FütdaerZeitung
Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Lkadk Fulda.
Nr. 158.
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Donnerstag, 1Z. 3uti 1922»
valutasturr «.Reparation.
Das Sefeh zum Schuh der Republik.
Lin wirkungsvolle Rede des Reichskanrlers.
Die Meinungen der französischen Matter über ine Besprechungen der deutschen Delegierten mit den Mitgliedern der Reparationskommisston bestätigen, daß bisher weder von Leutschsr Seite irgend ein präziser Antrag gestellt, noch von alliierter Seite eine bestimmte Lösung ms Auge gefaßt ist. Innerhalb der Reparationskommiffion sei man jedoch darüber einig, daß Deutschland unter allen Umständen die am 15. Juli fällige Rate zu zahlen habe, die sich infolge einer an Amerika gemachten Lieferung auf 33 Millionen reduziere, und daß keine endgültige Entscheidung getroffen werden könne, ehe der Bericht des GaraMekomitees über das Ergebnis seiner Arbeiten in Berlin emgetrrHen sei.
Einige Blätter ^ssen durchbacken, daß in den Kreisen der Kommr eine gewisse Neigung bestehe, erneut auf feenjä-^^en einer internalionalen An leihe greifen. Wenn auch," so meint »Petit Parisief' ^Lie von dem Bankierlomitee an die Anleihe geknüWWMdingungen noch vor einem Bionat von der frachM^^Rssierung ms unannehmbar ab- gelehnt oorbet seien, jo habe doch .riderer'eils Herr Poincare mimischen wiederholt erfiän, daß nach feiner Ansicht eine Anleihe über kurz oder lang aufgelegt werden müsse u-td daß er sich oorbchaäe, daraus zurückzu- kommen. ',WaD er d Augenblick für gekommen erachte.
Aist, sLompe" sch.eibt, angesichts der Erklärungen, die o«-> ’ "oatsse.tLtä">F ischer und Schroder den Mikguedern' der Reparationskommission abzugebsn be- oufixigt seien und aus* denen zweifellos hervorgehen werde, daß die deutsche Regierung einen Aufschub ihrer $ ar liefe jungen verlange, erhielten die^Sachlieferungen eine noch größere Bedeutung als früher. Die französische Regierung verkenne diese Be- deutMg nicht. Bekannikich stehe zurzeit der Durch- .jührung des Wiesbadener Abkommens allein die Zoll- fr a g e im Wege. Sobald diese Frage von der fran- soslschen Regierung erledigt sei, könnten gewisse Wieder- aufbaugenojf-enschaften Bestellungen im erheblichen Um- fange m Deutschland machen.
, In der „Daily Mail" äußert sich Poincare, er werde Nicht für Frankreich das Recht beanspruchen, die R u hr zu besetzen, d. h. er werde von den Alliierten eine V.üiiik der Festigkeit verlangen, aber in Gemein- y ” ^t mit den Alliierten handeln und v? uiM)ch nichfAn Abenteuer stürzen. Er sei Ber- hMdilungsformen, luie denen von San Remo, Spaa und Camres abgeneigt, aber bereit, mit Lloyd George, Schanzer und anderen L lxrtsmännern zu verhandeüi. "s müsse eine Aendermrg der Beratungsformen des ^ersten Rats stattfinden, indem Sachverständige den Mrhandlungsstvff vorbereiteten, wodurch plötzliche und Kräi^rbereitetc Beschlüsse vermieden werden können. 2JU.tr*' " ’ btejc Weife könne der neuen Entwicklung der deutsch-. .Finanzen gegenüber die Einheit unter den Alliier.«,; während der nächsten Monate aufrecht erhalten werden. Auch müßten die Alliierten eine strenge Kontr-o.-le über die deutschen Finanzen, besonders über Int t* < und Exporthandel einführen, die infolge des niedrig^ Standes der Mark jeden ftemden Markt unterbietest,,,' '‘Hen. Dies sei her einzige Weg, den dentschmoent herauszuarbelteu, selbst gegen
fcen P',.d rr? Deutschen Kapitalisten, um auf diese Weife-rn- , in die Lage zu versetzen, Roparations- zahluu-rn' leisten zu können.
Der Stut$ von -er höhe.
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Frau Tauber erwiderte nicht- mehr. Mit einem lei. sen Seufzer wendete sie sich ab und begann nist zittern- den Händen den Tisch abzurämnen. um ihn zum Abend- essen zu decken. Erst als sie die klangvolle, leidenschafts- lose Stimme Marthas 'vernahm, die auf Felix zugetreten war und ihm die Hand reichend sagte: »Dor allem meinen herzlichsten Glückwunsch, Felix! Möge Dir die Zukunft alles das bescheren, was Du von ihr erhoffst!" — — da schritt auch die Mutter aus ihren Einzigen zu und die Hände auf seine Schultern legend, stammelte sie bebend: „Der liebe Gott möge alles lenken und leiten, wie es zu Deinem Besten ist! Jeder ist seines Glückes Schmied! Du bist all genug und mußt wissen, was Du zu tun hast! Meinen Segen hast Du und meine ganze Liebe soll der gehören, die Du mir als Deine Frau zuführst!"
Bewegt küßte Felix die Mutter auf die Wange. Das vorhergehende Gespräch hatte ein unbehagliches Gefühl in ihm ausgelöst Dos himmelhohe Jauchzen feiner Seele war auf einmal verstummt und etwas wie Zweifel an feinem zukünftigen Glück überkam ihn. Aber gemalt, fern unterdrückte er dieses Empfinden. Es war ja vor- auszusehen gewesen, daß die Mutter von seiner Wahl nicht besonders erbaut war, da sie im Stillen sicher gehofft halte, daß er ihr Verwandtenkind, die ihm bei jeder Gelegenheit als Muster einer Frau gepriesene Martha heimsühre. Martha hatte sich eigentlich recht tadellos benommen. Schien es auch zuerst, als wäre sie bis in das Innerste erschrocken, als er ihr feine Verlobung mit. teilte, so hatte sie sich doch mit überraschender Schnelle gefaßt und war sogar zugunsten Helenens eingetreten. Das konnte doch keine Verstellung sein,! Warum fühlle ;r sich durch das ruhige, an Gleichgültigkeit streifende Gebaren des Mädchens innerlich verletzt? Die kühle, '.eidenschaftslofe Aufnahme feiner Neuigkeit hätte ihn doch eigentlich befriedigen sollen!
pas Hausmädchen war in die Stube getreten und hatte bas Abendessen, bestehend in kaltem Aufschnitt und einigen Flaschen Bier, auf den Tisch gestellt, Martha wollte sich verabschieden, doch Frau Tauber hielt sie zurück und bat sie, an dem Abendbrot teilzunehmen. Ohne sich lange nötigen zu lassen, folgte das Mädchen der Ein-
Der MarLstnrz im engl. Unterhanse.
Ksnnworty fragte rm Unterhause den Präsidenten Les Handeisamtes, Baldwin, ob er sich Kar darüber sei, daß der Zusammenbruch der Mark den Ausfuhrhandel Englands mit DsutMandf chwerbenach- teiligen könnte. Baldwin erwiderte, die Regierung fei sich über den Ernst der Lage klar.
Lord Henry Cavendisp-Böntmck fragte den Premier. Minister, ob angesichts des Schadens, dem der Umstand, daß die Reparationsfrage noch nicht geregelt sei, dem europäischen Handel im allgemeinen und dem großbritannischen im besonderen zusüge, die englische Re- Merung bereit sei, zu Frankreichs Gunsten auf einen Teil oder die Gesamtheit ihrer Ansprüche an den Reparationszahlungen zu verzichten und einen Vorschlag bezüglich der Regelung der französischen Schuld an Großbritannien zu machen. Lloyd George erwiderte, die Frage sei so verwickelt, daß es nicht möglich sei, sie in Form einer parlamentarischen Anfrage zu behandeln.
Lord Henry CcwsnfeG-Ben-femck fragte, ob bis Regierung keine Politik finden könne, durch die dis Schwierigkeiten beseitigt würden. Lloyd George aniwm- tete, weder er noch die Regierung hätten für die Sckwie- ngfeiten die Verantwortung, sondern mehrereNa- t i o n e n, deren Interessen miteinander in Einklang gebracht werden müßten.
Die englische Auffassung.
Der Manchester Guardian" schreibt in einem Lest- arüLel, England könne die Krise nicht gleichgültig mit ansehen. Sie Auflösung Deutschlands würde die Auflösung Mitteleuropas bedeuten, und eine kommunistische oder, was Wahrscheinlicher sei monarchistische Reaktion zur Folge haben. Die junge Republik befinde sich in einer unmöglichen Lage. An einer Stelle ist ihr etwas weggenvmmen, an einer an» feeren Steile wird sie besetzt gehalten, und an einer fentten Stelle wird sie geteilt. Daß die Mehrheit der Bevölkerung alles das aushält, zeigt, daß mehr pcitti« scher Smn tm deutschen Volke steckt, als man gemeinhin annimmt.
Das StzutzgM im Reichstag.
AuS am Dienstag ist die Beratung des Gesetzes zum Schutze der Republik noch nicht zum Abschluß gekommen. Der deutsch-natiouale Abgeordnete Gräf- Thüringen, einer der Heißsporne der äußersten Rechten, verursacht durch feine herausfordernde Art dauernden Lärm auf der Linken. Schließlich ariff der Reichskanzler St. Wirth mit einer zur Ä fammenarbett aller Volksschichten aufforbernben Siebe m die Debatte ein.
^,S°rÄ.ÖT9 ?cr Zweiten Berakmg des Gesetzentmmfes amn Schutze der Republik, verbunden mit dem aleich- namigen Inttiarivantrag der Unabhängigen.
Abg. w,sstll (Soz.): Strafrecht und Strafprozeßordnung sind Reichsfache. Rechtsgründe kann alfo JSaijern bet feiner Ablehnung nicht haben. Seine entspringt einer überaus reizbaren Empfind- »riffln ""d emer krankhaften Furcht vor Ein- kXaL s bayerische Sonderzustände. Die Frage des Republik ist heute die einzige Frage un- ftrer^Gestmtpolttik und greift auch auf das wirtfchqfllich- 'S^ dies stets bTTfdnen Besuchen zu Hi pflügte. Aoer die rechte Gemütlichkeit, wie sie sonst traulichen von der grünverhängten Gasflamme beleuchteten Tisch herrschte, wollte heute bei den drei MeNjchen nicht auskommen. Als wäre es Absicht, das Thema zu vermeiden, sprach man kein Wort mehr von ^cux Verlobung und unterhielt sich vorwiegend von dem bevorsteyeuden Mufikfest. Mietet kam Martha als aklive Teilnehmerin naturgemäß hauptsächlich zu Wort.
f,e entet(Jelte ihre Ansichten über den voraussichtlichen Verlaus der Aufführungen mit einer Sachlich. I-LUfnm^e'f"a6 ®°W Mensch auf den Oebantyi £ kommen können, daß ihr inneres Gleichgewicht ge- iort fei. Nur meinte Felix ein leises Vibrieren und eine se.tsame hast aus ihrer Stimme herauszuhören, als sie 3u ferner namenlosen Ueberraschung
Intendant der königlichen Oper in war bei der letzten Probe zugegen und hat mich gehört, als ich den Liebestod aus „Tristan und Isolde" sang. Er verwickelte mich m ein Gespräch und hat sich sehr schmeichlet über meine Leistungen ausgesprochen, llnd denkt Euch heute morgen wurde mir daraufhin von der Intendantur das Anerbieten gemacht, unter sehr vortellhaften Bedingungen dem Mitgliederverband der königlichen Oper beizutteten. Ich habe mich ent- schlosten, dem Rufe zu folgen!"
„Du willst zur Bühne gehen?" riefen Frau Tauber und Felix, wie aus einem Mund. Und erstere fuhr fort: „So hast Du Deine Gesinnungen doch geändert? Ich glaubte. Du scheutest die breite Oessenllichkeit, nach- dem Du schon verschiedene ähnliche Anerbietungen abgelehnt hast."
„Die Antipathie gegen das berufsmäßige öffentliche Hervortteten habe ich auch heute noch nicht überwunden!" entgegnete Martha. „Aber das Leben fragt heutzutage den Menschen, der in die Höhe kommen will, nicht mehr nach seinen Neigungen! Und Jahr für Jahr in der Tretmühle des Alltags zu gehen, wie in meiner jetzigen Stellung, bis ich alt und grau geworden bin, ohne emporstreben zu können — dafür bin ich nicht geschaffen! In meiner neuen Stellung ist mir Gelegenheit geboten, über die Mittelmäßigkeit hinauszukommenl Mein Ent. schluß ist gefaßt!"
„Zweifellos wirst Du ihn bei Deinen glänzenden Stimmitteln nick-t au bereuen haben, Marthas" jagte
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49. Zahrg.
1 Gebiet über. Unsere Bedenken sind im Ausschuß noch , nicht völlig beseitigt worden. Wir könnten daher der ; dritten Lesung des DisziplinargeseZes für die Beamten nicht zusttmmen, ehe wir nicht wissen, welche Gestalt die anderen Gesetze annehmen werden.
Abg. Sräf-Thüringen (Dntt.): Auch im Ausschuß wurde mis das Gesetz mit der dringenden Aufforderung vorgelegt: „Friß Vogel, oder stirb!" Von fern hörten wir das Donnerrollen einer nahen Katastrophe, General- stteik ufw. Es war nicht erst nötig, uns von links her ausdrücklich darauf aufmerksam zu machen, aber wir lassen uns nicht einschüchtern. Wir protestieren gegen diese Art der Arbeit. Das ist das Ende der demokratt- scheu Freiheit. Die Besttastmg der Mörderzenttalen ist nur der Vorwand für andere Zwecke, und der § 1 war nur das Feigenblatt für die Bindung der nationalen Opposition. Reichskanzler und Reichsjustizminister haben die Parole ausgegeben: Der Feind steht rechts. Ich beneide sie um ihre Verantwortung nicht. Eine blutige Saat geht schon in Thüringen auf, und in Zwickau hat es 15 Tote gegeben. (Lärm links. Zurufe: Lüge!) Wenn wir die Ermordung Rathencms mit Recht von unseren Rockschößen abschütteln, dies bleibt auf Ihnen hängen. Ich gebe Herrn Stampfer zu, daß Fritz Adler irrsinnig war, denn er ist doch Sozialdemokrat. (Furchtbarer Lärm links. Präsident Lobe ruft Zwischenrufer der Linken zur Ordnung, bittet aber auch den Redner, sich zu mäßigen. Zuruf rechts: „Frechheit!" Präsiüem Lobe rügt diesen Zwischenruf.)
Reichsjustizminister Dr. Radbruch: Wir haben eben eine sehr provozierende Rede gehört, sie paßt zu dem Bilde, das wir uns von den Deutschnationalen gemacht haben. Was bedeutet das Gerede von dem Treu- n u n g s st r i ch, solange noch Männer wie W u 11 e, (Haffen und Gräf nicht aus gef ch los f en find. Gräf hat seiner Zeit die ungeheuerlichen Ver- dächtigungen gegen Erzberger ausgesprochen. Der Staatsgerichtshof verstoßt nicht gegen die Versosiung. Das Sozialistengesetz wollte eine geistige Bewegung mit Knüppeln totschlagen. Welche Stelle des heuttgen Gesetzes wendet sich gegen eine geistige Bewegung?
Der Vertreter Sachsens, Minister Lipinski, stellt die Ausführungen des Abg. Gräf dahin richtig, daß nach amtlicher sächsischer Bekanntgabe in Zwickau nur zwei Personen getötet worden seien und bedauert, daß Gräf diese Ausführungen machte, obwohl ihm der Tatbestand bekannt sein mußte.
Abg. Dr. Levi (Unabh.): Meine Partei verlangt keine Ketzergerichte, aber es ist von ausschlaggebender Bedeutung für sie, daß Laien am Staatsgerichtshof teil» nehmen, die auf dem Boden der demokratischen Republik flehen, auch wenn sie nicht Sozialisten sind. In Bayern muß auch das Spiel mit der Monarchie aus- hären. Wenn die bayerische Regierung nicht hören will, werden die Massen ihr sagen, was zu sagen ist.
Abg. Tr. Bell (Ztr.): Provokatorische Reden wie diejenigen Gräfs führen zu Katastrophen. Sollen wir warten, bis auch der letzte Minister der Republik er- mordet ist? Halbe Matznahnien helfen nicht. Wir muffen entschlossen, schnell und fest zu» grerfen. Darum sind wir in § 1 über die Vorlage yinausgegangen, ohne dabei in unerträgliche Ausnahme- destimmungen zu verfallen. Die Stimmung in Bayern muh beruhigt werden. Für Ruhe und Ordnung muh die Republik die unerschütterliche Grundlage bleiben.
Abg, Dr. Kahl (D. 83p.) warnt vor verhängnisvoller Eile und rechnet auf vorurteilsfreie Prüfung der Anträge feiner Partei. Gesinnunaen werde man mit dem Gesetz kaum ändern, die Reichs freudigkeit kaum mrdern. Wenn die reaktionäre Richtung fo wilde Erscheinung-, formen annehmen konnte, liege die Schuld nicht züm wenigsten auch bei den politischen Methoden, die sich seit drei Jahren nicht genug daran tun konnten, das geschichtlich eingestellte deutsche Volkstum in seinen ihm wertvollen Erinnerungen zu verletzen. Als Redner unter ungeheuerem Lärm der Linken erklärt, im Un. gluck solle ein Volk seine Farben nicht herunter holen und den Präsidenten um Schutz gegen die Zwischenrufe ersucht, fordert ihn Vizepräsident Dittmann auf, weniger provokatorisch nach links zu sprechen. (Stürmische Zu. rufe rechts: .Parteipräsident!-) Wir wollen mitarbei. ten an diesen Gesetzen, aber dann nicht, wenn sie heilig verbriefte Rechte und Gesinnungen nut Fähen treten.
Felix. „Ich gratuliere Dir von Herzen!" Etwas gezwungen klangen ferne Worte. Langsam erhob er sich vom Tisch, um an das Fenster zu treten und in die Dämmerung hinauszusehen. Er mußte die mächtige Bewegung verbergen, die ihn bei der unerwarteten Mitteilung Marthas ergriffen hatte. Ging Martha zur Bühne, dann entfremdete sie sich gewiß im Laufe der Zett ihm und der Mutter. Das erfüllte ihn mit eigen- tümlich weher Empfindung. Der Verkehr mit dem stil- ’ len, hochbegabten Mädchen war ihm — das fühlle er erst jetzt — fast unentbehrlich. War das ein brüderliches Gefühl, das sich infolge des häufigen Zusammentreffens mit Martha bei ihm nach und nach entwickelt hatte? Nein — eher ein unbestimmtes Sehnen — ein aus feinem tiefsten Innern quellender Drang, sie, die von ihnen scheiden wollte, koste es, was es wolle, zurückzuhalten. Doch — in welche Gedanken verirrte er sich! Er war doch am wenigsten dazu berufen, Martha in irgend einer Weise inbezug auf ihre Zukunft zu beein» fluffen! Mochte sie die oen ihr erwählte Laufbahn beschreiten und glücklich werden — er durfte daran doch nur das Interesse haben, wie man es an dem Schicksal eines jeden Nebenmenschen hegt, mit dem man in reundschafüichen Beziehungen steht. Was darüber war. das vertrug sich nicht mit seiner Eigenschaft als Bräutigam einer Anderen.
Er hörte, wie Martha sich erhob und jjum Gehen anschickte und wie die Mutter zu ihr sagte: „Wenn es bann beschlossene Sache bei Dir ist, Martha, dann sei der liebe Gott mit Dir! Was der Felix vorhin gesagt hat, das unterschreibe ich getrost. Bei Deinen glänzenden Stimmitteln hast Du Deinen Entschluß gewiß nie. mals zu bereuen! Aber recht schmerzlich werden wir Dich entbehren — nicht wahr, Felix?"
„Gewiß!" antwortete dieser leichthin, indem er sich umwendete. „Umso mehr als es dann mit unseren schönen musikalischen Abenden Essig sein wird."
„Damit wäre es wohl auch Essig, wenn ich hier bliebe!" meinte Martha heiter. „Denn Du als Bräutigam wirst doch Deine Abende in Gesellschaft Deiner reizenden Braut verbringen!"
„Schwerlich! Helene besucht fast jeden Abend das Theater oder eine andere Veranstaltung. Uebrigens ehe ich sie ja jeden Tag über häufig genug! Aber Du erlaubst, daß ich Dtch nach Hause begleite!"
^Bemühe nicht — ich gehe allein!" > j
Abg. Dr. Schücking (Dem.) weist auf die Verschärfung hin, die bte demokratische Partei in das Gesetz htneingebracht hat. Auch das Sprengen öffentlicher Versammlungen solle künftig verboten sein. Alle An. träge der Demokraten beruhten auf dem Gedanken der Volksfouveränität auf der einen und der Freiheit des Individuums auf der anderen Seite, die nur fo weit beschränkt werden dürfe, als es die «taatsnotwendigkeit unbedingt erfordern.
Abg. (Emminger (Bahr. Vpt.): Wenn beute in Bayern eine Volksastimmung stattfände, würden 60 Prozent der bayrischen Bevölkerung für die Monarchie stimmen. Trotzdem denkt in Bayern kein vernünftiger Mann daran, etwa durch Staatsstreich die Mo- narchie wieder aufzurichten. Die demokratisch-republikanische Staatsform ist auf nicht absehbare Zeit für Detttschtcmd. die gegebene. In Bayern ist die Revolu. tion nicht aus dem Volke geboren, sondern von Leuten^ nichteigenen Stammes hineingetragen worden. Eine Reichstapsauflösung fürchtet Bayern nicht. Das Gesetze ist übereilt etngebrädjt und behandelt worden. Die Ver»; ordnungen hätten vorläufig genügt. Auch als Jurist, müsse er jede Verantwortung ablehnen für eine Reihe von Bestimmungen, deren Tragweite nicht zu über-’ sehen sei. Zwei Tage würden genügen, die zahlreichen Unstimmigkeiten im Gesetz hecctuszubringen. Aber so, wie eS ist, sei es ein Ausnahme- und Antimonorchrsten. gesetz, das den Ländern die letzten Reste der Justiz und Volkshoheit nehme. (Lärm links.)
Reichskanzler Dr. Wirth:
Wir sind uns alle darüber klar, daß die Häufung der Anwendung der politischen Mordwaffe das Ende des Vaterlandes ist. Die Rechte hat zu lange geschwiegen, um die Entgiftung der politischen Atmosphäre herbeizu- führen. Redner verliest einen Brief des Bundes der Kaisertreuen vom November 1918 an Seine Exzellenz Ebert, worin es heißt, es sei Pflicht jedes Verständigen, überall da, wo sich Arbeiter- und Soldatenräte gebildet haben ober bilden würden, sich hinter diese zu stellen. Im Leben des deutschen Volkes kann es also auch Augenblicke geben, wo sich alle hinter die Autorität stellen müssen. Hoben Sie nicht alle anläßlich der Ermordung Rothenäus gefühll, daß das System des politischen Mordes das Leben in einem geordneten Staat absolut unmöglich macht? Wenn solche Befürchtungen geäußert sind wie die Emmingers, dann ist es Zeit, daß man ein solches Gesetz alsbald verabschiedet. Es hat Regierungen in Deutschland gegeben, die bei elementaren Ausbrüchen der Volksmeinung zu spät gekommen sind. In München hatte am 9. November die Regierung die Augen geschlossen. Cs ist jetzt eine leidenschaftliche Bewegung durch das Volk gegangen. (Zurufe rechts: „Verhetzung!") Aufhetzung war nicht nötig. Leider hat der Glaube im Volke Eingang gefunden, daß es der Regierung nicht ernst fei. Glauben Sie vielleicht, daß die Vorgänge in Darmstadt unsere Billigung finden? Die deutsche Repu. bltk ist nicht lebensfähig, wenn sie durch Gewalt geschützt werden muß. Der Staatsgerichtshof ist nichts Neues. Die Ansichten Emmingers werden uns in den bayerischen Zeitungen verschärft entgegentreten. Das ist für uns unerträglich. Wer immer mit geschichtlichen Berände- mugen und Entwickelungen droht, versündigt sich am Voiche. Der Gedanke der Reichseinheit darf überhaupt nicht zur Diskussion gestellt werden. Von einer 23er» treibung der Herrscherhäuser von der heimatlichen Scholle steht im Gesetz kein Wort. Der Gegensatz gegen Bayern läuft darauf hinaus: Kann überhaupt in Deutschland ober in Bayern auf die Dauer gegen eine Klasse der Be- volkerung regiert werden oder muß diese Klasse zur politischen Verantwortung herangezogen werden? Das Werk der Rettung Deutschlands kann nicht das Werk einer Klaffe fein, auch nicht der Arbeiterklasse allein, sondern nur das Zusammenarbeiten aller Schich- ten des Volkes, aller Länder, auch Bayerns, kann uns allein helfen. Das von uns begonnene Werk der Zusammenarbeit darf nicht in frivoler Weise gestört werden. Das Reparationsproblem drückt ungeheuer auf uns, die politische Spannung zermürbt das Volk im Innern. Die Schwierigkeiten des Geldproblems reißen die Klaffen auseinander. War je ein Volk so in der Not wie zur Stunde das deutsche? Die politische Lltmosphäre ist überhitzt, nicht das Gesetz. In diesem Augenblick mit dem Gesetz zu zögern, wäre Sünde. Wir
„Dagegen protesttere ich! Es ist ziemlich spät ge- worden und ich mochte nicht, daß Du auf dem weiten Weg nach Deiner Wohnung möglicherweise von einigen blauen Montagsbrüdern belästigt wirft. Ich gehe ohnehin heute in mein Stammlokal — da mache ich nur einen kleinen Umweg!"
„Wenn Du denn absolut daraus bestehst — bann in Gottes Namen!" sagte bas Mädchen, indem es Frau. Tauber bte Hanb zum Abschieb reichte unb bie Stube verließ. Felix folgte.
Die Gaslaternen waren bereits angezünbet, als bas Paar bie Straße betrat, die abseits ber Hauptverkehrsader der Stabt liegenb, ziemlich unbelebt mar. Eine laue Luft, von balsamischen Blumenbüsten erfüllt, schlug, ihnen entgegen; die wehte von dem Stadtpark herüber, besten Akazien» unb Sinbenbäume in voller Wüte ftan» ■ bcn. Etwas ben Sinn Berauschendes hatte der süße Geruch für ben jungen Mann; er gemahnte ihn an bie gestern verlebten herrlichen Stunben im Garten ber Burg Hoheneck. Unb auch heute fühlte er sich in feltfam gehobener poetischer Stimmung in bem Bewußtsein, baß Martha Möller an ferner Seite schritt. Es war ihm wieder, als schlügen zwei Herzen in seiner Brust — bas eine in heißer Liebesglut für Helene Hellborn, bas anbere in warmer Neigung für Martha unb wenn eine ber Genannten gegenwärtig war, setzte das Pochen be» ber Anberen gehörenden Herzens aus.
Stumm schritten bie beiden hohen Gestalten neben- einanber bahin. Ihr Weg führte durch den, sich an bie runb um bte Stadt laufenben Anlagen anschließenden Stadtpark. Der Mond war aufgegangen unb breitete über bas lichte Grün ber Platanen und bte mit breiten Wütenkerzen geschmückten wilden Kastanienbämne einen magischen Schein. Wie geschmolzenes Silber glänzte die Fläche des zur Linken liegenden, von blühenden Ziersträuchern umgebenen Weihers, in feesten Mitte bte künstlerisch veranlagten Mitglieder ber dort hausenden Frcstchkolonie soeben ein lustiges Quakkonzert veranstalteten und liebeheischend klang bas Tü Tü Tü einer Nachtigall von ben dunklen Baumgruppen jenseits des Teiches herüber. Eine Dorsommernacht — wie geschaffen ür Herzen, die für einander schlagen und sich zu finden beflissen sind.
Felix empfand das lange Schweigen peinlich. Er fühlle ja, daß etwas Unausgesprochenes zwischen ihm