FuldaerZeitung
Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Lkadk Fulda.
49. Zahrg.
Nr. 87
Sreitag, 14. April 1922
Rarfteitagrgedanken.
Gj war vor etwa 2500 Jahren. Da saß ein Volk „an den Wassern Babylons und weinte" in der bittersten Not der Gefangenschaft. Und in der Heimat, auf den Trümmern Jerusalems, saß ein Greis und sang seine Klagelieder über die glorreiche Vergangenheit, über Söhne und Töchter, die man weggeführt, über die Jungfrauen, die man geschändet, über die Mütter, die man getötet und über die Kinder und Frauen, die man als Sklaven weggeführt hatte. Und diese Lieder des Greises Jere- iniäss denn er war es, die klingen heute am Karfreitag uns Deutschen ganz besonders sympathisch. Sind wir nicht in derselben Lage wie die Volksgenossen des Sängers?
Auch wir sind Sklaven, Gefangene im eigenen Lande, unsere Söhne hat man erschlagen und unsere Kinder rufen nach Brot. — Doch wie die Hoffnung auf den kommenden Erlöser die israelitischen Gefangenen aufrecht erhielt und wie sich endlich ihre Hoffnung, wenn auch nach langem Warten, erfüllte, so muß auch uns nach dem Karfreitag ein Ostersonntag folgen. Durch Leid zu Freud! Das Leid muß uns läutern, wie Gold in Feuersglut. Wir müssen wieder die vergessenen und vernach- tlässigten Grundsätze des Christentums in die Praxis Pmfetzen, den Grundsätzen der Menschlichkeit, der christlichen Nächstenliebe und der Gerechtigkeit wieder Geltung verschaffen, und dem Gekreuzigten wieder jenen Platz in unferm Herz, in der Familie und im Staate einräumen, der ihm gebührt. Dann können wir hoffen, daß wir als Volk mit ihm und durch ihn einmal den glücklichen Ostertag erleben, der uns wieder jenes innere und äußere Glück verleiht, nach dem wir uns alle so sehnen.
Aber st a r k und m u t i g müssen wir mit dem erhabenen Vorbild, dem Gekreuzigten, unser schweres Leid tragen, nicht in stummer Verzweiflung und tatenloser Resignation, nein, durch Arbeit und rastloses und ehrliches Streben, mit allen erlaubten Mitteln, ohne Voreingenommenheit und Leidenschaft, müssen wir versuchen, der Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen. Dabei dürfen wir eines nicht vergessen: „Ein Volk, das nicht mehr hoffen kann, ist verloren!" Hoffen müssen wir» und mag es uns manchmal noch so hart ankommen. Mögen Rückschläge schlimmster Art uns treffen, ja mag es sogar scheinen, als ob alles verloren sei — es ist nicht alles verloren, es wird wieder einmal besser werden.
Unser Volk ist krank, sehr krank, da bleiben Krisen, körperlicher und geistiger Natur nicht aus, da überfällt uns Müdigkeit und Gleichgiltigkeit und was das schlimmste ist, oftmals dumpfe Verzweiflung. Doch der innere Kern ist noch gesund. Er wird den Karfreitag überwinden, er wird über die Fieberschauer hinwegkommen, die den ganzen Volkskörper durchrasen, er wird sich wieder erholen und frisch und froh und gesund als vollwertiges Glied in der Reihe der Völker dastehen und seine Ausgabe noch besser und gewissenhafter erfüllen, als vorher, weil das Volk, durch Kreuz und Leid geläutert, den Karfreitagsweg gegangen ist und reiner und edler dann vor der Welt steht. Darum Mut und Hoffnung, es wird noch alles, alles besser werden!
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Mrchliche Soge in der ReMitioWstM Eine Tagung -es Obersten Rates in Aussicht genommen.
Das Zentrum im Kampfe für die Reichseinheit.
denen Pläne einer Rüstungspause von zehn Jahren dementiert.
Deutschlands Rolle m Genua.
Der Sonderberichterstatter der Germania schreibt seinem Blatt u. a.:
Der Eröffnungssitzung der europäischen Wirl- schaftskonferenz ist in den späten Abend- und Nachtstunden ein noch viel bewegteres Nachspiel gefolgt, ein beispielloser Sturm auf die auswärtigen Fernsprechverbindungen, eine Hochflut journalistischer Arbeit, wie sie ihresgleichen bisher kaum gehabt hat, denn es dürfte kaum jemals vorgekommen fein, daß eine Konferenz offenen Spielraum für den leidenschaftlichen Wettbewerb von nicht weniger als 700 Journalisten gibt.
Glücklicherweise ist die Konferenz in das ruhigere Fahrwasser der Kommissionsarbeit einge» laufen, in dem sie sich zunächst halten will. Diese Arbeit entbehrt indessen des höchsten Interesses nicht, ja, man kann sagen, daß in ihr geradezu der Schwerpunkt der Konferenz liegen wird, viel mehr als in den großen Paradevorstellungen der Vollsitzungen. Im übrigen hat der erste Kommissionstag gewisse Ereignisse der Eröffnungssitzung bestätigt und verstärkt, insbesondere was die Taktik der russischen und französischen Delegation anbelangt. Tschiffcherin hat auch heute wieder jede Gelegenheit zu kleinen Vorstößen benutzt, während andererseits Barthou stets auf dem Sprunge steht, um zu verhindern, daß Rußland mit Erfcllg die Rolle des Hechtes im europäischen Karpfenteich spielt.
Daß diese Vorstöße Tschitscherins nicht so bös gemeint sind, als sie scheinen, beweist die Art der väterlichen BesckZvichtigung Lloyd Georges. Sobald George eingreift, ist er höflich und augenscheinlich nicht ganz unbefriedigt über das Bewußtsein, seinen Gegenspieler Barthou wieder einmal aus dem Hinterhalt herausgelockt zu haben.
Cs wäre sicherlich verfrüht, heute schon ein Charakterbild der Konferenzarbeit entwerfen zu wollen, aber das kann man wohl sagen, daß Lloyd G e- orge die Rolle des geistigen Leiters der Konferenz, die ihm aus feinen Vaterrechten zusteht, schon fest in die Hand genommen hat, während die formell geschäftliche Leitung bei dem italienischen Ministerpräsidenten offenbar in guten und energischen Händen ruht. Was die Rolle Deutschlands auf der Konferenz anbelangt, so ist sie grundsätzlich nicht auf Sensation eingestellt. Ein Teil der italienischen Presse findet die Rede des Reichskanzlers etwas schwer und derb, wobei natürfich der Gegensatz zu dem theatralischen Auftreten Barthous und der kraftvollen Vortragsweise Lloyd Georges mitspricht. Man findet jedoch auch in ausländischen Kreisen und besonders im neutralen Lager, vornehmlich auch bei den Amerikanern, volles Verständnis für die Zurückhaltung, die die deutsche Delegation sich auferlegt, und man hört vielfach die Ansicht aussprechen, daß es für Deutschland sehr gut fei, bie tägliche n Z wei- kämpfe den Franzosen und Russen zu überlassen, das Schwergewicht feiner Tätigkeit km gegen auf die sachliche Vertretung seines Standpunktes zu legen und der Logik der Dinge zu vertrauen, die den deutschen Sorgen und Wünschen ein größeres Gewicht geben muh', als selbst der lauteste Phrasenschwall es zu tun vermöchte.______________
Verantwortlich für Den redaktionellen Teil- Dr. I. Kramer- - für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda.
Rotationsdruck u. Verla» der Fuldaer Artiendruckerei in Fulda- Fernsprecher Nr. S. Postscheck»Konto 4051 Frankfurt a. M-
Neben den Verhandlungen in Genua, die jetzt in die Kommissionen verlegt sind, geromnt das Problem der Reparationsforderungen, die von der Pariser Neparationskommission gegen Deutschland geltend gemadjt werden, immer großem Bedeutung. Die ftan- zösische Presse hat gegenüber der deutschen Note, die die neuen Ruparationsforderrmgen zum großen Test abgelehnt hat, die schärfsten Töne angeschlagen. Was jetzt aber die Neparatisnskommissivn, in der bekanntlich der französische Einfluß sehr stark ist, tatsächlich beschlossen hat, ist noch nicht klar zu erkennen. Ein Beschluß scheint jedenfalls in Paris schon gefaßt zu fein. Die „Franks. Ztg." läßt sich über den Inhalt des Beschlusses folgendes melden:
Der Beschluß der Kommission vom 21. März ging bekanntlich dahin, daß der Deutschland für das Jahr 1922 bewilligte Zahlungsaufschub zunächst nur provisorischen Charakter haben soll. Am 31. Mai soll die Reparationskommission in eine Prüfung dessen eintreten, was Deutschland bis dahin getan habe, um den ihm in der Rote vom 21. März auferlegten Bedingungen nachzukommen, und von dem Ergebnis dieser Prüfung die Entscheidung darüber abhängig machen, ob Das Moratorium ausrecht zu erhalten oder zu annullieren fei. Da Deutschland die ihm auferlegten Maßnahmen zur Sanierung des Budgets und zur Durchführung der Kontrolle feiner Finanzgebarung nicht innerhalb der gestellten Frist ausführen zu können erklärt, glaubt die Reparationskommission nicht in der Lage zu sein, schon heute ein Verschulden Deutschlands feststellen zu können, und sie hat demgemäß beschlossen, die Angelegenheit bis zum Ablauf dieser Frist ruhen 3u taffen, vorausgesetzt, daß Deutschland die in diesem Zeitraum fälligen beiden Raten von 18 Millionen am 15. April und 50 Millionen am 15. Mai pünktlich entrichtet.
Das Frankfurter Blatt erklärt diese Verschiebung der Entscheidung, hinter der bekanntlich neue Sanktionen! stehen formen, mit der Befürchtung Frank- reich«, daß die für Verhängung von Scmktion-en not- wendige Anrufung des Dterften Rates die ganze An- gelegenhelt möglicherlveise vor das Forum in Gorma führen würde. Das will aber Frankreich vermeiden.
, Havas weiß über dem Beschluß der Repara-tionskom- Mission zu melden, „daß sich irie Reparationskommission grundsätzlich dahin geeinigt habe, demnächst eine neue Note an die deutsche Regierung abzuschich-n. Der Text derselben steht noch nicht endgültig fest. Die Kommission soll Donnerstag abermals zusammen- treten. Es bestätigt sich, daß sie auf ihrer früheren Entscheidung bestehen bleiben will. Deutschland wird sich daher verpflichtet sehen, an den vorgefchriebenen Terminen, nämlich am 15. April und 15. Mai die Zahlungen zu fetften, die von ihm verlemgt worden sind. Diese betragen bekmmLich für den ersten Termin etwas über 18 Millionen und für den zweiten 50 Mitt. GoDmark."
Zusammentritt -es Obersten Rates.
.. .'Nachrichten aus Genua, die in London veröffentlicht werden, melden, es sei möglich, daß der Oberste Rat noch vor Ende des Monats in Genua ,3ufammentrete. Seine (Einberufung soll durch die Frage der deutschen Reparationen und durch die Ablehnung der Bedingungen der Re- parationskommiffion durch die deutsche Regierung veranlaßt fein.
Nach einer Haoasmeldung aus Genua hat der englische Schatzkanzler Sir Robert Hörne offiziell die von der Pariser Presse Lloyd George zugeschrie-
:• >- Die fiommiffionsbetalungen.
Der Mittwoch stand im Zeichen der Kommis» sionsberatungen. Vormittags fand die erste Sitzung der Kommission für Wirt sch aftsfra gen statt, für die als Delegierte Raihenau und Reichswirtschaftsminister Schmidt benannt sind. 9m Verlauf der Sitzung wurde die Bildung von Unterkommis- sionen beschlossen. Am Vormittag trat ferner die Kommission zur Erörterung der Verkehrsan» geleaenheiten zusammen. Die Desprechun- oen führten zur Bildung eines Arbeitsausschusses, der einen Gefchäftsxlan für die Kommission aus- arbeiten soll. Dis für dis Behandlung der rufs fchen Fragen ausgewählte Sachverständigen- kommifsion hielt gleichfalls eine Sitzung ab, an der auch der Reichskanzler und der Reichsminister des Auswärtigen teilnahmen. - /
SM Die MiilrMkW SesAMMr.
Eine Kundgebung des Rheinischen Zentrums.
In K ö l n fand am Mittwoch abend eine große' Zentrumsversammlung statt. Abg. Prof. Dr L a risch e r kam in seiner Rede, die in erster Linie den Schulfragen galt, auf Pläne zu sprechen, wodurch man dem Deutschen Reich die Erfüllung der Reparationsleistungen dadurch erleichtern wolle, daß die Besatzungstruppen vom Rhein zurückgezogen würden, um dann die ungeheuren Aufwendungen, die deren Unterhalt bisher verursachte, für die Zwecke der Reparation nutzbar zu machen. Bedingung fei dafür allerdings, daß das Rheinland neutralisiert und unter die militärische und wirtschaftliche Kontrolle Frankreichs gestellt würde. (Hört, hört! Lebh. Bewegung.) Ich weiß nicht, ob solche Absichten wirklich bestehen. Sollte es der Fall sein — wir sind wehrlos! — aber es gibt in jedem Falle etwas, und das möchte ich doch in diesem Augenblicke und in der Metropole des Rhsin- kandes mit allem Freimut und mit allem Nachdruck ausfprcchen: Es gibt etwas im Rheinland, was man nicht neutralisieren kann, und das ift, dis Seele des Rheinlandes! (Stürmischer Beifall, andauerndes Händeklatschen.) Die rheinische Seele ist deutsch und sie bleibt deutsch! (Erneuter stürmischer Beifall.) Auf Vorschlag des Vorsitzenden wurde eine Entschließung einstimmig . angenommen, worin es heißt:
Die Mitglieder der Kölner Zentrumspartei sind angesichts der andauernden Kritik, der die sog. Er» stillungspolitik ausgesetzt 'ist, Der Ueberzeugung, daß diese im gegenwärtigen Augenblick nicht nur dem Frieden Europas, sondern auch der Zukunft des deutschen Volkes dient. Die Gerüchte über eine NeutralisierungderRheinlande zwingen zu der nachdrücklichen Erklärung: Die Seele des rheinischen Volkes läßt sich nie und nimmer netrtralifieren; das rheinische Bolk war, ist und bleibt deutsch: es ist und bleibt mit dem Deutschen Reich auch in der Zeit der Not und des Elends unauflöslich verbunden. (Stürm, wiederholter Beifall!) Die Versammlung stimmt dem entschiedenen Vorgehen- der Fraktionen, insbesondere dem Abg. Dr. Lauscher für v 0 l l e Gleichberechtigung der Bekenntnisschule n mit den beiden anderen Schulformen, ber. Simultan- und weltlichen Schule, zu. Sie ist sich bewußt, daß die Zentrumspartei und ihre Dcrtrs-. ter kein Jota von dem aufgeben wird, was der christliche Volksteil in der Schulfrage fordern muß, wenn sie sich mit ihren stets vertretenen Grund-' sätzen nicht in Widerstreit setzen will. Die Versammlung hat zu der Zentrumsfraktion das Der- trauen, daß sie alles tut, um d i e Ueberzeu-- gung der christlichen Estern vor einer. Vergewaltigung in der Schulfrage bewahren.
fluf aitenhamMk.
Roman einer Ehe von D. Ern ft berget 16} ----------
6.
Es wollte Winter werden. Kleine weiße Flocken wirbelten durch die Lust und fielen langsam in den schmutzigen Brei der Straße. Graue Wolken hingen schwer und tief am Himmel. Frühmorgens waren die Wasserpfützen alle mit- einer Hellen Decke überzogen um «wf den Dächern lag Reif,
Wenn Lenz mit den Mägden auf das Feld fuhr, um Aüben zu holen, hatte er feine Fausthandschuhe über 6tt Hände gesteckt und die Mütze tief über die Ohren S^ogen. Wenn dann die Mägde den warmen Hauch in erstarrten Hände bliesen und neidisch die warmen ^ausUinge betrachteten, lachte er in Den weißbereisten Schnauzbart hinein. Und doch waren es erst die Oktobertage.
Lenz einmal wieder mit schwerbeladenem Wagen vom Feldx heimwärts fuhr, tarn ihm die Kleinmagd entgegen gelaufen. Sie winkte schon aus der Ferne cuj?erc9t mit beiden Händen, um ihn zu veranlassen, rascher z«
Senj aber sah bas nicht, weil er, die Peitsche wie- gend w Hand haltend, gedankenversunken neben seinen beiden Rappen daherschritt. Er hörte sie av/!' nidjt, weil er feine Mütze über den ganzen Kopf gezo- gen hatte, denn es wehte ein schneidender Ostwind. Erst als die Magd ganz nahe herankam, bemerkte er sie.
-Schnell sollst heimfahr'n! Du mußt gleich zum Doktor sahrn! schrie sie ,hm zu.
■ Lenz stand und riß die Augen auf. „Zum Doktor? 3s was passiert?"
Die Kleinmagd wurde rot und schüttelte verneinend den Licken Kopf. „Schick' Dich doch; es is pressant!" Mahnte sie dringend und etwas leiser fügte sie bei: »De Frau! 's is roeg’n der Frau."
Bevor noch bet Lenz weiter fragen konnte, wandte $ sich um und lief heimwärts. j
Lenz aber knallte lustig mit der Peitsche und trieb die Pferde an.
„Vorwärts, Rappen! Sßenn’s a Bub is, gibt's als Kerzendreier vom best'n Hafer heui'l" sagte er gut ge- (aunt.
Als er heim kam, stand die Kutsche schon im Hof. Der Herr selbst half ihm die Pferde ausspannen, daß es vorwärts ging, und als Lenz bessere Kleider anziehen wollte, ließ er ihm dazu keine Zeit.
In dieser Nacht wurde Altenhammer ein Stamm. Halter geboren.
Dann folgten aufregende Tage. Stines Leben hing an einem Faden. An ihrem Bett sah der Schulzen- bauer. Er schien um Jahre gealtert. Wenn Stine in Fieberreden alles laut hinaus schrie, was sie bis jetzt ängstlich verborgen im Herzen getragen hatte, dann lauschte er auf jedes Wort. Aufgeregt flackerten feine Augen unter den buschigen Brauen, und die Hände ballten sich.
Wenn dann die Base kam und ihn zum Fortgehen bewegen wollte, wehrte er kurz ab und in seiner Stimme lag ein tiefes Grollen: „Ich bleibe bei meinem Kind!"
Scheu und still schlich Stines Gatte durch das Haus. Wenn die beiden Männer am Krankenbett zusammentrafen, sprach keiner ein Wort und als einmal der junge Gatte seine Hand auf die heiße Stirne der Kranken (egte, sprang der Schulzenbauer auf und riß ihn zurück.
Dann kam der Tag, an dem Stine ihren Vater wie- dererkannte, und der Arzt erklärte, die Lebensgefahr sei vorüber. Seit vielen Tagen hörte man da zum erster Male wieder im Haus lautes Sprechen.
Die Base kniete in ihrer Kammer und faltete die Hände zu einem Dankgebet. Neben ihr stand die Wieg, des Neugebornen. sie beugte sich glücklich lächelnd über den schalenden Kleinen und dachten Nun wird alles gut werden! Dies kleine Wesen wird die Gatten einen- der wieder zuführen und auch den Großvater versöhnen. Auch sie war bis jetzt dem Schulzenbauern gegenüber besangen gewesen, weil sie gefühlt hatte, daß ein Teil des Grolls gegen den Schwieaeriohn auch auf fie und auf alle im Haus überging.
Der Schulzenbauer aber blieb unverändert. Kein Blick und keine Miene verriet, welche Gedanken sich hin. ter dieser breiten, eckigen Stirne bargen. Nur wenn er sich mit Stine unterbietet, bekam seine Stimme milden Klang und sein Gesicht weichere Linien. Schlief aber Stine, dann wurden seine Züge wieder hart und finster. . . .
Stundenlang konnte der Schulzenbauer bann neben der Schlummernden sitzen. Immer wieder dachte er: Wäre es nicht besser gewesen, sie märe nicht mehr erwacht?! Der Gedanke, daß er sein Kind hier lassen mutzte, wo vielleicht bald wieder erneut Kränkungen und Enttäuschungen ihrer warteten, war ihm bitterer, als wenn er fie durch den Tod verloren hatte.
Wenn er sie wieder heim holte? Sein Stolz würde der Baterliebe das Opfer bringen, aber war es dann besser? War nicht auch dann das Leben seines Kin- de- verpfuscht? Sollte das seine erste Handlung für den Enkelsohn sein, daß er ihm den Baler nahm?
Solche Gedanken zermarterten sein Gehirn. Dazu gesellte sich noch der Vorwurf. Du hast Dir all' das selbst bereitet! Nicht Gott, nicht das Schicksal hat Dir die Last auf die Schultern gelegt — Dein Hochmut hat es getan! Wer aber sich das im Unglück sagen muß, der trägt doppelt schwer.
Als Stine einige Stunden untertags wieder auf fein konnte, dachte der Schulzenbauer daran, heimzugehen. Borher sollte noch die Taufe des Erstgeborenen ftattfin- den, der Großvater sollte Pate fein. Stine zu lieb hatte er seinen Groll gegen den Schwiegersohn soweit nieder- gekämpft, daß seine Abneigung wenigstens nicht mehr so schroff und auffallend zutage trat. Was half es auch? Wollte er Stines Leben nicht noch unglücklicher machen, dann mußte er sich bezwingen. Oft, wenn feinem Munde ein heftiges Wort gegen den Schwiegersohn entfahren wollte, biß er die Zähne übereinander, und dar Feindselige und Verbitterte, bas immer wieder im Herzen emporstieg, fand den Weg nicht nach außen.
Nach Reichmannsdorf war Christian feit der Geburt des Kindes nicht mehr gekommen.
Die Totengräber-Kettl ging alle Wend zum Rofen- wirt und holle sich einen SLovven Pier, nur um zu.
erfahren, wann die Taufe in Altenhammer ftattfinde. Aber weder der Rosenwirt noch die schwarze Kathrin wußten ihr eine Antwort zu geben. Da würbe der Kettl bas ewige Bierholen zu teuer. Schnurstraks gingj sie selbst nach Altenhammer, um sich bei ber Safe in der Küche Auskunft zu holen.
3m Hof stand die Kleinmagb und fuhr mit einem- Besen in einem Kübel Wasser umher, um Rüben zu waschen.
Auf die ging Kettl zu und fragte, was fie wissen wollte.
Die KlÄnmagd hatte den Mund so voll, daß fie im Augenblick nichts reden konnte, sie zeigte nur mit der Hand auf die geöffnete Scheuer hin. Da stand frisch geputzt die Kutsche, und am Bocksitz die bändergeschmückte Peitsche. Von der Küche her kam ein süßer Duft von gebackenem Kuchen und heißem Schmalz.
Die Kleinmagd würgte den Dissen hinunter und ließ den Besen in den Kübel fallen, daß das Wasser hoch aufspritzte. Dann holte fie aus ihrer Tasche ein Stück Kuchen hervor. Bevor sie wieder hineinbiß, sagte fie schnell zur Kettl:
„Morg'n nochmittog is Tauf und ber Schulz'nbauer, is Pat!" >
Kettl folgte dem Duft, ber aus ber Küche kam, wie die Motte dem Licht, bis sie in der Küche neben der Base stand, und sagte soviel Segenswünsche für den kleinen Stammeserben her, daß die Vase weich wurde.! Sie wies der Kettl einen Platz auf ber Holzkiste an,! stellte einen Kaffeehafen vor sie hin unb legte ein große» Stück Kuchen bazu.
Die Augen des Weibleins funkelten vor Freude, al» fie gierig in den Kuchen biß. „So a Kind bringt viel fertig in aner Eh'", sagte sie, während ihr dürrer Fin- ger behutsam alle Brosamen zusammentupfte, die vom Kuchen auf die Holzriste fielen. „Die klan Singer bringen erscht des richtig Glück ins Haus."
Die Vase nickte. Das härte sie gern. Sie hatte die» auch schon immer gehofft und gedacht. Freundlich schob fie der Ketll noch ein zweites Stück Kuchen hin. „Steck'» in die Lafch'n, wenn Du's nimmer eff'n kannst."
Gortsetzuug folgt)