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Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stabt Fulda.

49. Zahrg.

Sonntag, lj. 3uni 1922

Nr. US

Die arbeiten -er Reichstags.

Die Tagesordnung für dir nächste Reichstagssitzung am kommenden Dienstag wurde ansgegeben. Sie steht eine Anzahl kleinerer Vorlagen vor. Dann folgt eine Interpellation der Unabhängigen über das Ergebnis der Verhandlungen der Reichsregie­rung mit der Rcparationskommiffion.

Sollte diese Interpellation nicht beantwortet werden können, dann steht als nächster Punkt der Tagesord­nung di« Zentrumsinterpellation über die Note der Votschafterkonferen; betreffend Einstellung bezrv. Zerstörung von Eisenbahnbauten im bosetzten rheinischen Gebiet zur Behandlung.

Verantwortlich iür den ceöautonellen Teil- Dr. I. Kramer« n für die Anzeigen: I. Parzeller-FuSa. S Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda- i-erniprecher Nr. 9. Postscheck-Konto 4051 Frankfurt a. M-

Kurland.

* Die kommunistische Internationale, d. h. die ruf- fischen Sowjets, haben nach einer Meldung der „Roten Fahne" für den 7. Juni eine Sitzung der erweiterten Exekutive der kommunistischen Internationale nach Moskau einberufen. Auf der Tagesordnung der Kon­ferenz, an der die kommunistischen Parteien Frank­reichs, Italiens, der Tschechoslowakei, Deutschlands u. a. Länder teilnehmen werden, steht u. a. eine Besprechung der Konferenzen in Genua und in Berlin, außerdem das Verhältnis der kommunistischen Inter- nationale zu den Syndikalisten.

Weq weitergegangen sein müssen, und das an Ort uw. Stelle wiederholte Zeugnis des Kriminalbeamten, der am Tage nach der Tat deutlich in bestimmter Richtung verlaufende Fußspuren entdeckt hat, bestätigt diese Feststellung. Auch die Tatsache, daß die Rilörder ,eden- alls ziemlich rasch gegangen sind, für den Weg bis zur Aleranderlchanze und zum Kurhaus „Zuflucht, den em rüstiger Wanderer m etwa zwei Stunden zurucklegen kann und den auch heute zum Teil schon recht betagte Geschworene trotz mancher Aufenthalte in etwa drei Stunden machten, etwas über drei Stunden gebraucht haben, erklärt sich durch die oben gezeigte Notwendig- feit, gewisse Punkte zu umgehen und häufig die Karte zu Rate zu ziehen.

Gegen 5 Uhr kehrte das Gericht wieder nach D f f c n. bürg zurück, wo am Samstag die Verhandlung ihren Fortgang nimmt.

PMW Mei Wirths md Mhems

Vertagung der ArUeiheverhanÄlurrgen auf drei Monate?

Bezugspreis: Monatlich 18.00 M. zugestellt frei ins Haus- - Abgeholt in der Geschäfts fülle 17,50 2Iif.

Anzeigen: Kleinzeile nach Colonel 1.50 Mk.; ausm. 2.50 Mk. Reklamezeile (Tertdrellei nach Calone'mah S Mark.

Rus dem besetzten Gebiet.

• Line widerrechtliche Maßnahme der «heinlandz- kommisßon. DaS WirtschaftSkomitee der Rheinland- kommifsion hat eigenmächtig die «usfuhrmindestpreise für Ton festgesetzt, die 25 Prozent unter den Ausfuhr- Mindestpreisen liegen, die von der betreffenden Aus­fuhrindustrie und dem Ausfuhrhantzel beschlossen wor­den sind. Die,B off. Ztg/ nennt diese Maßnahme einen widerrechtlichen Eingriff in die innere deutsche 83irt« fchaft, der, würde er widerspruchslos ausgenommen werden, binnen kurzem dazu führen könnte, daß die gesamte Industrie des besetzten Gebietes hinsichtlich der AuSfuhrmindestpreise von der Rheinlandkommisfion kontrolliert würde.

* Französische Handelsspionage. Nach einer der Handelskammer für den Wuppertaler Jndustriebezirk vorliegenden Nachricht bereist ein französischer Kaufmann angeblich im Auftrage des französischen Wirtschaftsoerbandes Deutschland mit der Weisung, deutsche Werke hinsichtlich ihrer Leistungsfähig- kett für den Wiederaufbau zu besichtigen und über Preise, Lieferungsmöglichkeiten usw. zu be­richten. Offenbar liegt französische Handelsspionage vor.

Vie Rosten der Rheinlandbesatzung.

5,5 Milliarden Goldmark.

Dem Reichstag ist eine Denkschrift zugegangen, der zu entnehmen ist:

Bis Ende Marz 1921 beliefen sich die Be­satzungskosten auf rund 4 Milliarden Gold- mark und 7,3 Milliarden Papiermark, die dem Reiche durch direkte Leistungen für die interalliierte Kommission erwachsen waren. Für die Zeit vom 1. April bis 31. Dezember 1921 kommen zu der genannten Summe noch eine Milliarde Goldmark hinzu, ferner an direkten Ausgaben noch 3,9 Mil­liarden Papiermark. Die Rheinlandkommission hat in den letzten acht Monaten des Vorjahres einen Kostenaufwand von über 178 Millionen verursacht, darunter die Unterbringung des Vorsitzenden der Kommission einen Aufwand von VA Millionen Mark. Für die Einrichtung von Bordellen war gleichfalls eine erhebliche Summe zu bezahlen.

Während die deutsche Armee in den besetzten Gebieten nur neun Flugplätze hatte, haben die En­tentemächte bis jetzt 24 Flugplätze angelegt. Für Wohnungszwecke waren 9700 Wohnungen sowie ferner 13 000 Einzelzimmer beschlagnahmt. Weiter wurden 60 Schulen mit Truppen belegt. Die Ge­samtstärke der Besatzungstruppen beträgt heute noch mindestens 130 000 Köpfe.

Die Schlußabrechnung ergibt, daß bis Ende März 1922 eine Kostenrechnung von 5,5 Milli­arden Goldmark und 14 Milliarden Papiermark zu begleichen ist, o h n e die Kosten für den Düsseldorf-Duisburger Brückenkopf.

Der Siegeszug öcr christlichen Liste I Lei den Lttermatswahlen.

Wie in Groß-Berlin hat die christlich-unpolitische Liste auch in der Provinz starke Mehrheiten aufzuweisen. Potsdam meldet 60 christlich-unpo­litische Sitze, 19 sozialistische (gegen 49 und 26 bei der letzten Wahl); Guben, wo bisher an allen 6 Schulen die sozialistischen Elternbeiräte die über­wiegende Mehrheit hatten, 65 christliche und 31 so­zialistische Sitze. Im Rheinland hat die christliche Liste einen vollen Sieg errungen, beson­ders im Industriegebiet, Essen, Düsseldorf usw. große Mehrheiten aus sich vereinigt. In der Stadt Solingen z. B. fielen ihr 99 Sitze zu, der welt­lichen 18, alfo nicht einmal der fünfte Teil. Im Landkreis Solingen, Oberer Kreis, ist das Verhält­nis 276 : 79, Unterer Kreis für die christliche Liste noch günstiger.

Auch im Staat Sachsen haben die Wah­len zu bemerkenswerten Erfolgen der christlichen Elternschaft geführt. In Chemnitz, wo die An­hänger der weltlichen Schulen noch im Vorjahr die Mehrheit hatten, sind sie jetzt mit 230 gegen 253 christliche Vertreter in die Minderheit gedrängt. In Leipzig errangen die christlichen Elternvereinigun­gen die absolute Stimmenmehrheit, wenn auch den Sozialisten und Kommunisten das Mehr an Sitzen zufiel. In Borsdorf bei Leipzig wurden 6 christ­liche und 2 weltliche Vertreter gewählt; auch in Cossebaude blieben die Mehrheitssozialisten und die proletarischen Freidenker, die hier eine besondere Liste ausgestellt hatten, weit hinter der christlichen Elternschaft zurück. r., . , . . .

In Schlesien zeichnet sich insbeforöere ber Bezirk Liegnitz durch große Erfolge der Chrlstlich- Unpolitifchen aus, die z. B. in der Industriestadt Neusalz a. O. mit 15 Sitzen gegen 14 Sozialist, die Mehrheit errangen, während sie bei der letzten Wahl mit 9 gegen 20 sozialistische Sitze weit unter­legen waren.________ ___________

Der Erzderger-Mordprozetz.

21 tn Freitag fand eine Besichtigungsfahrt durch das Schwurgericht statt.

Der Weg von Griebach auf den Kniebis, der von den im Auto bis Griesbach beförderten Beteiligten zu Fuß zurückgelegt wurde, führte in verschiedenen dicht aufeinanderfolgenden engen Kehren 3’emba) (teil auf­wärts. All einer dieser Kehren liegt die Mordstelle. Am Tatorte wurde von den mit der Voruntersuchung betraut gewesenen Polizei- und Gerichtsper- fonen der vermutliche Hergang der Tat bemonftriert« und bann die verschiedenen Zeugenaussagen über die Flucht der Täter erläutert und nachkontrolliert.

Einblicksreicher noch gestaltete sich der Kontroll­gang auf den Spuren der Täter, am dem Untersuchungsrichter E g g I e r die Führung übernahm. Diese Partie bestätigte nicht nur die Angaben der Zeu­gen, an denen die Täter vorbeigekommen sind, m feder Beziehung, sondern bracht- auch den vollgültigen Be- weis, daß es sich nur um ein und dieselben Leute handeln konnte, die innerhalb bestimmter, durch die Angaben der verschiedenen, jeweils an Ort und Stelle ausgestellten Zeugen nochmals bestätigten Zeiten den Weg zurückgelegt haben müssen. Der gewählte Weg offenbart das wohlüberlegte B e ft r e b e n der flüchtenden Mörder, einmal jede Begegnung mit irgend­welchen Personen zu vermeiden und zum andern alle die Wirtshäuser und belebten Orte zu umgehen, an denen inzwischen etwa durch das Telephon bereits die Kunde von der Tat hingedrungen sein könnte. Gleich am Tatort sind die Mörder von der Fahrstraße durch dichtes Unterholz bergwärts geflüchtet, um nicht einem Straßenarbeiter zu begegnen, mit dem sie zuvor ge­sprochen hatten. Besonders chaakteristisch war jene Stelle am sogen. Brünneleweg, wo die beiden Täter in einen unvollendeten Sackweg abgebogen sind, um nicht mit mehreren Holzhauern zusammenzuftesfen. Aus den vordemonstrierten Sichtmöglichkeiten erhellt, daß die Mörder einige Schritte auf dem geradeaus führenden

Deutscher Reich.

* Berlin, 10. Juni. Das Reichskabinett hat im Einvernehmen mit der preußischen Regierung den Legationsrat v. M olt ke aus Oppeln und den Landrat Lukaschok zu Vertretern Teutjchlands in der ge­mischten Kommission für Oberschlesien ernannt.

* Der Fall Hermes. Der Umeisuchungsaus- schuß geaen Reichsminister Hermes wird am kommen­den Dienstag zu einer Sitzung zusammentreten, in der auch der Fall Augustin besprochen wird.

* Ein Disziplinargesetz für die Reichswehr. Wie die Blätter melden, ist der Entwurf eines Tns- ziplinargesetzes für die Wehrmacht dem Reichstage zugegangen. Das Gesetz überträgt einfache Be­strafungen in einem förmlichen Disziplinarverfahren besonderen Kammern, die mit Rechtssicherhei- ten ausgerüstet sind. Ferner sieht das Gesetz ein Disziplinarverfahren dem Beamtenrecht entsprechend vor, damit Soldaten wegen Unwürdigkeit ans der Wehrmacht entlassen werden können. Gleichzeitig soll auch über den Anspruch auf Versorgung ent­schieden werden.

* Angebliche Geheinmnweisnng an die Landwirt­schaft. Die „Freiheit" hat unser dem Titel „Hnnger- terror und Gesetzessabotage" „Richtlinien" verös- fentlicht, die angeblich den organisierten Landwirten mit der bindenden Verpflichtung zirgogcmgen sind, da­nach zu handeln. Die Amvoisungen richten sich gegen die Durchführung der Getreideumlage, faffls sie im kommenden Erntejahre nochmals beschlossen werden sollte. Hierzu veröffentlicht die „Kreuzzeitung" eine Zuschrift vom Reichstandbund, in der es heißt:

„Nach unseren Informationen sind diese Richtlinien weder von den landwirtschaftlichen Spitzenverbänden noch von ihren Provinzialorganisatwnen erlassen worden. Es handelt sich also um eine Fälschung mit der ausgesprochenen Absicht, vor den Reichstagsverhand­lungen über das Umlagegesetz die Leidenschaften noch­mals erneut aufzupeitschen."

Die „Freiheit" wird unter diesen Umstünden, wenn sie nicht den Vorwurf der Fälschung auf sich sitzen las­sen will, nähere Angaben über ihre Veröffentlichung imb deren Herkunft machen müssen. Bis dahin er­übrigt es sich, zu den angeblichen Richtlinien Stellung zu nehmen.

In der Anleihefrage läßt sich heute wenig neues sagen. Aus Paris liegt eine Meldung vor, wonach der Anieiheausfchuß in der Sitzung am Freitag zu der Schlußfolgerung gekommen sei, daß unter den gegen- roärtigen Umständen keine internationale An­leihe ausgegeben werden könne, durch die ein Tcü der Reparationszahlungen gedeckt werden sollte. Der Ausschuß werde sich voraussichtlich aus 3 Monate vertagen.

In Ueberemstimnmng mit dieser Notiz wird vom Pariser „Lournat de Debüts" berichtet, daß die Frei­tagssitzung der internationalen Anleihekommission vor­läufig die letzte gewesen sei.

Deo tatsächliche Eintritt einer Vertagung würde die hier wtz'derhott ausgesprochene Ansicht bestätigen, daß der wirtschaftliche und politische Beruhigungsprozeß und Heiluugszwozeß weitere Zeit und Geduld erfordert.

Bei dieser Entwicklung geht es ähnlich, wie bei ter Echternach er Springpwzchsion. Einige Schritte vor- roärts, daum wieder einige Schritte zurück. Das er­fordert viel Ciüsagungsgeist und Selbstzucht. Aber es kommt darauf an, ob die Schritte nach vorn in der Mehrzahl bleiben. Trotz aller Störungen und Rück- üchläge hat doch die Friedensstimmung sichtlich an Um­fang und Kraft gewonnen. Die Gewaltpolttiker werden mehr und mehr in die Defensive gedrängt. Sogar Pomcare und die französischen Rationalisten muffen mit dem wachsenden Friedensbedürfnis der Welt rechnen.

Die Ze ft hat also neuerdings zu unseren Gun- ften gearbeitet.

e

Wie das „Journal" mitteilt, reist der G a r a n t i e- »usschuß am kommenden Dienstag nach-Berlin. Es -begeben sich dorthin für Frankreich Maulclerc und Minoste, für England Kemball Cooc und Leith im Roß, für Italien DamÄw und Gratadio, für Belgien Bemetmcmn und Ferichs.

*

In Stuttgart, wo er zu Besuch weilt, behandelte Reichskanzler Dr. Wirth einige Fragen der äußeren und inneren Politik. Die Ge­fahren einer Reichszerstörung feien noch nicht gebannt. Die überwältigende Mehrheit des Bolles, von einigen armseligen Tröpfen abge­sehen, gehe mit der Regierung in dem Bestreben zusammen, die R e i ch s e i n h e i t zu wahren. Nur über die Methoden, nicht das Ziel werde gestritten. Notwendig sei es aber, das Bolk in demokratischem Ginne zusammenzubinden. Ein bitteres Unrecht sei es, daß die Besetzung der drei Rheinstädte noch nicht rückgängig gemacht worden sei. Man sei aber jetzt über die Atmosphäre hinaus, aus der die Sank- tionspolittk geboren sei. Auch in Genua habe die Reparationsfrage, wenn auch nicht offiziell, im Vordergründe gestanden. An dem englischen Ur­teil, daß Deutschland unter den Bedingungen des Londoner Ultimatums nicht kreditfähig sei, könne man auch in Paris nicht Vorbeigehen. A m e r i ka ntüfie zur Mitarbeit an den europäischen Proble­men herangezogen werden. Dazu sei Geduld Mtö opferfreudige Mitarbeit nötig.

Reichsminister R a t h e n a u erklärte, daß man setzt einen Schritt vorwärts gekommen sei auf dem Wege zur wirtschaftlichen Vernunft. Die weltwirt­schaftliche Verflochtenheit fei zum Erlebnis gewor­den. Auch im Haag sei Deutschland zu ehrlicher Mtt- und SBermittierarbeit bereit. Die Politik des letzten Jcchres fei nicht erfolglos gewesen. Eine Politik des Widerstandes hätte die Einheit von Reich und Bolk gefährdet. Der Zukunft Deutsch­lands würden aus der Jugend und der inneren Vertiefung neue Kräfte erwachsen.

Die Blücher-Richten.

17] -----------

Wenige Tage später war es, am 7. März. Da kam 6er Graf schon in der Morgenstunde in das Haus der Mutter gestürzt. „Das Unglaubliche ist wahr geworden. Napoleon ist aus Elba entflohen," rief er in höchster Erregung. ,chenf nacht ist die Nachricht eingetroffen. Ich mutz gegen Abend mit Depeschen zur Armee!"

Sie hat ihre Arme zärttich um die beiden Schultern des Sohnes gelegt. „Der Unselige! Reuen Krieg wird er über Europa herausbeschwören!"

„Pah, Mama, man wird ihn halt gefangen nehmen, sobald er das Festland betritt. Ich zweifle nicht daran. Ader das ist mir gleichgültig — Luise will ich sehen und sprechen!"

„3d) erwartete nichts andres. Gestern abend ist übri­gens die Mutter eingetroffen — sie ist bei ihr. Ganz gefaßt."

„Mama, es eilt!"

„So warte hier — und erschrick nicht allzusehr."

Sie hatten so oft und so viel über Luise und ihr Aus­sehen und all ihre Furcht und Sorge gesprochen, daß er hätte ruhig bleiben sollen. Aber nun, unmittelbar vor dem Wiederschauen, überfiel ihn eine herzbeklemmende Angst. Wohl war er seiner selbst sicher. Doch, während er, von Unruhe gepeitscht, im Zimmer auf und ob schritt, fant immer wieder die Frage: „Wie wird die liebe Arme, Aermste aussehen? Ist wirklich all ihre Schönheit hin, zerstört? Zerstört in einem grausamen Augenblick!" Er sah sie wieder vor sich, prangend im duftigen Tanzkleide mit dem entblößten schneeigen Halse; das Gesicht in blühender Iugenbfrifche — das Gesicht — dies geliebte Gesicht —

Die gute, gütige Mama stand in der Tür: „Komm!" sagte sie leise. Und wie er sich wandte, legte sie noch einmal die Arme um seine Schulter: „Es wird ihr so schwer, Franz . . -"

Luise sitzt in einem tiefen Lehnstuhl, neben ihr stand ihre Mutter, lieber die verletzte Gesichtshälfte hatten

«sie Schleierhülle gezogen. Hoch oben

im Haar war sie mit einer Agraffe der Gräfin festgesteckt, unten am Halse verlief sie in einem Spitzentuch.

Sie saß tiefgebeugt. Als der Geliebte eintrat, schreckte sie auf, hob die Arme ihm entgegen, ließ sie gleich wie­der sinken. Wie hoffnungslos, mit einem leisen, zittern­den Wehlaut.

Er stürzte ihr zu Füßen, riß ihre Hände an sich, bedeckte sie mit heißen Küsten. Richtete sich auf, strei­chelte sanft ihre linke Wange, sttich ihr über das schöne Haar. Sagte bann, leise und zärtlich: „Meine liebe, liebe Luise! Wie mußt du gelitten haben .. ." Und noch einmal: „Du liebe, liebe Lüste!"

Wieder war sie in sich zusammengesunken, duldete seine Zärtlichkeit, aber erwiderte kein Wort, lehnte den Kopf matt an einen der beiden Seitenflügel des tiefen Stuhls.

Es war, als kämpfe fie einen schweren inneren Kampf.

Bis sie plötzlich jach rief: „Du sollst dich nicht täuschen. Ich will dich nicht täuschen. Du mußt es sehen!"

Und sie riß den mitleidsvollen Schleier herab —

Er taumelte zurück. Trotz aller Vorbereitung, ttotz aller Selbstbeherrschung stöhnte er schwer auf.

Die beiden Mütter eilten, die schützende Hülle wieder zu ordnen. Die Hände der Gräfin bebten, und der harten Frau von Giese rannen die schweren Tränen über die Wangen. Sie küßte die Tochter auf die Stirn, flüsterte: „Mein Sorgenkind —"

Schon aber hat sich Franz Martinez gefaßt. Er lächett.

Er kann lächeln —

Ganz ruhig zieht er sich einen Sessel heran, setzt sich dicht neben Luise, nimmt wieder ihre Hand. Sie will ihm wehren, sie sagt mit schier verlöschender Stimme: „Ich sah, wie du schaudertest."

„Ich erschrak, Geliebte. Konnte es halt anders sein? Latz mir deine liebe Hand! Um dich erschrak ich, nicht für mich. Schau, wir rnüffen beide ganz ruhig sein. Schau, ich kann lächeln! Was ist denn geschehen? Du lebst doch — und wir haben uns lieb. Ist. denn das nicht das Schönste und Beste, ein Gnadengeschenk vom

Himmel?! Die rechte, echte Liebe kann uns nichts rau­ben, meine Luise. Nichts — nichts! Das wahre Gluck ruht in den Herzen, darf nicht am Aeußerlichen hängen. So fest ich hier deine Hand halte, jo fest gewurzelt lebt meine Liebe zu dir!"

Weit beugt sie sich vor. Aber sie schüttelt den Kops. „Es ist schön, wie du sprichst," sagt sie traurig. „Ich danke dir. Aber du irrst, Franz. Das Mitleid betrügt dich. Kurze Zeit — und du wirst wieder erschauern .. . wie vorhin . . .

„Nein! Nein, nein! Einmal tonnt* ich schwach sein. Nie wieder. Vertraue mir, Luise, glaube mir. Glaube mir. Glaube auch das: die Wunde wird verharschen, langsam vielleicht, aber gewiß. Und wenn sie bliebe: was wär's? Ein Erinnerungszeichen an den größten Glücksabend meines Lebens! Erinnere dich, wie wir beieinandersaßen, wie wir fühlten, daß wir uns liebten. S)ab' ich dich nicht aus den Flammen getragen? Ja . . .damit wurdest du mein! Mein! Mein feelifches Eigen .

„Luise ... ich liebe dich. Ich werde dich immer lieben! Es gibt nichts, was uns trennen kann. Schau, ich muß heut, in wenigen Stunden hinaus, vielleicht in einen neuen Krieg. Napoleon ist entflohen. Wir wer­den getrennt fein, vielleicht auf lange Zeit. Aber dein Bild zieht im Herzen mit mir. Grad dein Bild, wie ich dich jetzt sehe. Das soll mit mir sein, das werd' ich festhalten. Aber dazu sollst du mir die Gewißheit ge­ben, daß du nicht an mir zweifelst! Daß du mich so liebst, jetzt und immer, wie ich dich liebe. Jetzt und immer! Sag's mir, Luise, gib es mir mit auf den Weg!"

Langsam hatte sie sich aufgerichtet, den Kaps geho­ben, sah ihn an. Legte ihre Hände auf seine Schultern, flüsterte__ es war nur wie ein Hauch: „Immer werd'

ich dich lieben, Franz ... du Guter ... du Bester."

' Die Lore, das Porzellanpüppchen, hatte schwere Tage. Auf der langen Fahrt nach Berlin — es ging zwar ziemlich schnell, denn sie fuhren im Gefolge des Fur- sten, und für den war üverall Pferdewechsel gelegt —

t hat fie gesonnen und gesonnen: „bekenn^ du nun Mamq

ober bekennst du jetzt nicht? Einmal muß es doch ge­schehen, aber ist es jetzt tlug? Soll ich lieber noch ein bißl warten?" Eigentlich hätt' sie's gern noch ein wenig auf die lange Bank geschoben, wie sie's sonst liebte; hätte dem Zufall und einer kommenden Glücksstundc vertraut. Aber dann brannte es ihr wieder auf der Seele und im Herzen, und sie war auch oder dünkte sich ein wohlerzogenes Mädchen und zudem eine richtige junge Dame, die wußte, was sich schickte — wie die Lore das eben verstand.

Also hat sie, ein paar Stunden nach der Ankunft in Berlin, das junge Herz in beide Hände genommen und ist zur Frau Mutter gegangen. Die ist eigentlich ziem» lich weich gesttmmt gewesen; die arge Nachricht über Luise hatte sie doch sehr beunruhigt. Aber sie mar mitten im Packen und voll von Sorgen über ihre Reise nach Wien. Als daher das Töcksiig eintrat, hat sie nur flüchtig vom Koffersack aufgefehen und so obenhin ge- fragt: „Was foll's denn? Stör' mich nicht."

Darauf hat die Lore das Herz noch fester in die Hände genommen und gesagt: „Gnädige Frau Mama . .'. ich muß Ihnen berichten . . . daß ich mich ver­lobt hab'."

Hat die Mutter laut ausgelacht: „Du alberner Kindskopf! Mit wem denn? Wohl mit einem von den Stalljungen aus Krieblowitz?"

„Die Frau Mama möge verzeihen. Nein — mit dem Herrn Baron von Saufe." Das klang schon ein wenig trotzig. „Alexander von Bause!"

Hat die Frau Mutter wieder aufgelacht: „Scheint, daß der dir nette Fladusen eingeblasen hat! Raupen! dem Mösjö sollt' man den Kopf waschen, aber gründ­lich. Dir erst recht, du alberne Liese!"

Das Blut ist der Lore ins Gesicht gejagt, bis unter die blonden Stirnlocken. „Erlauben die Frau Mutter. Wir haben uns ganz ernstlich und in Ehren verlobt. Haben uns auch geküßt! Jawohl, geküßt!"

Hat die Mutter das nächste, was sie einpacken wollte, und grab in der Hand hatte, einen dicken, flanellenen Unterrock, nach der Lore geworfen und gerufen: „Scher dich raus, du Gans!" Du Gans, wahrhaft!-

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