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Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stabt Fulda.

49. Zahrg

Dienstag, 20. Juni 1922

fir. 139

Äctlendruckerei in Fulda

»aran n Ber

Wie derLokakmzerger" meldet, t i e a u s f ch u ß Sonntag abend aus

artiges Abkommen nur mit Zustiissmung der Bereinigten Staaten möglich. Es gäbe aber ein Mittel, das Ziel zu erreichen, wenn näm­lich allgemein für wünschenswert erklärt würde, das Reparationsproblem mit der Frage der inter­alliierten Schulden zu verknüpfen.

Hu$ dem besetzten Gebiet.*

* Vie klusweisunren ««» »em besetzten Gebiet. Nach einer havar.Meldung aus Koblenz wurden in der Zeit vom 15. Mai.bis zum 15. Juni siebzig Personen deutscher Staatsangehörigkeit aus den besetzten Rhein­landen auSgewiesen, weil ihr Verhalten al3 gefähr- lich für die Sicherheit des Besatzungsheeres erachtet würde.

fpd. Auch ein Beitrse zu Deutschland» Entwaffnung. In dem Pfalz-Museum tn Speyer wurde dieser Tage von dem überlebensgroßen Modell eines fränkischen Kriegers daS Wurfbeil gestohlen. Der Diebstahl wurde sofort bemerkt. Man stellte fest, daß ein fran. zöfischer Soldat daS Beil übrigens nur ein Mo­dell gestohlen und unter seiner Uniform versteckt hatte. Der Dieb wurde von der französischen Polizei festgenommen.

heben gelingt, leicht zu einer sehr verwickelten Lage führen können. Einige Zeitungen spielen mit dem Gedanken einer Reichstagsauslöfung.

lgsprei»: Monatlich 18.00 Akk. zugestellt frei ins Haus- ~ Abqeholt in der Geschäftsstelle 17,50 Akk. s Anzeigen: Kleinzeile nachColonel 1.50Akk.-, ausw. 2,50Alk. Rekiamezeii« (lertbreHe) nach Colone'maß 8 Atsrk.

ist so hat der Ausschuß für das Rheinland das für die Gnadenmaßnahme bezügliche Verfahren einzuleiten.

Die Eisenbahnen.

Die Uebergabe der in den an Polen abzutreten, den Gebietsteilen liegenden Eisenbahnen ist Sonn­tag nachmittag 6 Uhr vollzogen worden. Zu glei­cher Zeit sind im oberschlesischen Abstimmungs­gebiet für den deutschen Teil die deutfche Eisen- bahndirektion Oppeln und für den polnischen Teil die polnische Staatsbahndirektion Ka t t o w i tz eingerichtet worden.

Ein Zusammenstoß.

In Biskupitz ist es zwischen einem Apo- ko mm an do, das die Gemeindewachs abgelöst hatte, und einer kleineren französischen Ab­teilung zu einem blutigen Zusammenstoß ge­kommen. Eine größere Anzahl von Zivilisten er­griff die Partei der Apobeamten, worauf es z» einem Feuergefecht kam, in dessen Verlauf 3 Zivilisten getötet wurden. Ein vierter wurde so schwer verletzt, daß er kurz darauf starb.

Die Lage in Berlin.

Besprechungen zwischen den Regierungsparteien und dem ReichskarHler Dr. Wirth haben am Samstag mit­tag über die Zwangsanleihe und die Steueranträge betreffend Erbschastsfteuer^und Einkommensteuer und über die Getreideumlage stattgefunden. Es hat sich bei dieser Aussprache erwiesen, daß die Schwierigkeiten bezüglich der Verabschiedung der Zwangsanleche als ichevmunden angesehen weichen dürfen. Dagegen hat sich bestätigt, daß bezüglich der Getreideumlage

Verantwortlich für den crdauwnellen Teil- Dr. I. Kramer - M die Anzeigen: «»--..h.=c..ih«

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Trauer und Hoffnung

Die Lostrennung vberschleftens.

vor einer schwierigen Parlamentär! schen Lage.

Daß die etwas despektierliche Einschätzung einet Abgeordneten all eine» Redner»zweiter ©arnitur* keineswegs immer zutrifft, beweisen die Ausführungen des nächsten Redners, des Abg. Dr. hetz (Ztr.). Ei wirft ein Thema in die Debatte, das in dieser Aus­sprache noch nicht behandelt worden ist, daS aber nicht oft und nicht eindringlich genug bei jeder Gelegenheit in den Vordergrund geschoben werden muß: Die Zu­rücksetzung des Zentrums und des kathol. Volksteils überhaupt in Regierung und Ver- waltung. Er stellt fest, daß die Beteiligung der drei alten Koalitionsparteien an der Besetzung der höheren Aemter eine lächerlich geringe ist. Eie beträgt insge­samt noch nicht einmal 5 Proz. Den äußeren An­laß zu seinen Ausführungen gibt itot eine im deutsch, nationalenTag" erschienene Artikelreihe, deren Verfaffer die tatsächliche Zurücksetzung des katholischen VolkSteilk zu beschönigen undgeschichtlich und psycho­logisch- zu erklären lucht und sich dabei in den unver­schämtesten und massivsten Anwürfen gegen Zen­trum und Katholiken ergeht. In wirksamen Ausführungen und zum Teil mit drastischem Sumoi zerpflückt Redner diese Scheingründe und schließt mti einer scharfen Kampfansage an die Deutschnationalen, Wir wiflen jetzt, daß wir von Ihrer Seite Gerechtigkeil nicht zu erwarten haben, wir werden uns darauf emzu- richten verstehen.

Den Schluß der Sitzung bilden, nachdem noch btt beiden Rechtsparteien zu Wort gekommen find, wiederum wüste Hetzreden ber Linksradikalen. Montag Weiter, beratung.

Deutscher Reichstag.

Die Zwangsanleihe an den Sleuerausfchuh.

Halbmast wehen die Fahnen auf dem Reichstagr- gebäude. Sie geben Kunde von dem Abschied des deut, chen Volkes von den deutschen Brüdern in Oberschle­sien, die ein Gewaltspruch den Polen Überliefert hat. Im Reichstag selbst steht ein Gesetzentwurf von großer Tragweite zur Beratung: die Zwangsanleihe, deren Verabschiedung noch bis in die letzten Tage hinein sich außerordentlich schwierig zu gestalten drohte. Daß diese Schwierigkeiten im wesentlichen behoben sind, be- wies schon der äußerliche Verlaus der Beratung der Zwangsanleihe und der mit ihr verbundenen Anträge auf Abänderung der Erbschaftssteuer und Einkommenssteuer.

Es lag Grund zu der Annahme vor, daß seitens der Oppositionsparteien, im besonderen auf der Rechten, dem Wunsch der Reichsregierung anläßlich der Beratung der Zwangsanleihe von einer politischen Aussprache Abstand zu nehmen, nicht Rechnung getragen werden würde. Von den Regierungsparteien stand es fest, daß sie der poli- tischen Aussprache, die am Mittwoch der nächsten Woche beginnen soll, nicht vorgreifen würde. Don den Rechts- Parteien war das bis zum Beginn der Samstagsitzung noch unsicher. Aber im letzten Augenblick haben sie sich doch der besseren Einsicht nicht verschlossen, und so kam es, daß lediglich der Kommunist Höllein vor leerem Hause eine Hetzrede vom Stapel ließ.

Sodann wurden die Zwangsanleihe mit den dazu vorliegenden Anträgen dem Steuerausschuß überwiesen.

Dann wurde die erste Lesung der Schlichtungs­ordnung beendet, in der ebenfalls nur noch ein Kommunist das Wort ergriff.

Damit war die Tagesordnung erschöpft. Am Montag beginnt Ke erste Lesung der Getreideumlage, bereit Verabschiedung allerdings noch sehr große Schwie- rigkeiten entgegenstehen.'

(in eingetroffen. Das Blatt nimmt an, daß die Besprechungen mit den Berliner Instanzen schon am Montag beginnen werden.

Das Reparattonsproblem.

P o i n c a r e weilt in London zum Besuche und zur Besprechung mit Lloyd George. Er hielt verschiedene Reden zur Verteidigung des unnach­giebigen französischen Standpunktes.

Der Londoner Berichterstatter desTemps" übermittelt.seinem Blatte die Nachricht, daß das Reparätionsproblem von englischer Seite zum G e- gen st and - eines Meinungsaustau­sches gemacht werden würde. Man werde viel­leicht die von Sir Robert Hörne und Sir Basil Blackett ausgegangenen Vorschläge wieder aufneh­men, nach denen Frankreich seine Schulden bei England und Amerika mit Schatzscheinen der Serie C begleichen könnte. Auf diese Weise würden Frankreichs Schulden bei den Alliier­te n, zu gleicher Zeit aber auch die deutschen Schul­den entsprechend herabgesetzt, da die Engländer und die Amerikaner, so weiß der Berichterstatter des Temps" zu melden, die Obligationen der Serie C für wertlos hielten. Selbstverständlich sei ein der»

Wen berührte es in diesen Tagen nicht eigen» imlich, daß in der Stadt Fulda neben Flaggen auf halbmast, die der Trauer um Oberschksien Aus» ruck geben sollten, Festesfahnen im Winde flat- terten? Wer gewohnt ist, die Ereignisse des Tages nachdenklich mit zu erleben, hat es nicht leicht, ge­genüber diesen widerspruchsvollen Erscheinungen einen Standpunkt zu wählen, der eine bejahende Stellung zu beiden Aeußerungen des Volkstums zuläßt. Und doch ist sie möglich. Trauer ohne Hoffnung ist tödlich. Ihre Folgeerscheinung ist Verzweiflung. Hoffnung muß sich um die Trauer winden, wenn man weiter leben will. Hoffmmg in Trauer setzt Gesundheit und Kraft voraus. Ge­sundheit und Kraft aber sind nur da, wo Freude und Fröhlichkeit ist.

Gesundheit und Kraft, Freude und Fröhlichkeit, wie sie den jugendlichen deutschen Turnern eigen sind, die am Samstag und Sonntag in Fulda zu­sammenströmten, geben uns Deutschen im Augen­blick der schmerzlichen Trauer um das verlorene Oberschlesien und angesichts so vieler drohenden Gefahren die H o f f n u n g, daß für unser geliebtes Vaterland und das deutsche Volk auch wieder b e s- fere Tage Heraufziehen werden. Wir brauchen noch nicht an Untergang und Chaos zu denken! Deutsche Selbstzucht, Mannestugend, Begeisterung für die Ideale sind nicht verschwunden und werden die Schlüsiel für eine bessere Zukunft sein.

Aus den Klängen des Turnerliedes, das jetzt so häufig erschallt, hat mich ein Vers besonders ge- vackt:Großes Werk gedeih t n u r d u r ch Einigkeit." Wenn diese Wahrheit alle die Volksgenossen, die sich am Turnfest beteiligten, mit lebendiger Kraft erfaßt, dann kann in den Tagen vaterländischer Trauer tatsächlich freudige Hoffnung unsere Herzen erfüllen. Wenn Einigkeit die Losung ist, dann kann das Dunkel, das gerade -zurzeit wieder am politischen Himmel Deutschlands aus­gezogen ist, nicht schrecken. Dann ist auch am Tage rrnster Trauer freudige Hoffnung erlaubt.

Gberschlefien.

Der Beginn der Uebergabe des an Wen fallen- üen Teiles Oberschlesiens hat in ganz Deutschland Trauerkundgebungen vielerlei Art ausgelost. In Schulen und Kirchen, in politischen und gemeind­lichen Körperschaften wurde des Verlustes m ent­sprechenden Worten schmerzlich gedacht.

In dem deutsch-polnischen Vertrag betreffend die Uebergangsbestimmungen für beide Teile Oberchlestens wird einer Breslauer Meldung desVerl. Lokalanz. zufolge festgesetzt, daß sich beide Regiemngm verpslich- let haben, alle Entscheidungen und Urteile, die von den durch die interalliierte Kommission einge­setzten Gerichten erfolgt sind, wie die von etm deutschen oder polnischen Strafkammer ergangenen Ent­scheidungen und Urteile $u behandeln. Die Wiederauf, nähme eines Verfahrens kann nur mit Zustimmung ber drei alliierten in der interalliierten Regiemngs- kvmmission für Oberschlesien vertretenen Mächte einge­leitet werden. Keine Gnadenmaßnahme, feine Veränderung, Aushebung oder Kürzung der Stra- fen darf zugunsten von Personen, die wegen Straftaten gegen die Alliierten verurteilt worden sind, ohne Ein­verständnis der drei alliierten Mächte erfolgen. Wenn der Gefangene seine Strafe tn einem alliierten Militär­gefängnis des Rheinlandes verbüßt, wie es vorgesehen

Preußischer Landtag.

Immer noch Zurücksetzung der Katholiken.

Wie der Reichstag, so hat auch der Landtag anläß. lich der am SamStag endgültig vollzogenen gewaltsamen Abtrennung eines Teils von Oberschlesien halbmast geflaggt.

Der Abg. Dominicus (Sem.) gedenkt al« erster Redner deS Tages in seinen Ausführungen zum Etat des Ministeriums deS Innern dieser Tatsache und gibt unter allseitiger Zustimmung noch einmal dem tiefen Schmerz über den schweren Verlust Ausdruck, den Preußen damit erleidet. Im übrigen beschäftigte er sich in seiner Rede in der Hauptsache mit der Frage der Verwaltungsreform und mit der Hindenburgfeier tn Ostpreußen, wobei er seinem Bedauern darüber AuS- druck gibt, daß diese an sich durchaus zu billigende Feier von gewisser Seite zu nationalistischen Kund, gedungen mißbraucht worden sei. Damit sind alle Parteien in der allgemeinen Aussprache zu Wort gr- kommen; mit Rücksicht auf die Bedeutung deS Etats kommt aber noch eine zweite Rednerreihe, dieZweite Garnitur" zu Wort.

Der erste Redner, der Abg. kimbertz (Soz.), hat nichts wesentlich Neues zu sagen. WaS er vorbringt, ist im wesentlichen eine Wiederholung, oder, wenn man will, eine kritische Unterstreichung dessen, waS schon sein FraktionSgenosse HauSschild vorgetragen hatte: Sine scharfe Kritik der Königsberger Vorgänge und die Hal­tung der Reichswehr, dte Redner direkt als einen .reaktionären Skanval" bezeichnet. Im Laufe seiner Ausführungen kommt es zu lebhaften persönlichen Zu- rufen und Zusammenstößen zwischen den MehrheüS- soztalisten und LinkSradtkalen auf der einen Seite und den Deutschnationalen auf der andern Seite.

Deutsches Reich.

* Berlin, 19. Juni. Die von der deutschen Re gientng nach den Bestimmungen de? Moratorium, am 15. Juni zu leistende monatliche Te i lzah lun z von 50 Millionen Go ldmark ist von der Reichsregierung pünktlich bei den von der Nepara- tionskommission ihr bezeichneten Banken einbezahlt worden. Die Gesetzetvorbereitungen über die so- nannte Provinzialautonomie führten die Staatsministerien nunmehr zur Feststellung der Ge­setzesvorlage. Der Entwurf sieht für alle preußischen Provinzen und damit auch für Oberschlesien eine weitgehende Berücksichtigung der Selbständigkeits­wünsche der Provinzen vor, insbesondere auf dem Gebiete der kulturellen Sonderart. Der Entwurf wird in kürzester Frist zur Beröffentlichnng gelangen.

* Ium Schriftführer des Reichstages anstelle des verstorbenen Abg. Racken wurde ter Zentmmsabg. Schwarz-Hessen (Frankfurt) gewühlt.

cpc. Zur Pfarrerbesoldung. Im Beamtenausschuß des Preußischen Landtags wurden am Freitag abend nach mehrmonatigen Ausschußverhandlungen die An­träge Porsch und von Campe, betreffend Aufbesse­rung der Pfarrergehäller, zum Abschluß gebracht. Es wurde beschlossen, die bisherigen festen Staatsrenten zur Besoldung der evangelischen und katholischen Pfarrer bis zur endgültigen gesetzlichen Regelung um je 200 Proz., also auf das dreifache, zu erhöhen. Außerdem wurden 9 Millionen für die katholischen und 18 Millionen für die evangelischen Pfarrer bewilligt, damit ein Drittel der-

FuldaerZeitung

Vie SIScher-Richten.

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Die Frau Mutter hat aber auch sinniert, wer's wohl fein könnte, hat alle Bekannten im Geiste Revue passie­ren lassen und bann Ho nebenbei beim Scharpiezupfen die Rede auf den einen und den andern gebracht. Da mar der Jagdjunker von Kitzing, der im Osthavelland eine hübsche Klitsche besaß; Über den lachten aber die Aiesernädchen unbarmherzig und die Lotte am hellsten, tneil er gar zu arg stotterte. Da kam der von Saugt an die Reihe; der war Witwer und hatte fünf Kinder. .Eine schöne, herrliche -Aufgabe," erklärte die Mama, .die lieben Kinder zu braven Menschen zu erziehen." Doch die Töchter lachten wieder, und die Lotte am hell- ften:Ja gewiß! Aber die Göhren wären im ganzen Stadtviertel als die ungezogensten Rangen berühmt." So ging's mit einem halben Dutzend andern auch. Van den Mädels hatte eben jede ihren eigenen Schatz im Sinn, mit dem hielt keiner bett Vergleich aus, und die Charlotte dachte offenbar gar nicht ans Heiraten.

Run hat dte Giesin wieder nachgedacht und ist dar­auf verfallen, einen alten guten Bekannten, den Kam­merherrn non Tautenheim, persönlich zu präfentieren. Vielleicht war das der Richttge: nicht mehr jung, aber ein stattlicher Mann, dachte sie, bei Hose gut ange- sehen, liebenswürdig

.Mama mattiert zum Tee!" meinte Fiekchen. .Das hat etwas zu bedeuten. Sie steckten die Köpfe zu­sammen, und mit einem Male hatten sie's weg:un- [ere Mutter sucht nach einem Mann für Lotte!" er- klärte bas Nestküken, bte unbebingt ben feinsten Riecher hatte. Es gab ein höchst unbankbares Völkchen unb eine Verschwörung.

Das Opfer war felbstverftänblich der gute Herr von Tautenheim, den Lotte schon im voraus einen Mum- melgreis nannte, obwohl von ihm bas Gerücht ging, » er noch im Winter mit einer Prinzessin in einem Karree glanzvoll getanzt hätte.

Er kam in einem langen, blauen Rock, sehr würdig, and brachte für jedes der Mädchen eine btaugolben« Tüte aus der Zuckerbäckerei von Sparganapani mit. Da­mit hatte er Glück, dxnn sie waren allesamt Naschkatzen.

Sie fingen auch gleich zu knabbern an. Aber zuerst meinte Charlotte: .Das sind ja Mandeln. Die' ich überhaupt nicht." Dann sagte Fiekchen: .Die Fon- bante haben einen abscheulichen Beigeschmack, müssen wohl nach aus der Zeit Methusalems stammen. Die haben Sie sich cmschmieren lassen, Herr Kammerherr." Unb Lore, ber Tunichtgut, futterte zwar erst ihre ganze Tüte im Handumdrehen leer, pustete sie dann auf, hieb mit den Händen auf das angeschwollene Ding, daß es fnallte unb neigte sich dabei höhnisch verbindlich zudem Aermsten: .Unglaublich, wie wenig in der Tüte war. Es lohnte gar nicht, das Mäulchen aufzusperren."

Der weltgewandte Kammerherr hat getan, als merkte er keine Spitze; rührte mit zierlich gespreizten Fingern seinen Tee, tat nur bedenklich viel Kandis hinein, bedenklich viel Streuselkuchen und sah mit den etwas verschleierten Augen vorsichtig jedes dernoch zu haben- den" schönen Mädchen an. Luise empfahl sich bald: sie hätte Briefe zu schreiben natürlich an den Herzaller, liebsten; Julie schützte Kopfschmerzen vor unb ging; Fiekchen mußte auch an den Schatz epiftetn. So wurde der Kreis enger unb enger. Mama Giese war enssetzt unb nahm sich vor, ihren drei Aeltesten eine gehörige Standpauke zu halten. Aber der Herr von Tautenheim schien äußerst zufrieden. Er lächelte ein etwas geheim- nisvolles, süßes Lächeln und schaute den oerMeibenben Gieserest noch prüfender an. Lotte und Lore: beide eigeMlich bildhübsch. 3a, aber die Jüngste verdiente doch wohl die Krone; sah aus wie ein Porzellanpüppchen und hatte springlebendige Augen, in denen tausend Teu­felchen herumzuspuken schienen.

Uebrigens saßen die beiden Mädchen jetzt höchst sitt­sam unb artig, Hand an Kant, mit fast immer geschlosse- nen Lippen. Da nun die Mama in Gesellschaft auch nie viel sprach, so mußte der Gast die Konversation fast allein weiterführen. Das war nun grab sein Fall, er hatte Ruf dafür, unb halb, mit einigen geschickten Wen­dungen sein Haupt- und Lieblingsthema beim Wickel. Er sprach von den Hoffesten aus jenen schönen Tagen, da Mars noch nicht die Stunde regierte, zumal von der Zeit weiland König Friedrich Wilhelms des Zweiten.

Plötzlich mischte sich die Lore in seine wohlgesetzten (EriäMungen. Sie fr aale: JErufl mau damals bei Hole

noch ben Zopf? Haben Sie auch noch einen Zopf ge­tragen? Oder trugen den nur bte Soldaten?"

Aber mein gnädigstes Fräulein, selbstverständlich trug man meistens noch den Zapf. Uebrigens sah er gar nicht so übel aus, gab ohne Zweifel ein honettes gravitätisches Ansehen, zumal wenn er recht abrett ge­wickelt war. Man mußte schon einen tüchtigen Kam- merbiener haben, wenn man dessen sicher sein wollte."

.Ja, aber ... Sie müssen einem jungen Mädchen die Frage schon verzeihen wuchsen den Herren denn damals wirklich die Zöpfe?"

Er lächelte, diesmal ganz überlegen.Nun .. . sie wuchsen schon einzelnen von uns. Es ist erstaunlich, aber es ist wahr: es gab Messieurs mit prachtvollen Zöpfen, freilich erst nach jahrelanger sorgfältiger Pflege."

.Und die andern?"

Die andern, die mußten künstlich schaffen, was ihnen Natura versagte. Bei den Friseuren konnte man Zöpfe mit ben schönsten Bändern, in allen Größen unb Farben kaufen."

Die Lore war aufgestanden und machte sich hinter dem Sessel des Kammerherrn zu schaffen. Mama Giese war wiederum enssetzt, als sie sah, daß ihre jüngste Range sogar mit dem Zeigefinger an seinen Nacken tippte:Aber . . . Lore!" rief sie. Doch dem wür­digen Kammerherrn mußte die Berührung des kleinen Fingerchens ganz pläsierlich fein. War ja auch das reine Kinderhändchen. Und so drollig: es kitzelte sogar ein wenig. Er spitzte den Mund, fast als ob er pfeifen wollte.

Wie wurde solch Kunstzopf denn nur befestigt?" fragte die Lore weiter.Das muß ja mit erstaunlicher Akkuratesse gemacht warben sein."

Gewiß, mein verehrtes Fräulein von Giese! Es gab kleine Haken"

Wo beim, Herr von Tautenheim? Zeigen Sie doch . . ."

Also griff auch er in den Nacken. Seine lange hagere Hand und die kleinen molligen Mädchenfinger berührten sich. Es kitzelte wieder leicht und pläsierlich.Hier etwa!" sagte er.Ist nicht möglich. Hier also?" fagre sie.Etwas höher!" sagte er. Alsa ungefähr dort!" fc*ate sie, Uni) da oetdrab bas MMeur.

Auf dem Hinterkopf des braven Barons hob sich bas Haar; gleich darauf löste es sich vorn, die ganze Pracht schob sich nach rückwärts, die Stirn wurde mir einem Male in eine mächtig große Glatze verwandelt

O weh!" hat der Taugenichts gerufen.Wer hätte das gedacht eine Perücke. Ein Meisterwerk . .

Es tippte noch einmal und kitzelte. Aber dem wür­digen Kammerherrn schien es nicht mehr Pläsier zu machen. Er sprang auf, er griff hastig mit beiden Hän­den an ben Schübel, drückte, preßte fest, was entgleiten wollte, machte, hochrot im Gesicht, eine Verbeugung in der Runde, sprach erregt:Ich empfehle mich" und stürzte aus dem Zimmer.

Drinnen erhob sich ein kaum gezügeltes Gelächter, während Mama Kiese ihren Rangen mit der Hand drohte unb dem Gaste nacheilte. Er hatte aber im Flur schon Stock unb Hut ergriffen, sie hörte ihn nur noch brummend die Stiege hinuntertapsen.

Ws sie ins Zimmer zurückkehrte, saß Lotte artig unb sittsam schon am Stickrahmen, und Sore räumte, auch ganz artiges Hauskind, das Teegeschirr zusammen. Dabei hat sie aber ein Messer zur Hand unb schneidet sich die Oberhälfte von dem Streuselkuchen ab, den der Gast übrig gelassen.

Das ist ein guter Ablenker für die Frau Mutter ge­wesen. Sie fährt auf bte Sore los:So die Streu­seln! Und du wolltest heiraten?"

Aber, gnädige Frau Mama, die Streuseln sind doch nun mal das beste," sagt die Sore unb macht das un­schuldigste Gesicht von der Welt.

Ich werb" dir was!" Und diese infame, nieder­trächtige Geschichte mit der Perücke?" N

Das rosige Gesicht wird noch harmloser, wird das reine Kindergesicht.

Sie werden mir doch nicht die Schuld geben, gnä­digste Frau Mama? Was kann ich dafür, wenn der verehrte Herr von Tautenheim trotz seiner hm! trotz seiner Jugend ein Atzelchen trägt? War kann ich dafür, wenn sie nicht festsitzt? Ich hab' sie nicht abge- rissen. Ich nicht! Das hat er höchstens selbst getan. Mir darfst du das nicht in die Schuhe schieben"

Und dabei blieb sie.

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