FuldaerZeilung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.
Nr. 164.
Verantwortlich für den rebauioneHen Teil: Dr. I. Kramer = für die Anzeigen: I. ParzelI«r-Fui-a. = Rotationsdruck u. Veriao der Fuldaer Actiendnrckerei in Fulda, fkerninrecher Nr. ». Post!check-Konto 4051 Frankfurt a M-
Donnerstag, 20. Juli 1922.
Lriickmrg von außen abzuwchren.
Wenn der Reichstag sogar eine Zweidrittel- ,^elt kMche Schutzgesetz ausbringt, tst das wirklich mehr, als man von diesem oisl-
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rben muß, die Unter«
eine feste Regie- Zukunst sorgen kann.
„Es handel! sich nicht um Ansprüche meiner Firma, sondern um solche, die ich cm Sie persönlich stelle!"
„In dieser Beziehung stehe ich erst recht mit meinem ganzen Wollen und Können zur Verfügung!" versicherte Herr Charlot geschmeidig. „Darf ich wissen, von welcher Natur diese Ansprüche sind?"
„Don nicht ganz harmloser!" flüsterte Hugo Welty dem aufmerksam Zähmenden zu. „Ihnen, Herr Char- ! lot, ist es bei Ihrer Gewandtheit ein leichtes, die Sache zu deichseln. Aber hier ist nicht der Ort dazu, die Angelegenheit weiter $u besprechen. Besuchen Sie mich morgen abend in meiner Privatwohnung — Dillenstrcche 17 — ich erwarte Sie und werde dafür sorgen, daß wir ungestört sind!"
Und leicht mit dem Stopfe nickend, als hätte er mir einige gleichgiltige Worte mit dem Zurückbleibenden gewechselt, schritt Herr Hftgo Welty wieder den Weg zurück, den er gekommen war.
5. Kapitel.
Helene Hellborn mußte es meisterhaft verstehen, ihr« Mienen zu beherrschen, denn auch der aufmerksamste Beobachter hätte keine Spur von Erregung in ihrem Gesicht wahrnehmen können, als sie nach dem inhaltsschweren Gespräch mit Hugo Welty wieder an den Tisch kam, an dem ihr Bater und Felix Tauber saßen. Mir ihrem gewohnten kindlichen Lächeln ließ sie sich an der Seite ihres Bräutigams nieder, trank ein Glas Selterswasser und fragte neckend: „Ist Euer langweiliges Thema von dem reparierten Glockenspiel endlich erschöpft, oder balgt Ihr Euch immer noch mit Zahnrädern, Ueber- setzungen, Hebelauslösungen und dergleichen herum? Dann gehe ich lieber gleich wieder!"
Lachend erwiderte ihr Vater: „Du bist jetzt I<u< genug herumgeflattert, Leuchen, und bleibst jetzt schön am Tisch! Sobald das Feuerwerk zu Ende ist, empfehlen wir uns ftanzösischl Ich habe der Mutter versprochen, bei Zeit heimzukommen, weil sie absolut ncht mitgehen wollte. Offen gestanden, wäre ich auch lieber zu Haufe geblieben, aber Du hast mich ja so lange gequält, bis ich Ja und Amen sagte!"
„Aber Papa!" entfuhr es Helene Etwas wie Unmut flog über ihr reizendes Gesicht. Papa kramte aber auch
Der Reichstag kann sich die Ferien gestatten, da öre dringlichen Gesetze trotz aller Schwierigkeiten zu- flchwe kamen. Der Reichstag darf sich die Ferien sormen, weil die noch fchwÄtenden Zeit-- und Streitfragen aller Wahrscheinlichkeit nach im Herbst sich
kann man feststellen, das darben worden ist, und i< rung behalten haben, die
„Und eine für mich sehr wichtige Angelegenheit wollte ich mit Ihnen besprechen, liebster Freimd — eine I dringende Bitte an Sie richten!"
„Eine wichtige Angelegenheit und eine dringend« Bitte, Monsieur Charlot? Da bin ich in der Tat neugierig! Ich glaubte, Sie wollten mir die fröhlichen 5tun« den in Erinnerung zurückrufen, die wir zusammen im „Club de Sebastopol" verlebt haben! Hat sich Kie reizende Astrid von der Opera comique über, meine Mreise mit einem anderen getröstet?"
"Nichts von Astrid — nichts vom „Clich de Sebastopol"! versicherte eifrig der Franzose.
„Nicht wahr — sind schöne Tage gewesen! Was mich zu Ihnen führt, ist rein geschäftlicher Natur! Ws Der- treter der „Societs internationale montaine" habe ich zu meinem lebhaften Bedauern in Erfahrung gebracht, daß Ihre geschätzte Firma gegen die Zulassung unserer Aktien bei dem hiesigen Börsenoorstande protestiert hat!"
„Allerdings!" sagte Herr Hugo Wety kühl. „Und zwar aus guten Gründen. Die Garantien, welche Ihre Gesellschaft den Erwerbern Ihrer Anteilscheine bietet, erscheinen uns nicht genügend!"
„Aber, mein Gott, warum denn, bester Herr Welly? 2ch kann nur annehmen, daß Sie über unsere Gesellschaft falsch unterrichtet sind! Wenn Sie gestatten, lege ich Ihnen die vollgültigsten Beweise dafür vor, daß von irgend einem Bedenken gegen die Zulassung unserer Aktien keine Rede sein kann. Aus alter Freundschaft beschwöre ich Sie, wenigstens diese Beweise zu prüfen — Sie werden dann gewiß zu einer günstigeren Auffassung der Sachlage kommen!"
„Wenn Sie sich auf unsere Freundschaft berufen, bann muß ich wohl Ihrem Wunsche Nachkommen, Herr i Charlot!" sagte Hugo Welty lächelnd. „Und wenn Sie mich wirklich von der Solidität des Unternehmens über- I 3«igen, dann bin ich auch nicht abgeneigt,, meine Firma I 3u veranlassen, ihren Einspruch zu korrigieren! Aber eine Gefälligkeit ist der anderen wert und nur dann, wenn Sie--*
„Ich habe die ausgedehntesten Vollmachten, Herr I Sscttij!" fiel der Franzose eifrig ein. „Jeder Wunsch, öen Ihre verehrte Firma stellt, soll erfüllt werden!"
Der Sturz von der höhe.
"216er Welty — haben Sie denn nicht gehört, was ich sagte?" begann Herr Lillstein eben wieder, als er auf seine letzte Frage gar keine Antwort erhalten hatte. Der Kerl wimmelt immer noch hier herum und gedenkt trotz Ihres Einspruchs seine Sache durchzufetzen!"
„Welcher Kerl?" fragte Hugo gedankenlos.
„Welcher Kerl — was für eine Frage? Der Der- rreter der Societe internationale montaine, der die Leute für Bergwerke begeistern will, die wahrscheinlich ach dem Mond oder auf dem Sirius liegen. Hat meinem Alten eine ganze Starre voll Erzproben vorgelegt — Kobalt- ende, silberhaltiges Gestein, Kupfererz und was weiß ftnst noch! Schwört bei allen Teufeln, daß "r,C - tnen fast offen am Tage lägen — in den • °"ftrn des kleinen Atlas — hat er, wenn ich nicht
®on$ geordnete Zustande herrschten in seitdem die Franzosen ihre Fremdenlegion E p°°r Bataillone verstärkt hätten! Es fehle nur ™ M «« die unermeßlichen Schätze zu heben!
^nn L7;Uf,en 65 >° besser wissen!"
h ’ roar aufmerksam geworden. Mit einem plötzlich seinem Begleiter zu und S mS n"Unb welchen Bescheid hat Ihr Herr Vater dem Mann gegeben, Lillstein?"
„ ar einen war die Antwort — „oder nur eme"' 8e?.aucn mt> nicht gestochen ist. Bevor er sich engagierenJonne, müsse er sich informieren! Wis. fen wie ängstlich mein alter Herr ist — in dem Falle tri* Jemefen ifte,berleh b!r ,ci,retal9 in ^ank- tetcb gewesen ist, der dort domizilierten Gesellschaft durch Ihren Protest bei dem Börsenvorstand gerade fein günstiges Zeugnis ausstellten'" y
- 'N- - Vie einmal _ fo möchte ich meinen drotest denn doch nicht ausgelegt wissen!" erwidert, Hug° Welty nach einigem Sägern. Die Society internationale montaine besteht schon seit einigen Iahrzehn- ten und ist. so viel ich weiß, gut fundiert! Hat in man- chen Jahren zwanzig Prozent Dividende gezahlt! Wenn ich Einspruch gegen die Zulassung ihrer, Aktien erhob, jo geschah es deshalb weil unser Haus doch den Der-
9it Hier öchtzMe «Wedel.
Der Reichstag bis zunr Herbst vertagt.
Die auswärtige Politik wieder iw Vordergrund
Um Hie WgW Der SgzialW.
Der angekündigte Ausruf.
Ter Allgemeine deutsche Gewerkschast-bund, der Allgemeine freie Angestelltenbund, die S. P. D. und die U. S. P. veröffentlichen einen Aufruf an ihre Mitglieder, in dem sie eine Darstellung der Vorgänge geben, die zur Bildung der Arbeitsgemeinschaft der fozialdemokratifchen Fraktionen geführt haben und in dem sie ihre Haltung zur Frage der Auflösung des Reichstags rechtfertigen.
Die Auflösung hätte zu eine Verschärfung der außenpolitischen Krise geführt, zu einer Erschwer rn ng der dringendsten Lösung der Reparationsfrage, sie hätte die wirtschaftliche Notlage infolge der poli- tischem Unsicherheit verschärft, den Sturz der Mark beschleunigt, die Preissteigerung gefördert und so die Arbeiterschaft besonders geschädigt. Deshalb hätten sie dieses Mittel nicht angewandt.
Der Aufruf schließt: Aber der Kampf ist nicht abgeschlossen, er dauert fort. Tas Werk der Einigung ist begönne' muß vollendet werden.
tritt der vereinigten Partei aus der Koalition zu be- Mrchten haben Denn gegenwärtig ist offenbar der Gedanke des Kwssenkampses ztmickkMrcrrwt worden durch die Emsicht, daß in dieser kritischen Zeil die Spaltung vermieden und die Samir Lung der ver- lüiiimgstreuen Kräfte gefördert werden muß
Mach aller menschlichen Berechnung werd in den nächsten Monaten die auswärtige Poliitk ihrem wirtschaftlichen und finanziellen Zubehör viel starker in den Vordergrund treten als die parteipoüti- ftpen Angelegenheiten. Cs ist wohl möglich, daß die
Am Dienstag ist plangemäß die Arbeit des Reichstags, bie vor der Sommerpause zu erledigen war, zur Durchührung gekommen. Die vier Gesetze zum Schutze der Republik sind verabschiedet wachen. Sie Haden Lurchwrg eine stattliche Mehrheit gefunden, lieber die mnerpolitüsche Sage im Augenblicke der Vertagung des Reichsparlaments schreibt uns unser Seite N.-Mit- arbeiter folgendes:
Wenn wir den vorläufigen Abschluß der Reichs- iagsverhandlungen und die Pause von drei Monaten begrüßen, so soll Las keine Beleidigung für den Reichs- fein, sondern die Feststellung der Tatsache, daß das Parlament jetzt Las Notwendige besorgt hat und
trieb südwestafrikanischer Werte übernommen hat! Es 'ft »och natürlich, daß ich bet dem gegenwärtigen tnap- pen Geldstand das deutsche Kapital deutschen Zwecken erhalten will.
gar nicht geglaubt, daß Sie ein so mächtiger Patriot sind, Welch!" sagte Herr Lillstein ironisch. „Da wäre am Ende mit den Aktien der „Societö internatio-
| naIc doch em Stuck Geld zu verdienen?"
j Ai»T"nSa«mlrtnetnn^L 1Ctn' Nicht!" entgegnete ^ugo Welch achselzuckend. „Wir - das heißt unser Haus — bleiben der Sache vorläufig fern! Ihr Herr Papa kann ja machen, was er will!"
. Sausen stieg jetzt jenseits des vor
dem Gesellichaftshause liegenden freien Wiesenplans etne JRafete tn die Höhe den Anfang des Feuerwerks verkündend. Bon allen Seiten drängte die neugierige Menge heran, so daß Hugo Welch von seinen Begleitern getrennt wurde^ Das war ihm gerade recht, denn da konnte er die Ausführbarkeit der Idee, die ihn blitzartia bei den Worten des jungen Lillstein durchzuckt hatte ungestört erwägen. Und es schien, als iände er einen'zum Ziele seiner Wünsche führenden Weg, denn wie beftie- digt nickte er manchmal vor sich hin, während sich ein grausamer Zug um seinen Mund legte. Ohne auf das bunte Farbenspiel der von der Wiese aufsteigenden Raketen, Leuchtkugeln m:d sonstigen pyrotechnischen Ueberraschungen zu achten, schritt er langsam, wie suchend, die Reihen der Tische entlang und blieb schließ- ich wie zufällig in der Nähe eines Herrn stehen, der allein an einem Tischchen saß und offenbar gelangweilt dem Feuerwerk zuschaute. Beim Erblicken Hugo Weltys fuhr der Fremde, dem man sofort den Franzosen ansah, wie elettrifiert von seinem Sitz empor und sich dem jungen Mann rasch nähernd, begrüßte er ihn in französischer Sprache: „Monsieur Welty? Sehr erfreut Sie zu sehen! Bin schon ein halbes Dutzend mal auf Ihrem Kontor gewesen, ohne Sie zu treffen!"
„Monsieur Charlot, wie geht es Ihnen?" erwiderte ! Hugo Welty kühl, indem er die ihm entgegengestreckte Hand leicht berührte. „Sie wollten mich besuchen, wie ich an Ihrer zurückgelassenen Karte sah und haben mich nicht gettossen? Das bedauere ich!"
auch bei denen, die sonst seiner Partei jede Redefreiheit gewähren, nur scharfe Mißbilligung."
Der „Fall Bazille".
Die Schmährede des Bazille, der auch den Reichs- knnzler persönlich angriff und sich als „Borkümpfer zur I Befreiung Deutschlands" anbot, rief zunächst den wärt-- I ternbergischen Arbeitsminister Heil, der auch Reichstags- I abgeordneter ist, auf die Tribüne. Er teilte u. a. mit, I dieser deutschnationale Herr Bazille sei nicht nur f ran» I zösischer Abstammung, sondern habe seinen Ur« I laub regelmäßig in Frankreich verbracht. Ms er in das I politische Leben eintrat, sei er zunächst Linksliberaler, I dann Rechtsnationalliberaler gewesen, bis er sich nach I der Revolution den Deutschnationalen anschloß. Der I Redner gibt weiter einen Ueberblick über den Hebens- I lauf des Abg. Bazille und behauptet, daß er sich bei I seiner Rückreise aus dem Felde mit Nah - I rungsmitteln versorgt habe, die für die beul» I schon Truppen draußen bestimmt waren. Der Abge- I ordnete Bazille habe in der Kriegszeit doppeltes Gehalt bezogen und zwar von der Zivilverwaltung in Belgien und vom württembergischen Arbeitsministerium.
I (Lebhaftes Hört! Hört! links.) Solche Handlungen feien ein Betrug. (Unruhe rechts und Zurufe: Zur Ord- nung!) Das Reichsministerium des Innern entschied, daß die überhobenen Beträge durch Mehrarbeiten des Abg. Bazille ausgeglichen werden sollten. Man hat aber nie feststellen können, welcher Art diese gewesen seien.
Obwohl das Zentrum nicht die Absicht gehabt hatte, sich an der Aussprache noch weiter zu beteiligen, sah sich auf den Vorstoß des Bazille hin der vom gesamten Parlament hochgeschätzte
Abg. Fehrenbach veranlaßt, gegen die Ausführungen zu protestieren. Er erinnerte an die großen äußeren Gefahren, von denen Deutschland bedroht ist. Auch die Opposition sollte einen Ton anschlagen, der sich einigermaßen mit dem Anstand vereinbaren (affe. Die | Situation sei wirklich ernst, namentlich die in Aussicht B enden neuen Forderungen der Reparationskommis» :. Das vaterländische Gewissen sollte daher in allen Kreisen gestärkt werden. (Abg. Graf Westarp (Dn.): Soll das auf uns zielen? — Lebhafte Zustimmung bei der Mehrheit.) Die giftgeschwollene Rede des Abg. Bazille fei sorgfältig präpariert worden, um hier das Gift zu verspritzen. (Zustimmung bei der Mehrheit. Unruhe rechts. Zuruf des Dbg. Graf Westarp. Herr Graf Westarp, können Sie diese Rede gutheißen? Graf Westarp: Jawohl! Unruhe und Zurufe bet der Mehrheit.) Dann haben Sie sich Ihr Urteil selbst gesprochen. Mit diesem Gift und dieser Galle werden Sie auch in Ihren Parteikreisen keinen Eindruck machen. Auch in den Kreisen der Rechten gibt es noch Leute, die für diese Art des Kampfes kein Verständnis haben. (Beifall bei der Mehrheit.)
Rach diesem wohlverdienten Denkzettel für die Rechts- radikalen ging die fachliche Beratung wester.
Zu den Schutzgesetzen legte der Abg. Emminger von der Bayrischen Volkspar» tri noch einmal in ruhiger sachlicher Att die ablehnende Haltung feiner Freunde bar. Für die Deutsche Aolks» Partei ertlärt Strefemann trotz einiger Bedenken die 3uftimmung zu den Schutzgesetzen; dasselbe tut für btc Unabhängigen, die ebenfalls aber wegen zu geringer Schärfe der Gesetze einige Einwürfe erheben, der Abg. henke. Die Debatte schließt mit persönlichen Seiner- Jungen. Abg. Bazille teilt mit, daß er in der von Ada. Keil erwähnten Angelegenheit bas Disziplinarverfahren gegen sich beantragt habe.
Damit schließt die allgemeine Aussprache. In der Emzelberatung erfährt sodann bie Vorlage verschiedene Abänderungen auf Anträgen Müller-Franken (Soz.) Marx Ztr.) und Koch-Weser (Sem.), für welche auch die Deutsche Dolkspartei und die Unabhängigen stimmen. Der in der zweiten Lesung eingefügte S 9 a, wonach mit Gefängnis bestraft wirb, wer nicht verbotene Versammlungen ober Kundgebun- gen. mit Gewalt verhindert ober sprengt, wirb g e - I strichen.
Die Abstimmungen ergeben in allen Fällen die Annahme ber von den Jiegterungspnrteien gestellten 21 e n b e ru n g s a n t r ä ge I
muß schon damit zufrieden fein, daß sie nicht ins Ausland entwischt sind. Durch ihren Selbstmord haben sie sich, wie neulich ein Vorsitzender in einem anderen Verfahren sagte, „einem höheren Richter gestellt". Ma» darf wohl mmchmen, daß das bisher aufgedeckte Material ausreicht, um die Derschtvörernester airfzuftööern und auszuräuchern. Damit wird doch wohl derHöhe- pmrkt der schändlichen Morvfeuche überschritten fein.
Die Radikalen aus der rechten und auf der linken Scitt sind fteilich noch nicht zum Verstummen gebracht, wie die letzten Reichstagsdebatten wieder zeigen. Aber die Isolierung dieser Umsturzpoli- tiker hch doch sichtlich Fortschritte gemacht. Die Unabhängigen sind weit von den Kommmisten abgerückt, und in der Deutschen Volkspattei nimmt die Sym- pachie für die konservativen Katasttophenpolitiker immer mehr ab.
Ob die Koalition und dir Regierung regelrecht und ohne Gefahr für das bisherige Fundament erweitert werden kann, wird sich ja im Herbst zeigen. Vorläufig
fein, daß wir nicht durch Auflösung und Neuwahlen kostbare Zen und günstige Gelegenheiten verloren es wüßte sonderbar zugr-hen, wenn nicht rm Herbst noch mehr als bisher die Stimmung sich durchsetzte: Wir wollen uns vertragen und ftieLlich Msmmnenarbeiton, um das Vaterland von dem aus» ländischen Druck zu erlösen, so weÄ es möglich ist.
Zum Abschluß dieser Sommer-Krisis wäre es oewisi flpt Qcwcfcn, die beiden flüchtigen Mörder Rat Henaus ergriffen und nebst dem dritten Mord- gefellen vor Gericht gestellt worden wären Aber man
mit einer Mehrheit, bie aus den beiden sozialdemokratischen Fraktionen, dem Zentrum und ben Demokraten besteht. Für bie Beschlüsse in ber zweiten Lesung stimmt auch die Deutsche Volkspartei. In ber namentlichen Schlußabstimmung wird bas Schutzgesetz mit 303 ge» gen 102 Stimmen bei vier Stimmenthaltungen angenommen. Dagegen stimmen neben ben Deuflch. nationalen, ben Kommunisten und den beiden bayerischen Fraktionen noch einige Mitglieder der Deutschen Volks- Partei, darunter Abg. Schoch. Abg. Sünnes fehlt. Er» nährungsminister Fehr ftimmt im Gegensatz zum Bayerischen Bauernbund, dem er angehört, mit Ja. Präsident Lvbe stellt fest, daß bie verfassungsmäßig erforber- l ich e Z w e i b r i 11 e l m e h r h e i t für bas Gesetz erreicht ift (Beifall.) Die Einsetzung des Untersuchungs- ausschusses für die gegen die Reichswehr erhobenen Anschulbigungen wirb mit der verfassungsmäßig notroen- bigen Mehrheit beschlossen. Das Amnestiegesetz wird ohne Aussprache in dritter Beratung angenommen. Das Gesetz über bie Pflicht ber Beamten zum S chntz ber Republik wird mit einigen Aendenmgen in ber namentlichen Schlußabstiwmung mit ber nach ber Verfassung notwendigen Zweidrittelmehrheit angenommen. Dafür werden 278, dagegen 137 Stimmen abgegeben bei einer Stimmenthaltung. Das Reichs- krirninalpolizeigefetz wird mit großer Mehrheit angenommen. Die Vorlage über bie Bewilligung von 75 Millionen zum Schach ber Republik wird ohne weitere Aussprache mit großer Mehrheit angenommen. Der ersten Beratung eines Antrages ber Mittelparteien auf Slenberung fces Strafgesetzbuches (Maßnahmen gegen Sprengung von Versammlungen), ber nachttäglich eingebracht wurde, widersprechen die Kommunisten. Dadurch mutz zweimal eine neue Sitzung anberaumt werden.
Der Antrag der Mittelparteien wird in ber letzten Sitzung bann an ben Rechtsausschuß verwiesen, zusam- men mit einem Antrag ber Unabhängigen, ber folgen- bermaßen lautet: „Beamte, welche bie ihnen nach bem Gesetz zum Schutz ber Republik obliegenden Pflichten nicht erfüllen oder bie ihnen aus diesem Gesetz zusteden» den Rechte mißbrauchen, werden in schweren (fällen mit Zuchthaus bestraft."
Das Gesetz zur E r h ö hu n g ber Tagegelder sm Mitglieder des Reichstags auf 10 000 Mark pro Monat wird ohne Aussprache in allen drei Lesungen angenommen.
Zahlreiche Ausschußberichte werden erledigt. Damit ist die Tagesordnung erschöpft.
Pause bis zum Oktober.
Abg. Dr. Strefemann (D. Apt.) dankt dem Präsi- denken für bie unparteiische Führung ber Geschäfte und bie herzlichen Worte, bie er oft im Interesse des Deutschtums gesprochen habe. Rach Er» widerungsworten des Präsidenten vertagt sich der Reichstag bis zum Herbst.- Die nächste Sitzung soll nicht nach dem 17. Oktoü-r ftatffmben, gegebenenfalls früher.
ui» iiuui von meiern tust» ?paütgen Parlament erwarten durfte. Wir wollen auch gern anerkennen, daß die Unabhängigen ein cuffchnlichrs Probestück für ihre DefähiMmg zur Mit- irbeft gritefert haben, als sie mit 39 gegen 16 Stim- tnen beschlossen, für das Schutzgesetz zu stimmen und me weitergchcnüen Forderungen der roten Gerverkschaf- ben Mrlausig fallen zu lassen. Das exttsme Drittel dieser Fraktion kann fteilich künftig noch lästtg oder soMtt gefährlich werden. Aber man darf doch hoffen, daß m der Sommerpause der blinde Eifer noch weüer abstwtt und die BciMneichett zunimmt Sollten die foz«olistqchen Parteitage eine VerschmelMng der gemäßigten SoziaLemokratte mit den UnabHänMen beschließen, so Würde man deshalb iwch nicht den Aus-
Es war eine schwere Krisis; was rwch nach - kormmn kann, sicht weniger gefährlich aus. Darum I begrüßen wir die Atempause.
Die ZchluWtzungen -es Reichstages.
Drei Sitzungen waren am Dienstag noch erforderlich, um ben Arbeitsstoff des Reichstages vor den großen Sommerserien $u erledigen. Es ist sonst fo kurz vor ben Ferien ein durchaus ungewohntes Bild, wenn ber beschauliche Besucher ber Tribünen biefes Mal ein fast bts auf ben letzten Platz besetztes Hmis dort unten im Plenum vor sich sah. Aber es gatt eine Gesetzgebung U verabschieden, für bie, weil sie oerfaffungsänbernbe Besinnmungen aufmies, zunächst bie Anwesenheit von Zwerbritteln aller Abgeorbneten erforderlich war. Don dieser Zahl hatten sich wiederum % für bie Gesetze zu «ttscheiden. Es sind vier Gesetze, die zu ber sogenannten Schutzgesetzgebung zu rechnen sind: bas Gesetz ßum Schutz der Republik, das Amnestiegesetz, das Gesetz über die Pflichten ber Beamten zmn Schutz ber Republik und endlich bas Reichskriminalpolizeigesetz.
Fürwahr, eine ernste Materie, um die es sich Wer handelte. Und man hätte mit Fug und Recht erwarten dürfen, daß von allen Rednern diesem Ernst Rechnung getragen worben wäre — auch von denen, die von ihrem oppositionellen Recht einen sehr ausreichenden und sehr oft über bas Maß hinausschießenüen Gebrauch zu machen wissen. Aber man hat, wie ber Dienstag wiederum offen zeigte, auf ber deutschnationalen Rechten das Gefühl für ben politischen Anstand und für die Würde bes Parlaments schon völlig verloren; denn wäre dem anders, bann hätte der Redner ber Deutschnationalen Volkspartei, ber Abg. Bazille, nicht eine Rebe halten können, die in bisher beispielloser Art alles das herabzoa, was irgendwie mit der Republik im Zusammenhänge steht. Niemand wird ben Deutschnationalen das Reckt der sachlichen Dppofition betreten wollen, aber es ist nichts anderes als die hemmungslose Lust an ber Ver- jjerrung und grobklotzigen Verneinung, wenn mit der ganfare btlltgcr Agitation solche hetzerischen Plattheiten in das Volk geworfen werden, wie dies bem Abqeordne» ten Bazille beliebte. Selbst bie sehr weit rechts stehen-
„Sranffurtcr Nachrichten" schreiben über diese Rebe: „Es ist wirklich bedauerlich, daß ber deutsch- nationale Abg. Bazille es für angemessen erachtete, eine ^ebe zu halten, bie provozierend wirken mußte, nutzer seiner eigenen Fraktion fand er hn ganzen Hause
Bezugspreis: Monatlich 24.00 Alk. zugestellt frei ins Haus-
= Abgehoit in ber Geschäftsstelle 23,50 Akk. - *r\
Anzeigen: Kleinzeile nach Colonel 2.00 AU.; ausw.ZFOMk. JUylQ
R e klamezeiie (Textbreite) nach Colone>maß 10 Mark.