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Fuldaer Zeitung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stabt Fulda.

Nr. 79.

tierantroortlid) für den reüauionellsn Teil- Dr. I. Kramer» 2 für dir Sinnigen: I. Parzeller-Fuida. s Rotationsdruck n. Verlag der Fuldaer Actiendruckerel in Fulda, tfernivrecher Nr. 0. Postickeck - Konto 4051 Frankfurt a. M-

Mittwoch, 5. Sprit 1922»

Bezugspreis: Monatlich 10.00 2RL zuqeltekll frei ins Haus.

= Abgehott in der Gefchäftsst-lle 8.50 AN. :: Anzeigen: Kleinzeile nachCo'onel 1.20AN.; auswärts27Nk. Reklamezeilr (Tertvreite> nach Colone'maß 6 Akark.

49. Zahrg

Zrewenker", bei Licht besehen.

Sur Ämon-Versammlung in Zulda.

Don hochgeschätzter Seit« wird uns geschrieben:

Zum erstenmal hat sich am vorigen Donnerstag Oos ortsansässige Freidenkertum in der Donifatius- stadt an die Oeffentlichkeit gewagt. Zur Ehre der Fuldaer Bürgerschaft mich gesagt werden: seine Bekenner sind einige wenige Leute von auswärts: Sachsen, Thüringer, Brandenburger, meist Ange­hörige der U. S. P. Der Stadtsaal, eine Zierde Fuldas, ist ehedem erbaut worden zur Pflege edler Gsisteskultur, vor allem der schönen Künste: er soll der gemeinsamen Fördenmg der hohen vaterländischen, der religiösen und sittlichen Güter der Gemeinde und der gesamten Gesellschaft dienen. Dieses Mal mußte er herhalten zu einer herausfordernden, die Gemüter der Katholiken schwer verletzenden Propaganda für Kirchenaus- tritt, Unglauben und gemeinschädliche Gottlosigkeit. Wie das im katholischen Fulda möglich und erlaubt gewesen, wird von sehr vielen in Stadt und Land nicht verstanden!

Nicht um sachliche Aufklärung, nicht um Volks­bildung, nicht um Rettungsarbeit in gemeinsamer Not des Vaterlandes war es den Genossen von der äußersten Linken zu tun; Sensation war beab­sichtigt, ein Schlag ins Angesicht der gehaßten Geistlichkeit! In dreistündiger Rede hat Hans Amon aus Unterfranken feine schwer begreifliche Entwickelung vom Franziskaner zum Freigeist ge­schildert. Wie schon an anderer Stelle berichtet wurde, hat der Dauerredner seine Zuhörer über die eigentlichen Gründe seines durch päpstliche Dispens einigermaßen gerechtfertigten Austrittes aus dem Orden und erst recht dis Gründe seines späteren Abfalles von Priesterstand und Kirche völlig im Unklaren gelassen. Seine ehemaligen Ordensobern und das bischöfliche Ordinariat in Bamberg könn­ten seine Entwickelung zum praktischen Freidenker­tum viel deutlicher und wahrheitsgemäßer zeichnen. Vielleicht hat Hans Amon einen treibenden Fak- tor seines Abfalls angedeutct, als er so ergriffen von der Sturm- und Drangperiode der zwanziger Jahre sprach. Von solchen Umwandlungen berich­ten uns immer einmal auch die katholischen Toges- blättsr, erzählt uns bereits die Bibel; davon ist die Kirchengefchichte voll. Wie oftmals Wahrheits­freunde eine ganz entgegengesetzte Ent­wickelung nehmen, kann Hans Amon ersehen aus dem ihm nicht unbekannten Buch des vielgenann­ten und hochgeschätzten P. Expedit Schmidt: Vom Lutheraner zum Franziskaner. Konver­titenbriefe." (Zweite Auslage, Landshut 1916.) Da siihrt die Entwickelung unter jahrelangem, opfer­vollem Ringen nach sicherer Wahrheitserkenntnis und sittlicher Läuterung zu lichtvollen Höhen. Hans Amon war ehedem Ordensmann und Prie­ster; nunmehr schmäht er, was er früher, aufs höchste verehrt, und lästert, was er früher jahre­lang angebetet. Mit Wehmut und Schmerz er­füllt, fragt sich der fromme Gläubige: Wie ist so etwas möglich? Im Seelenleben einzelner Men­schen gibt es ungelöste Rätsel. Vor einem solchen stehen auch wir in diesem Falle. Wir mußten sei­nen Entwickelungsgang, sein Privatleben genauer kennen, um seinen Sturz von idealen Höhen in schauerliche Tiefen zu verstehen.

Der Schleier des Geheimnisses wird ein wenig gelüftet durch einen Blick in die Werkstatt seines Geistes, der sich bei seinem öffentlichen Reden und Werben für das Freidenkertum wie von selbst offenbart. Da sieht man Oede und Verwirrung,

Äuf MtenhawMr.

Roman einer Ehe von D. Ern st berger.

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Am nächsten Morgen fehlte der Herr beim Frühstück. Erst gegen Mittag stand er auf und machte sich im Hof zu schaffen. Er vermied es, in die Stube zu gehen. Auch Stine hielt sich dort nicht länger auf, als sie mußte. Die Base hing die unberührte Kaffeetasse des Herrn wieder an ihren Platz in der Küche.

Der Herr is g'wiß krank?" frug sie über die Schul­ter hinüber Stine, die schweigend am Herd herum- Santierte.

Stine schob die schweren Töpfe hin und her.Nein", o"n»vrtete sie bloß.

»stot's denn in Reichmannsdorf so lang dauert, daß «r noch net ausg'schlafen hat?" frug die Base weiter.

3a."

drehte sich die Base aber doch um. Es fiel ihr M e^* 1 * * * * * * * ?uf, wie krank Stine aussähe. So bleich, und lagen dunkle Ringe. Um Jahre schien sie uver stacht gealtert.

Leg'n Sie sich noch a bißle in Ihr Bett, Frau. Sie

" aWWafn. Ich b'sorg die Arbeit scha m 6er Sud) n , meinte sie gutmütig.

£a fal; sie, wie ein Tropfen aus Stines Sucen auf 2l7bell'M weiter."' @ie fa8te n,d)ts m^r unb tQt & _ ,be" ?eR$ in den Pferdestall gehen sah, ließ sie ihre Arbeit legen und ging zum Lenz. Der fütterte ferne Pferde. Er hatte einen Strohhalm im Munde und Pfiff leise vor sich hm.

Die Base lehnte sich an die Futterkiste. Lenz, was war gestern mit unserer Herrschaft?"

Lenz ließ den Strohhalm in den Futtertrog fallen. »5ter, sagte er gleichmütig und fütterte weiter.

»Warum steht der Herr aber dann so lang net auf9"

»Weil er an Rausch g'habt hat."

Desweg'n! Sonst is der bentroegn net liegn blib'n. Die Frau is doch a scho auf und arbeit", fuhr sie fort, Is sie keine Antwort erhielt

ein wüstes Durcheinander der Gedanken und in der Seele ein Kochen und Brodeln von unheim­lichen, zum Teil schon verbrauchten Kräften. Sein Reden und Handeln ist voller Widersprüche. Er beteuert überall, seinem Orden bis ans Lebens­ende zum größten Danke verpflichtet zu sein; er schmäht aber den Orden, indem er sich in weitester Oeffentlichkeit mit seiner Freigeisterei brüstet und die ehemalige Zugehörigkeit zum Orden benutzt, um für das liebe Ich, das er in den Vordergrund seines Redens stellt, Reklame zu machen. Er be- kämpft die Kirche und ihrePfaffen" durch Wort und Schrift. Immer aber klingts durch feine Re­den:Genossen, unterschätzt nicht die Macht der katholischen Kirche! Sie ist nicht unterzukriegen! Sie wird nie untergehen! In ihr herrschen ein Gehorsam und eine Disziplin, die nicht zu über­wältigen sind."

Amon rühm! sich der gediegenen zeitgemäßen w i s s e n s ch a f t lichen A u s b i l d u ng, die der Orden seinen Mitgliedern zuteil werden lasse. In­des läßt er allzusehr die Früchte solcher Geistesbil­dung vermissen. Ganz nach Art und Gepflogen- heit der Freidenker verspricht er auf großen Pla­katenBefreiung von Dibelglauben und Dogmen­zwang durch Wissenschaft und Wahrheit", wagt aber nie und nirgends auch einen ernsthaften Ver­such, seine Leitsätze wissenschaftlich zu rechtfertigen. Tritt ihm in der Diskussion ein Gelehrter oder Denker entgegen, so verfehlt er nicht zu versichern, er sei kein Gelehrter und auch kein Wissenschaftler. So sah er sich Ende vorigen Jahres bei einer gro­ßen Deffammlung in der Tonhalle in Düssel­dorf seinem Lehrer P. Dr. Heribert Holzapfel, einem namhaften Gelehrten und erfolgreichen Apo­logeten des Münchener Franziskanerklosters, ge­genübergestellt. Wie zuvor im großen Saal de» Hofbräuhauses in München richtete dort P. H. Holzapfel an Amon die Aufforderung:Ich fordere den Herrn Amon auf, ein wissenschaftlich feststehendes Resultat namhaft zu machen, das mit einer Glaubenswahrhsit der katholischen Kirchs im Widerspruch steht. Falls Herr Amon ein solches beibringt, werde ick ihm folgen und werde selbst Freigeist." Auch hier mußte er bestätigen, was er in München beschämt hatte ein gestehen müssen: Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, daß ich hier einen Satz der Wissenschaft beibringe, wie ihn P. Holzapfel verlangt." Damals trat auch ein junger Quickborner mit der ganzen Begeiste­rung seiner Iugendsichkeit Amon entgegen. (Ber­gische Post 7. Nov. 1921.)

Hans Amon erweckt bei seinen Vorträgen den Eindruck eines an der Seele kranken Menschen,

in dessen Hirn sich die Gedanken drängen und ja­gen, und immer wieder überstürzen, dessen Nerven bis aufs äußerste angespannt und erregt, wenn nicht größtenteils erschöpft sind. Jahrelang stand er wegen Stirnhöhlen- und Gehirnhautentzündung in, ärztlicher Behandlung, worunter auch seine theologischen Studien zu leiden hatten. Es sind das Krankheitserscheinungen, die Leib und Seele, Verstand und Willen <ftg schädigen können. Stö­rung des Nervensystems mag als Mitursache es begreiflich machen, wie Amon als Kaplan in Forch­heim (bei Bamberg) feine katholischen Arbeiter so ganz im Sinne des ra d i k a l en Kommunismus im schroffsten Widerspruch mit seinen nächsten und höheren kirchlichen Vorgesetzten bearbeiten und die ganze Gemeinde in heillose Verwirrung bringen tonnte. Ms er 1913 zwei Tage nach der Feier des Weißen Sonntag urplötzlich wie ein Flüchtling

Die is a viel eher harn."

Da trat die Base von der Futterkiste weg und stellte sich ganz nah neben den Lenz hm

Net mitenanber, Lenz?"

Nal"

Warum denn?"

Es is ihr schleckst ward'»."

Und der Herr?"

Der is dort blieb« und hat mit tret ,t .'n Kathrin tanzt!"

Es zuckte in dem faltigen Gesicht der Alten. Jetzt wußte sie sich alles zu deuten.

Die schwarz' Kathrin sollt sich schämen, mit verhei­rate Männer, so rum zu scharwenzeln!" fuhr Lenz fort und der Ros'nwirt sollt' des ebn von der Kathrin net ieibn. Als ob's net Ledige a gäbl"

Zum Beispiel Dich, Lenz, net? Die Gänsmagd war unter die Türe getreten. Sie halle gehorcht.

Sa eine wie Dich und die Kathrin möcht' ich aber net, Ihr seid mir zu frech!" Und Lenz spuckte auf den Boden.

Geh' an die Arbeit. Fratz, nas'nwesser!" rief die Base streng.Und wennft noch amal horchst, sag' ich's der Herrschaft. Der Horcher an der Wand, hört sei eigne Schänd, heißt'?!"

Sie band ihre Schürze fester und wandte sich zum Gehen. Sie wußte, was sie wissen wollte.

2s die Kathrin net, is a andere! dachte sie. Eine mutz der Christian hab'n. Treu is er faner.

Als sie in den Hausplatz trat, kam der Herr gerade aus feinem Schlafzimmer heraus. Sie tat als sähe sie ihn nicht und ging rasch in die Küche.Die Manns­bilder sin net wert, daß ma sie grüßt", brummte sie vor sich hin.

Noch stiller wie sonst verflossen die nächsten Tage auf Allenhammer. Schweigend ging eins am andern | vorbei. Und saß man bei Tisch, so unterhielt man sich über häusliche Arbeiten oder über das Wetter. Der j Kathrinenobend wurde weder von Stine noch von ihrem Gatten erwähnt.

Die erste Zell blieb der junge Gatte mehr daheim. Nach tfictmannsborf ging er überhaupt nichi. Nach eim-

Amt und Stellung auf immer verließ, mußt« er nach eigenen Worten in Nürnberg Ruhe suchen für seins aufgepeitschten Nerven.

Em Geständnis, das für die Beurteilung feines Geisteszustandes von großer Bedeutung ist, fegte Hans Amon im November v. I. bei demselben Vortrag in Düsseldorf ab, daß er schon mehr als cinmol vor dem Selbstmord gestanden habe (vergl. Düsseldorfer Ta- Gblott, 1921, Nr. 578). Der Selbstmord gilt als phy- ssscher und moralischer Bankrott eta mit sich selbst zer- Menen Menschen. Wer vor einer großen Volksver­sammlung bekennt, er habe wiederholt an Sckbstmord g^acht', der darf wohl als nicht ganz normal gelten, der zeigt, daß seine Geisteskräfte das Meichgeroich ver- loren haben. Die Psychologie und Medizin sind ge­neigt, Selbstmordgedanken mit Zwangsvorstellungen und dfese wiederum mit Störungen im Nervensystem m ursächlichen Zusammenhang zu bringen.

So können wi nicht anders, als herzliches Mit- leid empfinden für einen Menfchen, der vom widrigen Schicksal schwer betroffen, wie vom Fieberwahn erhitzt vor Tausenden in Düsseldorf erklärt:Ich bin ein Revolutionär, der die Geister nicht zur Ruhe kommen lassen will." Es mag sein, daß die LsidettschaMchkoit, von denen Amons Vortrag durchglüht ist, sich herleitet aus der impulsiven Art, mit welcher die Abtrünnigen ihren Leöensgong, ihren Abfall zu rechtfertigen suchen. Ob vulkanische Mächte eines bis in die Tiefe revoltierenden Gewissens, das durch BeifaLskundgebungen einer urteilslosen Masse sich be­täuben will, hier in Tätigkeit treten, wollen mir nicht beurteilen. Psychologisch roäre das zu verstehen.

Eines noch darf nicht übersehen werden. Hans Amon ist rednerisch veranlagt. Deutsche Literatur war sein Liebiingsstudium. Er versteht es, zu den Massen zu sprechen und sie zu fesseln. Auch muß man ihm nach­sagen, daß er ein Herz hat für die Arbeiter und Armen. Er hat weiter keine Lebensstellung, die ihm Unter- halt sichert. Er sicht im Solde dos Zentralverbandes der deutschen proletarischen Freidenker, einer Abzwei- Mmg des deutschen Freidenkerbundes. Don ihm erhält er fein Arbeitsprogramm, seinen Redestoff, fern Beweis, material. Das Freidenkertum arbeitet allerorts für die Kirchenaustrittsbewegung. Vor mir liegt ein Flugblatt. Da heißt es in großer fetter Druckschrift: Klassengenossen! Ktassengenossimren! Heraus aus der Kirche! Heraus mit den Kindern aus dem Religionsunterricht und hinein in den Zentrcckomband der proletarischen Freidenker Deutschlands, die Kultur- otgmchation der deutschen Arbeiterschaft, die alle chr- lichen und überzeugten Anhänger des Sozialismus und Kommunismus zusammenfaßt, zum Stampf gegen die Kirche 1"

Gegen die Kirche richtet das Freidenkertum feine yanze Stoßkraft. Den Arbeitormassen möchte es dfe Urber-rugung beibrmgen, daß alles Hebet, worunter sie leiden, alle schlechten Gesetze, durch die sie angeblich mcdergehalten werben, alle Mißbräuche, deren Opfer sie sind, Herkommen von 5er Unterwerfung der Mas. fen unter die Kirche, die mächtigste Stütze der Rek­tion. Papst, Bischöfe, Priester und Ordensleute wer- den von ihm siruntergonssen als Volksverdmmner, Volksfeinde und sittlich nicht einwandfreie Personen, welche die Religion nur als Vorwand benützen, um die Massen zu knebeln und zu entrechten. Mitunter artet dm Haß und die Verlmimdungssucht gegen die katholische Kirche in Ausbrüche des wildesten und rohe­sten Fanatismus aus.

Ein Brandmal, das die Eigenart des Freidenkertum» Heer m Fulda schon bei seiner ersten Btranstaftung kenn­zeichnet, ist die Unwissen schaftlichkeit. Es fühlt sich, wie schon sein Name ändertet, firi von den Gesetzen des Denkens, von der Beweiskraft der Tot- sachen. frei von aller Autorität und Ueberlieferung. Die Sprecher mch Schreiber des Freidenkertumssind viel rodend: und viel schreibende Wiederverkäufer recht abgelagerter, recht verschossener Waren, nicht Leute, die

gen Wochen schien der Friede zwischen Ehegatten wie- der hergestellt.

Das Weihnachtsfest kam heran. Stine hatte jetzt allerhand Heimlichkeiten.

Als einmal die Base in der Nacht aufwachte und Lichtschimmer im Wohnzimmer sah, stand sie auf und ging hinunter in die Stube, weil sie glaubte, man hätte vergessen, die Lampe auszulöschen. Bon der Küche aus könnt- man durch ein kleines Fensterchen in die Stube sehen. Da sah sie die junge Frau über eine Schachtel gebeugt. 3n der einen Hand hielt sie die Schere, die andere hielt ein Stück weißen Stoff, auf dem Tisch lagen Hemdchen und Jäckchen. Ein Häubchen lag da. neben; Stine hatte es ihr einmal gezeigt und gesagt, das wäre ihr.Taufhäubchen gewesen.

In den Augen blitzte es freudig auf. Wenn er erst einen Sohn hat, wird er anders werden! dachte sie und schlich sich wieder zurück in ihre Kammer und betete um den kommenden Stammhalter auf Altenhammer.

Zum ersten Male seit langen Jahren brannte der Christbaum wieder auf Attenhammer. Zum ersten Male schirrte Lenz in der Christnacht wieder seinen Schlitten zur Fahrt in die Mette.

1 Er tat es gern. Schon der neuen, pelzgefütterten

Fausthandschuhe wegen, die für ihn unter dem Christ-

bäum gelegen waren.

Das war eine andere Fahrt, wie die zum Kathrinen-

tanz. Mit glänzenden Augen fuhr Stine an der Seite

ihres Gatten dahin, als durch die stille Nacht der Ruf' zur Mette tönte. Sie fühlte nicht die Kälte der eisigen Nacht, sie sah auch nicht die vermummten Gestalten mit Laternen, die dem Goiteshause zusttebten sie wußte nur, daß sie glücklich war.

Am nädtften Tag sollte sie zum ersten Male ihre Heimat wieder sehen. Sie wollte mit ihrem Gatten dem Later Weihnachtswünsche bringen.

Es glänzte feucht in ihren Augen, als es talwärts ßtng und der spitze Kirchturm und die schneebedeckten Dächer ihres Heimatdörfchens sich ar wurden. Lenz knallte und die Glöcklein der Pferde läuteten; luftig ging es den Berg hinab.

Neugierig schauten überall Köpfe zum Fenster her- ctit», als der Schlitten durchs Dorf fuhr. Die auf der

zu einem sekbstäMgen wissenschaftlichen Urteil besängt wären". Was ein Güstesmann des Ruhrgebietes vo» Jahren als Antwort auf die Einladung zu einer Frei« tenkerverfammlung schrieb, könnte man auch unter deft Vortragsabend im Stadtsaal und die Einladung test Dorsitzenden zum Eintritt in den Fraidenkerbund setze« Echte und tiefe Wissenschaft auf gründ einörmgentei. und umfassender Sachkenntnis habe ich beim Freiten« kertum nirgends gefunben, wohl aber, daß man sich in tem seichtesten Geschwätz und den haLlosesten Matz. chen gefällt."

2kr schmähliche Hereinfall wird das hiesige profee torische Freidenkertum nicht abhÄten, seine Spreng* stoffe zu neuen Angriffen ähnlicher Art bereit zu halten,

Drum, Glaubensgenossen, scht Euch vor!

Genua.

Sie Reise des Reichskanzlers.

Der Reichskanzler wird Mittwoch abend 8 erst» verlassen, um sich nach einem kurzen Aufenthalt i« Frankfurt a. M., wo er die Messe zu besuchen gt< denkt, und in Freiburg, nach Genua zu begebe» Am EamSkag wird die deutsche Delegation unter Führung des Ministers des Auswärtigen .Rathenau* nach Genua reisen, wo am 10. April die Tagung eröffnet werden soll.

Gitt parlamentarischer Erfolg Lloyd George».

Im englischen Unterhaus hielt Ministerpräsid« Lloyd George eine programmatische Red« über sei» Programm für Genua. Er vertrat den Standpunk, daß die Reparationsfrage in Genua nicht aufgerollt werden könne. Diese Frage wüßte viel­mehr der durch den Friedensvertrag geschaffene» elastischen Maschinerie überlassen werden. Es würde nicht fair sein, von Frankreich zu verlangen, sei» Recht auf Reparationen dem Urteil einer Konfereriß zu unterbreiten, auf der Deutschland, Oesterreich, Ungarn, Rußland und die neutralen Länder ver­treten seien.

Lloyd Georgs schloß, « s6 ter Ansicht, daß Eng- ein gemäßigte» Verfahren Vorschlägen solle. Mr tun unser Bestes, um in Gemeinschaft mit Frank, reich zu wirken, mit dem wir vier ober fünf Kriegs» jah« Schulter an Schulter gestanden haben. Wir haben bis jetzt unser Bestes getan, um nut Frankreich t» Archem Schritt zu gehen. Bei der Behandlung Ruß­lands Hecken wir alle vernünftigen Bedenken gegen« über den Leuten, die alle Gefühle vettetzt haben, in Betracht gezogen. Wir wollen jedoch rechtzeitig weife» fein. Wir schlagen diese Maßnahmen vor, da wir sich- len, daß das englische Volk dies fordert, daß Livopq dies braucht und daß die Wöll danach schreit!"

Die Ausführungen fanden kaum Wstorspruch.

Verttaueaskutrdgcbvng m ter französische» Sammer.

Die Pariser Kammertevatte über die Interpellationen zur auswärttgen PoLittk der Regierung wurde beentet. Der Tagesordnung Erlich wurde mit 484 gegen 78 Stimmen di» Priorität zuerkannt. Diese Tages­ordnung lautet:Die Kammer billigt die Erklä­rungen der Regierung. Si« vertraut darauf, daß dis Regierung auf der Konferenz von Genua dte Rechte und Interessen Frankreichs wahrt unter den Sebtngu». gen unb mit Hilfe der Garantien, die im Memo­randum der französischen Regierung vorgesehen sind. Dir Kammer lehnt jeden Zusatz ab und geht zur Tages­ordnung über." Die Tagesordnung wird ange­nommen.

Straße standen, blieben stehen und guckten dem noble» Schlitten nach. j

Bis Lenz mit seinen Rappen im Schulzenhof einbog, ging die Kunde von Haus zu Haus:Die Stine t» kommen!" Wie sic aussah? Was sie anhatte? Ob ffe allein kam? |

Auch die Luinpeiikundl hatte es gehört. Sie ahnte» Jetzt mar für sie die Zeit, wo ihre Rosen blühten. Lang» sam und bedächttg humpelte sie durch den Schnee yint Schulzenhof.

Bevor sie ihn erreicht hatte, war sie so müte, daß sie sich auf die Bodentreppe setzen mußte und weil es da recht kalt mar, erlaubte man ihr in der Küche ein Plötz» chen, wo sie sich wärmen konnte. Fröstelnd saß sie zu» sammengekauert in einem dunklen Winkel. Nieman» achtete auf sie. Nur wenn die Türe zur Stube ausging, huschte die Kleinmagd in den Winkel und stellte sich neben die Runbl, weil man von dort aus das ganze Wohnzimmer überblicken konnte. '

Am altmodischen Tisch, mit der Fußstange ringsum, saß Stine zwischen Vater und Satten. Wie liebkosend glitten ihre Blicke über die alten geliebten Möbelstücke. Zum ersten Male, feit sie denken konnte, fehlte der Christ, bäum in der Ecke. Auf den Bildern an der Wand lag eine weiße Schicht. Stine fuhr mit dem Finger darüber hin; cs war Staub.

Auch der Bater schien ihr verändert. Er hatte sonst viel auf sein Aeußeres gesehen, jetzt hing feine Kleidung nachlässig an ihm, der Halskragen war gelb und be­schmutzt, und die Hönde waren nicht mehr so gepflegt wie früher. Stine tarn es vor, als märe er auch viel ernster und nachdenklicher wie sonst.

Es rourbc ihr bang ums Herz. Sie stand auf und ging hinaus. Wedelnd sprang der Hofhund an ihr empor, leckte ihre Hände und ließ sich nicht abmehren. Sie neigte sich tief über bas treue Tier.

Was ist's denn mit meinem Vater, Michel?" frug sie den Knecht, der schon viele Jahre auf dem Schulzen- Hof mellte.

Der legte die Hand an bas stoppelige Rinn und sah sie ernst an.Die Jungfer Stine fehlt ihm hall."

.(Fortjetzung folgt. 1