FuldaerZeilung
Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Stadt Fulda.
Nr. 173.
Verantwortlich für den redaltionellen Teil: Dr. I. Kramer, z für die Snseigen: I. Parzeller-Fulda. s Rotationsdruck n. Derlös der Fuldaer Äctiendruckerei in Fulda. Ferniprecher Nr. ft. Pofticheck-Konto 4051 Frankfurt a. M.
Sonntag, 30» Juli 1922.
3eiugs preis: Monatlich 24,00 Akk. zugestellt frei ins Haus- u Abgehoü in der Geschäftsstelle 23,50 M.
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49. Zahrg.
Bagern und das Reid).
Der Brief des Reichspräsidenten.
Neue fleußerungen der €ntente*Staatsmänner.
Der schon erwähnte Brief, den Reichspräsident Ebert an dm bayerischen Ministerpräsidenten Grafen Lerchenfeld richtete, h<n folgenden Wortlaut:
Hochverehrter Herr Ministerpräsident! Die Stellungnahme der bayerischen Staatsregierung gegenüber dem Geseg zum Schutz der Republik erfüllt mich mit ernster Sorge und zwingt mich, Ihnen folgendes mitzuteilen: Die von der bayerischen Regierung zu diesem Gesetz er» lassen« Verordnung steht nach meiner und der Reichsregierung Auffassung und Ueberzeugung im Wider- sprach mit der Reichsoerfassung. Sie stellt eine schwere Störung der deutschen Reichseinheit dar, die bei ähnlichen Schritten auch anderer Länder den Destond des Reiches gefährden müßte.
Aus meiner Aufgabe als Hüter der Reichsverfaffung unb des Reichsgedankens erwächst mir daher die Pflicht gemäß Artikel 48 der Reichsverfassung auf die Aufhebung der bayerischen Verordnung hinzu- wirken.
Ich möchte mich zu diesem mir durch die Reichsverfassung gewiesenen Schritte erst dann entschließen, wenn ich die Ueberzetkgung gewinne, daß auch die letzten Mittel zu einer Verständigung über eine schnelle Beilegung dieses Konfliktes erschöpft sind.
Ich bitte Sie daher, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, im Interesse unseres deutschen Volkes und Landes, das uns beiden gleichmäßig am Herzen liegt, nochmals in Erwägungen einzutreten, ob es nicht möglich erscheint, Ihnen und mir diesen so unerwünschten Schritt zu ersparen.
Ich benutze die Gelegenheit, um gegenüber den in Bayern aufgetauchten Befürchtungen mit allem Nachdruck zu betonen, daß die Auffassung durchaus irrig ist, in dem Gesetz werde die systematische Beseitigung der bayerischen Hoheitsrechte eingeleitet. Die aus der schwersten Not der Gegenwart geborenen und nur für einen gemessenen Zeitraum geltenden Bestimmungen sind Lebensnotwendigkeiten unseres bedrohten staatlichen Da-
feins.
Sie sollen und können aber in ihrem Vollzug in keiner Weise den staatlichen Charakter der einzelnen Länder beeinträchtigen, der — in der Reichsoerfassung fest ge- gründet — gerade die Stärke des Reiches darftellt und besten Wahrung während der Dauer meiner Amtsführung ich mir zur besonderen Aufgabe gemacht habe.
Zur beschleunigten Klärung der innen- und außenpolitisch in gleichem Matze gefährdeten Lage und angesichts der mir aus der Reichsverfasjung obliegenden Verpflichtungen darf ich mir die Bitte erlauben, mir bald Ihre Antwort zukommen zu lasten.
Mit dem Ausdruck meiner aufrichtigen Hochachtung "Uhr ergebener gez.: Ebert.
lieber die Folgerungen, die die bayerische Regierung aus dem Schreiben zu ziehen gedenkt, verlautet noch nichts bestimmtes. Die befonneren Kreise in Bayern scheinen die Möglichkeit einer Verständigung sehr zu begrüßen. Vorlüusig übenlegt man sich den Fall noch. Der „Staatsztg." zufolge werden der Mi- nisterrat und die Parteien er st Anfang nach st er Woche zu dem Briefe des Ministerpräsidenten Stel- turüg nehmen.
Die Rechtslage.
Rach der „Voss. Ztg." sagt«"der Ordinäres für Stuatsrecht an der Universität München, Professor Rothenbucher, in einem Vortrage über das staatsrechtliche Verhältnis zwischen Bayern und dem Reich, jeder bayerische Richter müste sich die Frage vorlegen: Äst diese Berordmmg rechtsgültig? Er würde sich für verpflichtet halten, nach dem deutschen Reichsgosetz zu verfahren und die bayerische Verordnung als nichtig und nicht bestehend zu erachten. Die Folge davon sei, daß kein Angeklagter das Gericht anzuerkennen brauche.
Bayern und General Ludendorff.
Wie der „Lokalanz." erfährt, hat die bayerische Re- fltemng dem kommunistischen Landtagsabgoerdneten
Ändert, der Ludendorffs Ausweisung aus Bayern verlangt hatte, weil dieser den Rathemmmord auf bolschewistische Initiative zurückführte und sich als Söldnerführer bei einer gemeinsamen Expedition gegen Sowjetrußland angebvten hatte, erklärt, dich diese Behauptungen falsch und ungerechtfertigt seien. Don einem Asylrecht des Generals Ludendorff in Bayern könne keine Rede fein. General Ludendorff fei Deut- scher und habe, wie jeder Staatsbürger, im ganzen Reiche verfastumgsmäßige Freizügigkeit und könne seinen Wohnort wählen, wo er wolle.
Die Außenpolitik.
Di« Angelegenheit der Ausgleichszahlungen.
Auf die Not der deutschen Regierung wegen der Barzahlungen im Ausgleichsverfahren ist die Antworr der französischen Regierung eingegangen. Die deutschen Anträge auf Herabsetzung der monatlichen Pauschalzahlungen von zwei Millionen auf 500000 Pfund Sterling werden darin in unge« tvöhnlich schroffer Form abgelehnt. Die französische Regierung stellt für den Fall der Nichtzahlung der Monatsraten die Kündigung des Abkommens vom 26. Juni 1921 und das Verlangen striktester Durchführung des Friedensvertrages in Aussicht. Nach Androhung einer weiteren Reihe von Maßnahmen wird schließlich einer Frist von zehn Tagen eine Erkiärung der deutschen Regie- rung verlangt, dahingehend, daß daS deutsche LuS- gleichsamt auch künftig eine Pauschalsumme von zwei Millionen Pfund Sterling zahlen wird, andernfalls die erwähnten Maßnahmen in Wirksamkeit treten würden.
Frankreich und di« Reparation.
Mirösterpräfident Poincare hat im Mimsterrat die Leitsätze ferner RepMationspolitik ouisemandergeseA, jedoch keinen umfassenden Plan unterbreitet. Havas zufolge ist Poincare noch mit der Prüfung eines umfassenden Planes beschäftigt. Dielen Plan roerbe er Lloyd George bei seiner demnächstigen Zusammenkunft vorlegen und sich mit diesem darüber ausoimmdersetzen, Poimare hält es für notwendig, daß die französisch- englischen Besprechungen noch vordem 15. August stattsinden, damit eine gemeinsame Antwort auf das deutsche Moratoriumsersuchen er« teilt werden kann.
Line Friedensrede Lloyd Georges.
Bei einem Frühstück mir Geistlichen mÄ> Laien hielt Lloyd Georg« eine Rede, in der er sagte, die K i r ch e n müßten sich zusammenschließen, um einen neuen Krieg unmöglich zu machen. Aber auch der Friede berge Gefahren, und die Erde sei voll davon. Das Gefühl breite sich aus, daß früher oder später ein neuer Konflikt kommen müsse. Nationen, die versunken und begraben waren, stellten neue Heere auf und bauten fürchterlichere Maschinen, als selbst der letzte Krieg sie gesehen habe. Großbritannien habe seine Rüstimgcn noch unter die vor dem Kriege vorhandene Stärke herabgesetzt. Wenn jebe Nation dasselbe tun würde, dann würde es keine Gefahr für den Frieden geben. Lloyd George erflläde schließlich, daß er große Hoffnungen aus den Völkerbund setze. Wenn aber der Wökcrbund mit einem Mißerfolg ende, sei die Zivilisation zum Tode verurteilt. Nur die öffent- liche Meinung könne dem Völkerbund Kraft geben. Sn dieser Beziehung müsse die Kirche ihren Einfluß geltenb machen.
I Der Rathenaumord.
Hauptverhandlung im September.
Nach einer amtlichen Meldung ist mit Sicherheit damit zu rechnen, daß die Hauptverhandlung in der Mordsache Rathenau bereits im September vor dem GtaatSgerichtsh of stattfindet.
Der wegen Begünstigung festgenommene Mieter der Burg Saaleck, Schriftsteller Stein, sowie der ebenfalls festgenommene Kapitänleutnant Wolfgang Dietrich aus Erfurt, die von dem zuständigen Berliner Amtsrichter auf freien Fuß gesetzt worden waren, sind auf Veranlassung des Oberreichsanwalts wiederum festgenommen worden.
MIOtal fies mß. AmeWMer.
Der preußische Justizmimster hat durch Runiwer- fiiguitg vom 18. d. M. den JustizbchördM Beschleunigung der auf Grund des Amiwstiegesetzes zu treffenden Verfügungen und Entscheidungen zur Pflicht gemacht und die Generalftaatsanwälte angewiesen, das Gesetz nach seinem Inkrafttreten durch die Amtsblätter bekannt zu machen.
Durch eine allgemeine Verfügung vom 26. d. M. sind jetzt weitere Anordnungen über die Anhörung der Beteiligten und ihre Belehrung über die Bestimmungen des Gesetzes, besonders über das Recht zur Anrufung des durch § 4 des Gesetzes vorgesehenen Ausschusses, getroffen. Das StaatSminksterium hat beschossen, daß dieser Ausschuß sich aus folgenden Mitgliedern zusammensetzen soll, die sämtlich dem Landtag ange- hören: Dr. Siegfried Rosenfeld, Gottwald-Berlin, Dr. Seelmann, Dr. Kriege, Dr Liebknecht, Tuschke, Menzel-Halle. Der Ausschuß wird im preußischen Justizministerium Berlin-W., Wilhelmstraße 65, tagen und hat dort seine Geschäftsstelle.
Staatshalt oder Privatbahn?
Der Reichsverkehrsminister hatte bekanntlich im Dezember des vergangenen Jahres zur Beratung der Neuorganisation der Reichsbahn und zur Vorbereitung seiner Entscheidung in dieser Frage einen Organisationsausschuß gebildet und als Vorsitzenden dieses Ausschusses den Staatssekretär im Reichsver- kehrSministerium Kumbier berufen. Der Ausschuß besteht zu gleichen Teilen aus Vertretern der Reichs- bahnverwaltung und des Personals. Bon den durch die Großorgamsationen des Personals zu stellen!»» Der- ti'ettrn entfallen auf den Deutschen Sisenbahnerverband 4, die Reichsgewerkschaft Deutscher Eisenbahnbeamten und Anwärter 3, die Gewerkschaft Deutscher Eisenbahner 2, den Allgemeinen Eisenbahnerverband 1.
Dieser Ausschuß hat sich in zwei Sitzungen eingehend mit dem für den Reichsverband der Deutschen Industrie von einer fünfgliederigen Kommission erstatteten Gutachten „Die deutsche Eisenbahnfrage" befaßt. Wegen des Interesses der behandelten Fragen für die große Orffentlichkesi hat der OrgMÄsationsausschuß seine Verhandlungen über die Frage „Staatsbahn oder Prwatbahn?" in einer Broschüre (Grünheft) zusammengefaßt, die in diesen Tagen im Deblag für Politik und Wirtschaft, Berlin W. 35, Potsdamerftr. 45 erscheint.
Beamtenfragen.
— Die SurzlelchrzuschlSge für bie Beamten. Nach dem ,Loka!anz.' hat daS preußische Staatsministerium den ständigen Ausschuß des Landtags veranlaßt, zum Zwecke der Erhöhung der Ausgleichszuschläge für preutziscbe Beamte zujammenzutreten. Der AuS- schuß hat folgender Vorlage deS Staatsministeriums zugestimmt: Der AuSgleichSzufchlag wird bis zu einer anderweiten Festsetzung durch den Staatshaushaltsplan oder durch besonderes Gesetz für alle im Absatz 1 ge. nannten Bezüge gleichmäßig mit Wirkung ab i. Juli 1922 auf 160 Prozent und mit Wirkung ab 1. August auf 185 Prozent festgesetzt. Der RerchSfinanzminister hat sich bereit erklärt, die erforderlichen Mittel vorschußweise zur Verfügung zu stellen.
Deutsches Reich.
* Berlin, 28. Juli. Der Reichskanzler hat den badischen Staatspräsidenten Dr. Hummel einge- laden, bei der Verfassungsfeier im Reichstage am 11. August die Gedenkrede zu halten. Staatspräsi- deut Dr. Hummel hat die Einladung angenommen. — Reichstagsabgeordneter Reinhold Wulle übersendet der,®ena‘ eine Mitteilung, wonach weder er noch seine antisemitischen Freunde aus der deutsch- nationalen Partei auszuscheiden gedenken. Ihre Darlegungen gegen diese Partei seien mißverstanden worden. — Wie das ,Berl. Tagebl? erfährt, wird ReichS gerichtSPräsident Dr. Simons seine Amtsgeschäfte am 1. Oktober übernehmen. Reichspräsident Ebert beabsichtigt, die Einführung des neuen Reichsgerichlspräsidenten persönlich vorzunehmen.
* Die Emigungsbestcebnngen der sozialistischen Parieren. Laut „Vorwärts" traten Vertreter der Par- tsivorstände der Sozialdemokraten und dar Unabhängigen zu einer Sitzung zusammen ,in der eine Aussprache über die Einigung stattfand. Es herrschte beiderseits Einmütigkeit darüber, daß dir Selbstänldigkeit der Parteien in keiner Weise beeinträchtigt werden dürfe, bis die Parteitage Stellung genommen haben. Es soll aber alles vermieden werden, was der Einigung Hindernisse bereiten könnte.
* Der „Friedericus Rcx"-Film. In dem Streit um den „Friedericus Rex"-Film ist, wie der Lokalanzeiger berichtet, die Film Prüfungsstelle angewiesen worden, davon Kenntnis zu nehmen, eng das Gesetz zum Schutze der Republik auch auf die Filmprüfung Anwendung zu finden hat. Thüringen wird voraussichilich in den nächsten Tagen den Antrag stellen, die Vorführung de§ Films im Widerrufverfahren zu verbieten.
z«r die katholische presse.
Eine Mahnung an die Katholiken der Diözese Fulda.
Im „Kirchlichen Amtsblatt der Diözese Fulda" gibt die Bischöfliche Behörde folgendes bekannt:
Die hochwürdigon Herren GeisLichen ersuchen wir, die nachstehende Mahnung zur Unter st ützung der katpolichen Presse den Gläubigen von der Kanzel zu verlesen und auch sonst bei sich bietenden Gelegensten eindringlichst ans Herz zu legen. Wir vertrauen, daß auch der Klerus selbst der katholischen Presse in der richtigen "Erkenntnis ihrer MerMMchen Bedeutung für die Wahrung religiöser Belange auch unter Opfern die Treue halten werde.
„Die ungeahnten Steigerungen der Löhne und na- inerctlich der Preise für die Rohstoffe haben der Presse Lasten auf gebürt et, die viele Zeitungen nicht mehr tragen können. Unsere katholischen Zeitungen und Zeitschriften sind besonders schlimm daran, well sie mit Rücksicht auf die katholischen Grundsätze auf viele Einnahmen, besonders aus Anzeigen, verzichten müssen. Der roirtfr'- -che Untergang unserer katholischen Preffeuntec ragen, die unter den schwierigsten Verhältnisse.. ...» Leben gerufen wurden, bedeutet eine gewaltige Schädigung unserer kath. Inte- ressen. Darum bitten und ermahnen wir die Diözesanen, der katholischen Presse, auch wenn heute größere Opfer notwendig sind, unbedingt treu zu. bleiben. Papst Pius X. hat sich einst als Bischof bereit erklärt, selbst seinen bischöflichen Ring zu verkaufen, wenn er damit die katholische Presse seiner Diözese retten könne. So bedeutung-voll erschien ihm das geschriebene Wort. Wir appellieren deshalb vertrauensvoll an die Opferwilligkeit und den Weitblick der katholischen Bevölkerung, der katholischen Presse, die seit Jahrzehnten in guten und in bösen Tagen die Sache der Kirche und der christlichen Religion so mann- hast und unerschrocken verfochten hat, in der Zeit der Not die Treue zu bewahren und für ihre weitere Verbreitung unablässig zu sorgen."
Der Sturz von der höhe.
Romcm von Fritz Ritzel.
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..Herr Plaien — wie freue ich mich, Sie zu treffen! Ich habe Sie heute abend gleich erkannt und wollte Ihnen heute noch schreiben, daß Sie mich morgen bei Tante Tauber besuchen, Bitte begleiten Sie mich nach Hause und gönnen Sie mir eine kleine Stunde — ich fabe etwas überaus Wichtiges mit Ihnen zu besprechen!" Ohne weiteres den Arm des etwas verdutzt drein- schauenden und verlegen einige Begrühimgswotte her- “o‘’**a”ln}(änben Ingenieurs nehmen, winkte sie ihrer Begleiterin und schritt mit leichtem Neigen des Hauptes gegen ie sie erwartungsvoll begrüßenden Herren nach cer gegenüberliegenden Straßenseite, wo ein elektrischer S™ ±n ö" Abfahrt klingelte.
„d in Möller ist eine alte Bekannte von Platen!", sagte Herr Rudolf Wellhorst, der gleichfalls in dem \”Unil die alte Dame ist Frau Tauber, drei bohren • *s “n3Wtflid)en Felix Tauber, der vor * TOnWh»spurlos verschwunden ist." , . ‘v überirMH^' ben alten Freund wiederzu- J*? “LS" ihn mit Vorwürfen, weil er m^t em e.nziges Mal geschrieben habe. „Haben Sie mich denn ganz vergessen?" fragte sie. „Gelte ich Ihnen gar nichts mehr, daß Sie es noch nicht der Mühe wert gefunden haben, mir hm und wieder einen Gruß zu schicken?" _ .
„SIber gnädiges Fräulein," verteidigte sich der In- genieur, „ich konnte^ doch nicht annehmen, daß — —
„Und gnädiges orauletn titulieren Sie mich, anstatt Fräulein Martha, rote an jenen gemütlichen Abenden hier an dem runden Tisch!" unterbrach ihn die junge Dame. „Jetzt bin ich Ihnen aber wirklich böse!"
„Silber anäbiaes Fräulein — Fräulein Martha__wie
konnte ich voraussetzen, daß Sie auf Ihrer gegenwärtigen Hohe des niederen Sterblichen in solcher Freundschaft gedenken? Den Hochgesiieg'nen mahne nie daran, daß ehedem er klein wie Du gewesen — mahnt ein etientalitoer Wettert*
„Sie sind immer noch der Alke!" lachte Martha fröhlich auf, um gleich darauf in ernstem Tone fortzufahren: „Was mich heute bestimmt hat. Sie dem Äreis Ihrer Freunde zu entführen, ist eine überaus wichtige Mitteilung,. die ich Ihnen in Betreff des armen Felix zu machen habe. Tante Tauber hat mir geschrieben, rote viele vergebliche Mühe Sie sich gegeben haben, um eine ©pur von dem Verschollenen äu entdecken. Ich habe nun in ben letzten Tagen etwas erfahren, was möglicherweise Aufklärung bringen kann!"
Frau Tauber hatte ben Teetisch hergerichtet unb sah jetzt zitternd vor Erregung nach der jungen Dame, die einer kleinen Tasche ein altes abgegriffenes Büchlein entnommen hatte, das sie vor sich auf den Tisch legte und darin zu blättern begann.
„Dies kleine Buch kam auf seltsame Weife in meinen Besitz!" erzählte sie ben gespannt Zuhörenden. „Zwei Tage vor meiner Abreise hierher schrieb mir eine Diakonissin bes Armenhospitals, daß ein Insasse der Anstatt bringend nach mir verlange, da er mir wichtige Mitteilungen über einen Verschollenen zu machen habe. Leiber kam bie Karte einige Stunben zu spät in meinen Besitz, ba ich zufällig von zu Hause abwesend war, so daß ich ben Kranken nicht mehr lebenb antraf, als ich nach dem Ärankenhause fuhr. Ich ließ mich zu der Leiche führen, vermochte aber mit dem heften Dillen mich nicht zu erinnern, ben Mann jemals im Sehen gesehen zu haben. Wie mir bie Diakonissin erzählte, roar er vor einigen Tagen totkrank von der Straße aufgelesen unb in das Hospital gebracht worben. Legi- timationspapiere würben bei ihm nicht gepmben, — nur dieses alle Notizbuch, aus dem hervorgeht, baß der Tote Fritz Kugler hieß unb bei bet französischen Fremben- Icgion in Algier gebient hat. Ich glaubte, daß eine NamensoerwechÄung voiliege her Name Möller kommt oft genug vor — unb sprach diese Vermutung gegen die Diakonisiin aus; diese aber behauptete, daß der Kranke in einem seiner Hellen Augenblicke ausdrücklich > nach der Opernsängerin Martha Möller verlangt habe. Zum Beweis« dafür halte bie Schwester bas Notizbuch des Toren herbei unb man sich meine Ueberra- ! jchunL iwsi«* '■*' " 1®**» Seite des Buches 1
meinen Namen unb darunter bie Worte geschrieben fanb: Felix Tauber, Sibi ben Abbas, 19. Juli 19**!"
„Gibt ben Abdas — habe ich es mir nicht gleich gebucht!" fuhr es Otto Waten heraus. „Daß ich Kamel nicht früher auf ben Gedanken gekommen bin, der doch so nahe lag! Lassen Sie mich das Buch sehen, Fräulein Martha — vielleicht ist darin noch etwas zu finden, was genauen Aufschluß gibt!"
Und hastig das ihm gereichte Notizbuch durchblätternd, nickte er mehrmals vor sich hin und sagte zu ben ihn in gespannter Erwartung ansehenden Frauen:
„Irgend ein Schuft von Werber hat ben armen Felix vor brei Jahren in eine Falle gelockt und zur französi- schen Fremdenlegion gepreßt. Das ist mir klarer wie bas Licht her Sonne!"
Währenb Frau Tauber entsetzt auflchrie unb in einen Strom von Tränen ausbrach, fragte Martha mit beben« ber Stimme:
„Aber woraus schließen Sie das. Herr Diäten?"
„Sie sagten mir doch, daß der arme Teufel, ber Sie in das Hospital rufen ließ, in französischen Kriegsdiensten gestanden hat — daß er Fremdenlegionär gewesen ist! Was liegt da näher, als baß er unseren Felix gekannt hat, baß er von diesem beauftragt worben ist. Sie, Fräulein Martha, in Berlin aufzusuchen und über sein Schicksal aufzuklären."
„So wäre Felir noch am Leben, rote ich es im Stälen immer gehofft habe!" schluchzte Frau Tauber. „Der liebe Gott hätte doch mein Gebet erhört! Aber warum schreibt er nicht — warum gibt er nicht bas kleinste Lebenszeichen von sich? Wie viel Herzeleib hätte er mir mit einer einzigen Zeile erspart!"
„Warum er nicht schreibt? Da ist doch höchst einfach, liebe Frau Tauber! Nur mit ben eilenben Wolken, ben Seglern ber Lüfte konnte er Grüße senden! Geschrieben wird er schon haben unb gewiß mehr als einmal, aber Sie haben seine Briefe nicht erhalten, wett bie Einfach unterschlagen worben sinb! Die werben sich hüten, auch nur eine Zeile durchzulasten, worin die Schurkerei ihrer Werber aufgedeckt wird! Gott weiß, wie bie Schafte den armen Felix gefangen haben! Käme bas Ijeraus unb würde es hier fa Deutschland an bie große j
Glocke gehängt, bann könnte es zu diplomatischen Verhandlungen zwischen den beiden Regierungen führen und bie Herren Franzosen müßten den zu ihrem Skla- oenbienft Gepreßten freigeben. Um bem vorzubeugen, lasten sie bie Briefe, bie so ein armer Teufel nach Hause schreibt einfach verschwinben!"
„So wäre Felir schon feit brei Jahren in diesem geht bes Blitzes, geht bes Kanonenballs fürchterlicher
„Was beim anbers?" erwiderte der Ingenieur. „Bei Gott, ein elendes, ein erbärmliches Leben! Sibi ben Abbas ist eines ber Hauptquartiere ber Fremdenlegion. Ich reime mir bie Geschichte folgendermaßen zusammen: Der Mann, der im Armenhospital gestorben ist — rote hieß er doch?"
„Fritz Sugler!" erwiderte Martha.
„Dieser Fritz Kugler," ftchr Platen fort, „warb wahr- scheinlich wegen Krankheit entlasten unb weil er nach Berlin gehen wollte, erhielt er von Felix ben mündlichen Auftrag, bei Ihnen, Fräulein Mattha, vorzusprechen und Ihnen seine Leidensgeschichte zu erzählen. Jedenfalls setzte Felix dabei voraus, daß Sie alles tun würben, um ihn aus feiner entsetzlichen Lage zu befreien!"
„Da soll er sich nicht getäuscht Haden, ber Arme!" rief Martha, über beren Gesicht sich eine hohe Rote gebreitet hatte. „Sofort werbe ich mich an den französischen Botschafter wenden, dessen Frau und Töchter mir freundliche Gönnerinnen sind!"
„Wirb wenig Helsen!" meinte Platen. „Selbst wenn ber Herr Botschafter feinen ganzen Einfluß in bie Wagschale wirst, wirb er nichts erreichen! Die Franzosen werben sich hüten, einzugestehen, baß sie einen Angehöri- gen bes Deutschen Reiches widerrechtlich, gegen dessen Willen zu ihrem Dienste gepreßt haben! Im günstigsten Falle schieben sie die Sache auf bie lange Dank unb wenden und drehen so lange daran herum, bis ber arme Kerl, um ben es sich handelt, entweder gestorben unb nerborben ist, ober bis seine fünf Jahre herum sinb. Diese Fälle sinb schon büßende Male bagewesen. Nein — hier gilt es Selbsthilfe unb so gewiß ich Otto Platen heiße, schlage ich ber Bande ein Schnippchen! Grabaus geht ges Blitzes, geht bes Kanonenballs fürchterlicher ,Pfab — hier heißt es fromme Wege gehen!" (F. f.)