereintritt in das Geschäft des Herrn Ulrich Hellborn nicht die Rede sein könne, da dies, nach dem, was geschehen, für beide Teile peinlich sein müßte: auch habe er aus der Heimreise mit Freund Platen einen Plan besprochen, den er unter allen Umständen zur Ausführung bringen würde. Und zum Schrecken für Frau Tauber erfuhr sie, daß Felix nichts geringeres beabsichtigte, als sich ganz der Flugkunst zu widmen. Die I Mutter bat und flehte, daß er doch diesen Gedanken I aufgeben möchte; es hieße den lieben Gott versuchen, I wenn man sich einem so gebrechlichen Fahrzeug anver- I traue — wenn der Herrgott wolle, daß die Menschen I fliegen könnten, dann hätte er ihnen Flügel wachsen I lassen — Felix möge froh fein, daß er das einemal mit I heiler Haut davongekommen sei, und was die gute Frau nicht noch alles vorbrachte. Aber alle ihre Gründe ver- I fingen nicht; der Sohn, unterstützt von Otto Platen, I versicherte, daß er nach seinem gelungenen Fluge über [
I das Mittelländische Meer zweifellos einer großen Ju- I fünft auf dem Gebiete des Flugwesens entgegengehe, I besonders, wenn er die von ihm geplanten Berbeffe- I jungen an Dem Flugapparate anbringe, die dem Flieger I fast eine abfolute Sicherheit gewährleisteten. Die Mutter I würde gewiß noch einmal stolz darach fein, wenn er, | Felix, sich vielleicht einmal zu dem Ruhme eines Zeppe- I lin emporgeschrmmgen hätte. Die Flugkunst habe ihn I aus dem Elend erlöst, deshalb weihe er ihr feine Zu- I fünft.
I Zauber protestierte zwar immer noch, mußte
I sich ober schließlich zufrieden geben. Es war mittler, roeile Abend geworden, und die Freunde gedachten noch
I ctnen kleinen Rundgang durch die Stadt zu machen und die Stammtischgefellschaft in bet „Altdeutschen Bierhalle" zu begrüßen. Otto Platen freute sich im voraus königlich auf die Ueberraschung.
”'Pje werden schön die Augen aufreißen, wenn wir plötzlich auf der Bildfläche erscheinen!" sagte er. „Als werden wir bestaunt. Es wächst zur Riesen-
| große unsere Tat, wenn erst durch Länder und Geschlech- ter der Munb der Dichter sie vermehrend wälzt!"
Und sich herzlichst von der alten Dame verabschie- dend, faßte der Ingenieur den Freund unterm Arme I imb beide verließen bas Haus.
Cm trübseliges Wetter herrschte draußen, so recht geeignet, um Felix daran zu erinnern, daß er sich nicht mehr unter dem sonnigen Himmel Afrikas, sondern in einem rauheren Himmelsstriche befand. Und doch hei- meite ihn der trübe Nooembertag mit seinen wallenden Jceoeln und dem beständig niederriefelnden Regen an.
. roar . bie Heimat, die ihm mit ihrer herben Lust ®*e^ers Brust schwellte, nach der er sich unter der Wut der südlichen Sonne jahrelang gesehnt hatte und j bcren, wenn auch heute unfreundliches Bild ihn dennoch I mit Entzücken erfüllte, gerade weil er das Herb-Un- I fr«inbl!che, bas der heimischen Zone anhastete, fo lange I lrrx ^a^c‘ ®*t innigem Behagen lauschte er dem I Glucksen und Rieseln der von den Dächern nieder- I strömenden Wasser, als wäre dieses Geräusch die wun-
Melodie, sah lächelns den mit aufgespannten I Regenschirmen bahineilenden Passanten nach, die alle I
Der Sturz von der höhe.
„Der Worte sind genug gewechselt, laßt uns jetzt endlich Taten sehen!" begann jetzt Otto Platen, nachdem in dem Gespräch über die glänzende Verheiratung Helene Hellborns eine Pause eingetreten roar. „Die Sache mit Deinem früheren goldlockigen Schatz ist aus und oorbei — also Schwamm drüber! Jetzt müssen wir vor allen Dingen vereint bie Nacht des Zweifels mit der Wahrheit Licht erhellen. Wenigstens wollen wir es ver- Wjen. , wenn ich nicht sehr irre, dann hat sich eine gefunden, auf der wir den Fuchs aufstöbern können, diesen geriebenen Gauner Lafleure, der Dich damals ins Garn lockte, Felix!"
Der Sprecher entnahm feiner Brieftasche ein Schrift- ;UCVrl „JL eVmp.cr- »Dieser Brief", fuhr er fort, •fanb sich er der für mich eingelaufenen Korrespon- denz Dann schreibt mir bie Frau Ponsart in Nancy — Ihr wißt ja, die alte Dbftoertäuferin am Bahnhof, non ber ,ch Eutt) erzählte - daß sie den Herrn Lafleure roiedergesehen habe. Das alte Weiblein hat dem Schuft toort ihren S°hn einen gewandten Jungen, auf die ^,9e£'„n ni*?«e«l,at 65 glücklich herausgebrackst, bafe L.er md)t lafleure, sondern Charlot heißt und daß er Dertreter eines großen Pariser Aktienuntemeh- E- 'st. ES ist Nichts fo fein gesponnen, es kommt E'ch an das Licht der sonnen! Der Name Charlot siel nnr sofort aus - .ch mußte ihn schon irgendwo j gehört haben, und nchttg bm ich drauf getommen. Mir W 5 wie dem SSaLenftcm: ich vergesse keinen, mit dem 'ch einmal Worte habe gewechselt. Bor drei Jahren, kurz bevor Du nach Nancy abgedampft bist, Felir, wurde mir em Charlot in Gesellschaft vorgestellt, der sich hie- längere Zeit Herumgetrieben hat. War, soviel ich mich erinnere, ein Börsenmensch, kleiner Kerl mit stechenden schwarzen Augen, etwas schleppendem Gang echt^ran- zösischer Typ, Mundwerk wie eine Klappermühle ' .“
„Lafleure wie er leibt und lebt!" warf der aesvanttt zuhörende Felix ein.
»Sicher sind dieser Charlot und der famose Lafleure ein und dieselbe Person! So wett wären wir! Aber
Gras Lerchenseld, I der bayerische Ministerpräsident, ist nunmehr in Be- gfetung des Ministers des Innern und des Iustiz- MMisters zu den Besprechungen mit der Reichsregie- rung von München nach Berlin abgereist.
Die Schwierigkeiten, die in der bayerischen Frage I Manier noch liegen, ergeben sich aus einer Aeußerung der <>mtrums-Parlaments-Korrefpontenz, die fo.genbes schreibt: „Die bayerische Regierung scheine nicht den ernsten Willen zu haben, den Streit zwischen Reich und Bayem möglichst rasch wieder beizulegen. Der Reichs- prasidem habe deswegen sogar ein Telegramm nach München schicken müssen, jn dem er eine beschleunigte Besprechung der schwebenden Angelegenheiten oor- i schiagt. Ob Graf Lerchenfeld auch diesmal wieder euren 4usroeg suchet, um die Lösung der Frage in die Länge zu Meben? Gr scheint ganz im Banne der Bayrischen Bolkspartrr zu stehen, die unentwegt die Rechtmäßigkeit der baycrffchen Notverordnung vertritt und verteidigt, ^yre Konespondenz scheint wohl der Meinung zu sein, dafl dre Reichsregierung es mit dem Bruche der Reichs- verfasstMg so leicht nehmen würde, wie die Bayerische S^.1' Denn wenn sie verLaugt, daß die Unter- himdler, dre nach Berlin gesandt werden, sichtbare
6 6 r mit nwt> Hause nehmen, so
mag sie bedenken, daß das Recht auf Berfassungsände- *^,n ~ ?etIn einc solche vevlangt die Bayerische Bolkspavtet nut ihren sichtbaren und realen Pfändern — nur v o m Reichstag beschlossen und bewilligt werden kann. Bayern ist es der Reichstegierung und dem ganzen Reiche schuldig, daß es im Interesse des BoikSMizen aus feine „Eigenbröteleien" verzichtet. IDcnn Bayern har die furchtbare mnenpolittsche Gefahr heraufbeschworen, die von allen Bolkskreisen und von allen Staaten des Deutschen Reiches als solche ge- brandmarkt und verurteitt wird mit Ausnahme ter Bayerischen Regierung und ter nationalistischen Kreise Deutschlands, die eben jegliche Gelegenheit benutzen, um Opposition gegen die Reichsregierung zu treiben, sogar dm«, wenn es den Franzosen in ihren Plänen und llbstchten paßt, wie es der Fall Bayern gezeigt hat." i
wird von zuständiger Seite bestätigt. Es ist anzunehmen, daß die Waffen von dem sogenannten wilden Selbstschutz in Oberschlesien während der Unruhen dort versteckt wurden. Da auch große Mengen von Schrot vorgefunden wurden, wird vermutet, daß das Material aus gewinnsüchtigen Zwecken dort versteckt wurde, um bei Gelegenheit verwertet zu werden. Bon irgendwelcher militärischen Bedeutung ist der Fund mit Rücksicht auf die geringe Zahl der vorgefundenen Waffen nicht.
soziales.
bts Altrentnergesetzer zum Unfall für- jorgege etz vom 15. »ärz 1886/18. Juni 1901- Personen I des Soldatenstanbe-, bie nach bem Unfallfürsoraegesetz I mrr'Or10tstoCrmtIV t>ertr,etcn beö öfteren — gestützt auf I Nr. o bet Vorbemerkungen zu ben AuZführungSde. I ino'<1’1sln8fA äUJn PensionSergänzungsgesetz vom 9. Juli I &en Standpunkt, daß für bie Neufeftstellung ihrer I VeriorgungSgebührnisse nunmehr das PensionSer- I eanzungsgesetz vom 21. Dezember 1920 in Frage komme. | .*? ’l*- entgegenzuhalten, daß das PensionSerpänzungS. I 6eie§ nur für Offiziere und Beamte gilt, auf bie I Angehörigen des Solbatenstanbes also keine Anwendung I nn-öe”. ^nn Des weiteren wird bte Ansicht vertreten. I Unfallfürsorgegesetz versorgten Per.
1 loneit nach dem Altrentnergesetz umanzuerkennen sinb. I
I mit verdrießlichen Mienen so rasch wie möglich aus bem I Wettergraus unter ein schützendes Dach ju kommen I strebten — was hätte er vor einem Jahre darum ge- I geben, wenn cs ihm vergönnt gewesen wäre, die nebel- | feuchte Herbstlust sich um bie Stirn wehen zu lassen — I weiches Glück hätte es für ihn bedeutet, auf diesem I schlüpfrigen Asphaltpfaster zu wandeln, das im Reflex I der Gaslaternen glänzte! Selbst in der trübseligsten I Jahreszeit verlor bie Heimat ihren anheimelnden Zauber I nicht.
„Wenn wir in bem Tempo weitergehen, dann werben I aür fo naß wie bie Katzen!" mahnte der Ingenieur den gemächlich neben ihm herschreitenden Felix. „Ich schlage vor, wir sputen uns ein bißchen und befeuchten uns lieber innerlich!"
„So lange habe ich ein fo gediegenes Regenwetter entbehrt, daß es mir ordentlich Spaß macht, darin herumzulaufen!" entgegnete Felix.
„So — na, bas ist Geschmackssache — die meine nicht! Kannst bas Vergnügen noch oft genug haben, denke ich — deswegen rate ich Dir: Genieß bas Köstliche auf biefer Erde mit Maß und Ziel! Mein Bedarf an himmlischem Naß ist ausgiebig gedeckt, und hätte ich gar nichts dagegen, wenn wir die nächste Elektrische benutzen — dort hinten klingelt schon eine!"
Sie blieben an der nächsten Haltestelle stehen, um ben Wagen zu erwarten. In diesem Augenblick ertönte bie Huppe eines Autos und aus einer Seitenstraße bog bas Gefährt fauchend um bie Ecke, sodaß es von der gerade an dieser Stelle in der Mitte der Straße hängenden Bogenlampe voll beleuchtet wurde.
In dem Fond des Autos faß ein einzelner Herr/ sei dessen Anblick sich Felix gewaltsam beherrschen mußte, um nicht laut aufzuschreien. Hastig den Freund am Arm packend, raunte er ihm zu:
„Lafleure — er roar es! Ich hab ihn deutkich ertön nt!"
Das Auto war schon im Dunkel der Ferne vevsthwun- den, als Otto Platen erst begriff, um was es sich handette.
„Was sagst Du? Lafleure-Charlot roar in der Stink- droschke? Die Kanaille hätte sich doch hierher gewagt? Das wäre ja einzig! Da könntest D« ja hi« Dein
Deutsch« Reich.
w Berlin, 9. Aug. Der,Reichsanzeiger' veröffend licht ein Gesetz über die Abänderung des Gejeyei betreffend die Metallreserven der Privat. Notenbanken vom 13. 7., die Abänderung bei Bekanntmachung über die Ausfuhrerleichterungen vom 27. 7. und ein Verzeichnis der Schiffsfahrzeuge, die in Ausführung des Friedensvertrages abzugeben sind und für die deutsche Regierung beschlagnahmt werden.
* Ein preußisches Beamtengefetz. Laut,Boffischen Zkg? liegen Teile des Entwurfes eines allgemeinen preußischen Beamtengesetzes, das von dem Staats- kommissar für Vorbereitung der Verwaltungsreform Dr. Drews ausgearbeitet wird, dem preußischen Staatsminifkerium bereits vor. Es handelt sich hrerbei namentlich um das Disziplrnarrecht Mit den Spitzenorganisationen der Beamten findet am 22. und 23. September eine Vorbesprechung über das Beamtengefetz statt.
* Der rheinische Provinzialausschuh hat gegen die Ernennung des Landrats Klausner zum Regierungspräsidenten von Aachen und des Bevollmächtigten Bauknecht zum Regierungspräsidenten von Koblenz Einspruch erhoben. Die Besetzung der Stellen wird daher wohl eine Verzögerung' erfahren. Bauknecht, ein Mehrheitssozialdemokrat, wird namentlich auch vom Zentrum abgelehnt, weil er sich in religiös-feindliche Aeußernnaen ergangen haben soll.
Ausland.
* Die Griechen vor Konstantinopel. In Rodojto am Marmerameer sind weitere griechische Truppen eingetroffen.
Schule und Volksbildung.
— Der preußische Kultusminister gab an bie Provin. zialschiilkollegien einen Rimderlaß heraus, worin es heißt: Die Ereignisse der letzten Zeit fordern bie Erziehung zu lebenbiger Staatsgesinnung. Die staatsbürgerliche Erziehung als wichtigste Aufgabe der beutschen Schule verlangt dringend, baß den Schülern und Schülerinnen alles ferngehalten werden muß, was geeignet wäre, sie in der Staatsgesinnung zu verwirren ober sogar gegen den Staat zu beeinfluß fen, zu dessen Bürgern und Bürgerinnen sie herangebildet werden und bem sie einmal mit Hingebung dienen sollen. Anschließend an die Berichte über die p 1 a n v o 11 e B e r» hetzung Jugendlicher gegen den Staat und die Staats« form durch eine Reihe von Iugendverbänden und Schülervereinigungen verbietet der Minister den Schülern und Schülerinnen aller Schulen, Schülervereinigungen oder sonstigen Vereinigungen anzugehören oder an ihren Veranstaltungen teilzunehmen, die sich nach ihren Satzun- egn oder nach ihrer Betätigung gegen den Staat ober bie geltende Staatsform richten, seine Einrichtungen bekämpfen, die Mitglieder der Regierung des Reiches oder eines Landes verächtlich machen oder Mitglieder der deutschen Volksgemeinschaft ober ihres Glaubensbekennt, niffes wegen bekämpfen.
Das Ergebnis ter langen Reden, die zwischen Poincare und Lloyd George sowie den anderen Entente-Staatsmännern in London gewechselt worden find, stellt sich als eine Verschärfung der Gegensätze zwischen Frankreich und England dar. Poincare hat bekanntlich ter Konferenz Vor- fihläge für die Reparationsfrage gemacht, die zunächst geheim gehalten werden sollten, über die aber fetzt berichtet wird. Poincare behauptet, die Bedingungen des Friedensoertrages würden von Deutschland immer weniger ausgeführt. Deuffchlands Maß- n~JPien hinsichtlich der Kriegsbeschuldigten seien nollrg unangemessen, die deutsche Entwaffnung un- genugend. Die Steuern seien in Deuffchland be- standlg heruntergesetzt worden. Frankreich erhalle nterhaupi nichts. Es vermehre seinen Geldumlauf ^hne Bedenken. Poincare forderte, daß im Falle die Rsparationskommission Deutschland ein Moratorium bewillige, die Alliierten als Gegenleistung produktive Pfänder verlangen sollten, innere Kontrolle, die Ausbeutung der staatlichen Bergwerke und ter Dominialwälter und Beleili- gung an den großen Jndustriegesellschaften. Was feine Grundsätze anbetreffe, so sei er unnachgiebig.
Lloyd George machte in seiner Erwiderung, bevor er auf die von Poincare gemachten Dorschläge einging, einige Bemerkungen über die allgemeine Lage. Er sagte, alle Alliierten litten schwer; die Lage sei überall ernst. Er erinnerte Poincare an die Verluste Großbritanniens und Italiens sowie an die Steuerlasten Englands. Die Last Großbritanniens fei derjenigen der am schwersten belasteten Länder mindestens gleich. Auf die Entwaffnung Deuffchlands übergehend, sagte Lloyd George, keine militärische Autorität könne in Abrede stellen, daß Deutschland außer Stande sei, ein Heer auszurüften, das selbst gegen eine der kleinere Mächte auftreten könnte. Das tnilitä- rische Deutschland sei nietergebrochen; es lieg« im Staube. Deuffchland sei kaum imstande, die Ord- . nung in seinem Lande aufrecht zu erhalten. In dieser Beziehung habe ter Versailler Vertrag gute Arbeit verrichtet. In Bezirg auf die deutschen I Zahlungen sagte Lloyd George, trotz der bewilligten Aufschübe habe Deuffchland insgesamt bisher 10 Milliarden Goldmark bezahlt. Das sei immerhin eine Summe in Anbetracht dessen, daß Deutschland drei Revolutionen durchgemacht habe und offenbar eine mir unvollkommene Kontrolle über alle Teile des Reiches habe. Trotzdem habe der GaraMieausschuß einen im gwßen und ganzen günsttgen Bericht über die Bemühungen Deuffchlands zur Eingebung der Steuern erstattet. In dieser Beziehung habe Deuffchland nicht schlecht gearbeitet. Es sei wahr, daß Deutschland Klagen über feine schwere Lage erhebe. Die Versicherungen eines Schuldners dürfen nicht ohne eine Nach- I Prüfung hingenommen werden, aber es handele sich I bei Deutschland nicht um ein bloßes Gejammer. I Der Wechselkurs fei ein wichtiges Fieberthermo- I Meter. Das müsse von den alliierten Staatsmän- I ner« in Rechnung gezogen werden. Er habe nicht I den Wunsch, daß Deuffchland frei davonkomme, I ater die Frage sei, welche Methoden angewandt | werden sollen. Lloyd George schlug vor, den Rat | der Sachverständigen über die Vorschläge Poin- 1 eures einzuziehen, bevor die Minister sich für den I einen oder anderen Plan enffchlössen.
Wffa ÄsmmWll in London
Die „Entente cordiale“ von Gefahren bedroht.
Ein Tag bedeutsamer Entscheidungen.
S ch a n z e r und T h e u n i s betonten, schwere Verluste ihre Länder gehabt Haden stimmten dem Vorschläge Lloyd Georges zu. j a p a ni s ch e Delegierte sagte, das einzige Ziel ter Alliierten müsse sein, so viel Geld wie mög- l ich zu erhalten. Auch er stimmte dem Vorschlag
I Lloyd Georges zu.
Es wurde beschloffen, die Erklärung Poincares I über die Pfänder ter Sachverständigenkommission I zu unterbreiten.
In ter Sitzung ter erwähnten S ach oer st ä n d i- j genko in Mission erklärten die teitifchen Sachverständigen, daß die Alliierten bereits über präzise I produktive Pfänder verfügten, wie z. B. die 26prozen- tige deutsche Ausfuhrabgabe. Ebenso sei der Garmttie- I ausschuß berechtigt, ähnliche Maßtmhmen M ergreifen. I Der französische Finanzmimster behauptete, daß Deutschland sich seiner Verpflichtungen bezüglich der Exportabgabe nicht mehr entledige. Die ins Ange ge- I faßten Pfänder hätten keinen milttärischen Charakter.
Nach dem „Observer" sind die französischen j Vorschläge bis ins Einzelne a u s g e a r o e i t e t.
Line Krittfche Sage.
Während obige Ausführungen über die Verhältlüsfe berichten, wie sie im Laust des Montag und Dienstag sich daigestM haben, berichten m-s nun zwei Drahtmel- düngen über die Beurteilung der Lage, dst in ter Nacht Mn Mittwoch in London platzgriff. Das amtliche Telegraphenbüro meldet uns:
wtb Paris, g. August (Tel.). Perlinax reist dem I »Echo te Paris" ans London mit, er erfahre zuverlässig, daß der privatfekretör des englischen Premier- w.inislers gestern abend Sy3 Ahr englische Journalisten empfangen und ihnen erklärt habe, daß Lloyd George entschlossen sei, das Programm Poincares zuruckzuweisen. Er habe hiuzusefügt, daß, wenn die Veftimmungen nicht geändert werden, die Entente cordiale nur schwierig fortgesetzt werden können.
In gleichen Bahnen bewegt sich eine untere Meldung:
wtb 'paris, 9. Aug. (Tel.) havas meldet aus London: In britischen Kreisen hat man heute nacht einen sehr pessimistischen Eindruck. Man er- klärt offen, daß die englische Regierung heute, am 9., den Gesamtplan Poincares zurückweisen werte und man gebe zu verstehen, daß der heutige Tag eine ganz beson. dere Bedeutung haben werte, ja sogar einc Rückwirkung auf die Zukunft der Beziehungen zwischen England und Frankreich.
Wenn sich Lloyd George nach diestn Meldnn- gen auch stark zu machen -cheint gegen tee französischen Anschläge, so darf man nach den bisherigen Erfahrungen noch lange iricht die Befürchtung aufgeben, daß England auch diesmal wieder im Wesentlichen Poincare nachgibt. Wir müssen in ter üblichen Geduld abwarten, was zum Schlüsse ter Konferenz hcrauskommt. Im schlimmsten Falle unser Todesurteil; im besseren Falle ein p r o v i- I sorischer Behelf, der die Sache bis zur nach- I sben Konferenz verschleppen kann. I
Vaffenfunde in Neiße.
Eine Havasmeldung von der Auffinduilg von I 1000 Tonnen Kriegsmaterial in der Festung Neiße |