Fuldaer Zeitung
Druck der Fuldaer Artieudrnckerei i« Fuld/
3s. H4.
Sonntag, 2s. Sutti 1922.
e*
nationale Zukunft davon abhängt, ob wir uns verständigen auf einer mittleren Linie, oder ob wir aus Eigensinn und Eigennutz uns in einen Klaffe n k a m p f st ü r z e n, 'der unsere schaffende Arbeit lähmen und die ersehnte Weltanleihe vollends unmöglich machen würde.
Jeder spricht gern von den „Opfern, die ihm zugemutet werden, und vergißt dabei leicht, daß auch die andere Seite gewisse Opfer bringen muß. Die Opfer sind keinereineSelbstverleug- n un g, sondern bilden das Mittel für d i e einzig e R e t t u n g, für die eigene Wohlfahrt.
Entweder helfen wir uns gegenseitig wie gute Brüder, oder wir gehen alle zusammen in dem Sumpf der Geldentwertung zu Grunde.
Sozialer.
— Bevorzugte Einstellung von Uriegerwitwen in Staatsbetrieben. Der preutzische Minister des Innern hat rn einer Verfügung vom 27. April 1922 bei den Behörden der allgemeinen und der inneren Verwaltung angeregt, Kriegerwitwen, soweit irgend angängig, in Staatsbetrieben zu beschäftigen. Bei der Ernstellung weiblicher Arbeitskräfte (Reinmachefrauen, Kirchen- personal, Wäscherinnen usw.) sollen, wenn mehrere Bewerberinnen gleicher Eignung vorhanden sind, Krieger- Witwen den Vorzug bei der Einstellung oder der Zu» teilung von Arbeit erhalten. Ebenso soll der notwendig werdenden Entlassungen von Arbeitskräften auf Kriegshinterbliebene besondere Rücksicht genommen werden.
>Die Zentrums-Jugend.
Zweite Reichstaguug der Windthorstbunde in Godesberg.
Die deutsche Aentrumsjugend, vereinigt in den Windt- horstbunden, hielt vom 16.—18. Juni in Godesberg am Rhein ihre zweite glanzvolle Reichstagung ab. Ihr Ziel war, wie der Vorsitzende, Reichstagsaogordneter Höfle, an dem Begrüßungsabend ausführte, die neue Bewegung, für die in Fulda der äußere Rahmen geschaffen wurde, innerlich zu vertiefen und ihren Ideengehalt klar und zielbewußt herauszuarbeiten. Von den Zentrums- fraktionen und dem Reichskanzler Dr. Wirth waren Glückwunschtelegramme eingelaufen.
Am ersten Verhandlungstag ergab die Wahl des Vorstandes folgendes Resultat: 1. Vorsitzender: Dr. Höfle, 2. Vorsitzender: Wagner-Düsseldorf, 3. Vorsitzender Dr. Vuhla-Berlin, 4. Vorsitzender: Frl. Bessel-Dortmund. Dr. Buhla sprach dann in einem ausgezeichneten Referat über die Frage: Jugend und Politik. Er setzte die Gründe der politischen Jnteresienlosigkeit auseinander und gab Richtlinien, inwiefern auch die Jugend sich politisch betätigen kann. Richt aktiv, denn dazu bedarf es eines Ueberblickes über große Zusammenhänge und ausgereifteren Denkens und Wollens, sondern in einem vorbereitenden Sinne durch Selbsterziehung zum Charaktermenschen, der zum politischen Führer ebenso notwendig ist wie das Wissen. Der tiefste-Kern aller Jugendtätigkeit ist das innere Erleben des Volkstums, nicht der Patriotismus als aufgezogenes Uhrwerk. Es ist auch nicht unjugendlich, einer Partei anzugehören. Dadurch, daß auch die Frau auf den politischen Kampfplatz getreten ist, mag der Gedanke der Ritterlichkeit wieder in der Jugend Wurzel fassen. Der gehaltvolle Vortrag mündete aus in dem starken Bekenntnis zur Staatsgesinnung, zum Volkstum und Christentum. Im weiteren Verlaufe der Versammlung kam man auf die Arbeitsgemeinschaft zwischen Katholiken und Protestanten und gab der Ansicht.Ausdruck, daß eine solche ideale Gemeinschaft sehr wohl möglich sei. Am Nachmittag sand unter starker Betelligung einer Feier am Grade des unvergeßlichen Führers der Zentrumspartei Trim- b o r n in Unkel a. Rh. statt und Ser Abend vereinte die Teilnehmer in echtem rheinischen Frohsinn.
Am zweiten Verhandlungstag wurden die Beratungen in aller Frühe fortgesetzt, die diesmal dem Thema „J u- gend und Partei" galten. Das Referat häll Wag- ner-Düsseldorf. Es ist von hohem Idealismus getragen und gibt der Diskussion reichlich Nahrung. Vertreter der großüeutschen wie der Quickborn-Jugendbewegung hatten Gelegenheit, ihre Ideen im Rahmen dieser Veranstaltung zum Vorttag zu bringen. Obwohl nicht der eigentlichen Windthorstbewegung angehörig, hat man es ihnen ermöglicht, ihre Anschauungen zu vertreten. Man konnte es nur begrüßen, daß zu einer Aussprache Gelegenheit geboten war, denn sie wirkte klärend und festt- gend und endete mit einer überwältigenden Kundgebung für den Gedanken der Z entr umsjugend, den Gedanken der mitschaffenden Eingliederung der deutschen Windthorstbunde in den großen Rahmen der Arbeit der deutschen Zentrumspartei. Die Mehrheit der Versammlung, wie vor allem auch die offizielle Leitung der Windthorstbunde Haden diese Aussprache nicht etwa als etwas Unerquickliches oder gar Störendes angesehen, sondern sie haben sie durchaus begrüßt. Wiederum waren es die Ausführungen des Zentrumsabg. I o o s, in denen er mit einem ungemein feinen Verständnis für
Brotpreis und Bollarpreis.
Dis Brotfrage, die uns gegenwärtig „ auf den Fingern brennt, würde viel leichter zu losen sein, wenn nicht infolge der Geldentwertung der Kaufpreis für ausländisches Getreide so fürchterlich hoch geworden wäre. Es stt MMcyter- dinas unmöglich, daß die unbemittelten Mitbürger für ihr tägliches Brot diejenigen Preise anlegen, die sich aus dem Ankauf des fehlenden B^tgetreides auf dem Weltmarkt ergeben würden. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, wenigstens für einen bedeutenden Teil des Brotbedarfes eine Ermäßigung der Preise herbeizuführen, um Hungersnot und Ruhestörungen S« Derhuten. Dabei tritt das Elend unserer Valuta greifbar zutage. Wir müssen mit doppeltem Maß und Gewicht hantieren und durch verschiedene Kunstgriffe der deutschen Mark einen Snlanbsmert zu erhalten suchen, der über den wirklichen Wert tm Weltverkehr beträchtlich hinausgeht. t
Der Dollar steht augenblicklich auf 325 Mk., d. h. wir müssen im Auslande achtzig Mark bezahlen, um die Rechnung zu begleichen die sich früher mit einer Mark begleichen ließ. Das ist auf die Dauer nur zu ertragen, wenn wir bloß verkaufen wollen; aber es macht den E i n k a u f teils unmöglich, teils verderblich. Wir müssen aber einkaufen, nämlich sowohl Rohstoffe, die wir zur Verarbeitung brauchen, als auch Lebensmittel, die unseren Fehlbetrag an Nährstoffen ergänzen In letzterem Punkte ist jetzt die Krisis ausgebrochen, weil das einheimische Brotkorn nicht ausreicht und die Zufuhr aus dem Auslands nur zu unerträglichen Wucherpreisen zu haben ist.
Das bisherige Verfahren, durch Zuschüsse aus der Steuerkasse und durch rastlosen Betrieb der No- tenpresse die Teuerung im Inlands einzuschränken. will uns die Entente nicht mehr gestatten. Wir empfinden das als eine harte Bevormundung, aber es ist im Grunde genommen nicht das schlimmste von den Bedrängnissen. Die riesige Vermehrung des deutschen Papiergeldes konnte auf die Dauer nicht so weiter gehen. Das Suchen nach neuen Hilfsmitteln macht uns freilich viel Mühe und Sorgen, doch dürfen wir das als Anbahnung der Genesung betrachten. , _
Sehr zu bedauern ist nur, daß nicht gletchzemg die Weltanleihe zustande gekommen ist Dann ließe sich das liebel alsbald an der Wurzel fassen, d. h. wir könnten dem Verfall unserer Valuta überhaupt Einhalt tun und günstigere Bedingungen schaffen für unseren gesamten Einkauf im Auslande, sowohl für die Rohstoffe als auch für dis Lebensmittel, mittel. - .. . n.
Dahin müssen wir kommen, wenn die deutsche Volkswirtschaft wirklich gesunden soll. Was wir bisher trieben und was mancher als „Blute preisen wollte, ist tatsächlich nur Ausverkauf zu Schleuderpreisen, der uns auf die Dauer ruinieren müßte, was wir vorrätig haben, überlassen wir dem Auslands, ohne daß der Verkaufspreis ausreicht, um die notwendigen Rohstoffe für neue Fabrikate und die Zufuhr an Lebensrnitteln zu bezahlen. Das ist eine Wirtschaft zum Verbluten. , , „
Es gibt Leute, die Furcht vor der V er- befferung unserer Valuta haben oder wenigstens schlimme Folgen an dis Wand malen. Sie sagen, wenn wir nicht mehr verkaufen können zu den billigen Preisen, so würde unsere Ausfuhr stocken, die Fabriken hätten nicht genug Absatz, die Arbeitslosigkeit würde um sich greifen. Aber wie wird es mit der Fabrikation, wenn wir ferne Rohstoffe mehr einführen können? Dann gibt es eine viel schlimmere, unheilbare Arbeitslosigkeit. Und zu gleicher Zeit würde sich die Hungersnot einstellen, da uns dann die Lebensrnittel ebenso unzugänglich wär en wie die Rohstofffe. Da ist es doch wahrlich viel besser, wenn wir alle Kraft einsetzen, um dem Elend der Valuta eine Grenze, zu ziehen. Die Mark braucht ja nicht wieder auf die alte Goldhohe gebracht zu werden aber sie muß gefestigt sein auf einer mittleren Höhe, die uns den notwendigen Einkauf tm Auslands möglich macht.
Das ist eine Aufgabe, dis weit und tief greift. Sie läßt sich nicht im Handumdrehen lösen, sondern muß durch mannigfache Vorkehrungen in der aus- wärtigen und in der inneren Politik nach und nach gelöst werden. Zunächst müssen wir uns mit der fefet brennenden Brotfrage abfinden, und habet uns bewußt bleiben, daß im letzten Ende unsere ganze
Unpolitische Zeitläuse.
Von Fritz Nienkemper.
Berlin, 21. Juni 1922.
Sonnenwende, Ende des ersten Halbjahres. Hinein in das Vierteljahr der Ferien und Erntefeste!
Das war ein Zeitpunkt voll Behagen, als uns das Schicksal rtoch nicht in das Johannissouer von 1914 gespuckt hatte. Seitdem gibt es keine reine Sommer- freute mehr.
Schulferien gibt es freüich noch, und sie entwickeln sich immer noch vom Osten nach dem Westen. Aber wenn die Kinder ihre Schulbücher vorläufig in die Ecke pfeffern können, wv werden die Erwachsenen ihre Lasten und Sorgen los?
Manche beneiden die Lehrer um ihre langen Ferien. Zu Unrecht; denn em gewissenhafter Lehrer hat einen aufreibenden Beruf, der nicht bloß den Kehlkopf, sondern auch das Gehirn und das ganze Nervensystem vorzeitig ruiniert, wenn nicht eine ausgiebige Atempause eintritt. Für die Kinder selbst sind die Ferien auch geiunü, — natürlich nur unter der Voraussetzung, daß sie richtig angrwenLet werden. Das Kind soll nicht fWllenzen, was ja überhaupt seiner beweglichen Natur witeriprickt. E- muß eine vernünftige Beschäftigung finden oder es treibt Unfim. Auf die Abwrchielung m der Arbeit kommt es tm. An Stells der unterbrochenen Schularbeit muß eine passende Lebensarbeft treten. Dafür sollen Eltern sorgen, denen während der Ferien ihre Abkömmlinge poH und ganz zurückgegeben sind. So wirken die Ferien recht kräftig auf das Familienleben ein. Vielfach so kräftig, daß die sorgsame Frau Mutter häufig seufzt: „Ach, wenn doch die Ferien zu Ende wären!" Erziehung kostet Anstrengung und meistens auch Aerger. Diese Last soll eigentlich den Eltern süß fein; wenn sie ihnen gelegentlich sauer aufstößt, so steckt auch darin ein heilsamer Antrieb. Die Herren Eltern lernen erkennen, daß bie Schirle doch einen recht hohen Wert hat, und sie werden infolgedessen auf dem Posten sein, wenn es gilt, für die Kinder eine gute Schule, eine recht christliche Erziehungsschule zu erhalten oder neu zu schaffen.
. Was machen wir mit den Kindern während der Sthulpauss? Die Eltern sollten die Lösung der „Ferienaufgabe" nicht dem Zufall oder den Eingebungen
Les Augenblicks überlassen, sondarn sich vorher in ruhiger Ueberlsgung einen Plan zurechtlegen, unter Berücksichtigung aller persönlichen Bedürfnisse und häuslichen Verhällnisse. Das Kind soll aus dem Buche des Lebens die Schulweisheit bestmöglich zu ergänzen suchen und in der zweckmäßigen Verwendung seiner jungen Kräfte Anregung und Uebung finden. Auf die Familienreisen an den Seeftrand oder in eine sonstige Sommerfrische müssen jetzt tausende verzichten, weil dem rüber behäbigen Mittelstand jetzt di ePapierscheine zu chnell wegfliegen. Man muß das Gute suchen, das n der Nähe liegt und nicht zuviel kostet. Auch dabei läßt sich die Weltkenntnis erweitern und Lebensfreude oewinnen, wenn man es nur richtig anftellt.
Es gab früher Kinder, die ihr eigenes Vaterhaus und die engere Heimat kaum kennen lernten, weil sie in der Schulzeit den Kopf in die Bücher steckten und während der Ferien in der Fremde waren. Denen schadet es wahrlich nicht, wenn sie etwas mehr bodenständig werden und ihr Nest sowie dessen Umgebung gründlich kennen lernen. Zum Schweifen in die Weite bleibt bei steigendem Atter noch Zeit und Gelegenheit genug. Doch bleibt noch Spielraum genug für die elterliche Liebe, die den Kindern die Ferienzeit möglichst angenehm machen will. Eine passende Arbett in Haus und Garten gehört durchaus in dieses Programm. Ein gesundes Kind wird bei richtiger Anleitung solche Arbeit nicht als lästigen Zwang empfinden, sondenr gern leisten mtt dem behaglichen Gefühl, etwas Nützliches geschafft zu haben.
Und was macken die Ettern selbst ober die bereits erwerbstätigen Sprösslinge? Die Arbeitsferien in den städtischen und industriellen Betrieben ziehen immer weitere Kreise, und die Erholungspause ist ja auch den Angestellten herzlich zu gönnen, unter der Voraussetzung, daß sie wirklich zur Auffrischung der Kräfte und nicht zur Vergeudung von Zeit und Kraft führt. Auch da muß vorher in reiflicher lieberlegung ein Plan aufgestellt werden, — auch dann, wenn es sich nur um eine kurze Frist handelt. Wer sich auf das Geratewohl in das Nichtstun stürzt, hat wenig Vorteil, aber viel Schaden an Leib, Seele und Geldbeutel zu erwarten.
Früher verlangten wir für den Hochsommer nicht bloß Schulferien oder Arbeitsferien,, sondern auch Ferien in der P o l i t ick. Reichstag und Landtag soll-
Die Ferienzest bringt feine reine Freude. Aber das Erntefest folüe doch lauter Lust und Jubel fein? Leider gibt es auch Haare in dieser Butter.
Daß die Landleute bei der Ernte schwer arbeiten müssen, ist nicht beunruhigend, das ist unvermeidlich: darauf sind alle ^Beteiligten von Kindesbeinen an em-
die Seele der Jugend die Notwendigkeit praktischer Ar- beit und praktischer Politik dar- und klarzulegen wußte und damtt dazu beitrug, daß das Ergebnis dieser Aussprache zu einem für die Jugendbewegung wie für die Partei in gleicher Weise ersprießlichen und segensreichen geführt wurde. An diesem Nachmittag fand em Ausflug nach Helsterbach statt, wo in Vertretung des verhinderten Reichskanzlers a. D. Fehrenbach der Relchstagsabg. Hoffmann erschütternde Bilder aus dem besetzten Deutschland und vom Rhein entrollt, aber auch die Anhänglichkeit der Rheinländer und ihren Glauben an das wieder aufstrebende Deutschland in warmgefuhlten Worten betonte. ... m
Am Sonntag vormittag sanden die offiziellen Verhandlungen nach dem feierlichen Hochamt mit einer großen Hauptversammlung ihr Ende. Oberr^lerungs- rat Beyerl ^Stuttgart behandelte vom geschichtlichen und kulturellen Standpunkt aus das »Wesen des Nationalen und Völkischen" und stellt als Ideal die sittlich erfaßte Volksgemeinschaft hin, m der christlich-deutscher Geist Form und Auswirkung des öffentlichen und privaten Lebens bestimmt. Die Versammlung nahm sodann einstimmig folgende Entschließung an: „Die zweite Reichstagung der deutschen Windthorstbunde bekennt sich zu den Grundsätzen und dem Programm der deutschen Zentrumspartei. Sie fordert deren Bunde und deren Mitgtteder auf, mit aller Hingabe an diese Grundsätze sich zu schulen und auf die Betätigung im offent- lichen Leben vorzubereiten und zur^ Verwirklichung dieser Ideen in der Parteiorganisation praktische Mtt-
Eine große Festvorstellung im Areilicht-Theater und ein Bürgtest auf der Godesburg bildete den Schluß der aesellschaftlichen Veranstaltungen, mit denen die ganze Tagung so außerordentlich gewinnend und freundlich umrahmt war. -
Die achte Großmacht.
Hat man das Zeitungswesen, die Presse, zuweilen die „Siebente Großmacht" genannt, so scheint die Zett mcht mehr fern zu fein, wo man mit nicht geringerer Bevechtl- gwiiq in naheliegender Anlehnung an diesen Ausdruck liebenswürdiger Wertschätzung das Filmwesen, die so viÄgestattige Illusion der fümmemden Lemwand, mit dem ehrenden BeitM.ir.en der „Achten Großmacht zu bezeichnen wagen darf. Es liegt uns dabei fern, hier einer lächerlichen Uebertreibung das Wort ju reden. Dennoch mag dem eifrigen Besucher des Kinos trotz alter in der Fachpresse und in den in letzter Zeit zahlenmäßig sich steigernden Fllrnbenagen zu größeren Taaesblällern erscheinenden Statistiken kaum bewußt werden, welch ein wichtiger Faktor das Filmwesen mit feinen zahllosen Nedenindustrien und -gewerden schon heute in der Weltwirtschaft darstellt. Dem deut- chen Kinobesucher wird natürlich vor altem der Stand Aufmerksamkeit abnötigen, den das deutsche Lacht - spielwesen im Rahmen unseres Wirtschaftslebens derzeit einmmmt. Da vermag die einschlägige Statistik bereits mit ansehnlichen Zahlen auszuwarten. So erfahren wir, daß in dem gesamten deutschen FLmge- worbe annähernd 4 Milliarden Mark investiert sind, die sich auf etwa 465 Unternehmungen verteilen. Allem in Berlin bestehen zur Zett etwa 25 große Aufnahmeateliers, die eine durchschnittliche Tagesmiete (mfl. Ar- beitevgeftellung usw.) von 8000—10 000 Mark erbrüt- 0en. An ständigem Personal sind hier 40—50000 Personen beschäftigt, eine Zahl, die bei den heute so beliebten Großfilms durch wettere Hilfsarbeiter, Schauspieler, Komparsen und Statisten noch erhebliche Ver- mehmng erfährt.
Den Filmprüfstellen tagen im Vorjahr 3379 Km. inländische und 731 Km. ausländische Filmstreifen vor, während vor dem Kriege 36 000 Meter inländischer Produktion 205 000 Meter ausländischer Herkunft gegenüberstand. Die beiden nord- bezw. süddeutschen Filmerzeugungs-ZentrvLen Berlin und München legten der Prüsungsstelte tm Vorjahr 2732 Km. bezw. 647 Km. neuerzeugte Filmstreifen vor. Die Gesamt- ausftchr deutscher Fllmfabrikate stieg in den letzten beiden Jahren (1920=21) von 11,5 auf 17 Millionen Meter, die der deutschen Wirtschaft 23,4 bezw. 66,3 Millionen Mark brachten.
Ms Inlandabnehmer kann man heute ungefähr 3800 Lichtspieltheater im Reich schätzen, von betten allein auf Groß-Berlin 365 Kinos väschicitener Größe kommen. In letzteren stehen etwa 200 000 Sitzplätze zur Verfügung, sodaß man gut einen Tagesbesuch von 120—130 000 Personen errechnen kann, eine Ziffer, tüte etwa der Bevölckernngszahl einer Stadt wie Mainz entspricht.
So imponierend auch diese Ziffern schon unter Berücksichtigung der verhältnismäßigen Jugend des deutschen Filmwesens anmuten, kann unter den derzeitigen Wirtschaftsverhättmssen die Mlmproduktion vom Jnland- ten sich auch Ruhe gönnen; die Gesetzgebungsmaschine sollte still stehen; die Behörden sollten möglichst vom Leibe bleiben; die Zeitungen sollten gemütlich plaudern. Das nannte man „Sauregurkenzeit". Gibt es jetzt eine solche Ruhepause? Nein, weder in der inneren noch in der äußeren Politik. Die Minister treiben sich auf allerhand Konferenzen herum, die auch in den Hundstagen noch nicht abreißen. Darauf müssen wir genau aufpassen, denn es kann jeden Augenblick eine Entschließung fallen oder eine Note kommen, die unser armes Vaterland in Mitleidenschaft zieht. Und dabei sind uns schon so viel Lasten auf die wunden Schultern gehäuft, daß mir auch im Hochsommer aus ter Tretmühle der Politik nicht herauskommen. Immer von neuem taucht eine brennende Frage auf, und deshalb erschallt der Alarm ruf, daß die Lage wieder einmal „kritisch" sei. Es geht fteillch vielfach wie bei der Alarmierung der Feuerwehr, wobei manchmal der kleinste Stuben- brand ten größten Radau verursacht. Aber die Ruhe sst doch gestört; die erholungsbedürftigen Nerven werden wieder angespannt.
Was ist teT gegenüber zu tun? Der gewissenhafte Bürger kann den Kopf nicht in den Sand stecken; er muß den Gang der Politik verfolgen, auch wenn es ihm nicht lieb ist. Wenn er die Zeitungen ungelesen lassen wollte, so würbe er leicht ein Opfer der wilden Gerüchte werden. Er würde dann erschrecken bei jedem Schlagwort, das ihm von Angsthasen oder Hetzern ins Ohr geblasen würde. HAt er sich aber auf dem Lausenden, so daß er ein eigenes Urteil über die Zwischenfälle des Tages hat,. so kann er einen großen Teil der Ereignisse als minderwertig beiseite schieben und sich auf diese Wesse seine Sommevuhe retten. Das hat praktische Bedeutung. Es gibt heutzutage kein „stilles" Vierteljahr mehr, und wer sich unnötige Aufregung sparen will, muß auch in den Hundstagen eine zuverlässige Zeitung lesen, also abonniert b 1 eiben. Es lohnt sich, wenn es auch etwas mehr kostet, als zur Zeit der Goldwährung.
absatz allein längst nicht mehr leben. Löhne, Materia Iten, teilweise auch kostspielige Reisekosten machen di, von einem immer anspruchsvolchcen Publikum gewünschten Filme dauernd teuerer, sodaß man heute füi einen halbwegs zugkräftigen vorführungsbereiten Groß- fllm 3—4 Millionen Mark, für gewisse Prunffilme sogar Riesenfummen von 10—15 Millionen Mark an» setzen kann. So ist — ganz abgesehen davon, daß der deutsche Film immer mehr als wichtiger Faktor tm Außenhandel austritt — die Notrosnidgkeit offensichtlich, durch ein möglichst günstiges Auslandsgeschäft, die gewaltigen Unkosten zu parattsieren und die Unternehmen rentabel zu gestalten. Hier können wir gerate m der letzten Zett sehr erfreuliche Erfolge für unser mächtig ausstrebendes Filmwesen seststellen. Fast alle Länder — auch die uns ehemalig feindlichen, wie England — stehen jetzt wieder für den deutschen „Super"-Fiim offen. Daß hier oft mtt recht phantastisch erscheinenden Zifsern gerechnet wird, liegt natürlich in der Natur der Sache, man darf andererseits aber nicht vergessen, daß gegenüber einem durchschlagenden Auslandserfolg so und so viele Versager stehen.
Vermag man schon tm Inland einen von zahllosen Unwägbarkeiten abhängigen Erfolg eines noch so großzügig aufgezogenen Filmwerks niemals vmauszusagen, — ist das Risiko daher auf diesem Wirtschaftsgebiet besonders hoch, — so ist das Aüslandsgescha; trotz aller Einstellung auf die Psyche und die Wünche des Aus- landpubttkums immer unsicher und bietet reichlich Gelegenheit herbster finanzieller wie rdeellec Enttäuschungen.
Das sst die wirtschaftliche Serie der Film- Industrie. Die sittliche Seite der Angelegenheit ist nicht weniger wichtig. Sie bietet eine Reihe ernster Gefahren für das Volkstum, namentlich die Jugend und verlangt fortgesetzt Aufmerksamkeit der Lolks'reunde. Deutschland unü^we Weltwirtschaft»
In den letzten Tagen ist von zwei zuständigen Stellen die Hobe Bedeuiung hervorgehoben worden, die Genua für eine künftige harmonischere Gestaltung der Weltw irtschaft und insbesondere der Stellung Deutschlands in derselben haben kann» Bisher ist das in der Presse nicht genügend zum Ausdruck gekommen. Reichswirtschaftsminister Robert Schmidt hat seinen Bericht über die Behandlung der Wirtschafisfcagen in Genua im volkswirtschaftlichen Ausschuß des Reichstags mit den Worten geschlossen: „Wenn auch allen (in Genua getätigten) Beschlüssen vorläufig nur eine moralische Kraft innewohnt, so bedeuten sie gerade sür Deutschland einen erheblichen Fortschritt. Wenn Deutschland in der nächsten Zeit mit einer größeren Anzahl europäischer Staaten Handelsabkommen abschließen will, dann werden ihm die Beschlüsse der Genueser Konferenz eine überaus wertvolle Grundlage für seinen Wiedereintritt als gleichberechtigtes Mitglied der internationalen Wirtschaft sein."
Aussührlicher und in Einzelheiten gehend, befaßte sich auf der jüngsten Hamburger Tagung des Reichsverbandes der deutschen Industrie dessen Vorstandsmitglied Direktor Kraemer mit der gleichen Frage. Trotz aller, insbesondere von unfern ehemaligen Gegnern gemachten Versuche, die Wirtschaft gegenüber der Politik, in den Hintergrund zu drücken, hat diese durchaus nicht im Hintergrund gestanden. Vielmehr dringt nach Direktor Kraemer „trotz aller Kampfmaßuahmen unserer Gegner die Erkenntnis durch, daß nur auf der Grundlage von Handelsverträgen mit Meistbegünstigung eine erfolgreiche Weltwirtschaft möglich ist".
Genua hat den Weg freigemacht für die Rückkehr zu ten bewährten wirtschaftlichen Systemen der Vorkriegszeit. Während vier Wochen erfolgte nicht in einem einzigen Falle schroffe Ablehnung der Wünsche der deutschen Delegation auf wirtschaftlichem Gebiete. Wir hotten u. a. folgende Forderungen vorangestellt: 1. SBlan möge Mittel und Wege schaffen, um eine Welthandelsstatistik aufzustellen. Das zettigte zunächst KopfschüttÄn auf der Gegenseite, bann hu- morvolles auf der unsrigen, als wir erklärten, man! dürfe nicht vergessen, daß in Genua doppelt so viele Staaten vertreten seien wie seinerzeit in Brüssel; Deutschland habe gar nichts zu verbergen, auch nichts über seinen Außenhandel. 2. Einführung eines einheitlichen Zolltarif-Schemas (nicht einheitlicher Zollsätze, sondern einheitlicher Benennung der Warengruppen) m die ganze europäische Wett. Beide Anträge sind angenommen worden.
Nun brachte Italien einen Antrag ein, der ihm zur Erlangung billiger deutscher Rohwaren verhelfen
gerichtet, und der Schweiß sst nicht sauer, wenn di« Himmelsgabe sich reichlich gestattet. Doch Wasser fließt in den Becher, wenn der Ertrag müßig ist, und Essig mischt sich in den Festtrunk, wenn sich Streitigkeiten über die Verwertung der Ernte erheben.
Leider wird uns dieses Jahr die ungemischte Erntefreude nicht zuteil. Das Getreide, das auf dem Acker steht, wird nicht ausreichen für die Broloerforgung des Volkes von 60 Millionen. Wir müssen Brotkorn vom Auslände zukaufen and dafür müssen wir bei unserer jämmerlich gesunkenen Währung einen wahnsinnigen Preis anlegen. Wenn das ausländische und das in- ländische Brotkorn m den freien Handel kommt, so richtet sich der Preis nach dem teuersten Antell, und bas gewöhnlich« Brot aus 60 Mark, für bas Stück. Das würde Hungersnot und Empörung bedeuten. Die bisherigen Zuschüsse aus der ©teuertaffe zur Brotoerbilli- gung gestatten uns die'Siegerrr.ächte nicht mehr. In dieser Not schlägt nun die Regierung vor, daß die deutschen Landwirte durch eine Umlage 2% Millionen Ton- nen Brotgetreide zu einem erträglichen Preise abliefern fallen. Ein solches Opfet auf dem Altar des Vaterlandes erregt natürlich bei den Landwirten keine Freude; aber es muß ein Ausgleich zur Rettung des Volkes gefunden werden. Einerseits sollen die Landwirte einen Preis erhallen, der ihre Arbett gut bezahlt und ihnen' die Mittel zur Vervollkommnung der Getreidewirtschaft für die nächsten Jahre sichert. Andererseits muß für die weniger bemittelten Volksklassen das tägliche Brot zu erschwinglichem Preise bereitgehatten werden. Das ist eine schwere Aufgabe die jetzt unsere Gesetzgeber zu lösen haben. Sie sind überhaupt nicht zu bereiten, denn sie sollen es allen recht machen, und meistens müssen sie bet einem gedeihlichen Ausgleich beiden Teilen ein Opfer ’itrr.uien. Da ists für den Bürger und Bauern Pflicht, sich in Ruhe and Geduld zu fassen, die Leitenlchast zu dämpfen und das Gemein- w o h l im Auge zu behalten. Wenn es zum Zusammenbruch kommen sollte, würde kein Beteiligter triumphieren, sondern vielmehr Industrie und Landwirtschaft zusammen ins Verderben geraten.
Wenn die Sommermonate uns sonst keine Fvmde bringen, so wollen wir doch wenigstens ten inneren Frieben retten. Dann kann es auch wieder besser werte»