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Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Sladl Fulda.

49. Zahrg.

Donnerstag, 29. 3uni 1922

Nr. 147

LSchluß fotoLi

sönlich vorbringen könnte. Alles natürlich im feinsten Französisch, worüber Mutter Giese zuerst weidlich ge­schimpft hat. Aber als Luise ihr den Brief verdeutscht, beruhigte sie sich: er war doch nun einmal Franzose, und die Franzosen konnten samt und sonders wenig fremde Sprachen. Die Engelländer erst recht nicht übet» Haupt die Ausländer Pack!

Ein paar Tage hat sie den Bries in der Tasche ge­tragen, hat gemurrt und Julie etwas scheel angesehen. Darauf aber zieht sie plötzlich das Schwarzseidene an, setzt den neuesten Kapotthut auf, der freilich auch schon von ehrwürdigem Alter war, pilgert heimlich nach der Wilhelmstaße. Und als sie zurückkommt, leuchtet ihr gu­tes altes Gesicht, als ob alle Härte daraus weggewischt wäre. Sie schließt Julie in die Arme, schluchzt ein wem- ges und sagt dann:Sei glücklich, mein geliebtes Kindl"

Am nächsten Tage ist in Berlin großer Jubel und lodernde Begeisterung gewesen: Der Fürst von Wahl­statt, der Generalfeldmarschall, der Sieger von Belle Alliance ist heimgekehrt. Die Stadt prangte im schwarz, weißen Fahnenschmuck. Bor dem Palais Blücher am Brandenburger Tor drängten sich die Tausende. Nicht eher haben sie geruht, bis der Greis-mit der Frau Für­stin sich auf dem Vorbau des ersten Stockwerks gezeigt hat. Er sah nicht sonderlich gut aus, der Gebhard Lebe» recht, hielt sich nicht soldatisch straff, und die Wangen und Schläfen schienen wie eingefallen. Hatte ja freilich schwere Tage durchgemacht und viel Verdruß und Aerger gehabt. Das Feldleben tat ihm nichts an. Aber als die Würfel längst gefallen und der schönste Sieg erfochten, da hatte Wellington, der Eiserne Herzog, den Blücher bei Belle Alliance aus der Pfanne gehauen, zum Dank tausend Querellen gehabt, daß es schier zum Bersten ge- wesen, und bann hatten die Franzosen sich nicht, wie sich's gehört, als Besiegte gefühü, sondern waren arg frech und unverschämt gewesen, immer im Dertrauen, daß sie Halt und Unterstützung bei den verbündeten Monarchen und nur gar bei denverfl Diplomatikern" fänden. Was auch leider nur allzu oft der Fall, als ob weiche Nachgiebigkeit und Nachsicht je dies Volk kuriert hätte.

Gnähdigen Frölen schreiben der Life un dem Riter- sposhn get's soweit gut werden fett die Aeser. Den Herrn Rittmeester gets foroeit och noch gut. Dero unther- tenigste Diner Brettmann." Kriegte die Lore solchen Brief, dann schnaiifte sie vor Wut und ballte die kleinen Fäuste:Na wart, Lexil Du sollst's gut haben, weqn du zu Haus bist!"

Der Kornett hatte feine Wandlungen durchzumachen. Nachdem er zuerst über Julie die Achseln gezuckt, vom Feind" gesprochen und vomFranzosen", den er nie als Schwager anerkennen könnte, ist er allmählich und sachte anderen Sinnes geworden. Wenn sich nun schon die gnädigste Frau Mutter fügte, wenn die Frau von Dach- roeden, für die er eine heiße Jugendschwärmerei ge­faßt, feit sie, einmal in die Mansarden gekommen, um sich nach feinem Befinden zu erkundigen, so günstig, so warmherzig für den Vicomte eintrat, wenn der hochver­ehrte Doktor das gleiche tat, und wo Julie so glücklich war: warum sollte er sich denn nicht in dasUnver­meidliche" fügen?! Mit Anstand natürlich und schul- dlger Reserve, die er noch stark markiert hat. Dann kam die liebe Neugier hinzu: grade der Anstand erfor­derte doch, daß er, sobald es ging, dem zukünftigen Schwager feine Visite machte. So schob er denn, als ihm Hünswanger den ersten Ausgang erlaubte, nach dem Haufe der zierlichen Frau in der Wilhelmftraße und als er zurückkam, hatte er sich gänzlich gemausert. Der Vicomte, de Feind, der Franzmann, war ihm plötz­lich der Kavalier der alten Schule geworden.

Ein Edelmann ohne Fehl und Tadel!" hieß es jetzt. Dom Kopf bis zur Zehe! Und wie er erzählte: von seiner Gefangenschaft und von seinem Empeveur und bann von seinem väterlichen Schloß und seinen Be­sitzungen bei Avignon man muß bas gehört haben. Und dabei immer die prahlenden Augen auf unsere Julie gerichtet . . ."

Der Frau Mutter klangen es ist nicht zu leugnen und war ihr nicht zu verdenken, das väterliche Schloß und die Besitzungen bei Avignon mild in den Ohren. Vor Tagen schon hatte der Vicomte in einem wohl­gesetzten Brief in aller Form, höchst respektvoll um die Hand Julies angehalten, mit der Entschuldigung, daß et Mber b-in Gesuch und seine Bitte noch nicht per- t

über, und auf Regen folgt Sonnenschein. So ist es auch gewesen: jedesmal wenn die Frau Mutter sich weidlich ausgetobt hatte, zuletzt immer in der Küche mit Kellen, Quirlen und Blechgeschirr, kam die Notwendigkeit be­sonderer Zärtstchkeit über sie. Sie hatte ja doch eigent­lich dieprachtvollsten, liebsten, schönsten und klügsten" Kinder in der ganzen Welt, mindestens aber in Berlin von der Luise an gerechnet bis zu dem Jungen mit dem Eisernen Kreuz. Was früher nie vorgekommen, paflierte jetzt alle Tage, daß sie eines ober bas anbere beim Schopfe nahm und ohne jegliche befonbere Veranlassung herzlich abküßte. Sogar bie Julie bekam bavon ihren Teil, obschon berFranzose" der Frau Mama eigentlich gar nicht recht paßte. Aber da wiberfteh' mal ein Mut- terherz, wenn bem Kinbe, bas einem so manche stille Sorgenstunbe bereitet, bas große Glück aus den Augen strahlt.

Glück ... ja ... bas leuchtete eigentlich aus all den Mäbchenaugen in ben Mansarden. Sie hatten ja sämt­lich gute Nachrichten von ihren Herzensschätzen. Aber daneben war etwas anderes lebendig: bie große Unge- bulb. Die Briefe krochen so blitzbumm langsam burch bie ßanbe. Und zudem: ein Brief ist eine ganz schöne Sache, aber bester ist doch bas Aug-in-Aug-Sehen, bes­ser fft das Wort. Der Franz! Martinez unb der Herr von Nedlitz schrieben freilich sehr schöne Episteln, in denen sogar wirklich etwas stand, was sich, bann unb wann, vorlesen ließ. Die arme Lore hatte mit ihrem Bause es wirklich schwer. Dreinhauen konnte er sicher­lich, baß bie Funken stoben; kästen konnte er auch, bas wußte sie. Schreiben aber war nicht sein Fall. Er wett­eiferte, was die liebe Orthographie anbetraf, mit Vater Blücher; nur daß der Briefe an fein Molchen schrieb, die inhaltlich jedem Vergleich stondhielten, während der gute Bause daß sich Gott erbarm seine Core fast immer mit drei Zellchen abfand, die zwar stets eine halbe Briefseite füllten, aber bie oft seltsam genug für ein liebenbes Herz waren. Zum Beispiel aus Paris. Mir geht's gut. Dir hoffenllich auch. Hier gibts guten Wein unb fein zu futtern. Womit ich bleibe bein dicker Lexi." Schlimmer noch, manchmal beauftragte er seinen getreuen Brettmann, den Burschen, mit einem Brief. Der lautete bann zum Beispiel: ,Sjill dem

Trauerfeier und Kundgebungen

Ausschreitungen in Darmstadt.

Die Rathenau-Mörder noch nicht gefaßt.

Berantmortlid) für den reOattioneUee Teil- Dr. I. Kramer- z für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. S Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Attiendruckerei in Fulda- Fernsprecher Nr. 9. Postscheck-Konto 4051 Frankfurt a. M.

der Regierungsbank hängen die Kränze der Dresd­ner und der Deutschen Bank und der Schutzpolizei, an der Estrade des Reichsrats hängen die Kränze der Fraktionen. Auch draußen in der Wandelhalle findet sich mancher Name und manche Organisation, die des Toten gedachten. Wohl an 150 Kränze sinds, die den Hügel des Toten überschatten werden.

Unten im Saal« sind die Reichstagsfraktionen fast vollzählig versammelt. Unter ihnen sieht man viele Gäste. Den Präsidenten des preußischen Land­tages Leinert, Dr. Porsch und Garnich, im Zentrum den Gesandten in Wien Dr. Pfeiffer, unter den De­mokraten Preuß und Dominicus, unter der Deut- schm Bolkspartei den Amtsvorgänger Dr. Rath«- naus, den ehemaligen Außenminister Dr. Rosen. Auch der Führer der Deuffchen Dolkspartei, Dr. Strefemann, der auf Urlauh weilte, ist anwesend. In der Diplomatenloge hat das gesamte di­plomatische Korps in großer Uniform Platz genommen; es ist das erste Mal in der neuen Re­publik, daß das diplomatische Korps in großer Uni­form versammelt ist. Kurz vor 12 Uhr erscheint in Begleitung der Schwester des Ermordeten und des Reichskai^lers die hochbetagte Mutter Rathe- n au ; sie nimmt in der früheren Hofloge Platz. 'Die Regierung und die Vertreter der Länder sind vollzählig versammelt. Um 12 Uhr erscheinen der Reichspräsident, der Reichskanzler und der Reichs­tagspräsident. Sie nehmen an der Spitze der Re­gierungsbank Platz. Die umflorten Lampen flam­men auf; sie spenden ein gedämpftes, ruhiges Licht. Die Musik setzt ein mit der Ouvertüre zu Coriolan. Die eigentliche Trauerfeier hat begonnen. Dann sprechen der R e i ch s p r ä s i d e n t, der das gesamte deutsche Volk in seinem Abschiedsgruß an den Toten repräsentiert, der Vizepräsident des Hauses, der Zentrumsabg. Bell für die Volksvertretung und der demokratische Abgeordnete und Pfarrer Ka­rell für die demokratische Reichstagssraktion. Das Loben Rathenaus zieht an uns vorüber, sein We­sen, sein Werden und sein Wirken, die Geschlossen­heit seiner Persönlichkeit, die Liebe zu seinem Va­terlande und der brennende Wunsch, ihm zu helfen. Aus diesem Streben hat ihn die Kugel des Mör­ders hinweggerasft. Deutsche Nation, wirst du an dem Grabe dieses Toten, der im Kampfe um dich und um deinetwillen sein Leben gelaffen hat, durch die Hand solcher, denen weder der Mensch noch sein Wirken und Schaffen mehr etwas wert ist, wirst du an diesem Grabe dich endlich emporraffen zum Willen, zur Nation? Wirst du es? Dann ist dieses Opferleben nicht umsonst gefallen!

Der TrauermarschGötterdämmerung" gibt der Trauerfeier ein würdiges Ende. Die Legattonsräte des Auswärttgen Amtes, die vor dem Sarg die To­tenwache hielten, heben den Sarg herab. Walter Rathenaus sterbliche Hülle tritt die letzte Fahrt an. Draußen erwartet ihn die Ehrenkompagnie. Unter den Klängen ihrer Trauermusik und unter militäri­scher Ehrenbezeugungen wird des Deutschen Reiches meuchlings gemordeter Außenminister hinausgetra­gen. Draußen aber warten Hunderttausende von Menschen, um Walter Rathenau auf seinem letzten Gang zu grüßen.

politische Besprechungen in Berlin.

Die MinisterpräsiLenten der Länder sind auf Donnerstag zu einer Besprechung der palrtisch-m Lage mit der Reichsregiemng nach Berlin eingsladen worden.

Am Dienstag wehten von allen öffentlichen Ge­bäuden die Diensfflaggen auf Halbmast. Das war das Zeichen der Trauer um den Roichsauhenmini- ster, der auf der Höhe seines Wirkens für das deutsche Volk durch Frevlerhand hinweggerafft roorben ist. Das Gefühl banger Wehmut mußte jedes Herz erfüllen an diesem Tage nationaler Trauer, an dem Rathenaus sterbliche Hülle bei» gesetzt wurde. Wie wird sich das Geschick des deut­schen Volkes angesichts solcher Frevlertaten weiter entwickeln? Ist Untergang und Elend unabwend- 6ar? Dürfen wir nicht auf einen Hoffnungsstrahl rechnen? Ernsten Menschen müssen sich diese Ge­danken jetzt immer wieder aufdrängen. Rettung kann nurvonoben kommen. Gott schütze unser Volk und Vaterland! Frommer Glaube und männ­licher Ernst brauchen nicht zu verzagen. Auch in schweren Stunden finden sie Trost in dem Gefühl freuet Pflichterfüllung. Selbstlose Liebe zu Volk und Vaterland kann aufdieDauernichtver- Hebens aufgewandt sein!

Vie Trauerseier für Rathenau.

Von unserem Berliner Berichterstatter.

Die Demokratie hat die sterblichen Ueberreste Walter Rathenaus zur Ruhe gebettet. Don dem Tage an, wo er sich mit seinen reichen Erfahrungen und seiner ganzen Persönlichkeit in den Dienst des Vaterlandes stellte, war er ein Mann des Volkes, für dessen Wiederaufstieg er in schwerster Zeit sich ganz in die Schanze schlug. Darum war es recht und billig, wenn der Volksmann Rathenau von dem Hause aus bestattet ward, von dem aus sich das Vcllk regiert. Wie die griechische Demokratie ihre großen Führer bestattete, so hat das deutsche Volk seinen.Außenminister Dr. Rathenau geehrt. Ihm wurde das Staatsbegräbnis zuteil.

Ein anderes Gewand hatte der Reichstag an diesem Tage, dem 27. Juni 1922, angelegt. Das Rot der Wandelhalle war in schwarz gewandelt und die Ecken waren in Lorbeerhaine umgeschaffen, lieber diesem Raume ruht der tiefe Ernst der Trauer; er empfängt die zahllosen Menschen, um sie in diesem Ernst weiter zu geleiten in den Ple­narsaal des Reichstages, wo Walter Rathenaus Leichnam Aufbahrung gesunden hat. Unter schwar­zem Baldachin, der emporstrebt bis zur Höhe des Sitzungssaales, steht hier der schwere Eichensarg da, wo sich der Präsidentensitz befindet. Erhöht, den weiten Raum beherrschend. Ueber dem Sarge jdie deutsche Reichsslagge. Die Brüstungen der Tri­bünen sind rings herum in Blumenschmuck gehüllt. Den zu Herzen gehenden, ernsten und feierlichen Eindruck verstärken die hochstämmigen Palmen, die sich an der Vorderseite des Hauses dem Sarge, der die irdische Hülle des für das Vaterland Gefallenen birgt, Trauer zuneigen. Die Lampen sind von Trauerflor umhüllt. Ein Meer von Kränzen unten im Saale und draußen in der Wandelhalle, meist weiße Rosen, grüner Lorbeer und Orchideen. Lange Schleifen künden diejenigen, die dieses Zeichen der letzten Ehrung für den Toten haben niederlegen lassen. Schwarze Schärpen, weiße Schärpen und in überwiegender Mehrheit schwarz-rot-goldene Schärpen. Vor dem Sarge auf dem schwarz ver­hüllten Tisch des Hauses liegen der Kranz der A. F. G. mit langer schwarzer Schleife, der letzte Gruß des Präsidiums des Reichstags, des Reichs­rats unb ein prachtvoller Orchideenkranz mit lila Schleife vom diplomatischen Korps. An der Estrade

Bezugspreis: Monatlich 18.00 Ulk. zugestellt frei ins Haus- z Abgeholt in ber Geschäftsstelle 17,50 Mk. " Anzeigen: Kleinzeile nach To'onel 1.50 Mk.; ausm. 2,50 Illk. Reklamezeile (£ertbreitet nach Colone'mafi 8 Mark.

Run-gebuugen int ganzen Reich-

Am Dienstag, dem Beisetzungstage Dr. Rathenaus, haben im ganzen deutschen Reich KuNdFebungen für die Republik statt gefunden. Dielerorts fanden -die Ber- anstaüungen unter Beterligung der drei Koalitions- Parteien statt, in anderen Fällen waren dis Freien Gewerkschaften Träger der Demonstrationen. In den meisten Fällen sind die Kundgebungen wuchtig und ohne Zwischenfall verlausen. Aber die Gefahr für die Störung der Ordnung, die bei Straßendemonstratiorren immer vorhanden ist, hat sich in einigen Fällen auch diesrrol gezeigt. Der Tag ist nicht ohne Todes­opfer vorübergegangen. Außerdem ist in Berlin im mittelbaren Zusammenhang mit den- Veranstaltungen ein s chweres Eisenbahnunglück zu ver- zeichnen.

In Berlin beeinträchtigte strömender Regen bie Kundgebung. Auf dem Schloßplatz waren trotzdem etwa 30 000 Menschen zusammen gekommen, um bem Ge­sang, ber Musik unb den Reden zuzuhören, die an ver­schiedenen Stellen des riesigen Platzes unb in ben Neben­straßen sich aufgestellt hatten. Schwarz-rot-goldene Fah­nen, rote Banner mit bem Sowjetstern standen wirr durcheinander. An ben verschiedenen Stellen standen fliegende Wachen der Schutzpolizei, doch dank der ruhigen Haltung der Menge brauchten sie nicht einzuschreiten. Ringsum auf den Gebäuden flatterten die verschieden­sten Fahnen halbmast. Bald verzogen sich wieder die Masten. Sie mußten zu Fuß abziehen, da Straßen­bahn, Autobusse und Untergrundbahn für diesen Nach­mittag zum Zeichen der Trauer ihren Betrieb eingestellt hatten.

In Frankfurt a. M. nahmen an der Kundgebung auf dem Opernplatze etwa 5060 000 Personen teil. Die Stadtverordneten versammelten sich im Rathaus zu einer kurzen Sitzung, in der Stadtverordnetenoorsteher Hopf ber Tat unb ihrer Folgen gedachte unb zu einem Be­kenntnis für bie republikanische Verfassung ausforderte. Der Reichsregierung mürbe eine Entschließung übermit« . test, in der bie Versammlung ihrer Entrüstung über bie Morbtat Ausdruck gibt unb bie bie von ber Regierung getroffenen Maßnahmen ,fum Schutze ber Republik be­grüßt. Die Geschäfte unb Fabriken hatten von nachmit­tags 2 Uhr ab geschlossen. Nach ber Demonstration auf bem Opernplatze fanden Umzüge durch die Stratzemstatt, bie ohne jeben Zwischenfall verliefen. Nur vo? der Deutschen Buchhandlung" in ber Braubachstraße fanben Ansammlungen größerer Masten statt, die erst durch ein größeres Polizeiaufgebot zerstreut werden mußten.

In Kassel sprachen vor 4050 000 Demonstranten Redner der Demokraten, ber Sozialdemokraten und des Zentrums, während die Unabhängigen im letzten Augen­blick eine Beteiligung an der Demonstration abgelehnt hatten. Dann drängten sich bie Masten zum Rathaus, wo verschiedene Redner Ansprachen hielten. Ein starker Trupp bemonftrierte in ber Rbsenstraße gegen die deutsch- nationaleAllg. Ztg.". Die besonnenen Mahnungen verschiedener Manner verhüteten einen Sturm auf bas Gebäude. Dom Gewerkschaftshaus wurde bie Menge energisch aufgefordert, Ruhe unb Ordnung zu wahren.

Blutige Zwischenfälle.

In Darmstadt wurden nach ber Demonstration die Wohnungen verschiebener rechtsstehender Politiker demoliert, so die Wohnung des Adg. Osann. Die Plünderer zogen bann zu der Wohnung des Sanbtagsabg. Dingeldey. Er versuchte von einem Fenster aus zu sprechen, was ihm jedoch infolge der all­gemeinen Unruhe nicht gelang. Durch feine Anwesen­heit rettete er feine Wohnung vor bjr Demolierung. Er wurde darauf abgesührt, mußte der Republik Treue schwören und vor dem Zuge mit dem Galgen, an dem eine Puppe in Gestalt Helf serichs hing, und einer roten Fahne hermarschieren. Der Gang gestaltete sich zu einem Spießrutenlaufen; Dingeldey soll auch geprügelt worden fein. Irn übrigen wurden von der Menge eine Anzahl Hoflieferantenschilder beseitigt. Dabei kam es nach der Demonstration zu blutigen Unruhen, bie burch kommunistische Trupps hervorgerufen würben. Die beiden rechtsstehenden Zeitungen, bieHess. Landes­zeitung" unb berTägl. Anzeiger" wurden demoliert. Zum Schluß griff Schupo ein, die bie Straßen zu säubern versuchte, wobei es zu blutigen Zusammenstößen kam Insgesamt würben etwa 200 Schuß abgegeben Bis abends 10 Uhr wurde festgestellt, daß eine'Person ge­

tötet unb vier verwundet wurden. Die Schutzpolizei hat daraufhin das Regierungsviertel abgesperrt. Nach späte­ren Meldungen beträgt bie Zahlbar Toten 3, die ber Verwundeten 25. . »

In Karlsruhe kam es nach bem Umzug gleich­falls in oerschiebenen Stabtteilen zu Ausschreitungen. Trupps von Jugendlichen zogen durch die Straßen unb rissen Schilber mit Hoftiteln unb Kronen herunter unb zertrümmerten sie auf der Straße. Zu besonders schwe­ren Ausschreitungen kam es vor dem Hause , der Ge­schäftsstelle der Deutschnationalen Volkspattei. Hier wurde ber Rolladen gewaltsam emporgehoben, die große Schaufensterscheibe gertrümmert, sämtliches Mobiliar kurz unb klein geschlagen unb auf bie Straße geschleu­dert.

CisenbahnuKsall mit 29 Toten.

In Berlin Hot sich am Dienstag gegen 1 Uhr' mittags auf der Ringbahn ein schwerer Eisenbahn­unfall abgespielt. Zwischen den Bahnstationen, Schönhauser Allee und Gesundbrunnen unter der' Schönfließer Brücke begegneten sich die Nordring­züge 1815 und 1814. Infolge (Einteilung des Straßenbahn-, Omnibus- und Hochbahnverkehrs' waren diese Züge derart überfüllt daß die Fahrgäste dichtgedrängt auf den Trittbret­tern standen, trotz aller Warnungen der Eisen­bahnbeamten. Ein auf dem Trittbrett stehender Mann, soweit bisher ermittelt werden konnte, zu- sammengebundene Holzstäbe bei sich, die weit über das Trittbrett hinausragten. Beim Vorbeifahren des Gegenzuges wurde eine ganze Anzahl von Per­sonen von den Trittbrettern der anderen Wagen heruntergerifsen. Es enfftand eine furchtbare Panik, die das Unglück noch vergrößerte. Nach­dem man die Züge zum Halten gebracht hatte, fand man an der Unglücksstelle 2 9 Tote unb 55 Schwerverletzte, sowie eine Anzahl Leicht­verletzter. Die sofort herbeigerufene Feuerwehr schaffte die Leichen nach dem Schauhause, die Schwerverletzten nach den verschiedenen Kranken­häusern. Um 2 Uhr wurde der regelmäßige Eisem bahnverkehr wieder ausgenommen.

Das Gesetz zum Schutze der Republik ist am Montag abend Gegenstand von Beratungen im Kabinett gewesen. Die Beschlußfassurig geht dahin, so- wohl das Gesetz zum Schutze der Republik, da auch die bereits angefünbigte Amnestie in einen gemein« fatrten Entwurf zusammenzufassen und beide Fragen dem Reichstag gur Beschlußfasfung zu unterbreiten.

Das geplante Gesetz über den Schutz der RepMik weicht von der neulich erlassenen Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz der Republik n i ch t o i e t ab. Im Amnestiegesetz ist eine ziemlich weit gehende Amnestie vorgesehen. Es soll jedoch «ine Anzahl ein» schrift-kender Bestimmungen in Len Entwurf mit hinein, gearbeitet werden.

vie Leitung des Auswärtigen Amtes, das durch den Mord Rathenaus verwaist ist, wird, wie schon gemeldet, durch den Reichskanzler Dr. Wirth einstweilen verwaltet, wie das bereits für kurze Zeit nach dem Rücktritt des Ministers Rosen der Fall war. Es ist außerordentlich schwierig, für den ermordeten Außenminister einen vollwertigen Ersatz zu finden. Die vielseitige Begabung, die Sprachengewandheit dieses Mannes, seine vielfachen Beziehungen zu dem Auslande vereinigen sich kaum in einem der wenigen für die Ueberuahme eines solchen Amtes zur Verfügung stehenben Mannes. Es ist daher völlig müßig, aus alle die Kombina­tionen einzugeben, die bereits jetzt an bie Wieder­besetzung des Außenministeriums geknüpft werden. Es sind in diesen Tagen bereits mehrfach Namen genannt, fo u. a. ber des Geiandten in Warschau, Dr. Rauscher, ferner auch ber frühere Reichs- justizminister Schiffer. So viel wir wissen, kommen diese beiden Herren für bie Besitzung des Außen- Ministeriums nicht in Betracht.

Dir Blücher-Richten.

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Einmal flüsterte Charlotte: Wie wird er es über­stehen?"

Hünswanger sah sie an unb gab zuversichtlich zurück: »Gut! Glück ist ein besserer Heilmeister als wir Aerzte es fein können." Dann, halb, trat er in bie Tür unb winkte. Es war genug für heut. Gehorsam wie ein Kinb erhob sich Suite, beugte sich noch einmal über ben Geliebten. .Auf Wiedersehen, Gaston .,. morgen." Unb ging.

Sie tarnen nun täglich, Julie und Eharlotte, bis­weilen auch Luise.

Der Doktor behielt recht: bas Glück bewährte sich als bester Arzt. Es ging aufwärts. Die Wunde schloß sich, der Blessierte konnte sich aufrichten, durfte sprechen, unb bie heißesten Liebeswvrte fielen wie glänzende Perlen» schnüre von seinen Sippen- Es war ihm ja, als hätte er so unendlich, so unsagbar viel nachzuholen.

Die zierliche Frau mit dem weichen Herzen hatte Freude an ihrem Gast. Sie hegte und pflegte ihn, wie sie nur konnte. Aber sie hatte auch nach einer rinderen Seite hin helle Augen, und ihre feinen Oehrchen hörten bas Gras wachsen, wenn es ihr beliebte, sie ordentlich zu spitzen. So hörte sie von ferne, vielleicht sogar aus gar nicht so weiter Ferne, noch ein zweites Glück läuten Grab' wie ber Kornett. Wo der jedoch mit der Tür ins Haus fiel, dachte sie: Gut Ding will Welle haben. Und lächelte.

In den Mansarden hat eine ganz eigene Stimmung geherrscht.

Die Frau Mutter ist umbergegangen wie eine be- possediette Fürstin. Sie fühlte sich aller Ecken über, gangen, zurückgesetzt, vergewaltigt. Manchmal ist ihr eine heimliche Lust gekommen, bas verlorene Reich mit Ge­walt wieberzuerobern. Dann hat sie eine Weile grim. mig gewettert nach alter Art. Doch hielt es immer nur für ein Weilchen an, nicht zuletzt wohl, weil' sie nirgend auf offenen Wiberstand traf. Dienichtsnutzigen" Kin- der wichen ihr aus, wenn sie eine granbige Stunbe hatte, wußten, das Gewitter zieht schon von alleine vor­