Einzelbild herunterladen
 

FuldaerZerlung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.

49. Zahrg

Samstag, 5. Kuguft 1922

Nr. 178

ibratferet ht Fulda.

— Die bayerische Frage

oöllfi

[ren

SBte dem auch f«, daß wir m eftror Situation sichen, ist jedem Kar, denn die

oatioer Mann. Nie wird, $o betonte der Gelehrt« einleitend, in weiteren Kreisen des preußischen Volkes die Erinnerung an Herrscher wie den Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm I., Friedrich II. und Kaiser Wil­helm I. erlöschen. Wer etenforomg dürfe verschvieg«, «erden, daß nach dm trüben Novembertagen man­ches besser -«worden ist, als träfe bekümmerte Bürger damals sich vorstellten: insbesondere die Fort- entwicklung der Wssmschaftspslege.

Bezugspreis: Monatlich 2S.00 2SL zugeltellt frei ins Haus- - Abgeholl in der Geschäftsstelle 27,00 litt

Anzeigen: Kleinzeile nachCotonel 2.50211t; «tust». 4,002Rf.

Nekiamezei'e (Textbrette) noch Lol»ne>maß 10 Mark.

Ckn trefflicher Wort

Der Berliner UniversilSlsrekkor zum Ralhenair-ZNord.

Die Berliner Unioersiiüt beging am Donnerstag mittag das Gedächtnis ihres Stifters Friedrich Wil­helm III. mit einer besonderen Feier, die durch eine

Die Absichten Englands.

Vielleicht wird auch noch einmal das -deutsche Volk les Wort an sich bestätigt finden: „Wo die Not am größten ist, ist Gottes Hilfe am nächsten." Jetzt sind wir noch mitten im Drange steigender bittererNot. Manche wollen es 'war immer noch nicht sehen. Sie amüsieren sich, leben in den Tag hin­ein, vergessen über ihre kleinen persönlichen Interessen «Iles mtoere und erschöpfen ihre Lun-mkra-st im Schimpfen und Kritisieren. Dalmrch wird die Stim­mung immer mehr erhitzt und dem Chaos der Sieg er­leichtert. Jeder oateriandsliebende Deutsch« s<Me sich alte Morgen vornehmen, im Laufe des Tages durch 1«n Verhalfen und fein Reden die Einigkeit zu torbcm. In Köln hadeiracher Tage die Angehörigen des großen Verbandes bi Zdlischer Stufcenterrom: ne in diesem Sinne eine w-irkst^^volle Parole ausgegchen: >,Was eint und versöhnt, wollen wir hervor­heben. Was trennt und entzweit werden wir unter Wahrung der Grundsätze yrrihffbetten und meiden." Wenn das alle Dolksgmossen nach Möglichkeit beachten wollten, dann wäre unserem Datevland viel geholfen. Dann wäre die Hoffmmy belebt, daß die Wunden des Krieges einmal heilen würden. Dann brauchten wir nicht, wie es jetzt fo ost an ims herantritt, Shmberr der dangen Sorge für unser im Kern gesundes Volk und für onser schönes Vaterland zu durchleben.

Auch die Reichsrvgtenmg hat erkannt, daß die neu herarrfgezogene Gefahr nur durch innere Einigkeit herabgemindert werden kann. Sie hat es für notwen­dig erachtet, sich mit den Führern aller Fraktionen von den Deuts chnat tonalen bis zu den Unabhängigen in Verbindung zu setzen, um sie über die Schwere der Situation nicht im Unklaren zu lassen und mit allen gemeinsam Beratung zu. pflegen. Stabet ergab sich vAlige Uebereinstimmung darin, daß die gespannte innere und auswärtige Lage des Reiches die ruhige Entschlossenheit der Regierung und des gan­zen Volkes erfordere.

Was Herr Poincare im anzelnen im Schilde fuhrt, ist nicht bekamst, daß er aber eine neue Schi­kane gegen das deutsche Volk zu unternehmen be- -abflchtigt, steht außer allem Zweifel. Und es ist daher nicht ausWschtosien, daß sich das deutsche! Volk, der ungerechten Willkür ausgeliefert, vor einem neuen schweren Eingriff französischer Herrschaftsgelüste sehen kann. Die Frist, bis zu der auf Grund der diktatori­schen Forderungen Pomeares Deutschland die Ver­sicherung abgeben soll, am 15. August die Summe von 40 Millionen Goldmark zu zahlen, läuft am Samstag ab. Im Falle des Ausbleibens einer solchen Versiche­rung droht Poincare nm sofortigen Maßnahmen. Der französische Ministerpräsident wartet also nicht ein« mal den Fälligkeitstermin der Zahlung ab, sondern will schon vorher zu bestimmten Maßnah­men gegen uns greifen. Dabei ist noch nicht er­sichtlich, was er im einzelnen darunter versteht Man sprüht von einer beabsichtigten Beschlagnahme der deutschen Reichseinnahme in ben Grenzen des besetzten Gebietes, von einer Beschlagnahme deutscher Forde­rungen in Frankreich oder sogar von einer Schalllos- haltung an deutschem Privateigentum. In der franzöfi- M;cn Presse taucht auch wiederum irä Frag« des Ruhrgebietes auf oder sonstige gewaltherrliche

3o ßrnwtnng smzW« öuäfereien. Ruhige Entschlossenheit!

Den ersten Teil seiner Red« widmete Nernst dem Gedächtnis Rathenaus. D-rm, fe sagte er, die Universität darf nicht schwcrgen, wenn sie den innersten Kern ihrer Destrebmrgen bedroht sicht, wenn Mechel, nwrfc eingreist. Alle miliaren Umstände enifalten, wenn rein politische MeinunNsverschiedenhenen auf fc:m Dege heimtüMschen Ueberfelfe «usgesochten werden sollen. Richt nur an der Menschlichkeit, auch am aka­demischen Geiste versündige man sich, wenn man eine« geistvollen Forscher und einen der größten soziatpositi- schen Schriftsteller unserer Toxc gewaltsam tnts dem Wege räumt. Und er fuhr ton: Unser Aeiialter wird kaum einen zweitsr Mann ne-rcrt Rai Henau zu nenne« wissen, der die Ätifiur feiner Zeit so vielseitig und ttabd so gründlich ausgenommen Hai. Der Gelehrt» schloß seinen Nachruf mit dem Satze: „Nicht roh» Gewalt, nicht die Machst des Reichtums, nur des Ee iftes Zepter währen ewig."

Soziales.

— war erhält eine Krieger«>riwe, die wieder hei- ratet. Der $ 39 des R. V. G. betagt: .Im Falle der Wiederverhelratung mit einem Deutsche« erhält die Witwe ax Stelle der Witwenrente eine Abfindung in Höhe des dreifachen .Zahresdetrages der den ihr zuletzt bezogene» Rente. Im Falle der Wiedernerheirotung mit einem Ausländer »der Staatenlose» erlischt die Witwenrente; doch könne» die Borfchriftcn des Absatzes 1 Anwendung finden." Die Durchführung dieses Para­graphen hat zu außerordentliche» Härten geführt, mit denen sich die maßgebende« Körperschaften deS .Zen­tral» erb a»d es deutscher Kriegsbeschädigter und Kriegerhinterbliebexer" (Berit» AO. 18) mehrfach ein. gehexd beschäftigt haben. De« Bemühungen des „Zen- tralverbandeS d. St. SB. und St. S>.‘ ist eS zu verdanken, daß eine Erklärung erfolgt ist, daß sich Härten, die sich au» einer »ar de» 1. Äpril 1920 erfolgten Wrederver- heiratuxg ergebe» Haden, .auf Grund des Härtepara- grophex deS R. B. ®. beseitigt werden können. Zur AnSkunfterteilung, bei etwaige» Unklarheiten ist das «ausekretariat des Z. B. Frankfurt a. M., Kepler, strahe 13", gerne bereit.

rung der deutschen Mark durch die französi­sche Wahnsinns Politik hat einen solchen Umfang cmgc nommen, daß die deutsche Regierung, die von chr ge­forderte Versicherung an Frankreich nicht abgeben wird, weil sie nicht zahllMssssähi« ist. Der Ausruf der Reichs- rogierung Mr ruhigen Entschlossenheit, des Volkes ist darum vollauf berechtigt, zumal auch die durch oie Er­mordung Ratheirauis- und die Bayerische S) a >• tuna henmfbelchworene innere Lage durchaus noch nicht so abgeglättet ist, daß man von einer völligen Beruhigung sprechen könnte.

Wir stehen vor einer schweren utto ernsten Be­lastungsprobe und man muß dem Wunsch hegen, daß die von der deutschen Regierung geforderte ruhige Ent­schlossenheit zur Richtschnur der Beu^Mimg der kom- nrenben Dinge und der Haltung der Parteien wird.

veiitjche; Reich.

* Berlin, 4. August. Nach einer Meldung wird der bekanntlich verbotene „Berliner Lokolan» geiget" am kommende» Sonntag früh wieder erscheine». Die Aufhebung des Verbotes ist nicht auf dem Beschwerdewege, sondern auf dem Wege direkter Verhandlungen" zwischen dem preußische» Minister des Innern Severing und der Redaktion deS Blattes erreicht worden. — Ter Minister des Innern Severing hat auf Grund des § 1, Abs. 1 und 2 der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze der Republik die Jugendvereiniaung „Die Knap.penschaft"(Hauptsitz Kassel) milden gesam­ten Gauleitungen und Unterabteilungen für den Bereich des Freistaates Preußen verboten.

* tritt Etappen-Skattdal. Ein belgisches Schwur­gericht hat dieser Tage ix Brügge zwei deutsche Gardeoffiziere (in Abwesenheit der Angeklagten) wegen Mordes zu« Tode verurteilt. Sie sollen int Jahre 1916, als sie in Belgien in der Eiappe stau- den, den Grafen d'Udekem V Acoz aus ganz Hieb- eigen Motiven ermordet haben und waren deshalb bereits damals von einem deutschen Kriegsgericht zr einer allerdings sehr geringen Strafe verurteil, worden. Wie von amtlicher Stelle naigeteilt wird hat sich nlinniehr auch das R eichsj ustiz mini-> st er i um der Prüfung des in Deutschland vorhan­denen Materials über den Fall angenommen und wird daS Ergebnis bald der Oeffentlichkeit bekannt geben. Die kriegsgerichtlichen Akten au§ Cent Prozeß gegen die beiden Offiziere sind vom Reichsarchiv eingesordert worden.

Der Reichstag

soll nach den Besprechungen der Parteiführer Beim Reichskanzler gegenwärtig nickt einberufen werden. Auch eine Einberufung des Auswärtigen Ausschusses käme zurzeit nicht in Frage.

3m englischen Unterhanfe

sprach Lloyd ® eorge über die Reparations­frage. Die Rede kündigte nach der »Franks Ztg/ zwei Grundgedanken als Richtlinien an: erstens die Notwendigkeit, Deutschland nicht durch lieber« la stung zu ruinieren, es jedoch ebensowenig wegen seiner augenblicklichen Zahlungsunfähigkeit aus der Reparationspflicht zu entlafien; zweitens die Forde­rung, daß die endgültige Regelung nicht ausschließ­lich zu Lasten Englands gehen dürfe, sondern alle Opfer bringen müßten. Lloyd George sicherte Deutsch­land volle ,/aimess“ und auf der anderen Seite Frankreich „justice“ zu.

Die Debatte ergabvokle HandknngSsrei- heit für daS Kabinett. Eingeleitet wurde die Aus­sprache durch ein sehr beachtenswertes objektive- Expose deS Schatz kanzlers über die Lage Deutsch­lands, das die Schwierigkeiten, mit denen Deutschland zu kämpfen hat, voll anerkannte und die Ueberzeugung ausdrückte, daß Deutschland eine vernünftig begrenzte Reparationsschuld auch ho­norieren werde; zunächst aber brauche Deutschland Ruhe. ___

Vie antwort -er Bayerischen Ministerpräsidenten

auf das Schreiben des Reich-Präsidenten Ebert liegt jetzt im Wortlaut vor.

Die Note betont eingangs, daß die Bayerische Re­gierung dem ReichSpräsidentn für seine aus staatk. männischer Erwägung entspringende Auffassung auf­richtigen Dank weiß, denn auch sie erblicke in der Ausschaltung deS Zwanges die einzige Möglichkeit, den Streitfall ohne Schaden für da? deutsche Vaterland zu schlichten. Wenn die Reichsregierung die Auffafiung vertrete, daß die bayerische Verordnung der verfassungs­mäßigen Grundlage entbehre, so vermöge die bayerische Regierung dem nicht beizupflichten. Sie müffe sich jedoch an dieser Stelle verfassungsrechtliche Ausführungen versagen, da eene bloß formalrechtliche Entscheidung keine Lösung einer Frage bringen könne, deren wesent- liche Bedeutung auf politischem Gebiete liege.

„Zum Wohle unseres deutschen Volkes und Landes wünschen Sie die Aufhebung der bayerischen Verord­nung vom 24. Juli 1922 auf Grund des Art. 48, Abs. 4, Sah 2 der ReickSverfaffung vermieden zu sehen. Für diese aus staatsmännischen Erwägungen entspringende Auffassung weiß Ihnen die bayerische Regierung auf­richtigen Dank; denn auch sie erblickt in der Aus­schaltung deS Zwanges die einzige Möglichkeit, den Streitfall ohne Schaden für da- deutsche Vaterland zu schlichten."

Die Note bezeichnete dann die bayerische Berord- nung als eine Abwehrmaßnahme, zu der sich die Bayerische Regierung als Hüterin der Verfassung und angesichts des staatlichen Notstandes verpflichtet glaubte. ES wird dan» weiter auf die tiefgehende Erregung deS von treudeutscher Gesinnung erfüllten bayerischen Volke- über den Vollzug der neuen Gesetze hingewiesen.

„Sollte die Verordnung, sei e* schlechthin beseitigt, sei es durch eine unbefriedigende, den Keim neuer Berwickelungen bergende Regelung ersetzt werden, so würde in ganz Bayern ein Zu st and der Beun­ruhigung eintreten, für den die bayerische Negierung auch vom Standpunkte des Neichswohles die Verant­wortung nicht übernehmen könnte."

Der Ernst der Lage erfordert es, daß eine Rechts- läge geschaffen werde, die den bayerischen StaatSnot- wendigkeiteu entspricht. Hierzu die Hand zu geben, sei die Bayerische Regierung jederzeit bereit Sie wünsche dringend über die Beilegung des jetzigen Falles hinaus die Wurzeln künftiger Konflikte zu beseitigen. Das bayerische Volk vertraue dem im Schreiben des Reichspräsidenten ausgesprochenen Ent­schluß, die staatliche Hoheit der Länder zu schützen und hoffe, daß sich mit der tatkräftigen Hilfe des Präsiden­ten der Weg finde, um eine Sicherung für die Zukunft ßu schaffen und zwar durch Vorschriften, die dauernde Bürgschaft dafür bieten, daß die Hoheitsrechte der Länder nicht ohne ihre Zustimmung eingeschränkt werden können.

Zum Schluß verweist die Note auf die Notwendig- leit, daß da? ganze deutsche Volk in seinen staat­lichen Gruppen sich in freudiger Mitarbeit der. einigt Regierung und Volk Bayerns seien gewillt, das deutsche Reich vor Erschütterungen zu bewahren, war gerade in dieser Zeit politischer Spannung eine gemein­same Pflicht ist.

Nach Empfang der Note sand eine Beratung des Reichskanzlers mit dem Reichspräsidenten statt. Nach Bericht unsere? Berliner Mitarbeiters läßt die Note den Weg einer Verständigung für beide Teile offen. Angeblich sollen nunmehr mündliche Verhand­lungen zwischen der ReichSreqierung und dem Grafen Lerch en selb in Berlin am Sams­tag beginnen. Bon anderer Seite wird diese Zu­sammenkunft in Abrede gestellt.

Die neue bayrische Koalition.

Die »Poff. Ztg." erfährt aus München, daß die Koalitionsverhandlungen Donnerstag abend beendet worden sind. Die Mittelpartei wird das Justiz- Ministerium besetzen. Das Handelsministerium besetzt die Bayrische Volkspartei.

Verantwortlich für den reüauionellen Seil: Dr. I. Stromer» - für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. v Rotationsdruck n. Verlag bet Fuldaer Attiendruckere, ht Fulda Fernsprecher Nr. 9. Postscheck-Konto 4051 Frankfurt a. M.

Oer Am; von der höhe.

Roman von Fritz Ritzel, -

10. Kapitel.

Schon feit Jahresfrist ging in ... an der Börse das Gerücht um, daß zwischen den Inhabern der Dankstrma Weüy u. Eo„ dem alten Herrn Justu Welty und seinem Sohne Hugo eine tiefliegende Verstimmung herrschte, die sich, wie man von einigen indiskreten Angestellten des Hanfes erfuhr, in häufig sich wiederholenden heftigen Austritten zwischen Vater und Sohn bemerkbar machte. Als Grund des Zwistes nahm man im Anfang die Hei­rat Hugo Weltys mit der Tochter des Uhrmachers Ulrich Hellborn an, da man doch allgemein wußte, wie un­erwünscht dem alten Herrn Welty die eheliche Verbin­dung seines Sohnes Hugo mit der Tochter des Sanftere Lillstein gewesen wäre; doch mußte man diese An­nahme fallen lassen, als man feftftellte, daß die junge Frau Hugo Weltys in der herzlichsten Weife mit ihrem Schwiegervater verkehrte und dieser bei jeder Gelegen­heit seine Zufriedenheit über die Wahl feines Sohnes erkennen ließ.

Der Grund des Zwistes zwffchen Vater und Sohn wcu allerdings ein ganz anderer, und zwar rein ge» fchästlicher Natur. So sehr der alte Herr nämlich die geschäftliche Routine seines Sohnes anerkannte und von dessen erfolgreicher Tätigkeit erbaut war, so mußte er doch mit der Zeit die Erfahrung machen, daß Hugo Grundsätzen huldigte, die er, der Vater, nicht gutheißen konnte. Herr Welty senior war noch ein Mann vom alten Schlage, der sich in keine Unternehmungen einließ, die nur im geringsten einen zweifelhaften Charakter trugen. Er verabscheute das wilde Spiel an der Börse imb hielt an dem Grundsatz fest, fein Gut nur durch anstrengende Arbeit zu vermehren — „langsam unt solid einen Stein _ nach dem anderen aufzufetzen" — wie er sich ausdrückte. Hugo Welty dagegen schreckte nicht vor den gewagtesten Spekulationen zurück, und wenn ihm diese auch meistens glückten, so fanden sie doch den Beifall des Vaters nicht da nach dessen Auffassung der solide Rus der Firma durch diese Art des Geschäfts­betriebs untergraben wurde. Als bann das Haus

Welty u. Co. von einigen durch Hugos Waghalsigkeit vevschlldeten empfindlichen Fehlschlägen betroffen wurde, tarn es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Bater und Sohn, die, je öfters sie sich wiederholten, an Schärte gewannen und schließlich damit endeten, daß der alte Herr sich gänzlich von den Geschäften Pkrückzog imb dem Sohn, mit dem er sich vollständig entzweit hatte, die Firma überließ, nachdem er seinen Anteil dem Ge­schäfte entnommen. Denn er wollte nicht, wie er erklärte, eines wahnwitzigen Spielers halber, in seinen alten Ta­gen noch an den Bettelstab kommen. Er war, ungeachtet der Bitten Helenens, nach einer benachbarten Stadt ge­zogen, um dort den Abend feines Lebens in Frieden zu verbringen.

Hugo Welch hatte nicht das Geringste getan, um den Bruch mit fernem Sätet zu verhüten. Die Trennung entsprach im Gegenteil völlig feinen Wünschen. Er war kapitalkräftig genug, um auf eigenen Füßen zu stehen und alt genug, um nicht alles, was er tat unb ließ, bemäkeln zu lasten. Die otten, verrotteten Anschauungen seines Vater» waren ihm, wie er sagte, ein Greuel — die paßten nicht mehr m die moderne Welt. Jetzt konnte er unbehelligt seiner Waghalsigkeit im Döysenspiel die Zügel schießen lasten: das vertrieb ihm den Mißmut darüber, daß seine l)äuslichen Verhättniffe ihm so gar keine Befriedigung boten. Denn seine Frwi wurde, wie er festzustellen glaubte, von Tag zu Tag kühler und zu- rückhaltender gegen ihn, und er irrte sich in dieser An- nähme nicht.

Seit jenem Tage, an dem Helene einige Worte des Gesprächs zwischen ihrem Satten und dem diesen be­suchenden Herrn Charlot erlauscht hatte, war eine merk­würdige Veränderung mit ihr norgegangen. Ihr sonst so lebhaftes, auf das Oberflächliche gerichtetes Wesen hatte etwas Sinnendes, Lauerndes angenommen, als grüble sie über irgend etwas Rätselhaftes nach. Gegen ihren Gatten verhittt sie sich noch abwehrender wie früher und wenn er sich in ferner bald inständig flehen­den, bald wild leidenschaftlichen Weife über ihre Kälte beklagte, dann sah sie ihn nur mit einem vorwurfsvollen Blicke an und merkwürdig war es, daß er diesen Aus­druck in ihrem Auge anscheinend nicht vertragen konnte. Denn wie ein Schuldbewußter wendete er sich jedes­mal ab und vermied es, tagelang, feiner Gattin unter vier Augen zu begegnen, bis ihn seine leidenschaftliche

Sehnsucht wieder zu ihr trieb imb ihn in flehenden Worten um ihre Liebe betteln lieh. Aber so sehr er sich erniedrigte — den Weg zum Herzen seines jungen Weibes fand er nicht.

Es war, als stände zwischen diesen beiden Menschen eine unsichtbare Scheidewand, durch welche keine Pforte ging — als wäre das heilige Band, das sie verknüpfte, nicht wirklich, sondern mrr zum Scheine gestochten worden.

Helene Welty empfand vor ihrem Gatten ein unbe­stimmtes Grauen, über dessen Ursache sie sich keine Re­chenschaft geben konnte. War es das sklavische, würde­lose Betteln um ihre Gegenliebe, das sie von ihm ab= stieß, oder entsetzte sie sich über das scheue Glimmen, das m dem Auge des Gatten lag, «en» sie den forschenden Blick voll auf ihn richtete? Warum «ich er immer die­sem Blicke aus — warum zeigte fei» ganzes Wesen etwas wie ein »erchssei erstes Schuldbewuhtfein, wen» er, wie fo oft in letzter Zeit, eine Szene herauf beschwo­ren hatte? Und zwar hatte Helene das unbestimmte Empfinden, als fei seitens ihres Gatten irgend etwas begangen worden, das er in erster Linie vor ihr, feinem Weibe, verhehlen müffe.

Es war nicht müßige Neugierde, welche die junge Frau dazu antrieb, das Tun und Lasten ihres Gatten unabläffig zu beobachten — ein innerer Zwang gebot ihr mit allen Mitteln, dem Geheimnis nachzufsrfchen. Sie entblödete sich nicht, in Abwesenheit Hugo Weltys heimlich in besten Zimmern herumzustöbern, ohne aber dabei etwas zu entdecken, was zur Aufklärung hatte dienen können. Diese Nachforschungen wurden ihr eigent­lich zu ihrem Erstaunen recht leicht gemacht, indem über ihren, früher in diesen Dingen so exakten und faden- geraden Mann in letzter Zeit eine merkwürdige Zer­streutheit und Zerfahrenheit gekommen zu fein schien, in der er vergaß, auf Tischen und Möbeln liegende, oder sich in den Taschen seiner Kleider befindliche Brief­schaften wegzuschließen oder den Schliisfel von feinem Schreibtische abzuziehen.

Schon glaubte die junge Frau nach wiederholten, fruchtlosen heimlichen Visitationen in den Gemächern ihres Gatten diesem mit ihrem Verdachte Unrecht getan Zu haben, als sie eines Tages zu ihrem Erstaunen in her offen gebliebenen Schublade eines Möbelstückes ein, t

kostbare Taschenuhr sand. Wie sie noch niemrf« n hug» gesehen hatte. Ihr BefremWen wuchs, als sie Wen Stem­pel der Firma ihres Baters in Wem Deck»! Wer Uhr ge­wahrte wch diese als eines jener kostbaren Werke er­kannte, welche ihres hohen Preises halber nut selten eine» Käufer fanden. Wie tarn diese Uhr in Wen Besitz ihres Mannes? Daß er sie selbst ix dem Geschäft der Baters gekauft hatte, «ar aus keine» Fall anKUnehme», den» dann hätte sie dies doch i» dem Jahre ihrer Ehe er­fahren! Warum trug Hug» Welty die Uhr niemals imb warum verheimlichte « ihre» Besitz?

Und plötzüch erinnerte sich Wie junge Frau, daß der Franzose, der sich Lafieure genannt und Felix nach Frankreich gelockt hatte, eine derartige Uhr in dem Geschäfte des Baters erstand — der Bater hatte ee nachher bei Tisch erzählt. Sollte dieser Fund und der neulich »•■ dem Besucher ihres Gatten, diesem Herrn Lharlott, deullich erwähnte Namen Safleure in irgend einer Beziehung zu einander stehen? Begierig durch­blätterte Helene die noch in dem Schubfache liegenBe» Briefschaften, die sämtlich privater Matur waren unk teilweise von Damen herzurühren sehiene». Das be- rühtte sie nicht im geringsten; nur rasch ließ sie ihre Blicke über die Zeilen gleiten, ob diese nicht den Namen Safleure enthielten und achtlos legte sie die zarten Dries- chen wieder zurück, ohne von deren Inhalt Kenntnis zu nehmen.

Plötzlich zuckte sie zusammen. Das Schriftstück, wel- ches sie soeben in der Hand hielt, war eine Noto, aus­gestellt von dem Srand-Hotel in Nancy für Herrn Laf­ieure aus Paris. Eine erhebliche Summe «ar darauf quittiert. Aufmerksam prüfte Helene die verschiedene» Posten und mit Mühe nur unterdrückte sie einen Schrot- kensruf, als sie in einer der unteren Zeilen las: beug chambres pour Monsieur Tauber.) (Zwei Zimmer für Herrn tauber.) Deutlich »er der Name Tauber aus- geschrieben; es konnte kein Irrtum fein — Felix war mit diesem Safleure im Grand Hotel in Nancy ab. gestiegen. Das wäre an und für sich nicht auffällig gewesen, denn Herr Safleure wollte ja Felix am Bahn­hof abholen und in irgend einem Hotel muhten die beiden doch übernachten! Aber warum gelangte diese Rechnung in den Besitz Hugo Weüys, ihres Gatten?

, (Fonjetztutg folgt.)