Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stabt Fulda.
Nr. m.
Verantwortlich für den redaaionellea Teil: Dr. I. Kramer, 2 für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. r. Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Stemfpredier Nr. 8. Postscheck-Konio 4051 Frankfurt a. M-
Freitag, 26. 3uli 1922.
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49. Zahrg
Ne ReWregierW es die MM
Hoffnungen auf friedliche Beilegung des Konflikts.
Einberufung des Reichstages?
Wie der „Vorwärts* mitteilt, ist Reichstagspräsident Löbe, der zeitweilig von Berlin abwesend war, wegen der gespannten innerpolitischen Lage am Mittwoch nach.Berlin zurückgekehrt, um mir der Reichsregierung über dre eventuelle Einberufurg des Reichstages Besprechungen zu führen. Der Reichstag muß einberufen werden, falls ein Antrag auf Rückgängigmachung der bayerischen Verordnung durch den Reichstag von einer Partei eingebracht wird. Der Aeltestenrat des Reichstages wird wahrscheinlich am Freitag zusammen» treten, um über die Einberufung des Reichstages Beschluß zu fassen.
, Das Ergebnis der verschiedenen Kabinettssitzungen m Berlin, an denen alle Reichsminister teilnahmen, ist folgende amtliche Kundgebung:
Die bayerische Regierung hat durch ihre Weigerung, Das am 23. Juli 1922 verkündete Reichsgesetz $mn Schutze der Republik innerhalb des rechtsrheinischen bayerischen Staatsgebietes durchzuführen, und durch den Erlaß einer landesrechtlichen Verordnung, die das Reichsgesetz ersetzen soll, einen folgenschweren Schritt getan. Zum ersten Male seit der Gründung des Reiches ist damit aber der Zustand eingetre- ten, daß eine Landesregierung einem verfassungsgemäß zustandegekommenen Reichsgesetz für ihr Gebiet die Geltung verweigert. Rach der einstimmigen Auffassung der Reichsregierung ist die Verordnung der bayerischen Regierung verfassungswidrig und ungültig. Kein Satz der Reichsverfassung gibt einem Lande das Recht, das Inkrafttreten eines Reichsgesetzes deshalb zu verhindern, weil es bei einem Teil der Bevölkerung auf Widerspruch stößt. Würde man den Ländern diese Befugnis zugestehen, so würde dies das Ende der deutschen Reichseinheit bedeuten.
Das Reichsgesetz zum Schutze der Republik wurde »om R e i ch s r a t als Träger der föderativen Gestaltung des Reiches mit mehr als Zweidrittelmehrheit angenommen. Für das Gesetz sttmmten im Reichsrat alle Landesregierungen mit Ausnahme Bayerns. Im Reichstag mürbe das Gesetz gleichfalls mit einer Zweidrfttelmehr- heit beschlossen. Richt nur das Zentrum, dis Sozialdemokraten und die Deutsche demokratische Partei, sondern in ihrer großen Mehrheit auch die Deutsche Volks- partei stimmten tm Reichstage dem Gesetze zu. Die bayerische Regierung hat in beiden Körperschaften ausgiebig Gelegenheit gehabt, ihre Bedenken auf verfassungsmäßigem Wege zur Geltung zu bringen. Einer ganzen Reihe ihrer Wünsche wurde bei der Verabschiedung des Gesetzes Rechnung getragen. Cs darf nicht davon gesprochen werden, daß das Gesetz zum Schutze der Republik die in der Derfasstmg begründeten Grundsätze wahrer Demokratie verletze und den Ten- denzen zur Errichtung einer Klassenherrschaft eines sozialistischen Einheitsstaates entgegenkomme. Dieser Vorwurf muß um so nachdrücklicher zurückgewiesen werden, als er sich nicht nur gegen die Reichsregierunq und gegen ihrer Verantwortung für das Reich und die Verfassung sich bewußten großen Parteien, sondern auch gegen die Regierungen aller anderen deutschen Länder richtet. Es ist nicht angängig, daß ein einzelnes Land sich dem verfassungsmäßig erklärten Mehrheitswillen des deutschen Volkes entzieht.
Unser schwergeprüftes Vaterland, das soeben erst hef. tige innere Erschütterungen zu überwinden begann, ist durch den Schritt der bayerischen Regierung neuen Wirren und Gefahren ausgesetzt. Die Reichs-
Der Sturz von der höhe.
Roman von Fritz Ritzel.
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Hugo Welty hatte sich das Verhältnis zwischen Mann und Weib so ganz anders gedacht — legte daran, den Maßstab feiner Liaisons mit Pariser Halbweltdamen. Er, der reiche Mann war der Gebende, der Gewährende — sie, die er aus geringerer Gesellschaftsklasse emporge- hoben hatte — die Beschenkte, Beglückte, die für jede Gabe dankbar sein und ihn dafür vergöttern mußte. Das tat Helene nicht, sondern nahm eine Haltung an, ms betrachte sie das Geschenk ihrer Hand als eine Gnade, als wäre er neben ihr ein Geduldeter. Das machte ihn rasend, erweckte seine Eifersucht, so daß er m hervorbechender Leidenschaft der jungen Frau mit- unter Szenen machte, welche die Folgen hatten, daß ’$n ängstlich mied. Dann verwünschte er sich selbst und sein Ungestüm und erschöpfte sich in Aufmerk- famkeiten, um sie wieder zu versöhnen. Aber all sein Betteln um Liebe war vergeblich — Helene blieb sich gegen ihn gleich und war nur darauf bedacht, der Welt gegenüber den Schein eines friedlichen Zusammenlebens mit dem chr angetrauten Gatten zu wahren.
Uebrigens empfand sie ihr Gebundensein durchaus nicht als em Unglück, vielleicht grade deshalb, weil sie ihren Gatten nicht liebte. Nahmen doch auch ihre Re- präfentationspflichten und das Leben in der Gesellschaft sie derart rn Anspruch, daß sie gar keine Muße fand, über dre 9rage_ nachzusmnen, ob sie sich glücklich oder un- glücklich fühle. Das oberflächliche, etwas leichtfertige Temperament kam wieder bei ihr zum Durchbruch, mit welchem sie die Dinge nahm, wie sie einmal lagen und sich mit dem ihr befchiedenen Lebenslose zufrieden gab. Für selbstquälerische Grübeleien darüber, daß manches anders sein könnte wie es war, dafür war Frau Helene Wslty nicht geschaffen.
Aber es sollte eine Stunde kommen, in welcher ölte, längst für immer schlummernd geglaubte Empfindungen wieder in ihr wachgerufen wurden. Um die Destimmungcr "res Gatten wegen der zu einem be-
regierung bedauert dies um so mehr, als die a u ß e n- politische Lage des Reiches gerade gegenwärtig ein einmütiges Zusammenstehen von Reich und Ländern zur Pflicht macht. Ausgabe der Reichsregierung ist es, die Reichseinheit wiederherzustellen.
Die bayerische Regierung hat durch den Mund ihres Ministerpräsidenten ein klares und festes Bekenntnis zum Reiche und zur verfassungsmäßigen republikanischen Staatsform abgelegt. Sie hat mit besonderer Betonung alle Besorgnisse, die in den von chr getroffenen Maßnahmen eine Abkehr von der allezeit fest eingehaltenen Reichstreue erblicken wollen, als völlig fehlgehend bezeichnet, und auf Grund dieses Bekenntnisies erwartet die Reichsregierung, daß die bayerische Regierung sich den Forderungen nicht entziehen ro?rb, welche die Reichsregierung im Interesse der Einheit des Reiches zu stellen genötigt sein wird."
Zu der Erklärung schreibt die „Gem'rmta": Dis Grundsätze der Kundgebung sind so überzeugend, daß eine sich ihrer Verantwortung bewußte Landesregierung sich chnen nicht wird entziehen können. Ans der Erklärung geht, wie aus der ganzen Haltung der Reichs- regicrung, hervor, daß sie bei aller Ruhe entschlossen ist, die Interessen uni) das Recht des Reiches zu wahren und es nicht an dem ehrlichen Willen fehlen taffen wird, einen offenen Konflikt mit Bayern zu vermeiden.
Wie die „Poff. Ztg." mitteilt, habe man es in unterrichteten Kreisen für wahrscheinlich gehalten, daß der Reichspräsident von sich aus die Jnftiative zur Beilegung des Konfliktes ergreifen werde und zwar in einer Form, die unter Wahrung dos verfassungsmäßigen Rechtes des Reiches die bayerischen Empfindlichkeiten so weit als möglich schont. Der Reichspräsident werde voraussichtlich nicht unmittelbar von seinem verfassungsmäßigen Recht, die Aufhebung der bayerischen Verordnungen zu fordern, Gebrauch machen, sondern der bayerischen Regierung den Weg zeigen, wie sie selbst wieder auf den Boden der Verfassung sich zurückfinden könnte. Dem Blatte zufolge werde von München bereits anaed-eutet, daß sich ein Kompromiß auf der ErunÄlage schließen ließe, daß Bayern einerseits den Widerstand gegen das Gesetz zum Schutze der Republik, also in der Hauptsache gegen den Staats- gerichtshof, aufgibt, das Reich andererseits das Zugeständnis macht, bei dem Staaisaerichtshof einen besonderen bayerischen Senat eingureichen, und später bei Inkrafttreten des Reichskriminalimlizergesehes in ähnlicher Art eine bayerische Abteilung. Cs werde ongekündigt, daß Graf Lerchenfeld demnächst nach Brr- 6in kommen werde, um darüber mit der Reichsregierung zu verhandeln. Wie das Blatt hinzufügt, wird man es rn Berlin nur begrüßen, wenn die bayerische Regiemng die Reichsregierung der Notwendigkeit enthebt, von den Mitteln Gebrauch zu machen, die ihr die Verfassung gewährt.
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Sn verschiedenen Berliner Blättern wird in Sachen des Konfliktes Mischen Bayern und dem Reiche die Forderung erhoben, daß eine Entscheidung des Reichsgerichts über die Ungiltigkeit der bayerischen Verordnung herbeigeführt werden möge.
Lin Gutachten Professor Kahls.
Der Völkerrechtslehrer Professor Kahl, welcher der Deutschen Volkspartei angehört und dem wohl niemand Voreingenommenheit gegen Bayern vorwerfen kann, hat m einem Gutachten, das er in der „Zeit" oeröffent- ncht, zur bayerischen Notverordnung Stellung genom-
vorstehenden Gesellschaftsabend zu erlassenden Einladungen einzuholen, war die junge Frau eines Tages nach dem Arbeitszimmer Hugo Weltys gekommen, in dem sie ihn in Gesellschaft eines eleganten, französisch fprechen- oen Herrn antraf. Auf den dicken Teppichen verhallten ihre Schritte, so daß die lebhaft plaudernden und lachenden Herren ihr Kommen nicht eher gewahrten, bis sie my der «chwelle stand. Gerade hatte sie gehört, wie der Fremde m seiner, eben auf eine Frage Hugo Weltys gegebenen Antwort den Namen Lasleure nannte und wie ein Blitz durchfuhr es sie. Hatte der Franzose, der damals die kostbare Uhr in dem Geschäfte ihres Vaters gekauft wrd ttelix Zauber nach Frankreich entboten hatte, nicht Lafleure geheißen? Sie hatte nicht Zeit, weiteren Gedanken nachzuhängen, denn ihr Gatte, der dem Anscheine nach von ihrem plötzlichen Erscheinen etwas peinlich überrascht war, stellte chr den Fremden als einen Herrn Charlot vor, der mit der Firma Welty u. Eo. in geschäftlicher Verbindung stehe. Mit gewinnender Höflichkeft begrüßte Herr Charlot die Dame des Hauses und wechselte einige gleichgültige Phrasen mit ihr, indes Herr Hugo Welty seiner Frau die geforderte Auskunft gab, indem er ihr einen mit Namen beschriebenen Zettel überreichte. Langsam sich entfernend, blieb Helene in dem anstoßenden Zimmer stehen imd lauscht-, um vielleicht zu erfahren, was es mit dem Namen Lafleure für eine Bewandtnis habe. Aber die Herren hatten nach ihrem Fortgehen die Stimmen gedämpft, nur die mit heller Stimme von dem Besucher getane Aeuße- rung vernahm sie: „Sapristi! — um ein solches Weib zu besitzen, wäre ich fähig, einen Mord zu begehen!"
8. Kapitel.
Es war eine fröhliche Gesellschaft, die sich heute gegen Abend an einem der Stammtische in der gemütlichen, in mittelalterlichem Stile eingerichteten „Altdeutschen. Bierhalle" zusammengefunden hatte, jüngere und reifere Herren, die dem Aussehen nach sämüich den besseren Ständen angehörten und zum Teil Künstler zu sein schienen. Die Unterhaltung drehte sich um die von einem der bedeutendsten Komponisten der Gegenwart geschriebene Oper „Uarda", die heute zum ersten Male in dem Overnbm»« »ur Ausführung kommen lallte und
men. Darin führt er aus, daß die Berufung Bayerns auf den Artikel 48 nicht stichhaltig ist. Denn der Absatz 4 dieses Artikels setzt seinem ganzen Zusammenhang nach voraus, daß die Regierungen der Einzelländer nur dann das Recht zu AusnahmeverorLmmgen haben, wenn von Reichswegen noch keine derartige Verordmmg erlassen worden ist. Das ist aber in diesem Falle sowohl durch die Notverordnung des Rsichs- präsidsnten als durch das nachfolgende Reichsgesetz zum Schutze der Republik geschehen. Nach dem übereinstimmenden Urteil der staatsrechtlichen Sachverständi- S b.ifinde sich also die bayerische Regierung in diesem le im Irrtum und gerade auf Grund des Artikels 48 habe der Reichspräsident das Recht, die Aufhebung der bayerischen Notverordnung zu fordern.
Es köime wohl keinem Zweifel unterliegen, daß die bayerische Regierung mit vollem Bewußtsein mit ihrer Verordnung sich an «die Stelle eines Reichsgesetzes setzen wolle. Für ein derartiges Vorgehen gebe es in der Rrichrverfaffung überhaupt lerne @r unäloge.
Gerüchte über eine Erweiterung der Regierungs- tcaiiticn in Bayern nach rechts hin sind sals ch. Das bayerische Handelsministerium bleibt vorerst als selbständiges Ministerium bestehen, wird aber bis auf weiteres vom Grafen Lerchenfeld verwaltet. Die Stellvertretung wurde dem Staatsrat Mein«! übertragen.
Warum Erfüllungspslitik?
Immer wieder wird in der Unterhaltung dies« Frage aufgeworfen und nur selten hört man eine Antwort, die den Kern der Sache trifft. Zn viele stehen unter dem Eindruck rechtsradikaler Redensarten, die stets von einer „Katastrophe" der Erfüllung fabulieren.
Warum Erfüllung-Politik? Trefflich sagt ein Mitarbeiter der „K. V." zu dieser Frage folgendes: Man mag über die Erfüllung urteilen, wie man will; zwischen den rechts- und linksradikalen Rezepten ideenloser Verneinung war sie der Gedanke der Bejahung, war sie ein Programm der Tat. Echtes Steengut der Politik der Mitte. Man kann sie den außenpolitischen Kerngedanken der Mittelparteien nennen: Ihr großes Ziel bleibt außenpolitisch gesehen der Versuch, die radikale große Politik der Gegner zu ähnlichen Gsdanken- gimgen einer Politik der Mitte zu bewegen. Denn Europas Wunde, an der es leidet, ist das Vorherrschen radikaler Gedankengänge. Selbst die Gegner ter Erfüllung müssen zugeben, daß sie der Reihe nach Italien und Großbritannien in ihren Bann gezwungen Hot, sie moralisch entwaffnete und dann sogar nötigte, ihren Spuren zu folgen. Ihren letzten, schwersten Sieg — und cs ist ein edler Sieg —, in dem es weder Sieger noch Besiegte geben sollte, ihn muß sie über Frankreich gewinnen. Ihre Mittel warm und sind rein moralischer Art. Ihr stärkstes Kampfmittel: moralische Vereitlung des Gegners. Ohne Kanonen und Maschinengewchre ist und bleibt sie eine Macht, weil hinter ihr der wirtschaftliche Faktor eines 60-Millionen- Volkes stehl, weil aus ihrer Sette alle Erwägungen der Verminst, des Fortschritts, der Kultur sind. Sie bedeutet auch den sichtbarsten Aktivposten auf dem Wege der Revision von Versailles.
Niemand, der außenpolitisch die Erfüllung als den einzigen Rettungsweg verteidigt, wird sich über die schweren Leiden, die diese Politik innerpolitisch mit sich bringt, im Unklaren sein.
Das Ausland ahnt nicht entfernt die Leiden, die das deutsche Volk gegenwärtig trägt. Es mag Dul- tervölker gegeben haben, die länger wie wir ein schweres Kreuz tragen muhten, aber wo in aller Welt hat man 60 Millionen zu einem solchen Kreuzzug gezwungen wie uns!? Die stu mm en Tragödien, die in den Familie n, insbesondere in den kinderreichen, sich abfpieten, sind Legion, die Verbitterung, die na- imentlich in den Kreisen der Rentner und Pensionäre
von welcher einer der Herren, der als besonders Begnadeter die Generalprobe angehört hatte, wahre Wunderdinge erzählte Um das Werk in seiner ganzen packenden Größe zur Geltung zu bringen, hatte die Direktion eine der ersten dramatischen Sängerinnen von der König!. Oper der Reichshauptstadt, Fräulein Martha Möller, für die Titelrolle gewonnen, was besonders deshalb das höchste Interesse wachrief, weil die als Berühmtheit geltende Künstlerin ein Kind der Stadt war und heute zum ersten Male auf der heimatlichen Bühne auftrat. Man brannte ordentlich vor Begierde, Martha Möller zu hören und sich davon Zu überzeugen, ob sie in künsüerischer Hinsicht wirklich das Phänomen sei, als welches sie in den Besprechungen der Tageskllätter ge- schildert wurde.
„Habe sie vor drei Jahren auf dem Musikfest gehört!" schnarrte eben einer der Herren, dem man auf den ersten Blick den Offizier in Zivil ansah. „Pyramidales Organ! War damals noch simple Lehrerin am hiesigen Konservatorium! Hätte gleich zehn fegen eins jewettet, daß aus der was wird und recht habe ich behalten!"
„Platen kennt sie ja persönlich — verkehrte häufig mit ihr!" rief ein anderer. „Dann laß doch endlich einmal Deine langweilige Leserei, Platen, und erzähle!"
Mit diesen Worten wandte sich der Sprecher an Herrn Ingenieur Platen, der an dem einen Ende des Tisches saß und eifrig in einer Zeitung las. Er war so vertieft in seine Lektüre, daß erst ein nochmaliger Zuruf ihn ausmerken ließ. Mit einer Gebärde, in welcher etwas wie Unwillen über die Störung lag, fragte er:
„Was soll ich sagen, was erwidern? Mag ein an« derer Worte finden!"
„Von Martha Möller sollst Du uns erzählen — von der vergötterten Diva, die Du doch persönlich kennst!"
„Dies Kind, kein Engel ist so rein, laßt Eurer Huld empfohlen fein!"
"Der Mensch ist so vollgepfropft mit Zitaten, wie eine Tonne mit Heringen!" lachte der Frager halb ärgerlich. „Uebersetze doch gütigst Deine dichterischen Weisen in unser geliebtes Deutsch und gib das, was Du von ihr weift! zum B°»e-->" j
beinahe endemisch geworden ist, müffen wir tagtäglich in oft grauenhaften Taten hoffnungsloser Verzweiflung erleben. Und doch finden die Verantwortlichen in Deutschland den Mut dazu, weil sie wissen, daß jeder andere Weg noch weit größere Opfer von uns fordern würde, finden sie den Mut dazu, um an idealen Volks- und Nationalgütern zu retten, was noch nicht verloren ist: die Einheit der Nation und chr Eigenleben als Volk. Es galt eben von allen möglichen Nebeln das kleinste zu wählen.
Die Demokraten und die Arbeitsgemeinschaft der Mitte.
Innerhalb der Demokratischen Partei setzt altt mählich die Diskussion über die Arbeitsgemeinschaft der Mitte ein. Die Licht- und Schattenseiten einer solchen Arbeitsgemeinschaft der Mitte werden von den verschiedensten Setten beleuchtet und aufgefaßt. So hat in Frankfurt der Universiiätsprofessor Web er- Heidelberg in einer demokratischen Versammlung sich gegen den Gedanken der angebahnten Arbeits- gemeinschaft ausgesprochen. Sein Gedankengang ist der, daß die Sozialistischen Parteien sich allmählich in politisch organisierte demokratische Staatsparteien verwandeln, die allmählich ihre interessenpolitische Seite und ihr klassenkämpferisches Bewußtsein ab« schleifen. Durch die Bildung einer Arbeitsgemeinschaft der bürgerlichen Parteien der Mitte jedoch würde das Klassenkampfprinzip wieder leb Hafter bei den sozialistischen Parteien wachgerufen und dadurch eine Situation herbeigeführt, die schließlich mit Notwendigkeit zur gänzlichen Auflösung des Staates führen müsse.
Die Bedenken, die der Redner gegen eine Arbeitsgemeinschaft der Mitte angeführt bat, sind wohl der Erwägung wert und garnichl von vornherein zurückzuweisen. Jedenfalls ist es interessant und auch sür uns sehr nützlich, wenn man sich einmal die Gefahren vor Augen führt, die mit einer solchen Arbeitsgemeinschaft verbunden sein können. Es heißt dann Mittel und Wege zu finden, um bet endgültigen Zustandekommen der Arbeitsgemeinschaft eine solche Form zu finden, die solche und ähnliche Folgen und Gefahren auf das Mindestmaß beschränken.
Deutscher Reich.
* Berlin, 27. Juli. Zum deutschen Botschafter in Moskau soll der frühere Reich-...luister Les Aeußern, Graf Brockdorff-Rantzau ernannt werden. — Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht ein Gesetz zur Aen- öerung des Erbschaftssteuergesetzes und ein Gesetz über den Ersatz der durch den Krieg verursach- ten Personenschäden (Personenschädengesetz).
(a) Die Deamtenbesoldung. Die im Reichsfinanz- mmisterium vereinbarten neuen Besoldungs- erhöhengsn für die Beamten, Angestellten und Arbeiter des Reiches sind vom Ueberwachungsausfchuß des Reichstages genehmigt worden. Ein Vertreter des Reichsfinanzministermms wies bei dieser Gelegenheit darauf Hin, daß sich die Länder, insbesondere Preußen, einer weiteren Erhöhung des sogenannten Kopfzuschlages wegen seines niveSlierenden Einflusses widersetzt hätten. Entsprechend der Erhöhung der Beamtengehälter sind die Bezüge des Reichspräsidenten erhöht worden.
anstatt».
* Die italienisch« Kabinettskrise. Donomii hat sich als außerstande zur Kabinettsbildung erklärt und dem König vorgeschlagen, de N ao a mit der Bildung des Kabinetts zu betrauen.
* Das deutsche Eigentum in Italien. Nach dem zwischen Deutschland und Italien abgeschlossenen lieber«
„So — nun, was wollt Ihr denn wissen?" fragte der Ingenieur sich umwendend.
„Was wir wissen wollen? Welche Frage! Was Martha Möller für eine Art Menschenkind ist!"
„Kann ich Mr mit dem besten Willen nicht verraten, teurer Rudolf!" erwiderte Platen. „Was sie für ein Menschenkind war, das entsinne ich mich, aber was ausi ihr geworden ist, das wissen die Götter! Es wächst beri Mensch mit seinen höh'ren Zwecken!"
„Nun, was war sie denn? Es intereffien doch män« niglich, von einem Stern erster Güte zu hören, dem die! begeisterten Wiener nach der Vorstellung die Pferde ausgespannt haben!"
„3d) habe sogar gehört," warf Platen ruhig ein, „daß man ihr in Petersburg das Benzin aus dem Auto soff und die Karre mit vereinten Kräften von hinnen schob!" Alle brachen in ein schallendes Gelächter aus, in welches auch der mit Rudolf Angeredete einstimmte und bann sagte:
„Aus welchem Witzblatt hast Du denn dieses Sitar aufgegabelt? Das riecht arg nach den „Fliegenden Blättern". Aber weil doch mchts aus Dir herauszu- bringen ist als faules Reimegedrecksel, so will ich den Herren verkünden, welcher Art die Vielgepriesene ist. Mein Bruder Bernhard, der Pfarrer an der Mathilden- kirche in der Residenz, hat mir bei seinem letzten Besuche von ihr erzähtt. Nach ihm ist sie ein Ausbund aller Tugenden und genießt in den besten Streifen ihres tadellosen Lebenswandels halber Wertschätzung. Sie leb! ganz ihrer Kunst und kennt keinen anderen Verkehr als den in den gediegensten Familien."
„Ein theatralisches Unikum!" schnarrte der Offizier in Zivil.
„3ede Annäherung der Theaterhabitues wird von ihr auf das kühlste und entschiedenste zurückgewiesen!" fuhr der Erzähler Rudolf Wellhorst fort. „Nicht einer der Löwen der Gesellschaft kann sich rühmen, von ihr empfangen worden zu sein! Und einen besonders Zudringlichen hat sie einfach hinausgewiesen!"
„Das ist ja der reinste Eiszapfen!" warf einer bei Herren lachend ein. „So tugendholdig sind doch sonst die Damen von den Brettern gerade nicht!"
(Fortsetzung soig.^