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jn 167.

Sonntag, 23. Juli 1922.

- Huldaer Leitung

Druck der saldier Actiendruckerei in F«kd»

deutscher Lehrerverein und Religions- unterricht.

Unser H!« Mitarbeiter schreibt unS:

Pfingsten d. I. tagte der Deutsche Lehrerverein in Hannover. Aus der Fülle der erledigten Fragen beanspruchte die über .Schule uud Religions­unterricht* ein besonderes Interesse. Nach dem Schulprogramm der D. L. aus dem Jahre 1919 soll aller bekenntnismäßige Religionsunterricht aus der Schule verbannt sein. An seiner Stelle sollte interkonfessioneller undogmatischer Religionsunter­richt, sogen. „Lebenstunde', getrieben werden. Der Religionsunterricht als besonderes Lehrfach sollte Sache der religiösen Gemeinschaften sein. Voraussetzung für diese Einrichtung ist natürlich die Gemeinschaftsschule oder weltliche Schule. Eine beträchtliche Minderheit war gegen den Beschluß aus dem Jahre 1919. Sie forderte zwar auch die Simultanschule, aber sie hielt fest an der Forderung der Erteilung des bekenntnistreuen Religionsunter­richts, wenn sie auch die kirchliche Aufsicht hierüber mehr oder weniger ablehnte. Die starke Minder­heit erzwang nach einem Antrag Palmanns eine erneute Ueberprüfung der Stellung des Vereins zum Religionsunterricht. Dieser fand in diesem Jahre in Hannover statt.

Nach dem uns vorliegenden Wortlaut der Ent­schließung bleibt die Schulpolitik des Deutschen Lehrer­vereins in der Frage deS Religionsunterrichtes vor­läufig noch an die 6 Sätze der Schulforderungen des Programms von 1919 gebunden. Die ganze Entschließung ist ein Kompromiß, das augen­blicklich wohl beruhigen kann, aber die widerstreiten­den Ansichten nicht aus der Welt schafft. Eine klare, sesturnrissene Antwort wird hier nicht gegeben. Das geht ja auch nicht, da sie jeder Richtung etwas bieten will, um größere Risie im Gebäude des Lehrer­vereins zu überkleistern. Die Linke wird damit ge­tröstet, daß im Prin z ip an der alten Schulforderung festgehalten werde und den Rechtsgerichteten sagt man, daß die Praxis ja doch durch die Reichsver- fasiung einen anderen Weg weise. Also der Deutsche Lehrerverein verficht im Prinzip die gemeinsame Schule mit interkonfessionellem, lebenskundlichem Unterricht, fordert ober in der Praxis ebenso Prinzipien- fest in der Gemeinschaftsschule den bekenntnismäßigen Religionsunterricht. Hiermit ist klar der Weg ge­zeigt, den der Verein gehen will. Die weltliche Schule rst das Ziel und nur solange die Reichs­verfassung der Durchführung dieser Forderung ent­gegentritt, tritt der Deutsche Lehrerverein ein für die Gemeinschaftsschule, die die Regelschule sein soll. Das bedeutet wenigstens Klarheit, allerdings eine erschreckende .Klarheit. Man darf nicht übersehen, daß im Deutschen Lehrerverein rund 150000 Mit­glieder organisiert sind, die einen Machtfaktor dar» stellen.

Leider scheint der Deutsche Lehrerverein nicht zu sehen, wohin seine Forderungen führen. Er scheint keinen Wert darauf zu legen, mit der christlichen Elternschaft zusammen zu gehen. Oder er wahnt fie nicht mehr gebrauchen zu müssen. Sonst müßte das Ergebnis der Elternbeiratswahlen, das einen merkwürdig schlechten Erfolg für die Anhänger der religionslosen Schule hatte, ihm doch unzweideutig genug sagen, was zu befürchten steht, daß sich näm­lich eine' Kluft auftun wird zwischen christlicher Elternschaft und Lehrerschaft, die das Vertrauen zum Lehrerstande und die Autorität der Schule untergraben wird. Die christliche Elternschaft ist nicht gewillt, sich eine Erziehung ihrer Kinder aufzwingen zu lasten, die des wichtigsten Elementes, des wahren Grundes entbehrt: der Religion.

Daß diese Erkenntnis nicht nur bei Katholiken besteht, ist besonders wertvoll. Auf protestantischer Seite hat sich ein „Bund für christlich-reli­giöse Erziehung in Haus und Schule" ge­bildet, der rührig dabei ist nach dem Muster der „Katholischen Schulorganisation" einzutreten für die Konfessionsschule. Er fordert deren Gleichberechtigung und will es auch schließlich auf einen Volksentscheid ankommen lasten. So viel steht fest, „daß die An- Hänger der Konfessionsschule ganz und ohne allen Zweifel viel mehr festen Boden im Volke haben, als man allgemein und besonders in den Reihen der religiös Positiv gerichteten Kreise selbst annimmt

Unpolitische Zettlaufe.

Von Fritz Nienkemper.

Berlin, 18. Juli 1922.

„Wie fahren Sie?"

„Mit dem und dem Zuge."

„3d) meine, in welcher Klasse?"

„Unter uns gesagt: vierter Güte. Wre soll denn der Mütelstwid sonst das riesige Fahrgeld für die ganze Familie aufbringen!"

So habe ich jetzt bei Beginn der Ferien- und Reffe- zest mchrfach gehört. Die vierte Klaste wird „stan­desgemäß". Wenn Dom 1. Oktober ab noch eine wei­tere Erhöhung des Fahrpreises eintritt, wird die letzte Maste üderhocupr die Normalklasse werden, und bald wird sich niemand mehr scheuen, sich als Stammkunde zu bekennen.

Wenn mich mein Asthma nicht zum Stubenarrest verurteilte, würde ich auch in Nummer IV mir die Welt besehen. (Allerdings im Augenblick noch nicht; denn seit y'er die östlichen Ferien begonnen haben, regnet es ausgerechnet jeden Tag in Strippen.) Die vierte Klasse mutet mich an wie ein Gmß aus der Jugendzeit. Wenn für die grünen Pennäler die ersehnte Vakanz kam, zählte er die spärlichen Silbergwschen einmal und noch einmal. . Acht Groschen kostete eine graue Fahrkarte von Münster bis Rheine; dazu kam noch eine Stunde Feldweg. . . . Das Ganze ließ sich auch in acht Stunden zu Fuß abmachen. Dann sparte ich acht ganze Silbergroschen, was bei dem damaligen Stand meiner Valuta schon etwas zu bedeuten hatte. Die Versuchung zum Fußmarsche war um so größer, da I ungefähr auf der Halbscheid des Weges eine gute Tante I wohnte, bei der im Rauchfang alles voll Speck, Schinken und Mettwürste hing. Doch wenn das Wet­ter gar zu häßlich und die Stiefel gar zu schief getreten waren, wurden doch schweren Herzens die acht Gro­schen für die standesgemäße vierte Wagenklasse angelegt.

Der Salon, in den ich für ein Stündchen eintreten durfte» war allerdings von denkbar größter Einfach­heit. Es war nichts darin, als bloß die Wände zum Anlehnen und ein paar Pfosten zum Anfasten. Die schmalen Sitzbänkchen an der Seite sinh erst später hinzugekommen, als die „Kultur" schon • wesentliche Fortschritte gemacht hatte. Wir waren damals alle ^tandespe rsonen"; wer sitzen wollte, mußte sich ein

Die Agitation für die religionslose Schule hat sich stumpf gelaufen". (K. V. Nr. 505 Kuckhoff, Was lehren die Elternbeiratswahlen?) Dieser Wahrheit wird sich auch der deutsche Lehrerverein nichl ver> schließen können. Teilweise scheint die Erkenntnis schon zu kommen. So hat sich z. B. der Lehrerverein in München wegen der neuen Stellungnahme des Vereins in Sachen des Religionsunterrichtes in zwei Lager geteilt, die nun als selbständige Vereine auftreien wollen.

Ten Auftakt zum Scbulkampf haben wir bereits hinter uns, die diesjährigen Eltervbeirats- wählen. Sie haben ergeben, daß wenn etwa der Reichstag sich bet der Gestaltung des Reichsschul­gesetzes zu dem Standpunkt des deutschen Lehrer­vereins, also zur Bevorzugung der Gemeinschafts­schule als der Regelschule entschließen wollte, er da­mit die Mehrheit des Volkes vergewaltigen würde * Das sollte man bei der Erledigung des Reichsschul - gesetzes wohl bedenken. In dem uns aufgezwungenen Schulkampf stehen die christliche Elternschaft, der Katholische Lehrerverband, der Verband katholisch deutscher Lehrerinnen, die Katholische Schulorgani­sation und der Bund für christlich-religiöse Erziehung in Haus und Schule in gemeinsamer Abwehrfront gegen die Forderungen des deutschen Lehrervereins und sind der guten' Hoffnung, daß der Erfolg auf ihrer Seite bleiben wird.

Die personalveranderung in der preußischen Verwaltung.

Der amtliche preußische Pressedienst meldet:

Als Nachfolger für die versetzten oder in den einstweiligen Ruhestand versetzten Regierungspräsi­denten hat das Preußische Staatsministerium die folgenden Herren in Aussicht genommen: den Ministerialrat im Preuß. Finanzministerium Dr. von Halfern zum Regierungspräsidenten in Hildes­heim, den Ministerialrat im Preuß. Staatsministe­rium Dr. Sonnenschein zum Regierungspräsidenten in Osnabrück, den Landrat Dr. Rombach (Düren) zum Regierungspräsidenten in Münster, den Land­rat Dr. Sassen (Krefeld) zum Regierungspräsiden­ten in Trier, den Oberpräsidialrat Dr. Proste (Breslau) zum Regierungspräsidenten in Marien­werder, den Landrat Dr. Kkausener (Recklinghau­sen) zum Regierungspräsidenten in Aachen, den politischen Referenten beim Reichs- und Staatskom­missar für die besetzten Gebiete Fürsten Haßfeldt- Bauknecht zum Regierungspräsidenten in Koblenz, den Landrat Bergemann in Calbe a. d. Saale zum Regierungspräsidenten in Merseburg, den Bürger­meister in Norderney Berghaus zum Regierungs­präsidenten in Aurich.

Ferner: Anstelle des bisher kommissarisch mit der Wahrnehmung der Geschäfte betrauten Regie­rungspräsidenten v. Bülow in Schneidsmühl, der in den einstweiligen Ruhestand tritt, den Stadtrat a. D. Dr. Wiemer zum Oberpräsidenten der neu- geschaffenen Provinz Grenzmark Posen-Westpreu- ßen.

Um eine möglichst baldige Wiederbesetzung der vakanten Stellen herbeizuführen, sind vom Staats- Ministerium bereits die erforderlichen Schritte zur Herbeiführung des Einvernehmens der Provinzial- ausfchüste gemäß Art. 86 der Derfaffung unternom­men worden.

Der Regierungspräsident Dr. Tillmann (Osna­brück) tritt als Ministerialdirektor im Preuß. Fi­nanzministerium ein. Zum Nachfolger des Polizei­präsidenten Runge in Köln a. Rh. ist der Reichs­tagsabgeordnete Zörjiebel ernannt worden.

Schule und Volksbildung,

— Die verusrfchule. Der Pressedienst der kathol. Schulorganisationen schreibt uns: Während das Volk im allgemeinen allmählich immer mehr Interesse für die Volksschule an den Tag legt, kann man noch größere Gleichgiltigkeit bezüglich des Berufsschulwesens beobachten. Die frühere Fortbildungsschule, jetzt Berufs, schule genannt, rst nach der Reichsoerfaffung eine Zwangsschule. An sich sollen alle Jugendlichen beiderlei Geschlechts die Berufsschule bis zum vollendeten 18. Lebensjahre besuchen, allerdings nur 6—8 Stunden. Der Charakter der allgemeinen Schule und der Charakter der Zwangsschule stellen an uns die Anforderung, diese

Köfferchen mitbringen oder sich als Türke auf den Boden kauern. Aber im allgemeinen bekam uns das Stehen ganz gut. Es ging auch recht gemütlich zu in unserem Salon. Manchmal war em Mann mit einem Leierkasten da, und beim wurde ein Tänzchen gemacht. Allerdings habe ich auch einmal einer Schlägerei bei­gewohnt. Dem Urheber, einem angetrunkenen Bur­schen von etwa 20 Jahren, erging es freilich sehr schlecht. Er wurde von den handfesten Mittelsenden schr schnell zur Waffenstreckung gebracht und dann, als der Zug zum Stehen gebracht war, mitten in der Heide aus- Mfetzt. Nach dem Zwischenfall war es wieder de- hagiuh., _ '

topöier habe ich andere Wagenklassen auch erprobt, die erste Klasse freilich niemals unter Vsllzahsiing (ab- geschen von den Auslanüsfahtten). Einmal wurde ich mitsamt meiner Familie wegen heilloser Ueberfül- lung in ein Abteil erster Klasse geschoben, und meine sorgfältige Frau entdeckte bald, daß die schönen roten Polster voll von Wanzen saßen. Unangenchme Gesell­schaft kann man in jeder Wagenklaste finden. Ge­schminkte und parfümierte Dämchen können einem auch die zweite Klasse verekeln, und wenn ich in der dritten Klasse gelegentlich eingekeilt saß zwischen Pfeisen­rauchern und Spuckern, dann habe ich manchmal ge­dacht, es sei doch bester in Nummer IV, wo man feinen Platz leichter wechseln konnte.

Ueberhaupt habe ich immer den Kopf geschüttelt zu den vielen Eisenbahn-Farklassen. Mußte denn dieser Klee gerade vier Blätter tieiben? Zwei Klassen wären doch eigentlich genug gewesen? eine Holzklasse für die einfachen und sparsamen Leute, daneben eine Polster­klasse für die empfindlichen und hoffärtigen Herr­schaften.

Im Vorortverkehr ist man ja auch schon seit einem Menschenalter mit zwei Klassen aus gekommen. Ich glaube sogar, im Vorortverkehr ging es ganz gut mit einer Klasse, wie ja auch die Straßenbahn eine Koa­lition von allen Ständen und Schichten in sich ver­einigt. Wenn an Ausflugstagen oder aus sonstigen Anlässen eine Ueberfüllung etntiiti, werden ja doch die Unterschiede zwischen der 2. und 3. Klaffe nicht respektiert. Hier in Berlin wenigstens klettert alles dort hinein, wo noch etwas freier Raum zu entdecken fft, und man besetzt sogar die Trittbretter, die Puffer und die Wagendächer, woraus mailich das grauenhafte Ungfiitf am Berliner Gesundbrunnen entstanden ist. Angesichts der Verderblichkeit der Trittbretter möchte

Schule einmal besonders in Augenschein zu nehmen. Wie wir bei der Volksschule, die als ZwangSschule be­nutzt werden muß, die Beobachtung des Elternrechts verlangen, so werden wir uns auch bei der Berufsschule fragen müssen, inwieweit hier Elternrechte berück­sichtigt sein wollen. Auch hier wird die Schule mehr oder minder Erziehungsschule fein; als solche aber auch wieder von der Weltanschauung des LehrerS abhängig sein. Hinzu kommt, daß bei der volksschulenllassenen Jugend die Beeinflussung außerhalb der Schule durch Jugendpflege und Jugendbewegung schon eine Rolle spielt, Gebiete, auf denen auch die Berufsschule sich be­tätigen will. Gewiß liegen bei der Berufsschule die Verhältnisse nach mancher Richtung ander» wie bei der Volksschule und wird hier die katholische Stellungnahme noch ganz besonders herauSgeacheitet werden müssen. Die Zentralstelle der kath. Schulorganisation, Düsseldorf, Bilkerstr. 36, hat eine Schrift (Flugschrift) über die Stellungnahme der Katholiken zur Berufsschule (Verf.: Rell-Lehrer Kaaf-Aachen) herausgegeben, die den Katho­liken in Stadt und Land sehr empfohlen wird. Sie orientiert über die ganze Frage und zeichnet auch unsere Aufgabe vor. ES wäre von Wichtigkeit, daß man überall auf die Entwicklung der Berussschulfrage achtete, in Konferenzen sich über unsere Stellung zu ihr klar würde und die Zentralstelle in Düsseldorf über alles auf dem Laufenden hielte.

\ 9er Erzbischof von Köln und die katholischen Beamten.

Die Kath. Korrespondenz schreibt:

Es ist eine bedauernswerte Tatsache, daß auch der einst so hochwertige deutsche Beamtenstand von oen gemeinschaftsfeindlichen modernen Zeitideen nicht unberührt geblieben ist. Das ist für unser zerklüf­tetes deutsches Vaterland, dem eine feste Stütze, wie sie ein gediegener, derufstreuer, staatsbewußter Be- amtenstünd darstellt, bitter not tut, ein besonders großes Unglück, kann sogar seinen Bestand ernstlich gefährden. Ein Bollwerk ge-itn alle weitere Siandes- vergiftung, eine Schule zur beruflichen Veredelung sind die Kath. Beamtenvereine. (General­sekretariat Köln, Gereonkloster 14). Gelegentlich einer großen Kundgebung des Stadtverbandes Köln, die von Tausenden kath. Beamten besucht war, hielt der Protektor des Gesamtverbandes, Kardinal Schulte, eine Ansprache, die gerade heute ernsteste Beachtung der Beamtenschaft uub der ganzen katho­lischen Oeffentlichkeit verdient; der Kardinal führte u. a. aus:

Vor zwei Jahren in dem großen Festzug des Kölner Katholikentages (ich vergesse das nie), da habe Ihre imponierende Schar zum ersten Male gesehen und da weckte es in meinem Herzen eine große Dankbarkeft, als alle Beamten mir, dem damals neuen Erzbischof, zu mei­ner Wohnung hinauf den Gruß katholischer Treue ent­boten. Heute erwidere ich abermals mit einem Herzen voll innigster Dankbarkeit Ihren Gruß und das feierliche Gelöbnis, das mir von ihrem verehrten Generalpräses entboten wurde und das in der inhaltreichen Festrede so wahrhaft katholifch und so echt deutsch und patriotisch unterstrichen wurde. Dieses feierliche Gelöbnis hat mei­nem Herzen wirklich wohl getan. Ich akzeptiere dieses Gelöbnis als ein Manneswort, das aus Ihrer aller innerster Ueberzeugung ausgesprochen wurde, als ein Manneswort, das in diesen unzuverlässigen Zeiten zu- verlässig feststehen soll, wie die deutsche Eiche in Sturm und Wetter am deutschen Rhein.

Es ist mir auch ein tiefes, innerliches Bedürfnis, Ihnen als Mitglieder des katholischen Beamtenvereins öffenllich meinen Glückwunsch zu sagen zu solch männ­licher Ueberzeugungstreue und zu solch männlichem Be- kenntnismut inmitten einer immer mehr aus den Fugen gehenden Welt, die eben, weil sie nicht hören will, fühlen muß, daß ohne Gott kein Heil hienieden möglich ist. Gott sei es gedankt, daß in der uns so beunruhigend um- rauschenden Gegenwatt mit ihren himmelschreienden Notständen und ihren haßerfüllten Wirtschaftskämpfen so viele tausende katholssche Beamte furchtlos und auf- recht Hand ans Werk gelegt haben, um dafür einzustehen, daß über all den Wirtschastsnöten und Wirtschasts­kämpfen nicht schließlich noch die eigenen Güter des Lebens, vor allem die ewigen und unveränderlichen Grundsätze der katholischen Glaubens- und Sittenlehre preisgegeben werden. Die Konferenz der deutschen Bi­schöfe in Fulda, die sich alljährlich sorgenvolle Rechen­schaft geben muß über die Forderungen der Zeit und über den Stand der Dinge im vergangenen Jahre be­grüßt in dem Düster der Gegenwart als einen ver­heißungsvollen Lichfftrahl die Gründungen und das Auf­blühen der katholischen Beamtenvereine. Die katholischen Beamtenvereine, die mit außerordentlicher Schnelligkeit in vielen Stödten Deuffchlands, besonders im Westen, sich ausgebreitet haben, und die, wie ich höre, berests 80 Zweigoereine zählen, davon 14 allein in der Stadt

man überhaupt fragen, ob diese Dinger nicht beseitigt werden können. Wenn man auf die vielfachen ,^lb- terle" verzichtet itnfo die Wagen Älzumal als Salons gestaltet nach dem Muster der vierten Klasse, so brauch­ten die Trittbretter nicht die ganzen Wagen entlang zu lausen.

Ich möchte sogar die Beseitigung des Seitenganges in den D-Zugwagen Vorschlägen. An den Fenster­scheiben bringe man die SiMätze oder auch einige Steh- platze an und tafle den Durchmarsch durch die Mitte gehen, ähnlich wie es jetzt in den Speisewagen ist. Wer durchaus etwas Abgeschlossenes haben will, mag in den Fernzügen ein halbes Abteil für sich allem be- kommen, natürlich für gehöriges Entgelt. Der ge­wöhnliche Mensch hat in einem gefüllten Saal mehr Sicherheit, als wenn er in einem geschlossenen Abteil mit einem oder zwei Menschen zusanmwnsitzt, die es vielleicht auf seine Betäubung und Dttaubung cchgesehen haben.

Ich stimme also für Einfachheit aus der Eisenbahn, woraus auch die Billigkeit profitieren wurde. Es lebe die vierte Klasse, die man früher in Bayern als eine preußische Erniedrigung des Menschengeschlechts be­trachtet hat und jetzt als Volksklaffe der Zukunft achten muß.

Der Mittelstand steigt herab zu der breiten Schicht der „gewöhnlichen" Leute. Ob das in kulturgeschicht- sicher Hinsicht ein Vorteil oder Nachteil ist, mögen die Herrschaften untersuchen, die den akademischen Dottor- ttiel haben wollen. Es fft mm einmal ein unabwend­barer Zug der Zeit, daß die Stände und Klassen sich verwischen. Das geht so auf dem wichtigen Gebiete der Schule und auch auf dem Nebenyebiete des Ver­kehrslebens. Wenn nun die vierte Wagenklasse von Lttiten besucht wird, die sich für höher gebildet un­feiner erzogen hallen, so kommt es darauf an, daß der Durchschnitt der dort üblichen Sitten nicht herab­gedrückt, sondern vielmehr gehoben werde. Die fo- genannten besseren Elemente müssen einen heilsamen Eindruck machen auf die Natuvkmder, die bisher dort das Stammpublikum badeten. Wenn die Mischung der Klassen nicht zur Veredelung fuhrt, so taugen beide Teile nicht viel, und mit der nationalen Kultur steht es dann überhaupt schlecht.

Was in der gemischten Gesellschaft vor allem geübt werden soll, ist die Höflichkeit rm höheren Sinn der Nächstenliebe. Nicht in Phrasen oder hohlen Gesten,

Köln, wo ja auch die Wiege der katholischen Bemnten- vereine sich befindet, haben nach meiner und nach aller deutschen Bischöfe Ueberzeugung unter den verschiedenen katholischen Drganifationen, die praktische Arbeit leisten, die in ihren eigenen Reihen die Schlafenden aufwecken, die Schwankenden stützen, die Lauen ermutigen, iiber» Haupt zur geistig-sittlichen Erneuerung des Volksganzen Wertvolles beitragen, eine besondere Berechtigung und eine besondere Wichtigkeit deshalb, weil ein Volk wie das unserige, das auf der schiefen Ebene der Gottlosigkeit, der Unzucht und der Auflehnung gegen jede Autorität so rapide herabgeglitten ist, für vollkommen verloren er­klärt werden muß, wenn sogar der Geist der Beamt-n- schast von der gleichen Korruption nicht verschont bleibt. Die deutsche Beamtenschaft steht heute mitten in der Revolution des Beamtengeistes. Wer ein Einsehen da­für hat, in welchem Grade das Volkswohl von dem Geiste eines aus allen sozialen Schichten zusammen­gesetzten Beamtenstandes abhängig ist und wer ein Ein­sehen dafür hat, was heute in dieser Hinsicht bei uns auf dem Spiele steht, jetzt nach Krieg und Revolution, jetzt in diesen unerhörten Nöten und Teuerungen, der mutz sich mit den Bischöfen freuen über das Entstehen und Aufblühen von katholischen Beamtenvereinen, die be­stimmt, gewillt und bestrebt sind, den Stand der Reichs­und Kommunalbeamten trotz allem auf der Liöhe zu halten, auf die Höhe zu bringen von Treue und Wahr- haftigkest, von Disziplin und Zuverlässigkeit. Wer die Zeichen der Zeit veffteht, der muß begreifen, weshalb der Episkopat all den Seelforgsgeistlichen besonders dankbar ist, die unbekümmert um die bereits sonstige erdrückende Vereinsarbeit den gutgesinnten katholischen Beamten freudig und freundschaftlich zur Seite stehen, um durch den segensoollen Einfluß des katholischen Ge­dankens, der katholischen Berufsauffassung allmählich jener furchtbaren Gefahren Herr zu werden, die dem Geist des deutschen Beamtenberufes heute nachstellen.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich der Geistlichkeit in unserer Erzdiözese, in der doch die katholischen Beamten­vereine zuerst ins Leben gerufen wurden, mein Ver- trauen bezeugen, daß sie beseelt von dem selbstlosen paulinsschen Verlangen, allen alles zu werden und ein­gestellt mit ihrem Öberhirten auf die Forderungen der Zeit und den Stand der Dinge, die besondere Berechü- gung und Wichtigkeit der katholischen Beamtenvereine anerkennen und ohne Säumen an ihre Förderung Heran­gehen wird. Und nun will ich noch ein Wort der An­regung, der Ermunterung und der Ermutigung hinzu- fügen. Kein Berufsstand hat heute so die wirtschaftliche Armut und Not unseres Vaterlandes zu kosten bekommen wie der Beamtenstand. Die Gehaltserhöhungen konnten der Not nur immer unvollkommen abhelfen, weil sie von neuen Teuerungswellen sogleich wieder verschlungen wurden. Der aus llnzufiiedenhest und Erbitterung ge­borene Radikalismus hat diese Stunde gründlich ausge­nutzt, er hat auch im Beamtenstand feine Anhänger ge­funden und bereits Gelegenheit genug gehabt, um die politischen, gewerkschaftlichen, religiösen. Gegensätze in unserem armen, innerlich zerrissenen Volke noch schlim. mer zu verschärfen. Ihre Mitgliedschaft im katholischen Beamtenverein bürgt mir dafür, daß Sie die Schicksals- stunde, die mit einer solchen Situation gekommen ist, oerftanben haben, daß Sie gewiß Ihre berechtigten For- berungen vertreten wollen, aber ohne gleichzeitig den sozialen und religiösen Irrlehren der Gegenwart sich auszuliefern und ohne dasjenige mit über Bord zu mer» fen, was Sie allein aus dieser notvollen, kranke» Zeit herausführen kann.

Der kacholifche Beamtenverein, dem der Schwur Ihrer Treue gilt, roirb Sie vor dem Verhängnis bewahren, ein zwiespältiges Doppelleben z« führen, eines als Christ und das andere als Beamter und so zu denken und zu handeln, als ob diese beiden Leben nichts miteinanber zu tun hätten. Der kathol. Beamtenverein wird Sie vor der großen Täuschung unserer Zeit bewahren, als ob jene das wahre Wohl der Menschheit förderten, die ihr Sinnen und Sorgen ganz auf diese enge Erde und das kurzfristige Menschenleben beschränken und darüber ihr Bestes, ihre Seele und ihr Gewissen, preisgeben. Der katholische Beamtenoerein wird unbeirrt den Finger auf die Wunde legen und zeigen, daß der Fluch und das Verderben von unserem armen deutschen Volke nicht weichen wird, solange der Geist des Klassenkampfes, der Geist der rücksichtslosen Selbstzucht, der unsittlichen Ge­nußsucht, der allgemeinen Autorttätslofigkeit nicht über­wunden ist.

Dieser (Seift fft es, der alles verdirbt und alles ver­giftet, der auch die bestgemeinten und glücklichsten Re­formen wieder zunichte macht. Diesen Geist gilt es zu bannen und unser kathofischer Beamtenverein weiß, daß er nur gebannt werden kann durch den Geist der christ- lichen Gerechfigkett und christlichen Liebe. Gesetzgeberische Maßnahmen können wohl das äußere Gefüge für eine Neuordnung und Besserstellung schassen, aber der innere belebende Geist kann nur vom Christentum, vom prak­tischen Christentum der Gerechtigkest und Liebe kommen. Nur auf dem Boden des Christentums wird nach katho- lischer Ueberzeugung unser morsches Staatsgefüge wieder gefestigt, unser sittlich angefaultes Volk wieder genesen.

sondern in der tatsächlichen Rücksichtnahme auf die anderen Leute. Man behelfe sich gern, um einem Nachbarn eine Ungemütlichkeit zu ersparen. Junge tmd kräftige Personen können z. B. aufstehen, um älteren oder schwächlichen Leuten Platz zu machen. (Nebenbei empfehle ich das auch für Kirchgänger, die vielfach bequem in den Bänken sitzen bleiben, während wacklige Greise und geplagte Mütterchen daneben stehen müssen.) Solche und ähnliche Höflichkeit muß man nicht mit feierlichen Gesten oder gar mit einem selbst­gefälligen Wortschwall vollziehen, sondern in ganz em- facher Weise als etwas Sttbstoerständliches. Dann gerade wirkt das gute Beispiel recht erzieherisch, weckt Nachahmung und fördert die gefamte Kultirr. Neben­bei auch die Gemütlichkett für die Gegenwatt, was schon ein schätzbarer Gewinn fft.

„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" hieß die alte Parole der großen Revolution, die freilich unter der Guillotine etwas sonderbar betätigt wurde. Richtig ver­standen und gehandhabt ist es ein christlicher Wahl­spruch, den man auch auf Reisen verwenden kann. Ich nehme mir die Freiheit, so zu reifen, wie es meinen wirtschaftlichen Verhältnissen entspricht, ohne mich durch das alte Vorurteil abschrecken zu lassen. Ich erkenne die Gleichberechtigung aller Körper an, in denen un­sterbliche Seelen wohnen, die das Ebenbild Gottes sein sollen Ich stelle mich brüderlich zu allen Mit- menschen, die gleich mir von Adam abstammen und gleich mir zum letzten Gerichte pilgern sollen. In dem freundlichen, brüderlichen Verkehr sehe ich keine Eut- würdigung, nicht einmal eine Herablassung; denn wenn ich zufällig von den Eltern oder Lehrern „feiner" er­zogen worden bin, so weiß ich doch nicht, ob nid# die andere-, Leute noch viel höher in der Kultur ftänben, wenn sie dasselbe ®Iütf gehabt hätten, und insbesondere weiß ich nicht, ob fie nicht vielleicht trotz der rauhen Außenseite ihrer Menschlichkeit beim jüngsten Gericht noch besser abschneiden werden wie nh. Also seien wir hübsch bescheiden und fühlen uns heimffch auch in der vierten Wagenklasse.

In der üppigen Zeit vor zchn Jahren ließ die Brü­derlichkeit viel zu wünschen übrig. Jetzt in der ge­meinsamen Drangsal muß der Spruch gelten:

„Wir wellen sein ein einig Volk von Brüdern, In keiner Not uns trennen noch Gefahr."