FuldaerZeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.
Nr. 119.
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Mittwoch, 24. Mai 1922.
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49. Zahrg.
Re Hoffnung auf die AirlMMeihe.
Die Berichterstattung des Reichskanzlers.
Dor den Debatten in der französ. Kammer. — Reparationsverhandlirngen.
Von gutlmterrichteter Seite erhalten mir folgende Informationen:
Am Sonntag ift Reichskanzler Dr. Wirch aus Genua in die Reichsh auptftadt wieder zurückgekehrt. Lnfolgedefsen hat das Kabinett feine Beratungen über die auswärtige Lage sofort ausgenommen, nm den Bericht des Reichskanzlers zu hören. Nachdem bereits am Montag vormittag eine Kabinettssitzung jtocktgesunden hatte, wurden die Verhandlmrgen nach kurzer Unterbrechung der Sitzung am Nachmittage wieder ausgenommen und fortgesetzt. Wann fcer Reichskanzler sowohl die grat turnen als auch die gesetzgebenden Körperschaften über dm Gang der Verhandlungen in Genua in Kenntnis fetzen wird, ist zurzeit noch un- «ewiß. Dispositionen nach dieser Richtung hin sind noch nicht getroffen. In parlamentarischen Kreisen rechnet man jedoch mit der Möglichkeit, daß zummindesten eine Berichterstattung vor den Fraktionen durch den Herrn Reichskanzler im Laufe des Dienstag erfolgen wird.
In diesem Falle würde ein Zusammentritt des Auswärtigen Ausschusses am Mittwoch möglich sein. Die Wahrscheinlichkeit für eine solche Beschleunigung der Berichterstattung ist jedoch gering und dies umsomehr, als der Auswärirge Ausschuß sich außer mit den Vorgängen auf der Konferenz von Genua auch noch mit der Vorlage üßtr die Regelung der oberschlesischen Verhältnisse besassen fall. Düse Vorlage ist zurzeit jedoch noch nicht einmal endgültig fertig gestellt.
Was die in Aussicht stehenden Plenarvcrhand- lungendesReichslagesüberdieGenue- fer Konferenz betrifft, fo steht fest, daß sie nicht eher ftattslnbm werden, als bis der ReichskanAer feine Mitteilungen vor dem Auswärtigen Ausschuß gewacht hat. Demnach wäre im günstigsten Falle die große Aussprache iffT Reichstage amEndedieserWoche zu erwarten.
Es ist jedoch wahrscheinlich, daß die großen Debatten erst im Laufe der nächsten Woche stattfinden werden. Zurzeit sicht im Mittelpunkt der parlamentarischen Betrachtungen und des parlamentari. scheu Interesses die Frage, ob es uns gelingen wird, dm Weg für eine auswärtige Anleihe zu ebwen und eine solche in absehbarer Zeit flüssig zu machen. Gehen die Meinungen hierüber auch noch auseinander, so trifft man doch mehr optirmftitoe als pessrmtstlsche Auffassungen.
^ Näheres über diese Dinge wird erst dann zu erfahren fem, wenn der zurzeit in Paris weilende Reich rfpnanz Minister nach Berlin zu- ruckgekehrt ist. Mit seiner Rückkehr wird für die Mitte dieser Woche gerechnet.
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lieber bie Rolle D eu t sch la n d s in Genua schreibt ein Beobachter, der nicht der Zentrumspartei angehört, Theodor Wolff, der Leiter des liberalen „Berl. Tageßl.", auf der Heimfahrt folgendes:
»Jeder, der an den Ereignissen teSßenommen hat und sich durch Pmteigeist nicht verwirren läßt, muß konstatieren, daß in Genua das politische Prestige Deutschlands außerordentlich gewachsen ist ... Die deutsche Führung in Genua zeigte, ohne die deutsche Zukunft durch einen Mangel an Ueberlegung und Umsicht zu lomprimittieren, das richtige Maß fester Selbstsicherheit. Sie gew-rm. obgleich sie durch den Abschluß des Russenoertrages die Wünsche der anderen durchkreuzen mußte, Vertrauen unb sie gewann Respekt."
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Heber den Reichskanzler selbst sagt Wolff:
„Niemand in Genua leugnete, daß Wirth durch die unverschrobene Klughest seines Urteils, die solide Festigkeit seines Auftretens und die Zuverlässigkeit fernes Wesens täglich mehr Ansehen und Sympathie gewann. Die von manchem gehegten Bedenken, der Reichskanzler würde "in der internationalen Gesellschaft und aus dem fremden Boden zu sehr als Fremdling erscheinen, erwies sich als total irrig, und gerade seine herzhafte Md doch durch stetige Ueberlegung beherrschte Natiirlichkeft fand Wege, die eine glatte Geschmeidigkeit vergeblich sucht."
Diese Zeugnisse werden durch die Gesamtheit der bekannt gewordenen Tatsachen bestätigt. So begreift man, daß unsere Regierung mit den Wirkungen von Genua, soweit sie die deutschen Interessen berühren, sehr zufrieden sein kann, wenngleich sie im Interesse von Europa mehr unmittelbare Fruchte der Konferenz gewünscht hat. Was noch fehlt, kann und muß nachgeholt werden auf weiteren Konferenzen.
Wenn nur das Parteitreiben nicht wieder verdirbt, was bisher errungen worden ist!
' Die Reparationsverhandlungen.
Meldungen mehrerer Blätter aus Paris zufolge nehmen die Besprechungen des Reichsfinanzmini- sters Dr. H e r m e s mit der Reparationskommission einen günstigen Verlauf. So seien nach einer Meldung der „Voss. Ztg." die italiemfchen Delegierten in der Rsparationskommisfion davon überzeugt, daß sine Einigung zwischen Deutschland und der Kommission zustande kommen werde.
Die französische Lämmer trat das Dort.
Der Kammer in Paris trerben bei ihrer am Dienstag beginnenden Tagung 11 Interpellationen für auswärtige Politik vor- liegen. Ob diese am Dienstag nodj zur Behandlung kommen, ist noch nicht bekannt.
Deutscher Reichstag.
Dis vielerlei Sorgen um die Drokversorguag.
Der Ernährungsminister nahm zu Beginn der Montag sfitzung noch einmal das Wort zu wusführlicheven Darlegungen tMb eröffnete damit vom neuem die bereits beendete Aussprache über die allgemeine Debatte des Er- nährMgsetats. Es ging dabei in erster Linie um die künftige Brotversorgung. Hier war dem Minister von den Parteien der Vorwurf gemacht worden, er habe sich über die Brotverforgumg nicht deutlich genug ausgesprochen. Und auch die Presse hatte diesen Mange! feiner Rede her- vorgrchoben. Hierdurch veranlaßt geht der Minister auf diese Materie näher ein. Er kündigt die Vorlage eines Entwurfs über die Brvtverforgnng an, die in nächster Zeit dem Reichstag zugehm werde; sie liegt beretts im ReftrenteneniMÄf vor nnö ift mit ibenr Landesregierungen durchberaten. Nach diesem Gesetz soll eine dem vorjährigen entsprechende Menge Brotgcfreibe, also 21-
Millionen Tonnen Bi-otgelreide in öffentliche Hand gebracht meeben. Die Lmrdwittschaft soll für diese Menge die Er- zsugungskosten und dazu einen angemessenen Gewinn er« haften. Mit dieser Maßnahme will die Regierung die Brotversorgung zu erträglichen Preisen sicherstellen. Wenn bas Ministerium im vergangenen Jahre auf dem Standpunkt gestanden habe, die vorjährige Getreideumiage solle die letzte Zwangsmaßregel gegen die Lsnidwittschaft gewesen sein, fo fei dies nur unter der Vomusfitzung geschehen, daß sich die Wirtschaftslage nicht weiter verschlechtere. Diese Voraussetzung fei nicht eingetroffen. Dem Wunsche des Ministers, die Landwirtschast möge bei der BrotvechorMNg verständnisvolle Einsicht zeigsn, wird sich ein jeder anschMen können. Hoffentlich gelingt es nicht gewissen Leuten, die Landwirte zu Handlungen zu bewegen,
die vor Recht und chrffklichem Gewiffen nicht bestehen tön- n,en. War die Debatte durch den Minister wiederum er- öffnet, so schickten die Parteien zum zweiten Mole ihre Redner vor. Dabei wurde noch einmal die gesamte Er- nährungslage einer Besprechung unterzogen; praktisch gefördert wurden die Dinge kaum. Der deutschnationale Abg. Hammer zieht vornehmlich gegen den Zuckerwucher los und findet dabei dieses Mol auch Zustimmung bis in die sozialistischen Kreise. Diese fordern die Beschlagnahme des Zuckers. Ein Vertreter des Ministeriums wendet sich dagegen. Er ist der Meinung, baff nur die Freigabe der Ernftchr Helsen könne. So geht die Debatte noch eine Zeitlang hin und wieder. Auch der Münster greift noch einmal ein. I ,
Dann schließt sich die Einzelberatung an, bis das Er- nährungsmimsterium abgelöst wird durch die Beratung des Haushalts über das Reichswirtschaftsmini st e- rimms. Reichsw irtschastsmln ist er Schmidt ift selbst zur Stelle; er ist bereits einen Tag früher als die übrige Delegation ans Genua zmückgekehtt. Sn vorgerückter Rach- mitdagsstunde leitet er selbst in längerer Rede die Beratungen über seinen Etat ein. Es wird im Reichstage bei schlechtem Besuch und nicht übermäßig großem Interesse mit reichlich viel Umständlichkeit gearbeitet. Man will durchaus in der ursprünglich beabsichtigten Frist. Mo bis Ende Mai, mit dem Etat fettig werden. Aus diesem Grumte sind Sange Sitzungen vom frühen Bormittag bis späten Abend.
Um halb 7 Uhr vertagte man die Weiterberatung auf Dienstag.
Preußischer Landtag.
Immer noch firitif am Rlchlerskoud.
Der preußische Landtag zeigt in seiner Monlagsitzmig ein überaus ruhiges Bild. Man fährt mit der Tagesordnung des letzten Samstags fort und behandelt neben dem Justizhaushalt zwei Anfragen, eine wegen der Klageerhebung von Staatsanwälten wegen Landsriedens- brrch gegen Personen,, die an Kundgebungen zum Schutze de« Republik teilgenommen haben, die ar-jbere wegen der Verurteilung von Angehörigen der sozialistischen Partei in Magdeburg gleichfÄls wegen Landfriedensbruch.,
Der Demokrat Dr. Berndl führt, nacktem Minister Am Zehnhoss kurz gegen einige Ausfichmmgen dos Abg. Kr:tt- ner vom letzten Samstag protefttett hatte, in fernen Darlegungen den Standpunkt der Demokraten dem Hause vor Äugen. Auch er unterstreicht es, daß in Dels die Richter dazu ihr Amt mißbraucht hätten, ton mit der Abfassung des Urteils den Text für ein dsritsch- ntoionales Flugblatt zu schreiben; da wäre die Einleitung eines Disziplinarverfahrens unbedingt nötig. Die Stelle eines Präsidenten des Kammergerichts dürfe nicht wieder mit einem Reaktionär besetzt werdenp nachdem der jetzige Präsident fernen Abschied genommen habe.
Nachdem die Redner der radikalen Linken sich noch ausgetobt hatten, erfolgte V-ttagung auf Dienstag.
Die Abfindung der Hohenzollern.
Der amtliche Preußische Pressedienst tritt den Behauptungen einer sozialdemokratischen Parlaments- korrespondenz und der „Frecheft" über die Abfindung der Hchenzollern entgegen, wonach eine Uebenoeifung von 200 Millionen Mark nach Doorn an den früheren Kaiser beabsichtigt sei mrd die Eigentums- an'prüche der Hohen,zaLern unter Umgehung des Parlaments geregelt werden sollen.
Der preußische Finanzminister wird seine Anträge in ter Angelegeicheft an das Staatsministevium richten, teffen Sache es dann fein wird, sich über die weitere Behandlung der Angelegenheit und über eine Vorlage an den Landtag, über die der Staatsrat vorher zu hören ift, schlüssig zu werden. Die preuhffche Landtagsfraktion der U.S.P. hat trotzdem die Angelegenheit zum Gegen st andeinergroßenAnfrage an die Staatsregierung gemacht, in der gefragt wird, wie hoch sich die Gesamtsumme der dm Hohenzollern gemachten Zuwendungen belaufen, und wie hoch der Gefamtbesitzstand zu bewerten fei, aus den die Hohen- zoölem glauben Ansprüche erhebm zu dürfen. In der Anfrage wird gefordert, daß ein Gesetz geschaffen werde, das die Ansprüche der Hohenzollern für null und nichtig erklärt.
Die SiScher-Nichten.
Roman von Hanns v. Zobeltitz.
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Er hat sich auf die Lippen gebissen, hat ein paar Momente mit der Antwort gezögert. Hat dann gesagt: .Wir wollen doch ruhig bleiben, Frau von Giese, wollen •*rftänbig miteinander reden —"
„Ich red' ganz verständig, glaub’ ich."
„Also, Frau Muhme: fünfe sind's. Und ver Kadett. Die Zeiten sind schwer. Sie könnten doch, weiß Gott, froh sein, so eines von den fünf Mädchen aus dem Hause tarne, in eine gute Assiette und kriegte einen honetten Mann, und Sie wären ein Stück Sorge los. Die Männer wachsen heut nicht wie die Aeppel auf den Väumecken, die, die wirklich heiraten wollen. Ob da die Aefteste oder die Jüngste oder eine aus der Mitte zuerst rantommt, ist doch ganz egal. So sie nur glücklich wird. Also, liebe Frau Muhme, überlegen Sie ’s —"
--2ch brauch' nichts zu überlegen."
„Es wird Sie gereuen."
„Das wird's nicht."
„Der Herr von Neblitz wird selber kommen, sich präsentieren."
„Ist gar nicht vonnöten. Ich laß nicht manschen mtter meine Töchtings Kommt einer, der mir paßt, und er will die Luise, meine Aelteste, so werd' ich nicht Nein sagen."
„Also, Frau Muhme, die Kinder selber wollen Sie gar nicht befragen."
„Gibt's bei mir nicht. Mein Herr Vater selig hat mich auch nicht gefragt."
„Aber wenn solch ein Mädelchen nun verliebt ist? Bis über die Ohren verliebt, sozusagen?"
„Ach was! Die Liebe . . . die kommt schon in der Ehe. Und so sie nicht kommt, wie solche dummen Dinger sie träumen, geht es auch. Es muß gehen."
Hat der Alte den Kopf geschüttelt. Was für eine rabiate Frau! Die als Schwiegermutter: das muß auch schön sein. Und war doch eine tüchtige brave Frau, hatte sich immer durchgeschlagen, hatte überall Respekt gewon- Pen. Du mein Himmel: aber ein Starrkopf, ein Starr»
köpf! Könnt' mit dem Eisenffesser, dem Dort, einen Strang ziehen.
„Also, gnädigste Frau Muhme, ich soll gehen, so ich recht verstanden, und dem Herrn von Neblitz sagen, daß er vergeblich gehofft hat?" sagt er endlich, nun ganz förmlich, hat den Säbel an die Hüfte gezogen und hebt den Hut auf.
„Ist nicht anders. Und bleibt mir nur. Euer Durchlaucht zu danken für die Ehre —"
„Nicht vonnöten," sagt er. Küßt der Frau von Giese, wieder ganz förmlich, die Hand. Fügt bann noch, recht von Herzen, hinzu: „Tut mir bitter leid ... um des lieben Fiekchens willen . . ." Und geht. Geschlagen der Sieger von her Katzbach, von Möckern und Paris. Der Marschall Vorwärts, der Fürst von Wahl- ftatt.
Sie, die Frau von Giese, aber steht und horcht, bis die Flurtür zugeschlagen. Und bann ruft sie: „Sophie! Sophie!"
Lang ist die Rede mit dem Kinde nicht gewesen, ganz kurz vielmehr. Hat dem Fiekchen nur eine knappe Strafpredigt gehalten, daß sie sich jegliche Techtelmechtelei verbäte, und was sie dem Herrn Feldmarschall, Durch- laucht, der um sie als Fürsprecher des Herrn Hauptmann von Neblitz gekommen, erklärt. Hat das Fiekchen geschluckt und geschluchzt, hat große dicke Tränen in den Kornblumenaugen gehabt. Aber als die Frau Mutter am End streng gefragt: „Hast gut verstanden," hat sie den aschblonden Kopf tief gesenkt und die Hand geküßt.
Sind halt gut erzogene Kinder gewesen, die Giese- mäbels . . ., haben immer aufs Wort parieren gelernt.
Drinnen aber, in dem langen kahlen Hofzimmer» wo die fünf schmalen Mädchenbetten nebeneinander standen wie in einer Kaserne, immer nur mit einem engen Gang zwischen zweien, hat sich das Fiekchen auf ihr Bett geworfen, hat in das Kopfkissen gebissen und bitterlich geweint. Die vier Schwestern haben um sie gestanden und trösten wollen. Doch das machte die Tränen nicht versiegen. Bis die Julie sich beugte, ihre beiden Hände nahm und leise und schmerzlich flüsterte: „Armes Fiekchen ... ich weiß, wie es tut . . ." Da hat sie sich aufgerichtet und ist der Schwester um den Hals gefallen,
hat sie zärtlich an sich gerissen, sie geküßt, wieder und wieder . . .
Das ist für die Giefe ein ereignisreicher Tag gewesen, Sonntag, der 29. Januar Anno 1818.
Am Mittagstisch haben zwar Mutter und Töchter recht wenig oder gar keinen Appetit gehabt. Nur- Kurt, der Kadett, der auf Urlaub gekommen war, hat feste zugehauen, ttotzdem die Rüben etwas angebrannt schmeckten; aber da die andern wenig aßen, konnte er sich nachher an dem Speckeierkuchen für feinen Kadettenmagen etwas übriges antun. Die Frau Majorin präsidierte mit säuerlichem Gesicht. So recht wohl war ihr doch nicht im Sinn. Dachte: hast am End' den Feld- marschall, Durchlaucht, erzffrnt; warst wieder einmal zu heftig und zu hastig, wie es dir der gute Giese oft genug und immer vergebens vorgeholten. Doch "man kann eben nichts gegen sein Temperament, so das durchgehen und Purzelbäume schlagen will. Gott sei mein Zeuge: erzürnen wollt' ich den Alten nicht, der so viel für uns getan.
Das war das eine. Aber zum andern haben auch die Mädels sie chokiert. Saßen da wie die Oelgötzen, konnten die Mäuler nicht austun,, nicht zum Schwatzen, nicht zum Essen. Und plapperten doch sonst wie die Spatzen und hatten alle miteinander gesunden Hunger. Mit Ausnahme etwa von der Julie, die immer nur naschte, als ob sie ein Kanarienmatz wäre. Das dumme Ding wollte und konnte nicht begreifen, daß verloren — verloren ist, und der Mensch sich wieder zurecht finden muß. Muh! Zurechtfinden muß sich das Fiekchen auch und wird's. Tut weh, natürlich. Kann einem atyfj leid sein. Armes Mädel... ich muß aber eben Verstand für alle haben. Und laut sagt sie: „Fiekchen, mein Liebling, nimm doch noch ein Stückchen Eier- kuchen. Kurt, schieb Sophie mal hie Schüssel hin!"
Der Kadett schwadronierte für alle. Seit er erfahren, wer heut' im Hause war, ist er Feuer und Fett gewesen. Welch eine Ehre: Seine Durchlaucht der Fürst von Wahlstatt! „Wißt ihr denn, wonach Seine Majestät ihm den schönsten Titel verliehen? Ist nach dem Kloster Wahlstatt an der Katzbach geschehen. An der Katzbach, versteht ihr, wo der Marschall Vorwärts ja die schönste feiner Schlachten geschlagen hat. In voller
Deutsche; Reich.
* Die Nachfolge in der Oberpräsidknifchast der Rheinprovinz. Rach dem Tode des kürzlich verstorbe- iren Ober präfiten tert der Rheinprovmz von Groot« stehti die Neubesetzung des cheinifchen Oberpräsidiums dem-! nächst zu erwarten. Wie wir hören, gelten als aus-! sichts reiche Kandidaten für diesen Posten der Reichs-, kommisfar für das besetzte Gebiet Staatssekretär Dr/ Brügger, der Regierungspräsident von Trier, Fuchs und der Reichstagsabg. Geheimrat von G u e r a r d. Die drei genannten Herren gehören ihrer politischen Richtung nach dem Zentrum an oder stehen! ihm doch politisch sehr nahe.
* Die oüerschlesischen Liquidationen. Die Siqui*; dationskommission in Posen, die auf gründ des Versailler Vertrages ihre Tätigkeit ausübt, hat 10 deutschen Eigentümern mitgeteilt, daß sie bis zürn 10. Juli auf dem Liquidation-wege ihre Güter zu verkaufen haben.
* Die Wiener Senget beim Reichsprösidenken. Der Reichspräsident empfing am Montag den Wiener' Männergesangverein zum Tee im Garten seines Hauses und hielt eine Ansprache, die mit den Worten schloß: „Möge Ihr Besuch das uns umschließende Band fester knüpfen und zeigen, daß wff als Träger deutscher Kultur und Arbeft und Kunst weiter zusammen den $ßeg, gehen wollen, der durch das Dunkel der Gegenwart uns einer schöneren Zukunft entgegenführt." Der Prä-' sident des Vereins Kmeckl dankte namens der Wiener Sänger dem Reichspräsidenten für das freundliche Willkommen, indem er darauf hinw-res, daß sie, seitdem sie in Deutschland reisen, viel mutiger geworden seien in ihren Nöten, denn überall fetze deutsche Arbeit, deutscher Fleiß und deutsche Kultur ein. Der Redner Sß mit den Worten eines österreichischen Dichters:
und Eisen mögen trennen, was im tiefsten Wesen gleich, aber freie Geister kennen keine künftlich-ird'schen Schranken uich im Reiche der Gedanken sind mir doch ein Volk und Reich. Die Reden wurden mit Bcisakl aufgenommen, worauf die Wiener Sänger noch einige Darbietungen ihrer Kunst gaben.
(w) Konferenz der Preisprüfungsskellen. Einer Blättermeldung aus Breslau zufolge wird am 23. und 24. Mai das Reichswirkschaftsministerium in Breslau eine Konferenz der Preisprüfungsstellen des Reiches, der Länder, der Provinzen und der Bezirke, abharten . Es sollen die Fragen der Preisprüfung und -der Wucherbekämpfung behandelt werden.
Ausland.
* Ter erste österreichische Bundeskanzler, Dr. Michael Mayr, der nach Staatskanzler Renner die Regierung übernahm und der Vorgänger Schobers war, ist am Montag im 59. Lebensjahr durch einen Schlaganfall verstorben. Es war bereites zwischen den Christlichsozialen und den Großdeutschen vereinbart, ihn an die Spitze der neuen Regierung zu fetzen, die Schober ablöfen follte.
Hus dem besetzten Gebiet.
• „Der kleine Grenzverkehr". Dos Landesfinanz, amt in Zwei brücken hat angeordnet, daß im kleinen Grenzverkehr beim jedesmaligen Ueberschreiten der Grenze höchstens 1 000 Mark Geld mitgenommen werden darf. Innerhalb eines Monats dürfen Höch. stenS 3000 Mark mitgenommen werden.
Äns der Zentrumrpartei.
b. Reichrausschutztagung der Zentrumspartei. Der Vor- stand und der Reichsausschuß der Deutschen Zentrumspartei wird in den Tagen vom 23. bis zum 25. Juni in Berlin zu einer Tagung zusammentreten.
Galaunform ist er hier gewesen? Kam also wohl von der Sonntagsparole. Denn er ist ja so einfach. Gestern hat ihn mein Kamerad Schulenburg in feinem blauen Rock Unter den Linden gesehen, mit der dampfenden Pfeife im Munde — den Fürsten! Und den Schimmel ' hat er heut geritten? Hat der denn noch Schweif und Mahne? Die meisten sollen dem Gaul ja die Berlinerinnen als Andenken ausgerupft haben. Schade, ewig schade, daß ich grab heut' eine Stunde später gekommen bin —*
Zum Nachmittag hatte sich Frau von Dachroeden ansagen taffen.
Frau von Giese hat wenig Verkehr in Berlin gehabt. Spottwenig, denn die Mittel waren gar zu knapp, reichten selbst für die bescheidenste Geselligkeit nichts Aber ein paar Bekannte aus früherer Zeit sind doch, dann und wann, in die Mansardenwohnung der Breiten- ' straße hinausgestiegen. Ist auch hinzugekommen, daß die wunderschönen, feinen Handarbeiten der Giesemäd- chen sich Ruf erworben hatten. Es fehlte nicht an Käuferinnen für die Perlenstickereien und die Häkeleien, für durchbrochene Guipüre und Einsätze. „Arbeit schändet nimmer,“ meinte die Mutier und hielt die Töchter raftlos zum Fleiß an. Manch vornehme Dame zahlte' wohl auch aus Mitgefühl besonders gut, denn man wußte, bafj die Gieses sich mühsam durchs teuere Leben schlagen müßten, und freute sich dabei, daß die schönen Mädchen trotzdem allezeit heiter und guter Dinge waren.
Auch Frau von Dachroeden ist zuerst als Käuferin gekommen. Aber aus dem geschäftlichen Verkehr ist allmählich eine Freundschaft geworden. Die junge Frau konnte stundenlang im Kreise der Giesekinder sitzen, und, heiter wie sie selber, mit ihnen schwatzen und lachen. Mama Giese sah sie gern: war sie doch eine sehr wohlhabende Frau und dazu die Schwägerin des preußischen Herrn Staatsministers, Exzellenz Wilhelm von Humboldt, der draußen in Tegel das schöne Schlößchem besaß, zu dem man in Sommertagen wohl einmal mit; dem Kremser hinauspilgerte, um sich all die Statuen und Kuriositäten anzuschauen, die der glückliche Besitz«, in der Zeit, da er in Rom Gesandter war, an dem Tiber gesammelt.
(Fortsetzung folgt)